Fuldaer Zeitung
Zündholzmonopol und Zündholzanlelhe. -
Seldte
Herstellen.
Von einem wirtschaftspolitischen Mitarbeiter.
Koblenz wird frei!
In Koblenz
ist
Nr. 243.
Samstag, den IS Oktober 1929.
Also weil das Deutsche Reich bankerott geht, will Herr Seldte, der Dolksbegehrler und Stahlhelmführer, noch schnell seine Schnäpse an den Mann bringen. ________________
Diözesanverband der kalh. Zungsrauenvereine in der Diözese Julda.
Kgen Frauen Veronika und Helena. Sie alle, Priester und Volk, Männerwelt und Frauenwelt sollen Hüter jenes heiligen Erbgutes sein, das St. Petrus und die heilige Kirche der Menschheit bieten.
Recht und Pflicht der Frau in der katholischen Aktion ergeben sich nicht nur aus ihrer vollwertigen Gliedschast im Reiche Gottes, sondern auch aus ihrer fraulichen Eigenart, aus ihren gottgegebenen Veranlagungen, aus ihrem zartempfin- denden Mitgefühl für die leibliche und geistige Not der Zeit und der Mitwelt. Gottes Gaben sind also auch für sie Gottes Aufgaben. Von ihr und von ihrer treuen Mitarbeit hängt darum zum größten Teil ab die Gesundung der Familie. Man nennt sie gern das Herz in unseren Familien. Von diesem Herzen kann und soll Wärm« und Liebe herüber geleitet werden in alle Glieder der Familie, vor allem in die Herzen der Kinder, denen sie sorgende Mutter ist; sie soll im wirb, schastlichen Leben mit seiner oft so rauhen Wirklichkeit den Geist der Liebe säen und vor allem auch den 11 Millionen erwerbstätigen Frauen eine ihrer Frauenart entsprechende Tätigkeit und Entfaltungsmöglichkeit sichern; sie soll im politischen Leben den Geist der ausgleichenden Gerechtigkeit und der verstehenden Liebe Pflegen,
In der „Deutschen Destilleur-Zeitung" findet sich folgendes Inserat:
„Das Deutsche Reich bankerott, wenn nicht gespart wir. Schränken auch Sie Ihre Ausgaben ein? Sie sparen, wenn Sie Ihren Weinbrand-
* Havarie eines amerikanischen Lleinlustschif- fes. Wie aus Bullen in Pennsylvanien gemeldet wird, ist dort der Lenkballon „V i g i l a n t", ein der Goodyaer Tire Rubber Company gehöriges Kleinluftschiff im Augenblick des Aufsteigens von einer Boe erfaßt und schwer beschädigt worden. Insbesondere haben die Kabine und die Propelleranlage gelitten. Das Luftschiff, das sich auf der Rückkehr von einem Etappenflug befand, und in Butler die Nacht über verankert worden war, wird nunmehr völlig entleert und auf einem Lastkraftwagen nach Arcon zurückbefördert werden.
* Verhaftung einer Bande jugendlicher Spreng- sioffdiebe. In den beiden leßten Jahren mehrten sich die Fälle, in denen in K öln Dynamitkeller sr-
Hetteres vom Volksbegehren.
Der nationalsozialistische Abgeordnete Graf Reventlow setzte sich mit dem Streit um die Formulierung des Paragraphen 4 des Volksbegehrens in der letzten Nummer des von ihm heräus- gegebenen „Reichswart" auseinander. Er stellt wörtlich fest:
„Ohne die Festigkeit der Nationalsozialisten wäre ohne Zweifel der Paragraph 4 überhaupt verschwunden ... Der nationalsozialistische Standpunkt wird derselbe bleiben. Ginge darüber die „Einheitsfront" für das Volksbegehren in die Brüche, so würde uns das auch recht kühl lassen, ebenso wie die ganze Aktion. Sie wird die deutsche Zukunft nicht entscheiden."
