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8t 292.

Mttwoch. den 18. Dezember 1929.

Fuldaer Zeitung

Der Heilige Vater au die katholischen Arbeitervereine.

Im Oktober d. I. war eine Vertretung der Katholischen Arbeiterinternationale in Rom. Die deutsche Vertretung hat dabei dem Heiligen Vater eine Adresse überreicht, die von Msgr W a l t e r b a ch und Abg. Joos unterzeichnet war. Unterm 9. November hat der Heilige Vater auf die Adresse geantwortet. Das Ant­wortschreiben ist gerichtet an den Vorsitzenden des Reichsverbandes Katholischer Arbeiterver­eine Detuschlands, Msgr. Walterbach (Mün- sten), und hat folgenden Wortlaut:

HochnKirdigster Herr!

Dem Herzen des Heiligen Vaters gereichte der Besuch, den Ihr Ihm als feine Söhne machtet, so- <yie das von Euch im Namen der Katholischen Ar­beitervereine Deutschlands überreichte Schreiben zu höchster Befriedigung. Der Besuch wie das Schrei­ben sind nicht bloß ein Beweis für Eure besondere Ergebenheit gegen den Heiligen Vater, sondern auch ein volles und ausdrückliches Bekenntnis zu den sozialen Grundsätzen der Kirche, das Ihr als Vertreter der dem Verband angehörenden katholi­schen Arbeiter Deutschlands in so edler Weise ab­legen wolltet.

Von Euch kann tatsächlich wiederholt werden, was schon Papst Pius X. seligen Andenkens 1912 in der Enzyklika Singulars quadam an die deutschen Bischöfe fchrieb, daß f?e „dem Apostoli­schen Stuhle in hingehendster Treue und Gehor­sam verbunden sind und es ihre Art ist, für die Kirche hochherzig und tapser zu kämpfen". Und wie die katholischen Arbeiter mit gutem Recht „die stärkste Billigung verdienen und am meisten von allen für geeignet zu halten sind, die wahren und echten Interessen ihrer Mitglieder zu fördern", weil sie „zunächst und zuerst auf dem Boden der katholischen Religion stehen und offen der Kirche als Führerin folgen", so besteht auch gegenwärtig die Zuversicht, daß sie „unter tatkräftiger Mit­arbeit des Klerus, unter dessen Leitung und Füh­rung sie stehen, stärkste Kräfte in sich schließen, um die Unverfälschtheit des Glaubens und die Reinheit der Sitten ihrer Mitglieder zu schützen und ihr Glaubensleben durch vielfältige, religiöse Hebungen zu nähren".

In der Tat war es dieser übernatürliche Aweck, um desientwillen auch in Deutschland die Katholi­schen Arbeitervereine entstanden sind und sich ent­wickelt haben. Sie waren beseelt von dem Geiste der Enzyklika Rcrum novarum Leos xill. Es stand ihnen zu Gebote die beharrliche Arbeit und die einmütige Mitwirkung des Klerus, dessen Stre­ben dahin geht, den Vereinsmitgliedern die größt­mögliche Mehrung ihres materiellen, wirtschaftli­chen und sozialen Wohlergehens zu verschaffen. Dabei behält er indes durchaus die religiöse und sittliche Vervollkommnung im Auge und trägt ge­rade dadurch zur Erneuerung der Gesellschaft bei. Dieser gründlichen Erneuerung bedarf aber die mo­derne Gesellschaft heute mehr denn je, weil sie, christusfremd und fern den Geboten der Gerechtig­keit und Liebe im Evangelium, so viele dazu ver­leitet hat, das herrschende Wirtschaftssystem aus­schließlich zum persönlichen Vorteil und zum Scha­den der anderen auszubeuten und so dem Sozial­problem ein Gesicht uud eine Lösung zu geben, die nicht christlich genannt werden können. Ganz besonders aber bedürfen ihrer die schlecht zufriede­nen Arbeitermassen, die durch eine ungesunde ma­terialistische Propaganda verführt und durch die

darausfolgenden sozialen Umwälzungen aufge­wühlt worden sind. Sie werden von den Irrtü­mern, die sie gefangen halten, nur befreit werden und zum erstrebten Frieden mit den Arbeitgebern kommen unter Anwendung der sozialen Grund­sätze der Kirche. Freilich müssen diese richtig ver­standen und auch von Laien weiten Kreisen zu­gänglich gemacht werden, von Laien, die von dem der Katholischen Aktion eigenen katholischen Apo­stolatsgeiste erfüllt sind.

