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Ilr. 24S.

Aulda, oen 24 Oktober 19*29

Aufmarsch zur Kreiswahl.

4 Listen.

Gestern lief bekanntlich die Frist zur Einrei­chung von Wahlvorschlägen für die am 17. N ov. stattfindende Wahl des Kreistages im Landkreis Fulda ab. Außer der von dem Vorsitzenden desKurheffifchen Bauernvereins, Land­end Gastwirt Sondergeld -Hofbieber geführ- ten Lifte der Zentrums Partei, die wir schon veröffentlichten, ist noch eine Liste mit dem Kennwort „Hessische Arbeitsgemein­schaft" eingegangen, hinter der in der Hauptsache die d e u t s ch n a t i o n a l e n Kreise stehen. An der Spitze der deutschnationalen Liste steht Gutsbe­sitzer Dr. B r u n st e i n-Margretenhaun. Dem letzten Kreistag hatte aus den Reihen der Deutsch- nationalen als Einziger der Salzschlirfer Hotelbe­sitzer Linnenkohl angehört. Die Sozialdemo­kratische Partei hat eine Vorschlagsliste mit dem Spitzenkandidat A u t h - Mittelkalbach vorgelegt. Eine 4 Liste stammt aus dem Lager von Vitus Heller-Würzburg, von den sogenannten Christi. Sozialen. Für diese Gruppe, deren Anschau­ungen bekanntlich auch vom Hochw. Herrn Bischof von Fulda vor kurzem als katholischen Auffassungen widersprechend bezeichnet worden sind, kandidiert der Polsterer Arthur B r o s g e vom Bachrain.

Bei der Wa^s zum Kreistag im Juli 1927 hatten wir im Landkreis Fulda 7 Vorschlagslisten. Der Rückgang der Listen auf 4 zeigt die Abwen­dung von unfruchtbarer Zersplitte- rung und die Erkenntnis, daß durch Zusammen­gehen der innerlich gleichgesinnten Kreise das Beste herausgeholt werden kann.

Personennachrichken.

Der Leutnant Wendt beim Artillerie-Regi­ment 5 wurde mit Wirkung vom 1. Oktober zum Oberleutnant befördert.

Arbeilsjubiläum.

Der Küfer Herr Emil Diegelmann Fulda, Angel, kann heute auf eine 25jährige ununterbro­chene Tätigkeit bei der Firma Joseph Schmitt, Weingroßhandlung, hier, zurückblicken. Zu Ehren des Jubilars veranstaltete die Firma gestern abend eine kleine Feier. Auch seitens der Handels­kammer wurde eine Ehrenurkunde überreicht. Mit diesem Jubiläum ist die Zahl der zurzeit noch tä­tigen Jubilars bei der Firma Joseph Schmitt auf 6 gestiegen. Davon einer mit mehr als 40jähriger Tätigkeit, einer mit mehr als 35jähriger, einer mit mehr als 30jähriger und 3 mit mehr als 25jähriger Tätigkeit.

Der Ertrag der Wohlfahrksbriefmarken.

Der Reichsarbeitsausschuß der Deutschen Rot- Hilfe hat den Ausgleichsfonds aus dem Ertrage der Wohlfahrtsbriefmarken von 1929 in Höhe von 200 000 Mark zur Unterstützung von Notleidenden aller Bevölkerungskreise ausgeschüttet. Der gesamte Ertrag der Wohlfahrtsbriefmarken von 1928 betrug 812 000 Mark. Hiervon ist der grö­ßere Teil bereits im vorigen Winter durch die ört­lichen Wohlfahrtsstellen zur Linderung von Not­ständen verwendet worden. Die diesjährigen Wohl­fahrtsbriefmarken und eine Bildpostkarte mit ein- gedruckter Wohlfahrtsbriefmarken nach einem Ent­wurf von Louis Oppenheim-Berlin gelangen am 1. November dieses Jahres zur Ausgabe und sind bis zum 30. Juni 1930 zur Frankierung aller Post­sendungen gültig. Der Wohlfahrtsaüfschlag der diesjährigen Wohlfahrtsbriefmarken beträgt durch­schnittlich nur 50 Prozent des Frankierungswertes, damit jeder in der Lage ist, sich an diesem Hilfs- werk zur Linderung der Not zu beteiligen. Der Ertrag der neuen Marken ist zur Kräftigung der Jugend bestimmt. Vor allem soll aus den Erträg­nissen der Wohlfahrtsbriefmarken die Erholungs- fürforge für Kinder und Jugendliche gefördert wer­

