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Das Gifk.

Roman von William Le Queuj.

Alle Rechte d. Grete v. Urbanitzkv, Men. Bearb. v.Dr. Otto Borschke 21 --------

*-hall des bisher abgedruckten Romanobschnitte«.

Die Romanhandlung versetzt uns zunächst nach London. Hugh Garfield, ein junger englischer Diplomingenieur, der mit seinem alten Kriegskame­raden H a m b l e d o n ein hübsch eingerichtetes Junggesellenheim bewohnt, wird eines Abends, als er sich auf dem Wege zu feinem Onkel befindet, plötzlich in der Stetton Street von einem livrierten Diener aangesprochen. In erregtem Tone fleht ihn dieser an, in das in der Nähe liegende Haus seines Herrn mitzukommen, den ein schwerer Kummer be­drücke. Garfield kommt nach einigem Zögern der Bitte nach und wird von dem Diener in ein gro­ßes, palaisartiges Haus geführt.

„Das ist aber ein unerwarteter Besuch!" bemerkte ich lachend. Ich war neugierig, weshalb er mich zu sich gerufen hatte. — „Allerdings", antwortete er. „Wäre ich nicht in einer solchen Unruhe, so hätte ich wohl kaum das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft". Er seufzte tief auf und über sein Antlitz zog ein kummervoller Schat­ten. „Manche Leute sind glücklich — andere wieder sind in ihrem Familienleben recht unglücklich. Ich gehöre leider zu den letzteren", setzte er hinzu.

„Das ist sehr bedauerlich", sagte ich teilnehmend.

„Meine Frau", fuhr er nach einer Pause mit rauher Stimme fort, „ging heute abend mit meinem kleinen Jungen aus und ließ ihn absichtlich in Westbourne Grave stehen — nur aus dem Grunde, um mir etwas anzutun. Dann rief sie mich von irgendeiner öffentlichen Sprechstelle aus an und teilte mir mit, was sie getan hatte. Versetzen Sie sich in meine Lage — wären Sie nicht auch empört darüber, wären Sie nicht auch von Haß erfüllt?"

„Gewiß", lautete meine Antwort. „Ich bin Junz- geselle, doch wenn man so viele unglückliche Ehen sieht, fürchtet man sich schließlich, den Sprung in die Ehe zu wagen."

„O, folgen Sie meinem Rate und bleiben Sie ledig, solange Sie nur können, mein lieber Herr--bitte,

wie ist Ihr Namen?"

„Garfield — Hugh Garfield".

„Ich heiße De Gex — Oswald De Gex", erwiderte er. „Wahrscheinlich werden Sie von mir schon gehört haben".

Don Oswald De Gex gehört? Gewiß hatte ich das! Man sprach von ihm als einem der reichsten Männer, doch hielt er sich meistens in Paris auf oder in feiner herrlichen Villa in der Nähe von Florenz. Es war all­gemein bekannt, daß er während des Krieges eine glatte Million Pfund Sterling Kriegsanleihe gezeichnet hatte und daß er ständig die humanitären Einrichtungen mit hohen Summen unterstützte. Etwas exzentrisch veran­lagt, zog er es vor, sich im Ausland aufzuhalten, und zwar tat er dies, so sagte man, eines persönlichen Strei­tes halber, den er mit einem anderen Mitgliede des Unterhauses bald nach seiner Wahl gehabt hatte.

Ich erinnerte mich auch, daß seine hübsche Gemahlin, deren Bild so oft in den Zeitungen war, die Tochter eines Baronets war, doch von ehelichen Zwistigkeiten, wie er sie eben erwähnt hatte, war mir bisher nichts bekannt gewesen.

Sein glattrasiertes Gesicht erschien mir nun im ge­dämpften Licht der elektrischen Lampe nicht mehr so bleich, wie zuerst. Seine dunklen Augen lagen tief in ihren Höhlen, sein Mund war klein und fein geschwun­gen und in der Mitte des Kinns hatte er ein Grübchen. Der Schnitt seines hübschen Gesichtes, das von Kraft und Charakter sprach, hatte unbedingt etwas Fremdlän­disches an sich. Wenn er sich erregte, gestikulierte er beim Sprechen, was wahrscheinlich auf seinen langjäh­rigen Aufenthalt im Auslande zurückzuführen war.

