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klc. 260.

Samstag, den 9. November 1929.

Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackiendruckerei, Fulda.

Die kooperative Wirtschaft.

Don Dr. Heinrich Scharp.

i. —

Die Betrachtung und Beurteilung wirtschast- Kcher Dinge hat seit dem Ausgange des Krieges in der deutschen Oeffentlichkeit interessante Wand­lungen durchgemacht. Die Zeit der Grundlegung einer neuen staatlichen Ordnung unmittelbar nach dem Kriege roar auch die Zeit großer sozialwirt­schaftlicher Konzeptionen, die das Problem einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung in den Vordergrund rückten. Es hat sich bamt bald gezeigt, daß die harte Realität der wirtschaftlichen Situation solchen grundlegenden Auseinander­setzungen wenig günstig war. Die großen Pro­jekte scheiterten an der Notwendigkeit, zunächst ein­mal für die primitivsten wirtschaftlichen Bedürf­nisse des Tages zu sorgen. Der mühselige wirt­schaftliche Wiederaufbau, der mit der Stabilisie­rung der Währung einen gewissen Abschluß fand, vollzog sich im wesentlichen auf dem Boden einer ganz unproblematisch hingenommenen Wirklichkeit. In dem Maße, in dem dann der außenpolitisch« Druck allmählich abnahm und eine gewisse Ver­festigung der innerpolitischen Ordnung erreicht war und auch der Wirtschaft ein breiterer Raum zu relativ freier Entfaltung gesichert roar, traten die grundsätzlichen Fragen der Wirtschaftsgestaltung oieder stärker in den Vordergrund.

Die öffentliche Diskussion ist darüber fest Jah­ren im Gange. Sie greift über die rein roir(> schriftlichen Fragen hinaus und ist längst in die weiten Bereiche der Wirtschafts- und Gesellfch-afts- reform eingsdrungen. Die Lösungsversuche, die dabei herauskommen, liegen fast alle zwischen den beiden Polen dieser Auseinandersetzung: Zwischen dem wirtschaftlichen Liberalismus, der sich vom Produzenten her und dem Sozialismus, der sich vom Konsumenten her orientiert. Sie präsentie­ren sich in den Zwischensormen des sozialen Libe­ralismus und des Liberalismus im -Wesentlichen Synthesen zwischen den beiden Polen.

. In diese Situation stellt sich Friedrich Dessauer mit einem Buche, das der dogmatisch festgefahre­nen Diskussion einen völlig neuen Weg zum Ziele bahnt. Das Buch heißt „Kooperative Wirtschaft" und ist in diesem Jahre bei Friedrich Cohen in Bonn erschienen.

Der Verfasser braucht hier nicht erst umständ­lich vorgestellt zu werden. Friedrich Dessauer hat einen ungewöhnlich weiten Bereich menschlicher Erfahrung und Erprobung durchmessen. Don Hause aus Ingenieur war er lange Jahre hindurch Leiter eines bedeuteirden Fabrikunternehmens. Später hat er sich ganz der wissenschaftlichen For­schung zugeroandt. Er ist in Frankfurt Univer­sitätsprofessor und lebt als Leiter des Universitäts­instituts für physikalische Grundlagen der Medizin feiner wissenschaftlichen Arbeit. Einer breiteren Oeffentlichkeit ist er als Derfasier philosophischer Schriften — hier ist vor allem feine grundlegende „Philosophie der Technik" zu nennen — und als Politiker bekannt geworden. Das Zentrumsvolk kennt ihn als seinen Reichstagsabgeordneten, der in letzter Zeit vorwiegend als Wirtschaft-Politiker hervortritt. Es versteht sich von selbst, daß ein iso ungewöhnlich gebildeter Mann, dessen philosophisch- soekulative Begabung sich mit einer gründlichen Kenntnis der Praxis des In- und Auslandes und mit einem betont sozialem Empfinden glücklich ver­einigt, zu den sozial-wirtschaftlichen Problemen un­serer Tage etwas zu sagen hat.

Der Ausgangspunkt seines Buches „Koopera- Wirtschaft" — dessen Gedanken hier in eng« Anlehnung an die Formulierungen des Der- ffsers entwickelt werden sollen, — eröffnet einen ganz neuen Aspekt der Dinge. Dessauer geht da­von aus, daß die Synthesen zwischen Liberalismus und Sozialismus zwar hundertfach theoretisch formuliert, in der Praxis aber immer wieder an der entscheidenden Frage nach dem Vorrang des Produzenten oder des Konsumenten gescheitert sind. Daraus fließt ihm die grundlegende Erkennt­nis, daß in der Ebene zwischen den beiden Polen des Liberalismus und des Sozialismus überhaupt keine wirkliche Lösung zu finden ist, und daß man erst eine neue Ebene gewinnen muß, um eine Wirt­schaftsgestalt zu finden, die durch die polare Skruk- tur nicht begrenzt ist, sondern darüber hinausragt. Eine wirkliche Synthese, die These und Antithese umspannt „muh aus höherer Ebene niedersteigen". Ein Ordnungsprinzip, das zwischen den streiten­den Mächten Ruhe stiften soll, kann diesen Mächten nicht gleichgeordnet sein. Das ist der Ausgangs­punkt des Buches.