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt).

Srettag, oen 25. Oktover 1929.

den, weil für diesen Zweck besonders dringend er­gänzende Mittel benötigt werden.

Viehzählung am 2. Dezember.

Der Reichsminister für Ernährung und Land­wirtschaft hat die Durchführung der alljährlichen allgemeinen Viehzählung am 2. Dezember ange­ordnet. Sie bewegt sich im Rahmen der bisheri­gen Dezemberzählungen.

Prämiierung auf der Ika.

Bekanntlich fand in Frankfurt eine Internatio­nale Kochkunstausstellung statt, die großen Erfolg hatte. Sie war von rund 100 000 Personen be­sucht. Die Veranstaltung schloß mit der Preisver­teilung. .Den Ehrenpreis der Stadt Frankfurt er­hielt das Parkhotel in Frankfurt a. M., die Pla­kette der Stadt Frankfurt das Carlton-Hotel in Frankfurt, den Ehrenpreis des Landesausschusses des Regierungsbezirks Wiesbadens der Frankfur­ter Hof in Frankfurt. Unter den mit Auszeichnun­gen Bedachten befindet sich auch das Hotel „Zum Kurfürsten" in Fulda, das ein Ehrendiplom nnd der Küchenchef Karl König, der die Internationale Kochkunst-Medaille erhielt.

Teilverfinsterung der Sonne.

Am Freitag, den 1. November, wird bei unbewölktem Himmel etwa um die Mittagszeit eine Teilbedeckung der Sonne durch die Mond­scheibe zu beobachten fein. Durch den Atlantischen Ozean, Nordwest- und Südafrika zieht sich eine Zonenkurve, in der die Verfinsterung eine ring­förmige ist, da die Sonnenscheibe größer erscheint, als die Mondscheibe.

Gegen das unnötige herumstehen auf D-Zug­korridoren.

Gegen die Verstopfung der D-Zug-Korridore will die Reichsbahn demnächst Maßnahmen er­greifen. Es ist beobachtet worden, daß auf Sta­tionen Reisende, die schon lange im Zuge fahren, die Gänge versperren; auch auf der Fahrt werden die Gänge oft zu Unterhaltungen benutzt; einen anderen Mißstand ergibt der unnötige Aufenthalt -auf den Gängen noch: die zusteigenden Reisenden wissen nie, welche Plätze im Zuge frei sind. Die Reichsbahn will deshalb zunächst gegen die Ver­stopfung der Gänge Ermahnungen erlassen und später, falls dies nichts fruchtet, Zwangsmaßnah­men gegen die Reisenden srgeifen.

Als Vorboten des Dinkers

zogen gestern nachmittag gegen %5 Uhr etwa 100 Schneegänse in der für sie charakteristischen Flugkette von Nordosten nach Äidwesten über un­sere Stadt. Man schließt aus ihrem frühen Er­scheinen auf einen frühen, harten Winter. Vor­läufig herrscht aber noch der bunte Herbst.

Line Zuschrift.