Die Katholische Aktion besteht ja in der Betei­ligung der Laienwelt am hierarchischen Apostolat und zielt dahin, die katholischen Grundsätze auf al­len Gebieten — das der Wirtschaft und Arbeit nicht ausgeschlossen —, zu wahren, zu verbreiten und in die Tat umzusetzen. Daher wird jeder verstehen,welch' mächtigen Damm die auf diese Aktion sich stützen­den katholischen Vereine der Ueberflutung durch den Sozialismus entgegensetzen. Zur rechten Zeit bekämpft Ihr auf dem Fundament der ewigen Wahrheiten, von denen sich die soziale Lehre der Kirche leiten läßt, die neuen Trugschlüsse derer, die die Lehre des Evangeliums vom irdischen Leben und von den Gütern dieser Welt falsch verstellen und deshalb glauben, daß sbe gleichzeitig gute Ka­tholiken und Sozialisten sein oder mit den Sozia­listen sympathisieren können oder sogar müssen.

Indem Ihr die Arbeiter vor diesen falschen Lehren bewahrt, zeigt Ihr, daß Ihr die feierliche Mahnung wohl verstanden habt, die der Hl. Vater im Konsistorium vom 18. Dezember 1924 an die Gesamtheit richtete, alle Kräfte aufzubieten, um die äußerst schweren Gefahren und die ganz sicheren Ställen des Sozialismus und Kommunismus fern­zuhalten. Roch mehr: Ihr geht von den Mahnun­gen des Hl. Vaters aus, wonach jene Verteidigung um so weitgreifender und wirkungsvoller ist, wenn gleichzeitig mit den materiellen und wirtschaftlicllen auch für die religiösen und sittlichen Lebensbedin­gungen des Arbeiters wie überhaupt des kleinen Mannes gesorgt wird. So setzt Ihr ein herrliches Werk des sozialen Wiederaufbaues fort. Ihr ver­wertet dabei, wie Ihr selbst erwähnt, die von Sr. Heiligkeit in verschiedenen Ansprachen eingeschärf- ten Grundsätze, Grundsätze, die erst kürzlich in einem feierlichen Bescheid der Heiligen Konzilskon­gregation an den Bischof von Lille bargelegt wor­den sind.

Cs freut den H. Vater, in Eurem Schreiben den Nutzen hervorgelloben zu sehen, den die katholischen Vereine stiften, sei es dadurch, daß sie für zeitge­mäße staatliche Maßnahmen und Scllutzqesetze ein­treten, sei es dadurch, daß sie die Mitwirkung der Arbeiterorganisationen fördern, fei es durch Diszi­plinierung des Verbrauches, durch vorforgl. Mehr- rung der Ersparnisse Gwie durch die für ein glück­liches und ehrbares Ehe- und Familienleben not­wendige Beschaffung gesunder Wohnungen Alles Dinge, die zur Verteidigung der Rechte des Ar­beiters und zur Steigerung seines Wohlstandes die­nen, vor allem gegenüber der Uebermacht der mo­dernen Riesenindustrie. Und was noch mehr be­deutet: Ihr habt soviel Gutes geschafft als Aus­wirkung der sozialen Gerechtigkeit und Liebe und nicht als Ergebnis des aus gegenseitigem Haß oder unmäßiger Gier nach irdischem Sattsein geborenen Klcffsenkampses. Ihr stellt dagegen die materiellen Güter in den Dienst der kulturellen, sittlichen und religiösen Vervollkommnung Eurer Mitglieder.

Dadurch erreicht Ihr die wahre Hebung des Vol­kes; denn diese besteht nicht bloß in einer Besse­rung der wirtschaftlichen Existenz, sondern in sei­ner Erlösung von der Tyrannei des Irrtums und des Lasters und in der Sicherung des unermeß­lichen Glückes, das in dem wunderbaren Lichte des Evangeliums uns entgegenleuchtet.

Der Hl. Vater ist sicher, daß Ihr nicht weniger wie bisher Euch auch in der Zukunft um die Be­gründung einer besseren Wirtschafts- und Gesell­schaftsordnung bemühen werdet, um dadurch dem Arbeiter einen höheren Wohlstand, zu ttertociffcn, gleichzeitig die Eintracht zwischen ihm und dem Ar­beitgeber zu festigen und so die friedliche und auf­richtigen Sinnes gewollte Zusammenarbeit der ver­schiedenen Faktoren der wirtschaftlichen Produk­tion zu fördern.

