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K2 Heimat

Fulda, den 25. Oktober 1929

Personennachrichte».

Studienrat H. A. Decker aus Hanau, bisher am Gymnasium Borken i. W. tätig, wurde an das staatliche Gymnasium zu Ratibor berufen.

Die hl. Mission

für die katholischen Frauen und Jungfrau en der Stadt Fulda hat in allen Pfarrkirchen während dieser Woche unter denkbar größter Beteiligung einen erhebenden Verlauf genommen. Die Kirchen waren oft überfüllt. Der Besuch wies von Tag zu Tag eine Steigerung auf. Jetzt geht unter beson­deren Feierlichkeiten die hl. Mission für die Frauen dem Ende zu, worauf die religiösen Vorträge für die Männerwelt ihren Anfang nehmen.

St. 2osephskirche.

Die Mission für die Männer und Jungmänner der St. Jofephskuratie beginnt schon am Sams­tag abend 8 Uhr.

Ihren 80. Geburtstag

kann am 27. Oktober die Rentnerin Pauline Müller, Königstraßr 64/68, begehen. Trotz des hohen Alters ist sie geistig und körperlich noch sehr rüstig.

Werden wir in Fulda die Sonnenfinsternis be­obachten können?

Bei unbewölktem Himmel wird Freitag, den 1. November, um die Mittagszeit eine Teilbedeckung der Sonnen- durch die Mondscheibe zu beobachten sein. Sie beginnt in Fulda um IlUhr 33,5 Min. am Südwestrande der Sonne inj Positionswinkel von 243,6 Grad, welcher Winkel von dem auf den Himmelspol bezogenen Nordpunkte aus über Ost und Süd gemessen wird. Der Austritt erfolgt um 12 Uhr 58,5 Min. im Positionswinkel von 185,3 Grad, also nahe am Südpunkte. Um die Mitte der beiden Zeiten, 12 Uhr 15 Min., findet die größte Phase statt, die in Fulda 11,8 v. H. des Sonnen­durchmessers erreicht. Zur Verhütung schwerer Augenschüden darf die Beobachtung nur durch stark berußtes Glas geschehen! Es ist aber noch sehr frag­lich, ob der Himmel um die angegebene Zeit klar ist und die Beobachtung ermöglicht.

Hessen-Nassauischer Mietertag.

Am Sonntag, dem 27. Oktober 1929, findet zu Frankfurt am Main im Steinernen Haus unter Vorsitz des Derbandsvorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Gumbel-Frankfurt a. M. eine außerordentliche Delegiertentagung des Provinz'alverbandes Hessen- Nassauischer Mieter statt. Abgesehen von organi­satorischen Fragen wird sich diese Tagung mit der Stellung der Mieterschaft zu den Kom­munalwahlen auf Grund eines Referates des Geschäftsführers Herrmann-Wiesbaden befassen. Hoffentlich wird sich die Tagung einmal die Frage vorlegen, ob es nicht zweckmäßig ist, in den Mieter­vereinen politische Neutralität zu wahren. Wenn Mietervereine bei Wahlen mit besonderen Vorschlägen hervortreten, so ist auf die Dauer doch die sichere Folge, daß politisch denkende Mit­glieder aus dem Verein ausscheiden. Ein Zen- trumsmann, der an sich seine Mieter-Interessen im Mieterverein zu wahren gedenkt, wird nicht in dem Verein bleiben, wenn er erfährt, daß, vielleicht mit Vereinsmitteln, eine gegen das Zen­trum gerichtete Agitation getrieben wird. Für die Mieterinteressen an sich kommt es doch vor allem darauf an, daß in den großen Parteien Männer sitzen, die soziales Verständnis haben und auch die Wohnungsfragen aus diesem Verständ­

Fuldaee Zeitung (Amtliches kreisblatt).

Samstag, den 26. Oktober 1929»

nis heraus beurteilen und den widerstrerrenden Interessengegensätzen die Schärfe zu nehmen ver­suchen, die beide Teile auf die Dauer schädigt. Die Frankfurter Versammlung wird ferner cm Referat des Rechtsanwaltes Dr. Gumbel über dre neue Rechtsprechung und neue Verordnungen auf dem Gebiete des Mietrechtes entgegennchmen, m welchem insbesondere die Rechtslage der gewerbe­treibenden Mieter und die Möglichkeit, auch ber laufenden Verträgen eine Ermäßigung des Miet­zinses auf Grund der Mietwucherbestimmungen herbeizuführen, behandelt wird.