Von geschätzter Seite wird uns geschrieben: Sehr wertvoll war mir Ihre Mitteilung in Nr. 246 der Fuldaer Zeitung über die Aeußerung des Herrn Handelskammer-Syndikus Dr. Wey- mar in der Versammlung im Evangeli­schen Gemeindehaus, die sich für eine rege Wahlbeteiligung der evangelischen Mitbürger im Sinne der Wahl evangelischer Kandidaten in das Stadtparlament aussprach. Herr Dr. Weymar hat dabei eindeutig verlangt, „daß auch der letzte evan­gelische Wähler am Wahltag seine Pflicht tue und evangelische Kandidaten ins Stadtparlament ent­sende, damit dort die evangelischen Belange mit Entschiedenheit und Erfolg vertreten werden können."

Es wird wohl in Fulda niemanden geben, der Herrn Dr. Weymar nicht zu den Kreisen rechnet, die man unter dem Begriff Wirtschaft z-usam- menfaßt. In seiner beruflichen Stellung hat er zweifellos die engsten Beziehungen zur Wirtschaft und verfügt über Einsicht in wirtschaftliche Dinge wie wenige andere. Und doch tritt er so entschieden für die Beachtung weltanschaulicher Ge­sichtspunkte bei den Kommunalwahlen ein. Ich erkenne das hoch an, lege mir dann aber die Frage

vor: Warum gibt es, namentlich auch im katho- lischen Lager, neben anderen rühmlichen Fällen der Bekenntnistreue, so manche Leute, die behaup­ten, bei kommunalen Wahlen spiele nur das Wirtschaftliche eine Rolle und auf Weltan­schauliches komme es nicht an. Kann irgend ein vernünftiger Mensch glauben, daß die Leute, die etwas derartiges behaupten, mehr von der schäft verständen als der Sprecher im evangelischen Gemeindehaus? Wer gerade die Wortführer sol­cher Thesen auch unter dem Gesichtspunkt ihrer „wirtschaftlichen" Fähigkeiten und Erfolge etwas näher kennt, der ist sich klar darüber, daß es nicht besondere Einsicht in die Forderung der Wirt­schaft ist, die die betreffenden Herren zu ihrem Standpunkt kommen läßt. Es ist vielmehr Man­gel an Gemeinschaftssinn, Verkennung der wirk­lichen Verhältnisse und — Schlappheit! Die Be­treffenden sollten sich ein Beispiel an Herrn Dr. Weymar nehmen.

Aber vielleicht wendet mir einer dieser Herren, die unter Vorhaltung ihrer wirtschaftlichen Interessen an einem klaren, eindeutigen Eintreten für ihre katholische Sache vorbei kommen wollen, ein, es sei leichter, für die evangelische Sache offen einzutreten als für die katholische, denn katho­lisch sei doch „rückständig", „mittelalterlich", „nicht modern". Man kennt ja diese Redensarten. Da gesellt sich zur Schwäche noch die Unkenntnis. Wer wirklich katholisch ist und seinen Glauben kennt, der kann sich wahrhaftig neben jedem se­hen lassen. Ein Bekenntnis, das in ungebrochener Tradition zurückgeht auf den Stifter des Christen­tums, dessen Geschichte gleichzeitig die Ge­schichte der europäischeü Kultur in allen ihren Aeuherungen, in Wissenschaft, sozialer Lebensgestaltung, Baukunst, Malerei, Musik und Dichtung ist, ein Bekenntnis, das heute ebenso kraftvoll wie in einem der vergangenen christlichen Jahrhunderte das private und öffentliche Leben mit unübersehbaren Keimen des Guten und Scllö- nen erfüllt, ein Bekenntnis, das noch Millionen be­wegt zu opfern, statt nach heutiger Tagesmode nur zu genießen, das braucht sich nicht scheu in die Ecke zu drücken. Wer sich schämt, in dieser Reihe mit ganzer Seele dabei zu sein, der ist ei­ner, der nicht viel gelernt und nicht viel erfahren hat. Er stellt sich selbst ein denkbar schlechtes Zeug­nis aus. ____

tomobil zur Anwendung kommenden Kreisel sollen nicht groß sein und können bequem unter den Sitzen eingebaut werden. Da eine hohe Drehzahl von zirka 10 000 Um­drehungen in der Minute verwendet wird, ist es möglich, mit einem nur geringen Mehrgewicht für den Kreisel auszukommen. Vibrationen und Geräusche sollen nicht entstehen, auch der Kraftbedarf der Kreisel, die ihre Drallenergie direkt oder indirekt vom Wagenmotor be­ziehen, soll sich mit dem Bruchteil einer Pferdestärke in erträglichen Grenzen halten.

