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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Jutda. Amtliches Kreisblatk.

Ar. 261

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leiiunq 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Sonntag, 10. November 1929.

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56. Zahkg:

Vriands große Kammer-Rede.

'Abrechnung mit den Rationalisten. — Franzosen und Deutsche sollen sich verständigen.

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Am Freitag wurde die Debatte über die Re­gierungserklärung in der französischen Kammer fortgesetzt.

Segen Abend bestieg Bricmd die Rednertribüne, um in einer 1^ stündigen Rede die Außenpolitik der Regierung zu definieren. Die Aufmerksamkeit des Hau­ses war aufs höchste gestiegen. Jedermann wußte, daß das Geschick des Kabinetts Tardieu von der Erklärung abhing, welche der Außenminister über die derzeit schwe­benden Verhandlungen mit Deutschland abzugeben in der Lage ist. Brianü war vor die unendlich schwierige Auf­gabe gestellt, die reaktionäre Rechte für das Vertrauens­votum zu gewinnen, ohne durch zu große Konzessionen gegenüber der französischen Reaktion die bisherige Linie her französischen Außenpolitik zu gefährden und sich die Gefolgschaft der Linksparteien gar zu verscherzen.

Die Rede, die Briand hielt, war ein Meisterstück, wie wir es seit Jahren von dem französischen Außen­minister nicht mehr gewohnt sind. Ohne im geringsten seinen Grundsätzen untreu zu werden, definierte er im einzelnen die Haltung der französischen Regierung in einer überaus klaren und eindeutigen Weise. Geschickt wußte er sich bald den Beifall der Rechten, bald der Linken, bald des ganzen Hauses zu erwerben. Seme Erklärung über die Räumung der dritten Zone basierte darauf, daß die Entschließungen der französi­schen Regierung in absolutem Einklang mit Inhalt und Text des Friedensvertraaes stehen und andererseits Deutschland diejenigen Beweise des guten Willens gegeben habe, welche als Vorbedingungen zu den heu­tigen Entschlüssen im Vertrag selbst vorgesehen sind.

Briand gab eine kurze Darstellung der einzelnen Phasen der Reparationspolitik und betonte, daß es end­lich gelungen fei, aus der unsicheren politischen Repara- tionsschuld eine sichere kaufmännische Schuld zu machen. Von Deutschland könnte man nicht mehr ver­langen, als die Vorbedingungen zu geben, so daß die Frage, wann die Obligationen auf den Geldmarkt ge­bracht werden sollen .lediglich von dem Ermessen der internationalen Bankiers abhängig sei. Dies sei aber geschehen, wenn Deutschland den Doungplan angenom­men habe und endgültige Abkommen über die im Haag vorgesehenen Organisationen getroffen seien. Defini­tive Beschlüsse würden heute sowieso nicht gefaßt. Die Kammer könne in Ruhe die Ratifizierung des Uoung- planes im Deutschen Reichstag und den Ausgang des Referendums über den Voungplcm abwarten. In bezug auf die Saarverhandlungen vertrat Briand den Standpunkt, daß es für die französische Regierung eine Pflicht sei, heute die Verhandlungen aufzunehmen, da ,vrankre!ch nach hin* Jahren in die Lage kommen könne, die Kohlenbergwerke zu verkaufen und sich den Preis von einem internationalen Schiedsgericht fest- fetzen zu lassen. Anschließend rechne te Briand m 1 f ö e m Abg. Franklin Bouillon ab, der es verstanden hat, wieder einmal mit seinen Brandreden über die deutschen Rüstungen eine nervöse Stim­mung 'n der Kammer zu schaffen. Briand wies nach, daß die von Franklin Bouillon erwähnten Punkte seit Jahren bekannt und Gegenstand von Regierungsver- dandlungen seien. Der heutige Zustand sei von den französischen Militärbehörden vom Standpunkt der franzoiischen Sicherheit als durchaus befriedigend ange- fehen worden. Eher nehme er. der Außenminister, an, daß Franklin Bouillon diese Einzelheiten nickt gekannt habe, da er sonst nicht das Recht gehabt hätte, in so unverantwortlicher Weise Demagogie zu treiben. Unter großem Gelächter nahm die'Kammer diese Abfuhr Bnands zur Kenntnis, die aufs neue zeigte, daß Frank­lin Bouillon ein gefährlicher Demagoge ist. der Völker verhetzt und dem jeder Sinn für Verantwortung fehlt.