Schon oft hatte ich in den Zeitungen von dem präch­tigen mittelalterlichen Schlosse gelesen, das er von dem Grafen Weymount gekauft hatte. Cs lag am Aennel- kanal, hoch oben auf einem Granitfelsen, zwischen dem Kap Lizard und St. Ruan. Für die Restaurierung des Schlosies hatte er ein Vermögen ausgegeben, trotzdem besuchte er es nur selten.

Ich hatte das Schloß vor fünf Jahren während einer Urlaubtour in Cornwall gesehen, ein viereckiger Trutz­bau mit vier Türmen, dräuend und verwittert — eine

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Herbstklage.

Es liegt ein tiefer Schmerz in Herbstes Stunden, Den ich nicht fassen kann, noch deuten mag.

Hat nicht das Meer selbst seine dunklen Wunden, Die es entblößt an manchem Sturmestag?

Hat nicht der Himmel viel zerfetzte Wolken, Die finster decken fein kristallnes Blau?

Sind Eis und Frost nicht grausam oft und schaden Dem jungen Keimen fleißbestellter Au?

Es liegt ein Klagetan in Vogelkehlchen, Der süßer klingt als mancher Jubellaut, Der Dir von Leid und Sehnsucht will erzählen: Hast kleiner Sänger, du den Schmerz erschaut? Das ganze Weltall bebt und fühlt sein Leiden! Nur Du allein willst immer glücklich fein?

Durch Kampf und Tränen gehst du, Menschenseele, Um einst als Sieger stolz und stark zu sein!

Emmy Ficus.

Moloch.

Zur Geschichte des Menschenopfer».

Von Richard Hanns Hoffmann.

Aus dem lichten Bilde, das uns die Geschichte des erfinderischen phönikischen Volkes bietet, ragt düster ein ehernes Standbild hervor, das aller Menschlichkeit spottet. Ueberall an den Küsten des Mittelländischen Meeres fin­den wir im grauen Altertum die Tochterstädte von Tyrus und Sidon als Pflanzstätten der Kultur. Und doch wen­den wir mit tiefem Schmerz unser Antlitz von dieser Kul­tur ab, die eine unheimliche Gottheit beschützt. Dort vor dem prachtvollen Tempel steht ihre Bildsäule — wie ein zürnender Dämon. Eine menschliche Riesengestalt aus Erz, einen Stiertopf auf dem Nacken, streckt sie Opfer- verlangend die gewaltigen Arme aus. Und an gewissen Tagen naht das Volk in feierlichem Aufzuge dem Tempel seines mächtigsten Gottes, dessen Leib sich von den ent­fachten Flammen rötet, und nun legen die Priester das verlangte Opfer auf die emporgeftrectten glühenden Arme — lebende Kinder und Jünglinge, die der Grausame langsam in feinen heißen Schlund hinabgleiten läßt. Kein Klageton läßt sich vernehmen denn, alle menschlichen Laute erstickend, erschallt jetzt der wilde Lärm der Pauken und Pfeifen. Nur in dem Herzen der daneben stehen­den Mutter, die ihr Kind opfern mußte, bäumt sich wild der Schmerz, regt sich das Menschlichkeitsgefühl und rüstet sich zum Kampfe gegen den grausamen Gott Moloch!

Ueberall, wo die Macht der Phöniker vordrang, folgte ihren Spuren der grausame Molochkultus. Aber an den Gestaden des Mittelländischen Meeres gab es auch Völ­ker, die berufen waren, eine bessere, edlere Kultur zu schaffen, dem Menschenrecht in der Weltgeschichte Gel- tung zu verschaffen, und diese Völker wurden auch zu Feinden des Menschenopfers.

