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Vohnungselend in kleinen Gemeinden.

Sireiflichker einer Besichtigungsfahrt im Bayerischen Wald.

Don Peter Tremmel, M. d. R.

Das von keiner Seite bestrittene große Woh- Mrngselend und der nur schwierig zu mildernde Wohnungsmangel in unseren Groß- und Industrie­städten lst schon öfters geschildert morden und durch unzählige mehr oder weniger lebendige Statistiken nachgewiesen worden. Die bekannten Ziffern aus der großen Reichswohnungszählung vom Jahre 1927 gaben der breitesten Oeffentlichkeit Kenntnis von der Zahl der fehlenden und der überbelegten Wohnungen. So beweist die amtliche Statistik, daß in den Großstädten die kinderreichen Familien fast doppelt so gedrängt als die übrige Bevölke­rung wohnen. Durchschnittlich entfielen auf eine Wohnung überhaupt vier Personen, auf eine Woh­nung der kinderreichen Familien dagegen sieben Personen. In den von der Erhebung erfaßten Großstädten ist fast die Hälfte der überfüllten Wob- nungen mit kinderreichen Familien besetzt. Bei dieser Untersuchung wurde auch wahrgenommen, in «eich hohem Ausmaß gerade kinderreiche Familien noch an Untermieter, sogar an Untermieterfami­lien, Raum abgeben mußten, um eine Verbesse­rung der Einnahmen zu haben.

Diese Reichswohnungszählung umfaßt aber kei­neswegs die Gefamiheit des deutschen Volkes, da sie nach den gesetzlichen Bestimmungen nur für die Orte über 5000 Einwohner durchzuführen war, wahrend es den Gemeinden unter 5000 Einwoh- nern freigestellt war, sich an der Erhebung zu be- e,n‘ ®Dn diesem Rechte hatten immerhin bd/6 Gemeinden mit insgesamt 9 332 000 Einwoh­nern Gebrauch gemacht; doch wurde etwa ein Drit­tel der Reichsbevölkerung von der Statistik nicht

Wenn man allerdings die Durchschnittszahlen betrachtet, so scheint die Wohnungsnot in den klei­neren Gemeinden unter 5000 Einwohnern nicht i>cs Ausmaß wie in den größeren Gemeinden zu erreichen. Kamen z. B. bei den Gemeinden mit über 5000 Einwohnern durchschnittlich auf 100 Wohnungen 9,1 Haushaltungen und Familien ohne selbständige Wohnung, so kamen in den von der Erhebung erfaßten Gemeinden unter 5000 Einwohnern auf 100 bewohnte Wohnungen rund 5 Haushaltungen und Familien ohne eigene Woh­nung. Nun stellen diese Ziffern nur den Durch­schnitt dar, so daß die zahllosen Fälle, in denen in den kleinen Gemeinden gute und ausreichende Wohnverhältnisse vorhanden sind, die Ziffern der überfüllten Elendswohnungen senken.

Bei näherer Durchforschung sowohl der Ziffern als auch bei näherer Betrachtung und Berechtigung der Verhältnisse erhält man aber den Eindruck, daß in denjenigen kleineren Gemeinden, in denen Wohnungselend und Wohnungsmangel vorhanden sind, die Ueberfüllung und das Wohnungselend weit stärkere Formen annimmt als in den' Groß­städten mit ihrem wohlorganisierten Ueber- wachungsdienst und der ausgebreiteten Wohl­fahrtspflege. Wenn man beiden Gemeindegrößen gerecht fein will, ob in den Großstädten oder in den Kleinstädten Wohnungsmangel und -elend grö­ßer ist; aber das eine ist wohl sicher, daß "die Mißstände in den Großstädten durch statistische Feststellungen, durch Zeitungsberichte und persön­liche Besichtigungen eher aufgestellt werden als in den so entlegenen abseits der Hauptverkehrsstraße liegenden Gemeinden mit industrieller Bevölke­rung.

