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Fuldaer
Rund um die Woche
Em mkereffankes Gespräch
Etwas für Regierungspräsidenten
Allerlei Komisches. — Eine Heilige als Reklamefigur.
Das hat mich aber stolz gemacht. Daß die «öchinnen, daß die Chauffeure, daß die Portiers «nd ihre Frauen, daß die Gärtner und die Kaufleute, daß die kleinen Leute jeder Schicht (meine besonderen Freunde), meine Plaudereien lesen, das mußte ich ja. Daß aber auch Regierungs- vräsidenten darunter sind, das war mir doch ein beängstigendes Erlebnis. Wenn ich nämlich einen Beamten sehe, dann klopft mir immer das Herz^ jpic weiland vor dem Oberwachtmeister der guten alten Zeit, als ich einmal Aepfel in des Nachbars Garren gestohlen hatte. Nun will ich in dieser schauervollen Erkenntnis gleich einige Wahr- j^ten aussprechen, die sozusagen für die oberen Zehntausende gelten, wenn auch nicht für jenen Regierungspräsidenten, der mir diese sreudige Ueber- ra'chung gebracht hat. Ich glaube nämlich, daß auch die tüchtigsten unter den höheren Beamte'n doch nur ausnahmsweise sich mit dem abgeben, was man Kuiturfragen nennen könnte. Sie gehen meist unter in der Praxis und haben nach dem anstrengenden Leben in der Verwaltung eines schwergeprüften Landes kaum mehr Zeit und Atem für geistige Dinge übrig. Schade ist das. Wir sind nämlich auf diese Weise zu einem Volk geworben, das neben den andern Klüften, die es darin gibt auch noch diese hat: Wir haben Praktiker und wir haben Theoretiker. Die Praktiker kommen wenig zum Denken, und die Denker wenig zur Praxis. Und die Folge? Auch der Praktiker hat eine Seele. Die Seele aber lebt vor allem i-on den geistigen Gütern. Aus ihnen schöpft sie die Kraft zur Begeisterung, die Klarheit des Weges durch alle die Zeitströmungen hindurch, die mächtigen Antriebe aus dem Genius der Geschichte. Die Theoretiker bei uns aber genießen nicht die Wohltat einer Arbeit, die dem Leben nahe bleibt. Sie schwätzen in einer Gegend, wo es ja keinem Menschen ein Haar krümmt, einerlei, ob man Recht hat oder Unrecht, lustig darauf los. Sie haben ganz vergessen, welche Verantwortlichkeit auch dem Worte innewohnt, das man spricht oder denkt. _ So möchte ich denn diese Kluft ein wenig schließen. Es ist schon viel gewonnen, wenn die Praktiker auch nur eine einzige allgemeine Kulturzeitschrift wirklich lesen, ich denke da etwa an unsere Wochenzeitschriften, z. B. das „Abendland" oder das „Neue Reich" oder „Die schönere Zukunft". Dann möchte ich, daß die Parteien etwa dafür sorgten, daß beide Garnituren von Menschen einmal zusammengekommen. Gerade diese Aussprachen sind von dem allergrößten Wert. Dafür ein Beispiel:
Es war in einer Stadt des Badener Landes, das ich nun einmal liebe wie meine zweite Heimat. Da waren in den Tagen der Not ein Jni- dustrieller, em Mann der Stadtverwaltung, ein Professor der neueren Sprachen, ein Geistlicher, der stark im öffentlichen Leben steht und außerdem noch sehr gescheit ist, ein anderer Geistlicher, der außer einem guten Kopf auch noch ein besonders gutes Gemüt besitzt und immer schön und vetsöhnlich wirkt, und also ich zusammen. Man erörterte die Frage, wie man heute in derschreck- lichen Not dem Arbeitslosen helfen könne. Alle
gr. 261.
