Einzelbild herunterladen
 

r. 283»

Samstag, Den 7. Dezember 1929

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt).

Juida, öen 6 Dezember 1929

Fuldaer Arbeitsmarkt.

Arbeitsmarktlage hat sich im Monat «o'vember weiter verschlechtert. Die Außen- ,-ruie sind in erster Linie an dem Zugang an Arbeitssuchenden beteiligt. Die verhältnismäßig Günstige Witterung hat den Beschäftigungsgrad Vormonats nicht aufrecht halten können. Das Gewohnheitsmäßige Einstellen der Bauarbeiten ist anscheinend durch die schwierige Finanzlage auf dem Baumarkt gefördert worden. Trotzdem ist die Laue am Vorjahre gemessen, im hiesigen Bezirk nicht als besonders ungünstig zu bezeich­nen Die Rückwanderung aus Rheinland und Westfalen wird voraussichtlich erst im Monat Dezember stärker einsetzen, da üblicherweise die Rückkehr zum Weihnachtsfest erfolgt.

Bestand der Unterstützungsempfänger männlich weiblich insgesamt «m 1 Dezember 1929 1869 253 2122

am 1. November „ 1270 124 1394

1. Dezember 1928 2642 381 3023

25 Jahre!

Heute kann Fräulein Therese Ullrich, Ver­käuferin im Haufe Richard Schmitt GmbH., Fulda, Buttermarkt, ihr 25jähriges Jubiläum bei dieser Firma begehen. Dieses Jubiläum reiht sich an manche andere Personaljubiläen an, die in diesem seit 1812 bestehenden Geschäftshaus begangen wer­den konnten!

Wichtig für Kleinrentner!

Am Montag, den 9. Dezember 1929, 9 bis 11 Uhr wird die Unterstützung für Dezember 1929 an die hilfsbedürftigen Kleinrentner der Stadt Fulda ausgezahlt. Grüne Ausweisnummerkarten find vorzulegen. — Unterstützungen, die an diesem Tage nicht abgeholt sind, werden den Empfangsberech­tigten auf ihre Kosten durch die Post übersandt.

Das Sleinrenknergesetz.

Die Regierungsparteien haben sich der „Voss. Ztg." zufolge an den Reichskanzler mit dem drin­genden Ersuchen gewandt, daß das in der Regie­rungserklärung vöm Juni 1928 und in der Reichs­tagssitzung vom Februar 1929 angekündigte Klein­rentnergesetz nunmehr unverzüglich noch vor den Weihnachtsferien dem Reichstage vor- gelegt werde.

Der Nikolaus-Tag

wurde gestern in Fulda durch den Betrieb des Nikolaus-Marktes auf dem Buttermarkt angekün­digt. Wirtschaftliche Bedeutung hat dieser Markt ja sicherlich nicht. Aber er bietet der Jugend manche Anregung zu mehr oder weniger geräuschvoller Kurzweil.

Ein Notschrei.

Weihnachten steht vor der Tür. Der Wunsch eines jeden Menschen, in der Festesfreude andere mit einem Geschenk zu erfreuen oder auch sich selbst » etwas zu kaufen, wird durch die herrschende Geld- < knappheit erheblich eingeschränkt. Besonders die Kreise vom Hand werk und Gewerbe be- k finden sich infolge der eingerissenen Borgwirt- Uis ch a f t in einer üblen Lage. Das gilt, um nur ein »Beispiel von vielen herauszugreifen, in hohem »Maße für das Bekleidungsgewerbe. Aber auch I in den anderen Zweigen des Handwerks sieht es f nicht besser aus. Handwerk und Gewerbe haben

Anspruch auf Geld, können dieses Geld aber wegen der Zahlungssäumigkeit des Publikums oft nicht hereinbekommen. Infolgedessen ist es ihnen nur in beschränktem Maße möglich, sich ihrerseits als Käufer beim Weihnachtsgeschäft zur beteiligen. Die Leistung des Kurh.-Wald. Handwerkerbundes hat sich deshalb mit dieser Frage beschäftigt und es für notwendig gehalten, im Interesse dieser Kreise an das Publikum die dringende Bitte zu richten, soweit wie möglich die Rechnungennochvor Weihnachten zu begleichen und dadurch auch alle die in die Lage zu versetzen, als Käufer aufzutreten, die sonst darauf zum Nachteile der Allgemeinheit verzichten müßten.