In grauer Vorzeit vollzog sich dieser gewaltige Streit, dessen Schlußakte noch in die Epoche der ersten Ge­schichtsschreibung unserer Kulturwelt hinabreichen. Das mosaische Gesetz rerbammt da4 Menschenopfer, und eine griechische Gesetzessammlung, über die uns Herodot be­richtet, enthielt gleichfalls eine Abwehr gegen die grau­same Sitte.

Phönikische Machthaber herrschten in Böotien und errichteten dem griechischen Moloch, dem Zeus Laphysios (dem „Verschlinger") Opferaltäre; aber das Volk vertrieb die grausamen Herrscher, und lange noch bestand in der Stadt Halos das Gesetz, daß jeder Nachkomme der men­schenopfernden Athamaniden, sobald er in die Stabt heimkehrte, mit dem Opfertode bestraft werden solle. Auch die Sage der Hellenen befaßte sich mit dem Sturze der Molochherrschaft und kleidete den großen kulturgeschicht­lichen Vorgang in ein poetisches Gewand. Auf der In­sel Kreta lebte nach ihrer Üeberlieferung in einem La­byrinth ein Ungeheuer mit einem menschlichen Körper und ienem Stiertopfe, das Minotaurus hieß und dem Verbrecher preisgegeben wurden. Minos, der König von Kreta, hatte den Athenern den schimpflichen Tribut auf» erlegt, alljährlich sieben Jünglinge und sieben Jung- frauen als Opfer für den Minotaurus nach Kreta zu sen­den . Zweimal schon war das schwarzbeflaggte Schiff

Die Stimme von überall und nirgends.

Bauchredner-Anekdoten von Wilhelm Wendling.

Die vielen Totenbeschwörungen und Geistererscheinun­gen, von denen alte Ueberlieferungen zu berichten wissen, sind großenteils wahrscheinlich nur geschickte Manipulatio­nen von Bauchrednern gewesen. Auch die aus der Bibel bekannte Hexe von Endor, die von dem König Saul aus­gesucht wurde, damit sie ihm den Geist des toten Samuel beschwöre, hatte wahrscheinlich mit dem König nur ein Bauchrednerstückchen vor, als, wie die Bibel berichtet, Gott selber, den toten Samuel leibhaftig erscheinen ließ, um Saul sein Strafgericht zu verkünden, sehr zum Schrecken der Hexe selbst.

Dies Mittel, Geister zu zitieren, wandten auch spätere Bauchredner mit Erfolg an. Ludwig Brabant, der Kam­merdiener Franz I., bewarb sich um eine reiche Erbin. Deren Mutter aber stand dieser Verbindung durchaus ablehnend gegenüber. Während nun Brabant bei ihr seine Werbung vorbrachte, hörte sie plötzlich die Stimme ihres verstorbenen Gatten: Gib unsere Tochter dem Lud­wig Brabant, er ist ein vortrefflicher Mann; so lange ich sie nicht in seinen Händen weiß, habe ich keine ruhige Stunde im Fegfeuer! Erschrocken ging die Witwe in sich und gab ihre Tochter dem — Bauchredner.

Der irische Bauchredner Frederic Maccabe wußte sich durch einen brillanten Scherz beim Publikum einzufüh- ren. Bevor er seine Vorstellung begann, ersuchte er die Zuhörer, sich der größten Ruhe zu befleißigen, da sonst der beabsichtigte Effekt nicht zur Geltung komme. Kaum hatte er das gesagt, als man oben auf der Galerie eine Baßstimme sprechen hörte. Maccabe ist äußerlich ärgerlich und wartet, bis die Ruhe wieder hergestellt ist. Aber da erschallt eine schrille Frauenstimme im Parterre. Das Publikum gerät in Aufregung und will die Störenfriede hinauswerfen. Maccabe bittet vergebens um Ruhe; im­mer mehr Stimmen erschallen von allen Plätzen des Hau­ses Gemurmel, Füßetrampeln, Stuhlrücken, Pfeifen, Hu­sten und Schneuzen, als wäre der ganze Saal behext.