Zum Wahltag.

Laut Ministerialerlaß vom 25. Juli 1929 IV a 1318 III sind die Stimmzettel für die Eemeinde- wahlen, deren Beschaffung bisher den Parteien oder Vereinigungen überlassen war, bei den Wah­len am 17. November ds. Js. vom Gemeinde- vorstand amtlich zu stellen. Die Kosten für die Herstellung trägt die Gemeinde.

Die Stimmzettel für die Kommunal­landtagswahl werden vom Bezirkswahlleitsr amtlich gestellt, die Stimmzettel für die Kreistags­wahl vom Kreisausschuß. Für jede Wahl wird mit einem besonderen Stimmzettel gewählt. Die Stimmzettel für die Gemeindewahlen müssen von weißlichem Papier sein und den Aufdruck „Gemeindewahl" tragen. Die Stimmzettel für die Kreistagswahl sind aus bläulichem Papier und die Stimmzettel für die Kommunallandtagswahl aus rötlichem Papier. Sie tragen den Auf­druck „Kreitstagswahl" bzw. „Kommunallandtags­wahl". Die Stimmzettel für die Kommunalland­tagswahl und Kreistagswahl kommen in einen gemeinsamen Wahlumschlag von rötlicher Färbung. Der Stimmzettel für die Gemeindewahlen muß in einem an­deren Wahlumschlag von weißlicher Fär­bung abgegeben werden. Sämtliche Stimmzettel werden erst am Wahltage im Wahllokal an die Stimmberechtigten ausgehändigt.

*

Unsere Leser wissen, daß in der Wahl zum Kommunallandtag dieStadtFulda nur einen Vertreter durchbringt, wenn alle, die Verständnis für die Wichtigkeit einer Vertretung Fuldas in den Körperschaften des Bezirksverbandes haben, sich auf die Liste der Zentrumspartei vereini­gen. Es find nämlich an die 7 000 Stimmen erforderlich, wenn ei n Bewerber aus der Stadt Fulda durchkommen soll. Diese wahltak­tische Lage ist für die Kommunallandtagswahl be­sonders zu beachten. Wer andere Listen zum Kom­munallandtag wählt, gibt damit seine Stimme nicht für den Fuldaer Vertreter ab, sondern für auswärtige. Dies vorausgeschickt, sei noch mitgeteilt, daß die Reichspartei des deutschen Mit­telstandes (Wirtschaftspartei) für den Wahlkreis Stadt Fulda, gleichzeitig für den Landkreis Fulda mit Hünfeld und das jüdlicheKur- heffen einen Vorschlag eingebracht hat, an dessen Spitze der Kaufmann Erbe in Hanau steht. An 2. Stelle steht der — so viel wir wissen gleich­zeitig der als diesmalige Führer der „Bü r g e r par- t ei" bei der Fuldaer Gemeindewahl auftretende — Drogeriebesitzer Karl Pauly-Fulda t;nb an drit­ter Stelle Ingenieur Franz Wißler-Fulda, — der als Kandidat der „Bürgerpartei" zurzeit Ma- gistratsmitglied ist, — als vierter Dachdeckermei- fter Schang aus Hanau.

Die engen persönlichen Beziehungen zwischen „Bürgerpartei" und „Wirtschaftspartei" treten hier bemerkenswert zu läge.

Ein weiterer Wahlvorschlag für den Kommu­nallandtag in der Stadt Fulda ist von der sog. „Hessischen Arbeitsgemeinschaft" eingebracht. Der Kern dieser Arbeitsgemeinschaft sind die Deutschnationalen und der L a nd- b u n d. In einigen Kreisen, so in Fulda, ist auch die Deutsche Volkspartei eingeschlossen, die aber anderwärts, z. B. in Kassel neben der „Hessischen Arbeitsgemeinschaft" selbständig für den Kommu­nallandtag vorgeht. Die Liste der Arbeitsgemein­schaft in der Stadt Fulda für die Kommunalland­tagswahl verzeichnet: Syndikus Dr. Weymar, Jüstizinfpektor Vogt, Helene von Rosenberg.

