Nr. 244.
Fuldaer Aettung (Amtliches Kreisblatt.)
Sonntag, den 20. Oktober 1929.
ML tz-lmai 31
Fulda, den 19. Oktober 1929
Auszeichnung.
Für 40jährige treue Dienstzeit in der hiesigen Feuerwehr wurde Metzgermeister Jos. K o ch, Abts- tor, die Verdienstauszeichnung verliehen.
25 latyte .
waren am 17. Oktober verflossen, seit Herr Polizei-Oberinspektor $). Baier im Dienste der Stadt Fulda steht. Dem beliebten und bewährten Beamten wurden von seinen Amtskollegen herzliche Glückwünsche zu dem Jubiläum ausgesprochen.
Mission in der hl.-Geisi-Pfarrei.
Mehrfachen Wünschen entsprechend wird jeden Morgen in der Woche auch um 8 % Uhr eine Wiederholung der er st en Predigt sein, so daß also an jedem Tage vier Predigten sind: um %6, 8%, 3% und abends um 8 Uhr Die Deutsche Nothilfe.
Dem Preußischen Landesausschuß der Deutschen Nothilfe in Berlin ist die Genehmigung erteilt worden, die von der Reichspost zu Gunsten der Deutschen Nothilfe für 1929 auszugebenden Wohlfahrtsbriefmarken und Bildpostkarten in der Zeit vom 1. November 1929 bis zum 15. Ja- n ua r 1930 durch die Ausschüsse der Deutschen Nothilfe und durch die einzelnen in ihnen zusam- mengeschlossenen Wohlfahrtsorganisationen öffentlich, insbesondere auch von Haus zu Haus, a».f Straßen, öffentlichen Plätzen, bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen, Theatern, Lokalen usw. vertreiben zu lassen. Zu jedem Vertriebe auf Straßen und öffentlichen Plätzen ist noch die besondere Genehmigung der zuständigen Ortspolizei- behörde einzuholen.
Genehmigte Sammlung.
Dem Herz-Jesu-Heim (Orthopädische Anstalt) hier, ist zum Besten der Krüppelfürsorge für das Jahr 1929 die ^Veranstaltung einer einmaligen Sammlung freiwilliger Gaben bei den katholischen Einwohnern des Landkreises Fulda während des Monats November genehmigt worden.
Die Vorteile der Schließfächer.
Nach § 3 der Postordnung vom 30. Januar 1929 kann auf gewöhnlichen Briefsendungen an Abholer, die Inhaber eines Schließfachs find, in der Aufschrift statt des Namens des Empfängers „Postschließfach Nr. . . - „Postfach Nr. . . oder „Schließfach Nr. . . angegeben werden. Von dieser Einrichtung, die sich als sehr zweckmäßig und namentlich der Beschleunigung und Sicherheit des Verteilungsgeschäfts in hohem Grade dienlich allgemein bewährt hat, wird leider bis jetzt nur ganz vereinzelt Gebrauch gemacht. Hier sind jetzt über 300 Schließfächer in Benutzung. Bei einer so großen Zahl in F u l d a von Schließfachabholer springt der Nutzen einer auf solch einfache Weise erzielten erheblichen Beschleunigung des Verteilgeschäfts ohne weiteres in die Augen. Das Postamt würde es daher sehr begrüßen, wenn die Schließfachinhaber dieser erneuten Anregung entsprechen und dafür Sorge tragen würden, daß sie durchgeführt wird.
Evangelische Kirche.
Man schreibt uns: Von morgen, Sonntag, den 20. Oktober, fällt cm Sonn- und Feiertagen der Frühgottesdienst um 8 Uhr aus. Dafür findet bis auf weiteres Sonntag abends um 6 Uhr ein zwei- ter Gottesdienst statt. Der Hauptgottesdienst um
9.30 Uhr bleib't bestehen. Der erste Sonntag- Abendgottesdienst ist also schon morgen um 6 Uh: (nicht Dienstag, wie in der Samstagnummer bekannt gemacht wurde).