Sonntag, den 10. November 1929,
hatten sie über diese Frage nachgedacht, denn es waren alles Menschen, die warm für das Wohl des Mitmenschen empfinden. Da wurde zum Beispiel gesagt, es sei doch gut, wenn die verheirateten Frauen wieder ganz der Familie zurückgegeben würden. Sie sollten nicht jenen die Stellen wegnehmen, die keine Familie haben. So wird den Familien geholfen und den Stellenlosen zugleich. Da müßte also die Gewerbeordnung entsprechend abgeändert werden. Dann wurde vorgeschlagen, die Grenze für die Altersversorgung herabzusetzen und andererseits die Leistungen zu erhöhen. So würden alte Leute nicht mehr gezwungen, trotz des Rentenbezuges sich Verdienst in gewerblichen Betrieben zu suchen und dadurch jüngeren Arbeitskräften den Weg zu verengen. Endlich beschäftigte man sich mit dem Abbau von Arbeitskräften, die eine Rationalisierung mit sich bringt. Ein solcher Abbau ist gewiß nicht immer zu vermeiden, und es hat keinen Sinn, Maßnahmen der Fürsorge so zu treffen, daß die Wirtschaft darüber zugrunde geht, die Wirtschaft, die doch wieder das Fundament für alle Wohltätigkeit überhaupt bildet. Es sollte aber, eventuell durch eigene Ueberwachungsorgane dafür gesorgt werden, daß der Abbau nur innerhalb der Grenzen des absolut Notwendigen vorgenommen werde, und daß, solange die wirtschaftliche Lage eines Betriebes es irgendwie gestatte, die Arbeitnehmer nicht durch Kündigungen ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubt und samt ihren Familien dem Elend preisgegeben würden. Das alles wurde nun von den verschiedensten Standpunkten aus, wie sie in der Runde vertreten waren, beleuchtet, und da alle diese Menschen in ihrer Weise auch da und dort praktischen Gebrauch von den ^geäußerten Gedanken machen konnten, so war das wirklich ein sehr fruchtbarer Abend. Könnte man nicht so manches dumme Stammtischgeschwätz durch solche Gespräche ersetzen? Wäre dergleichen nicht sogar in unfern Korporationen möglich? Geht es an, daß in Zeiten, die wie ein unerhört schwaches Joch auf dem armen Volke lasten, weite Kreise der Gebildeten sich um diese Not gar nicht zu kümmern scheinen? Daß sie nicht eine einzige der großen Fragen wirklich studieren? Daß sie die kostbare Zeit vertun mit Besuchen und Gegenbesuchen? Mit einem Streit darüber, wer noch gesellschaftsfähig ist und wer nicht? Mit Berechnungen, daß da ein Tisch im Kasino für die Herren Landgerichtsdirektoren, ein zweiter für die Herren Referendare ist und daß die Industrie sich wieder an einem andern vergnügen darf, daß es aber die schwerste aller Sünden ist, wenn sich ein Referendar an den Tisch der Richter und ein Jndn- stvieller an den der Akademiker verirrt? Auf solche Weise geht heute das Leben Taufender dahin, das kostbare Leben. . .
Was heute in der Oeffenftichkeit vor sich geht, von dem Radau der Volksbegehrler bis zur Phantastik der ernsten Bibelforscher, zeigt eine Direb- tionslosigkeit, tote sie eines Kulturvolkes nicht würdig ist. Es fehlt uns der Atem einer Nation, die sich ihrer Würde und ihrer Aufgabe bewußt ist..Genug davon. Der Herbst stimmt einen
Zeitung
3. Mall.
Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda.
schon einmal etwas ernst. Es wird ja besser werden. Das Arbeitslosenproblem wird sich nach wenigen Jahren schon ganz anders stellen. Dann wird man Arbeitskräfte suchen, und die Jugendlichen kommen ja auch heute schon leicht unter. Auch Wohnungen werden wir eines Ta^es genug haben und nach Menschen suchen, die dir kinder- leeten Heime bevölkern. . . . Zum Schluß noch ein Sprüchlein der heiligen Hildegard von Bingen, die sich bekanntlich auch auf Medizin verstand: „Wasser schwächt den Menschen. Bier macht dick und ungesunde Farbe des Gesichts (das Bier von damals ist gemeint), Wein macht froh und gesund ..." Das habe ich nicht aus einer Heiligenlegende, sondern aus der Reklame eines Wein- händlers. Wozu die Heiligen nicht alles gut sind!
Der Mann im Monde.
Reise und Wanderung.