Eine verdienstvolle Arbeit auf diesem Gebiete hat bekanntlich der Deutsche Verein für Wohnungs­reform mit feinen Besichtigungenreisen und der sich daran knüpfenden Darstellung „Die Wohnungs­not und das Wohnungselend in Deutschland" in

den kleineren Jndustrieorten Schlesiens, Sachsens, Ostpreußens ufn?. geleistet, diese mit vielen Ab­bildungen von Elendswohnungen versehene Dar­stellung verdient allgemein herausgestellt zu wer­den.

Einen Ausschnitt aus dem großen Wohnungs­elend in industriellen kleinen Gemeinden konnte der Wohnungsausfchuß des Reichstages gelegentlich fei­ner Besichtigungsreise, die Mitte Oktober ds. Is. nach dem Bayerischen Wald, und zwar in dem ge­werbefleißigen Bezirk Tirschenreuth stattfand, se­hen. In dem Tirschenreuther ländlichen Industrie­bezirk ist die Bevölkerung vorwiegend in den dort zahlreich vorhandenen Werken der Porzellan-, Glas- und Tonindustrie, auch der Steinbruchbetriebe und der Holzindustrie beschäftigt, Betriebe, die schon teilweise Jahrzehnte ansässig sind und die durch ihre Vergrößerungen nicht nur immer neue Arbeits­kräfte anzogen, sondern auch allen erwerbstätigen Familienmitgliedern einen, wenn auch recht be­scheidenen Verdienst gaben. Einige Werke haben dabei durchaus die Wohnungsnot durch Erstellung geräumiger und gesunder Arbeitermohnungen mil­dern helfen, aber diese Anfänge sind nur ein Trop­fen auf den heißen Stein. Dazu kommt noch, daß in der Perlmutterindustrie eine große Anzahl Heimarbeiter beschäftigt sind.

Daß die Industriebevölkerung bei ihren so nied­rigen Löhnen keine gefunden Eigenheime erstellen konnte und daß sie sich mit den vorhandenen Räu­men in den so oft baufälligen Häusern begnügen mußte, ist ja nicht verwunderlich.

Alle zu dem Tirschenreuther Jndustriebezirk ge­hörigen Gemeinden waren im höchsten Maß über­belegt; dazu kommt noch die große Baufälligkeit der meisten Häuser und die Unwohnlichkeit der seit vielen Jahren nicht ausgebesserten Räume. Nur schwer lassen sich diese Clendszustände schildern: man muß sft sehen. Aber einige ziffernmäßige Darftellungen der überfüllten Räume zeigen doch Schlaglichter einer Wohnungsnot, unter der die industrielle Bevölkerung auch in den kleineren Ge­meinden leidet.

In dem Orte Fuchsmühl, in dem überhaupt von je 100 selbständigen Wohnungen 26 nur einen Wohnraum und 40 v. H. zwei Räume hatten, sa­hen wir z. B. ein Wohnhaus (ein altes Blockhaus) mit zwei Wohnungen mit insgesamt nur 27 Qua« drakmtr. Wohnfläche, das mit 12 Personen belegt war. In dem einen Raum von 11,20 Quadratmtr. hatten ein Ehepaar und vier Kinder und außer­dem ein Verwandter Unterschlupf gefunden, wäh­rend ein Raum von 16 Quadratmtr. ein älteres Ehepaar mit zwei Söhnen von 30 und 26 Jahren und zwei Enkelkinder von 14 und 12 Jahren be­herbergte. Ein anderes Wohnhaus in Fuchsmühl wies fünf Wohnungen mit insgesamt 84 Quadrat­meter Wohnfläche auf, die von 26 Personen be­wohnt waren. So hausten hier in einem Raum von 14 Quadratmtr. Wohnfläche ein Ehepaar mit Mei Kindern und in einem anderen Raum eben­falls mit 14 Quadratmtr. und eine Küche 8 Men­schen. Und im Dachgeschoß hatten in einem Raum von nur 11,80 Quadratmeter 8 Personen (nämlich die Eltern, 3 Söhne mit 19, 11 und IJahr und 3 Mädchen mit 14, 9 und 3 Jahren) ihre Zuflucht gefunden. Eine andere Familie in Fuchsmühl mit 14 Personen (Mann, Frau, 6 Knaben und 6 Mädchen im Alter von 1—24 Jahren — also eine zahlreich« und im Alter wohl abgestufte Familie) hatten einen Wohnraum von nur 20 Quadratmtr. Wohnfläche und einer Zimmerhöhe von 2,50 Meter Höhe übrig.

