Mittwoch, den 30. Oktober 1929
Airldaer Zeitung (Amtliches Äreisblatt)
Nr. 252.
Am 30. Ottobet: Weltspartag!
Weltspartag Z92-9
Bedenke, was du dir und der Gemeinschaft schuldig bist!
Sparkassen und Banken wenden sich überall am 30. Oktober an das Volk und fordern auf, den Gedanken des Sparens zu beherzigen, damit aus der Bildung neuen Kapitals neuer Wohlstand im Interesse aller fließe. ________________________________________________________
„ns-rer Militärmusik nachtrauert. Die aufkommenden Vorwürfe aus der Bürgerschaft kann man wohl ver- stehen und gerade aus dem Grunde weil man bisher noch nicht erfahren konnte, daß irgend «Mias von Seiten der Stadt unternommen wurde, um diese Versetzung Z n»rkitrh»m Wie froh sind andere Städte, IM Veslge von Reichswehrtruppen und noch dazu einer guten Mi- UtSrkavelle zu fein Selbst im Rundfunk machen Jie Propaganda damit, und hier in Fulda laßt man sich schließlich stillschweigend ein so schneidiges und gut ge ckultes Musikkorps wegnehmen zu Gunsten einer an- deren Stadt, die schon im Genüsse von Militarkape - len ist und zum Schaden des ganzen Fuldaer Musiklebens Arm werden wir auf diesem Gebiete. Vielleicht ist es noch nicht zu spät, zur Verhinderung dieses Verlustes.
Der Herr Einsender befindet sich im Irrtum, wenn er glaubt, daß die zuständigen Stellen für die Erhaltung der Fuldaer Garnison in ihrem jetzigen Umfang einschließlich der Kapelle nichts unternommen hätten. Nach unserer wohl zuverlässigen Information sind verschiedentlich an den maßgebenden Stellen die bei der Sachlage angezeigten Schritte erfolgt. Es scheint festzustehen, daß in Sachen der Verlegung des Regimentsstabs und des Musikkorps letzte Entscheidungen noch nicht gefallen sind. Es ist durchaus die Zuversicht berechtigt, daß, wenn es die d i e n st l i ch e n Gründe irgendwie zulassen, die Wünsche der Stadt Fulda von den maßgebenden Stellen der Reichswehr nicht unbeachtet gelassen werden.
Fulda, den 29. Oktober 1929 Personennachrichten.
_ Die II. Lehrerprüfung zur endgültigen Anstel- rin Volksschuldienst bestanden vor der Prüfungskommission unter Vorsitz des Herrn Oberregierungsrates Kellner die Lehrer Sippe! zu Hofbieber, Hergenhan zu Johannesberg und E r n ft zu Neuhof.
Versetzung.
Herr Rektor Rudolf Sendke, Lehrer an der hiesigen Evangelischen Volksschule, ist zum 1. November 1929 als Rektor nach R o t e n b u r g a. d. Fulda versetzt worden. Vielen Fuldaern, insbesondere unseren Lesern, ist Herr Sendke bekannt geworden durch sein Buch „Aus verlorenen Sonnenland", das im Erstdruck als Artikelserie in der Fuldaer Zeitung erschien und den Verfasser als gewandten Erzähler, feinsinnigen Naturfreund und trefflichen Beobachter fremder Sitten und Gebräuche charakterisiert. Von seinen Mitarbeitern ist uns Herr Sendke, der seit dem 1. 1. 1921 m Fulda tätig ist, stets als wahrer Freund seiner Zungen und ausrichtiger, stets hilfsbereiter, sehr geschätzter Kollege geschildert worden. Infolge glücklicher Veranlagung, die wohl durch den jahrelangen Aufenthalt in unseren Kolonien noch verstärkt wurde, gilt Herr Sendke als ein Mann von gesunder Großzügigkeit und gewandter, wohlwollender imd vermittelnder Ausgeglichenheit. Seine Mitarbeiter in Rotenburg werden sich unter seiner Leitung wohlfühlen. Wir wünschen Herrn Sendke im neuen Wirkungskreis vollste Befriedigung.
Neuer Meister.
