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Ar. 294.

Fuldaer Zerrung (AmMches krelsdlary.

Freitag, oen 20. Dezember 1929

BC Heimak

Fulda, k>en 19 Dezember 1929

Einen Surhessifchen Parteitag veranstaltet die Zentrumspartei im Re­gierungsbezirk Kassel am 2. Januar kommenden Jahres in Fulda. Borstand, Lan­desausschuß und Kreisdelegierte treten zu Sitzun­gen zusammen. Den Bericht über die politische Lage wird voraussichtlich der frühere Reichskanz­ler Dr. Wilhelm Marx erstatten. Auch die andern Zentrumsabgeordneten der verschiedenen Körper­schaften, die zu unserm Bezirk in Beziehung stehen, werden an der Tagung teilnehmen.

Um Lindeiner-Mloau.

Aus Kreisen des Deutschnationalen Arbeiter­bundes des Wahlkreises Hessen-Nassau geht der „Kasseler Post" ein Bericht zu, dem sie folgendes entnimmt: Am 9. Dez. tagte in Kassel die Partei- oertretung der deutschnationalen Bolkspartei, um den Abg. von Lindelner-Wildau wegen seines Aus­tritts aus der Reichstagssraktion der DNVP. zur Verantwortung zu ziehen. Durch die erfolgte Ab­stimmung könnte der Anschein erweckt werden, daß auch die Wähler ihren bisherigen Abgeordneten fallen ließen. Dies trifft jedoch nicht zu. Der Lan­desverband Hessen-Nassau des Deutschnationalen Arbeiterbundes hielt am Sonntag, 15, Dezember, in Marburg eine stark besuchte Bertretertagung ab, zu der fast aus allen Kreisen des 19. Reichs- tagswahlkreises Vertreter erschienen waren. Ein­stimmig wurde dem Abg. Lindeiner-Wildau das voll st e Vertrauen ausgesprochen und auch den übrigen aus der Deutschnationalen Volks­partei ausgetretenen Abgeordneten für ihren mannhaften Schritt gedankt. Aus den Reden der einzelnen Vertreter klang immer wieder das Be­dauern durch, daß von dem Tage ab, wo Hugen- berg die Parteiführung übernahm, die Belange der Deutschnationalen Arbeitnehmerschaft hintan gesetzt wurden. Bei den letzten Wahlen seien tüchtige Ar­beitnehmervertreter aus den öffentlichen Körper­schaften durch die Politik Hugenbergs systematisch herausgedrängt worden. Diese Tatsache sei auch der Schlüssel für den katastrophalen Stimmenrück­gang bei den letzten Wahlen. Jetzt sei die Bahn frei für eine starke konservativ-christ- lich-soziale Volksbewegung. Von al­len Rednern wurde immer wieder betont, daß die Arbeitnehmerschaft fest zu den alten Grundsätzen der Deutschnationalen Volkspartei stehe.

Das Deihnachlshilfswerk 1929

muß abgeschlossen werden. Mit dem Ende der Woche sollen die Gaben verteilt sein. Es stehen dem Hilfswerk etwas mehr als 10 000 Mk. zur Verfügung. Am gestrigen Tage sind noch SO Mark abgeliefert worden. Allen Gebern soll jetzt schon herzlichst Dank abgestattet werden. Jede wei­tere Gabe wird dankbar angenommen, um mit den zur Verfügung stehenden Mitteln recht vielen helfen zu können. Etwaige Gaben sende inan dem Karitassekretariat (Postscheckkonto Nr. 17 603 Frankfurt a. M.).

Don der Schilbeckstiftung

wird in diesen Tagen das Zinserträgnis im Be­trage von tausend Mark an bedürftige FuLaer Bürger und Bürgerinnen verteilt. Die genannte Stiftung, die durch die Inflation sehr gelitten hat, die aber heute doch wieder einen ganz ansehn­lichen Zinsbetrag abwirft, ist eine katholische Stiftung und wird jetzt wieder etwa 70 Per­sonen bezw. Familien eine willkommene Weih­nachtsfreude bereiten. Die Verteilung obiger Summe erfolgt nach vorausgegangener Prüfung 'm Sinne des Stifters durch die Bezirksvorsteher.