Auch in den kleinsten Häuschen in den besichtig­ten Gemeinden befinden sich immer mehrere Fami­lien, obwohl diese Häuser kaum für eine einzige Familie groß genug find. Man muß sich wun­dern, wie die Menschen hier wohnen und schlafen können. Dabei kommt es oft vor, daß dieser ein­zige Wohn-, Schlaf- und Kochraum noch so feucht

ist, daß das Wasser von den Wänden herunter- ftiuft, und man sieht diese Feuchtigkeit auch von außen.

Die anderen Gemeinden im Bezirk Tirschen­reuth zeigen kein besseres Bild, ja in Waldsassen und Tirschenreuth sind vielleicht noch ungünstigere Verhältnisse, weil hier die ein- und zweiräumi­gen Wohnungen für die Unterbringung der viel­köpfigen Bewohnergruppen den höchsten Prozent­satz darstellen. Die nachstehende Uebersicht mag ein ziffermäßiges Bild über die überbelegten Wohnun­gen geben. Dabei sind ober nur diejenigen Woh­nungen herausgestellt, in denen drei und mehr Personen in einem Raum Hausen, während man doch sonst im allgemeinen einen Raum pro Per­son rechnet.

Uebersicht über die Wohnungen, die mit drei und mehr Personen pro Wohnraum belegt lind: Gemeinde

Wohnung. Wohnr. Pers. Wohn. Wohnr. Pers.

Tirschenreuth

95

190

595

44

63

284

Fuchsmühl

56

103

322

53

63

308

Waldsassen

100

200

633

41

69

305

Wiesen

43

86

277

18

25

117

Mitterteich

69

134

428

41

59

272

Konnersreuth

16

31

103

9

11

54

In den Gemeinden des erwähnten Bezirks wa­ren 1896 Wohnungen mit zwei und mehr Perso­nen pro Raum vorhanden; insgesamt waren diese 4059 Wohnungen von 10 627 Personen bewohnt, das heißt rund 45 v. H. der gesamten Bevölkerung dieses Jndustriebezirkes haben überbelegte Woh­nungen inne. Trotz der Ueberbelegung dieser Klein­wohnungen mit eigenen Familienangehörigen wa­ren aber doch auch eine große Anzahl Fälle vor­handen, wo durch Untervermietung das Einkom­men erhöht werden mußte. So wurden in acht Fällen zwei Haushaltungen in einem Raum, in zwei Fällen hatten sogar drei Haushaltungen in Wohnungen von nur zwei Räumen Unterkunft ge­funden, in 58 Fällen wurden zwei Haushaltungen in Mei Räumen gezählt. Dazu leben nod> eine große Anzahl von Schlafgängern und sonstigen j Personen in den ohnehin überfüllten Wohnungen zur Untermiete. ' 1