Jahreshauptversammlung des 211. TL

Die Kathol. Männergesellschaft M. N. hielt bei sehr zahlreicher Beteiligung gestern abend in der Harmonie ihre diesjährige Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr G. Singer, erstattete den Jahresbericht. Danach hat das Vere'nsjahr eine Reihe von gelungenen Veranstaltungen ge­bracht, die teils der Geselligkeit dienten, teils der geistigen Anregung der Mitglieder auf den Gebieten, die der M. N. seit Alters her pflegt. Es hielten im Laufe des Jahres Vorträge: Pro­fessor Dr. Scheller, Domdechant Dr. Leim­bach, Professor Dr. Richter und Bau rat Mollenhauer. Die Zahl der Mitglieder betrug zu Beginn des Geschäftsjahres 179. Vier liebe und treue M. N.-Mitglieder find im Laufe des Jahres gestorben. Ihr Andenken wurde in üblicher Weile geehrt. Einige Mitglieder find ausgeschisden, da­für ist aber eine große Anzahl neuer Mitglieder gewonnen worden, sodaß die Gesamt-Mitgliedsr- zahl jetzt 183 beträgt. Die Kasse des Vereins, die durch die Unterhaltung des Lesezirkels stets einen erheblichen Umsatz hat, ist in Ordnung. Dem Kas­senführer, Herrn Halling, wurde Entlastung erteilt. Das 63. Stiftungsfest wird in der herkömm­lichen Weise am 6. Januar, dem Tage der Hl. drei Könige, begangen. Der gesamte Vorstand wurde wiedergewählt. In der Aussprache beschäftigte man sich mit der Teilnahme von M. N.-Mii glie­dern an den deutschen Katholikentagen, die För­derung erfahren soll. Herr Edirnrd Sckmitt lenkte die Aufmerksamkeit auf die am 17. Dezember statt- lindende St. Sturmius-e->ed'nkfeier. Herr R.'ktar Koste wies nachdrücklich auf den Volksverein ür das kathol. Deutschland bin und erbat ^iste zu dessen Ausbreitnna in der Stadt F'ckda. In einen Schlußwort gab der wiedergewählte Vorsitzende der Hoffnung Ausdruck, daß auch im neuen Jahre die Männergesellschaft die ehrenvolle Tradition des M. N. fortsetzen werde.

Die falschen und die echten Fünfziger.

Am 2. Dezember erfolgte seitens des Publi­kums ein wahrer Run auf die Reichsbank. In Frankfurt fanden sich 1500 Personen ein, die Schlange standen und Fünfziger umgetauscht haben wollten. Unter den von der Kasse eingenommenen Stücken befanden sich über 150 Falsifikate. Die echten Fünfziger werden nach wie vor umae- tauscht, und das Publikum hat damit noch bis zum 30. November 1931, also volle zwei Jahre, Zeit. Im Publikum ist auch die irrige Ansicht verbreitet, daß auch die R e n t e n b a n k s che i n e aufgerufen seien. Dies trifft hinsichtlich der Scheine bis zu 50 Mk. mit Kopfbildnis und der Scheine zu 100, 500 und 1000 Mk. ohne Kopfbildnis nicht zu.

Fahrlässigkeit.

Wie sehr in der Dunkelheit oft die notwendige Rücksicht auf den Mitmenschen außer acht gelassen wird, zeigt folgender Vorfall, der sich gestern abend gegen 6 Uhr in der Königstraße ereignete.

Dort hielt der Rollwagen einer hiesigen Sped - tionsfirma vor einem Hause. Die Schrotleiter des Wagens lag quer auf der Allee. Ein älterer Herr, der des Weges kam und das Hindernis in der Dunkelheit nicht sehen konnte, wurde durch die Lei­ter zu Fall gebracht und brach sich den Daumen. Wemge Minuten später kam ein zweiter Mann über dasselbe Hindernis zum Sturz. Diesmal ging es glücklicherweise ohne Verletzung ab.