OeffenMche Bausparkassen

war das Thema, worüber am gestrigen Abend in einer sehr gut besuchten Versammlung in der Harmonie gesprochen wurde. Landesrat P o p p e von der Landes- treditkaffe Kassel begrüßte die zahlreich Erschienenen insbesondere die Vertreter der hiesigen städtischen Spar­kassen, der Kreissparkasse und der Landesleihbank. Er wies darauf hin, daß sich der Sparsinn in den letzten Jahren wieder bedeutend gehoben habe und erläuterte das individuelle und das Kollektiv-Sparen. Sodann erteilte er Regierungsrat a. D. Dr. Pabst- Frankfurt a. M. das Wort zu seinem Vortrag über: „Oeffent- liche Bausparkassen.

Der Redner legte zunächst die Schwierigkeiten dar, die die Beschaffung der zur Errichtung von Wohnhäusern und besonders von Eigenheimen nötigen Geldmittel ei­nem Bauinteressenten meist macht. Das individuelle An­

sparen des erforderlichen Eigenkapitals bringt erst nach vielen Jahren zum Ziel, während durch kollektives Bausparen, d. h. durch das Zusammenfassen der Bauspargelder vieler Einzelner, schon bald uni) laufend größere Kapitalien entstehen. Sie ermöglichen, den größeren Teil der geplanten Bauten viel früher auszu­führen als bei einem individuellen Bausparen. Der Redner schilderte dann die weite Verbreitung dieses Systems seit vielen Jahrzehnten in England, Amerika unb Australien. Die starke Verbreitung des Eigenheims m diesen Ländern sei zu einem großen Teil dem Wir­ken der dortigen kollektiven Bausparkassen zu verdanken.

In Deutschland habe erst die Wohnungs- und Kapitalnot der Nachkriegszeit kommen müssen, um hier den gleichen Weg einzuschlagen, dem sich jetzt neben zahl­reichen privaten Bousparorganisationen auch die öffent­lichen Sparkassen widmeten. In ganz Deutschland er- richteten sie länder- und provinzweise O e f f e n t l i ch e Bausparkassen und zwar in Angliederung an vorhandene öffentliche Bankanstalten, damst die Schaf­fung eines neuen Verwaltungsapparates vermieden and dem Bausparer durch die Mithaftung der öffentlichen Bankanstalt und ihrer Gcwährsverbände eine ganz be­sondere Sicherheit geboten werde. Für den Regierungs­bezirk Kassel ist diese Oeffenlliche Bausparkasse der Landeskreditkasse angegliedert, für die wie­derum der ganze Bezirksverband mit seinem Vermögen und seiner Steuerkrast haftet, so daß dem Bausparer die denkbar größte Sicherheit gewährleistet ist. Den Un- terbau der Organisation aber bilden überall die ört­lichen öffentlichen Sparkassen, welche die Interessenten beraten, und durch die der Zahlungsver- kehr geht. Durch sie oder die Lcmdcskreditkasse werden die Bausparer auch erste Hypotheken erhalten können, so daß sie meist nur einen Teil ihrer Baukosten durch die Oeffentlrche Bausparkasse finanzieren zu lassen Brauchen, tue bann als Sicherheit nur eine zweite Hyoothek lb's 80 Prozent) verlangt, bie sie aus ben eingezahlten Bau- spargelbern als unkünbbares Tilgungsbarlehen unb zu nur 4 Prozent gewährt.

Rebner schilderte an Hand von Beispielen ben Ab- ichluß unb ben Verlauf eines Bausparvertrages unb insbesonbere bas von privaten Organisationen abwei- chenbe Zuteilungsverfahren unb betonte zum Schlüsse, baß mit bem Bausparvertrag ein Lebensverficherungs- fchutz verbunden sei in der Weise, daß wenn ein Bau­sparer nach Zuteilung der Vertragssumme stirbt, seine Erben d:e ganze Summe zu freier Verfügung erhielten, und, falls dem Bausparer die Vertragssumme schon aus­gezahlt war. von allen weiteren Abzahlungen frei se>en.

An die Ausführungen schloß sich eine Aussprache, in der Landesrat Poppe-Kassel und der Hauptredner des Abends über verschiedene Unklarheiten erschöpfend Aufklänmgen gaben." Sodann schloß Herr O. M i l k e r die Versammlung.

Dos Eisenbahnunglück bei Kerzell.