Obwohl in den letzten Jahren Staat und Ge­meinden im Rahmen des Nur-Möglichen bemüht waren, durch Efftellung von Neubauten mit ge­räumigen und gesunden Räumen die Wohnungs­not zu lindern, so wird es doch bei der allgemei­nen Geldknappheit noch längere Zeit dauern bis diese leistungsschwachen Gemeinden mit ihren Be­wohnern aus dem gröbsten Wohnungselend her­aus fein werden. Um Herausstellung des Woh- nungselends und Besserung der Verhältnisse hat sich, das darf nicht unerwähnt bleiben, der dama­lige Vezirksamimann von Tirschenreuth und jetzige Dberregierungsrat im Reichsarbeitsministerium, Karl Durst, der bei der Besichtigung auch die sach­verständige Führung unternommen hat, in un­gewöhnlichem Maße bemüht. So sind in der Nach­kriegszeit in diesen kleinen Jndusiriegemeinden eine stattliche Anzahl von wirklich mustergültigen Ein- und Mehrfamilienhäusern entstanden. In Fuchs­mühl hat man 1926—1927 gediegene Sechsfami- lienhäufer erstellt, bei denen die Baukosten für je dreiräumige Wohnung nur 5000 RM. betrugen. Sowohl in Fuchsmühl als auch in Wiesen und Waldsassen hat man für eine große Anzahl Kriegs­beschädigter Wohnungen errichtet. In Mitterteich sind von der Bayerischen Siedlungs- und Landes­bank recht preiswerte Einfamilienhäuser in Form von Reihenbauten errichtet worden. Waldsailen wie nicht zuletzt auch Tirschenreuth haben ebenfalls alles nur Mögliche getan, um das Wohnungselend in diesen kleinen Gemeinden zu mildern. In Tir­schenreuth hat wiederum der Bauverein, eine Ge­nossenschaft mbH., gute Arbeiten aufzuweisen, und auch die Porzellanfabrik A.-G. in Tirschenreuth hat in der Nachkriegszeit eine Reihe brauchbarer Wohnungen erstellt.'

Da man in Bayern die öffentlichen Gelder neuerdings in den einzelnen Bezirken nach einem Schlüssel verteilt, der auch die Ueberbelegung der Wohnungen berücksichtigt, so ist zu hoffen, daß wir nach einer Reihe von Jahren aus dem Beispiel des ländlichen Jndstriebezirks Tirschenreuth ersehen können, welche guten Leistungen man bei wohl­überlegter Organisation und praktischem Verständ- uts erfüllen kann.

Das erste Feuecwehr-Aebeclandauto.

Der neue Jeuerwehrgeländewagen beim Ueberqueren von Lisenbahngeleisen.

Zur Ueberland-Vrandbekömpfung stellte die Görlitzer Feuerwehr ein neuartiges Löschauto ein, das imstande ist, sämtliche Gelände-Hindernisse, wie Gräben, Bäche, Geleise, Böschungen zu be- wältigen. Auf normaler Strecke erreicht dieses erste deutsche Feuerwehrgeländeauto eine Ge­schwind, gkeit bis zu 65 Kilometer.

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der

Tod einen Kameraden. Ersatz kam und brachte neue Gesichter und neue Menschen in den gewohnten Kreis.

In den

ein ®r Sc- benbef Lange, la

hier so zahlreich waren wie daheim die Spatzen, mancher Stunde auf nächtlicher Wacht hörte Franz Wohllaut ihrer schluchzenden Lieder.

Hie und da holte unvermutet mit raschem Griffe

denken.

Im Februar fuhr Franz Barth zum erstenmal in Urlaub und sah feit feinem Einrücken die ersten Menschen in Zivilkleidern, sah zum erstenmal wieder Mädchen tnb Krauen.

2) ----------

Nach drei Tagen rückte die Kompanie in die Stel­lung. Auf dem Marsch in der Nacht hörte Franz Barth die ersten Nachtigallen in feinem Leben.

Wie alle anderen machte er den ersten Granaten, stie hoch über ihn dahinrauschten, seine Verbeugung und gewöhnte sich dann an sie. Er lernte Dreck und Läufe kennen und fand allmählich, daß die alten Landser als Kameraden gar nicht so unrecht waren, wie er im An­fang gefürchtet hatte. Freilich, sie hatten ein scharfes Mundwerk und waren stets am Kritisieren, aber gut­mütig und hilfsbereit waren sie auch. Barth vergaß es dem Wehrmann Luchs nie, daß er ihm in der ersten Nacht im Keller der Bereitschaftsstellung feine Decke ge­geben hatte, als er fiebernd und fröstelnd auf dem feuch­ten Stroh lag.

Und sie waren auch Soldaten, wenn es galt! In jener Iuninacht, als die Patrouille im Vorgelände schutz­los dem feindlichen Granatfeuer preisgegeben lag, da hatte der alte Waclawcck einen Splitter in den Arm bekommen und war in den Graben zurückgeeilt. Nach­dem er verbunden war, ließ sich der Alte nicht hallen Und war wieder hinausgegangen.

