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uldaer Zeitung

Br. 250.

Sonntag, den 27. Oktober 1929.

3. Blatt

Druck der Fuldaer Ackiendruckerel, Fulda.

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Rund um -le Woche.

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Das Gewöhnlichste und das Ungenwhnlichste er­lebt man eines Tages zum ersten Male, unter an- derm die Liebe und den Rheingoldzug. Gute Men­schen haben mir die Fahrkarte geschenkt, und so sah ich denn dieses blauweiße Wunder auch einmal von innen! Welch eine Einrichtung! Die fein gepolsterten Sitze, die vornehm getäfelten Wände, die glatten Tische, die peinliche Sauberkeit. Ge­rade auf der Rheinbrücke blickte die Sonne durch den Nebel, und da war es denn der richtige Rhein­goldzug. Unten der Strom mit den Ketten der Schleppschiffe, mit dem einsamen Segelboot, mit dem schnellen Motorkahn. Daneben die Ausstel­lung mit dem „Lueg ins Land", auf dem die Leute stehen, mit Tüchern winkend. Die Kellner aber sind ?o freundlich, als wäre jeder Reisende ein Prinz. Man freut sich darob, wenngleich ich mir nachher doch Gedanken machte: Ein Mütterchen, das offen­bar nicht im Rheingold fahren konnte, wurde von einem sicherlich müden Beamten etwas unwirsch abgefertigt. Ach, Mütterchen, das ist einmal so. Wärest du aus dem Rheingold ausgestiegen, hätte nan dir mit Kratzfüßchen die Auskunft erteilt. Ich gehe immer, wenn ich in einem D-Zug Holz- klasse fahre und den Speisewagen auffuchen muß, von der Seite hinein, wo die groeite Klasse ist, werde ich doch dann stets mit besonderer Freund­lichkeit empfangen. So gibt es halt überall Freund­lichkeit erster, Meiler und dritter Klasse, und es richtet sich im Leben meist nach der Fahrkarte.

Fährt man mit dem Rheingoldzug, so kann man erzählen. Was hab ich nicht alles Schönes gesehen. Dor allem blieb mir in der Erinnerung ein Vorstadtkirchlein, das gerade eingeweiht wor­den war. Es ist ein modernes Gotteshaus, schlicht, luftig, hell, ohne Säulen, so daß der Altar allen sichtbar ist. — Ringsum stehen die grauen Häuser, bewohnt vom Volk der Armut und der Arbeit. Nun haben sie eine Kirche. Auch in den freien Stun­den wechseln die Beter einander ab. Am Sonntag ist der letzte Platz gefüllt. Der Trost des Evan­geliums und der Gottesnähe erquickt die leidenden Menschen. Kinderstimmen singen froh, und die Bässe der Männer fallen in das Lied ein. Zarte Hände der Frauen tragen Herbstblumen zu dem Bild von der Immerwährenden Hilfe. Man kann sich gar nicht trennen von solch einem Kirchlein, und man freut^'ch im Stillen, daß doch die Kir­chen bei uns nocy gefüllt sind. Ja, man macht die Erfahrung, daß in den großen Städten jedes neue Kirchlein, das da gebaut wird, immer, auch Sonn­tags, voll ist von Andächtigen. Es gibt noch viele Leute bei uns, die fromm sind und gut. Ständen sie beisammen, es wäre gewiß die Mehrzahl. Hät­ten sie zu entscheiden, so wären wir vielleicht ein Land, wie es Schweden heute ist. Dort /gibt es Gegenden, weit draußen auf der Ebene, wo der Briefträger Tag für Tag die Post für die Bauern der nahen und" fernen Höfe einfach an eine allen bekannte offene Stelle legt, wo jeder das Seine einfach abholt. Man schließt weder Türen noch Koffer, man kann sein Geld auf der Straße liegen lassen, und niemand stiehlt es.