Die Rede des Außenministers hat sichtlich großen Eindruck gemacht. Die Sitzung hat aufs neue ge­zeigt. daß für die Briandfche Politik, d. h. in erster Li­me für die Verständigung mit Deutschland, eine g r oße M a i o r i t o t in der französischen Kammer vorhanden

ist, welche sich immer mehr ausbreitet. Lediglich die ungeklärten innenpolitischen Kräfteverhältnisse verbieten, daß die außenpolitische Mehrheit zahlenmäßig ihren Ausdruck findet.

Briand begann feine Rede mit der Erklärung, er wolle heute klar und präzise Aufklärung geben; denn die Außenpolitik, die er bis jetzt betrieben habe, werde fortgesetzt. (Stürmischer Beifall links und in der Mitte)

Die Franzosen und die Deutschen, die erbittert mit­einander gekämpft hätten, hätten allen Grund, s i ch zu achten und sich gemeinsam für die Werke des G e i st e s und des Geschäftslebens gu- interes­sieren. (Lebhafter Beifall). Ein Land wie Frankreich könne sich durch eine derartig großzügige Politik nicht herabwürdigen. (Lebhafter Beifall auf allen Bänken.) Die deutsche nationalistische Presse habe das Werk Stresemanns so behandelt, wie gewisse franzö­sische Hugenbergs ihn, Briand. (Beifall links.) Aber was bedeuteten denn vier Millionen Stimmen, die unter einem gewaltigen Druck zufainmangebracht worden feien, gegenüber 70 Millionen Deutscher und 42 Millionen Stimmberechtigter?

Zum Schluß wandte sich Briand direkt an die Kammer und forderte sie auf, sich zu äußern: Es handelt sich um eine Frage der Loyalität. Wenn das Parlament glaubt, daß Frankreich schlecht be­raten ist, möge es Frankreich einen Weg führen und andern Zielen zustreben. Dann möge es die Abkommen vom Haag und den Poungplan zer­reißen, dann möge es die französischen Truppen im Rheinland behalten und an Stelle von Kommissionen das Kriegsrecht setzen. Das ist eine klare Politik, ich, der Außen­minister, erkläre aber, daß diese Politik nicht b i e meinige ift.

Sie rückt den Frieden in die Ferne, sie wird uns dem Ausland gegenüber in eine wenig schmeichelhafte Lage bringen. Ich werde diese Politik niemals betreiben. Wenn die Kammer be­reits jetzt entgegengesetzter Ansicht ist, soll sie gar nicht erst die Unterbreitung der Abkommen abwar­ten, sondern erklären, diese Politik sei schlecht. Sie solle sie ablehnen und mich mit ihr. (Lebhafter Beifall auf allen Seiten.)

Der Sitz der Dank für den inkeruationalen Zahlungsausgleich in der Schweiz.

Das Organisationskomitee für die Ban? für den internationalen Zahlungsausgleich, das feit dem 3. Oktober in Baden-Baden tagt, hat die Frage des Domizils der Bank wiederholt erörtert. In der letzten Sitzung wurde einstimmig beschlossen, die Schweiz als den Sitz der reuen Bank zu be­stimmen. Belgien wollte bis zuletzt Brüssel als Sitz der Bank in Anspruch nehmen.

Weiterer Befatzungsabbau.

wtb. Düren, 9. Nov. (Eig. Meldg). Am gestri­gen Tage haben weitere Truppenteile die Stadt verlassen. Es handelt sich dabei um 6 Offiziere und 60 Mann. Die Privatwohnungen lind bis auf 15 Vürgerquartiere geräumt. Auch die Reichsbau- Wohnungen wurden bis auf einen geringen Rest freigegeben. Augenblicklich ist nur noch die Kom­mandantur in der Eisenbahnstraße, das Kasino in der Tivolistrahe und das Milftärlazarett in der Heil- und Pflegeanstalt besetzt. Die Radio-Station ist gestern abgebaut worden. Das Personal ist von der Garnison Trier übernommen.

GlegenM Cr sichkemng der Ehescheidung.

Von Rechtsanwalt Dr. V o ck i u s, M. d. R.-Mainz.