— Oberrealfchule Fulda. Auch in diesem Jahre ver­anstaltet die Oberrealschule einen „Bunten Abend" und zwar am Donnerstag, den 12. Dezember, abends

8 Uhr im großen Stadtsaal. Die Darbietungen sind wie­derum mannigfacher Art. Im ersten Teile werden Schü- ler der Unterstufe mit Schülerinnen hiesiger Schulen Volkstänze darbieten. Die erste Riege wird am Reck turnen, während einige Schüler der Unterstufe Uebun- gen am Pferd oorführen. Die turnerischen Hebungen sind von musikalischen Darbietungen umrahmt. Die aus dem Reingewinn des vorjährigen „Bunten Abends" er­worbene Schulfahne wird der Anstalt übergeben. Während der großen Pause werden im roten Saale von Schülern Erfrischungen gereicht. Der zweite Teil bringt die Ausführung des F e st s p i e l s „K l e i n st a d t z a u- b e r" von Franziskus Nagler. Den musikalischen Teil des Spieles bestreiten Schulerchor und Schülerorchester. Die Einstudierung des Stückes und der Entwurf der Büh-

Woran die meisten Fuldaer sterben.

Eine Statiffit des Todes. — Die meisten Einwohner sterben an krebs!

Auf Grund besonderer Erhebungen ist vom Reichsgesundheitsamt eine ausführliche Statistik über den Gesundheitszustand in den deutschen Städten durchgeführt. Diese Erhebung stützt sich auf ein umfangreiches Zahlenmaterial der Todes­ursachen in 344 Städten mit über 15000 Ein­wohnern. Nach dem Reichsdurchschnitt wurden die meisten Todesfälle infolge Herzkrankheiten ge­zählt. An 2. Stelle steht die Lungenentzündung, dicht gefolgt von der Krebskrankheit. An 4. und 5. Stelle folgen dann Tuberkulose und Alters­schwäche. Insgesamt sind 30 verschiedene Todesar­ten aufgezählt worden. Hiervon sind die nach­stehenden Krankheiten diejenigen, die wiederum die meisten Todesopfer erfordern. Die Ergebnisse beruhen auf den neuesten Zählungen über 12 Monate in der Zeit vom 1. August 1928 bis 31. Juli 1929. In dieser Zeit starben in der Stadt Fulda insgesamt 401 Menschen. — Die Sterblich­keit bei den

ansteckenden Krankheiten in drr Stadt Fulda liegt unter dem Reichsdurchschnitt. Es starben an Typhus, Masern, Scharlach, Keuchhusten und Diphtherie nur 1 Person. — Daß die Sterblichkeit bei der Grippe gegenüber der Vorkriegszeit zugenommen hat, erscheint nicht verwunderlich, da diese Krankheit eine ausgesprochene Nach- kriegserscheinung ist. In Fulda starben 14 Men­schen an der Grippe.

An Tuberkulose starben 12 Fuldaer.

Nach der Statistik ergibt sich trotzdem eine stän­dige Abnahme der Tuberkulose-Sterblichkeit.

Der allgemeine Rückgang der Tuberkulose- Sterblichkeit ist vor allem ein Erfolg der hygie­nischen Volksaufklärung. Diese führte zur Iso­lierung der Kranken während des Schlafes von den Gesunden. Desinfektionen wurden in stark vermehrtem Maße durchgeführt. Die Unterbrin­gung in Heilanstalten erzog die Kranken zu einer vorschriftsmäßigen Lebensweise und Anpassung an die gesunden Menschen in einer für diese gefahrlosen Weise. Der medizinischen Wissen­schaft gelang die Erfassung der Tuberkulose in immer jüngeren Krankheitsstadien. Rechtzeitige Erholungskuren retteten viele Gefährdete. Der Rückgang bei der Säuglingstuberkulose ist zweifel­los auch mit auf die Säuglingsfürsorge zurück- zuführen.

Eine der furchtbarsten Krankheiten ist wohl der Krebs. Im Vergleich zu der Vor­kriegszeit hat diese Krankheit zugenom­men. Die Ursache ist dafür aber weniger in einem häufigeren Vorkommen, als in einer besse-

ren Diagnostik dieser Krankheit zu erblicken. In vielen Fällen hat erst die praktische Aus­wertung der neue st en Ergebnisse der Strahlenforschung die Feststellung des Krebses ermöglicht. Trotzdem erlagen in Fulda noch 31 Personen dieser Krankheit.

Den größten Prozentsatz der Todesfälle nimmt die Herzkrankheit im Reichsdurchschnitt ein, näm­lich 17,2 Personen auf 10000 Einwohner. In­folge der

Herzkrankheiten in der Stadt Fulda starben 30 Personen.

Die Lungenentzündung ist ebenfalls eine der oft vorkommenden Erkrankungen, Die mit am meisten Todesfälle zu verzeichnen hat. Es erlagen dieser Krankheit in der Stadt Fulda in­nerhalb 12 Monaten 18 Einwohner.