= Sreiseleinbau zur Aufhebung des Schwankens der Kraftwagen. Wie verlautet, bewegen sich die Bestre­bungen zur Verbesserung der Fahreigenschaften des Kraftwagens in der Richtung, durch Kreiselwirkung die selbst auf den besten Straßen noch spürbaren Schwan­kungen aufzuheben. Eine der fortschrittlicheren Auto­mobilfabriken hat diesen Gedanken einer ernsteren Prü­fung unterzogen und Modellversuche haben dabei ge­zeigt, daß selbst große Bodenunebenheiten sich nicht mehr in Pendelschwingungen umsetzen können. Die im Au-

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Korruption.

Im Pressedienst Christlicher Gewerkschaften le­ien wir:

Augenblicklich vergeht kaum ein Tag, wo nicht irgendein Betrugsskandal aufgedeckt wird, der seine Kreise zieht bis weit in die Stellen hinein, denen die Perwaltung von Staats- oder Gemeindegeldern anvertraut ist. Wer die Verfügungsgewalt über relativ große Geldsummen hat, die der Allgemein­heit gehören oder Allgemeininteressen dienen fal­len, der muß ein ganz feines und ausgeprägtes Gefühl für das sittlich Erlaubte und Unerlaubte haben und besonders gefeit sein vor den Versuchen in ihm und um chn herum. Ist das Verantmortungsbewußtsein vor dem fremden ihm zu treuen Händen übergebenen Gut nicht in seinem inner st en Wesen tief verankert, so unterliegt er leicht jenen Mammonsschachern, die der kapitalistische Geist in seiner verbrecherischsten Gemeinheit zeugte. Die sind gerissener, als seine natürliche Waffe der Borsicht stark ist und ver­stehen sehr wohl, ihn von der schwächsten Seite her ihren Zwecken dienstbar zu machen.

Mit einer harmlosen Zigarre fängt es zu­meist an, auch mit Einladungen zu harm­losen Autofahrten, gefälligen Dienstleistungen und Einladungen, die so ober so zu Gegenleistun­gen verslichten und den Dank dafür vorwegnehmen. Vielleicht glaubt man im ersten Stadium immer noch, die Freundlichkeiten, die sich bis zum unentgeltlichen Liefern von Sachwerten steigern, entsprängen persönlicher Freundschaft, nicht aber der Spekulation auf das einflußreiche Amt. Bis man sich über die Unkorrektheit klar wird, ist das Bestechungsmanöver geglückt und das Opfer steckt bereits so tief im Sumpfe verketteter Schuld, daß es, ohne sich selbst auf das Schwerste zu belasten, nicht mehr herauskann. Jetzt geht die Frechheit der gemeingefährlichen Betrüger aufs Ganze, und der zum Mitbetrüger Gemachte sieht zumeist nur noch den einen Ausweg, sich willenlos mißbrauchen zu lassen.