Am 23. Mai 1929 ist auf dem Bahnhof Kerzell bei Fulda der Fern-D-Zug 5 l eim Einfahren in das Ueberholungsgleis entgleist. Dabei wurden 13 Per­sonen verletzt und es entstand sehr erheblicher Sach­schaden. Nach dem Unfall wurde die Schuld sei-

Fuldas höhere Schulen

Der soeben dem Preußischen Landtag zugegan­gene Haushaltsplan des Preußischen Staates für das Rechnungsjahr 1930 gibt u. a. auch Aus­schluß über die Unterhaltung sowie die Ausgaben­gestaltung der höh wen Schulen. In dem Be­streben, einer möglichst großen Zahl von Begabten die Absolvierung einer höheren Lehranstalt zu er­möglichen, wendet der Preußische Staat heute weit höhere Mittel zur Unterhaltung der höheren Schu­len auf als vor dem Kriege. Der Gesamtzuschuß für das kommende Etatjahr 1930 beläuft sich für das höhere Schulwesen Preußens auf 49,69 Millionen gegenüber 24,31 Mill, im Jahre 1913. Auch im Verhältnis zum Vorjahr ist eine Steige­rung der Zuschüsse um fast eine Million eingetre- ten. — Uns interessieren in dem Etat vor allem die für die höheren Schulen Fuldas eingesetzten Haushaltsvositionen.

Zunächst werden in dem Etat die vom Staate selbst unterhaltenen Schulen in einer umfangrei­chen Uebersicht behandelt. Unter ihnen erscheint

das Gymnasium zu Fulda.

Sein Etat balanciert in Einnahme und Aus­gabe mit 190 200 RM. Den Hauptposten auf der Einnahmeseite bildet der Eesamtzuschuß des Staates in Höhe von 129 900 RM. Aus eigenen Einnahmen werden 60 300 RM. erwartet. Die Ausgaben gliedern sich in Aufwendungen für sach­liche Aufwendungen und Derwaltungskosten in Höhe von 13131 RM. und persönliche Ausgaben int Betrag von 177 069 RM.

In der gleichen Uebersicht findet sich dann

die Deutsche Oberschule (Winfriedschule), deren Etatssumme in Einnahme und Ausgabe mit !

tens der Reichsbahngesellschaft dem Lokomotiv­führer zugeschoben, dem man vorwars, daß er mit zu hoher Geschwindigkeit in das Ueberholungsgleis gefahren sei. Nach eingehender Voruntersuchung ist nunn *)r der beschuldigte Lokomotivführer durch Beschluß der Strafkammer Hanau außer Verfol­gung gesetzt worden, da ihn an dem Unfall kein Verschulden trifft.

Der Temperatursturz.

In der vergangenen Nacht setzte sich der Tem­peratursturz fort. Die Quecksilbersäule sank auf — 6% Grad. Im Schwarzwald und im R i e s e n g e b i r g e ist in den letzten Tagen stac­ker Schneefall eingetreten. Die Schneedecke, die vom Hochgebirge bis ins Tal hinab reicht, hat e.ne durchschnittliche Höhe von 30 cm. Auch die „H o h e Rhön" trägt bereits eine leichte Schneedecke. Lei­der langt es noch nicht, um die Hoffnung der un­geduldigen Skiläufer endlich Wirklichkeit werden zu lassen. _____________

Vergeßt es nichts

Für Weihnachtsgrüße Wohlfahrts­briefmarken der Deutschen Nothilfe! Auch die Bildpostkarte mit eingedruckter 8 Pfg.- Wohlfahrtsbriefmarke und der Schar fröhlicher Kindergesichter ist für Weihnachten wie geschaffen. Denkt daran: Mit dem kleinen Aufschlag könnt auch ihr an dem großen Hiffswerk „Kräftigung der Jugend" mitarbeiten. Die Marken sind bei den bekannten Wohlfahrtsstellen wie auch bei den Post- anstalten zu haben; sie sind für alle Postsendungen nach dem In- und Ausland gültig.

Sonntagsrückfahrkarten an bett Wrihnachtstagen.

Wegen des starken Fernverkehrs an den Weih­nachtstagen können sämtliche S ch n el l z ü g e für die Zeit vom 23. Dezember bis 27. Dezember mit Sonntagsrückfahrkarten nicht benutzt werden. Wer seine Weihnachtsreise also mit einer Sonn­tagsrückfahrkarte ausführen will, die bekanntlich vom 23. Dezember mittags ab zur Hinfahrt gültig ist, muß zur Fahrt die fahrplanmäßigen Eii- oder Personenzüge benutzen.