In denjenigen Städten, die eine ruhige Lage und eine nicht allzu teure Lebenshaltung aufwei­sen, tritt die Altersschwäche sehr viel zu Tage, da gerade die Städte mit vorgenannten Eigenscyaften als Ruhesitz vieler alten Menschen gewählt werden. Für Fulda weist die Statistik eine mittlere An­zahl von Todesfällen infolge Altersschwäche auf, nämlich 21 Personen.

Einen sehr großen Prozentsatz weisen im Durch­schnitt auch die Krankheiten am Eehirnschlag auf. In Fulda starben 16 Personen am Gehirnschlag. Weiter starben an Krankheiten der Atmungsor­gane 8, an Magen- und Darmkrankheiten insge­samt 5, und bei den Frauen 1 am Kindbettfieber oder verwandten Krankheiten.

Die Unfälle und Selbstmorde in der Stadt Fulda.

Trotz aller Aufklärungen und sonstigen Schutz­maßnahmen ist die Zahl der tödlichen Unglücks­fälle in fast allen Städten ständig im Steigen begriffen. Die Maschinisierung, das Anwachsen des Autoverkehrs usw. erfordern fast täglich ihre Opfer. In Fulda starben 7 Menschen in­folge eines Unglücksfalles.

Ein trauriges Kapitel sind die Selbstmord­statistiken. Die Zahl der Selbstmorde hat im Vergleich zur Vorkriegszeit überall erheblich zu­genommen. In der Stadt Fulda verübte nur 1 Person Selbstmord. Die Selbstmordstatistik ift die Statistik der Verzweiflung. Soziale Not wird vor allem die Ursache der Zunahme der Selbst­morde sein. Weltanschauung und Lebensauffassung spielen eine Rolle dabei. Gerade bei älteren Per­sonen beiderlei Geschlechts ist die Selbstmordsterb­lichkeit gestiegen.

Soweit die Statistik des Todes. Zusammen­gefaßt starben innerhalb eines Jahres in der Stadt Fulda 401 Einwohner. E. C.

Mer-SIÄ

Kinder 8.90,8.75,7.75,7.25

Damen 13.50,10.90,9.85,8.90

Herren — — — 12.50

Gummischuhe (Ga'oscta)

Kinder 4.50, 3.95, 3.75

Damen — 5.50

Herren — — 6.50

Herrn-Prom.- Gamaschen

5.25, 4.90, 3.90, 2.95

Dam.- Strumof - Gain.

5.25, 4.95," 4.35

Hausschuhe und Pantoffel

Kinder 1.85,1.30,1.05,0.95

Damen 2.40,1.85,1.20,1.05

Herren 3.25, 2.75,1.70, 1.45

Kamelhaar-Schuhe

Kinder 2.95,2.50,1.95,1.75

Damen 4.35,3.50,2.65,1.95

Herren 4.50, 4.25, 3.25, 2.40

Damen-Schuhe

in wirklich apart Modellen und Farben

14.50, 12.50, 10.90

Sonntag, den 8. Dezember 1929 von 1 bis 6 Uhr geSffnet!

Vom Regen in die Traufe.

Von Dorothea G o e b l e r.

Die jungen Männer sowohl wie die jungen Mädchen foaren in bester Stimmung. Es hatte Gehalt gegeben. Nächsten Sonntag konnte man sich etwas gönnen. In der Kaffeepause gab es ein Hin und Her. Alles lachte und schwatzte durcheinander. Was sollte man unter­nehmen? Ins Theater ging man, zum Konzert, zum Tanz, und für das übrige Geld würde man sich einen neuen Hut, einen schönen Mantel, seidene Strümpfe kaufen. Ja, Strümpfe, die waren am nötigsten. Die alten rissen so leicht, und stopfen? Lohnte sich das? Die Arbeit! —

Hilde Degener saß abseits und schwieg Sie hatte den blonden Kopf über ein Buch gebeugt. Aber sie las nicht, sie horchte nach den anderen. Jg, nun hatte man wieder Geld: aber was hatte man davon? Die drüben, ja, die konnten sich alles kaufen, die konnten dem Vergnügen nachgehenl Sie dagegen? Wenn sie der Mutter fünfzig Mark gab, blieben ihr vierzig, und davon ging noch das Fahrgeld ab Was konnte man mit dem Rest anfangen? Nicht viel! Ja, wenn sie nicht für die Mutter zu sorgen hätte.