Zum Schluß ironisiert Graf Reventlow die neue Formulierung des Paragraphen 4:
„Um zum Schluß auf den Hindenburgpa- ragraphen 4 zurückzukommen, so kann man in der Tat verstehen, wenn die politischen Gegner der Linken und der Mitte sich über jene Weigerung eines Teils der Einheitsfront vor Lachen wälzen, und den herrlichen Agitationsstoft bis zum letzten ausnutzen. Es müssen jetzt nur noch einige Ein- heitsfrontler kommen, die irgendeinen anderen L i e b l i n g vor Zuchthaus und noch Schlimmerem bewahren wollten, aber der müßte dann wenigstens namentlich genannt werden. Und dann fehlt nur noch als Ergänzung des Paragraphen 4 D e - w ä h r u n g s f r i st, die Untersuchung auf den Geisteszustand, die Annahme eines Dämmerzustandes oder der sexuellen Hörigkeit."
Dieses Urteil über das Volksbegehren und seinen Paragraphen 4 ist so treffend, daß wir uns jeder weiteren Bemerkung dazu enthalten können.
u. Co, A.-G., Magdeburg-Sudenburg,
Verschnitt aus Syrup-Seldte 7)4:100 von
das 151. Infanterie-Regiment bereits abmuc schiert. Unser Bild zeigt die Einholung der Regimentsfahne aus der Kaserne auf der Karthause. Das 23. franz. Inf. - Regiment soll unmittelbar nachfolgen, so daß dann auch die Stadt am Deutschen Eck endlich frei von fremden Truppen sein wird.
Der Heilige Vater ruft in der heutigen Zeit mit heiligem Ernst und in väterlicher Sorge auf zur katholischen Aktion. Sie will die Segnungen des katholischen Lebens und des katholischen Glaubens dem Einzelmenschen, der Familie und der Volksgemeinschaft wieder bringen. — Das 20. Jahrhundert steht unter dem Zeichen einer rrin- irdischen Kultur. Der Jenseitsglaube ist in vielen "Kreisen des Volkes geschwunden. Ewigkeitswerte werden allenthalben mißachtet. Immer aber, wenn Götter sterben, werden Dämonen geboren. Die Folge des Diesseitsgeistes ist naturgemäß das Prinzip des Sichauslebens. Die katholische Aktion will diese verhängnisvolle und immer weitergreifende Verweltlichung aller Lebensgebiete überwinden dadurch, daß sie katholische Grundsätze und katholische Gesinnung überall wirksam macht. Sie will insbesondere auch die Laienwelt auftufen zur Teilnahme am königlichen Priestertum, zur Mitarbeit int Gottesreich, im Berufe, in der Familie, in der Volksgemeinschaft.
Dieser Ruf zur Mitarbeit in der katholischen Aktion ergeht aber nicht nur an die Männerwelt, sondern ebenso eindringlich auch an die Frauenwelt. In Rom stehen am Grabe des heiligen Petrus vier gewaltige Steinfiguren, darstellend den heiligen Andreas und Longinus und die hei-
Der vor kurzem noch bestrittene Plan der Schaffung eines Zündholzmonopols in Verbindung mit der Begebung einer Zündholzanleihe beginnt nun festere Formen anzunehmen. Freilich handelt es sich auch jetzt noch erst um das Stadium von Vorerwägungen. Diese gehen dahin, daß die schwedische Gruppe, die heute schon Dreiviertel der gesamten Weltproduktion und Zweidrittel der deutschen Produktion beherrscht, dafür, daß das Reich dieser Gruppe bei einer Neuregelung der Zundholzwirtschast gewisse Vergünstigungen beläßt, der Reichsregierung eine Anleihe in Höhe von 125 Millionen Dollar, gleich 500 Millionen Reichsmark, 3» 6 Prozent, auf 50 Jahre laufend, begibt.