Lin Geisteskranker,

der aus dem Landeskrankenhaus entwichen war, wurde heute nacht in der Stadt von der Polizei aufgegriffen und der Anstalt zugeführt.

Die Dienststunden des Zollamts I in Fulda

sind am 24. und 27. d. M. auf die Zeit von 8—13 Uhr festgesetzt. Am 25. und 26. d. M. sowie am 1. 1. 1930 bleiben die Diensträume geschlossen. Nur für die Ausgabe ausländischer Postsendungen (Paket- und Briefsendungen) ist die Postzoll-

im Vreutzenelal 1930.

88 200 RM. abschließt. Der Staatszuschuß beläuft sich auf 55 400 RM. Aus eigenen Einnahmen fließen 28 350, aus städtischen 4450 RM. Die Ausgaben erfordern 7 990 RM. für sächliche Zwecke, 80 210 für personelle.

Unter jenen Anstalten, die nicht vom Staate, sondern von einem anderen Schulträger zu unter­halten sind, wird dann

die Oberrealschule zu Fulda

aufgeführt. Die Hauptlast ruht auf den Schultern der Stadt, die 104600 RM. für diese An­stalt aufzubringen hat. Aus eigenen Einnahmen flössen im vergangenen Etatjahr 80 800 RM. Auf der Ausgabenseite sind eingestellt 18 600 RM. für sächliche und 166 799 RM. für personelle Ausgaben.

Im Rahmen der höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend erscheint dann unter der Abtei­lung der vom Staate unterstützten priva­ten höheren Schulen

das Lyzeum der evangelischen Gemeinde zu Fulda.

Es erhält vom Staate einen Zuschuß von 10 497 RM. Der städtische Zuschuß beträgt gleichfalls 10 497 RM. Aus sonstigen Mitteln flössen im vergangenen Etatsjahr 15 656 RM. der Anstalt zu. Eigene Einnahmen sind mit 26 350 RM. an­gegeben. Auf der Ausgabenseite erscheinen als persönliche Ausgaben 50000 RM., für sächliche Ausgaben und Verwaltungskosten 13 030 RM.

Da nach der Angabe unseres Gewährsmannes das Katholische Lyzeum in der Aufzählung nicht erscheint, würde diese Anstalt für 1930 keine staatliche Unterstützung erhalten. Stimmt das?

abfertigungsstelle des Zollamts (Zimmer Nr. 3) am 25. Dezember 1929 in der Zeit von 10—11 Uhr vormittags für den PubNumverkehr geöffnet.

Weihnachtsgcühe nach Amerika.

Die Deutsche Reichspost weist darauf hin, daß Glückwunschtelegramme zum Weihnachtsfest nach Amerika über die Kabelwege bereits bis zum 21. Dezember einschließlich aufgeliefert werden müssen, um rechtzeitig am Weihnachtsfest zugestellt zu werden. Die frühzeitige Auflieferung wird be­gründet mit den Störungen einiger Kabelverbin­dungen durch Erdbeben und der dadurch zum Fest zu erwartenden Ueberlastung der noch betriebst fähigen Kabel.

Kirchliches.

Das Direktorium für das Jahr 1930 ist erschie­nen und kann von Freitag, den 20. ds. Mts., auf unserer Kanzlei abgeholt werden. Das gebundene Exemplar kostet 2 Rm., das ungebundene 1.50 Rm. Direktorien, die bis zum 28. ds. Mts. nicht abge­holt find, werden mit dec Post den einzelnen Kir­chengemeinden zugestellt werden.

Bischöfliches Generalvikariat.

Ein Hellseher-Vrozetz.

Der Hellseher Erik hanusien vor Gericht.

Dor dem Gericht in L e i t m e r i tz (Böhmen) begann am Dienstag ein Betrngsprozeß gegen ben Telepathen Hermann Steinschneiber, der unter bem Namen Erik Jan Hanussen burch seine Probuktionen (u. a. auch in Fulda) bekannt geworben ist. Die Anklage­schrift legt dem Angeklagten bas Verbrechen des Betru­ges in 34 Fällen ui.j bes versuchten Betrugs in 6 Fällen zur Last. Es handelt sich dabei durchweg um verhält­nismäßig niedrige Beträge von 50 bis 300 Kronen. Der Angeklagte wirb ferner auch beschuldigt, daß er sich in ben Jahren 1927-28 in Norbböhmen einen falschen Stand unb Namen beigelegt habe.