Die Meisterprüfung im Elektro-Hand- w. r k bestand am 26. 10. 29 der Elektrotechniker Karl Hal sch, Steinhaus.
Rentenzahlung.
Die Zahlung der Invaliden- und Un- fallren ten für den Monat November findet beim hiesigen Postamt am 2. November statt. Die Schalter sind von 8—12 und von 15—18 Uhr geöffnet. Um restlose Abhebung wird gebeten. Tagung der kommunalen Arbeitgeber von Heffev- Nassau und Oberhesfea.
Am 26. Oktober fand in Limburg die stark besuchte diesjährige Hauptversammlung des Hessen- Nassauischen Wirtschaftsverbandes (Kommunaler Arbeitgeberverband für die Provinz Hesfen-Nafsau und Oberhessen) unter dem Vorsitz von Oberbürgermeister Müller-Marburg statt. Seit Jahren gehört die Stadt Fulda diesem Verband an. Bei der Erstattung des Jahresberichtes ging der Geschäftsführer auf die die Kommunen als Arbeitgeber zurzeit bewegenden arbeits- und tarifpolitischen Probleme ein. Die Versammlung nahm dann nach einem Bericht von Prooinzialrat Wolf- Gießen eine Vorlage über die Gewährung von Rentenzuschuß an kommunale Angestellte an. Es folgte ein Referat von Stadtrat Dr. Theiß-Kassel über die sehr aktuelle Frage der Rechtsverhältnisse der Notstandsarbeiter, der Pflichtarbeiter und der Mirsorgearbeiter.
Unbegründete Vorwürfe.
Bon einem Leser erhalten wir folgende Zuschrift, mit der Bitte, sie zu veröffentlichen:
Schon vor dem Kriege Kriege konnte Fulda stolz daraus fein, als Garnison des Feldart. Rgts. Nr. 47 zu gelten und jung und alt freute sich, wenn ine hier liegenden 6 Batterien unser Stadtbild belebten. Seit jener Zeit der Regimentsgründung war der Begriff „Soldatenleben in Fulda" eine Selbstverständlichkeit geworden. Verblieben durch die Verkleinerung unseres Heeres, unserer Stadt auch nur noch 3 Batterien nebst Lbteilungs- und Regimentsstab, so freute sich doch gewiß die größte Zahl der hiesigen Einwohner, diesen Truppenteil hier untergebracht zu sehen. Zwar mußte man es anfangs als Gerücht hinnehmen, dem wenig Glauben zu schenken war, doch jetzt pfeifen es die Spatzen schon vom Dache und die Angelegenheit scheint demnach doch einen amtlichen Charakter zu haben, nämlich, daß in absehbarer Zeit (1. April) die hier liegende Truppe »urch Versetzung um den ganzen Regiments st ab gekürzt werden soll. Ganz abgesehen davon, daß hierdurch ein großer Teil Offiziere und Mannschaften unsere Stadt verlassen, verliert Fulda auch seine schneidige Regimentskanell- Die neue Garnison soll Ulm werden. Eigenartig ist es dach, daß diese Umwälzung so ganz im Stillen vor sich geht und man von amtlicher Seite (Presse usw.) hierüber gar nichts erfährt, schließlich erst vor einer Tatsache stehen muß. Man ist also auch ganz darauf angewiesen, die Gründe zu glauben, die für die Versetzung des Regimentsstabes nebst Kapelle ins Feld geführt werden. Ob sie berechtigt sind oder nicht, entzieht sich der Kenntnis des Einsenders. Gesagt werden muß aber, daß die wildesten Gerüchte umlaufen und auch der Stadtverwaltung von allen Seiten die verschiedensten Vorwürfe gemacht werden. Es ist ja selbstverständlich, daß abgesehen von einigen Spießbürgern, der icheraus größte Teil der Einwohnerschaft
