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Kr. 249.

Samstag, den 26. Offobet 1929.

Mldaer Zeitung

Am die kolonialen Rohstoffquellen.

Das deutsche Kolonialproblem.

3. Blatt

Druck der Fuldaer Ackiendruckeret, Fulda.

Man schreibt uns:

Erst mit dem Schwinden der drückendsten Wirt­schaftssorgen und erst zum Ausgang des ersten Jahrfünfts innerer wirtschaftlicher Konsolidie­rungsarbeit nach Krieg und Inflation hat die deutsche Oeffentlichkeit Zeit und Kraft gefunden, sich der großen Schädigung bewußt zu werden, die unserer Volkswirtschaft durch Erfüllung des Para­graphen 119 des Versailler Diktates, der in knapp­ster Formulierung den bedingungslosen Verzicht Deutschlands auf alle Rechte und Ansprüche bezüg­lich seiner überseeischen Besitzungen aussprach, wi­derfahren ist. Bis zum Beginn des vorigen Jahres hat die Kolonialdebatte fast völlig geruht. Erst als bekannt wurde, daß im Frühjahr 1928 eine engli­sche Kommission Ostafrika bereiste, um zu prüfen, ob die von England durch Mandat des Völkerbun- bes verwaltete frühere Kolonie Deutsch-Ostafrika nicht endgültig verwaltungs- und besitzmäßig mit her benachbarten englischen Kolonie Kenya verei­nigt werden könnte, setzte ein Entrüstungssturm der deutschen Oeffentlichkeit ein, und als Folge gab der Reichsaußenminister Dr. Stresemann im Ple­num des Reichstages die Erklärung ab, „die deut­sche Regierung würde jeder Aenderung des Man­datscharakters der besetzten deutschen Kolonien hef­tigsten Widerstand entgegensetzen." Im Anschluß setzte eine lebhafte recht gegensätzliche Erörterung über die politische und wirtschaftliche Zweckmäßig­keit neuer deutscher Kolonialerwerbungen ein. Bald wurde sogar die deutsche Kolonialsrage bei den po­litischen und finanziellen Ueberlegungen unserer ehemaligen Kriegsgegner für Kompensationszwecke in Rechnung gestellt. So wurde auf einer der letzten Genfer Tagungen die Rückgabe ehemaliger deutscher Kolonien an Deutschland zur größten Freude unserer Vertreter vorgeschlagen, und der Reichsbankpräsident Dr. Schacht konnte deshalb im Frühjahr dieses Jahres anläßlich der Pariser Re- oisionsverhandlungen auf die schwere Beeinträchti­gung Hinweisen, die unserer Wirtschaft durch Deutschlands Ausschaltung von der Erschließung überseeischer Rohstoffquellen auferlegt ist und Aen­derung dieses Zustandes durch Verleihung neuer Mandatsrechte verlangen. Neuerdings propagiert der englische Finanzmagnat Rothermere im 2ln- schluß an eine Deutschlandreise die Rückgabe von Togo und Kamerun.

Zunächst: Wie man sich auch zur Kolonialfrage stellen mag, man soll sich hüten, das Schlagwort mitzugebrauchen, die ehemaligen deutschen Schutz­gebiete seien nicht wirtschaftlich leistungsfähig. Es ist eine Tragik, daß wir sie zu einem Zeitpunkt ab- geben mußten, da sie sich zu rentieren begannen. Welch ungeheueren Wirtschaftswert unsere frühe­ren Kolonien darstellen, beweisen folgende Anga­ben: Für Ost-Afrika hat sich der reine Warenhan­del ohne Durchfuhr von 1913—1928 von 91 Millio­nen Mark auf 154,2 Millionen Mark erhöht. Wich­tige Ausfuhrprodukte dieser Kolonie wie Sisal, Erdnüsse, Kaffee, Kopra, Baumwolle, Körner­früchte, haben gegen 1913 eine Steigerung bis zum Zehnfachen erfahren. In dem Teil des früheren deutschen Kamerun, der französisches Gebiet gewor­den ist, hat sich von 1924—1928 der Warenhandel verdoppelt (er stieg von 31,1 Millionen Mark auf 60,1 Millionen Mark.) Gegen 1913 haben die wichtigsten Ausfuhrprodukte dieser Kolonie, wie Palmkerne, Palmöl, Kakao, Edel- und Nutzhölzer, ganz erhebliche Steigerungen bis zum 40fachen aufzuweisen. Auch das frühere Deutsch-Südwest- Afrika hat eine sehr beachtenswerte Warenhandels­steigerung erfahren. Besonders die Ausfuhr von Wolle, Häuten und Fellen und Butter ist hier ge­stiegen. Die Ausbeute an Kupfer hat oanz wel-nt- lich zugenommen und ist im Jahre 1927 auf 20,6 Millionen Mark gegen 4,5 Millionen Mark 1910- 11 gestiegen.