Schließlich erklärt Maccabe, unter diesen Umständen auf feinen Vortrag verzichten zu müssen, verbeugt sich und bedauert und tritt ab. Später erfuhr das Publikum, daß es dennoch nicht zu kurz gekommen war. Maccabe war (ein eigener Störenfried gewesen, und hatte den ganzen Hexensabbath von Geräuschen selber hervorgebracht.

Europäische Berühmtheit erlangte vor etwa 100 Jah­ren der Bauchredner Alexander Valtenmare. Als er einst mit einem Freunde über eine Straße Londons ging, hörte dieser plötzlich ein ersticktes Stöhnen aus einem fahren­den Heuwagen. Im Augenblick war der Wagen von einem Menschenauflauf umringt Der Fuhrmann wurde gezwungen, anzuhalten. Immer dringender ertönte das Geschrei unter dem Heu hervor. Die aufgeregte Menge stürmte über den Wagen her und entlud ihn in wilder Hast, sämtliches Heu auf die Straße streuend. Aber o Wunder, der menschliche Hilferuf ertönte am Ende aus dem letzten Büschel Heu, unter dem sich kaum mehr eine Katze verbergen konnte. Als man auch dieses Büschel auseinanderstreute, fand man nichts, buchstäblich nichts. Alexander aber machte sich wohlweislich aus dem Staube.

Zum Schluß fei noch eine hübsche Anekdote von dem berühmten Bauchredner Thurton erwähnt. Dieser hatte einen wohldressierten Hund. Eines Tages faß er in einem Restaurant und verzehrte sein Schweinerippchen. Der Hand saß neben ihm. Eine Zeit lang blickte er sehn­süchtig auf, den Geruch des Bratens einziehend. Plötz­lich legte er die Vorderpfote auf die Knie feines Herrn und sagte mit knurrender Stimme:

„Ich habe Hunger, gib mir etwas ab."

Alle Gäste fuhren in die Höhe und betrachteten mit weitaufgerissenen Augen das Mirakel.

„Setz dich unter den Tisch, du kannst noch warten!" befahl Thurton barsch.

Der Hund kroch demütig unter den Tisch. Doch in

schlecht verhehltem Trotze klang seine Stimme von unten herauf:

„Das sagst du immer, — am Ende aber gibst du mir nur die Knochen."

„Willst du schweigen, dummes Vieh!" rief Thurton krebsrot vor Zorn.

Ein anwesender reicher Lord fragte Thurton sofort nach dem Preise dieses einzigartigen Tieres. Dieser nannte eine unverschämte Summe, die ihm aber auf der Stelle bewilligt wurde. Der Kauf wurde abgeschlossen. Nun sollten sich Herr und Hund trennen. Der Hund wollte aber nicht. Heulend und winselnd bat er seinen Herrn, doch um Gott und aller Heiligen willen den Kauf rückgängig zu machen. Vergebens. Thurtons eisernes Herz blieb kalt. Der Engländer befestigte den kostbaren Hund an der Seine und zerrte ihn mit sich. Als Thurton den letzten Wehruf seines Hundes ungehört verhallen ließ, fügte sich dieser in sein Schicksal, konnte sich aber nicht enthalten, seinem einstigen Herrn trotzig uachzu- rufen:

„Jetzt rede ich aber kein Wort mehr!"

Der Hund hat fein Wort gehalten.

Weinbrunuen.

Kutturgefchichlliches von Dr. Siegfried Sieber

Gern setzt der Mensch Märchenhaftes, Phantastisches in die Wirklichkeit um. Ist nicht unser Theater, vollends der Film dazu da, uns Wunder und Märchen erleben zu lassen? Sucht nicht die moderne Technik, wenn sie dem Erdgeborenen Flügel verleiht, ihn in die Ferne sehen und hören läßt, diesen Wunderdrang zu befriedigen? Aehn- lich ist wohl der Weinbrunnen in der europäischen Kultur­geschichte als ein Versuch zu beurteilen, das Märchen vom Schlaraffenland wenigstens stückweis zu verwirklichen.

In Hans Sachsens Gedicht „Das Schlaurass ^lanb' heißt es von diesem Wunder- und Faulpelzstaat:

„Von Malvasier so sind die Brunnen, Kommen eim selbs ins Maul gerunnen."

