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56. Zahrg

Dienstag» 5. November 1929

Das Ergebnis in Zahlen

in den einzelnen Ttimmkreisen

i6( bet

Die Ergebnisse sind folgende:

* Der ikoNenische Botschafter wieder auf feinem Berliner Posten. Der italienische Botschafter A ' - drovandi ist nach Berlin zurückgekehrt und hat die Leitung der Botschaft wieder übernommen.

* Ein Zwischenfall an der deutsch-holländischen Grenze. Aus Amsterdam wird gemeldet: Wie die Blätter berichten, wurde an der deutsch-holländi­schen Grenze in der Nähe der Stadt Sittard, Pro­vinz Limburg, ein holländischer Motorradfahrer, der auf den ersten Anruf deutscher Zollbeamter nicht anhielt, von einem der Beamten durch einen K a r a b i n e r s ch u ß in den Kopf g e- troffen und getötet. Die Blätter geben der Vermutung Ausdruck, daß der Motorradfahrer den Anruf infolge des Motorgeräusches nicht ge­hört hat.

* 140 Zwanosgestellke bei einer kommunistischen Kundgebung. In Krefeld hatte der kommu­nistische Jugendverband Deutschlands und die KPD. zu einer Kundgebung aus dem Karlsvlaß eingela­den. Die Teilnehmer, etwa 200 Personen, waren zum größtenteil von auswärts in Lastkraftwagen erschienen. Die Demonstranten formierten sich um 15 Uhr zu einem geschlossenen Zuge. Da sie sich während des Marsches durch Nufe als Anhänger des verbotenen Not-Frontkämpferbundes zu erken­nen naben, erfolgte die Auflösunn des Zuges durch die Polizei. Es wurden 140 Personen zwangs­gestellt, nach Feststellung ihrer Personalien aber wieder entlassen.

* Hinrichtung habib Ullahs. Aus Indien ein­getroffene Berichte bestätigen, daß Uacha y Sakao, der als habib Ullah mehrere Monate lang in Ka­bul herrschte, mit zwei seiner Brüder und mehre­ren Anhängern in Kabul h i n g e r i ch t e t worden ist.

Die Vorgänge In Polen.

wtb. Warschau, 4. Nov. (Eig. Meldg.). Der Sefm-Marscholl hat gestern unter dem Eindruck der von Innenminister General Skladkowski u. Oberst Deck veröffentlichten und von Marschall Pilsudski redigierten Darstellung seiner Unterredung mit Pilsudski dem Staatsgerichtspräsidenten schriftlich mitgeteilt, daß er m der geplanten Konferenz nicht erscheinen werde, fo-zrn an ihr Marschall Pilsudski teilnehmen tollte. In seiner Antwort ließ ihn der Staatspräsident bitten, daß das Gespräch nur mit ihm stattfinden werde. Nach der Unter­redung beschloß der Seim-Marschall, den polni- scheri Landtag fürDienstag, den 5. No- vember. einzu berufen.

Der Marschall Pilsudski muß eine fürchterliche Nudel sein! ________________________

Ein Ritz durch Deutschland.

Itachdem knapp 10 Prozent für das Volksbegehren erzielt sind. Katzenjammer bei dem vernünftigen Teil der Deutfchnationalen. Die französischen Rationalisten freuen sich über das Werk Hugen- bergs und nehmen die Verdächtigung der Ariedensabsichten Deutschlands wieder auf. — Die „Deutsche Tageszeitung" warnt vor dem Volksentscheid.

Monatlich 1,80 einschlietzt. Postgebühr (48 Pf.» ohne Zuftellg. Anzeigen-Preise: Kleinzeile iCol.) lokal 0,15 LF, auswärts 0,20 JLM. Reklamezeile: lokal 0,60 M., auswärts 0,80 M. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheck!. Tranks, a. M. 4051

Die Strafanzeige wegen verleumderischer Belei­digung, die Reichsinnenminister Severing ge­gen Hugenberg erstattet hat, weil hugenbecg den bei der Stimmzählung des Volksbegehrens be­teiligten Beamten den Vorwurf der Wahlfälschung gemacht hat, ist bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin I eingeganqen Generalstaatsamvalt Wilde wird am Montag dem preußischen Justizministerium über die Angelegenheit Bericht erstatten. Er will laut „Montagsyost" den Antrag stellen, daß sich daß preußische Justizministerium für die A u i h e- bunq der Immunität des Reichstag s- abgeordneien hugenberg einsetzt.