griffen, zeigte und dessen Baugeschichte erklärte. In der am Schloß gelegenen Kirche möchte ich em in Stein gehauenes hl. Grab, vielleicht noch aus spatromanischer Zeit, das man einst, in seinen einzelnen Stücken, unter dem Bodenbelag der Kirche fand, nicht unerwähnt taffen. Das äußerlich gut erhaltene Schloß mit seinem hohen Turme, eine hanauische Burg, mit tiefem Trockengraben, bietet in feiner symetrischen Anlage heute noch das Bud einer mächtigen Burganlage. Ringsherum fuhrt ein Zwinger. Zwei sich gegenüberliegende Torgebaude deren Zugbrücken undFallgattereinrichutng noch gut erhalten ist bieten Einlaß in den einst gänzlich mit Gebäuden umgebenen Schloßhos. Der Rittersaal, in dem sich heute, in einem Teile, die schöne kath. Kapelle befindet urch die darüber liegenden beiden großen Säle, rote auch die anderen Räume, welch letztere noch bewohnt sind, mit reichverzierten Stuckdecken, lassen die einstige Bedeutung dieses festen Hanfes an einer der wichtigsten Durchsgangs- straßen Deutschlands erraten. Schade, daß die herrlichen Säle und besonders die darin befindlichen Stuckdecken bereits zerfallen find. Ein idyllisches Bild bot der lob2 erbaute Amthof, in dem noch vor hoher Steintreppe die alte Linde, welche Grimm so oft- erwähnt, steht. Hier dürfte sich (vielleicht seit Erbauung des Hauses) kaum etwas geändert haben. Sogar das Federvieh belebte den sonst stillen, abgeschlossenen Hof noch wie einst Gegen 12 Uhr fuhren wir nach Station Salmunster-Soden weiter. Eine kurze Mittagspause im historischen Gasthaus „Zum Engel" in Salmünster roo nochdie Ofenbank steht, auf der Napoleon am 29. Oft. 1813 Rast hielt, und wo zahlreiche Stiche, sowie em eingelegter Pult der äußerst heimischen Wirtsstube, uns noch an jene Zeit erinnern, stärkte uns für die weitere Wanderung. Ein Gang um das Städtchen, dessen Wallgraben noch deutlich zu erkennen ist, führte uns am „Schleifrashaus , das M. K. Echleifras 1707 an Stelle des alten Hutten- schens Hofes errichtete und am Franziskanerkloster mit der herrlichen Barockkirche (1737—43) von Gallasinl erbaut), die uns bis ins kleinste an die Kirche unseres Frauenberges erinnerte, vorbei. Nur zehn Minuten von Salmünster entfernt liegt der Ort Hause n und zwischen beiden Orten verlief einst die Grenze des Hoch- stifts Fulda und Kurmainz. Durch einen alten Grenzstein an der Straße und die darauf befindlichen Wappen werden wir noch daran erinnert. Kein Wunder, daß Mainz für feinen dortigen Oberamtmann die von Frowin von Hutten 1540 überkommene, im Orte gelegene Burg (1522 von Phil, dem Großmütigen eingenommen) abbrechen und als festes Haus wieder in den siebziger Jahren des 16. Jahrhunderts, mit umfangreichen Mauern und Sumpfgraben versehen, aufbauen ließ. Zwei Erker an der Schloßmauer, einer an der Stelle, neben der einst der Zugang zum Schloßhof war, geben uns durch Wappen und Jahrzahl Aufschluß über Zeit und Bauherr. In denselben Jahren wurde das heute als Wirtschaft dienende massive Gebäude am Eingang des Ortes errichtet, lieber Salmünster zurück führte uns nun der Weg nach Bad Soden. Auch hier befindet sich noch ein 1536 erbautes, gut erhaltenes und bewohntes „Hüttenschlößchen" (im Besitze der Familie Krafft-Schramm in Offenbach a. M.) Nach einem kurzen Gang durch Soden, dessen Mineralquelle 1835 wieder aufgefunden wurde, fliegen wir zur Ruine Stolzenberg auf. Heinrich von Erthal, der Abt des Klosters Fulda, baute die von Feinden des Stifts zerstörte Burg 1253 wieder auf. Fulda gab sie im 14.