Der Schritt der Mitglieder des Rechtsausschus­ses der Zentrumsfraktion vom 5. November 1929 wegen der Weiterverhandlung der Ehescheidungs- erleich-terung den Rechtsausschuß zu verlassen, wird in der ganzen Nichtzentrumspresse als sensatio­nelle Maßnahmen behandelt.

In den Einzelheiten geht die Kritik ausein­ander. Das Zentrum soll die Maßnahme getrof­fen haben, weil es den Wirtschaftsminister haben wolle. Dann soll das Zentrum wieder lediglich aus Obstruktion gehandelt haben. Es sei kein Schritt von prinzipieller Bedeutung. Schließlich wird in liberalen Zeitungen geschrieben, daß es sich doch für das Zen-rum um eine weltanschau­liche Frage handele. Das Zentrum aber wolle eineBergewaltigung der andersdenkenden Mehrheit. Es wolle katholische Kirchenpolitik auf allgemeine Staatspolitik übertragen.

Wie verhält sich die Sache nun in Wirklichkeit?

Vorweg ist festzustellen, daß der Schritt der Zentrumsmitglieder des Rechtsausschusses nicht auf einer Laune ober einer Willkür, sondern auf einem planmäßigen Willen beruht. Er ist ein prin­zipieller Schritt und auch nicht illoyal, noch we­niger auffallend und sensationell. In einer so lebenswichtigen Frage wie der Ehescheidung kann eine Partei wie das Zentrum keine Sensation ma­chen.

Alles dies ergibt sich aus der parlamentarischen Vorgeschichte in der Behandlung der Frage. Aus ihr geht hervor, daß die Zentmms'raktion nicht nur ihren prinzipiellen Standpunkt, jede Eheschei­dungsreform abzulehnen, unentwegt vertritt, son­dern auch, daß sie es nicht zulassen kann, daß die Ehescheidung gegen ihren Willen in dieser Koalition Geletz wird.

Die jetzige Koalition ist im April 1929 auf Grund der folgenden Erklärung des Reichskanz­

lers vor den Parteiführern der Koalitionsparteien vom 10. April 1929 zustande gekommen:

„Sie (die Reichsregierung) erwartet weiter, daß zur Gewährleistung eines reibungslosen Gan­ges der Reichsgeschäfte Anträge von grundlegender Bedeutung überhaupt nur im gegenseitigen Be­nehmen gestellt oder weiterverfolgt werden."

Diese Erklärung ist von allen Regierungspar­teien angenommen worden.

Da nun im Reichsausschuß die Ehescheidungs­reform trotzdem „weiter verfolgt" werden sollte, so hat die Zentrumsfrachtion darauf sofort am 25. April 1929 bereits durch em Schreiben an den Reichskanzler das Verlangen auf Nichtweiteroer- handlung im Rechtsausfchuß gestellt mit der Be­gründung: „Daß zu den Anträgen von grundlegen­der Bedeutung die vorliegenden Anträge aufEhe- scheidungsrekorm gehören, kann von keiner Seite ernsthaft bestritten werden."

Dieser erste Schritt des Zentrums hatte den Erfolg, daß die Ehescheidung nicht im Rechtsaus­fchuß verbandelt wurde, sondern das Gesetz be­treffend Abaeltuna der älteren Renten. Später wurde die Ehescheidung wieder auf die Tagesord­nung des Rechtsausschusses gesetzt. Darauf wandte sich die Zentrumsfraktion sofort wieder an den Reichskanzler in wiederholten mündlichen Vor­stellungen. Eine Absetzung von der Tagesord­nung war bis zum ersten Verhandlungstennin, der nicht der 5. November, sondern der 2. Oktober 1929 war, nicht erfolgt. Die Zentrumsmitglieder des Rechtsausschusses haben daher schon um 2. Ok­tober im Ausschuß die Absetzung dieses Punktes von der Tagesordnung verlangt. Ich bebe für die Fraktion die Absetzung damit begründet, daß die Weiterbehandlung der Ehescheidungserleichte­rung der Koalitionsvereinbarung widerspräche. Nack dem 2. Oktober wurde bis zum 5. November die Zentrumsfraktion in wiederholten Besprechun­gen mit dem Reichskanzler erneut vorstellig. Da auch bis zu diesem Termin dem Zentrum nicht mit- geteilt wurde, ob etwas geschehen sei und der Ter­

min nicht abgesetzt wurde, so erfolgte am 5. No­vember der Austritt der Zentrumsmitglieder aus den Ehescheidungsverhandlungen des Rechtsaus­schusses. Schon vorher hatte die Zentrumsfraktion durch mich im öffentlichen Reichstagsplenum in der Justizetatrede erklären lassen, daß man sich der Weiterverhandlung der Ehescheidung widersetze, wobei ich mich ausdrücklich auf unsere Koalitions- rechte berufen habe.