Um den Sinn dieser Transaktion zu verstehen, muß man sich folgendes vergegenwärtigen: Das eine Drittel der deutschen Zündholzproduktion, das noch nicht unter der unmittelbaren Kontrolle und Verfügungsgewalt des Schwedentrustes steht, kann sich aus wirtschaftlichen Gründen nicht länger halten. Die letzte gesetzgeberische Regelung der Zündholzwirtschaft in Deutschland hat bereits gewisse Zugeständnisse an die Schwedengruppe gemacht, um andererseits dafür die deutsche Produktion zu erhalten. Bei der nun jetzt, wie bereits erwähnt, aus wirtschaftlichen Gründen notwendig werdenden Neuregelung kommt es einmal darauf an, die noch bestehende deutsche Zündholzindustrie zu erhalten, andererseits aber neben der Schwedengruppe das Eindringen anderer Auslandskonkurrenz, namentlich der russischen, abzuwehren. Dafür nun, daß die Reichsregierung der Schwedengruppe das Monopol einräumt und gleichzeitig in eine Erhöhung des Kleinverkaufspreises für Zündhölzer einwilligt — nach dem Prinzip, daß sich die Preisfestsetzung nach dem am schwächsten sich rentierenden Betrieb richtet — soll nunmehr die Anleihe in dem oben erwähnten Ausmaß begeben werden.
Daß eine derartige Monopolregelung den Schweden außerordentliche Vorteile bringt, liegt auf der Hand, und es ist durchaus richtig, wenn die Reichsregierung sich ein Entgelt für diese Vor- teue sichert und sich demgemäß die Zustimmung zur Statutierung eines Monopols so teuer als möglich erkaufen läßt.
Wie sehen nun wirtschaftlich die Dinge aus? Das Reich befindet sich mit seiner Anleihewirtschaft tn harter Bedrängnis. Die Reinhold'sche Anleihe vom Jahre 1927 war bereits ein Fehlschlag, die Hllferdmg sche Reichsanleihe vom Jahre 1929, die mit ganz außerordentlichen, ja direkt ungewöhn- ltchen Steuervergünstigungen ausgestattet war, hat statt der erhofften 500 Millionen Mark noch nickst emmal knapp 200 Millionen Mark erbracht. Die Kurse für beide Anleihen können nur unter erheblichen täglichen Zuschüssen des Reiches stabil gehalten werden. Ein Zuwachs an effektiven Millionen, wie sie in der Schwedenanleihe vorgesehen sind, würde zweifellos der Reichsfinanzwirtschaft von außerordentlichem Nutzen sein. Ins Gewicht fällt ja vor allem der Zinssatz, und eine ßpro-entige Verzinsung ist unter den heutigen Verhältnissen und wohl auch noch auf eine ganze Reihe von Jahren hinaus, als durchaus günstig zu bezeichnen.
Weniger will uns gefallen die Laufzeit voi: 50 Jahren. So wünschenswert es auch ist, daß die kurzfristigen Anleihen möglichst in langfristige um- gcwandelt werden, und so zweckmäßig für die Fi- nan,-wirtschaft eine langsichtige Verteilung Der Zins- und Amortisationsverbindlichkeiten ist, so «st doch die Begebung einer Anleihe auf ein gan« ‘~s Menschenalter hinaus etwas Außerordentliches. Freilich geht man nicht fehl, wenn man gerade in niefer Fristsetzung auch andere Erwägungen beobachtet hat, vor allem reparationspolitischer Natur, trenn man also den Zuwachs, den die Reichs- stnanzen durch diese Anleihe bekämen, von vorn- herein mit in Reckmung stellt als Zubuße für die ^^siultäten des Ioungplanes. Man wird aber AM überlegen müssen, ob man nicht eine geringere Laussrist, etwa 30 Jahre, durchsetzen könnte. Auch konnte dte Möglichkeit einer Herabsetzung des Zins- fußes bei einer durchgreifenden, heute freilich noch ü!?* ubZusehenden Wandlung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse vorbehalten bleiben.
Zum zw^ten handelt es sich um die Konsum- nteressen. Es ist beabsichtigt, den Kleinverkaufs
preis von 25 auf etwa 32 bis 35 Pfennigen für das Paket Zündhölzer heraufzusetzen. Es muß nachdrücklich Bedacht darauf genommen werden, daß die geplante Erhöhung in einem tragbaren Verhältnis zu der Gesamtbelastung steht und es muß andererseits absolute Garantie dafür geboten werben, daß die ausländische Gruppe nicht eine willkürliche Erhöhung des Kleinverkaufspreises betreibt. Die Verhandlungen darüber sind nach in vollem Gang und sie bewegen sich auch in der Richtung, daß die in Händen der Konsumgenossenschaften sich befindlichen Zündholzproduktionsstätten int Genuß ihrer seither eingeräumten Sondervorrechte verbleiben.