Sparen. schafft KapitaL
Ohne Kapital • Stillst and der Wirtschaft Stillstand, ater Wirtschaft •NotAUpH^
Sonderbare Katholiken
sind es, die sich in einem Flugblatt, das auch hier verbreitet wird und bei August Scherl in Berlin, dem bekannten Verlag des Herrn Hugenberg gedruckt ist, gegen die Mahnung des Kardinals von Breslau vor dem „Bolks"-Vegehren wenden. Daß aus dem Lager Hugenbergs, der bekanntlich auch das Konkordat fcharf bekämpft hat, keine Stimme kommt, auf die ein glaubens- und kirchentreuer Katholik hört, braucht hier nicht ausführlich dargelegt zu werden. Daß ein glaubens- und kirchentreuer Katholik überzeugt werden könnte, daß durch ein anonymes Flugblatt der Wert und die Bedeutung der Mahnung des Kardinals von Breslau, des Obmanns der deutschen Bischöfe, widerlegt und herabgesetzt wird, können nur Leute glauben, die für katholische Anschauungen auch nicht eine Spur von Verständnis aufbringen. Wenn sie sich „k a t h o l i s ch" nennen, dann sagen sie bewußt oder unbewußt die Unwahrheit. Das Machwerk ist auf ganz Dumme berechnet, die es in dem Lager, an das von Herrn Hugenberg die Schrift gerichtet wird, Gott fei Dank nicht gibt. Es' scheint sich um eine Maßnahme zu handeln, die dem häufig in norddeutschen Großstädten verbreiteten Irrwahn entspringt, katholische Gegenden würden von beschränkten und rückständigen Menschen bewohnt. Bon 17000 Wahlberechtigten haben in Fulda aber nur 120 das Hu- genbergsche Volksbegehren unterschrieben, ein Beweis dafür, wie ganz anders geartet die geistige Verfassung hier ist, als es das Hugenberg-Unter- nehmen in Berlin voraussetzt.
Ein Weinet Schornsteinbrand
brach gestern abend nach 8 Uhr in dem Hause Steinweg Nr. 18 aus. Ein Deckbalken war in Brand geraten. Die Feuerwehr, die alarmiert worden war, hatte wenig Mühe, das Feuer, das nur geringen Schaden angerichtet hatte, zu löschen. Von einem Radfahrer angefahren und erhebftch verletzt
wurde gestern abend gegen 5.30 Uhr ein Junge in der Löherstraße. Die Schuld an dem Unfall trägt jedenfalls der Radfahrer, der in der Dunkelheit ohne Licht mit ziemlicher Geschwindigkeit gefahren war. Der Unfall sollte eine Mahnung an die Radfahrer sein, bei hereinbrechender Dunkelheit an die vorgeschriebene Beleuchtung ihrer Räder zu denken; sie gefährden sonst ihr eigenes Leben und das ihrer Mitmenschen. Außerdem wird die Polizei die „unbeleuchteten" Radfahrer mit Recht empfindlich bestrafen.
— Bereinigung für Familien- und Wappenkunde zu Fulda. Vorn Vorstand wird uns geschrieben: Der, gelegentlich unserer letzten Sommerfahrt, auf den 27. Oktober angesetzte Ausflug galt als Fortsetzung des Sommerausflugs vom 15. September, welcher uns an die Grenzen unseres südwestlichen Arbeitsgebiets führte. Wenn wir unseren f. Z. in Steinau gegebenen Versprechungen nicht untreu werden wollten, mußte, ehe es Winter wurde, der zweite Teil des Ausflugs, wie verabredet, ftattfinöen. Diesmal mußten wir etwas früher unsere Fahrt beginnen, da uns sonst abermals die an- brechende Dunkelheit einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Steinau a. d. Straße, wie es schon seit alten Zeiten sich nennt, war der Ausgangspunkt unserer Tour. Unser verehrtes Mitglied Rektor i. R. Mald- feld in Steinau, wohl einer der besten Kenner dieser Gegend, der uns am Bahnhof empfing, geleitete uns über die neu angelegte Autostraße nach dem Obertor Steinaus und, an dem späteren Wohnhause der Gebrüder Grimm vorbei, in die Stabt, wo er uns die beiden Kirchen, das Rathaus und besonders eingehend das Schloß, eigentlich eine Burg, nach unseren heutigen Be-
