St. 255.
Sonntag, den 3. November 1929.
Fuldaer Zeitung
3. Blatt
Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda.
Die diesjährigen Träger des Nobelpreises für Medizin
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geschäft mit einem Schlepper oder mit einem Mo- I torboot betreiben, dis weitgehend unabhängig sind I von den großen Gesellschaften? Wie viel gute I Sitte, wie viel wundervolle Tradition haben sie I noch in ihren Kreisen erhalten. Immer am deut- I schen Strom, immer in der Natur, nicht selten I auch in Gefahren, so führen sie ihr Familienleben. I Es ist sehr schade, daß das auf dem Lande, wo I an und für sich die Verhältnisse es noch gestatteten, 1 anders zu werden droht. Wie schrecklich.wirkt oft I ein einziger Bazillus! Ganze Dörfer sind schon 1 angesteckt, und jene Bauern, die nicht Sekt genug I fließen lassen können, wenn sie ihre Feste feiern, I machen mancherorts schon Schule. Spricht man I für die armen Winzer, für die notleidende Bauern- I schäft im Emsland, in Teilen von Mitteldeutsch- I land und wo es immer sei, so wird einem dies I entgegengehalten, es wird verallgemeinert, und der I ganze Stand muß büßen für die Sünden der We- I nigen. Ja, ich möchte für einige Sekunden Dikta- I tor sein. Nur um ein einziges Grieß unterschreiben I zu können. Es würde lauten, daß in den nächsten Jahren kein Mensch — ganz seltene Ausnahmen gibt es natürlich immer — vom Lande in die Stadt ziehen darf. Alle jene, die es dann noch versuchten, gewisse Laster der großen Städte aufs Land zu verpflanzen, ließe ich kurzerhand aufhängen. Auf dem Lande selbst würde ich sorgen, daß da wirklich eine vom christlichen Geiste beseelte Kultur entstände. Es sollte das Landleben wirklich schön werden. Auch für Unterhaltung würde ich sorgen. | Pfarrer würde ich hinfchicken, die ein Vater des ganzen Dorfes find, sich gewiß zuerst kümmern um das Heil der Seelen, die aber zugleich wissen, daß die Seele in einem Leib wohnt und der ganze Mensch in einer bestimmten Kultur lebt. Wie viel treffliche Menschen wären für ihre Lösung bereit, wollte man sie nur rufen und unterstützen.
Dieser Tage war ich für kurze Zeit in Luxemburg. Wie ganz anders ist dort die Stimmung wie bei uns. Wie hat man es verstanden, mitten zwischen den großen Kulturstaaten sich doch das schöne Erbe der Väter zu bewahren. Es ist gut, sein eigenes Land einmal von außen zu sehen und es mit'andern zu vergleichen. Sehr erfreut ist man als Deutscher, wenn man dort fühlt, wie freundlich uns das Luxemburger Volk gegenübersteht. Das ist zum Teil ein Verdienst der dortigen deutschen Gesandtschaft, deren Vertreter feine, vornehme Menschen sind, hilfsbereit und gar nicht bureaukra- tifch. Gerade ihnen gönnt man das herrliche neue Gesandtfchaftsqebäude, das das schönste von allen ist. Wir müssen von Deutschland aus gewiß mehr tun für diese Luxemburger, die unsere Sprache sprechen. Wie bedauert man, daß zum Beispiel das deutsche Buch so teuer ist. Es kann schon deshalb nur schwer den Kampf mit dem französischen aufnehmen, zumal hinter dem französischen eine sehr eifrige Kulturpropaganda steht. Auch dort ist es wieder der Borromäusverein, der sich um deutsche Volksbibliotheken bemüht und hierin die Luxemburger unterstützt. Prachtvoll geht die Arbeit voran, und es sind in kurzem 92 neue Bibliotheken eingerichtet worden. Ein glückliches Land ist dieses Luxemburg fürwahr, es wird vorzüglich regiert und begreift feine hohe Aufgabe, die ihm aus der Lage zwischen Deutschland und Frankreich erwächst.....