Stenographische Herbstprüfung!
Das Stenographische Prüfungsamt derJndustrie- und Handelskammer Frankfurt a. M.-Hanau veranstaltet am Sonntag, dem 10. November 1929, vorm. 9 Uhr in den Räumen der Städtischen Handelslehranstalt n, Frankfurt a. M., Junghofstraße 18 seine diesjährige Herbstprüfung. Anmeldungen nimmt bis spätestens Donnerstag, den 7. Nov. 1929, die Geschäftsstelle der Jndustrie- und Handelskammer, Zimmer Nr. 35, Börse, in der Zeit von 9—1 Uhr entgegen. Bei der Anmeldung ist Vor- und Zuname, Adresse, Geburtsort und Datum, Beruf, bei welcher Firma beschäftigt, sowie in welchem System und welcher Geschwindigkeit geprüft werden soll, anzugeben. Auch ist mitzuteilen, ob der Prüfling bereits an einer Prüfung teilgenommen hat. Die Prüfungsgebühr beträgt 3 Rm. Bei Anmeldungen nach Ab
lauf der Meldefrist erhöht sich die Gebühr auf 5 Rm.
Reiljagd.
Am Montag, den 21. Okt., findet bei günstiger Witterung eine Reitjagd der Fuldaer Garnison in der Gegend von Melzdorf statt. Das Stelldichein ist auf 11.45 Uhr bei der Bahnüberführung 600 Meter nordöstlich Bahnhof Götzenhof angesetzt. Das Halali ist um 12.20 Uhr bei der Schmiede in Melzdorf. Die Zuschauer sammeln sich um 12 Uhr am Hauneübergang 500 Meter nordwestlich Melzdorf und werden von dort zu den Plätzen geführt, von denen die Beobachtung am dankbarsten ist.
Stadlkraflpostfahrt nach Sohlhaus.
Vom 21. Oktober ab wird der um 18.23 Uhr am Postamt nach der Frankfurter Straße (Filzfabrik) abgehende Stadtkraftomnibus versuchsweise täglich bis Kohlhaus durchgeführt. Ankunft in Kohlhaus um 18,35 Uhr, Rückfahrt um 18,37 Uhr. Im übrigen wird auf die für Kohlhaus noch bestehende Kraftpostvcrbindung hingswiefen: Montags, Mittwochs (in der ge-
Sie hl. Mission, ein
eitzer Sonntag.
Drei Tage schon eilen die Kleinen und Kleinsten der Stadt Fulda in die Gotteshäuser. Fröhlich kehrten sie nach jeder Missionspredigt in die Straßen und Häuser zurück und brachten den Erwachsenen die ersten Grüße der Missionare.
Morgen, Sonntag, haben die Kleinen „Weißen Sonntag". Sie nehmen ja den Heiland in ihr unschuldiges Herzchen auf und bringen ihn mm mit in Deine Stube.
Da klopft Er zum letztenmale auch an Deine Seele. Bittet Dich durch den Mund deines Kindes, mit den flehenden Augen deines Lieblings. Auf daß auch D u kommst und froh werdest! So recht von Herzen froh! Wie die unschuldigen, lieben Kleinen. Und nächsten Sonntag auch wieder einmal „Weißen Sonntag" feierst. —
Weißt du noch, wie es war an dem „Weißen Sonntag" deiner goldenen Jugend? Wie da um dich her, über dir, in dir alles blühte, duftete, leuchtete? — Wie du so glücklich warst? — Und deine Mutter, dein Vater, deine Geschwister ' und anderer Kinder Herzen mit dir? —
Wie sagtest du damals?
„Ich widerlage dem Teufel! Und aller seiner Pracht!. Und allen seinen Werken!"
Wie sangest du damals?
„Fest soll mein Taufbund immer stehn! Dank sei dem Herrn, der mich aus Gnad' Zur wahren Kirch' berufen hat;
Nie will ich von ihr weichen!"
