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llr. 293.

Donnerstag, den 19. Dezember 1929.

Fuldaer Zeitung

z. Blaff.

Druck der Fuldaer Actiendruckerei, Fulda.

Agrarzölle.

Von Joh. Blum, M. d. R.

Die Verölungen im Reichstag haben begonnen.

Die Zolloorlage ist an den Reichstag gelangt. Der Reichswirtschaftsrat und der Reichsrat haben darüber eingehend beraten. Die Agrarzölle sind immer umstritten gewesen, sie werden umstritten f [eiben. Dem Verbraucher gehen sie in der Regel <u weit, dem Erzeuger nicht weit genug.

So muß man schon nach dem Ausgleich der Interessen suchen. Das nennt man Kompromisse. Im allgemeinen stehen sie in schlechtem Rufe. Man spricht von faulen Kompromissen. Tatsächlich ist eine Kompromiß-Gesetzgebung faul, d. h. ungenü­gend, wenn sie das nicht erreicht, was sie bezweckt. Will man der Landwirtschaft in der Zeit der aner­kannten Not wirklich helfen, muß man auch die Agrarzölle wirksam gestalten.

Da sind zunächst die Getreidezölle zu beachten. Der große Prinzipienstreit geht um die Frage der festen oder der gleitenden Zölle. Erfahrung bleibt des Lebens Meisterin. Aber unsere Zeit gibt lei­der auf die Erfahrung wenig, zu wenigs sie ist selbstklug. Das wäre kein Fehler, wenn wir wirk­lich geicheiter wären, als die Leute einer früheren Zeit. Gleitzölle find eigentlich kaum mehr umstrit­ten. Sie werden nahezu einstimmig verurteilt. Die Erfahrung, welche man damit gemacht hat, spricht dagegen. Bei den früheren Zottverhand- lungen wurden sie abgelehnt. Im Reichswirt­schaftsrat waren die Interessenten der verschiede- sten, sonst nicht immer einigen Wirtschastsaruppen — die Getreidehändler, die Müller, die Bauern, - ■— einmütig in der Ablehnung der Gleitzölle. Sie machen einen Terminhandel äußerst verlustgesöhr- lich, hemmen ihn, fördern eine ungesunde, wilde Spekulation, verhindern, was man erreichen will, genügende und stabile Preise.

1. Roggen. Der Zollsatz für Roggen von 7.— Mark für 1 Doppelzentner gilt solange, als der Preis 22 Reichsmark nicht unterschreitet und 24 Reichsmark nickt überschreitet. Tritt im Durck- schnitt zweier Kalendermonate eine Unterschr-i- tung des Preises von 22 Reichsmark ein, so wird der Zollsatz auf 9 Mark erhöht. Tritt im Durch­schnitt zweier Kalendermonate eine Ueberschre'- tunci des Preises von 24 Reichsmark ein, so wird der Zollsatz auf 5 Reichsmark ermäßigt.

Tritt die Unterschreitung ein, während der Zollsatz 5 Reichsmark beträgt, so wird er zunächst auf 7 Reichsmark erhöht, auf 9 Reichsmark erst dann, wenn in einem weiteren Kalendermonat die Unterschreitung anhält. Tritt die Ueberschreitung ein, während der Zollsatz 9 Reichsmark beträgt, so wird er zunächst auf 7 Reichsmark ermäßigt, auf 5 Reichsmark erst dann, wenn in einem weiteren Monat die Ueberschreitung anhält.

Alle Welt drängt auf Vereinfachung bei der Verwaltung, bei der Steuer. Davon ist die Vor- (aae wirklich frei. Man muß schon studieren, um alle die Vorgänge, die da geschildert sind, zu er- 'assen. Wie soll man das im Handel und Wandel, wie soll erst der schlichte Bauer in diesem Gedan- ker- und Pläne-Labnrintb sich zurechtfinden und daraufhin wirtschaftliche Maßnahmen treffen kön­nen. Je gelehrter, je verkehrter. Wir lehnen die gleitenden Zölle als volkswirtschaftlich unrichtig und verderblich ab.