Gewiß, die Welt widert einen oft an mit all den Bestechungsskandalen und all der Intrique und dem Verbrechen, was wieder die Zeitungen füllt. Laß Skandale sein, du aber wirke aus der tiefsten Glaubenskraft heraus für das Gute. Ja, ihr Guten, wacht auf! Jener Uhrmacher hatte wirklich einen
Prof. Christian Etykman (Utrecht).
Zenlrumsversammlnngen.
Sonntag. 3. Nov. 1929, nachmittags 3 Uhr in Damme r 5 b a d). , „„
Sonntag, 3 Nov. 1929, nachmittags 4.30 Uhr t» Kirchhafel (Gastwirtschaft Möller).
Prof. Sir Arederic Gowland Hopkins (Cambridge).
Ermittlungen, die damals gegen Finger ange- teilt wurden, blieben erfolglos.
* Pockenepidemie in Uiederländifch-Indien. Meldungen aus Niederländifch-Jndien zufolge, m auf der Insel Sangier (Moluklien) eine Pok- kenepidemie ausgebrochen. Bisher sind 550 ernsthafte Erkrankungen festgestellt, wovon 6 0 bereit s tödlich verlaufen sind. Ausgedehnte Vorbeugungsmaßnahmen wurden Kir
chen und Schulen sind geschloffen. DieAbhaltung von Jahrmärkten wurde eingeschränkt. 10 vov Personen sind bereits geimpft
Das Kollegium des Karolinischen Instituts in Stockholm hat den diesjährigen Nobelpreis für Medizin dem englischen Chemiker Prof. Hopkins und dem holländischen Mediziner Pros. Elykma« verliehen. Beide Forscher haben bahnbrechende Arbeiten auf dem Gebiete der modernen Vitamin. Forschung geleistet. _________-
„Schlimm, Schlimm! ... ." Dieser Mann sagte nkchts, als diese zwei Worte. Einen jeden in der Gesellschaft wußte er zu veranlassen, eine kleine Skandalgeschite zu erzählen. Und dann schloß er sie ab mit dem Refrain: „Schlimm, Schlimm! . . Dabei machte er dann ein überaus ernstes und gescheites Gesicht. Tatsächlich gab er, abgesehen von diesem Gesicht, keinerlei Beweise eines tieferen Wissens. Aber er imponierte sichtlich mit seinen zwei Worten. Das ganze Gespräch kreiste nur noch um „schlimme" Dings. Es wird ein harter Winter kommen. Ein Gelehrter hat es von den Sonnenflecken abgelesen. Auch ein anderer Professor hat sich dahin geäußert. Nach ihm soll es zwar bis zum Januar noch mildes Wetter sein, dann aber soll eine sibirische Kälte eintreten. Ich sagte nur, am Ende sei das Ganze nur eine Reklame für Pelz- Händler, er aber meinte: „Schlimm, schlimm . . ." Ein Fräulein rauchte eine Zigarette. Er sah sichs eine Weile an und bemerkte dann: „Schlimm, schlimm . . Eine Dame trank einen Kognak. Ja, sie trank mehr als einen. Ich hörte, das fei gar nicht so selten. Bei dieser hatte es mit dem Naschen von Kognakbonbons angefangen. Er machte ein Gesicht, wie das jüngste Gericht: „Schlimm, schlimm . . ." Im Ruhrgebiet gibt es schon wieder Feierschichten. „Schlimm, schlimm . . Nun ja, es ist vieles schlimm, und ich denke nicht daran, das Zigareiten- rauchen der jungen Mädchen und Kognaktrinken der älteren Damen groß zu rechtfertigen. Aber mit dieser Erziehungsmethode des langen Gesichtes und des „Schlimm, schlimm . . ." erreicht man gar nichts. Gerade jetzt, wo tatsächlich sehr ernste Zeiten Heraufziehen, soll man froh fein, soll man Menschen Mut machen, soll man sie vor der Verzweiflung schützen.