Wie aber ist die neue Wirtschaftsgestalt, die koo­perative Wirtschaft zu finden? Dessauer versucht es mit einer ganz neuen, und wie es sich Herausstel­len wird, sehr fruchtbaren Methode, mit der in

der zeitgenössischen Philosophie ausgebildeten Me­thode der Phänomenologie, die nicht von abjektl- vierten Begriffen des abstrahierenden Denkens, sondern von einer gelasisnen Betrachtung der Ge­genstände selbst ausgeht. Die klassische Naticmal- ökonomie hat durch abstrahierendes Denken die wirtschaftlichen Funkffonen begrifflich von ihren Trägern losgelöst. Das Ergebnis waren die von ihren menschlichen Bindungen losgelösten Begriffe des „Bedarfs", des „Kapitals", der „Arbeit". Das kooperative Wirffchaftsfystem macht demgegenüber den Versuch, diese anonymen Begriffe wieder mit der vollen Wirklichkeit zusammenzubringen, und eine dichte Verbindung der Wirtschaftsfunktionen mit ihrem menschlichen Träger wiederherzustellen. Es ist keine Dichtung, die willkürlich gemacht wer­den könnte. Es hat reale Fundamente, es ist in den Tendenzen schon da, es existiert schon in der Potenz; es kommt nur darauf an, es zu erkennen, sichtbar zu machen und zu vollziehen. Dabei ent­hält sich Wirtschaft als «in „Geschehen zwischen Mensch", Natur u. Technik", nicht zwischen „Bedarf, Kapital und Arbeit". Unter solchen Voraussetzun­gen entwickelt sich die Grundthese des Dessauerschen Buches. Jedes wirtschaftliche Geschehen ist ein Zusammenwirken mehrerer ursprünglicher Fakto­ren. Jeder dieser eigenen Faktoren hat seine eigene Normkraft und nimmt in seinem ursprünglichen Charakter am Wirtschaftsgeschehen teil. „Das Sy­stem der kooperativen Wirffchaft", so formuliert Dessauer selbst seine These, „will nun nichts ande­res, als diese ursprünglichen Kooperationsfaktoren kennen lernen, so wie sie sind, will sie in ihrer Totalität mit der Gelassenheit und Versenkung des Gegenstandstheoretikers betrachten, ohne jedes Vorurteil, das den einen Wirffchastsfaktor über den anderen vorweg erheben würde. Das koope­rative Wirtschaftssystem meint dann, daß die Be­trachtung der vorgefundenen Kooperationsfaktoren erkennen lehre, wie man ihre Kooperation leiten müsse, damit das Ziel der Wirtschaft, die geistige, sittliche und leibliche Wohlfahrt der Menschen ge­fördert werde."

H.

Es ist nicht möglich, hier alle Gedankengruppen, mit denen diese These überzeugend begründet und erläutert wird, auch nur anzuführen. Nur in ganz allgemeinen Linien kann der Gedankengang Des­sauers und der Sinn der kooperativen Wirtschaft hier skizziert werden:

Die ursprünglichen Kooperationsfaktoren der Wirffchaft sind nach Dessauer die folgenden:

1. Der unternehmende, gewinnstrebende Mensch. Sein reiner Typ ist der Unternehmer im eigentli­chen N.nne, der schaffende Pionier. Seine Funk­tion ist für die Wirtschaft unentbehrlich.

2. Der mitunternehmende Mensch. Er verbirgt sich unter der anonymen Funktion des Kapitals, aber es handelt sich in Wirklichkeit um einen Men­schen, der das Kapital hergibt.

3. Der mitarbeitende Mensch, der Arbeitneh­mer. Soll er nicht als bloße Arbeitskraft, sondern als Mensch mit dem Höchstmaß seiner Leistungsfä­higkeit funktionieren, so braucht er seinem Wesen nach eine Chance, Mitbestimmung und Kompetenz.

4. Der bedürftige, der konsumierende Mensch, der Konsument. Auch er ist am Wirtfchaftsvollzug beteiligt.

5. Das Gesamtbewußtssin als Gesellschafts­form, als Reich, Staat, Gemeinde, als regulieren­der Faktor. Diese fünf Faktoren kann man auch die menschlichen oder subjektiven Urfaktoren der Wirtschaft nennen, weil von ihnen allein bewußter Wille und Leitung in die Wirffchaft strömt.