Wer sich aber iiberhauvt auf den Gedanken ei= les gleitenden Zolles einläßt, sollte weniastens mftatt der komplizierten Formeln — die Aufgabe »es Herauf- oder Heruntersetzens dem Minister im Verein mit Reichsrat und einer Reichstagskommis- fion übertragen. Damit wäre einem Ausgleich besser gedient, als es mit der gelehrten und ver­sehrten mathematischen Formel möglich ist.

Wir haben Roggenüberfluß. Diesen kann man mindern d""ch Ausfuhr, durch Steigerung des Rogaenbrotrerbrauches und durch Verfütternng. In der Berfü'tenmg ist die Konkurrentin des Roagens die rff». D-e>e

kommt zum ermäßigten Zollsatz von oieichsmark herein. Die meisten ©admerft^nbmen hm- > höht den Futtergerstenzoll auf 5 Rm., dann kommt weniger Futtergerste herein und die Mister gehen von selbst zur Roggenfütterung über. Wirk­lich ein einfacher Vorgang, mit einfachen Mitteln sicher erreichbar.

Auch der Reichsrat hat sich auf diesen Stand­punkt gestellt. Allerdings wird Einspruch erho­ben aus den Kreisen der verhältnismäßig kleinen Industriemast. Sie sind letzten Endes gegen das eigene Interesse. Je mehr man Gerste verbilligt, umso mehr wird die Mast vermehrt. Es kommt zur Uebererzeugung und zum Preissturz. Dazu kommt, daß wir Käufer bleiben für Auslandsware, die passive Handelsbilanz vermehren und das In- landsprodukt, den Roggen, zugrunde gehen lassen.

Die Regierung will zirka 500 000 Tonnen Rog­gen aufkaufen im Osten, ihn um 40 Reichsmark je Tonne verbilligen, um ihn so verbilligt in die Mastgebiete zu bringen. Der Ankauf von 7 Zent­ner verbilligten Roggen soll zum Bezug von 2 Zentner Gerste a 2 Reichsmark Zoll berechtigen. Im übrigen soll der Gerstenzoll 5 Reichsmark be­tragen. Die Bestimmung ist auf den 30. Dezember 1930 befristet.

Die Regierung hat anscheinend kein Vertrauen auf die Wirkung dieser unklaren und kompl-zier- fen Maßnahmen. Die Roagenverfütterungsaktioii hat auch außerhalb der landwirtschaftlichen Kreise viele Kritik und Mißverständnisse hervorgericken. Sie kommt in Artikeln und Zuschriften zum Aus­druck. Da heißt es: Die Regierung will 500 000 Tonnen Roggen aufkaufen und vernichten, um so mit dem Gelds der Steuerzahler die Preise zu he­ben. — Von Vernichtung ist nirgendwo die Rede.

Es handelt sich entweder um die Verfütterung oder um die Einlagerung. Bei der Serfütterung pommt der Roggen durch den Tiermaaen in den Konsum. Bei der Lagerung wird er nicht vernich­tet, sondern verkauft, wenn sich das nack der Marktlage zweckmäßig erweist. Durch beide Maß­nahmen kann in keinem Falle eine solche Preis­steigerung erreicht werden, daß sie für den Konsu­menten irgendwie beängstiaend und schwer schä­digend sein wird. Dazu ist der Roggenüberstand viel zu groß. Der Landwirtlchaftsrat hatte einen Zoll für Roggen von Reichsmark 10.—, befristet bis zum 31. Juli 1931, vorgefchlagen.

2. Weizen. Der Zollsatz für Weizen und Spelz von 7,50 Reichsmark gilt solange, als der Preis 25 Reichsmark nicht unterschreitet und 27 Reichsmark nicht überschreitet. Bei einem Breis unter 25 Reichsmark soll der Zoll auf 9,50 Reichsmark er­höht, bei einem Preis über 27 Reichsmark soll der Zoll auf 5.50 Reichsmark ermäßigt werden.

Alfo dieselben Grundsätze ml- . Rangen Der Landwirtschaftsrat hat 10 Reichsmark Weizen­zoll pn-— ' »n — -'m» Glr^m'l.

3. Gerste. Der Zollsatz von Gerste von 7 Reichs­mark gilt solange, als der Preis 25 Reichsmark nicht unterschreitet und 27 Reichsmark nicht über­schreitet. Bei einem Preis von über 27 Reichsmark auf 5 Reichsmark ermäßigt. Der Landwirtfchafts- rat schlägt einen festen Braugerstenzoll von 10 Reichsmark vor.