Beinahe neidisch sah sie zu den Kolleginnen hin. Sie hatten es gut! Die lange Grete Bold besonders, die wohnte möbliert, konnte alles Geld für sich behalten und tun und lassen, was sie wollte Ja, wenn Mutter nicht gewesen wäre! Aber nein, das nur zu denken war Sünde! Liebte sie doch ihre Mutter aufs innigste

„Ich werde mir diesen Winter einen Pelz kaufen", erzählte die lange Grete neben ihr. „Ich bekomme dreißig Mark zum Geburtstag. Diese Summe zahle ich an. Das übrige wird aus Stottern gezahlt."

Die Glückliche bekam dreißig Mark! Hilde schluchzte still. Ach, warum hatte ihre Mutter nur eine so kleine Pension Sie kam sich sehr bemitleidenswert vor, die kleine Hilde

„Hilde, was ist denn mit dir?" fragte Frau Käthe Degener, als Tochter und Mutter ein paar Stunden später unter der Lampe am Tisch saßen. „Hilde, du bist mir doch nicht etwa krank?"

„Nein!" Das klang sehr kurz und unlustig.

„Oder hast du Aerger im Geschäft gehabt? Was ist denn, so rede doch!" Eine warme, weiche Hand strich über den blonden Scheitel. Sie wurde ziemlich unsanft zurückgeschoben. „Nein, bewahre! Ach, laß doch nur, Mutter!"

Frau Käthe begann einige alte Strümpfe zu stopfen.

Hilde schüttelte den Kopf. „Warum stopfst du noch die alten Seidenstrümpfe? Das lohnt ja gar nicht. Die werfen die anderen alle weg!"

„So?" Frau Käthe sah die Tochter groß an.

Hilde schlug die Augen nieder. „Na ja, es hat doch heute Geld gegeben, da kann ich ja neue kaufen."

Frau Käthe lächelte ein wenig: „So hochfahrend? Ich denke, du sparst das Geld für den Hut: der muß beim nächsten Male herankommen. Ich stopfe dir die Strümpfe ja auch sehr gern. Die lassen sich noch län­gere Zeit tragen. Immer sparen!"

Hilde murrte: „Grete Bold fährt Sonntag weg und macht eine große Herbsttour. Ich sollte mitgehen; aber ich habe natürlich kein Geld dazu."

„Aber warum denn nicht, Hilde?" Frau Käthe lachte. „Immer fahre mit. Dann verzichtest du im Monat einmal auf etwas anderes!"

„Verzichten! Natürlich!" H'lde lachte höhnisch auf: „Eins lassen, wenn man das andere will, dann geht alles!"

„Ja, so macht man es!" Frau Käthe lachte.

„Grete Bold kauft sich jetzt einen Pelz, natürlich auf Abzahlung. Ach, Mutter, könnte ich das doch auch! Wenn du nun — wenn — wenn ich dir nun —" Die Röte sckoß ihr ins Gefickt.

„Du meinst, fünfzig Mark, die du mir gibst, sind zu­viel? Ja. Hilde, ich ließ dir gern alles, aber du weißt ja, für uns beide reicht meine Pension nicht."

„Ach, Mutter, nein, so habe ich es ja nicht gemeint." Zwei weiche Arme schlangen sich um Frau Käthes Hals. Das Mädel schluchzte.

Aber die Mutter strich ihr über das wirre Haar und sagte „Laß nur, Hilde, ich weiß schon — ihr Mädels . . Ich kann es verstehen! Na, wir wollen einmal sehen. Vielleicht geht es auch ander»."

„Ach, Mutter!" Der Jubel schlug hoch. „Es wäre herrlich, wenn ich mir einen Pelz kaufen könnte!"

„Ich werde mir überlegen, was zu tun ist", sagte Frau Käche, und es war fast, als läge ein ganzer kleiner Schalk in ihrer Stimme.---

Wie sie es machen wird, dachte Hilde, während sie am nächsten Tag im Geschäft saß. Ob sie mir schon heute abend sagt, wie sie es macht? Aber die Mutter sagte nichts und schwieg auch noch die anderen Tage. Hilde wurde unruhig. Aber da, eines Abends, etwa acht Tage später, sagte Frau Käche: ,Hilde, ich habe eine Neuigkeit für dich. Onkel Hans hat geschrieben, seine Frau ist krank, und ich soll auf ein paar Wochen hin­kommen, nach dem Rechten sehen und sie im Haushalt vertreten. Ja, Hilde, nun mußt du einmal ein Weil­chen allein hier haushalten und dich einrichten. Aber ich denke, du kannst es! Natürlich behältst du jetzt all dein Geld für dich und kannst tun, was du willst. Hilde, ich habe keine Sorge um dich, du bist ja zwanzig, und da wissen heutzutage die Mädels, was sie zu tun und zu lassen haben. So sagt ihr ja wenigstens immer."--