Iahrhundert der Familie Hutten zu Lehen. (1522 eben falls von Phil, dem Großmütigen eingenommen), .uw durch Bäume verdeckte Burgruine, deren mächtiger, run- der Turm und ein Teil einer Wohnhauswand, sind Heuti noch die einzigen Ueberbleibfel einer starken Burganlage, auf steilem Berge. Sie legen Zeugnis einer truhigen, wehrhaften, aber glanzvollen Zeitepoche der Abtei Futdo ab. Leider werden wir, wenn nicht der Turm veranker- wird, bald von feinem gänzlichen Einsturz lesen, denn em breitklaffender Riß und die eine schon merklich geneigte Seite des Bergfrieds, in dessen Nähe wir uns den etro fügen Eingang der Burg zu denken haben, mahnen drohend an die Möglichkeit eines Unglücks und an der gänzlichen Untergang der einst stolzen Feste. (Nähere- über Stolzenberg siehe „Maldseld, Die Burg Stolzenfels und das Bad Soden" in „Frischauf" 1929, Nr. 9 ) Die letzten Strahlen der Herbstsonne, die zitternd im fallenden Laub spielten, erinnerten uns an die Heimreise. Noch em Blick von hier oben in das schöne Kinzigtal, das im herbstlichen Abendschleier unter uns lag. Bald waren wir am Bahnhof und schon um 7 Uhr wieder in der alten Boni- fatiusftabt angelangt, voll bet Erinnerungen an eine glanzvolle Zeit unserer Heimat.
Von den Hochschulen.
= Rektoreinführung an der Universität Marburg In der bis auf den letzten Platz besetzten Aula der Universität fand Sonntagoormittag die Einführung des neuen Rektors für bas Amtsjahr 1929-30 statt. Nach dem feierlichen Einzug des akademischen Lehrkörpers und der studentischen Chargierten erstattete zunächst bet scheibende Rektor Professor Dr. Genzmer den Be- richt über bas verflossene Amtsjahr. Er führte dann u. a aus daß sich die Aufwärtsentwicklung der Philipps- Unioerfität fortgesetzt und die Zahl der Studierenden, die im Wintersemester 1928-29 3112 betrug, im vergangenen Sommersemester mit 4087, darunter 796 Frauen, zum erstenmal die Zahl 4 000 überschritten habe Mit dieser Steigerung habe die Marburger Stu- dentenzahl diejenige einer Reihe anderer Universitäten, wie Würzburg, Jena und Heidelberg, die früher zum Test bedeutend höhere Studentenzahlen hatten aufroet- sen können, hinter sich gelassen. Der zunehmeiche An- drana zum Universitätsstudium erwecke die besorgte Frage, wie die steigende Zahl von Studenten spater un- tergebradjt werden solle. Bei Betrachtung der Prusungs- ergebnisse in einer Reihe von Fächern müsse man leider feststellen, daß es für eine nicht geringe Anzahl von jungen Leuten besser gewesen wäre, einen an- derenBerufalsbasUniversitatsstu bi um 3U ergreifen. Am Schluffe feiner Ausführungen überreizte Professor Genzmer bem akabemischen Turnverein „Kurhessen" ben Wanderpreis des Kurators der Marburger Universität und der Hochschulgilde „Saxnot ben Wanderpreis des Rektors für die besten sportlichen Gesamtleistungen an der Universität Marburg. Der Redner übergab sodann dem neuen Rektor, Professor für deutsche Sprache und Literatur Dr. Helm, die Insignien der Rektorwürbe. Letzterer hielt seine Antritts- rebe über die religiösen Vorstellungen der alten Germanen. Umrahmt wurde der Festakt durch Darbietungen des Collegiums musicums unter Leitung von Professor Stephani.
Die Reliquie.
Don Wilhelm Hünermann, Berlin.
Im Sportpalast flammen die Scheinwerfer auf.