Ein Urteil über dieses ganze Projekt abzugeben, ist im gegenwärtigen Augenblick noch vollkommen unmöglich. Man muß das authentische Ergebnis der jetzt schwebenden Beratungen abwarten.
Parlamentarisch stehen die Dinge so: Die Anleihe selbst braucht nicht vom Reichstag bewilligt zu werden, weil der Reichsfinanzminister noch über eine große Spanne an Anleiheermächtigungen verfügt, die bis jetzt noch nicht ausgenutzt ist. Dagegen konnte die Neuregelung der Zündholzwirtschaft im Sinne eines Zündholzmonopols nur auf dem Wege über den Reichstag erfolgen.
Das Zentrum hat schon bei der früheren Beratung der Zündholzregelung ganz besonders darauf hingewirkt, daß die privatwirtschaftlichen Interessen namentliib der Konsumenten gewahrt wurden. Für die Stellungnahme des Zentrums gegenüber dem neuen Plan würde es auch entscheidend davon abhängen, ob und in welcher Form Garantien nach dieser Richtung gegeben sind. Nach der Auffassung in zentrumsparlamentarischen Kreisen würde eine isolierte Behandlung dieser Angelegenheit nicht in Frage kommen können. Wenn an die Behandlung dieses Planes herangetreten wird, dann könnte es nur geschehen in Verbindung mit der großen Finanzreform, um eine generelle Regelung der Finanzwirtschaft nach genauer Prüfung der Einnahmemöglichkeiten einerseits und der Verwaltungsersparnisse andererseits zu schaffen.
3. Blatt
Druck der Fuldaer AcNeudruckerel, Fulda.
—————■■ brachen und Sprengstoffe gestohlen wurden. Des öfteren wurden an abgelegenen Stellen Sprengstoffladungen zur Entzündung gebracht, deren Knallwirkung bis auf zwei Stunden im Umkreis vernehmbar war. Die Kölner Polizei hat nunmehr fünf Personen ermittelt, die geständig sind, Dynamitkeller erbrochen und aus diesen Sprengstoffe gestohlen zu haben. Es sind mehrere hundert Sprengpatronen, Sprengkapseln und Zündschnur beschlagnahmt worden. Die Täter, alle im Alter von 17 bis 19 Jahren, werden sich demnächst vor Gericht zu verantworten haben.
Hokelbrand in Amerika.
7 Personen ums Leben gekommen.
Das Portland-Hotel in S e a 111 e wurde Donnerstagfrüh durch Feuer zerstört. Bisher sind f i e- ben Personen als Leichen geborger worden. Mehrere Personen haben lebensgefährliche Verletzungen erlitten. Das Hotel war ein Backsteinbau. Es war innerhalb einer Stunde ein einziger Trümmerhaufen.
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Roman von M. W. Sophar.
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„Ach nein, er hat gar nichts über die Zukunft ge- sprachen. Er sagte nur: „Lies in deiner Bibel, sei ein gutes Mädchen und versuche, vorwärts zu kommen in der Welt. tann tn deinem Gesicht sehen, daß das Zeug dazu tn dir steckt. Ja, das hat er gesagt: ich soll vorwärts kommen in der Welt, und das will ich auch tun, ganz gewiß.“ Em rebellischer Blick auf ihre Herrin blitzte aus den Augen.
Der Ausdruck ungeheurer Ueberraschung, der Brand zuerst aufgefallen, war verschwunden, auch ihre Bestürzung und ihr Schrecken waren völlig gewichen, In jedem Wort und Blick trat eine unverkennbare Willenskraft zutage.
„Das war ein guter Rat," meinte er, „ober jetzt habe ich Ihnen eine sehr wichtige L, . !ng zu nmch<->. Miranda. Wo"» ff* Angaben afs zutreffend er« weisen, woran ich nicht zweifle, und Sie wirklich Herrn Hallers Patenkind sind, dann werden Sie finden, daß er Sie nicht vergessen hat. Im Gegenteil, er hat Sie in sehr großherziger Weise bedacht."