Und heute? Nach fünf, zehn, zwanzig, fünfzig Iahen? Armes Menschenkind? Nicht wahr, das Leben hat grausam mit dir gespielt. Hat Dir vieles, vielleicht alles zertreten, geraubt. Selbst in die innerste Seele hinein hat es Dir gegriffen. Dir Wunden geschlagen, die einst heilen wollen. Ach, wenn doch noch einmal „Weißer Sonntag" wäre! Ach, wenn Du Dich noch einmal freuen könntest wie die Kleinen, die heute von der Kommunionbank mit jubelnden Seelen heimkehren in Deine Stube! — „O Gott, gib mir meine Jugend wieder!"
Siehe, die hl. Mission will Dir Deine Jugend, Deinen „Weißen Sonntag" wiedergeben. Dernächste Sonntag schon soll es fein! Hörst Du, die Missionsglocken rufen Dich!
Reue deutsche Wohlfahrtsmarken.
Dom 1. November ds. Js. bis zum 15. Januar 1930 werden neue Wohlfahrtsmarken mit Län- derwappen zu 5, 8, 15, 25 und 50 Pfennig zum Preise, von 7, 12, 20, 35 und 90 Pfennig heraus- gegeben. Die Wertzeichen sind bis Ende Juni 1930 für den Inlands- und Auslandsverkehr gültig.
ftrigen Notiz war der Mittwoch ausgelassen) und Samstags ab Kchlhaus nach Fulda um 8,02 Uhr, 10,45 Uhr, 15,24 Uhr; ab Fulda nach Kohlhau- 7,00 Uhr, 13,00 Uhr, 15,20 Uhr; an den übriger Tagen ab Kohlaus nach Fulda um 10,45 Uhr, ad Fulda nach Kohlhaus um 15,20 Uhr.
3u dem Flugzeugabsturz auf der Wasftrkuppr wird noch bekannt, daß Eyring aus einer Höhe von 250 Meter abgestürzt ist. Die amtliche Unter, suchung hat ergeben, daß Eyring mit einem Segelflugzeug aufgestiegen war, das mit einem Leicht- motor ausgerüstet war. Eyring hatte eine scharst Kurve geflogen, als plötzlich der Motor aussetzt» und zum Entsetzen der Zuschauer nunmehr von einer scharfen Bö erfaßt und gekippt wurde, sodaß der Apparat senkrecht zur Erde abstürzte. Dadurch erklären sich auch die sehr schweren Verletzungen die Eyring davontrug, indem ihm beide Beine dreimal gebrochen worden find, außerdem wurde ihm der rechte Fuß direkt abgebrochen und er erlitt schwere Schädelverletzungen, sodaß er, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben, im hiesiger Landeskrankenhaus gestorben ist. Die Ursache, weshalb der Motor versagte, konnte nicht einwandfrei sestgestellt werden, weil der Motor mitsamt dem Segelflugzeug gänzlich zertrümmert wurde.
Ungültigkeit von Sammellisten zum Volksbegehren.
Nach Mitteilung einer amtlichen Stelle sind Bestrebungen im Gange, auf die Bürgermeistereier in dem Sinne einzuwirken, daß sie Eintragungen amtlich anerkennen, die durch Umhertrager der Listen von Haus zu Haus zustande gekommen sind. Nach den Bestimmungen des Reichsge- fetzes über Volksentscheid und Volksbegehren dürfen die Bürgermeister solche Listen nicht beglaubb gen. Nur solche Listen haben Gültigkeit, die an den amtlich bestimmten Einzeichnungsstellen bet schrieben worden sind.
Fuldaer Stadt-Theater.
Der Erbsörster.