Jedoch ist die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unserer früheren Schutzgebiete, von der nunmehr unsere Kriegsgegner provitieren, ein verhältnis­mäßig nebensächliches Argument für die Schaffung einer neuen deutschen Kolonialpolitik im Vergleich zu den schwerwiegenden produktions- und bevölke­rungspolitischen Gründen, die in neuester Zeit wei­teste deutsche Kreise, an der Svitze das Kolonial­wirtschaftliche Komitee, veranlaßt haben, diesen Fragen näher zu treten, Unumwunden steht feft, daß die deutsche Rohstoffeinfuhr sich bis zur Hälfte aus Rohstoffen kolonialen Ursprungs zusammen-

setzte. Das bedeutet, daß Deutschlands Wirtschafts, apparat, der als seinen Mittelpunkt eine weit aus­gebaute rohstoff-weiterverarbeitende Industrie auf- weist, in ungewöhnlich starkem Maße auf auslän­dische Rohstoffquellen angewiesen ist. Da für ab­sehbare Zeit eine von politischen Gefahren unge­hemmte Verteilung der wirtschaftlichen Güter der Welt nicht zu erwarten ist, so ist schon aus diesem Grunde eine Sicherung eigener kolonialer Rohstoff­quellen als Gewähr für die ungehinderte Weiter­arbeit unserer Haupt-Industrien anzustreben.

Hinzu kommt das wesentlichste Argument, das auch von Schacht in Paris in knapper Formulie­rung den Siegermächten mitgeteilt worden ist. Es wird auf die Dauer für unsere Wirtschaft unmög­lich sein, unsere gegen die Vorkriegszeit übermäßig gesteigerten Auslandsverpflichtungen (unser Aus­landskapitaldienst aus der Vorkriegszeit und da­mit die riesigen Zinszustüsie aus dem Auslande sind fortgefallen und dafür ist als weitere gewaltige Belastung für mehrere Menschenalter die Repa­rationslast, die die regelrechte Ausfuhr von höchst­wertigem Kapitalprodukt aus dem Ergebnis unse­res Wirtschaftsprozesses bedeutet, hinzugekommen) zu erfüllen, solange nicht unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Weltkonkurrenz gegenüber gewährleistet wird.

Tatsächlich wird für die nächsten Jahrzehnte die Aufrechterhaltung der pflichtigen Kapitalausfuhr nur mit dem ungeheuerlichen Opfer einer allmähli­chen Verarmung und Niederdrückung des Lebens- standardes der Bevölkerung möglich fein, wenn die deutsche Außenhandelsbilanz sich entsprechend dem verflossenen Jahrzehnt weiter entwickelt. Der Man­gel an eigenen kolonialen Rohstoffquellen hat es seit 1919 mit sich gebracht, daß eine Verknappung der Versorgung Deutschlands mit seinen wichtigsten Produktionsgrundlagen, den Rohstoffen, eingetie- ten ist. Die Rohstoffeinfuhr war beispielsweise 1924 bis 1926 nur halb so hoch wie in den letzten Vorkriegsjahren. Im Gegensatz hierzu ist die Fa­brikateinfuhr in der Nachkriegszeit beträchtlich ge­stiegen, und zwar sind in den letzten Jahren fast doppelt soviel Fabrikate eingeführt worden wie in der Zeitspanne 1910 bis 1914.

Diese einsetzende Verschmälerung der Lebens- basis unseres Volkes innerhalb des Weltwirtschafts­gebietes muß umso verhörender auswirken, als auf absehbare Zeit eine wesentliche Verminderung der deutschen Bevölkerung nicht zu erwarten ist. Diese Verminderung ist ja auch keinesfalls wünschens­wert, da sie stärkste politische und kulturelle Schwä­chung mit sich bringt.