„Waclaweck geht sich wieder auf Patrull," hatte er zesagt.

Das Trommelfeuer der Champagneschlacht brauste über sie dahin und begrub Wilhelm Rehm im zerschmet­terten Unterstand, aus dem Franz Barth wie durch

Irgendwo am Rhein standen Mädchen am Bahnhof und verkauften Wein. Franz Barth kaufte sich eine Flasche. Er sah den Rhein zum erstenmal. Wie ein Rausch kam es über ihn, der neun Monate nichts ge­sehen hatte als die Schützengräben und Feldgraue.

Eine Station vor seinem Heimatsort stieg er aus, es litt ihn nicht mehr im Zuge. Er spürte fein schweres Gepäck gar nicht, als er die Straße entlang schritt, die zu seinem Heimatdorfe führte. Die alten Apfelbäume am Wege weckten frohe Kindhellserinnerungen in ihm, er kannte sie alle, wußte von jedem einzelnen, wem er gehörte und wie die Aepfel schmeckten, die er trug.

Da war er ja noch, der große Süßapfelbaum! Franz Barth blieb stehen und schaute lächelnd hinauf in die mächtige Krone.

Da übermannte ihn etwas. Er lehnte sein Gesicht gegen die graue Rinde des Baumes und schlug die Hände davon. Ein Schluchzen erschütterte seinen Körper. So stand er reglos ein paar Augenblicke, dann richtete er sich wieder auf, fuhr mit dem Handrücken über die Augen und setzte seinen Weg fort.

„Barths Franz kommt in Urlaub!" schrien die Buben am Dorfeingang und rannten davon. Bon weitem sah Franz, wie feine Mutter aus dem Hoftore trat und spähend die Straße hinab schaute.

„Franz, bist du es denn wirklich?" fragte sie mit bebender Stimme.

Und da tat Franz Barth etwas, was er in feinem Leben noch nicht getan hatte: er küßte feine Mutter vor all den Leuten, nahm sie am Arm und ging mit ihr hinein. —

Wie lange waren ihm bei der Heimfahrt die zehn Urlaubstage vorgekommen und wie rasch waren sie vor- beil Was hatte er nicht alles vorgehabt, und wie wenig davon wurde ausgeführt!

Am vorletzten Tage besuchte er Frau Rehm und sah ihr kleines Kind, das der Vater fo sehr ersehnt hatte. — Dann war er wieder bei feinen Kameraden. Der Frühling kam und brachte die Nachtigallen wieder, die

Ich hab im Urlaub einen getroffen, da stehn einem dir Haare zu Berge, wenn mau die erzählen hört."

Franz Barih hörte schweigend zu. Er hatte es längst aufgegeben, mit den verbitterten Landwehrleuten zu streiten. Die hatten alle nur eine Sehnsucht: heim! Aber Berdun mußte schlimm fein, und er dachte oft mit Ban­gen und Mitleid an die Kameraden dort.

Tags darauf war das Nachbarregiment abgelöst uni auf dem Transport nach Verdun.

„Seht ihr, daß ich recht hatte!" triumphierte Bartold, „gebt acht, wie lange wirds dauern, bann kommen wir auch dran!"

Am nächsten Tage wurden aus jeder Kompanie des Landwehrregiments 10 junge, unverheiratete Leute aus­gesucht und sofort in Marsch gesetzt. Wohin, mürbe nicht gesagt, aber jeher wußte es: Verdun!

Franz Barth war auch unter ihnen.

Bald erfuhren die ausgesuchten Leute, daß sie in das abgelöste Nachbarregiment eingeschoben würden als Er­satz für zurückgelaffene alte Leute. Sie und die Nach, zügler des schon abtransportierten Regiments bildeten den kleinen Transport, in dem Franz Barth einige Tage später durch den glühend heißen Sommertag fuhr.

Eine schwere, gedrückte Stimmung lastete auf all denen, die da vom Schicksal blind zusammengewürfelt im Zuge saßen. Sie waren Menschen, waren Sol- baten, aber Kameraden waren sie nicht!