— Keine Verlegung des Rheingoldzuges. An eine Verlegung des Rheingoldzuges auf die rechte Rheinseite, wie sie nach verschiedenen Blattermelüungen im nächsten Sommer durchgeführt werden soll, ist nach einer amtlichen Mitteilung nicht zu denken. Vielleicht wird später noch ein Parallellzug zum Rheingoldzug rechtsrheinisch eingelegt werden können.
Duell und Mensur.*)
Im Strafrechtsausschuß des Reichstages versuchten immer wieder die Sprecher der Deutschnationalen Volkspartei den Beweis zu erbringen, daß Bestimmungsmensur und Zweikampf nicht auf eine Linie gebracht werden könnten. Zwar brachte der deutschnationale Abg. Dr. Strathmann zum Ausdruck, er möchte das Menfurweien nicht verteidigen, doch müsse er sich gegen die Bestrafung der Bestimmungsmensur wenden. Er könne die Auffassung des Zentrums als Ausdruck der Ueberzeugung und des Willens der katholischen Bevölkerung nicht anerkennen.
Demgegenüber wies der Zentrumsabgeordnete Wegmann nochmals mit aller Entschiedenheit darauf hin, daß hier Begriffsauslegungen nicht möglich wären. Auch das Zentrum erwarte nicht alles Heil vom Strafrecht, denn Bestimmungsmensuren und Duelle würden allein durch Gefängnisstrafen nicht aus der Welt geschafft, wenn nicht auch eine andere gesunde Auffassung in den Kreisen ein-
*) Vergleiche Artikel vom 29. Okt. 1929.
Die Wiener Skndenkenunruhen.
Demonstrierende Studenten vor der Universität.
Rechts oben Prof. Tandler, dessen Kolleg zum Ausgangspunkt der Unruhen wurde.
Im Wiener anatomischen Institut kam es bei einer Vorlesung des sozialistischen Prof. Tandler zu schweren Ausschreitungen andersgesinnter Studenten. Nachdem sich nun die Unruhen an den Wiener Hochschulen bereits seit Wochen hinziehen, haben die. Rektoren jetzt die Schließung der Hochschulen angeordnet. Die österreichischen Studenten täten besser, in Ruhe etwas Tüchtiges zu lernen, als sich tagelang dem zweifelhaften Zeitvertreib des Demonstrierens und der Prügelei zu widmen. _____________________
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Roman von M. W. S o p h a r.
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„Ja, sie wohnt nur eine halbe Stunde weit entfernt. Sie ist die richtige Gevatterin, ein bischen langweilig, und besucht die Armen und Kranken. Ich gefalle ihr nicht."
„Du gefällst ihr nicht?" Malchens kluges Auge blickte forschend in das liebliche Gesicht der anderen.
„Weshalb nicht, das weih der Himmel," antwortete Stella leichthin und zog die Achseln. „Sie sagte einmal zu mir, ich hätte keine Wurzeln — ich habe nicht die leiseste Ahnung, was sie damit meinte."
„Keine Wurzeln?" wiederholte Malchen, die Augen noch immer nachdenklich auf Stella gerichtet. „Ich hätte in deiner Stelle sie doch gefragt, was sie damit meinte. Vielleicht wollte sie dir etwas helfen."
„Vielleicht", entgegnete Stella gleichgültig. Sic gingen beide durch die Glastür, die in die Bibliothek führte, ins Haus.
Malchen erinnerte sich dieser kurzen Unterhaltung später am Tage wieder, als sie unter den Bäumen aui dem Rasen saßen und ein Ponygefährt auf der Rampe vorfuhr. Eine kleine Dame stieg heraus und wurde über den Rasen von dem alten Haushofmeister geleitet, der nebst Frau und Tochter das Herrenhaus seit Hallers Tod in alleiniger Obhut hatte.
Frau Bendler stand von ihrem Platz hinter dem Kaffeetisch auf, um die Ankommende zu begrüßen, und die beiden jungen Mädchen, die auf dem Gras neben ihr gesessen hatten, erhoben sich ebenfalls. Stella war sich chrer Anmut und Schönheit zu bewußt, um verlegen zu fein, Malchen erschien sich selbst plötzlich zu groß, zu linkisch und zu unbeholfen, angesichts der kleinen,.zierlichen Dame, die sich ihnen näherte.