Die Einfuhrscheine. Die Regierungsvorlage beftimmt, bei Einführung von Getreide den Ein­fuhrschein nur über den jeweils geringsten in der Zollvorlage vorgesehenen Zollsatz aufzustellen. Je­doch ist bei Roggen und Hafer der Wertbestim­mung des Einfuhrscheines ein Betrag von Reichs­mark 6 pro Doppelzentner, bei Weizen und Spelz ein Betrag von Reichsmark 6.50 pro Doppelzent­ner zugrunde zu legen, solange die Zollsätze für Roggen und Hafer 7 Reichsmark ober 9 Reichs­mark pro Doppelzentner und bei Weizen und Svelz 7.50 Reichsmark ober 9.50 Reichsmark pro Dop­pelzentner betragen.

Alle Sachverständigen haben sich dagegen aus­gesprochen, für den Einfuhrschein den Mindestzoll­satz zugrunde zu legen. Sie legen dar, daß der

Die Hausfrau bevorzugt:

Einsuhrschein bisher das wesentlichste Mittel gewe­sen sei, um eine nahezu hundertprozentige Aus­wirkung der Getreidezölle auf die Preisbildung in Deutschland zu erreichen. Der Zoll wirkt sich nur aus in der Höhe der Einfuhrscheine. Dieft Auswirkung wirb beeinträchtigt, wenn man den Einfuhrschein nicht mehr über den vollen Zollbe­trag arisstellt.

Viehzölle, a) die Zollsätze sollen durch vertrags­mäßige Abmachungen bei Rindvieh zu Schlackt- zwecken nicht unter 24,50 für je Doppelzentner Le­bendgewicht betragen (bislang 16 Reichsmark). Denselben Vorschlag macht der Landwirtschaftsrat. b) Bei Schafen zu Schlachtzwecken 22,50 je Dop­pelzentner. Auch da ist der Landwirtschaftsrat 'm gleichen Ansatz. c) Bei Schweinen zu Scklackt- zwecken nicht unter 16 Reichsmark. Bei Unter- idireitung des Preisstandes von Reichsmark 70 eine Zollerhöbung um 50 Prozent, bei Ueberschreitung des Preises pro Dopvelzentner Reichsmark 85 eine Zollfenkung um 50 Prozent.

Die Schweinehaltung ist für die deutsche Land­wirtschaft zur Zeit der Regulator der Wirtschaft. Darin kann sie die nichtverkäuflichen Kartoffeln und Futtermittel veräußern. Zunächst wird die deutsche Landwirtschaft durch Selbstkontinaen»ie- rting der Schweinehaltung sich ausreichende Preist sichern müssen. Wenn die Zahl der Schweine über rund 20 Millionen hinausgebt, ift Uebererzeugung da: der Markt kann dann nicht genügend Schweine aufnehmen, der Preissturz ist da.

Aber weil die inländische Landwirtschaft eine für den Konsum genügende Zahl von Schweinen mästen kann, muß sie gegen das billiver produ­zierende Ausland, namentlich gegen Polen <p- fchützt werden. Bei Schweinen kann man auch das System der Gleitzölle anwenden. Sckwe'ne sind eben keine Stapelartikel: — damit läßt sich keine Groß- und Vorratsspekulation treiben.

Der Landwirtschaftsrat schlägt einen Mindest- zollsatz von 25 Rm., eine Gleit,zollerhöbung auf 54 und eine Glestzollminderung auf 6 Rm. vor.

Die kleineren Positionen seien hier übergangen. Die Vorlage wurde am Montag vom Reichstag an den Handelspolitischen Ausschuß verwiesen. Dort wird sie eingehende Beratung finden. Hoffen wir, daß da eine brauchbare Unterlage für die ab­schließende Beratung und Beschlußfassung im Reichstage geschaffen wird.

Selbftmoch-Stafiffit.

Die Selbstmorde im Deutschen Reich im bahre 1927.