Mit diesen Wünschen erteilt Seine Heiligkeit in liebevoller, väterlicher Gesinnung Ihnen, Mon­signore Miller, Herrn Joos, den Katholilcken Arbeitervereinen, allen ihren Mitgliedern und de­ren Familien den Apostolischen Segen.

Mit dem Ausdruck vorzüglicher und aufrichtiger Hochachtung zeichne ich als Euer Gnaden erge­benster

P. Kardinal Gasparr?.

Das Reichsehrenmal.

Der Reichsminister des Innern hat dem Reichstag in Sachen des Reichsehrenmals folgende Mitteilung zukommen lassen:

„Der Reichstag hat in seiner Sitzung vom 15. Dezember 1928 auf Grund mündlichen Berichts des 19. Ausschusses (besetzte Gebiete) über verschiedene Maßnahmen zugunsten der besetzten Gebiete be­schlossen, von der Beratung und Beschlußfassung über die Platzwahl eines Reichsehrenmals für die im Weltkriege gefallenen Söhne Deutschlands so lange absehe'n zu wollen, bis der deutsche Boden von fremdländischer Besatzung befreit ist. Diesem Beschluß entsprechend hat die Reichsregierung dem Reichstag vom 3. Juni 1929 mitgeteilt, daß die Entscheidung über die Reicksehrenmalsfrage bis auf weiteres zurückgestellt wird. Wie ich wohl mit Recht annehmen darf, lag der Tatsache der fremd­ländischen Besatzung deutscher Landesteile die In­teressen dieser Gebiete bei der Entscheidung über die Platzfrage des Reichsehrenmals beeinträchtigen könne. Nachdem inzwischen auch die zweite Zone des besetzten Gebietes von den Besatzungsmächten geräumt worden ist, erscheint diese Besorgnis nach meinem Dafürhalten nicht mehr begründet, da nunmehr sämtliche Gebiete des Westens, die nach den bisherigen Vorschlägen als Ort des Reichs- ehrenmals in Frage kommen können, von fremder Besatzung frei sind. Ich beabsichtige daher im Einklang mit den in dieser Hinsftht in weiten Krei­sen des Volkes bestehenden Wünschen der Frage der Errichtung eines Reichsehrenmals weitere Folge zu geben und beehre mich dies dem Reichs­tag zur Kenntnis zu bringen."

* Die die Frauen wählen. Die Beobachtung, die man bisher an einzelnen Stellen im Westen Deutschlands über die Haltung der Frauen bei den Wahlen machen konnte, haben bei den Kommu­nalwahlen am 17. November in Berlin eine Be­stätigung gefunden. In Berlin sind am 17. No­vember zum ersten Mal für Männer und Frauen

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Arliendruckerei, Fulda.

getrennte Listen geführt pwrden. Eine Nachprü­fung der Verteilung der Männer- und Frauen­stimmen ergibt, daß sich die Frauen von den radi­kalen Parteien etwas fernhalten. Bei den Na­tionalsozialisten überwiegt die Zahl der männlichen Stimmen erheblich die der weib­lichen. Dagegen ist es bei den Parteien, die reli­giös bestimmt scheinen, umgekehrt. Für die Liste des Christlichen Volksdienstes in Berlin ist dieses Uebergewicht der Frauenstimmen ßerordentlich erheblich. Es macht mehr als zwei Drittel aus, bei der Z e n t r u m sl i st e hat sich em Verhältnis 5:3 zwischen den Stimmen der Frauen und der Männer herausgestellt. Vielfach wehren sich die Frauen dagegen, daß getrennte Listen c\e führt werden, aber die politisch-psychologische Wif senschast wird wohl bald doch ein großes pnte- resse daran finden, durch eine genaue Nachprüfung und Analysierung der Stimmabgabe bei den Wah­len den Motiven der politischen Willensbildung bei den Männern und Frauen nahe zu kommen.

Dr. Noldin f.

In Bozen ist der Deutschenführer Rechtsanwalt Dr. Noldin gestorben.