Wenn es auch Franz Barth zumute war, als ob er langsam unb unnbroenbbar in ein drohendes Ver­hängnis hineingczcrrt würbe, er wußte, baß all bas leichter gewesen wäre, wenn er bie alten Kameraben um sich gehabt hätte.

Wie Heimweh stanb es in ihm auf nach all benen, bie über ein Jahr mit ihm im Graben gelegen hatten.

Unb die alten Landwehrleute, deren ewige Kritik und Nörgelei ihm fo oft unerträglich gewesen war, sie kamen ihm auf einmal fast liebenswert vor. Er saß und sann stumm vor sich hin. Und während der Zug mit ein­tönigem Rattern durch die ermüdende Landfchast fuhr, zogen Erinnerungen an sein altes Regiment an feinem Geiste vorbei, und die Gesichter der alten Kameraden tauchten wie freundliche Bilder vor seinem Geiste auf.

| Im verschossenen Dorf hinter dem Graben, wo die | Feldküche stand und wo sie in den Kellern manchmal in Bereitschaft lagen, blühte der Holunder in schweren Dolden und erfüllte die Luft mit betäubendem Geruch.

In unermeßlichen Mengen wucherte der rote Mohn, der schon immer zwischen den Stellungen stand. Er wucherte an den Böschungen des Laufgrabens und wölbte ihn beinahe zu, fo daß man durch ihn wie durch einen farbigen Laubengang schritt. —

Noch nie war es fo ruhig hier gewesen, seit Franz Barth Soldat war, wie in diesem Sommer. Der Franz­mann mußte wohl feine ganzen verfügbaren Kräfte nach dem bedrohten Verdun geworfen haben, um das feit Frühjahr die schwere Schlacht ging.

Dunkle, aufregende Gerüchte durchschwirrten den Gra­ben und wußten zu erzählen von der unerhörten Furcht­barkeit jener Schlacht, von ungeheuren Verlusten, von vernichteten Regimentern. Zeitungen und Tagesbefehle brachten die deutschen Erfolge, aber die alten Soldaten lasen mancherlei zwischen den Zeilen.

Hoffentlich haben wir bald Verdun, dann gibts Frie­den, hatte einer gesagt. Vom Frieden wurde am mei­sten geredet außer vom Urlaub und vom Essen. „Du Narr," hatte der hagere Gefreite Bartold dem Hoff­nungsfrohen geantwortet, „bildest du dir wirklich ein, daß wir Verdun bekommen. Eher fressen dich die Läuse."

Ein heftiger Streit war daraufhin entstanden über die Aussichten jenes Kampfes, geführt mit der verbis­senen Hartnäckigkeit von Männern, die durch den langen Grabenkrieg fast stets in gereizter Stimmung waren. Schließlich stiftete der bedächtige August Kappel Frie­den unb sagte: „Regt euch doch nicht unnötig auf, wir sitzen hier ja vorläufig immer noch ganz gut."

„Du hast eine Ahnung," fuhr ihn Bartold an, „wenn das Iammerleben hier gut sitzen heißt, so möchte ich wissen, wie dirs daheim geht. Und du kannst nie wissen, wie sie uns hier wegholen. Du hast noch gar nicht ge­hört, daß die 88iger drüben auch wegkommen sollen?"

„Das ist ja auch ein Reserveregiment," erwiderte Kappel, „uns alte Kerle werden sie doch nicht in den Schlamassel jagen!"

„Was fragen die nach Alter! Hat nicht das Land­wehrregiment 81 den Sturm im Frühjahr mitgema*^”

- gerettet wurde.

’r kam und mit ihm der Kampf der Gra= gegen Nässe und einstürzende Gräben.

Wrtreters Emil Rehbepg, Fulda« Postfach 304. Telephon 1-S4O.

Nächte voll Dunkelheit und Regen, Posten- stehen und karger Schlaf im feuchten Unterstand. Weih­nachten im strömenden Regen und dumpfem Heimge-

Ersatzreservist Barth

Von I. Lewalü.