Frau Grau gehörte zu den zarten, überaus vornehm uikd hübsch gestalteten kleinen Frauen, bei deren Anblick man sich verwundert fragt, weshalb es eigentlich große Frauen gibt. Von der Spitze ihres Kopfes, den weiches, weißes Haar krönte, bis hinunter zu dem feinen, kleinen Fuß, war sie eine vollendet anmutige Erscheinung, und wenn Malchen von der Existenz 1
Meißener Porzellans etwas gewußt hätte, so würde sie Frau Grau mit diesem graziösen Fabrikat verglichen haben. Die kleine Dame tauschte einen Händedruck mit Frau Bendler und küßte Stella.
„Und das ist meine neue Nachbarin hier auf dem Herrenhause?" fragte sie freundlich, wandte sich zu Malchen und streckte ihr beide Hände mit einem so gütigen, mütterlichen Lächeln entgegen, daß das Mädchen ein eigenartiges, erstickendes Gefühl in der Kehle empfand und sich ihre braunen Augen feuchteten. „Willkommen auf Sinzenburg, mein liebes Kind! Sie sind zum erstenmal hier?"
Malchens Erregung gestattete es ihr nicht, eine verständliche Antwort zu geben, aber ihre großen Augen sagten, was sie im Herzen fühlte. Ohne ein weiteres Wort an Malchen zu richten, setzte sich die Dame in einen niedrigen Stuhl, den Stella ihr hingeschoben hatte, und begann nun angenehm über die verschiedensten Gegenstände zu plaudern, die in gar keinem Zusammenhang mit dem Herrenhause und seiner neuen Besitzerin standen. Malchen war sich aber bewußt, daß sie auf eine feine, zarte Art in die Unterhaltung mit hineingezogen wurde, und daß die milden Augen von Frau Grau zuweilen mit demselben mütterlichen Blick auf ihr ruhten, der ihr das Herz so schnell hatte schlagen lassen. Sie lehnte sich in den kleinen Stuhl zurück, auf dem sie zuerst nur an einer Seite gesessen hatte, so daß sie jetzt ununterbrochen das Gesicht von Frau Grau vor sich hatte, und es war ihr in ihrem kindlichen Gemüt, als ob sie noch nie ein so liebes Gesicht angeschaut, noch nie eine so liebe Stimme gehört habe. Frau Grau konnte nicht Anspruch darauf erheben, für eine Schönheit zu gelten, aber ihre Züge strahlten Vornehmheit und Reinheit aus, der Reflex ihrer schönen Seele. Und aus den tiefen, sanften Augen angeblickt zu werden, tat Malchen ungemein gut.
Erst als der Kaffeetiich abgeräumt war, wandte sich Frau Grau wieder an Malchen, die inzwischen ihre unerklärliche Scheu überwunden hatte. Mit der sanften Stimme, die auf Malchen eine so ungewöhnlich starke Anziehungskraft ausübte, fragte sie:
„Sie bleiben also nur bis Montag hier? Es ist ja aber wohl auch schwer, sich gerade jetzt dem großstädtischen^ Leben zu entziehen."
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„Ich finde es nicht schwer und möchte hier wochenlang bleiben, am liebsten immer. Mir kommt es hier wie im Paradies vor. Ich bin bis jetzt noch nie auf dem Land gewesen." Sie redete sich immer mehr in Eifer hinein und machte dabei auch Sprachfehler, die sie aber gar nicht genierten, als sie das wachsende Interesse bei ihrer Zuhörerin wahrnahm.
„Ich kann Ihre Freude vollkommen verstehen und auch den Wunsch, länger hier zu bleiben. Vielleicht kommen Sie bald wieder zurück?" Dabei blickte sie fragend zu Frau Bendler hinüber, die recht kühl erwiderte:
„Unsere Sommerpläne stehen noch nicht endgültig fest. Vielleicht machen wir große Reisen, oder wir nehmen einige Einladungen auf längere Zeit an. Stella und ich sind von mehreren Freunden gebeten worden; vielleicht können wir Malchen bei chnen einführen!"