Der Gedanke an Brünnlein, die herrlichen Wein füll des Wassers geben, ist aber viel älter als Sachsens Schwank. Nach Sagen der Griechen floß im „Golde­nen Zeitalter" Wein in Gießbächen durch das Land. Auch ließ der griechische Dramatiker Pherekrates in feinen „Persern" Wein regnen. Romanische Völker berichten von einem Wunderstrom, der halb roten, halb weißem Wein enthielt, während in der nordischen Fassung dieses Märchens ein Wein- und Bierfluß im Reiche des Königs Frute geschildert wird. Noch heute erzählt das Volk in manchen Gegenden Deutschlands, z. B. im Erzgebirge^ daß in der Christnacht um Mitternacht alles Wasser im> Brunnen in Wein verwandelt würde. Die Volksphantasia benutzend, lieh wohl irgend ein reicher Fürst, der seins märchenhafte Macht und seinen unerhörten Reichtum zeigen wollte, den Weinbrunnen als Volksbelustigung erfinden.

Eine Art Weinbrunnen scheint es schon auf dem be­rühmten Mainzer Fest gegeben zu haben, das Kaiser Barbarossa 1184 zur Schwertleite seiner beiden Söhne veranstaltete. Sagte doch der Chronist über dieses auch von Minnesängern verherrlichte Fest, der Wein sei ge­schöpft worden ohne Maß, wieviel jeder trinken wollte Genauer wird ein richtiger Weinbrunnen bei dem Ritter­schlag zu Rostock erwähnt, als im Jahre 1311 König Erich von Dänemark 1700 Knappen zu Rittern schlug. Auch Bier und Met durften die Teilnehmer aus Brunnen schöpfen. Zwei Jahre später ließ Philipp IV. von Frank­reich zu Pfingsten in Paris ebenfalls Weinbrunnen auf- stellen, und bei Rienzis großem Stuguftfeft zu Rom 1347 ergossen sich aus den Nasenlöchern des bronzenen Pferd« vom Marc Aurel-Standbild Wein und Wasser. In 15. Jahrhundert war der Weinbrunnen schon recht häufig So ließ Karl VII. bei seinem Einzug in Paris einen Springbrunnen mit vier Röhren einrichten, der Wasser, Milch, roten und weißen Wein darbot.

Vor allem aber bürgerte sich der Weinbrunnen bei der deutschen Kaiserkrönung ein, und wer seinen Goethe kennt, wird sich aus „Dichtung und Wahrheit" noch der lustigen Schilderung des Weinbrunnens vom Jahre 1764 erinnern. Bei solchen Frankfurter Krönungsfeiern hatte

Beilage zur Fuldaer Aeilung

mit der teuren Last nach Kreta abgegangen, beim drit­ten Male aber beschloß der Held Theseus die Befreiung seiner Vaterstadt. Er ging mit den zum Opfer Auser- wählten nach Kreta, und mit Hilfe der schönen Königs­tochter Ariadne gelang es ihm, mit einem gefeiten Schwerte das Ungeheuer zu töten und Athen von dem Tribut zu befreien.

All das ist keine Fabel. Der Menschenleben heischende Minotaurus bestand wirklich; es war die Bildsäule Mo­lochs. dem auch die Athener Opfer darbrachten. Und uns, deren Kultur auf der Griechenlands aufgebaut ist, darf auch Theseus als Erlöser von einer tiefenSchmach gelten.

Auch in den ersten Zeiten der römischen Republik tarnen Menschenopfer alljährlich vor. Später wurden sie zwar vom Senat verboten, allein noch zu Cäsars Zeiten werden sie erwähnt. Augustus ließ dreihundert Sena­toren auf dem Altar des Jupiter Cäsar töten und Sex­tus Pompejus Menschen ins Meer werfen, um sie dem Neptun zu opfern. Zur gleichen Zeit bestand bei den Galliern die Sitte, aus Weidenruten geflochtene Götzen­bilder mit Menschen zu füllen und dann anzuzünden. Auch die Germanen opferten an bestimmten Festtagen ihren Göttern Angehörige, Sklaven und Kriegsgefangene. Bei den Slaven begegnen wir der gleichen Sitte, und selbst dann noch, als die Stämme zum Christentum be­kehrt waren, forderte der abergläubische Wahn Men­schenleben. Wenn der schwarze Tod verheerend durch das Land schritt, suchte man die zürnende Gottheit da­durch zu versöhnen, daß man eine Jungfrau lebendig begrub!