Der Angeklagte verantwortete sich in der Verhanb- lung zunächst allgemein. Er schilberte seinen Lebenslauf als Schauspieler. Währcnb des Krieges hatte er Ge­legenheit gehabt, sein okkultistisches Talent zu entdecken. Er kam dann auf seine Ausweisung aus Oesterreich zu sprechen. Damals seien in der österreichisch, n Noten- druckerei Diebstähle entdeckt worden. Hanussen habe unter 4000 Arbeitern der Notendruckerei ben Täter er­mittelt und auch die dafür ausgesetzte Belohnung er­halten. Außerdem habe er ein Belobigungsschreiben be­kommen, das er dem Gericht vorlegt. Der Vorsitzende erklärt, daß das Gericht an Hanussens Fähigkeiten nicht zweifle, aber eine Erklärung der telepathischen Vorgänge wünsche. Hanussen erklärt,'es sei sehr schwer, über Pro­bleme zu sprechen, über die sich die heutige Wissenschaft noch nicht klar sei. Unter großer Heiterkeit bemerkte er, daß er in Deutschland gerichtlich beeidigter Sachverständiger dafür sei, wofür er heute unter Anklage stehe. Heber feine telepathischen Talente könne er nur so viel sagen, daß er in einer ständigen seelischen Erregung lebe und daß er überzeugt sei, jede ihm gestellte Aufgabe zu erfüllen. Hierauf begann der Vorsitzende die Zeugenvernehmung.

Die Sensation des Tages war gestern die letzte Zeu­genaussage, die des Charlottenburger Nervenarztes und Parapsychologen Dr. Krön er, die eigentlich einem Sachverständigengutachten gleichkam. Dr. Kröner, der

Bin

Heimkehr.

Dort, wo die Höhen der kuppenreichen Rhön alpine Formen annehmen, hatte seine Wiege gestanden. Sam­metweiche Matten neigten sich von allen Seiten zu bem lieblich ins Tal gebetteten Dörfchen, dessen Bevölkerung trotz der nahezu ärmlichen Verhältnisse heiter unb zu­frieden seine Tage dahin lebte. Nicht weit von dem bescheidenen Kirchlein stand das kleine Häuschen, das der Holzschnitzer Anton Guthermuth mit seiner kinderreichen Familie bewohnte. Einer von den ganz Stillen war er. Nie fand man ihn am Wirtshaustisch, unb wenn bie an­deren über die Entschließungen des Gemeinderates debat­tierten, dann war er daheim unter den Seinen. Nim­mermüde schnitzte er an den bescheidenen Figuren, unb wenn sich sein Weib gar noch mit trgenb einer Flick­arbeit zu ihm an ben Tisch setzte, bann kam's wohl zu­weilen vor, baß sich ein heiteres Liebchen auf bie Lip­pen Des sonst fo schweigsamen Mannes drängte.

Jahr um Iah? war dahin gegangen, unb mit ben Jahren wuchs bie Zahl der Kleinen ,die samt und son­ders gut gediehen . Sie wuchsen heran, und der Aelteste zeigte ein ganz besonderes Interesse an der Kunst des Vaters. Zuerst versuchte sich Raymund cn den dicken Rindenschalen der kümmerlichen Tannen, die droben am Hange des Schweinsberges wuchsen; dann griff er zum weichen Holz der Linde und schließlich zu festeren Holz­arten. Und so oft Anton Guthermuth seinen Aeltesten so eifrig mit dem Schnitzmesser hantieren sah, begann er, heimliche Hoffnungen auf den Buben zu setzen.

„Das wär' doch einmal eine richtige Freude, roenn’s der Junge weiter brächte als ich!" meinte eines Abends der emsig schaffende Anton im Gespräch mit feinem Weibe. Zum erftenmale beschäftigte er sich mit der an­sprechenden Figur eines Hirtenknaben für bie erste Krippe, bie er zu schassen gebuchte.