Geschichten aber erlebt man unterwegs, es ist nicht zu glauben! Da ist ein reicher Bauer ge­storben. Was tut sein ebenso reicher Nachbar? Er nützt die Verwirrung aus. geht auf des Toten Weide, treibt drei Ochsen davon auf den Markt und sucht sie zu verkaufen. In dem Augenblick al­lerdings, in dem eben seine Frau im Nachbarhause einen schönen Kranz abgibt, wird er von der

Polizei festgenommen. Es gibt steinerne Herzen! War es nötig, bei dem Zusammenschluß der Ban­ken auch einen Beamten zu entlassen, der fünfzig Jahre treu gedient hatte? Ich sah sein Bild in einer Zeitung, die allerdings ein Hetzblatt ist. Er hatte sich aus Verzweiflung aufgehängt und war auch so baumelnd dargestellt. In Städten von hunderttausend Einwohnern dürste sich heute jeden Täg ein Mensch aus Not das Leben nehmen. Hal­ten alle ein Vorstadtkirchlein und wüßten alle das Geheimnis darin, so sänke gewiß diese schreckliche Zahl. Steinere Herzen gibt es, und es wird noch viel mehr geben, denn durch manche Einrichtungen arbeiten wir geradezu darauf hin.

Was ich meine, ist folgendes: Man kann die Liebe auch so organisieren, daß bald nicht Liebe genug mehr da ist, um sie organisieren zu können. Man bedenke: Wenn jemand aus freien Stücken dem Nächsten heute, der die Arbeitslosenunterstüt­zung bekommt, etwas dazu schenkt, so msldet sich sofort eine Kasse, fragt nach dem Betrag und zieht ihm den staatlichen Zuschuß ab. Das geht doch nicht! Das ist doch ungerecht! Vielleicht reicht der staatliche Zuschuß überhaupt nicht aus! Und vor allem: Wem wird es noch einfallen, unter sol­chen Umständen dem Nächsten Liebe zu erweisen? Wir müßte» in allen Stadtverwaltungen eine so unsoziale Praxis abschaffen. Sie gehört in das dunkle Kapitel der Lüge, die mit den Worten der Humanität spielt und doch nur Grausamkeit dar­unter verbirgt.

Noch ein Vrieflein habe ich bekommen, ein wunderschönes, ich weiß nicht von wem. Ich hatte irgendwo in einer Nachtvorstellung eines Kinos gesprochen. Es war vor dem Film: „Kindersee­len klagen euch an." Er stammt von der Leo- gesellschaft und ist sehr ergreifend. Abends spät war es schon, und ich hatte begonnen: „Die, denen unsere Porstettung gilt, liegen schon in ihren Bett- chen, oder auch auf dem Stuhl, auf einer Bank, auf dem Boden oder wo sonst. Die Schühchen stehen daneben, und die Strümpflein liegen da und die Höslein. Sie schlummern und greifen doch bisweilen mit der Hand wie nach einem Ball. So spielen sie im Traume . . ." Kurz und gut, so hatte ich begonnen. Und eine Mutti war dagewesen, bei der es nun just so war. Sie schreibt mir: „3n der Vorstellung bin ich auch gewesen . . .War so müde, so müde . . Drei süße Kleine hat ich auch zu Hause. Auch die Schühchen standen da, als ich nach Hause kam — aber in Willichen feinen waren vorne an der Spitze zwei Löcher, weil sie zu klein geworden, und Karl-Heinz muß Schühchen haben, und warmes Unterzeug für den Winter muß angeschafft werden. Diese Gedanken beschäftigten mich, als ich nach Hause kam. Margarethchen wurde noch wach . . ." und so weiter. Es ist doch alles schön. Diese Mutti wollte mir eine Freude machen. Die 15 Pfennig Porto aufzubringen und die Zeit zum Schreiben kostet sie schon ein paar Ueberstunden. Aber sie will Freude machen, und das hat sie auch getan. Auch ein Bildchen liegt bei, und die drei Kleinen lachen mich nun an. Ist das nicht prächtig? Soll man sich nicht de« Le­bens und dieser Erde freuen, solange noch ein En­gel von einem Kindlein unter uns schläft ober Mutti ruft? Was gehen mich die 34 Aktenstöße Sklarek-Untersuchungen an, wenn ich diese Kindlein anschaue! Ja, ireilich, diese Mutter und diese Kind" lein habt ihr bestohlen . . .