Die Liste der Sozialdemokraten ist uns noch nicht bekannt geworden. Sie ist sicher einge­reicht. Ob weitere "Listen erscheinen, entzieht sich vorläufig unserer Kenntnis. Fest steht, daß a l l e Stimmen, die nicht für die Zentrumsliste abgegeben werden unserer Stadt das wertvolle und Jahrzehntelang gehaltene Mandat zu den Bezirkskörperschaften gefährden werden.

Für Friseurlehrlinge.

Die Friseur-Fachschule beginnt Montag, den 28. Oktober, vormittags 8Vs Uhr, und zwar bis auf weiteres in den alten Räumlichkeiten (Stadtschulbau).

Lin Kohlenfuhrwerk

rannte heute morgen kurz nach 10 Uhr gegen die Hauswand des Gasthauses Rehberg in der Kron­hofstraße, weil die Pferde den Wagen infolge Ver­sagens der Bremse nicht mehr halten konnten. Die Mauer wurde leicht beschädigt, die Deichsel brach, die beiden Pferde wurden zwischen Hauswand und Wagen eingeklemmt und verletzt. Personen kamen nicht zu Schaden.

Schon wieder ein Segelflieger abgestürzt.

Gestern vormittag zwischen 11 und 12 Uhr er­eignete sich auf der Wasserkuppe schon wieder ein schwerer Unfall. Der Jungflieger Hermann Scheller aus Langenbieber stürzte mit einem Segelflugzeug aus etwa 50 Meter Höhe ab. Mit einem komplizierten Ober- und Unter­schenkelbruch und schweren Kopfver­letzungen wurde er mit Mühe aus den Trüm­mern des völlig zerstörten Flugzeuges geborgen. Das Krankenauto der Fuldaer Sanitätskolonne brachte den Verunglückten in bedenklichem Zustand in das Landeskrankenhaus. Der Jungflieger war, wie man uns mitteilt, bei einer Windstärke von 12 Sekundenmeter aufgestiegen, um die C-Prüfung abzulegen, lieber die Ursache des Unglücks ist Ge­naueres nicht bekannt.

Aus dem Gerichksfaal.

Der 20jährige, schon zweimal wegen Diebstahl vorbestrafte W. G. ohne festen Wohnsitz, z. Zt. in Weißenfels in Haft, kam auf der Wanderschaft am 22. Juni d. Js. früh nach Fulda und stahl aus einem Hofe ein Herrenfahrrad. Flugs setzte er sich darauf und radelte weiter in die Ferne, bis ihm weit von hier das Rad von einem Oberlandjäger abgenommen wurde. Wegen Diebstahls erhielt G. 6 Wochen Gefängnis ohne Bewährungsfrist. — Am 3. Mai d. Js. ereignete sich in der Frankfurterstr., Ecke Kessel, ein Zusammenstoß zwischen einem Per- 'bnenauto und einem Motorradfahrer. Die Schuld traf den Kraftwagenbesitzer H. B. von Hamburg, der, ohne Signal zu geben, gefahren war und den Motorradfahrer angerannt hatte. Er flog vom Rade, verstauchte sich den Arm und erlitt Ver­letzungen am Knie. Gegen einen polizeilichen Strafbefehl in Höhe von 35 Mark legte B. Ein­spruch ein. Das Amtsgericht verurteilte ihn in Anwesenheit zu der gleichen Strafe und legte ihm

(auch noch die Kosten des Termins auf. — Wegen groben Unfugs durch lautes Schimpfen an einem Sonntag mittag wurde der 56jährige I. G. von hier zu 2 Mark Geldstrafe verurteilt.

Dom $L Raphaels-Derein.