*

Der Reichspräsident empfing den Reichs­minister für die befehlen Gebiete Dr. Wirth zum Vortrag über den Stand der Räumung und die Lage im besetzten Gebiet.

FuldaerZeitung

Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Julda. Amtliches kreisblatk.

Hoffe Müller seine Anschaauung kundtt, daß ihm der I § 4 n t d» t gefalle, da erhob auch schon die „Kreuzztg." ihre krächzende Stimme gegen den sachlich einzig mög­lichen Paragraphen des Freiheitsgesetzes. Diese Stimme wurde mit Wonne vom „Berliner Tageblatt" und anderen Doung-Gazetten ausgenommen, und deutsch- nationale Pfcchlbürger deckten nun ihre Feigheit mit dem hindenburgswort zu."

„Der Stahlhelm hat erfreulicherweise ein paar stih- | rende Dolksparteiler ausgeschlossen, die gegen das Volks- i begehren aufgetreten waren (wie viel Stresemänner wüh- i len denn noch immer im Stahlhelm herum?), aber auch er wird erkennen müssen, daß es um ein Entweder-Oder geht und er durch seine bisherige Lauheit gute zehn Jahre verpaßt hat.

Die badischen Wahlen haben gezeigt, daß die Zeiten des Paktierens vorbei sind, daß das aktive Deutschtum des Kopfes und der Faust sich immer mehr um die NSDAP, schart, die allein den Kampf gegen die Hochfinanz und ihre Zuhälterpartcien in ungebrochener Linie geführt hat und jetzt mit verdoppelter Energie weiterführen wird. Die Losungen des Volksbegehrens waren nationalistische Parolen, gegen die die DNVP. und Stahlhelm sich jahrelang gesträubt haben."

Wir finden diese Rüge, offen gesagt, doch etwas hart. Man wird huaenbera, wenn man ehrlich fein will, doch nicht den Vorwurf machen können, daß er als Propagandachef Hitlers nicht feine Pflicht getan Habe. Es ist auch nicht gerade sehr taktvoll, ihm auf diese Weife anzudeuten, daß er eigentlich nur mit fremden Ideen gearbeitet habe. Es ver­rät jedenfalls auch nicht sehr viel Zartgefühl, wenn der „Völkische Beobachter" zum Schluß versichert, daß man vorläufig bei den Nationalsozialisten noch nicht daran denke, Hugenberg oder die Deutsch­nationale Voghsvartei aufzufressen. Es sei aebr klar, daß man die B e st e n in der deutsch- n a 11 tnrtr be n Partei zur offenen Revolte rufen werde, „wenn die Demokraten unter den deutsch- nationalen Parlamentariern erneut die Oberhand gewinnen sollten, wie 1924." Das sind ein bißchen viel Freundlichkeiten auf einmal.

Die vernünftigen Teile der Deutschnatio­nalen merken doch jetzt, mit wem das Bündnis ge­schloffen ist und in welcher Gefahr Hugenbergs Pakt mit Hitler sie gebracht hat. Die im deutfch­nationalen Lager hoch angesehene „Deutsche Tages­zeitung", das Organ der deutschnationalen Land­wirtschaft, veröffentlicht einen Aufsatz, der als Kampfansage gegen Hugenberg er­scheint. Es beißt da u. a.:

„Auf der Kostenseite des Volksbegehrens steht nach unserer Auffassung auch die Art, wie die Agitation ge­führt wurde .... Nur mit beträchtlichem Mißbehagen haben wir gesehen, daß in deutfchnationalen Kreisen u n- verkennbare Blüten nationalsozialisti- fcher Phraseologie ihren Einzug hielten. Denn wir sind allerdings der Meinung daß die Kreise der Recküen, die aut volitifche Ernsthaftigkeit Anspruch er­beben. allen Anlaß haben, nicht in einen Wettlauf des Radikalismus mit den Nationalsozialisten einzutreten, bei dem sie doch immer nur zweiter Sieger bleiben können .’

Nun wirft di» „Deutsche Tagesz-iiung" die Kernfrage auf: Was soll weiter geschehen? Und die Antwort ist die Erkenntnis, daß die Durch-

Das Kabinett Tardieu.