Der Mann im Monde.

StuöentenW und Volksbegehren.

Von Heinz Fiedler, Vorstandsmitglied des Reichs- Verbandes Deutscher Zentrumsstudenten.

Die mangelnde politische Einsicht des Gros der deutschen Studenten, zusammengefaßt in dem völ­kischen Verein „Deutsche Studentenschaft", ist in letzter Zeit hinlänglich bekannt geworden. So kann es nicht wundernehmen, daß Herr Hugenberg diese Institute zum Vortrupp seines Feldzuges gegen ben Doungplan auserkor. Er selbst berauschte die

Studenten durch jene Marburger Rede, in der er nungen für die kulturelle Entwicklung unseres Vol­kes außerordentlich viel abhängt, wird der zugeben müssen, der in dieses Arbeitsgebiet etwas hinein» geschaut hat. Wie oft kommt es vor, daß man un­sere Einrichtungen, seien es Kinderhorte oder Kran­kenhäuser oder Bildungsanstalten mit allen nur möglichen Mitteln bekämpft. Von Jahr zu Jahr mehren sich die Anträge, die eine Kommunalisie­rung dieser Anstalten zum Ziele haben. Was das bedeutet, sollte man in katholischen Kreisen doch

Die ineinandergeschobenen Postwagen.

Der schwere Zusammenstoß der D-Züge München-Berlin und Hamburg-München bei Nürnberg at vier Todesopfer und zahlreiche Verletzte gefordert. Die Wucht des Zusammenstoßes war jo gi ,ß, daß sich die Post- und Gepäckwagen ineinander schoben und zersplitterten. Das Unglück scheint auf l das Ueberfahren eines Haltesignals zurückzuführen sein.

Das schwere Eisenbahnunglück bei Nürnberg.

Die zusammengeslotzenen Lokomotiven der beiden D-Züge.

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Roman von M. W. Sophar.

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„Ich sagte, ich würde Sie sofort holen, und ach, du lieber Himmel, da stecken Sie nun in Ihrem alten Rock und mit der schmutzigen Schürze! Können Sie nicht hinauflaufen und Ihr Sonntagskleid anziehen?"

„Das tue ich nicht." Miranda schüttelte ihren Locken­kopf. „Ich frage nichts nach den eleganten Damen. Wenn sie unaufgefordert zu mir kommen, so müssen sie mich nehmen, wie sie mich finden," und mit dieser bün­digen Erklärung spazierte sie aus der Küche und die Treppe hinauf.

Das „Wohnzimmer" war ein kleines und besonders düsteres Hinterzimmer, das Frau Mauring bei Staats­gelegenheiten, wie dem Empfang von einigen Freundin­nen zu einer Tasse Kaffee oder einem Soimtagsnach Mittagsschläfchen, zu benützen pflegte. Die Möbel stan­den dicht aneinander gedrängt, ohne Rücksicht aus Ele­ganz oder Geschmack. Ein Diwan von Roßhaar war an die Wand gerückt, ein Glasschrank mit zahllosen Gegen­ständen verschiedenster Art angefüllt und ein Bücher­schrank, in dem billige Volksausgaben der Klassiker und Hintertreppenromane bunt durcheinander gewürfelt wa­ren, bildeten das Gegenüber. Ein großer runder Tisch versperrte tatsächlich den ganzen übrigen Raum des Zimmers, das zum Ueberfluß noch zwei Lehnsessel be­herbergte, die auf Erneuerung ihres Roßhäarpolsters harrten.

Die Aussicht aus dem sehr niedeidrückend wirken­den Zimmer vermochte auch nicht das Gemüt zu erheben. Das Fenster blickte aus einen kleinen von Häusern ein­geengten Hinterhof, den eine Menge straff gezogener Leinen kreuzte, von denen die Familienwäsche im Wind hin und her flatterte.