Zu solchen Greueltaten veranlaßte die Menschen ein falsch verstandenes Gotiheitsideal. Aber nicht das allein bildete die Quelle des Menschenopfers. Auch eine an­dere Idee, die heute Millionen von Herzen erhebt, die Idee von der Unsterblichkeit der Seele, verleitete die Volker zu blutigen Orgien. In der Ueberzeugung, daß

es ein Jenseits gibt, wurzelt die Sitte der Grabesnach- folge.

Allgemein bekannt ist die alte indische Sitte, daß die Frauen nach dem Tode ihres Mannes den brennenden Scheiterhaufen besteigen mußten. Noch unter der Herr­schaft der Engländer sollen sich jährlich 30 000 Frauen freiwillig dem Flammentode geweiht haben. Um den ver­storbenen Inka in der anderen Welt zu bedsenen, wurden in Peru oft über tausend Gattinnen und Sonnenjung­frauen des Herrschers dem Tode geweiht. Aber auch den Frauen europäischer Urvölker war der Heroismus der freiroiUigen Grabesnachfolge nicht fremd, was sich beispielsweise aus der deutschen Sagengeschichte einwand­frei ergibt. Manche afrikanischen Negerkönige verpflich­teten noch vor fünfzig Jahren ihren ganzen Hofstaat zur Grabesnachfolge. Unter den Stämmen der Südsee herrscht die grausame Sitte, daß man alte und schwache Leute tötet, um sie eher zu den Freuden des Jenseits ge­langen zu lassen — übrigens eine Sitte, der früher auch die heidnischen Völker Europas gehuldigt haben.

Eine erfreuliche Wahrnehmung ist es, daß die meisten Völker aus eigenem Antriebe diesen grausamen Kultus aufgaben und an die Stelle des Menschenopfers das Tier- und Fruchtopfer setzten. In Japan, wo man beim Tode des Herrn früher feine Diener geopfert hatte, legt man heute als Ersatz Puppen von Ton und Holz ins Grab. In China dagegen werden beim Begräbnis nur Papier­figuren als Symbole verbrannt.

Selbst bei den wildesten Völkern dämmert heute die Ueberzeugung von der Unwürdigkeit des Menschenopfers auf, und das Vordringen europäischer Zivilisation in die dichtesten Urwälder und auf die fernsten Inseln, vor allem aber auch das Vordringen des Christentums haben es dahin gebracht, daß heute nur noch in seltenen Aus­nahmefällen Menschen geopfert werden. Der Gott Mo­loch hat auf der Erde keine Stätte mehr.

27. Oktober

irr. 250

der prächtigsten mittelalterlichen Burgen von England. Der Mann, der mich in einem Wagen hinweggeführt hatte, hatte mir seine Geschichte erzählt. Es war zu Beginn des 14. Jahrhunderts der Sitz Wllliarn Auber- villes gewesen, eines Günstlings Edward II. Von den Aubervilles war das Schloß ein Jahrhundert später in den Besitz der Familie Weymount übergegangen und war durch Jahrhunderte bei diesen verblieben.

Ich bemerkte nun im Laufe des Gespräches, daß ich das Schloß gesehen hatte, worauf der Millionär lächelnd erklärte:

„In der letzten Zeit bin ich nicht dort gewesen, ich halte mich jetzt überhaupt wenig in England auf. Uebri- gens ist das Schloß sehr kalt und düster, selbst im Som­mer. Meine Frau liebte das Schloß, als wir jung ver­heiratet waren — bis ihr eines Tages jemand die Fa­miliensage erzählte, wie Hugh de Weymount im fünf­zehnten Jahrhundert fein Weib im nördlichen Turm einmauerte und dort verhungern ließ. Seither haßt sie den Ort. Doch wahrscheinlich ist die Geschichte nicht wahr", fügte er mit einem harten Lachen hinzu, „oder wenn der Ritter wirklich das machte, bann hat es die Dame jedenfalls auch verdient!"