Der Schritt des Zentrums vom 5. November ist also nicht sensationell und nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel erfolgt. Unsere Forderung ist vor dem 5. November, und zwar seit Beginn der jetzigen Koalition den Regierungsparteien durch Anrufen des Kanzlers, außerdem öffentlich tm Plenum des Reichstags am 13. Juni und öffentlich im Rechtsausschuß bereits am 2. Oktober klar und eindeutig erhoben worden. Unser Anspruch ist also nicht neu. Er entspricht unserem Programm. Wir haben diesen Programmpunkt beim Eintritt in die Koalition gesichert. Wir haben also ein koa- litionsmäßiges Recht auf Nichtweiterverfolgung der Ehefcheidungserleichterung. Man handelt auch nicht illoyal, wenn man fein Recht verficht. Im Gegenteil, die anderen Koalitionsparteien müssen sich dann den Vorwurf der Illoyalität gefallen lassen, wenn sie trotz der genannten Koalitions­basis die Weiterverhandlung der Ehescheidungs­erleichterung endgültig verlangen würden. Auf weltanschauliche Auseinandersetzungen sich einzu­lassen, erübrigt sich angesichts der klaren Rechts­stellung unserer Fraktion in dieser Frage, lieber Weltanschauungsfragen diskutiert man nicht. Des­halb führt eine solche Auseinanderfetzung zu nichts. Uns ist jedenfalls diese Weltanschauungs­frage so wesentlich, daß sie uns höher steht als jede wirtschaftliche und außenpolitische Frage.

Es ist auch völlig unrichtig, daß unser Stand­punkt nur katholische Kirchenpolitik, nicht auch all­gemeine Staatspolitik fei. Wir sind nicht bloß ge­gen jede Ehescheidungserleichterung, weil die Ehe nach katholischer Auffassung ein Sakrament und unauflöslich ist, sondern auch weil wir bezüglich der Kulturgüter der Ehe und der Familie für das gan(se Volk, nicht nur für die Katholiken auch eine staatspolitische und moralische Verpflichtung ha­ben, diese Güter zu erhalten.

Die Ehefcheidungserleichterung widersvricht auch der Verfassung. Artikel 119 der Verfasiung stellt „die Ehe" als „Grundlage der Familie" und „der Erhaltung der Nation" unter den „besonderen Schutz" der Verfassung. Ein Gesetz, daß die Auf­lösung der Ehe bei vorliegender bloßer Zerrüttung zuläßt, führt schließlich zur Auflösung der Ehe auf her ganzen Linie. Es handelt sich bei der Ein­führung des Zerrüftungsprinzips nicht nur um Abstellung von Mißbräuchen in der Gerichtspraxis verschiedener Großstädte, wo es zur Scheidung ge­nügt, daß eine Komödie aufgeftihrt wird, um einen Schuldgrund vorzutäuscken, in Fällen, in denen beide Ehegatten auseinander wollen. Die Einfüh­rung des Zerrüttungsprinzips soll darüber hinaus auch die Ehescheidung ermöglichen gegen den Wil­len des nichtschuldigen Teils. Damit würde eine Einrichtung geschaffen, die das himmelschreiendste Unrecht enthielte. Die Einführung des Zerrüt­tungsprinzips würde neue Eheschließungen in ei­nem Umfange erleichtern, und zwar nach Schei­dung der Ehe, daß es auf die Legitimation von Verhältnissen und Konkubinaten hinauskommen würde. Am Ende dieser Entwicklung stehl der kommunistische Gedanke der bloßen An- und Ab­meldung statt des Eheabschlusses und der Eheschei­dung auf Grund Verschuldens.

Es handelt sich alfo hier um die Erhaltung der Ehe, also um eine Verpflichtung der Zentrums­partei eminent staatsvolitiscker Art, die ihr sowohl durch Moral als durch die christliche Auffasiung in der Politik durchzuführen obliegt. In dieser Frage können und wollen wir daher in keinem Punkte nachgeben. Wir sind auch der Auffassung, daß selbst, wenn bas nicht in der Koalition wäre und eine Ehescheidunasreform unter Einführung des Zerrüttungsprinzips durchgeführt werden' sollte, dies ein verfassungsänderndes Gesetz mit Rück­sicht auf Artikel 119 der Verfassung darstellen würde, so daß ehr solches Gesetz nur mit % Majo­rität angenommen werden könnte.