Es ist notwendig, breiteren Bevölkerungsschich­ten die Kolonialfrage als zusammenhängend mit der Zukunft unseres wirtschaftlichen und völkischen Schicksals von dieser Seite aus zu zeigen, um zu beweisen, daß nicht ohne weiteres die Propagie­rung neuer deutscher Kolonialarbeit mit „imperiali­stischer Wirtschaftspolitik" gleichgesetzt werden darf. Br.

Wo wohnen die Abgeordneten?

Darüber gibt eine für den Preu ß ischen Landtag veranlaßte Statistik eine ebenso in­teressante wie lehrreiche Zusammenfassung. Man legt bekanntlich in vielen Parteien, ganz besonders aber im Zentrum, aus wohl erwogenen Gründen den größten Wert auf die Verbundenheit des Ab­geordneten mit seinem Wahlbezirk. Dabei denkt man sowohl an eine örtliche wie namentlich aber auch eine seelische Verbundenheit. Die letztere hat naturgemäß die erstere zur Voraussetzung. AHo wo wohnen die preußischen Landtagsabgeordne­ten? Oder anders ausgedrückt: wie viele wohnen von ihnen in Berlin, in Großstädten, in größeren Städten von 60—120 Tausend Einwohnern, in Klein- und Mittelstädten und auf dem Lande?

Mit Berliner Abgeordneten marschieren an der Spitze die Kommunisten. Von ihren 56 Mitglie­dern wohnen nicht weniger als 27, also nahe 50 Prozent in Berlin, darüber hinaus weitere 15 in Großstädten und weitere 3 in größeren Städten.

Darüber wundert man sich vielleicht nicht. Auch darüber nicht, daß von den 21 Demokraten 9 = 43 Proz. und von den 40 Volksparteiler 13 — 32,5 Prozent in Berlin wohnen, wozu bann noch eine

entsprechende große Zahl von Abgeordneten in Großstädten und größeren Städten kommt.

Anders dagegen sieht die Sache schon aus, wenn man feststellen kann, daß von den 21 Mitgliedern der Wirtschaftspartei 6 — 28,5 Prozent in Berlin wohnen, und daß weitere 7 von ihnen aus Großstädten, 3 aus größeren Städten, nur 4 aus Mittel- und Kleinstädten und nur ein einzel­ner vom Lande stammt. Dabei gibt die Wirtschafts­partei doch vor, die Interessen des Mittelstandes über ganz Preußen, vor allem aber auch in klei­nen Städten und auf dem Lande, zu vertreten. Tatsächlich aber ist die Wirtschaftspartei eine fast absolute großstädtisch eingestellte Vereinigung.

Vielleicht noch interessanter aber läßt sich die deutschnationale Volkspartei aus, also jene Partei, die sich mit Vorliebe als die P a r t e i d e r Bauern ausgibt. Von ihren 82 Mitgliedern wohnen 22 — 27 Prozent in Berlin, weitere 17 in Großstädten! Weitere 6 in größeren Städten! Von den deutschnationalen Abgeordneten der Preuß. Landtagsfraktion wohnen also 5 5 P r o z. nicht einmal in Mittel- und Kleinstäd en.

Und das Zentrum? Von seinen 71 Mitgliedern wohnen ganze 5 in Berlin! Und von diesen 5 sind außerdem 3 Minister, deren Wohnsitz in Berlin also zwangsläufig ist. Und einer von den 5 ist Berliner Abgeordneter, dessen Wohnsitz also auch nach Berlin gehört. Folglich bleibt von den 71 nur ein einziges Mitglied übrig, das draußen gewählt ist und Wohnsitz in Berlin hat. Darüber hinaus wohnen 28 Zent'rumsabgeordnete in Großstädten und größeren Städten; das Gros der Fraktion aber, nämlich 38 Abgeordnete, wohnt zur einen Hälfte in Mittel- und Kleinstädten, zur anderen Hälfte auf dem Lande.

Schlußfolgerung: Eine so gesunde innere Zu­sammensetzung wie die Zentrumsfraktion hat ni ch t eine einzige andere Fraktion auch nur annähernd aufzuweisen.

* Ein Konkursverwalter flüchtig. Wie aus Breslau gemeldet wird, ist der Konkursverwal­ter Cohn plötzlich verschwunden. Die Flucht

Zum Empfang des Kronprinzen Humbert von Italien, der in Brüssel zur Verlobung mit der Prinzessin Marie Jost eintraf, sanden sich der Kö­nig von Seligen und seine Söhne Leopold und Charles am Bahnhof ein. Die Festfreude Brüssels wurde jäh durch ein Attentat auf den Kronprinzen gestört. Glücklicherweise verfehlte aber der Täter, ein italienischer Emigrant, sein Ziel.