Der „nationalliberale" Andre Tardieu, em Pendant unseres verstorbenen Stresemann, hat sein Kabinett endgültig gebildet. Die Ministerliste lau­tet folgendermaßen: Ministerpräsidium und Inne­res: Andre Tardieu, Justizministerium: Senator Lucien Hubert, Finanzministerium: Senator Che- ron, Unterstaatssekretär im Finanzministerium: Champetier de Rtbes, Auswärtige Angelegenhei­ten: Briand, Kriegsminister: Maginot, Marine: Georges Leygues, Landwirtschaft: Hennessy, öffent­liche Arbeiten: Pernot, Handel: Pierre Etienne Flandin, Luftfahrtministerium: Laurent-Eynac, Ko­lonien: Pi-tri, Arbeitsminister: Loucheur, Unter­richt: Senator Pierre Marraud, Pensionsminister: Senator Galtet, Ministerium für Post, Telephon und Telegraph: Germain Martin, Ministerium für Handelsmarine: Rollin.

Die Verteilung der politisch en Kräfte im neuen Ministerium stellt sich also so dar, daß die Rechte durch sechs Minister und Unterstaats­sekretäre vertreten ist, und zwar durch Pernot, S-rot, Oberkirch, Maginot, Champetier de Ribes und Poncet. Zu ihnen ist auch der Finanzminiffer Ch-ron zu rechnen, der am Rechtsblock des Senats teilnimmt. Die rechte Zentrumsgruppe, der Tardieu selbst angehört, stellt außer ihm noch sieben Reqierungsmitglieder, nämlich Levgnes, Flandin, Rollin, Marcel Heraud, Petsche, Barety und schließlich Pietri, der ein junger Politiker ist. Die linke Zentrumsgruppe hat sechs Mi­nister und Unterstaatssekretäre entsandt, nämlich Loucheur, Germain Martin, Laurent-Ennac, De- ligne, Mallarm- und Manaud. Zu ihnen darf man auch die Senatoren Marraud, Lucien Hubert und Galtet rechnen. Aus zwei kleinen Linksgruv- nen sind vier Persönlichkeiten entnommen, nämlich Briand und Hennessy, sowie Delrnonte und Henri Path-, ohne daß diese Männer v-el mehr als ihre eigenen Stimmen in die Majorität brächten, zu­mal die früheren Minister Painleve und Anteriov auf ihren Abaeordnetenplatz in denselb-n Gruppen und in die Opposition zurückgekehrt sind.

führung des Volksentscheidsein Irr- i sinn wäre.

„Kann es (das positive Ziel) darin bestehen, das Volksbegehren bis zu einem Volksentscheid fortzuführen, der nach menschlichem Ermessen doch nicht zum positiven I Erfolg führen kann? Ist nicht vielmehr die schwierigere Aufgabe darin zu erblicken, unter Einsatz aller Kraft und aller taktischen Klugheit dafür zu sorgen, daß, wie die Entscheidung über den Uoungplan auch fällt, unter allen Umständen zu gleicher Zeit die schwerwiegenden Fra­gen der inneren Ordnung, in erster Linie einer vernünftigen Finanzresorm und Lastenver­teilung gelöst werden? Das ist eine Aufgabe von solcher Positivitäl, daß für sie in Stadt und Land, Oft und West alle Kreise der Verständigenzusammenfaflen sind, eine Aufgabe freilich, die nur im Kampf mit dem herrschenden Sozialismus zu lösen ist, deren Unabwend­barkeit aber immer mehr Gemeingut der deutschen Oeffentlichkeit wird. Diese Erkenntnis ist es doch schließ­lich nicht zuletzt, die aus dem mittelparteilichen Lager den Ruf erfolgen läßt, und dort bewegliche Klagen aus« löst über die Radikalisierung der Rechten, wobei man freilich sehr deutlich daraus wird verweisen müssen, daß eine solche Radikalisierung nicht zuletzt Schuld der Mit­telparteien selbst ist, die in den Zeiten der pofitioen Zu­sammenarbeit die Rechte so behandelt haben, daß sie von sich aus radikalen Tendenzen den Weg ebnete. Gleich­wohl aber sind mir der Meinung, daß angesichts der Entwicklungen und Notwendigkeiten der nächsten Zeit man allerorts aus der Vergangenheit, auch aus der jüng­sten, lernen sollte, im Sinne nicht der Zersplitterung, sondern des Sichzusammenfindens und Zusammen- stehens. Die Rechte, die den ersten Kampf gegen die rote Diktatur soeben siegreich bestanden hat, ist unserer Meinung nach stark genug, sich Rechenschaft darüber zu geben, daß sie für den weiteren Feld,zug der Bundesgenossen bedarf. In der Umklamme­rung durch einen verantwortungslosen Radikalismus findet sie diese Bundesgenossen nickt: sie zu suchen, ist keine Angelegenheit der physischen, sondern der geistigen Stärke. Von deren Nachweis hängt Entscheidendes ab für die Zukunft des deutschen Schicksals."