Die Zahl der Selbstmorde ift nach ihrer ständigen Zunahme in den Vorjahren im Jahre 1927 wieder et­was zurückgegangen. In diesem Jahre wurden im Deutschen Reich 15 974 Selbstmorde oder 25,3 auf 100 000 Einwohner gezählt, das find 506 weniger als im Jahre 1926 An der Abnahme der Selbst» mordhäusigkeit war jedoch nur das männ­liche Geschlecht beteiligt. Die Zahl der männlichen Selbstmörder war 11 327 oder 37,0 auf 100 000 mann» Ische Einwohner um 519 geringer als im Vorjahr, während die Selbstrnordhäusigkeit des weiblichen Ge­schlechts, wie aus der folgenden Ileberficht heroorgeht, geht, eine geringe Zunahme erfahren hat Beim männ­lichen Geschlecht hat die Selbstmordhäufigkeit in allen Altersstufen abgenommen, am stärksten bei den 60—70- jährigen Männern: in diesen Altersstufen betrug die Abnahme durchschnittlich 9 v. $). Aber auch bei den im erwerbsfähigen Alter stehenden Männern ist die Häufigkeit der Selbstmorde nicht unbeträchlich zurück- gegangen, im Alter von 15—30 Jahren um 6 o. H. und im Alter von 30—60 Jahren um 4 v. H. Eine Zu­nahme war lediglich bei den 10 bis unter 15 Jahren

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alten Schülern zu verzeichnen, von denen 3,5 auf 100 00C Selbstmord begingen gegenüber 2,9 im Jahre 1926.

Demgegenüber ist die Selbstmordhäutig, k e i t der F r a u e n im Alter von 30 bis unter 70 Iah- ren im Jahre 1927 etwas a n g e ft i e g e n, ebe.isc bei den unter 15 Jahre alten Mädchen. Nui die S e l d st m o r d e von 15 bis 3( Jahren alte Frauen und von über 70 Jahre alten Erei- sinnen waren etwas weniger zahlreich als im Jahr« 1926. Die Zunahme t er Selbstmorde von Frauen gegenüber 1913 dürste in erster Linie auf die gegen­wärtigen durch den großen Frauenüberschuß bedingter besonderen Verhältnisse des weiblichen Geschlechts zu­rückzuführen fein Unter dieser haben besonders viel« 30 Jahre alte Frauen zu leiden, während die Heirats- aussichten der jüngeren Frauen infolge des allmählicher Aufrückens der am Weitkrieg nicht beteiligt gewesener und daher vollbesetzten Jahrgänge des männlichen ®e- schlechte sich von Jahr zu Jahr' günstiger gestalten.

In Hessen-Nassau betrug die Zahl der Selbst­morde 1926- 362 männliche, 164 weibliche, 1927: 411 männliche, 180 weibliche.

Die Jungfernfahrt des umgebauten Columbus.

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Der umgebauke „Columbus" bei der ersten Ausfahrt aus Bremerhaven.

Links: der „Columbus" vor dem Umbau.

Der Norddeutsche Lloyd hat seinen Ozeandampfer „Columbus" völlig umgebaut, wodurch besonders die S rnelligkeit bedeutend erhöht wurde. 2);e Verkürzung der Schornsteine läßt den „Columbus" der „Bremen" und „Europa" ähnlich werden. Anstelle der bisherigen Kolbenmaschinen sind mäch­tige Turbinen getreten.

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Ersatzreservist Barth

Von I. L e w a l d.

II —----

Der Tag, an dem er zum erftenmate ins Feld ge­rückt war, bedeutet außer der ersten Urlaubsfahrt die schönste Kriegserinnerung für den Ersatzreservisten Franz 14arth.

Ein strahlender Maitag war es gewesen. Man chrieb erst 1915, und noch lohnte die Begeisterung ür die gute Sache durchs deutsche Land.

Fast die gesamte Einwohnerschaft des kleinen Hes- enstädtchens begleitet die Ausrückenden zum Bahnhof. Liebesgaben aller Art wurden in Ueberfülle gespendet, Ser lange Transportzug war mit Girlanden und Blu­men geschmückt.

Es war fast wie im August 1914.

Franz Barth war glücklich mit seinem Freund Wil­helm Rehm in ein Abteil gekommen, wie sie es beide verabredet hatten. Er hängte rasch ab und brachte seine Sachen unter.