Da ist in irgendeinem Eifeldorf eine Lehrerin. In jenem Dorf ist auch schon der Geist aus der Großstadt eingedrungen. Die Zahl der Kinder, die unter der Dorf linde spielen, ist sehr klein geworden, und nur wenn Mission gewesen ist, sitzen bald darauf junge Täublein auf jedem Schlag. Aber diese Lehrerin sagt nicht bloß: „Schlimm, schlimm . . sie fiprad) vielmehr mit den Müttern und mit den Vätern. Da sie schon jahrlang im Orte war, so hatte sie einen großen Teil der jetzigen Eltern bereits als Schulkinder gekannt, und so war es ihr möglich, einmal ein rechtes Wort am rechten Platze zu reden. Es ist gewiß viel Schlechtigkeit, Vergnügungssucht, Korruption und Zersetzung im Deutschland von heute, aber all das wird noch viel schlimmer durch die maßlose Kritik, die das Hebel geradezu verbreitet. Muß ich denn jeden Skandal weitererzählen? Soll ich mich nicht darauf verlegen, auch das Gute dem Nächsten mitzuteilem, wie es denn schön von der Presse war, daß sie allenthalben das Bild des Denkmals brachte, das in Wien für ein Dienstmädchen errichtet wurde. Es hatte sein Leben gelassen, als es zwei Kinder des Dienstherrn vor einem dahersausenden Auto rettete. Man muß in diesen Zeiten, wo alles von Organisationen wimmelt, immer die Wahrheit festhalten, daß letzten Endes alles, was etwas bedeutet und was Dauer haben soll, in der lebendigen Natur und in der begeisterten Persönlichkeit wurzelt. Die Stillen im Lande, die vielleicht manchmal gedrückt sind, weil man sie in den Parteien oder in den Organisationen wenig nennt und beachtet, sollen sich nur trösten. Ihr rechtliches Leben, ihr Wirken auf andere, mehr sanft ausstrahlender Wärme als lautem Geschrei vergleichbar, das rettet •mb erhält uns.
Wer spricht zum Beispiel von jenen Rhein- und Moselschiffen, die heute noch ihr klemes Privat
Rund um die Woche.
Schlimm! — Die Lehrerin In der Eifel. — Bei den Fluhschiffern In Luxemburg. — Oie Weckuhr.
famosen Einfall, der bei einem Schaufenfterwett- bewerb eine Weckuhr aufftellte mit dem Sprüchlein daneben: „Ich wecke Münster!" Diese Weckuhr wäre wohl in mancher Stadt angebracht, ja es sollte eine Domglocke fein, und sie sollte laufen, bis es keinen Bürger mehr zu Hause hielte und alle hinausstürzten mit der Frage: Kann ich etwas tun? Ja, ich bin dabei. Gebt mir eine Arbeit für das Reich Gottes .... Ja, wir sind besser, als es manchmal scheint, bestimmt besser, als wir uns in mancher Sitzung zur Kandidatenaufftellung für Kommunalwahlen geben. Ist es nicht so? . . .
Der INann im Monds.
Vermischtes.
♦ Kommunistische Ausschreitungen in Düsseldorf. Nach einer Wahlversammlung der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei kam es am Dienstag abend in verschiedenen Stadtteilen Düsseldorfs zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Polizeibeamten. Die Polizei mußte wiederholt von ihren Gummiknüppeln Gebrauch machen. Gleich nach Mitternacht wurde das Ueberfallkommando nach Grafenberg gerufen. Dort bewarfen Kommunisten von der über die Ludenbergerstraße führenden Pfeilerbrücke her drei Lastautos, die mit von der Wahlversammlung heimkehrenden Nationalsozialisten besetzt waren, mit schweren Fels- u. Pflastersteinen. Dabei wurden vier Nationalsozialisten erheblich verletzt, so daß sie ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen mußten. Das Ueberfallkommando konnte der Täter nicht habhaft werden, doch sind erfolgversprechende Ermittelungen im Gange.