Hoffentlich ist es noch Zeit zur Umkehr, damit Deutschland nicht aufs neue von außen schwer geschädigt wird und sich gleichzeiitg im Bür­gerkrieg innerlich zerfleischt. Nur Narren können die.se Gefahren übersehen.

Briand erklärte der Havas-Agentur, er stelle sich in Sachen der Kabinettsbildung einzig und al­lein auf den Boden der au sw artigen Politik. In dem Augenblick, in dem interna­tionale Vereinbarungen von höchstem Interesse für Frankreich und für den Frieden zur BehanÄ- lung stehen, habe er nicht das Recht, zu desertier ren. Deshalb hätte er Daladier seine Unterstützung zugesagt, ebenso Elemente! und Tardieu.

*

Das Kabinett Tardieu wird von der französi- sch en Morgenpresse mit großer Zurückhaltung ausgenommen. Man erklärt, daß Andre Tardieu vorläufig die technische Frage der Bildung eines Ministeriums geregelt habe, über dessen Lebens­fähigkeit man sich nicht aussprechen könne, bevor es nicht im Feuer des Parlaments gestanden habe.

„Petit Journal" erklärt: die erfolgte Bildung des Ministeriums Tardieu hat wenigstens den Vorteil, affe Befürchtungen zu beseitigen, die be­züglich der weiteren Mitarbeit Briands laut zu werden anfingen.

„Ere Nouvelle" fragt: Auf welche Mehrheit, um nicht zu sagen, auf welche Minderheit, wird sich diese widerspruchsvolle Ministerformation stützen? Briand behält das Außenministerium; wir können es nur billigen, daß er aus dieser selt­samen Schlacht die. Friedenspolitik gerettet hat ES ist von Bedeutung, daß der einzige Mann, bei in der Lage ist, daS Problem des Poung-Planes im Sinne von Locarno, d .h. im Sinne der Aus­söhnung Europas, zu lösen, Außenminister bleibt. DaS, und zwar das allein, wird das Land be- g^Die' „Republique", das Organ Daladiers, schreibt: Die Radikalen werden sich dem Kabinett Tardieu gegenüber nicht vorbedacht feindselig ver- halten, aber sie werden nicht das Mandat ver- gessen, das die Demokratie ihnen anvertraut hat. Sie werden nicht nachlassen, aufmerksam über bei Konsolibierung des Friedens zu wachen.

„Oeuvre" erklärt: In der Stunde,, m bet Briand mehrere wichtige Angelegenheiten für Frankreich vertreten muß, wäre es gut gewesen, wenn die französische Friedenspolitik von affen Linksparteien unterstützt worben wäre.

Ter sozialistische „Populaire" glaubt bereits für Donnerstag, also dem Tag, an dem das neue Kabinett sich dem Parlament vorstefft, eine neue Regierungskrise ankündigen zu können.

Mahraun als Parleigründer.

Schon feit Hugenbergs ersten Parteiführertaten, insbesondere aber feit Ankündigung seines Volksbe­gehrens wird in einsichtigen Rechtskreisen lebhaft über die Notwendigkeit diskutiert, btefen feldwe- belhaften Parteidiktator wieder zu isolieren und dem durch ihn politisch kompromittierten Gedanken der nationalen Opposition eine neue Zeit- uno Wirklichkeits nahe parteipolitische Form zu geben. Als erstes greifbares konkretes Ergebnis dieser vielseitig geführten Diskussionen präsentiert sich nun die „Große Partei d e r n a t i o n a l e n Er­ne u e r u n g", die der Iungdeutsche Arthur Mah- raun auf dem Umwege über eine Dolksnoi t o • nale Reichsvereinigung' zu grunben he- abfichtigt. Am 1. November hat der Hochmeister des Iungdeutfchen Ordens diese Absicht in einem „Aufruf an Alle" verkündet. Er geht dabei von der durchaus richtigen Erkenntnis aus, daß dis Aktion des Volksbegehrens die Leidenschaften ent­fesselt habe, daß dem Rufe des Führers nur die I Hälfte der eigenen Anhängerschaft gefolgt, die „bürgerlich nationale Parteifront" also zerstört sei,