In den Anfängen liegt die Wurzel der Schuld. Wer hier zu schwach ist, ernstlich zu widerstehen, ist schon schuldig, bevor das eigentliche Delikt anfängt. Sofern er noch etwas auf sich gibt, lebt er in der ständigen Furcht, daß die Dinge offenbar werden. So oder so ist er ein Werkzeug in der Hand derer, die seine menschliche Schwach­heit skruvellos ausnutzten. Ihre Bewegungsfrei­heit zur Wahrung des Allgemeininteresses ist ihnen selbst dann genommen, wenn diese sich mit dem Monopol begnügen und in ihrem Geschäftsgebah- ren sich keiner auffälligen Praktiken bedienen. In den allermeisten Fällen aber machen diese es der ausgleichenden Gerechtigkeit leicht, die dunklen Hin­tergründe aufzudecken. Das Wissen darum, daß viele prominente Persönlichkeiten an ihrer Schuld teilhaben, macht ihre hemmungslose Gier zu einem alle Schranken vergessenden Mammonstau­mel, bis sie sich irgendwo und irgendwie fest- gefahren haben. Dann offenbaren sie ihre Er­bärmlichkeit in einer ebenso maßlosen Feigheit, mit der sie ihre schmutzige Gesinnung aus ihre arm­seligen Kreaturen abzuhalftern versuchen. Und schließlich waren das ja auch die „Verantwort­lichen", die ihre Gemeinheit erst möglich machten, zum mindesten aber erleichterten.

Korruption schlimmster Art hat es immer ge­geben, auch in der Vorkriegszeit. Und zwar in gehäufter Fülle. Nur, daß man derartige Skan­dale damals besser vertuschen konnte und auch wollte. Aber dennoch will uns schei­nen, als ob heute die Korruption in die Breite gewachsen ist. Weil die Welle materialistischen Eigennutzes, die immer in den Menschen steckte und die die Manchesterleute um die Mitte des ver­gangenen Jahrhunderts für das selbstverständliche Recht der Jnitiativmenschen, unter denen sie die wirtschaftlichen Machthaber verstanden, erklärten, durch die aus der gleichen Machtgesin­nung heraus geborene materialistische Erziehung der Sozialdemokratie sich unheilvoll ausgeweitet hat. Die ehemalige Beamtenschicht hatte einen aus-

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, doppelt so gut

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Roman von M. W. Sophar.

8] ----------

„Das habe ich mir gedacht," sagte sich Frau Bendler und laut meinte sie: „Sie glauben, es sei nur eine all­gemeine Mißbilligung seinerseits gewesen, keine beson­dere Abneigung gegen Stella ober — gegen mich?"

Keine Katze hätte eine Maus schärfer beobachten können, als diese Frau das Gesicht des jungen Mannes neben ihr beobachtete, dessen Verlegenheit sich fortwäh­rend steigerte. Als er hastig antwortete, umspielte ein schwaches Lächeln ihren Mund.

„Kein vernünftiger Mensch kann gegen Stella eine Abneigung empfinden, ebensowenig gegen Sie. Wie ich schon sagte, hegte der alte Herr starke Vorurteile und ließ sich von unerklärlichen Antipathien leiten. Er kannte Sie doch nur ganz oberflächlich."

Arthur blickte mit traurigen Augen auf die Stand­uhr, deshalb entging ihm der Gesichtsausdruck feines Gegenübers.

„Ganz oberflächlich! Wenn er also gegen uns ein­genommen war, so konnte das nur ein Vorurteil fein. Sie brauchen mit der Wahrheit nicht zurückzhalten, Arthur. Er hat uns nicht leiden mögen?" Sie hatte einen Augenblick feine Schulter mit ihrer Hand leicht berührt.

„Ich will keineswegs verheimlichen, daß ihn meine Verlobung sehr verdroß; er ließ auch einige scharfe Be­merkungen fallen über elegante Damen der großen Welt," entgegnete Arthur mit deutlichem Zurückhalten. „Ich hielt das indes für den Ausdruck feiner allgemeinen Abneigung gegen die Gesellschaft. Weshalb sollte er denn Sie und Stella nicht haben leiden mögen? Und noch dazu in solchem Grade, um ihn zu veranlassen, sein Testament zugunsten von —"

„Ach ja," unterbrach Frau Bendler ihn hastig. „Ihr Brief ließ uns darüber im Unklaren, was Herr Haller nun eigentlich mit seinem großen Vermögen begonnen hat. Sie erwähnten nur gewisse Klauseln, Bedingun­gen.*

„Bedingungen!" Er stand auf und durchmaß den Salon mit erregten Schritten. „Ich möchte dem alten Herrn, nun er tot '.st, nichts Böses nachsagen, aber, bei Gott, wenn ihn nicht die Unvernunft dazu brachte, so muß es die reine Bosheit gewesen fein, die ihn diese Be­dingungen in dem abscheulichen Testament aushecken ließ."