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wtb. Rom, 25. Okt. (Eig. Meld.) Die Morgen­blätter teilen mit, daß der Urheber des Anschlags

Cohns ift darauf zurückzuführen, daß Rechtsan- walt Dr. Bessert als Mitglied des Gläubigeraus­schusses für den Konkurs der Schokoladefabrik Lü- dette eine unerwartete Revision im Büro des Konkursverwalters vornahm, wobei sich aller­hand Unstimmigkeiten ergaben. — Nach einer Mit­teilung der Justizpressestelle sind die Bücher Cohns korrekt geführt. Die Zahl der Konkurse, die Cohn bearbeitete, betrug in Breslau acht, in der Pro­vinz 22. Die Staatsanwaltschaft glaubt, daß Cohn die Uebersicht verloren und dadurch eine Vermeng- ung seiner Privatinteressen mit den zu bearbeiten- den fremden Konkursmassen stattgefunden hat.

Neues in kürze.

Im Berliner Grünewald wurden Mittwochabend die 29 Jahre alte Krankenschwester Hanna Miehr t o t und der 26jährige Büroange­stellte Hans Ärondt, beide aus Wittenberge mit ei­ner Kopfverletzung aufgefunden. Nach sei­nen Angaben hat die Miehr ihn zu erschießen ver­sucht und sich dann selbst getötet.

*

Am Mittwoch fanden Pilzsucher in einem Holzbestand beiWalsrode (Hannover) ein M a- s ch i n e n g e w e h r, neun Armeegewehre und ein Jagdgewehr. Die Waffen wurden von dem Ge­meindevorsteher in Verwahrung genommen.

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Nach einer Meldung aus Detroit ertranken drei Insassen eines Motorrennbootes, die während der Fahrt aus dem Boot herausg-'l^leudert wur­den, weil ihre Versuche, schwimmend das Land zu erteilen, dadurch vereitelt wurden, daß das her­renlose Boot sie in schneller Fahrt en-- umkreiste.

*

Der Sowjetflieger Baranoff hat das Hoch­land des Pamir überflogen, wobei er stellenweise eine Höhe von über 5 500 Metern er­reichte. Mit diesem Fluge ist die Möglichkeit eines unmittelbaren Flugverkehrs zwischen Tasch­kent und Chorog im Berggebiet Tadschikistans er­wiesen.

auf den italienischen Kronprinzen in Brüssel, De­ro s a, Universitätsstudent in Turin gewesen sei und dort revolutionären antinationalen Verbänden angehört habe. Als er wegen seiner antinationalen Tätigkeit zur Rede gestellt worden fei, sei er bald darauf, da er ein guter. Skiläufer war, gelegentlich einer Skitour bei Bardonecchia über die Grenze gegangen.

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Das Attentat ans Prmz-Vräutigam Humbert in Brüssel.

Kronprinz Humbert (x) wird durch den König von Belgien (Xx) bei seiner Ankunft in Brüssel begrüßt.

Dos Bem W Weö Wß.

Rowan von M. W. S o p h a r.

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„Ich sollte nicht zugeben, daß Sie so gut gegen mich sind," sagte er ganz gebrochen. „Ich sollte darauf be­stehen, daß Sie das tun, was ich in meinem Brief an­deutete. Ich müßte die Verlobung ausheben. Es ist nicht schön von mir, Stella, meine herrliche, süße Stella an einen Mann zu binden, dessen Vermögen völ­lig von seiner Tätigkeit abhängt."

„Aus welchem Stoff sind Ihrer Meinung nach Stella und ihre Mutter denn gemacht? Sind wir Ih­nen als berechnend erschienen? Hatten Sie Grund zu der Annahme, daß wir Sie nur Ihres Geldes wegen lieb gewannen?" Sie strahlte ihn mit ihrem hübschen, fast flehentlichen Lächeln an.

„Berechnend? Ach nein, ist es gerade umgekehrt. Sie und Stella denken viel zu wenig an Ihre eigenen In­teressen, daß sie für Sie in Bettacht ziehen muß. Sie sollten von mir fordern, Stella aufzugeben — das wür­den Sie tun, wenn sie eine weltkluge Frau wären, aber — ich weiß nicht, ob ich stark genug wäre, sie, selbst wenn es sich um ihr Bestes handelt, aufzugeben," schloß er mit begeisterten Blicken.