SrMrnt iecksmal wöchentlich. Wochenbeilagen; „Die Welt K im S- und Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag Mt« 256 dttFuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- „%UunQ 1152, Fuldaer Aciiendruckere, 1150 und 1151. ::

Wenn nicht ein großer Teil der Presse so un­überlegt nach den vernichtenden Ergebnissen in Westdeutschland in dicken Schlagzeilen ver­kündet hätte, Hugenberg-Hitler hätten die erfor­derlichen 10 Prozent des wahlberechtigten Deutsch­land nicht erreicht, so würde das Ergebnis des Volksbegehrens jetzt nicht wie ein Sieg aussehen. Tatsächlich hat man doch in ernsten politischen Krei­sen schon vor dem Beginn der Aktion mit 6 bis , 7 Millionen Einzeichnungen gerechnet. Es ist bei 5000 bis 6000 über die 10 Prozent-Grenze geblie­ben. Es hätten durch Zufall auch 5000 bis 6000 Stimmen unter dieser Grenze bleiben können und dann wäre natürlich allein der Widerstand der Regierung an dem Scheitern der Aktion „schuld" gewesen. Die Nationalisten-Lungen würden vor Entrüstung geborsten fein. Es ist besser, daß es nicht so gekommen. Hugenberg und Hitler haben ihren „Sieg". Die nationalistischen Zeitungen fa­seln von „Flammenzeichen" u. ähnlich romantischen Eebrauchsgegenständen. Sie meinen, eine chlacht fei gewonnen. Dabei sind nur neue Schwier.igkeffen geschaffen, neue Trümmer, neue Gefahren für das Wohl unseres Volkes. Und die Kreise, die dem „Sieg" am nächsten stehen, merken die Gefahr be­reits und werden sie leider bald noch besser mer­ken. Statt Siegesrausch — Katzenjammer.

*

Sehr treffend äußert sich die „Vossische Zeitung" zu dem Ergebnis. Sie zeigt eine graphische Dar­stellung, aus der hervorgeht, wie in dem Westen Deutschlands das „Volksbegehren" versagt und wie im Osten das „Volksbegehren" Zustimmung ge­funden hat

„Ein kompakter Gebietsstreifen von Ostpreußen bis an ine Weser von Schlesien bis nach Franken weist mehr als 10 Proz. Beteiligung auf. unterbrochen lediglich von Oberfchlefien, zwei sächsischen Stimmkreifen und den . beiden Enklaven Berlin und Hamburg. Ebenso zeigt der gesamte Westen und der Süden ohne Ausnahme weni­ger als 10 Prozent.

Man sieht also, unter dem Vorwand eines Kampfes am den Poungplan, „Versklavung" und Verständigung haben sich ine alten weltanschaulich und sozial ge­schiedenen Lager Deutschlands wieder einmal auseinan­dergesetzt: Land und Stadt. Osten und Westen, Pro­testantismus und Katholizismus. Und man begreift erst jetzt ganz Hugenbergs und feines Kreises Schuld: während es für Deutschland eine Schicksals­frage ist, ob es gelingt, diese uralten Gegensätze aus- zugleichen oder wenigstens die getrennten Lager zu versöhnen, hat die wilde Agitation des Volksbegehrens den Abgrund zwischen den Parteien wieder maßlos er­weitert und viele Brücken zerstört, die in den letzten Jahren mit Mühe gebaut worden waren."

Aber auch ein Blatt wie die „Deutsche All­gemeine Zeitun g", das sehr weit rechts steht, ufjrcibt:

Nun wird also der Kampf um den Hugenbergschen Gesetzentwurf noch wochenlang die deutsche Voliiik be­herrschen: freilich erscheint es unmöglich, daß der Volks­entscheid die notwendigen etwa 21 Millionen Stimmen erreichen wird Scknn das Volksbegehren hat die inner- politischen Leidenschaften in einem Maße aufgewühlt wie das seit langer Zeit nicht mehr der Fast war Eine bedauerliche, aber sehr wichtige Nebenerscheinung ist die, daß der Westen und der Osten in einen politischen Gegen­satz hineingetrieben worden find, der sich in den Pcozent- ziffern deutlich ausdrückt. Wenn das Volksbegehren g e- scheitert wäre, hätte man nun vom heutigen Tage an alle Energie der Nation auf den Kampf um d i e endgültige Gestaltung des Poungplanes konzentrieren können, d h. man hätte auf neuer Basis außenpolitisch die Voraussetzungen und Folgerungen ei­ner etwaigen Annahme des Vounavkanes in breitester Front durchkäinvfen können. Wie die Dinge jetzt liegen, besteht die große Gefahr, daß die Außenpolitik die Zeche bezahlt