„Er 'ist doch nicht gestorben?'' .
„Ja, er ist tot und hat Sie in seinem Testament erwähnt."
„Großer Gott," rief Miranda, und Frau Mauring sekundierte:
„Ach. du meine Güte solch ein Glück, das Kind!" und fragte bann: „Hat er Miranda ein kleines Legat vermacht?"
„Er hat ihr ein Legat vermacht, und ich möchte es nicht klein nennen," erwiderte Brand, der sich an der Freude weidete, ganz trocken. „Es wird ihr sicherlich bei dem Vorwärtskommen, von dem sie sprach, gute Dienste leisten."
„Großer Gott!" sagten sie nun beide die den Sinn feiner Worte nur halb verstanden, aber doch ahnten, und Brand, der den Wortschwall von Frau Mauring fürchtete. beeilte sich fortzufahren:
„Ich kan Ihnen erst Näheres mitteilen, sobald ich Ihre Angaben geprüft habe, Miranda. Darüber werden wohl einige Tage vergehen. Besuchen Sie mich Donnerstag morgen in meinem Bureau; hier ist meine Adresse"
Er reichte seine Karte dem Mädchen, ehe es Frau Mauring gelungen war, sich derselben zu bemächtigen.
„Sie wird kommen," rief die Hausfrau voll Eifer, „und ich würde gern mittommen, wenn ich nur könnte. Aber ich kann das Haus doch nicht allein lassen, wenn Molchen, ich meine Miranda, fortgeht."
„Richtig," entgegnete Brand vergnügt, weil ihm dadurch so leicht dos Wiedersehen mit Frau Mauring erspart blieb, „Sie können beide nicht zusammen fort, also erlauben Sie, daß Miranda Donnerstag morgens um 11 Uhr zu mir kommt."
Miranda sah ihn schüchtern an, als er sich zum Fortgehen bereit machte.
„Es war sehr gütig von Ihnen, sich selbst zu mir zu bemühen," erklärte sie mit Anstrengung, äußerst höflich zu erscheinen. „Was ich Ihnen gesagt habe, ist so wahr wie ein Bibelwort."
„Das ist ja eine nette Bescherung," dachte der Anwalt, als ihn sein Auto heimwärtsfuhr. „Die dümmste Geschichte, die ich je erlebt habe. Zwei Millionen Mark einem dummen, schmutzigen, unerzogenen Dienstmädchen an den Kopf zu werfen — armer Darberg!"
*
Kein Lichtstrahl erhellte des Anwalts trübe Gedanken während der beiden Tage, die ihn die Nachforschungen in Sachen Haller-Mühe kosteten. Brand stellte fest, daß sich jedes Wort, das Miranda ihm gesagt, als wahr erwies, und somit lag ihm als Sachwalter des Testators Gottfried Haller die Pflicht ob, das große Vermögen den Händen einer Siebzehnjährigen zu übergeben, deren höchstes jährliches Salär knapp 250 Mark betrug und beren kühnster Ehrgeiz sich wohl zu ber Stellung einer Köchin in einem vornehmen Hause verstiegen hatte.
Wie gern wünschte Branb, baß Darberg ben kleinsten Vorwand finben möchte, bas Testament auf Grunb einer Unzurechnungsfähigkeit Hallers anzufechten, aber er sagte sich, es fei nur weggeworfenes Gelb, denn Haller war bis zu dem letzten Augenblick ganz klar bei Ver
stand gewesen. Das Testament war einfach eine Schrulle, eine Laune; Hatter mußte sich eine lächerliche Idee in den Kopf gesetzt haben, sonst hätte ihm niemals einfallen können, bas bebeutenbe Kapital ganz in den Besitz eines solchen Mäbchens zu bringen ober vorauszufetzen, Darberg würbe ein solches Mädchen heiraten. Widersinnig! Hotte ber junge Monn ihn in irgenb einer Weife beleibigt? fragte sich Branb. Ober hat bie Familie Mühe Ansprüche an ben alten Herrn gehabt?