Arn 24. Oktober feiert die katholische Kirche das Fest des hl. Erzengels Raphael, der nach der hl. Schrift dem jungen Tobias auf einer langen und gefahrvollen Reife schützend und helfend zur Seite stand. Für den auf dieses Fest folgenden Sonntag (27. Okt.) wurde in diesem Jahre durch das Kirchl. Amtsblatt für die Diözese Fulda (vom 21. Okt. 1929) eine allgemeine Ki rchenkol­le k te angeordnet für den nach dem hl. Raphael benannten Verein, sowie auch für den St. Josephs- Missionsoerein und den Reichsverband für die katholischen Ausländsdeutschen. Die beiden letz­teren Verbände haben die religiöse Versorgung und sonstige Betreuung der im Ausland lebenden Glau­bensgenossen zum Zwecke. Der St. Raphaelsverein will den Katholiken, die durch irgendwelche Um­stände veranlaßt oder genötigt sind, ihr Vaterland zu verlassen und in überseeischen Ländern sich ein neues Heim zu gründen, bei der Auswanderung selbst behilflich fein und ihnen Schutz vor religiö­sen und sittlichen Gefahren gewähren. Präsident des St. Raphaelsvereins ist der Hochw. Herr B i- schof von Osnabrück, Dr. Wilhelm Ber­ning, in dessen Diözese die beiden Hauptaus- wandererhäfen Deutschlands, Hamburg und Bre­men sich befinden. Ein Hirtenwort, in dem Bi­schof Berning die am vergangenen Sonntag in seiner eigenen Diözese abgehaltenen Kollekte für den St. Raphaelsverein empfahl, wird auch für die Leser der „Fuldaer Zeitung" von Interesse sein. Es heißt darin:

„Unter dem Druck der allgemein ungünstigen wirtschaftlichen Lage haben in den letzten Jahren

wiederum 57 240 unserer Landsleute die deutsche Heimat verlassen und sind nach überseeischen Län­dern ausgewandert, wo sie eine bessere Möglichkeit für ihr Fortkommen erhoffen. Wenn auch man­cher in der Fremde fein Glück gefunden haben mag, so lehren doch immer wieder die Nachrichten von drüben und vor allem die enttäuschten Rück' wanderer, daß der größere Teil der Ausgewander' ten keine Verbesserung seiner Lage gefunden hat Wieviele von denen, die ihre Hoffnungen scheitern sahen, sind auch arm an Glauben geworden! Manche, die mit gläubigem Herzen aus der deut­schen Heimat fortzogen, haben in der Fremde die Verbindung mit der heiligen Kirche verloren. Je­dem Auswanderer fällt es ja schwer, sich in die neuen Verhältnisse eines Landes, dessen Sprache er nicht kennt, einzupaffen, wenn er nicht gerade da- Glück hat, einer deutschsprachlichen katholischen Ge­meinde sich anzuschließen. Nur zu leicht gibt er dann die religiösen Gewohnheiten feiner Kindheit und Heimat, besonders die regelmäßige heilige Beichte, auf und versinkt in Religionslosigkeit. Ueberaus traurig ist der Gedanke, daß auf solche

Die reichillustrierten

Zeitschrift d. Marianischen Missionsvereins bestellt man in FULDA bei der

Wertheim,

das größte u. älteste Geschäft Fuldas für Damen- u. Mädchen-Bekleidung.

bringt

ab kommenden

Montag

eOiieliee Peste« Damen- «Kinder-Mäntel!

Harms Steiners Erlebnis.

Von Peter Backes.

Fast hätte man Hanns Steiners Erlebnis alltäglich nennen können, wenn es nicht für ihn zum umwälzen­den Schicksal geworden wäre. Denn solche Erlebnisse häuften sich an zu einer Zeit, da die rheinischen Kranken­häuser und Lazarette voll verwundeter Soldaten lagen, die, in Schmerz und Qual gehüllt, trotzdem beglückend die Ruhe der hellen Krankensäle empfanden. Deren Ge­danken im Hindämmern sich um Tod und Vernichtung spannen und die beim Aufwachen die gütigen Hände einer Krankenschwester wie ein weißes Wunder auf sich ruhen fühlten. Da ereignete es sich nicht selten, daß ein junger Mensch, der blaß in den Kissen lag, sein Herz an diese Hände und das ganze Wesen der ihn pflegenden Kranken­schwester hing und daß die Krankenschwester hinwieder­um die stumme Hingabe und Dankbarkeit, die ihr aus den Augen des verwundeten Soldaten verklärend entge­gen leuchtete ,mit einem verstehenden und erwidernden Lächeln hinnahm . . . Dann stand allemal, wenn der Verwundete am Morgen aufwachte, ein Blumenstrauß duftschwer neben seinem Lager. Und wenn dann der Soldat ob seiner schweren Verletzung für immer in die Heimat zurücksahren konnte, begleitete ihn die Kranken­schwester, um in einem Städtchen am Rheinufer ein neues Leben zu begründen.