Mit der Wahl des „E r k> f ö r st e r s", der gestern abend in überfülltem Stadtsaal über die Bretter ging, hat die Südwestdeutsche Bühne eine glückliche Hand gezeigt. Otto Ludwigs Tragödie klingt in der dramatischen Wucht der Gestaltung und der starken Realistik der handelnden Personen an Hebbel'sche Dramen an. Der Erb- förster Ulrich ist eine ähnliche Figur wie Hebbels Meister Anton, den wir in der vergangenen Spielsaison auf der Bühne sahen. Bei beiden ist das starre Festhalten an einem übersteigerten Rechtsbegriff die Voraussetzung des tragischen Konfliktes. Aber während Hebbel es in feinen Dramen auf die Problemstellung ankommt, ist Otto Ludwigs Dichtung wesentlich Charakterkunst. So ist der Erbsörster kein Drama in tiefstem Sinne des Wortes, sondern eher eine Milieutragödie. Die Motive, aus denen heraus die Hauptperson handelt, sind bei Licht besehen untragisch, ja kleinlich. Man kann nicht einsehen, daß der intelligente Exbförster Ulrich sich so wenig klar über die einfachsten Re'chtsbegriffe sein soll, daß er nicht begreifen will, daß der Besitzer des Waldes in diesem auch gebieten und seine Diener ein- und absetzen kann. Aus diesem Irrtum heraus schickt er seinen Sohn Wilhelm zum Advokaten in die Stadt, „der eine Klage machen soll gegen Stein und den Buchjäger". Technisch ist diese Schwäche allerdings sehr geschickt überbrückt. Die So- phistik des Försters in dem Gespräch mit dem Pastor ist beinahe zwingend. Im übrigen ist die Handlung durchaus richtig motiviert und konsequent durchgeführt. Die handelnden Personen sind keine Theaterfiguren, sondern Menschen von Fleisch und Blut, wie wir sie auch im täglichen Leben um uns sehen. Die Charaktere sind scharf gezeichnet, die Dialoge in ihrer ungeheuren Lebendigkeit und volkstümlichen Kraft von großartiger dramatischer Wirkung. Zu diesen Vorzügen tritt ein Reichtum und eine Wärme der Details und eine Kunst der Stimmungsmalerei, die geradezu meisterhaft ist. lieber dem ganzen Stück liegt der Reiz des Stimmungsvollen und
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Roman von M. W. S o p h a r.
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„Sie brauchen sich für die Folge wegen des Fahrgeldes auf der elektrischen Bahn weiter keine Sorgen zu machen."
Das Benehmen des Mädchens, das so saust und angenehm lachte, die Einfachheit und Offenheit gefielen bem Anwalt. Der Blick aus ihren braunen Augen erinnerte an die Treue eines Hundes, und er sah es gern, tnie zierlich sie den Mund schloß, wenn sie zu sprechen aufhörte. „Sie können fortan Ihren eigenen Wagen haben."
„Ich und Wagen fahren? Ach, mein Gott, das habe ich ja noch nie getan. Werden die Leute nicht gucken?" Der Gedanke ließ sie den Kopf zurückwerfen und wieder in das harmonisch klingende Lachen ausbrechen.
„Ich erwähnte bereits, daß an die Erbschaft einige Bedingungen geknüpft sind, und möchte sie Ihnen jetzt deutlich machen."
„Gewiß, ich werde Ihnen aufmerksam zuhören und versuchen, alles zu verstehen. Ich bin nicht gar so dumm, obgleich mir die Erziehung fehlt, die ich gern gehabt hätte. "
3f)re anfängliche Scheu vor Brand hatte sie gänzlich überwunden. Sie redete ihn jetzt mit der gleichen Unbefangenheit an. wie sie mit dem Bäcker und Milchmann zu sprechen pflegte.
Zunächst muß ich Ihnen sagen, daß das Ihnen vermachte Geld ursprünglich einem Herrn Arthur Darberg zufallen sollte, einem anderen Patenkind von Herrn Haller, und erst in den letzten sechs Monaten hat Herr Haller sein erstes Testament umgestoßen und Darberg zu Ihren Gunsten enterbt."