Mein Freund schien auf das andere Geschlecht nicht gut zu sprechen sein. Sicherlich hatte er auch allen Grund dazu, falls feine Frau, um ihm etwas anzu­tun, den kleinen Oswald De Gex absichtlich in West­bourne Grave stehen gelassen hatte.

Als Junggeselle wunderte ich mich über die Geistes­verfassung der Mutter — einer Mutter, die ihr Kind ohne Hut und Rock in die Winternacht hrnausfiihren und einfach stehen lassen konnte, nur um ihrem Gatten etwas anzutun.

Man muß jedoch zugeben, daß das schwächere Ge­schlecht in diesen Tagen der Tanz- und Betäubungswut seltsam veranlagt ist. Schrullenhafte Frauen gibt es überall im Ueberfluh. Daß sich die Frauen von der fast orientalischen Sklaverei freigemacht haben, in der sie in den Tagen der Königin Viktoria lebten, ist ein Zeichen unserer Zeit. Doch gewisse Kreise, in denen Frauen Rauschgifte nehmen, um bester tanzen zu können, in denen Opium geraucht wird, wo es keine Moral gibt wo man über die Religion spottet und wo nur derje­nige etwas gilt, der Geld hat, sind seltsame und unver­

ständliche Auswüchse der Gesellschaftsordnung, die sich mit der Feder nicht schildern lasten. Nur diejenigen, die sie aus eigener Erfahrung kennen, können sie ver­stehen und sogar der Großstädter steht solchen ultramo­dernen Schrullen bestürzt gegenüber.

Als wir so plaudernd in dem stillen, wohnlichen Zimmer saßen, war ich — ich muß es gestehen, — von dem Wesen meines Gastfreundes recht angenehm be­rührt. Vielleicht war er manchmal etwas zu cynisch, doch sein ehelicher Kummer entschuldigte dies

Plötzlich stand er aus und streckte sich. Die schmale, seine Hand, in der er die Zigarre hielt, war lang und spitz zulaufend und an einem der Finger trug er einen antiken Florentiner-Ring. Die ungewöhnliche Form fiel mir auf; ich erinnerte mich, einen gleichen Ring vor mehreren Jahren im Pariser Louvre gesehen zu haben.

„Ach!" sagte er und seufzte. „Bald verlasse ich London wieder — Gott sei Dank! Nächste Woche kehre ich zum Winteraufenthalt nach Fiesoie zurück. Ich habe London nicht besonders gern — und Sie, Herr Gar­field?"

„Meine Beschäftigung als Elektroingenieur hält mich in London fest", erwiderte ich. „Außerdem habe ich vor kurzem einen schweren finanziellen Verlust erlitten. Wäre ich aber unabhängig, so würde ich bestimmt auf dem Lande leben, seit dem Kriege ist mir London un­ausstehlich."

„Ich bin derselben Ansicht", bemerkte mein Gast- freund. „Alle unsere Traditionen scheinen über Bord geworfen worden zu sein — wenigstens habe ich diese Ueberzeugung. Doch vielleicht bin ich schon ein alter Philister."

„Keineswegs" widersprach ich. „Jedermann kennt Sie als modernen und großzügigen Menschen."

„Wirklich?" antwortete er mit einem müden Lä­cheln. „Persönlich mache ich mir sehr wenig daraus. Durch jeden geschickten Zeitungsmenschen, den man sich für so und so viel im Jahr anstellt, kann man zu Po­pularität gelangen. Ohne die Öffentlichkeit wird kein Berufsmensch, sei es Mann ober Frau, jemals Gehör finden. Oh, wie überdrüssig bin ich dessen allem!" fügte er mit einer wegwerfenden Handbewegung hinzu.