Dr. Noldin war im Jahre 1888 in Saturn ge­boren. Er hatte in Innsbruck studiert. Im Kriec geriet er in russische Kriegsgefangenenschaft. Nack, der Heimkehr 1929 ließ er sich als Rechtsanwalt in Salurn nieder und widmete seine ganze Kraft der Verteidigung feiner in ihrer kulturellen Eigen­art bedrohten 's ü d t i r o l e r Landsleute. Ci wurde einer ihrer berufensten Führer. Im Jahre 1925 wurde er verhaftet und mit einer Geldstrff-' belegt. Zwei Jahre später wurde er in geheimem Verfahren zur Verbannung nach der Insel Lipon verurteilt, von roo er mit gebrochener Gesundheit zurückkehrte Der mutige und aufrechte Manr wird sich das ehrenvollste Andenken bewahren.

Dr. Noldin mar ein treuer Katholik. Er gehörte dem Verband der katholischen Studenten­vereinen Deutschlands an. Der K. V. hat sich wie­derholt mit Protesten gegen Mussolinis Terror gegen Öen wackeren Kämpfer für das Deutschtum in Südtirol eingesetzt. So ist auch Dr. Noldins Heimkehr aus der Verbannung ermög­licht worden, die aber den Todeskeim in dieiem Märtyrer der deutschen Sache zurückließ. Wer üi mit Einsetzung seines Lebens für die deutsche Sache gekämpft und gelitten hat, der steht erhabei da, wenn Leute, dir vielleicht den italienischen Dik­tator anhimmeln, die Vaterlandsliebe des Katholi zsmus in Zweifel ziehen möchten. Die T a t fein beweißt der Liebe Kraft!

Wie wird das Wetter?

Zum erstenmal feit längerer Zelt hat sich über West europa ein kräftiges Hochdruckgebiet entwickelt, das dem Vordringen der auf dem Atlantik sich immer noch ent- wickelnden Wirbel Widerstand leistet. Wir bleiben unter dem überwiegenden Einfluß dieses Hochdruckgebiets und können mit vielfach heiterer und vor allem nachts fäl­terer Witterung rechnen. Auf der Rückseite des bei Finnland liegenden Wirbels bilden sich immer noch ein­zelne Störungen aus, so daß ganz vereinzelt auftre. tende Schauer auch bei uns noch nicht ausgeschlossen sind.

Witterungsausfichten für Mittwoch: Vielfach hei­ter »trocken, vielerorts Nachtfrost, wechselnde Winde.

Diplom-Optiker Saiierborn, Fulda, Steinweg 12.

Barometer, Feldstecher, Theatergläser, Prismengläser, Kneifer, Brillen, Lorgnetten, Lesegläser, Lupen sind praktische Geschenke von bleibendem Wert und sollten unter keinem Weihnachtsbaum fehlen.

MNMWAklMWm.

Roman von M. W. S o p h a r.

51] (Schluß.)

Ihr Spaziergang hatte fie an die Stelle geführt, tvo die Terrasse des Gartens Plötzlich in einen von Schlüsselblumen überwucherten Abhang endete, der sie zum Stillstehen nötigte.

„So kann ich denn, trotzdem ich Sie erste eine Woche kenne, und Sie mich vielleicht für einen Wahnsinnigen halten, doch keinen Tag mehr Vorbeigehen lassen, ohne Ihnen die Wahrheit gesagt zu haben." Seine Stimme gab die volle Leidenschaft wieder, die ihn beseelte, er streckte die Rechte aus, zog ihre Hände an sich und sagte leise:

„Ich liebe dich — du süßes, liebes Mädchen."

Malchens Augen hoben sich eine ganz kurze Sekunde, aber Arthur sah in dieser Sebrnde in ihren klaren Tie­fen alles, was zu scheu er sich so fehnlichst gewünscht hatte, ©ein Arm schlang sich um Malchen in enger Umarmung, er beugte den Kopf zu ihr hinunter und küßte innigst ihren Mund.

„Mein — mein — mein," sagte er triumphierend, „denn du willst das doch, Geliebte? Du willst mein Weib werden? Du hättest mir sonst nicht gestattet, dich zu küssen, wenn du nicht einwilligen würdest, mein zu werden?"

„Haben Sie mich denn gefragt?" flüsterte fie, und ein flackerndes Lächeln überzog ihr rosiges Gesicht. „Sie — du nimmst vieles als selbstverständlich an."

Und als leidenschaftliche Küste ihr Gesicht bedeckten, lehnte sie es an seine Schulter, um das Erröten von Wangen und Stirn zu verbergen.