Frau Bendler hatte niemals viel für Frau Grau übrig gehabt, im Gegenteil, sie mißfiel ihr und sie hatte von Anfang an ihrem Gatten widersprochen, die kleine, sanfte Dame als Patin für ihre Tochter zu nehmen. Das unangenehme Gefühl verließ sie nicht, daß Frau Grau mit den sehr scharfsichtigen Augen ihre Unaufrichtigkeiten und Lügen durchschaute.
Vielleicht kannte Frau Grau auch diese Antipathie der Mutter Stellas gegen sie, vielleicht erwiderte sie sie in gewissem Grade, denn zwischen der offenherzigen, klaren Natur der einen und der gewundenen, unsicheren Natur der anderen Frau bestand kaum ein gemeinsamer Berührungspunkt. Trotzdem behielt Frau Grau stets ihr freundliches Wesen gegen die Bendlerschen Damen und sagte nun:
„Ich denke, daß Malchen. wenn ich Sie so nennen darf" — mit einem gütigen Blick gegen das Mädchen — ..in Ihre Einladungen stets mit eingeschlossen ist. Jeden- falls hoffe ich aber, daß Sie einmal zu mir auf Besuch kommen, 'wenn es Ihnen bei einer alten Frau nicht zu langweilig ist."
„Zu Ihnen kommen?" rief Malchen vor Freude hochrot und mit strahlenden Augen. „Aufs Land und zu Ihnen?" Der Nachdruck auf dem letzten Wort erschloß ihr das Herz von Frau Grau.
„Sie möchten also gern zu mir kommen und würden es nicht langweilig finden?"
„Langweilig?" Malchen lachte, und Frau Grau glaubte, ein frischeres, spontaneres Lachen noch nie gehört zu haben. „Bei Ihnen und auf dem Lande langweilig?! Das gibt es gar nicht. Darf ich wirklich kommen? Ich kann doch?" Die letzte Frage richtete sie an Frau Bendler, die für diesen lieber* schwall an Freude nur ein milleidig verächtliches Lächeln hatte.
„Natürlich dürfen Sie zu Frau Grau, mein liebes Malchen. Ich bin doch kein Drache und habe auch, wie Sie wissen, keine rechtmäßigen Befugnisse über Sie." Sie machte den Versuch zu scherzen, was ihr aber pur schwach gelang. „Diese junge Dame", dabei legte sie die Hand auf Malchens Schuller, „ist vollständig unabhängig, Frau Grau, ganz ihre eigene Herrin. Es war seitens Herrn Hallers sehr vertrauensvoll, ihr so viel Macht einzuräumen. Und doch ist es für so junge Schultern eine schwere Last, und man glaubt —", sie unterbrach sich, weil sie Malchen fragen hörte:
„Was glauben Sie? Weshalb sprechen Sie von einer Last? Ist es denn nicht schön, reich zu sein?"
„Gewiß, sehr schön und angenehm. Aber großer Reichtum legt doch auch Verpflichtungen auf, und wenn ich ein großes Vermögen besäße, ließe ich mich zu allererst darin unterweisen, wie ich davon am zweckmäßigsten und besten Gebrauch machen könnte."
„Am besten? Ich weiß nicht, wie ich vom Geld anders Gebrauch machen soll, als mir Sachen dafür zu kaufen."
„Das ist ja auch ganz richtig", meinte Frau Grau und erhob sich. „Wenn Sie sich hier erst einmal länger umgesehen haben, werden Sie finden, daß die armen Seilte im Dorf einen gewissen Anspruch auf das Herrenhaus machen. Es gibt oft Not ringsum."
Frau Bendler zog die Brauen hoch, als sie sah, wie Malchen am Mund von Frau Grau hing und jedes ihrer Worte auf sich wirken ließ, Stella zog die Achseln.
„Sie sind eine so großartige Menschenfreundin, meine liebe Frau Grau," sagte Frau Bendler schmeichelnd, „daß ich mich, denke ich an all Ihre Wohltaten, förmlich schämen muß. Wir dürfen aber hier nicht au- her acht lassen, daß Herr Brand, Malchens Anwalt, große Ausgaben kaum gut heißen kann. (F. f.)