„Ja, wenn der Raymund so weiter macht, dann schicke ich ihn hinüber nach Bischofsheim zur Schnitzer­schule, und roenn’s Gelb noch weiter langt, gar auf bie Kunstgewerbeschule nach München, tief brunten im Ba- yernlanb. Der Junge soll’s einmal besser haben als wir, soll sich nicht so schinben unb plagen". Versonnen und schweigsam saß Elsbeth, des Meisters treue Lebensge- I fährtin, an seiner Seite. Ihr wollten bie Pläne ihres j

Mannes gar nicht gefallen, wußte sie boch nur zu gut, daß ihre Mittel nur gering waren unb auch für bie an­deren Kinder reichen mußten. Aber schließlich warf sie mit nachdrücklicher Betonung ein: „Wir müssen doch auch für die anderen sorgen, Anton, und dürfen nicht alles nur für ben einen verwenbenl"

„Aber, Elsbeth, so denke doch mal, was der Junge schon alles kann, welches Talent er hat und wieweit er's bringen kann, wenn er die richtigen Lehrmeister findet!"

„Recht hast du schon! Aber, Anton, ich meine doch immer, daß wir auch an die anderen Kinder denken müssen! Wenn Raymund wirklich tüchtig ist, wenn er dazu Lust und Liebe zur Schnitzerei hat, bann wird er schon selber feinen Weg machen! Aber warum streiten wir uns beim? Kommt Zeit, kommt Rat!"

Die beiben haben noch manches Wort über ihren Aeltesten an jenem Winterabend miteinander geredet, unb wenn Anton auch nicht das Einverständnis feines Weibes zu den weitreichenden Plänen fand, so tröstete er sich doch mit dem Gedanken, daß die Zeit für ihn ar­beiten werde.

So gingen die Jahre dahin. Raymund kam aus der Schule, übte sich weiter im Schnitzen, erlangte eine er­freuliche Fertigkeit unb kam boch schließlich nach Bischofs­heim auf die Schnitzerschule. Er war fleißig, verdiente sich lobende Auszeichnungen und siedelte schließlich auch nach München an die Kunstgewerbeschule über, deren Besuch ihm ein Gönner ermöglicht hatte. Schon vom ersten Tage an erregte er die Aufmerksamkeit der dort wirkenden Lehrer unb Künstler, würbe in ihren Gesell­schaftskreis gezogen unb kam endlich auch mit Leuten zusammen, die in ihrer Weltanschauung auf Abwege ge­raten waren.

Wochen und Monate vergingen, und schließlich begann auch sein religiöses Innenleben zu ersterben, seltener er­füllte er seine kirchlichen Pflichten, immer mehr verlor er sich ins Nichtstun und verbrachte ganze Stunden in ben verschiebensten Kaffeehäusern ber aufftrebenben Frem- benftabt. Und so kam schließlich, was kommen mußte — feiner seiner ehemaligen Freunbe wollte fernerhin etwas mit ihm zu tun haben. Auch der Gönner erfuhr von der Wandlung, zog seine Unterstützung zurück, und eines Tages stand Raymund Guthermuth vor dem Nichts.

Schwer legte es sich auf fein Gewissen, und obwohl er täglich Anläufe zur Besserung macht, so sank er doch

I von Stufe zu Stufe, bis er schließlich im Heim ber Ob­dachlosen landete. Furchtbar war es für ihn, als er zum erftenmale die weiten Hallen betrat, in denen sich Dut- zende von Menschen drängten, die Schiffbruch an ihrem Leben gelitten hatten. Lange wälzte er sich in jener Nacht schlaflos auf ber harten Pritsche, unb als ihn ber Wärter nach kurzem Schlummer aus bem Schlafe riß, war einer der nebelschweren Dezembertage heraufgezo- gen. Und bann mußte er hinaus mit feiner fadenscheinig geworbenen Kleibung, frierend unb hungernb auf bie Straße, bie er in früheren unb besseren Tagen mit feinen Freunben durchschritten hatte.

Und wie seltsam? Endlich dachte er wieder einmal nn die daheim, die seinetwegen so manche Entbehrung auf sich genommen hatten unb ihm alle Gelbmittel zu- fahbten, bie nur irgenbroie erübrigt werden konnten. Schon seit Monaten hatte er ihnen kein Lebenszeichen mehr gegeben, unb so kam es, baß er auch von ihnen nichts mehr hörte. Was mochte ber Vater, bie Mutter von ihm benfen? Ob er ihnen wohl jemals roieber unter die Augen kommen bürfe?