„Das ist doch für den jungen Mann aber recht hart."
„Von Herrn Darbergs Standpunkt aus sicherlich sehr hart, obgleich Herr Haller vielleicht gute Gründe gehabt haben mag, die Aenderung zu treffen; mir sind bie Gründe allerdings unbekannt. Wenn es nur auch
ben Anschein bat, als ob Herr Darberg sehr |u;ied)t behandelt worden ist, so bleibt doch eine Möglichkeit, wie er wenigstens einen Teil des Geldes für sich retten kann. Das Ganze gehört Ihnen unter der Bedingung, daß Sie entweder drei Jahre lang unverheiratet bleiben oder Herrn Darberg zum Mann nehmen. Falls Sie in den nächsten drei' Jahren jemand anders als Herrn Darberg heiraten, so büßen Sie dadurch das Geld ein, das dann Herrn Darberg zufällt. Verstehen Sie bas?"
„D, sehr gut! Das ist ein komisches Testament. Ich glaube, Herrn Darberg könnte es passen, wenn ich mich recht schnell verheiratete. Aber das werde ich schön bleiben lassen. Wenn der alte Herr mir das Geld vermachte, so wird er doch wohl auch die Absicht gehabt haben, daß ich es bemalte. Und ich will es Ihnen nur sagen — ich will vorwärts kommen, wie er es mir gesagt hat."
„Eine sehr richtige Ansicht", meinte Brand, der ebenso erstaunt, wie amüsiert war. und dessen Interesse an seiner neuen Klientin sprungweise zunahm. ..Vielleicht wünschen Sie, Herrn Darberg zu sprechen und sich mit ihm in irgendeiner Weise zu verständigen?"
„Ich habe nichts dagegen. Er wird'sich über das Testament, über mich und alles übrige nicht besonders freuen, der arme Herr. Es ist nicht (ehr hübsch, wenn man einen großen Topf Geld erwartet und dann sieht, wie ihn ein anderer bekommt. Wie soll ich mich aber mit ihm verständigen? Ein Mädchen wie mich zu heiraten. bagu wird er sich nicht leicht entschließen können, wenn er an Damen gewöhnt ist Ich will aber vorwärts kommen, viel lernen und selbst eine Dame werden, und wenn ich erst ein bißchen weiter bin, kann man ja nicht wissen, wie bann der arme Mensch denkt. Vielleicht will er mich bann am Ende haben —" und sie kicherte vergnügt.
„Sie denken an die Erfüllung dieser Bedingung?" , „Aber natürlich!" Sie sah ihn offen und überral.-bt an. „Ich werde doch den jungen Mann nicht um all sein Geld und Gut bringen wollen, und ich habe auch nicht die geringste Absicht, eine alte Jungfer zu werden, beileibe nicht. Es ist aber ganz undenkbar, daß ich in oen nächsten drei Jahren einen anderen heirate und mein Geld im Stich lasse; nein, bas tue ich bestimmt nicht,
so wahr ich Miranda Mühe heiße, und das hat mein Pate auch nicht gemeint. Wenn die drei Jahre vorüber sind, kann ich doch machen, was ich will?"
„Was Sie wollen."
„Das würde bann aber Herrn Darberg in die Patsche setzen?"
„Herrn Darberg bliebe dann nichts außer feinem kleinen Legat von 2000 Mark jährlich."
„Sie haben mir das alles sehr schön erklärt. Ich gehe jetzt nach Hause, wenn Sie nichts dagegen haben. Ich muß mir vieles überlegen, denn man erbt doch nicht jeden Tag so viel Geld. Und wenn ich mir erst alles überlegt habe, wäre es vielleicht angebracht, den Herrn zu sprechen, der durch mich ums Geld gekommen ist."