„Von Aufgeben darf keine Rede sein," entgegnete sie heiter. „Sie und Stella sind noch jung — Ihr könnt beide noch warten und wer weiß, was kommen mag. Ich schicke Ihnen Stella sofort, sie wird Ihnen sagen, wie sie über Sie denkt." Damit verließ sie freundlich lächelnd das Zimmer.

Arthur blieb schweigend stehen und betrachtete die Tür mit erwartungsvollen, verzückten Augen, bis sie sich leise öffnete und Stella hereintrat. Ihr Gesicht strahlte vor Glück, und ihr blühendes Aussehen wurde durch das tiefe Blau ihres Kleides noch gehoben."

Er schloß sie eng in seine Arme und blickte ihr in die lieben Augen. Dabei durchströmte ihn die feste Ueberzcugung, daß ihre Seele eben so stark und rem wie ihr Gesicht schon sei. Auch nicht im entferntesten ahnte er die Hohlheit, die diese sanften, weichen Augen

und der bebende, sensitive Mund verbarg, daß sie tat­sächlich nur ein recht törichtes und willensschwaches Mädchen war, das em außergewöhnlich schönes Gesicht und eine recht alltägliche Seele besaß. _

Ihre lebhaften Beteuerungen von ewig dauernder Liebe imb Treue sog er mit Entzücken ein, und ihre Versicherung, daß Armut an seiner Seite sie unendlich glücklicher mache als der Reichtum eines Krösus, den sie mtt einem anderen Mann zu teilen hätte, klang ihm wie Sphärenmusik.

Während sie beide im Salon die Zukunft bespra­chen, stand Frau Bendler am Fenster des kleinen Rau­mes, der ihr als Boudoir und zugleich als Ankleide­zimmer diente, und sann über ihre Unterredung mit Ar­thur nach.

„Mein lieber Arthur", sagte sie leise halb zu sich selbst, halb zu einem Sperling, der sie von der Kante des Fensterrahmens listig anblickte, „meine Erlaubnis, die Verlobung weiter bestehen zu lassen und die Heirat zu gestatten, ist durchaus nicht einerlei; wenn auch, falls sich meine Idee verwirklicht, die Ehe doch vielleicht mög­lich wird."

Sie lehnte sich gegen das Fenster und blickte auf die Straße hinunter, die Brauen dicht aneinander gezogen, und fuhr fort, nach ihrer Gewohnheit laut zu denken:

„Stella wird zuerst gegen das Mädchen stark prote­stieren, aber Stella läßt sich leicht dazu bringen, die Dinge mit meinen Augen zu betrachten, und die an­dere," hier zog sie die vollen Schultern in die Höhe, „nun, ein kleines Arbeitsmädchen von siebzehn Jahren werde ich schon zu behandeln wissen. Es wird mir keine Schwierigkeiten machen, solchem Ton die Form zu geben, die mir beliebt, und es könnte mich mehr befrie­digen, als Gottfried Haller noch im Grabe zu enttäu­schen."

5. Kapitel.

„Ich halte es doch nicht für richtig, meine Liebe, daß du wie ein Dienstbote arbeitest, wenn du es mit all dei­nem Geld jeder Dame im Lande gleich tun kannst."

Frau Mauring, die Besitzerin des Hauses Georg- straße 144, rieb sich das Gesicht mit ihrer schwarzen Alpakaschürze ab und blickte das Mädchen zweifelhaft und abbittend an, demgegenüber sie nach dem Testament

von Gottfried Haller ihre Haltung und ihr Benehmen einer vollständigen Wandlung unterzogen hatte.

Miranda stand neben dem Kiichentisch, drehte wieder einmal die Enden ihrer Arbeitsschürze zusammen und sah ihrer Herrin mit vergnügten Mienen ins Gesicht.

„Ach, du lieber Gott, was macht es denn aus, ob ich hundert Pfennig oder taufend Mark bekommen habe, so lange Sie noch niemand fanden, die an meine Stelle tritt, wenn ich gegangen bin? Ich habe es gar nicht so eilig, vornehm zu werden, und bin, wie immer, bereit, meine Arbeit zu tun. Sie brauchen sich darüber keine Kopfschmerzen zu machen."