Die Mutter war abgereist. Hilde stand in der ver­einsamten Wohnung. Etwas seltsam kam es ihr vor. etwas unbehaglich. Dann schlug doch ein stolzes (Befühl in ihr hoch. Sie war selbständig. Nun konnte man sich das Leben einrichten, wie es einem paßte. Und so viel Geld hatte man in der Tasche! Keinen Pfennig brauchte sie abzuliefern 1 Natürlich würde sie in der Kantine essen. Da kostet es nicht viel. Und für abends gnügt etwas Brot und Butter. Vielleicht sparte sie sich nun selbst die Anzahlung zum Pelz. Als Grete Bold fragte, ob sie am nächsten Sonntag an einem Ausflug teilnehmen wolle, sagt sie unbedenklich zu.

Grete Bold hatte noch einen Bekannten mitgebracht Man vergnügte sich großartig. Aber es kostete viel Geld. Stullen, wie sie die Mutter immer mitgab, konnte man in dem vornehmen Lokal nicht essen, und daß der Herr auch für sie bezahlte, hatte sie nicht gelitten. Sie war entsetzt, als sie am Montag früh ihre Barschaft über­zählte. Nun mußte an anderer Stelle gespart werden.

Indessen, das Sparen mar schwer. Wo sollte man anfangen? Die Wäsche, die Mutter sonst gewaschen hatte, kostete bei der Wäscherin viel Geld. Hilde sah

sehr verstimmt an ihrer Schreibmaschine. Sie wurde noch verstimmter. Das Ejsen im Speisehaus schmeckte ihr nicht. Es war ja ganz gut gekocht, aber Mutter kochte doch noch anders, und wenn sie bas Geld dafür zusammenrechnete, ja, lieber Himmel, bann war es ja fast soviel im Monat, wie sie Mutter gegeben hatte, unb Mutter hatte bafür noch gewaschen unb genäht unb vieles anbere gemacht. Ueberhaupt war es jetzt gräßlich in ber Wohnung! Sonst war es warm, wenn man abends heimkam, und der Tisch stand gedeckt, jetzt konnte man selbst am Ofen kauern und einheizen. Und alles sauber halten sollte man auch. Ja, und zu nähen war auch allerhand. Sie hätte die zerrissenen seidenen Strümpfe ja gern weggeworfen. Aber woher denn das Geld für neue Strümpfe nehmen?---

Nun war Mutter schon drei Wochen fort. Wann würde sie wiederkommen? Hilde sehnte sich nach Ord­nung. Sie wollte ja gar keinen Pelz. Sie wollte ja bloß wieder ihre Ordnung haben. War es nicht uner­hört selbstsüchtig von Onkel Hans, Mutter so lange bet sich zu behalten? In Hildes böseste Stimmung hinein kam ein Brief von Mutter. Es war ein sehr vergnügter Brief. Mutter schrieb: „Denk mal, Onkel Hans möchte, daß ich hier bleibe und seiner Frau noch weiter zur Seite stehe. Ja, Hilde, da wären wir aus vielen Be- drücklü leiten heraus. Du kannst all Dein Gelb für bich behalten, ich kann bir noch ein wenig bazu geben unb bu brauchst nicht mehr für deine alte Mutter zu sorgen."

Es waren bie letzten Tage bes Monats Hilde über­legte, wieviel Geld sie übrig behalten würde, wenn sie ihre Schulden bei der Wäscherin und beim Sckuhmacher bezahlt hatte. Zum Abonnement bei der Stadtbahn würde es wohl noch reichen, aber sonst —?

Hilde schrieb mit großen Buchstaben: „Liebste Mut­ter! Bleibe nicht bei Onkel Hansl Komm nach^ Hause Du mußt unbedingt — für — mich — sorgen!"

Zugegriffen. „Und welche Sicherheit geben Sie für bas Darlehen?" — „Das Wort eines Ehrenmannes." — „Gemacht, junger Mann, bringen Sie ihn her, und bas Geld liegt auf dem 2iW‘