„Sehr schön." Brand hatte sich unwillkürlich auch erhoben, als sie aufgestanden war, und er sann darüber nach, durch welche Laune der Natur dieses kleine rothaarige Aschenbrödel mit einer solchen angeborenen Willenskraft und Charakterstärke ausgestattet sein konnte. „Wenn Sie sich die Dinge zurecht gelegt haben, müssen wir uns die Frage betreffs einer Gesellschafterin für Sie überlegen und betreffs — Ihrer — Ihrer Erziehung, die Ihrer nunmehrigen Stellung entspricht."
„Das ist richtig." Sie nickte fröhlich mit dem Kopf „Ich muß vorwärts kommen, weiß Gott. Wir müssen jemand finden, der mich lehrt, wie ich eine Dame werde und zu dem armen Menschen passe, der enterbt ist Hat er den alten Herrn nicht vielleicht beleidigt?" fragte sie plötzlich und sah den Anwalt ganz verschmitzt an.
„Er mag vielleicht etwas getan haben, was dem alten Herrn mißfiel, obgleich ich mir gar nicht denken kann, was das gewesen sein soll," entgegnete Brand mit einiger Reserve. „Arthur Barberg ist ein ihren- haster Charakter im besten Sinne des Wortes.
„Ah, das ist famos, nicht wahr? Aber wer weiß, was so einem alten Herrn verdrießlich machen kann? Vielleicht hat Herr Barberg ein Mädchen gern, das Herrn Haller nicht gefiel?"
Wieder suchten die sonderbaren Augen mit den goldenen Lichtern und dem klugen durchdringenden Blick des Anwaltes Augen zu begegnen, der sich auf dem Ge- danken ertappte, woher wohl diese Weltweisbeit einem
Mädchen aus dem Volke kommen mochte, das kaum 17 Jahre zählte.
„Man kann fo ein Mädchen ja nie auskennen," fuhr Miranda fort. „Und wenn es fo ist, muß es ihn entweder aufgeben, oder ich muß es ausstehen."
Der Anwalt gab sehr zögernd zu, daß es fo ungefähr kommen könne.
Miranda reichte ihm die Hand mit dem vollen aufblitzenden Lachen, das ihr Gesicht gänzlich verwandelre.
„Ich gehe jetzt also und werde Nachdenken, was ich am besten tue. Meistenteils führe ich das auch aus, was ich mir vorgenommen habe. Ich bin noch jung und ohne Erziehung, aber durchgefetzt habe ich doch, wozu ich einmal entschlossen war."
3. Kapitel.
Gemäß der Verabredung zwischen ihm und dem Anwalt sprach Barberg im Lause dieses Nachmittags im Bureau vor, um das Ergebnis der Erkundigungen über Miranda Mühe zu erfahren.
Ber junge Mann hatte sich kaum dem Anwalt auf dem Stuhl gegenüber gesetzt, den Miranda vor einigen Stunden eingenommen, als Brand begann:
„Es ist zwecklos, lieber Barberg, die Binge abschwächen zu wollen, und ich glaube, Sie gehören wie ich zu den Menschen, die es vorziehen, etwas Unangenehmes sofort zu hören, statt daß man um den Berg mit sanften Redensarten herumgeht."
„Gewiß! Sagen Sie mir das Schlimmste nur gleich heraus. Ich schließe aus Ihren Andeutungen, daß dieses Fräulein Mühe unbedingt die Erbin ist und mir jeder Einspruch dagegen erübrigt."
„So ist es. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, wie leid es mir tut. Ihnen bas bestätigen zu müssen. Fräulein Mühe ist ganz zweifellos di- ln-^sg-, &er ^ttr Haller fein Geld vermachte, und ich fürchte, der Schlag wird Ihnen nicht durch die Mitteilung erleichtert, daß Ihre glückliche Rivalin nicht mehr und nickü weniger als ein Mädchen für alles in einem Hause ist, in dem möblierte Zimmer vierten Ranges vermietet werden."
Darberg blickte den Anwalt mit der Miene eines völlig Verdutzten an.
(Fortsetzung folgt.)