„Achte auf meine Brocken, Franz," sagte er und sprang rasch die Trittbretter hinab. Draußen auf dem Bahnsteig stand seine junge Frau, welche die paar letz­ten Tage bei ihm verbracht hatte. Sie waren kaum ein halbes Jahr verheiratet. Franz Barth sah vom Fenster aus, wie die junge Frau mit den Tränen kämpfte. Wie war sie schmal geworden in den letzten Tagen! Es griff Franz Barth ans Herz, wenn er die Frau sah, wie sie mit schmerzvollem, tränenfeuchtem Blick in das Gesicht ihres Mannes blickte, als wollte sie es in sich hineinsaugen für alle Ewigkeit Er hätte es nicht so gemacht, wenn er eine Frau gehabt hätte Die hätte nicht Herkommen dürfen in diesen letzten Tagen. Das Beisammensein mußte ja eine Qual ge­wesen fein!

Zigaretten wurden noch verteilt, aber die meisten konnten keine mehr unterbringen. Weiter vorn fangen sie vierstimmig. Die meisten freuten sich, endlich in den Krieg zu kommen. Sie waren fast alle in gehobener Abschiedsstimmung, winkten aus den Fenstern und un­

terhielten sich mit den Bewohnern des Städtchens, die den Bahnsteig füllten.

Franz Barth schaute mit gelassener Neugierde in das lebhafte, geräuschvolle Treiben. In ihm war die Lust am Neuen, Unerhörten lebendig, die ihn stets erfaßte, wenn er irgendwohin ins Unbekannte fuhr.

Diesmal gings in den Krieg! Das alles, was Barth über den Krieg gehört und gelesen hatte, war in ihm zu einem starken Gefühl der Spannung geworden. In seiner Seele lebte die Gewißheit, einem Erlebnis uner­hörter Größe entgegenzufahren.

Kein Abschiedsschmerz trübte seine gehobene Stim­mung. Verwandte oder Bekannte waren nicht am Bahn­hof, und von seinen Eltern hatte er sich beim letzten Urlaub mit dem unbekümmerten Leichtsinn seiner 23 Jahre verabschiedet.

Vielleicht war unter den 500 Ersatzreservisten des Transportes keiner, der so gelassen und innerlich ge- fpannt dem Abenteuer Krieg entgegenfuhr, wie Franz Barth.

Nicht daß er voll lärmender Lustigkeit gewesen wäre, wie so viele andere. Das lag feiner Natur nicht. Aber er sehnte den Augenblick herbei, da der Zug endlich ins Rollen kam.

Und der Augenblick kam. Wilhelm Rehm stand am Fenster und winkte seiner Frau. Lieb Vaterland, magst ruhig sein! — erklang es brausend aus allen Kehlen, während die junge Frau Rehm, das Gesicht tränenüber­strömt, mit dem Taschentuch winkte.--

Herrlich war die Fahrt durchs deutsche Land. Blü­tenbeladene Bäume und winkende Menschen überall. Wie in einem frohen Rausch fuhren sie dahin. Selbst Wilhelm Rehm hatte seine gedrückte Stimmung verges­sen und beteiligte sich lebhaft am allgemeinen Gespräch über das, was sie erwartete. —

Es wurde Abend und Nacht. Im Zug war es still geworden. Sie saßen und lagen im Abteil, so gut es gehen wollte. Sogar im Gepäcknetz hatte es sich einer bequem gemacht. Am Morgen waren sie in Frankreich. Fremdklingende Ortsnamen an den Bahnhöfen, hier und da Ruinen, eine lastende Schwermut lag über dem fremden Land,

Einmal hielten sie Seite an Seite mit einem Laza­rettzug, der nach der Heimat fuhr. Etwas Seltsames schaute Franz Barth aus den jungen Gesichtern an, die ihm entgegenblickten. Sie zeigten ein so eigentümliches, farbloses Braun und hatten reife, wißende Augen, die gar nicht zu ihrer Jugend passen wollten.

Die vom Transport reichten Schokolade und Ziga­retten hinüber und stellten vielerlei Fragen. Franz Barth sah ein verhaltenes Lächeln drüben beim An­hören der lauten Begeisterung. Wie es bei ihnen ge­wesen märe, fragten die um Franz.