Zehntausend Menschen starren auf die weißen Seile, jie den Ring umgrenzen. Heute ist Großkampftag. Der berühmte Boxer Gustav Gummischlauch ist von seiner Amerikareise heimgekehrt. Im Flugzeug war er glorreich auf dem Tempelhvfer Feld eingetroffen. Der Oberbürgermeister und drei Stabträte hatten sich zur Begrüßung ejngefunben. Zwanzig Filmleute mit ihren Kurbelkästen. Ein Dutzenb Karikaturisten und sünfund- dreißig Zeitungsreporter. Der Oberbürgermeister strich nervös an seinem Gehrock herum. Die Stabträte zogen an ber Krawatte. Man mußte doch recht repräsentieren. Denn man weiß ja. Es hanbelt sich hier um internationale Belange. Von solchen Boxkämpfen in Amerika ■hängt boch eine ganze Menge ab. Nach solchen k. o. be- tommt man in ber Neuen Welt wieder Achtung vor beut- Geist und deutschem Wesen. Das sind wichtige ^Sd)ritte zum Frieden der Menschen auf Erden. Werden die Amerikaner jemals wieder die Waffen gegen Deutschland erheben? Ausgeschlossen! Seit man Gustav tennengelernt hatte. Nach solchen Triumphen in allen Ringen von Chikago und Newyorkl
Der Oberbürgermeister reichte Gustav gerührt die Hand. Der historische Moment war gekommen. Dann gab er ihm ben Ehrentrunk. Es war ergreifenb. Gustav trank mit bem Oberbürgermeister aus einem Pokal. Da sieht man roieber bie durch alle Zeitungen schon längst bekannte Demut dieses sympathischen Boxers. Gustav mußte auch durchs Mikrophon sprechen. Er tat es mit Anstand und Würde. Das muß man schon sagen.
„Wie haben Sie es in Amerika zu so unerhörten Erfolgen gebracht?"-
„Ich wußte, ich kämpfte nicht für mich, sondern für bas Ansehen meines Volkes", sprach Gustav mit Würde.
Heute steht Gustav Gummischlauch wieder im Ring. Sein Gegner ist Cornelius Sandsack. Das ist ein aufstrebendes Talent. Der kann noch mal was werben.
Die Zuschauer putzen an ihren Ferngläsern herum.
Heute finb sie alle gekommen. Die ganze Boxgemeinde. Von den Schreibmaschinen. Von den Warenhaustischen. Von den Fabriksesseln. Aus den Friseurläden. Alle sind sie da. Alle sind wie im Fieber.
Nun gehts los!
Die Boxer reichen sind freundschaftlich die Vier-Unzenhandschuhe mit harten Bandagen. Da sieht man wieder, wie der Sport die Menschen veredelt. Malerisch fliegen die bunten Bademäntel in bie Ecken.
Jetzt endlich! „Ring frei!" Die Sekundanten klettern aus den Seilen.
Der Gong! Gustav stürmt wie ein angeschossener Ochse auf feinen Gegner los .Aber Sandsack steht seinen Mann. Donnerwetter, ber Junge ist gut. Dabei ist er noch gehanbikapt. Er brachte nur 178 Pfund auf die Wage und Gustav 179% Pfund.
Die erste Runde verläuft ausgeglichen.
In ber zweiten Runde schließt Gustav bem Sandsack ein Auge. Das Blut läuft über das ganze Gesicht her- unter. Die Menge tobt. ,
Aber Cornelius revanchiert sich. Ein fabelhafter Dop» pelschlag!
„Links Herz, rechts Leber!" ruft mein sachverständiger Nachbar.
In ber brüten Runde versucht Gustav, seinem Gegner in ritterlicher Weise auch bas andere Auge zu schließen. Es ist besser mit einem Gegner zu kämpfen, ber nichts sieht. Cornelius Sanbfack wirb aber schrecklich roütenb. Da, ein rechter Schwinger saust burch bie Luft. Gerabe gegen Gustavs Maulpartie! Ein Backenzahn fliegt
in Hellem Bogen auf die Bretter. Der Ringrichter stößt ihn mit bem Fuß aus dem Ring.