Es waren erst zwei Tage feit ihrem Besuch bei den. Anwalt Brand vergangen, und da er ihr geraten, unter Frau Maurings Dach zu bleiben, bis er für ein ander­weitiges, besser passendes Unterkommen für sie gesorgt, so hatte Miranda ohne viel Federlesens den Vorschlag gemacht, ihre bisherige Stellung im Hause als Mädchen weiter zu behalten und Brands Nachrichten abzuwarren

„Bekümmern Sie sich nur nicht um mich," fuhr Miranda fort, ließ die zusammengedrehte Schürzenecke fallen und hob von dem Tisch einen großen Haufen fer­tiger Teller ab. „Sie brauchen sich wirklich nicht darü­ber zu quälen, daß ich meine Arbeit tue, fo lange mir das gefällt. Sie nahmen mich in Ihren Dienst, als ich kaum mehr als ein junges Zicklein war, und deshalb will ich mich auch jetzt nicht ins Wohnzimmer wie eine feine Dame fetzen, ohne daß Sie ein anderes Mädchen haben, das Ihnen die Arbeit verrichtet."

So abgestumpft die Frau durch ihren jahrelangen Verkehr mit unzufriedenen und schlecht zahlenden Mie­tern auch geworden war, fo sah sie dem Mädchen doch jetzt durch einen Nebel von Tränen in die braunen Augen. Nichts in ihrem langen, arbeitsvollen und oben Leben hatte sie fo gerührt wie der Entschluß des Mädchens, den Dienst weiter zu versehen, nachdem sie das ja gar nicht mehr nötig hatte.

„Sie sind ein gutes Mädchen," sagte sie und streichelte Mirandas Schultern mit bebender Hand, „und Sie wer­den dafür auch eines Tages belohnt werden, merken Sie sich, was ich Ihnen sage: Wenn ich Sie auch mal be­handelt habe, wie ich es hätte nicht tun sollen, fe be­dauere ich das."

„Schon gut, schon gut," anmortete Miranda oer- gnügt. „Quälen Sie sich doch nicht über alte Dinge," und dann trug sie den Haufen Teller an den Ausguß, ließ das Wasser laufen und fang mit frischer, jugend­licher Stimme ein Volkslied zu ihrer Arbeit.

Frau Mauring verließ die Küche und arbeitete oben mit einem dankbareren und weicheren Herzen, in dem schwachen Bewußtsein, daß die menschliche Natur doch nicht so ungeheuerlich schlecht fei, wie sie das bisher stets angenommen und daß selbst die Mädchen schließlich nicht der Teufel in sterblicher Gestalt wären, wie sie sich das in ihrem Kopfe immer ausgemalt hatte.

Miranda klapperte lustig mit ihren Tellern und Schüsteln beim Abspülen und fang immer lauter, je hur­tiger ihr die Arbeit vonstatten ging, bis die klaren Töne aus dem kleinen Spülraum in das Erdgeschoß und von da in die Straße hinausdrang, in der in diesem Augen­blick ein eleganter Wagen entlang fuhr.

Der Klang der Haustürglocke unterbrach mit schril­lem Ton das Singen Mirandas. Sie trocknete die Hände an ihrer Schürze und schickte sich an, hinaittzu- gehen und die Tür zu öffnen, als sich Frau Maurings eilige Schritte hören ließen und diese selbst mit erhitz­tem Gesicht und vor Erregung leuchtend in der Küche erschien. Sie konnte bei dem schnellen Atmen zuerst gar nicht sprechen.

„Ach, du meine Güte, Miranda," sagte sie endlich, das „Malchen" und das „Du" hatte sie sich feit einigen Tagen abgewöhnt, „da ist eine Dame, die Sie zu spre­chen wünscht; das feinste Auto, das ich je gesehen habe — Chauffeur und Diener, ganz vornehm!"

„Was will sie denn von mir? Wer ist sie denn?"

„Das habe ich mir nicht zu fragen erlaubt," entgeg­nete Frau Mauring vorwurfsvoll. „Ach, sie hat so was Großartiges und sieht auf einen hinunter und dann sagt sie: „Ist Fräulein Miranda Mühe zu Hause?", so hochmütig, wie man sich nur denken kann."

„Ei nun, Sie haben ihr gesagt, daß Fräulein Mühe zu Hause ist, und haben sie gebeten, sich im Wohnzim­mer hinzusetzen und eine Minute zu warten."

(Fortsetzung folgt.)