Wie es halt so im Krieg wäre, in 14 Tagen würden sie es schon wissen. —

Hinter Sedan tauchten die ersten Soldatengräber auf, verwitterte Holzkreuze mit verbeulten Helmen dar­aus.

Riesengroß stand die Todesangst auf in Franz Barth. Aus diesen verlassenen Gräbern sah er den Tod seine Knochenfaust recken gegen ihn und alle, die mit ihm fuhren. Ein würgender Ekel und eine solche hilflose Verzagtheit erfaßten ihn, daß ihm der Schweiß auf die Stirne trat. Er stand auf und trat ans Fenster, von qualvoller Mutlosigkeit übermannt. Vernichtet war alles in ihm, was eben noch gespannt und abenteuer- lüstern in die Ferne gelauscht hatte. Welch ein Wahn­sinn war der Krieg! Franz Barth erlebte Minuten voll verzweifelter Todesangst. Niemals später, auch nicht im schwersten Trommelfeuer, hatte ihn derartig hoff­nungslose Verzweiflung die Seele zu erwürgen gedroht

Dann kehrte langsam der Lebensmut seiner 23 Jahre zurück. Nein, der Tod und diese verlassenen Gräber waren nicht das Ende! Noch nie war dieser Gedanke mit einer solchen beseligenden Sicherheit in ihm auf­gestiegen als jetzt, in dem verzweiflungsvollsten Augen­blick feines Lebens.

Er trat zurück und setzte sich wieder. Es war ihm, als sei er in den wenigen Augenblicken um Jahre ge­altert und ein ganz anderer Mensch geworden. —

Sie hielte an großem Bahnhof. Alles war aus- gestiegen, ging auf dem Bahnsteig auf und ab und vertrat sich die von der langen Fahri steifgewordenen Beine. Vorn hatte sich die Sängergruppe wieder zu- fammengefunben. Seltsam fremd klang die Weise von

— Dineta, der heiligen Stadt — in das Donnern fah­render Züge und den Lärm des von fclbgrauen Ge­stalten erfüllten Bahnhofes.

Gegen Abend fliegen sie aus, froh, nach der langen Bahnfahrt wieder einmal marschieren zu können. Das Land war von grauem Staube bedeckt und von zahl­losen Wagenspuren durchzogen. Kolonnenwagen tarnen an ihnen vorbei. Langbärtige Gestalten in grauen Män­teln saßen auf den Gäulen und Wogen und fuhren in den sinkenden Abend. Ein dumpfes Grollen klang ab und zu aus der Ferne.

Die erste Nacht verbrachten sie auf dem nackten Bo­den einer Scheune. Franz Barth und Wilhelm Rehm lagen nebeneinander. Das Donnern ferner Geschütze klang durch die Nacht.

Fröstelnd erhoben sie sich beim ersten Tagesdämmern und schauten mit blassen, übernächtigen Gesichtern in den kühlen Maimorgen.

Dann wurde der Transport eingeteilt, und beide kamen in die gleiche Korporalfchaft, wie sie es sich gewünscht hatten.

Die Kompanie lag gerade in Ruhe Die zwei Neu­linge fanden ihr Unterkommen in der Kammer eines Bauernhauses, in dessen Stube die „Alten" lagen. Es war ein kümmerliches Gelaß, das die beiden bezogen hatten, der Boden mit Backsteinen belegt, statt eines Fensters ein Loch in der Wand. Aus einer alten Scheune hotten sie sich ein Bund Weiden und schliefen darauf, um nicht auf dem nackten Steinboden liegen zu müssen. Vor das Fenster hängten sie eine Zeltbahn.

Ader es nützte alles nichts. Am nächsten Morgen hatten beide einen gewaltigen Schnupfen.

Die Kameraden, die sie antrafen, sahen nun freilich ein wenig anders aus, als Franz Barth sich die Krieger gedacht hatte. Es waren fast alles alte Landwehrleute, die den Krieg herzlich leid waren und keinen Hehl aus ihrer Meinung machten. „Das sind mal miserable, fnottertge Kerle," meinte Wilhelm Rehm schon am zwei­ten Tag, „wenn man immer dieses Genörgel mitan­hören soll, vergeht einem ja der ganze Spaß am Se­hen."

Fortsetzung folgt.