„Nehme ich wirklich zu viel an, mein Geliebtes?" fragte er, als sie sich nach einigen Minuten wieder um­gewandt hatten und weiter schritten. „Soll ich dir sagen, daß ich dich von dem ersten Augenblick an, als ich dich sah, schon liebte?"

„Hast Du mich wirklich und wahrhaftig vom ersten Augenblick an geliebt?" Ein Paar lachender, brauner Augen mit goldenen Lichtern sahen voll in Arthurs blaue Augen. „Bist du ganz sicher, daß du mich geliebt hast, als du mich zum ersten Male sähest?"

„Ganz, ganz sicher," lautete feine herzliche Antwort. -Ich lehnte mich aus dem Fenster, um den Sonnenun­

tergang zu betrachten, als du aus dem Eingang der Rosenlaube tratest und in deinem weißen Kleid durch den Garten schrittest. Dein Haar schien wie reines Gold, und ich dachte, daß dein Gesicht das schönste und süßeste sei, das ich je gesehen. Ich glaubte, du trafest gerade im selben Augenblick mein Herz, als ich dich zum ersten Male sah." Er wiederholte diese Worte mit Nachdruck und voller Triumph, und Malchens Augen strahlten vor Uebermut in der Erinnerung an das wirkliche „erstemal" ihrer Begegnung mit Arthur. Der hübsche, luxuriöse Sa­lon von Frau Bendler trat ihr vor Augen, sie sah sich in ihrem braunen Kostüm, in dem sie sich so fremd, so unbehaglich, so schüchtern, so linkisch und eingezwängt gefühlt hatte, und sie sich Arthur, ritterlich, aber kalt, höflich aus Mitleid für das kleine Mädchen für alles, und doch mit einem Ausdruck der Mißachtung und des Verdrusses in feinen Blicken.

Jetzt entzog sie ihm ihre Hände, die er noch fest­gehalten hatte, und sagte sanft: „Sie wissen ja noch nicht einmal meinen Vornamen, Sie haben meine Beschützerin noch nicht kennen gelernt, Sie wissen ja überhaupt noch nichts von mir, ich bin Ihnen eine vollständig Fremde. Vielleicht — wenn Sie mich erst wirklich kennen — viel­leicht wollen Sie mich dann gar nicht zur Frau."

„Du willst doch nicht sagen, daß — daß irgendwie eine Schwierigkeit besteht?" fragte er erschreckt. „Es kann doch keinen Grund geben, der dich abhalten könnte, mich zu heiraten?"

„Nein — nein, das glaube ich nicht." Sie lächelte herzlicher. „Im Gegenteil — ich glaube sogar — daß Sie, daß du allen Grund hättest, mich wohl zu heiraten, aber —"

„Ich möchte kein Aber hören" — er griff wieder nach ihren Händen — „ich möchte nur das eine wissen: Liebst du mich so, um mich heiraten zu können?" Er sprach so ernst, so voll innigster, flehender Leidenschaft, daß sie ihm im gleichen Ton antwortete:

„Ja, ich liebe dich und will dich heiraten, aber — nein — warte doch einmal einen Augenblick, du mußt erst hören, was ich dir unbedingt zu sagen habe." Und ehe sie ihm wieder gestattete, sie in seine Arme zu schlie­ßen, schlüpfte sie davon uni) sah ihm ruhig in die Augen.

„Ich sagte dir, daß ich Maddinger hieße — das — das ist nur zum Teil wahr. Ich bin unter dem Namen ausgewachsen, weil es der Name des Stiefvaters meiner Mutter war, er war gegen meine Mutter in ihrer Kind­

heit sehr gut — aber, du hast dich doch nicht in mich ver­liebt, als du mich zum ersten Male gesehen hast."

„Was willst du damit sagen?" fragte er ganz ver­wundert. ,Ich liebte dich in dem ersten Augenblick, als ich dich sah."

Ihr glockenreines Lachen ertönte, ihre Augen fun­kelten.

„Ach nein — nein — das hast du wirklich nicht ge­tan. Als du mich zuefft gesehen, hast du mich auch nicht ein bißchen leiden mögen. Weil, als deine Augen zum ersten Male auf mich fielen, ich im Salon von Frau Bendler als das kleine ungebildete Dienstmädchen da­stand — Miranda Maddinger — Mühe — von denen, die mich lieb haben, Malchen genannt."

Am Schluffe ihrer Worte sprach sie im herzlichen Ton, reichte Arthur die Hand und sah ihn mit flehendem Blick an.