♦ 15 Jahre Zuchthaus für Tötung der Ehefrau. Der Obermelker Finger aus G ö r l s d o r f, Kreis Lebus, der sich vor dem Schwurgericht in Frankfurt a. d. Oder wegen Ermordung feiner Frau zu verantworten hatte, wurde nach dreitägiger Verhandlung wegen Totschlag zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm aberkannt. Der Staatsanwalt hatte die Todesstrafe wegen Mordes beantragt. Finger war zweimal verheiratet. Auch seine erste Frau starb unter verdächtigen Umstän- j den. Sie wurde eines Tages erwürgt in einem Sack voller Steine aus dem Wasser gezogen. Die
Von den Hochschulen.
= Ein Araber — Dr der Chemie. Der arabische Student Mesdi Schawa aus Gaza in Palästina bestano nach siebenjährigem Studium in Deutschland bet Dem neuernannten Rektor der Universität M ü n st e r. Pros. Dr. Schenk, seine Doktorprüfung in der Chemie. Meidi Schawaa ist der einzige, der unter den rabischen Studenten aus Palästina und Transjordanien den deutschen Dr. phil. als Chemiker errungen hat, und der erste Araber. der an der Universität Münster den Doktortitel erwirbt. Von den Iungarabern werden englische und französische Universitäten gemieden, da Deutschland die einzige Großmacht ist, die sich nicht in innerarabisch» Angelegenheiten mischt.
Margarine Rama imBlauband
doppelt so gut
Wie wird das Wetter?
Das Hochdruckgebiet erstreckt sich vorläufig noch fast unveränderlich von den Azoren bis Finnland. Die Witterung ist dabei im ganzen etwas trübe, wenn auch die Zyklonentätigkeit, die sich im Norden abspielt, bei uns kaum v'om Einfluß ist. lieber Italien hat sich aber ein recht kräftiger Wirbel entwickelt, an dessen Ostseite vom Balkan her wärmere Lust nach Mittelleuropa hindrängt. Infolgedessen ist noch mit Anhalten des wolkigen bis trüben Wetters und besonders im östlichen Deutschland auch mit zunehmender Niederschlagsneigung zu rechnen.
Witterungsaussichten für Sonntag: Wenig Aen- derung:
Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kramer.
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SUWMWsAlkMMkS.
Roman von M. W. S o p h a r.
Darbergs fein modulierte Stimme hatte den Ohren Mirandas deshalb besonders angenehm geklungen, fein hübsches, offenes Gesicht, die ehrlichen blauen Augen, der scharf geschnittene Mund weckten in ihr eine wohltuende Empfindung. Sie brachte sich sein Gesicht wieder vor Augen, als sie in dem ihr von Frau Bendler angewiesenen Zimmer allein stand, und dann lächelte sie und nickte ihrem Rotkops im Spiegel ernst und nachdenk- lich zu. .
„Ich mag chn leiden," sagte sie sich, und em Glanz von Befriedigung leuchtete in ihren Augen auf. „Er hat etwas im Gesicht, das man nicht bei allen Leuten trifft Was er sagt, meint er auch, daraus möchte ich lchwören, genau wie ich das meine, was ich sage."
Währenddessen sah sie noch immer in den Spiegel, »er über ihrem Toilettentisch hing, und da wich das Lächeln langsam aus ihren Mienen.
„Und er soll doch was von dem Geld haben," sprach sie weiter zu sich selbst. „Aber die alte Dame kriegt nichts." Sie lachte schon wieder. „Sie ist verschmitzt doch Miranda Mühe ist auch nicht dumm, und das Geld [oll nicht an Damen mit Katzenpfötchen und Klauen darunter kommen." Sie setzte den kleinen braunen Hut ab und ließ die Finger durch das wirre Haar gleiten. „Kastanienbraunl" Mit einem spöttischen Blick auf ihre Spiegelbild. „Anne rote Rübe, du bist in der Welt gestiegen. Und ich kann ihn leiden — und wenn ich eine Dame werde — und wenn er mich leiden kann
-vielleicht — vielleicht."
7. Kapitel.
Stella Bendler und Miranda Mühe standen sich auf iem Korridor gegenüber.