*

In einem rheinischen Städtchen, das sich gegen die Sieben Berge hinlehnt, dessen Wahrzeichen Strom und Berge sind, dessen Uferpromenade sich gleich einer fest­lichen Schloßallee am Strom entlang zieht, war Hanns Steiner beheimatet. Hanns Setiner war Stellmacher, Steiner beheimatet. Hanns Steiner war Stellmacher, zer zurecht, stand in einer hellen, luftigen Werkstatt, de­ren Fenster in das Grün der Berge hinausschauten. Und abends lag er am Stromufer, schaute den Schiffen nach, die hinter dem Rheinbogen mählich auftauchten. Musik klang von den Schiffen zu ihm herüber, immer mehr ver­schwanden die Klänge und damit auch die Schiffe selber, die von dem vorspringenden Bergrücken des anderen Rheinbogens verdeckt wurden. Oder Hanns Steiner, die­

ser große .blonde Kerl mit den hellblauen Augen, die so blau waren wie das Stück Himmel ,das sich im Fischteich des Winkler-Bauern widerspiegelte, saß im Wirtshaus. Langte die Zither aus einem Futteral hervor und spieüe zur Kurzweil der anderen . Aber er trank wenig, schaute nicht allzu oft und allzutief ins Glas und auch nicht in die Augen der Mädchen hinein.

Und nun trat mit einem Male ein Wendepunkt in sei­nem Leben ein. Mitten in seine Beschaulichkeit, die einen Tag genau so wie den andern gestaltete, zwängt sich Ger­trud Bender und ihre Liebe zu ihm. Sie war genau so blond wie er, vielleicht noch etwas blonder, so daß ihr Haar in der Sonne manchmal rötlich aufschimmerte. Aber sie hatte nicht des Hanns Steiners offene und klare Augen, ihr Wesen hatte Härten und Kanten, daran man sich allzu leicht wund stoßen konnte. Und da ihr der Hanns Steiner nun einmal gefiel, sprang sie kühn in dessen Leben. Und er, froh, daß nun seine Abende nicht mehr einsam dem Stromufer oder in Gesellschaft anderer dem Wirtshaus gehören sollten, verlebte nun gemeinsam mit ihr die stille Schönheit der scheidenden Sommersonne, das Vergehen der blauen Herbsttage und den Frieden der starren Winternächte.

Aber bald schon wurde Gertrud Bender der Natur­schwärmereien Hanns Steiners müde. Sie bestimmte ihn, an Sonntagen Tanzsäle aufzusuchen, und während er im überfüllten und verqualmten Saal seinen Träume­reien von Sonne und Strom und stillen Abenden nach- hing, flog sie mit geschickten Tänzern über die Tanzfläche lachte ihn an, wenn sie an seinen Tisch zurückkehrte und schalt ihn einen Griesgrämer, der ihr diese kleine Freude die doch der Jugend zustehe, mißgönne. So schuf sie den ersten Riß, der vielleicht noch zugeheilt wäre, wenn nicht etwas ganz Unerwartetes gekommne wäre.

Hanns Steiner erkrankte. Eine Lungenentzündung trat ein. Fiebernd lag er bald darauf in einem der hel­len Zimmer des Krankenhauses. Rang viele Tage hin­durch mit dem Tode. Doch der große und starke Mann kämpfte sich durch. Kämpfte sich durch mit Hilfe der im­mer stillen, immer hilfsbereiten Pflegerin, die ihn mit grenzenloser Aufopferung und Hingabe betreute. Und doch blieb es unbemerkt im Krankenhause, daß die Pfle­gerin in des Kranken notvollster Zest jede Nacht opferte.

Unbemerkt auch, daß sie fast Tag um Tag zum Garten ging und Rosen für sein Zimmer schnitt. Nur der Kranke empfand die Güte der Pflegerin. Ost fühlte er feine Hand beruhigend in der ihren liegen, fühlte, wie ihr schmales, blasses Gesicht sich über seines beugte, und hörte, wie ihr feiner, schmaler Mund ihm Trostworte sagte.

Er genas um Tage frütjer, ja, er genas überhaupt, weil ihn die Liebe jener Frau umgab. Und da fühlte er, daß er dieser Liebe auch in seinen gesunden Tagen bedürfe, daß diese Frauengüte ihm zeitlebens verbleiben müsse, damit das wieder aufblühe in ihm ,was bisher verschüttet war: die Freude an der Stille, an der Landschaft mit ihrem Stromufer. Dabei wurden feine Augen groß und und weit, sie ruhten lang und tief in denen der Frau zu feiner Seite, und da war es ihm, als sei ihr Antlitz ein einziges Spiegelbild jener abendlichen Landschaft am Rhein: so stark, so voller Güte, so ohne Härte und Kante.