Frau Bendler wandte sich von diesem langweiligen Anblick schaudernd ab und richtete ihr Auge auf den großen runden Tisch, auf dem sich eine Bibel, ein Band Schiller in Goldschnitt und ein Bukett geschmacklosester Wacksblumen unter einer Glasglocke befanden.

„Du lieber Himmel!" sagte sie zu sich, „was ist das für ein Haus! Ist Gottfried Haller wirklich verrückt gewesen oder hatte er vielleicht einen geheimen Grund, sein Geld einem Mädchen zu vererben, das hier haust? Und weshalb in aller Welt kommt die Person denn nicht zu mir?" fragte sie sich voll Aerger, daß ein Dienstmädchen es wagte, sie warten zu lassen.

Nun ließ sich ein Schritt im Korridor vernehmen, und Frau Bendler sah zur Tür, die sich langsam öffnete, um eine Gestalt hereinzulassen, bei deren Anblick der Dame der großen Gesellschaft, die sich stets so gut zu beherrschen wußte, der Atem stockte.

Einem Heiligenschein gleich wurde zuerst ein Kranz flammender, roter krauser Haare im Zimmer sichtbar, dann ein sommersprossiges Gesicht, aus welchem ein paar sonderbar glänzende, goldbraune Augen mit ei­nem Ausdruck blickten, den Frau Bendler sich nicht zu erklären vermochte. Eine große, grobe Schürze bedeckte des Mädchens schmächtige Gestalt und verlieh ihm eine ganz formlose Erscheinung. Und obgleich die Hände keineswegs plump geformt, so waren sie doch rauh und rot. Auf all diesen wenig versprechenden Einzelheiten haftete sofort Frau Bendlers scharfer Blick, aber der in ihrem schlauen Kopf entworfene Plan und ihre durch langjährige Erfahrung gesammelte Weltklugheit ermög­lichten es ihr, ihr süßestes Lächeln aufzusetzen und ihre vornehm behandschuhte Rechte mit dem ganzen (Eifer auszustrecken, mit dem ein hochgeschätzter Freund be­grüßt zu werden pflegt.

„Mein liebes Fräulein Mühe," sagte sie in ihrem sanftesten Ton. „Sie müssen mir verzeihen, wenn ich Sie so völlig unzeremoniell besuche. Ich habe aber von unserem lieben Freund, Herrn Arthur Darberg, von Ihnen gehört und hoffe. Ihnen nützlich fein zu können."

„Ich bin mit Herrn Darberg nicht bekannt," lautete die Antwort, und ein Blick aus Mirandas Augen gaben Frau Bendler das ungewohnte Gefühl, eine Abweisung erfahren zu haben.

„Ich weiß, ich weiß. Er hat mir von dem sonder­baren Testament erzählt, das — sozusagen — Sie und Herrn Darberg zusammengeführt hat, und ich glaubte daß Sie an mir eine Stütze finden würden."

Mirandas braune Augen forschten in dem Gesicht ihres Besuches — fragend und mit einer gewissen Be­

wunderung. Die zarten künstlichen Farben des Teints von Frau Bendler gewährten einen hübschen Anblick, und ihre graue Augen, die jetzt den Ausdruck lächelnder Freundlichkeit trugen, hatten etwas ungemein Anzie­hendes. Die graziös gebaute Kappe von blaffen Veil­chen, unter der kurzes Blondhaar seitlich hervorlugte, das weiche Lila ihres tadellos sitzenden Kostüms stimm­ten außerordentlich gut zu ihren Augen und ihrer Ge­sichtsfarbe. Ihre ganze Erscheinung wirkte auf das kleine Dienstmädchen wie eine Offenbarung, konnte Mi­randa sich doch nicht erinnern, in ihrem ganzen Leben einer Dame gegenüber gestanden zu haben. Trotz der Bewunderung machte sich doch eine gewisse Zurückhal­tung, das ganze Mißtrauen ihres Standes in der zau­dernden Antwort geltend, die Miranda den glatten Worten der Dame entgegensetzte.

„Sie wollen mir nützlich fein, eine Stütze? Ich weiß nicht, wie Sie das meinen. Ich tue, was mir Herr Brand sagt. Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen."