Nachdem Miranda ihre Sachen ausgepackt und ihr lockiges Haar wieder glatt gebürstet, hatte sie ihren Mut zusammengerafft, um den Rückweg in den Salon anzutreten. Gewiß, sie war von Natur nicht schüchtern, aber bas neue Milieu und die verschiedenartigsten Empfindungen, die sie durchlebt, verwirrten sie. Sie halle sich
zu dem Aufräumen ihrer Kleider und anderer Gegenstände lange Zeit genommen, ehe sie die Tür zum Korridor öffnete. Und jetzt fand sie sich einer großen, anmutigen Erscheinung gegenüber, bei deren Anblick ihr unwillkürlich ein leiser Ruf der Ueberraschung entfuhr. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne fielen durch ein Fenster des Ganges auf Stellas schlanke junge Gestalt und ließen ihr Haar wie golden glänzen. Stella trug ein weißes Kleid von weicher Seide, das in schönen Falten an ihr hinunterfloß. Als sie hörte, daß Mirandas Tür ging, blieb sie stehen, und einen Augenblick sahen sich die beiden Mädchen fchweigend an. In Stellas großen blauen Augen lag es, ohne geradezu unfreundlich zu fein, wie eine Frage, doch machte sie kein« Anstalten, den Gast ihrer Mutter zu begrüßen.
Miranda war mit den Höflichkeitsformen der Gesellschaft zu wenig bekannt, um die Unterlassung zu bemerken, vielleicht ließ auch die reizende Erscheinung sie alles andere vergessen. Ohne Verlegenheit trat sie rasch auf Stella zu und sagte:
„Sie sind die Tochter? Ich bin Miranda Mühe, man nennt mich meistens Matchen. "
In ihrem offenen Lächeln lag etwas eigenartig Entwaffnendes und die aus ihren braunen Augen fo deutlich leuchtende Bewunderung mußte auf Stellas Eitelkeit wirken. Sie reichte der Fremden die Hand.
„Ja, ich bin Stella Bendler — Fräulein Mühe. Es tut mir leid, daß ich nicht zu Hause war, als Sie tarnen."
„Das macht nichts," entgegnete Miranda heiter. „Wir werden ja schon Gelegenheit haben, uns kennen zu lernen — wenn Sie nicht böse sind, daß ich hier bin?" setzte sie schlau hinzu und richtete ihre scharfen Blicke auf das liebliche Gesicht, das die Farbe wechselte.
Stella stotterte: „Böse? So etwas dürfen Sie nicht denken, Fräulein Mühe. Weshalb sollte ich denn bofe sein? Es ist sehr freundlich von Ihnen, zu--zu—"
„Hierherzukommen und in diesem prachtvollen Hauke zu wohnen. O. du meine Güte! Ein Mädchen ich hat nicht alle Tage solches Glück, und weiß Gott, ich kann mir denken, daß es Ihnen nicht sehr angenehm ist, mich hier zu haben."
Es klang etwas Sehnsüchtiges aus diesen Worten das eine oute Satte in Stellas Wesen traf. Ihr Cha
rakter war eitel, seicht und selbstsüchtig. Trotzdem besaß Stella eine gewisse Weichherzigkett, die Mirandas Worte weckten.
Wärmer, als sie geglaubt hatte, mit diesem Mädchen zu sprechen, sagte sie nun:
„Ich hoffe, Sie werden sich bei uns sehr glücklich fühlen. Wollen Sie mit in mein Zimmer kommen?" fragte sie, als sie gewahr wurde, welch kläglich einsames Gefühl sich plötzlich in Mirandas Zügen ausprägte. „Mein Zimmer liegt dicht neben Ihrem."
Sie ging den Korridor entlang voran in ein zweites Schlafzimmer, und Miranda folgte ihr mit einem neuen Gefühl des Wohlbehagens.
„Wir speisen heute abend früher als sonst," fuhr Stella fort, „weil wir nach Tisch noch Besuch bekommen, wir brauchen uns jetzt aber noch nicht anzukleiden."
„Ankleiden?" fragte Miranda aufs höchste erstaunt, indem sie von ihrem eigenen braunen Rock auf Stellas weißes Kleid sah.