Da legte er seinen Arm um ihre Schultern, zog sie sanft an sich und küßte innig ihren Mund.

*

Gertrud Bender teilte überstürzt und erregt der Oberschwester mit, daß die Pflegerin des Kranken Hanns Steiner ihre Pflicht gröblichst vernachlässigt habe. Sie, Gertrud Bender, sei durch den Garten gekommen, um ihren Verlobten zu besuchen, da habe sie ihn in den Armen der Pflegerin vorgefunden. Kurz und abgerissen war die Anklage Gertrud Benders. Für die Ober­schwester jedoch öffnete sich weit ein Tor des Erkennens: Sie erinnerte sich jäh der vielen Nächte, die die Pflegerin bei dem Kranken freiwillig durchwacht, erinnerte sich ber Blumen, die Tag für Tag sein Krankenzimmer schmückten . . .

Hanns Steiners Herz aber fiel tief in einen Grund, riß sich wund an den spitzen Felsen der Enttäuschung, als er vernahm, daß jene Frau, die ihn pflegte, und die er liebte, aus dem Krankenhause verwiefen worden sei. Und da geschah es, daß der nun fast Genesende wie­derum aufs Krankenlager geworfen wurde, daß erneut Fieber und Wahnvorstellungen sich einftellten und daß er erst nach vierzehn Tagen blaß und verhärmt das Krankenhaus verlassen konnte.

Er war ein anderer geworden. Er wurde ein Su­chender. Suchte die Spur seines Glückes, das er kurze Zett in Händen gehalten hatte, und fand sie nicht. Längst schon hatte er sich von Gertrud Bender losgelöst. Die andere aber hatte in einem der leidgefüllten Arbeiter- Krankenhäuser Berlins ihn zu vergessen gesucht.

Hanns Steiner sucht heute noch den Weg, der ihn zu seinem Glücke hinführen könnte. Sie Sommerabende sehen ihn träumend am Rh rnufer. Dann schaut er hinein in das einzigartige Bild der rheinischen Land­schaft, das sich aus dem Strom, den Bergen und dem Farbenbunt des Himmels zusammensetzt, und dann ist ihm, als lächle ihm aus dieser gütigen Schönheit das Antlitz entgegen, das sich einstmals in ebenso stiller Güte über seinem Krankenlager gebeugt hatte.

— Line Zunahme bet Lebensdauer der Menschen ist wissenschaftlich festgestellt. Im Durchschnitt lebt der Mensch jetzt 5 Jahre länger als zur Zeit der Oellampen vor 60 bis 70 Jahren. Mit Recht wird aber von Fach- leuten darauf aufmerksam gemacht, daß die Vorteile un­serer jetzigen großartigen sanitären Einrichtungen, das größere Verständnis für Körperpflege durch Reinlichkeit, Sport usw., die hygienischen Verbesserungen des Woh­nens, Schlafens, Essens die Lebenserwartung noch viel günstiger gestalten könnten, wenn nicht mancherlei mo­derne Sünden all bas Gute zum Teil wieder illusorisch machten! Man denkt dabei an das ehr- und geldgeizige Streben der Jetztzeit, an die gesellschaftlichen Strapazen In der Großstadt, an verkehrte Kindererziehung, an die Ueberbürbung ber Schüler, an Uederfeinerung der Kul­tur und andere T:nge, die man früher nicht kannte, und deshalb trotz aller mißlichen Gesundheitsoerhältnisse län­ger lebte, als man gelebt hätte, wenn schon dazumal die Kultur solche Fortschritte gemacht hätte, wie jetzt. Kör­perlich gesünder ist man geworden, aber nicht auch gei­stig gesünder. Man ist nervös geworden, und das schädigt natürlich mit der Zeit auch inen gesunden Körper. Diese Ansichten leuchten jedenfalls jedem Vernünftigen ein.

0 Fremdwort! „Was macht denn Ihre Geflügel­zucht?" „Ach danke; die Brutalität meiner Hühner läßt nichts zu wünschen übrig!" (Newyorker Staatszta.)