Frau Bendler setzte sich auf einen der wackligen Sessel, indem sie Miranda andeutete, sich auf den an­deren niederzulassen. Das Mädchen schien ober offen­bar mehr Vertrauen zu sich zu haben, wenn es stehen blieb. Es hielt sich deshalb ganz aufrecht und beobachtete die Mienen der Dame mit der wachsamen Vorsicht eines aufmerksamen Tieres.

„Ich bin nicht ohne Herrn Brands Einwilligung zu Ihnen gegangen," entgegnete Frau Bendler sanftmütig, „da ich weiß, daß er in gewissem Sinne Ihr Vormund ist. Ich besuchte ihn zuerst, und er billigte den Vor­schlag vollständig, den ich Ihnen machen wollte."

„Einen Vorschlag?" wiederholte Miranda. In ihren Augen stand eine erhöhte Wachsamkeit, und sie schloß den Mund mit einer ihren Jahren weit vorauseilenden Entschiedenheit.

„3a — einen Plan, auf den Sie hoffentlich gern ein­gehen werden, meine Liebe. Es würde mich sehr freuen, wenn ich für Herrn Gottfried Hallers Patenkind und Erbin etwas tun könnte."

„Kannten Sie den alten Herrn?" kam es in rascher Frage von dem Mädchen und fand in einem Seufzer von unendlichem Pathos die Antwort.

„Ich kannte ihn — einst — es ist schon lange her, als wir beide noch jung waren." Nach einer kleinen Pause und einem weiteren, sehr ausdrucksvollen Seuf­zer: „Und meine — meine alte Freundschaft zu chm weckte in mir sogleich das Verlangen, ihm nützlich zu sein."

Sie sah das Mädchen fast bittend an, dessen gerade jugendliche Gestalt und helle, scharfe Augen ihr die un­angenehme Empfindung gaben, sich im Nachteil zu be­finden.

„Was könnten Sie denn für mich tun?" fragte Mi­randa.

„Nun, meine Liebe, es ist dach nötig, daß Sie bei jemand wohnen, da Sie viel zu jung sind, um allein zu wohnen, und dann müssen . Sie doch in die Gesellschaft durch jemand eingeführt werden, der mit Ihren Ge­wohnheiten bekannt ist. Ich habe mir gedacht, daß Sie vielleicht eine Zeitlang bei uns wohnen könnten."

„Bei — Ihnen — wohnen?" Die braunen Augen weiteten sich in ganz unverfälschtem Erstaunen. „Ach, nein. Ich sollte meinen, das ginge doch nicht so im Handumdrehen, wenn Sie mir auch eine Menge Dinge beibringen könnten. Das könnten Sie doch?"

„Ich würde mein Bestes tun," entgegnete Frau Bend­ler liebenswürdig, viel zu sehr darauf bedacht, ihren Plan auszuführen, um auch nicht die geringste Gelegen­heit zu versäumen, sich bei der Erbin einzuschmeicheln.

„Meine Tochter Stella und ich wohnen zusammen in einem kleinen niedlichen Häuschen, in dem wir je­doch sehr häufig Freunde bei uns sehen. Auch gehen wir viel in Gesellschaft, so daß ich Ihnen versprechen kann, Sie gut einzusühren und zu beschützen." Frau Bendler schmückte ihre Sätze mit ihrem bezauberndste« Lächeln, das Miranda mit offener Gutmütigkeit er­widerte, wobei sie ihre herrlichen Zähne zeigte.

„Beschützen", wiederholte sie nicht ohne gewisse An­strengung und lachte dabei in recht wohlklingender Weise. „Ich soll mich beschützen lassen, wer das geahnt hätte! Weiß Gott, ich kenne mich selbst nicht mehr." Mit plötzlichem Ernst: „Ich weiß aber, daß ich noch viel zu lernen habe. Der alte Herr hat mir furchtbar viel Geld hinterlassen, da muß ich nun eine Dame aus mir machen. Und das werde ich auch tun; ganz be­stimmt!"