Als sie noch immer ohne ein Wort der Erwiderung, ganz verdutzt anblickte, stammelle sie:

„Willst du mir verzeihen, daß ich dich etwas anderes glauben ließ?"

„Dir verzeihen?" sagte er bebend. „Ich — ich kann nur noch nicht ganz begreifen. Du kannst doch nicht — Miranda Mühe fein, du kannst doch nicht — die Erbin von Gottfried Haller fein?"

„Doch, doch, das glaube ich wohl! Ich bin feine Er­bin — und sogar auch seine Großnichte." Arthur wurde immer sprachloser. „Ich habe dir eine Menge zu erzäh­len — aber nur Tatsachen."

Endlich sand er Worte. Er stotterte:

„Aber — wenn ich gewußt hätte — wenn ich gewußt hätte — bann würde ich — könnte ich nicht — es ist alles unmöglich — Sie sind eine reiche Erbin — ich —"

„Du bist der Mann, den ich liebe," flüsterte sie. „Der Mann, den ich schon drei Jahre lang liebe, und das Geld ist uns beiden vererbt."

Der Spaziergang in dem Olivengarten wurde sehr, sehr lange ausgedehnt, die übrigen Gäste an der Tafel hatten für den Rest des Abends Stoff zum Klatsch, weil das junge Paar das Speisezimmer erst betrat, als die süße Speise serviert wurde. Ihre strahlenden Gesichter er­klärten die Situation zur Genüge, und Frau (Brau wußte auch schon lange vorher, was Malchen ihr zu sagen hatte, ehe ihr die Mitteilung in Zusammenhängen- den Worten gemacht war.

„Ich wollte, daß er mich nur um meiner selbst willen liebte,“ sagte Malchen, die sich so dicht neben Frau

Graus Ruhebett gesetzt hatte, um sich von ihr streicheln lassen zu können. „Ich — ich selbst — ich glaube, ich habe ihn von der ersten Minute an geliebt, als ich ihn im Salon von Frau Bendler sah, und ich dachte damals, ich würde eines Tages fertig bekommen, ihn in mich ver­liebt zu machen."

„Brauchtest du dich dabei sehr anzustrengen?" fragte die glückliche Frau Grau scherzhaft.

„Eigentlich gar nicht. Er sagt, er hätte mich sofort geliebt, als er mich vom Fenster aus gesehen und ehe ich noch gewußt, daß er üedrhaupt hier war. Ich glaub, ober, wenn er gewußt hätte, wer ich war, so wäre ei sofort davongelaufen; er hatte solche Angst vor dem dum men Geld, das doch schließlich ihm gerade so gut gehör! Aber jetzt —"

„Jetzt?"

„Na. ich habe ihn gelehrt, einzusehen, daß das Gel! nach keiner Richtung hin eine Rolle spielt, vielmehr nui unsere Liebe — nur unsere Siebe!" Wie denkst du setz! über Onkel Gottfrieds Testament, Arthur?" fragte Frau Arthur Darberg fünf Monate später ihren Gatten, als sie zusammen auf der Terrasse des Herrenhauses in Sm- genburg standen und in die Sommerpracht ihres Gartens blickten. „Meinst du noch, daß er damit einen großen Bock geschossen hat?"

Arthur wandte den Blick von den Rosen ab und sah feiner Frau mit leidenschaftlicher Hingabe in die Augen. Dann sagte er im Brustton der Ueberzeugung:

„Ich halte meinen Paten nachttäglich für einen der gescheitesten Leute. Ihm allein habe ich es zu verdan­ken, daß ich die arme kleine Stella nicht geheiratet habe — wir hätten uns gegenseitig unglücklich gemacht. Und jetzt —"

„Und jetzt heiratet Stella zum zweiten Male, und zwar einen Mann, der viel, viel besser zu ihr paßt als du, mein verehrter Herr und Gebieter," antwortete Mol­chen und ließ ihren Arm durch seinen gleiten, „und sie wird viel glücklicher fein — und du und ich —"

„Wir sind Könige in unserem Reich. Ich habe ein­mal törichterweise Gottfried Haller geschmäht, weil ei einer Meinung nach ein ganz widersinniges Testament gemacht hatte. Jetzt und für immer segne ich ihn, weil sich fein Testament zu dem Schlüssel verwandelt hat, der uns beiden die Pforten des Paradieses öffnet."

— Ende. —