* Reichspräsident von Hindenburg hat sich nach Groß-Justin, Bezirk Stettin, begeben, um dort an der Taufe feines Urenkels von Bruckhausen teil­zunehmen. Der Herr Reichspräsident wird in den ersten Tagen der nächsten Woche wieder nach Ber­lin zurücttehren. — Der Reichspräsident hat sich bereit erklärt, das Ehrenprotektorat über die im nächsten Sommer in Berlin stattfindende zweite Weltkraftkonferenz zu übernehmen.

* Em Unteroffizier der französischen Besatzung erschießt seine Fran und begeht Selbstmord. In den frühen Morgenstunden des Freitag hat in einer LLcmdauer Kaserne ein Unteroffizier des 8. Fran­zösischen Dragonerregiments nach einem Wort­wechsel seine Frau durch einen Schuß getötet. Dann richtete er die Waffe gegen sich selbst und brachte sich einen gleichfalls tödlichen Schuß bei. Der Un­teroffizier soll angetrunken gewesen sein.

* Bluttat ht einer österreichischen Lehranstalt. In Mödling bei Wien hat am Freitag einer der Zöglinge des zweiten Jahrganges der Dun- deslehranstalt für Elektromechanik namens Sankel, der dem Sozialistischen Schutzbund angehört, einen 18jäl*'.gen Schulgenossen namens Bachta, der der Heimwehr angehört, wegen einer an sich unbedeu­tenden Hänselei niedergeschossen. An dem Auf­kommen Bachtas, der einen Schuß in die Lunge und einen in die Leber erhielt, wird gezweifelt. Saukek wurde verhaftet

Arbeitsmarttprognose.

Obgleich die Belastungsproben in den letzter Monaten nicht gering waren, hat die deuffche Wirt­schaft einen hohen Grad von Elastizität und Wi­derstandskraft gezeigt. Noch immer sind die Re­parationsverhandlungen nicht abgeschlossen. Durch die Verzögerung der Entscheidung über den Boung- plan hat auch die dringend notwendige Finanz­reform hinausgeschoberi werden müssen. Die Ka­pitalknappheit ist unvermindert groß. Der Zins- fatz ist immer noch unerträglich hoch. Dennoch ist die Zahl der Konkurse und Vergleichsverfahren in den Monaten Juli bis September rückläufig gewesen. Sie fiel bei den Konkursen von 845 auf 657, bei den Vergleichsverfahren von 518 auf 364.

Neuerdings werden jedoch auch ungünstige An­zeichen sichtbar, aus denen ein allmähliches Ab- gleiten der bisher günstigen Konjunktur geschluß- folgert werden muß. Die Herstellung von Stahl und Walzwerkerzeugnissen geht seit Anfang Sep­tember langsam zurück. Im Kohlenbergbau wer­den seit längerer Zeit wieder Feierschichten ver­fahren. Ganz besonders ungünstig aber hat sich in der letzten Zeit die Lage im Baugewerbe ent­wickelt, unter der selbverftändlich auch sämtliche Baunebengewerbe leiden. Der Grund hierfür ist in den Schwierigkeiten der Neubaufinanzierung zu suchen. Während in den ersten 9 Monaten des Jahres 1928 250 Millionen an Krediten von den öffentlich-rechtlichen Kreditanstalten dem Bau­gewerbe zugeführt wurden, betrugen die Kredite in dem gleichen Zeitraum des Jahres 1929 nur 95 Millionen. Auch die Hypothekensparkassen und Hypothekenbanken haben in diesem Jahre weni­ger Kredite zur Verfügung gestellt; gegenüber 705 Millionen nur 680 Millionen. Das bedeutet ins­

gesamt einen Ausfall von 180 Millionen.