Wie im Ausland, namentlich in Frankreich von den französischen Nationasisten, die es ehenfß gibt wie bei uns .Hugenberg.. den ehemaligen Direk­tor der Essener .Kanonenfabrik, und ähnliche, das Volksbegehren gegen Deutschland ansgemitzt wird, ze'gt eine Aeusiernng des nationalistifchen Pariser „F'garo". der schreibt:

Das Ergebnis ist war ein provisorischer Erfolg, der schließlich doch ein Mißerfolg werden wird: aber tue Anzahl d" r Unterzeichner des Volksbe­gehrens ist noch z u.groß als daß man an den Versöhnungswüllen Deutschlands glau­ben könnte.

Der kakec.

Was aber geht im Lager der „Sieger" selbst vor? Das Organ Hitlers, her „Völk. Beobachter", stellt zürnend fest, daß doch sehr viele Leute, auf die man gerechnet hätte, den Listen fern gebt: e- b e ii sind .„Diese ganze Erbärmlichkeit" will das Blatt >,an den Pranger stellen". Es zählt die Lei­stungen der Nationalsozialisten für das Volksbe­gehren auf und fährt dann fort:

„Demgegenüber stellen, wir fest, daß b-c Deut! ch- nationale Dolkspartei und der Stahlhelm lange nicht die notwendigen Anstrengungen gemacht ho­ben. Zwar haben eine Anzahl Führer beider Gruppen sich energisch für die Sacke eingesetzt/ ober wir muhten es erleben, daß große Teile der D N V. P. gegen eine energische Führung wochenlang rebellierten, daß sie de- unb wehmütig nur daraufschauten, was H f n d e u b urg sagen würde. Und als Hindenburg vor der sckwa-z- totenaelben Ervresferpropaganda niederfapk und Ge-

Stimm- Sahl der Eintragungen berechtigt, überbauet v. Hundert *)

Ostpreußen

1 341 042

330 738

24.66

12.6

Berlin

1540882

95 655

6.21

58.9

Potsdam 11

1286 099

130 479

10.15

43.5

Potsdam I

1270449

190070

14.96

40.8

Frankfurt a. d. Oder

1056 202

198 733

18.82

23.5

Pommern

1172 255

388206

33.12

17.8

Breslau

1233250

164 239

13.32

32.0

fiietmO

789 850

103 860

13.15

34.8

Oppeln

822 711

62 217

7.56

19.3

Magdeburg

1095 723

181 310

16.55

35.4

Merseburg

937 693

175079

18.67

34.3

Thüringen

1473488

240169

16.30

39.8

Schleswig-Holstein

1041380

140 246

13.47

29.4

W-fer-Ems

956 939

1'1083

11.70

22.3

Ost-Hannover

6794*5

134 868

19.85

23.4

Süd-Hann.-Draunschw.

1302321

143 309

11.—

,35.1

Westfalen-Nord

11554 601

57 7.38

3.71

26.8

Westfalen-Süd

1601 821

50 944

3.18

35.4

Hesfen-Nassäu

1 644 365

89 724

5.46

342

Köln-Aachen

1436 372

18928

1.32

27.1

Koblenz-Trier

776 332

9 687

1.25

15.8

Düfieföor-Oft

1462 113

29 296

2.—

38.7

Düsseldorf-West

1121280

35462

3.16

24.6

Oberbovern-Schwaben

1608905

68 897

4.28

13.6

(10 Gemeinden fehlen)

Niederbanern (Teil)

590 842

15524

2.63

7.9

Franken

1620 293

217 008

13.-9

20.6

Pfalz

590188

16 689

2.83

28.2

Dresden-Bautzen

1299108

122819

9.45

44.4

Leipzig

917989

82 402

8.98

48.4

Ehemnitz-Zwickau

1247 715

198513

15.01

49.4

Württemberg

1717104

110551

6.14

29.3

Baden

1495 624

32 325

2.16

3<7

Hessen-Darmstadt

913361

27 735

3.04

37.5

Hamburg

887 319

35630

4.02

47.4

Mecklenburg

588448

122779

20.86

28.1

Summe

41013459 4133812

10.06

31.8

*) Beteiligung beim Volksbegehren „Fürstenenteignung"

in °,°.