Es folgen dann noch zwei objektive Faktoren, nämlich

6. Die Natur — die aus ihrer Eigenart auch ihre Vorschrift in die Wirtschaft einbringt, und

7. Die Technik, die mehr bedeutet als ein Mit­tel der Wirffchaft, nämlich Dienst und Hilfe für den Menschen.

Aus diesen Faktoren enffteht kooperative Wirt­schaft, wenn die menschlichen Faktoren sinn- und planvoll, jeder mit dem Einsatz feiner besonderen Eigenart und nach feinen Anlagen, mit den objek­tiven Faktoren zusammenwirken. Ein wesentlicher Teil des Dessauerschen Buches befaßt sich demge­mäß mit der Ausgabe, aus der Beschaffenheit der Urfaktoren selbst die Gesetzmäßigkeit ihres Zusam­menwirkens zu erkennen. So oft sich herausstellt, daß ein Wirffchastsfaktor gegen seine Art und An­lage im Wirffchastsvollzug eingesetzt wird, so oft liegt eine Störung der Kooperation vor. Dessauer gibt dafür aus dem reichen Schatz seiner (Erfahrun­gen, die er als Techniker, Fabrikdirektor, Erfinder, Gelehrter und Politiker sammeln konnte, an'-bau» liche Beispiele. Wenn etwa der Mitarbeiter ledig­lich als Sache, als auf dem Arbeitsmarkt gekaufte Arbeitskraft eingesetzt und verbraucht wird und nicht mit seinen menschlichen Qualitäten, dann lei­

det die Wirtschaft. Sklavenarbeit ist unökonomisch. Oder ein anderes Beispiel: In dem Betrieb einer Fabrik sind die Faktoren Unternehmer, Mitunter­nehmer (Kapital) Mitarbeiter, Natur und Technik auf der einen Seite mit dem Konsumenten und der anderen Seite verbunden. Die Kooperation wird gestört, wenn die Faktoren nicht nach ihrer Anlage eingesetzt sind: wenn etwa die Unternehmerinitia­tive zu sehr eingeengt, der Mitarbeiter nicht als Mensch mit seinen Geistes- und Seelenkräften ein- gesetzt, die Technik vernachlässigt oder der Urfaktor Natur in der Standortsfrage falsch genutzt wird. Störungen der Wirtschaft lassen sich auf diese Weise als Fehler der Kooperationslinien aufzeigen. Die Systeme des wirtschaftlichen Liberalismus und des Sozialismus erhalten von diesem Gesichtspunkt aus ihre Signatur dadurch, daß sie den Koopera- ttonsfaktor Ünternehmer oder den Kooperationsfak­tor Konsument über seine natürliche Bedeutung hinaus über die anderen Faktoren hinausstellen. Demgegenüber gilt es die Uffaktoren einzeln in ihrer EjAenart und in ihren natürlichen Koopera­tionen zu erkennen, — das ist die Aufgabe der So­

zialökonomie, — und durchführen — das ist die Aufgabe der Wirtschaftspolitik.

Damit führt dieses Buch unmittelbar in die Aufgaben hinein, die heute dringender denn je gerade an das Zentrum herantreten. In dem Be- mühen um die Herausarbeitung eines Wirtschafts­programms der Zentrumspartei wird das Buch Dessauers an erster Stelle stehen.

Wie wird das Vetter?

Das am Mittwoch noch über Frankreich liegende schmale Regengebiet hatte am Donnerstag unser Gebiet erreicht und brachte leichten, aber anhaltenden Regen, der sich in der Hauptsache jedoch auf die rhein-rnainische Tiefebene beschränkte, lieber England ist erneut ein aus­gedehntes, weit nach Süden reichendes Regengebiet aufge­treten, das auch uns nach anfänglicher Besserung mit Druckfall schon im Laufe des Freitags erreichen und neue Regenfälle bringen wird.

Witterungsaussichten für Samstag: Wolkig bis be­deckt, weitere Regenfälle, südwestliche Winde.

DeukfcheVauernwundernausRutzland nachAanada aus

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Die deutsch-russischen Bauern im Kieler Hafen.

Nach unsäglichen Mühen und ohne jede Mittel sind inKiel 380 deutsche Auswanderer eingetroffen, von wo sie nach Kanada weiterfahren wollen. Die Auswanderer sind Bauern, die in Rußland keine Existenzmöglichkeit mehr fanden und nun durch Unterstützung kanadischer Glaubensbrüder — es handelt sich durchweg um M e n n o n i t e n, — in der neuen Welt eine neue Heimat zu finden hoffen.

Die Londoner jubeln dem kotgesagle« König Georg zu.

Erste Ausfahrt des Königs von England nach der falschen Todesmeloung.

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Durch einen Dummenjungenstreich irregeführt, war im Rundfunk mitgeteilt worden, König Georg von England fei plötzlich gestorben. König Georg konnte die Gerüchte dadurch zerstreuen, daß er sich auf einerAusfahrt der Bevölkerung von London zeigte. Man hatte Gelegenheit, feftzustellen, daß sich König Georg zur Zeit bei besonders guter Gesundheit befindet.

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CIGARETTEN

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Am Steuer meine» Wagens kämpfe ich für den trfby meines Landes und Fabrikates.

Letzte Nervenanspannung vor dem Sieg I

Nur Cigaretten ausgeglichener üeschmackswirkung’ geben mir mit der Suhlen Besonnenheit die ruhige Hand und den sicheren Blick.

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Der Sporfsmann -