Es kann unter diesen Umständen nicht wunder­nehmen, daß die Arbeitslosigkeit im Baugewerbe in den letzten Monaten wieder beträchtlich gestie­gen ist. Sie betrug Ende September bei den Maurern 9,6 v. H., bei den Malern 13,2 v. H., beiden Dachdeckern 14,6 v. H., bei den Zimmerern 15,0 v. H., bei den 'Bauarbeitern 18,5 und unter den Tiefbauarbeitern waren sogar 22,9 v. H. ar­beitslos. , ,

Die Arbeitslosigkeit im Baugewerbe hat trotz der im übrigen sonst verhältnismäßig günstigen Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt die Gesamtzrf- fer der Arbeitslosigkeit in dm letzten Wochen nicht unerheblich nach oben getrieben, während am 15. August 1929 noch 870 000 Arbeitslose gezählt mür­ben, betrug ihre Ziffer am 1. Oktober 1929 bereits 910 245. Seit dieser Zeit ist die Arbeitslosigkeit, wie die Berichte der Arbeitsämter erkennen lassen, fortlaufend gestiegen, ohne daß endgültige Ziffern hierüber indessen bisher vorliegen. .

Erfahrungsgemäß erführt das Normalbild in der Erwerbslosigkeit vom Herbst ab eine einschnei­dende saisonmäßige Veränderung. Von dem Zeit- punkt der geringsten Arbeitslosigkeit ab springt die Zahl der in der Arbeitslosenversicherung versicher­ten Erwerbslosen bis Mitte Dezember um etwa 340 000, bis Mitte Januar-Februar um weitere 600 000, also insgesamt um 940 000. Im Februar bahnt sich dann im allgemeinen ein Umschwung an, der sich freilich zunächst in engen Grenzen halt.

Da Mitte August 1929 mit rund 870 000 der Tiefstand der Zahl der unterstützten Arbeitslosen im Jahre 1929 erreicht wurde, wäre im De'-mwer mit einer Arbeitslofenzahl von 870000 + 340000 — 1210 000 zu rechnen, die im Januar-Februar dann um weitere 600 000 auf rund 1800 000 steigen würde. Die Arbeitslosigkeit in diesem Winter wird also, vorausgesetzt, daß die genannten norma en Saifonschwankungen nicht durch eine Koniunktur- besserung noch weiter paralysiert werden und an­dererseits die Kälte sich in den üblichen Grenzen hält, immerhin um rund 700 000 unter der Hochst- ziffer des vergangenen Jahres verbleiben.

* 10 000 ZentrumswShler suchen einen Kandi' baten. Der Berliner Zentrumspartei ist, wie die „Voss. Ztg." mitteilt, ein herbes Mißgeschick wider­fahren. Einer ihrer Vertrauensleute hat vergessen, die Stadtverordnetenvorschläge ein- zureichen, und jetzt hat ein ganzer Bezirk keinen Zentrumskandidaten für die Wahl am 17. 9lo- veinber. Es handelt sich um den Bezirk Char- lottenburg, der bisher einen Stadtverordneten der Zentrumsfraktion für das Berliner Rathaus stellte. Rund 10000 Zentrumswähler in Charlottenburg haben keine Parteikandidaten. Für die Zentrums- fraktion ist das umso schmerzlicher, als sie auch un Stadtparlament nur durch acht Mandate vertreten ist. — Es ist unerhört, daß ein Vertrauensmann durch eine derartige Nachlässigkeit seiner Partei einen solchen Nachteil zufügt. Eine neue Mahnung an die Partei, bei den mit manchen Rechten aus­gestatteten Obleuten auch den Willen zur Pflichterfüllung zu prüfen.

* Verhaftung eines deutschen kommunistischen Abgeordnäen in Stockholm. Der preußische^Larw- tagsabgeordnete Wilhelm Kasper ist in Stock­holm wegen kommunistischer Propaganda verhaf­tet worden. Er wird nach Deutschland abgeschoben.

* Betrügereien bei Felten u. Guillaume in Graz. Die Firma Felten u. Guillaume, die in G r a z eine Drahtzieherei betreibt, hat große Betrügereien ihrer Beamten Keiner und Berger aufgedeckt. Beide haben seit 1926 die Lohnlisten gefälscht und das Unternehmen so um 60—70 0OO Schilling ge­schädigt. Die ungetreuen Beamten wurden im Landesgericht eingeliefert. Seiner gab an, daß er mit den unterschlagenen Geldern Arbeitslose und hilfsbedürftige Arbeiter in der Fabrik unterstützt habe. Berger bezeichnet sich als Opfer des Seiner, der ihn dazu verleitet habe, sich an den Fälschungen zu beteiligen.