„Glauben Sie, das Geld doch noch bekommen zu können, wenn Sie diese Bedingungen erfüllen?" Ihre Augen zeigten keine Spur der Erregung, aber die rasche "eroöse Bewegung ihrer Hände sprach für den genauen Beobachter Bände.

„Wenn ich sie erfülle — ja!" gab Arthur zur Ant­wort. „Aber Sie werden es leicht begreifen, wie un­möglich diese Erfüllung ist, wenn ich Ihnen sage, daß er das Vermögen einem einfältigen Dienstmädchen, sei­nem anderen Patenkind, vermachte, und er offenbar voraussetzte, daß ich diese Person heiraten sollte."

„Ein Dienstmädchen heiraten! Hat er wirklich dem Mädchen das große Vermögen hinterlassen?" In Frau Bendlers Stimme tarnen aufrichtiger Schrecken und echtes Erstaunen zum Ausdruck.

„Er hat das Testament in den einfachsten Worten ab­gefaßt, man begreift nicht, was ihn dazu bestimmte. Unioerfalerbin ist eine gewisse Miranda Mühe."

„Du lieber Himmel!"

„Sie ist Mädchen für alles bei einer Zimmerver­mieterin. Das Testament verlangt, daß sie mich inner­halb der nächsten drei Jahre heiratet oder —"

„Oder — was? Geht sie der Erbschaft verlustig, wenn sie Sie nicht heiratet?"

„Ach nein! Der alte Herr wollte sicherlich verhüten, daß mir das Geld auf einem solchen Umweg zufallen konnte Es ist ihr gestattet, ledig zu bleiben und das Geld zu behalten. Ja, nach Ablauf der drei Jahre kann sie einen Schornsteinfeger heiraten, wenn es ihr beliebt, das Geld bleibt ihr doch. Ich habe nur die einzige Ehanee, daß, wenn sie vor dem Ablauf der drei Jahre einen anderen heiratet, mir das Geld wieder zufällt."

Frau Bendlers Augen glühten förmlich. Sie streckte die Hand aus und zog den erregten jungen Mann auf den Diwan neben sich.

„Sie ist nock> iung?"

„Ich glaube siebzehn Jahre."

„Dann brauchen Sie sicherlich noch nicht zu verzwei­feln, mein lieber Arthur! Glauben Sie berat, daß ein Mädchen ihres Standes so lange unverheiratet bleibt, wenn so mancher nur gar zu bereit ist, sie mit ihrem Geld zu nehmen?"

„Ich mochte das arme Geschöpf doch nicht meinet- wegen einem Glücksritter geopfert sehen," erklärte Dar­berg schnell. „Ueberbies würbe ihr bas Vermögen ja verloren gehen, wenn sie innerhalb ber festgesetzten drei Jahre heiraten sollte, und ich will mich nicht schlecht ge­gen sie benehmen. Sie hat ja keine Schuld an dem Testament, und Herr Brand sagte mir, sie sei ängstlich darum, mir jede in ihrer Macht liegende Enffchädigung zu bieten."

„Sie mißverstehen mich, mein lieber Arthur — ich kann mir wohl denken, wie das Mädchen von Glücks­rittern umschwärmt werden wird und man nicht wün­schen kann, daß sie einem zum Opfer fällt, — nein, wirk­lich nicht. Aber wenn sie in die Hand der richtigen Leute fällt, die sie bilden und ihr beistehen können und sie unterweisen, wie sie sich zu verhalten hat ufro., so wäre es dach möglich, daß sich jemand von ihr ganz uneigennützig angezogen fühlen würde, und in solchem Falle übten Sie, lieber Arthur, sicherlich Großmut ohne Bedenken!"