Nachdenklich war er weiter geschritten und schließlich, ohne es zu bemerken, aus dem Weichbild der Stadt her­ausgekommen. Kalt blies der Winterwind über bie weite Hochebene, feuchter Nebel fetzte sich auf feine Klei­der und durchnäßte ihn immer mehr. Tränen traten in feine Augen, Verzweiflung erfaßte ihn, unb das Schlimmste wäre geschehen, wenn ihn nicht ein oorbei» sahrenber Bauer, ber vom Markte kam, mit auf ben Wa­gen genommen hätte.

Nun kam Raymunb schneller voran. Balb tauchte aus einer Nieberung bas erste Dorf auf, unb während er so auf dem Wagen dahinfuhr, hatte er dem neben ihm Sitzenden manches aus seinem Leben erzählt, hatte er­zählt, wie er sich so furchtbar undankbar ben Seinen ge­genüber verhalten hatte und daß er nun doch auf bem Wege nach bem Vaterhause fei.

„Ja, rote wollt Ihr benn heim kommen? Ihr könnt doch unmöglich ben weiten Weg zu Fuß machen. Habt Ihr benn gar keine Mittel zur Bahnfahrt?" Und als Raymunb bie Frage verneinen mußte, erbot sich der Mann mit den arbeitgewohnten, schwieligen Händen, ihn in seine Dienste zu nehmen, bis er sich ben Fahrvreis in die Heimat verdient habe.

I Das ließ sich Raymund Guthermuth nicht , eimal j sagen. Er sah ein, daß ihn das Wanderleben nur immer tiefer ins Elend reißen würde. Beherzt schlug er darum in die bargebotene Rechte bes Siebermanncs.

Und nun war er schon Wochen Knecht. Sein Herr war mit seinem Tun zusrieben, unb als die ersten Schnee­flocken über bie eintönige Landschaft niebermirbelten, war die schlimmste Arbeit getan. Weihnachten war nicht mehr weit, und in Raymunds Innerem wurde Heimweh unb Heimatfehnsucht übermächtig.

„Ich will heim zu ben Meinen!" ries's immer wie- ber in seinem Innern. Er würbe still unb einsilbig. Aber schließlich faßte er sich boch ein Herz unb sprach beim Essen von seinen Sehnsüchten. Gerne gab man ihm ben oerbienten Lohn, ber nun reichte, unb schon am anbern Tage saß Raymunb auf ber Bahn . . . Den gan­zen Tag und die ganze Nacht hindurch fangen die Räder unermüdlich ihr gleichförmiges Lied, und als sich bie hei­lige Nacht auf die Fluren legte, entflieg ber Heimgekehrte auf der Heimatstation dem Zuge. Verschneit lagen die wohlbekannten Berge unb laut knirschte der Schnee unter den dahin stampfenden Füßen. Niemand war vor ihm durch die dicke Schneedecke gewandert; nur hin und wie­der kreuzten dünne Spuren des Wildes feinen Weg.

Stundenland mochte er schon dahin geschritten sein, als die ersten Lichtlein seines Heimatdörfchens aus dem Dunkel aufleuchteten. Und Gedanken, hosfnungsvoll und wieder verzweifelnd, schoßen ihm durch das gemarterte Gehirn. Und ehe er recht zu sich kam, stand er vor dem bescheidenen Häuschen, in dem er selige Kindheitstage verlebt hatte. Die Türklinke gab nach ... er trat ins Zimmer unb fiel ben Eltern zu Füßen. Heiße Reuetränen rannen ihm aus ben Augen unb schließlich gewahrte er auch bie Geschwister, die verschüchtert auf der Ofenbank saßen.

Lange wurde kein Wort gesprochen. Und als ihn der Vater zu sich empor hob unb sich bas Schweigen gelöst hatte, war auch Weihnachtssreube unb Weihnachtsjubel ins Häuschen des Holzschnitzers Anton Guthermuth ein­gezogen. Und wenn auch kein strahlender Weihnachts- baum das Stübchen erhellte, so fang man doch nicht mip. der froh das alte und immer wieder neue

^Stille Nacht, heilige Nacht!"

Carl Walter.