Stella verstand sie sofort, lachte sie aber nicht aus.
„Wir ziehen uns zum Diner abends stets um — es — ist — schön, angenehm und erfrischend, und man fühlt sich so behaglich."
„Ach!" Mehr konnte Miranda nicht sagen, als sie sich auf einen Stuhl niederließ, den Stella ihr hinge- schoben hatte.
Stella trat vor den Spiegel, prüfte Teint und Haar das sie ein wenig ordnete, und fragte: „Madame Laura hat Ihnen doch mehrere hübsche Abendtoiletten ange- fertigt? Sie ist gerade in Abendkleider sehr geschickt."
„Sie sagte, ich müßte Kleider für Gesellschaften haben — ich dachte aber, ich müßte die tragen, wenn ich einmal zu einem Ball oder sonstwo hingehe.. Ziehen Sie denn jeden Abend so schöne Sachen an?"
„Ich will mal in Ihr Zimmer hinüber kommen und sehen, was Ihnen Madame Laura gemacht hat." Für Kleider interessierte sich Stella ungemein, ihr Ton wurde immer freundschaftlicher. „Ich werde Ihnen dann bet der Wahl für heute abend behilflich sein. Wir machen jeden Abend Toilette — es ist bei uns so Brauch." ,
„Ach, was muß man doch alles lernen, um eine 1 Dame zu werden! Und ich weiß noch gar nichts."
„Das lernt sich schon bald!" entgegnete Stella liebenswürdig. Sie war um so liebenswürdiger, als sie sich des Unterschiedes zwischen ihrem eigenen feinen, vornehmen Gesicht, ihrer schönen Gestalt und den ratlosen Mienen und bei wunderlich linkischen Figur vor ihr immer klarer bewußt wurde. Der Blick in den Spiegel genügte, um ihr die Versicherung zu geben, daß ihr Apfelblütenteint und ihre blauen Augen den Vergleich mit den Sommersprossen und braunen Augen Mirandas nie zu scheuen haben würden. Sie wußte ja, daß ihr Haar gesponnenem (Selbe glich, unb sie hatte für Mi- ranbas lohfarbene Locken keine Bewunderung übrig, währenb sie zugleich recht gut einfah, wie ihren eigenen graziösen Formen bas Ungeschlachte ber siebzehnjährigen Erbin als wirkungsvolle Folie biente. Es war vio leichter, höflich, ja sogar herzlich gegen bas Mädchen zr fein, je deutlicher ihr alle biese Einzelheiten vor Auge» traten.
„Ich will alles tun, was ich tun kann, um Ihnen bei- zustehen," sagte sie ihr bann auch in sehr gütiger Weite, „unb Sie werben es nicht Übelnehmen. wenn ich Sie auf Punkte aufmerksam mache, in benen Sie sich etwas an- bern müssen!"
„Uebelnehmen — ach, Gott bewahre! entgegnete Miranda aus vollem Herzen. Ihre eigene groyherzige Natur war jeder Freundlichkeit sofort zugänglich, und augenblicklich beherrschte Stellas Sicherheit sie vollkommen. „Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, wenn ■ mir sagen, wie ich mich richtig zu benehmen habe. as kann ich ja aus mir selbst nicht lernen, und ich habe m. doch fest vorgenommen, eine Dame zu werden. e
„Ich will' Ihnen fo viel Hellen, wie ich nur kann, wiederholte Stella, „unb Ihnen raten was Sie anjte- hen unb wie Sie sprechen müssen. Ach, es gibt da eine Menge Kleinigkeiten, die alle wichtig sind
„Wie gütig Sie sind' Unb mir »f bas alles o furchtbar fremb! - Ei. ist bas em hübsches Zimmer' 'Ihre eifriaen Augen streiften durch den zierlichen Raum und bekundeten Ueberraschung unb Bewunderung.
Ngch einer Weile: „Ach. Himmel! Was brauchen Damen doch für eine Unmasse von Dingen, um sich bf hagstch zu fühlen, und was haben Sie alles für wunder- hübsche SachenI" (Sortf. folgt)