„Du lieber Himmel! Ob ich ihr eine anständige Summe zahlen würde, wenn sie in den drei Jahren hei­raten sollte?! Na, darauf können Sie sich verlassen. Aber die Dinge verlausen im wirklichen Leben nicht so hübsch und glatt, wie man sich das wünscht — bas kommt nur in Romanen vor."

Frau Benbler ging auf biefe Bemerkung nicht wei­ter ein, fonbern fragte nur:

„Ist bas Mädchen wirklich in jeder Hinsicht unmög­lich?"

„Das weiß der Himmel; ich habe sie nicht gesehen. Herr Brand schlug eine Zusammenkunft mit mir vor, aber ich hatte keine Lust, darauf einzugehen. Er sagte mir, sie sei ein rothaariges Ding, das falsch spräche und feit vier Jahren in der Stellung als Mädchen für alles. Und trotzdem erklärt Herr Haller in feinem Testament, baß eine Ehe mit ihr richtig unb weife wäre und ich bis

jetzt blind gewesen sei oder dergleichen Unsinn mehr."

„Blind?" Frau Bendler sah ihn wieder forschend an. „Das ist wirklich ein sonderbarer Ausdruck." Ihre gesenkten Augen straften diese Worte aber Lügen. Wäre Arthur jetzt nicht so absorbiert gewesen, so hätte er mer­ken können, baß sie es sehr gut verstand, sich diesen Satz in dem Hallerschen Testament auszulegen.

In dem hübsch frisierten Kopf spukten selbst wäh­rend dieser Unterredung die mannigfachsten Gedanken und ehe Arthur wieder das Wort ergriff, entstand in ih. ein wohl ersonnener Plan.

„Ich fühle mich in keiner Weise für die Zukunft von Miranda Mühe verantwortlich, da ich trotz der mir völlig unverständlichen Bemerkung über meine Blind heit um keinen Preis eine solche Person heiraten würde und hätte sie noch zehnmal mehr Geld."

„Nein, nein — sicherlich nicht." Frau Bendler iä- chelte, der in ihr gereifte Plan nahm immer festere Ge­stalt an. „Ich kann mir nicht vorstellen, daß Sie tr dieser Weise heirateten, Arthur" — ihr Blick ftreifti sein frisches, vornehmes Gesicht — „aber, wenn wir diese Frage auch völlig ausschalten, so glaube ich doch, Mittel und Wege finden zu sollen, wie sie erzogen*und präsentadel gemacht werden kann, und wenn sie in den drei Jahren einen anderen heiratet, so werden Sie ihr, wie Sie vorhin sagten, eine anständige Mitgift schen­ken."

„Ich will keineswegs bestreiten, wie froh ich wäre, wenn sie heiratete, und ich würde sie dann sicher nicht zu kurz kommen lasten. Wenn Sie der Ansicht sind, daß ich mich um ihre Erziehung bekümmern müßte, so will ich mich gern von Ihnen dabei leiten lassen."

„Lassen Sie mich ruhig darüber nachdenken," lautete die Antwort, und nun stand ihr Plan fix und fertig vor ihr. „Wenn ich Ihnen zur Lösung Ihrer Schwierigkei- ten Helsen kann, so werde ich das von Herzen gern tun, bas wissen Sie." Sie erhob sich und ihre weiche Hand strich zärllich über feinen Ann. „Und jetzt haben Sie lange genug mit einer langweiligen allen Frau gespro­chen. Ich lasse Ihnen Stella holen."

Er ergriff ihre Hand und hielt sie so fest, daß es Frau Bendlers ganzer Kraft bedurfte, um das lächelnd auszuhalten «tjarHebimo kalat 1