Das Publikum ist starr. Aber bann kommt Bewegung in bie Menge. Ein Zahn von Gustav! Da liegt er unter ben Reihen ,wv die Prominenten sitzen. Rollt weiter unter ben Sitzen durch. Ein unbeschreiblicher Lärm geht los. Um des Boxers Backenzahn! Donnerwetter! Das ist Sache! So etwas! Ein Zahn von Gustav! Das ist was wert. Alles kriecht unter ben Reihen burch. Was schabet es, wenn heute auch bie Smokings schmutzig werben. Man kann sie reinigen lassen. Aber ein Zahn von Gustav! Da arbeitet sich kreischenb eine junge Dame unter ben Stühlen burch. Von ihrem Chef hat sie einen Prominentenplatz bekommen. Unb prominent ist sie auch. Wenn sie auch nur auf Schreibmaschinen herumhämmert. Heute boxt sie brei Herren k. o. Sie ist wirklich tüchtig. Sie kann boxen. Sie besucht nicht umsonst jeben Groß- tampfabenb. Schabe, daß man in Deutschland noch keine Damenboxkämpfe duldet. Da müßte sich boch wirklich einmal ber Bund für Frauenrecht hineinlegen.
Aber seht! Triumph'.^renb steigt sie mit zerrissenen Kleibern aus den Stühlen hervor. Sie hat Gustavs Backenzahn.
Morgen wird er in eine goldene Brosche gefaßt.
Uebermorgen kommt sie damit strahlend ins Büro! Und dann! Ha, ber Neib ber Kolleginnen! Das ist eine Reliquie. Gustavs Backenzahn! Früher trugen bie Frauen bie erste Locke ihres Kinbes im Mebaillon. Aber heute! Den Backenzahn von Gustav. Da bleibt kein Auge trocken. Wir leben in einem heroischen Zeitalter.
Der Tag der Enthüllung wird ein Triumph fein.
Und der Tag kommt. Triumphierend zieht Ilse ins Büro ein. Alles ist starr vor solchem Heiligtum. Ehrfürchtiges Schweigen im Saal. Alle Schreibmaschinen halten den Atem an.
Aber bann aus dem Hintergrund eine Stimmet
„Das ist noch gar nichts. Ich habe eine Locke von Emil Jannings!"
„Und ich einen gebrauchten Lippenstift von Lya be Putti!"
Ilse wird blaß. Leider gibt es noch keinen Kanon für Tagesheilige. Man weiß nicht, was mehr ist, B o- xer ober Filmstar. Aber beibe finb gräßlich viel. Wir leben in einem heroischen Zeitalter.
— Trinkfeste Römer. Daß es bei ben alten Römern viele arge Zecher gab, ist allgemein bekannt. Welche Unmengen von Wein einzelne zu vertilgen imstande waren, darüber gibt der ältere Plinius in feiner Naturgeschichte Aufklärung. Bevor wir die „Leistungen" einiger der trinkfestesten Römer mitteilen, wollen wir vrausschicken, daß die Trinkgefäße, welche diese benützten, ungeheuer groß waren. Das gebräuchlichste, ber sogenannte Con- gius, faßte nämlich ungefähr brei Liter. Ein gewisser Novellius Torquatus, ber es trotz feiner Trinkfreubig- keit bis zum Prokonful brachte, war imftanbe, brei solche Riefenbecher mit Wein unmitetlbar hintereinanber, jeben mit einem Zuge zu leeren. Dieser Fähigkeit verdankte er den Ehrentitel Tricvngius, d. h. Einer, ber 3 Congii zu leeren imftanbe ist, auf den er nicht weniger stolz war wie auf den Konsulstitel. Der Sohn des großen Cicero versuchte zwar, es dem Torquato gleichzutun, konnte es aber bloß bis zur Leerung zweier solcher Humpen bringen, weshalb er sich mit bem Titel Bicongius begnügen mußte. Dies schmerzte ihn umsomehr, weil Marcus Antonius, ber Todfeinb feines Vaters,, auf biefe Ehrenbezeichnung ebenfalls Anspruch erheben bürste. Auch Kaiser Tiberius soll nach Plinius ben erwähnten Trinkern nicht weit nachgestanben sein.
Zerstreut. „Ich bin ganz erschöpft," klagt bie Frau bes Doktors. — „So? Komm morgen in meine Sprechstunde." antwortet er gewohnheitsmäß'-'