Das waren bie Gedanken, mit denen sich der Anwalt beschäftigte, als er an dem Donnerstag morgen in feinem Bureau auf Miranda wartete und ihm nun „Fräulein Miranda Mühe" gemeldet wurde. Als sie nun vor ihm stand, glaubte er doch, fein ungünstiges Urteil über sie etwas einschränken zu müssen.
Die Kleidung Mirandas ließ alles zu wünschen übrig. Ihr Rock war sehr lang, ihr Jackett viel zu groß und hing ganz komisch um ihre schmale Gestalt; der Hut mußte einst bessere Tage gesehen haben und war vielleicht ganz modern, als Madame Noah die Arche verließ. An den Füßen hatte sie geradezu Ungeheuer von dicken, viel zu großen Schuhen. Und trotz dieses unglaublichen Kostüms machte Miranda, deren Gesicht von dem Gebrauch von Seife und Wasser glänzte und deren Augen munter in bie Welt blickten, einen guten Einbruck.
Er schob Miranba einen Stuhl hin unb sagte:
„Guten Morgen, Fräulein Mühe, bitte setzen Sie sich, wir wollen bie Angelegenheit in Ruhe besprechen."
Die Anrebe ließ sie aufblicken; ein schwaches Lächeln umschwebte ihren Munb. Sie ermiberte nichts unb setzte sich auf ben ihr angewiesenen Stuhl.
„Ich habe bie nötigen Erkundigungen eingezogen unb hege keinen Zweifel mehr, baß Sie die in bem Testament von Gottfried Hatter genannte Miranda Mühe sind, das Patenkind des Erblassers. Die Eröffnung, die ich Ihnen mit Bezug auf dieses Testament zu machen habe, wird eine große Ueberraschung für Sie fein. Wie ich feftgeftellt habe, kannte Herr Haller Ihre Eltern von ihrer frühesten Jugend an, lie waren beide aus Singenburg unb stauben auch nach ihrer Verheiratung unb Ihrer Geburt zum Gutsherrn in Beziehung. Bald nach Ihrer Geburt zogen Ihre Eltern
hierher, unb Herr Hatter verlor sie aus bem Gesicht. Erst vor einigen Monaten, also gar nicht lange vor seinem Tobe, ließ er Ihren Aufenthalt ermitteln unb besuchte Sie bann in Ihrer jetzigen Stellung. Zwei Tage barauf machte er fein Testament, burch das er Ihnen fein ganzes Vermögen, abgesehen von einigen kleinen Legaten, unter gewissen Bedingungen vererbte."
Miranda errötete lebhaft. Mit einer impulsiven Bewegung stieß sie ihren Hut aus der Stirn und beugt» sich vornüber.
„Ist das viel Geld?"
„Ein sehr großer Betrag, mehr als Sie ahnen," entgegnete Brand in freundlicherem Tone, als er bisher mit ihr gesprochen hatte. „Das Ihnen zufattende Kapital beläuft sich auf etwa zwei Millionen Mark und dazu kommt noch der Besitz in Singenburg.“
In ihre Augen trat ein sonderbares Leuchten, ihr Atem stockte.
„Ein Landbesitz? Ach wie schön!" Offenbar hierüber mehr erfreut, als über das viele Geld. .Dos habe ich mir nie träumen lassen. Ich bin so gern auf dem Lande." Das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde noch fröhlicher.
„Sie können jetzt so viel aufs Land gehen, wie Sie nur wollen," sagte Brand und freute sich unwillkürlich beim Anblick der Freude, die auf bem sommersprossigen Gesicht lag. „Sie können auch bort so lange bleiben, wie es Ihnen beliebt, unb fick bas ganze Leben nach Ihren Wünschen gestalten. Das Herrenhaus in Singenburg ist wunbervoll."
„Hat es wohl acht Zimmer, wie bas von meiner Herrin, Wohnzimmer unb Eßzimmer, jebes für sich? fragte sie mit weit geöffneten Augen.
Branbs Lächeln würbe mit jebem Augenblick freunb- licher unb väterlicher.
„Das Singenburger Herrenhaus hat viel mehr als acht Zimmer. Es ist ein sehr großes Haus, unb Sie sind ein sehr reiches Mädchen."
„Das ist boch eine gelungene Geschichte", platzte sie heraus. ,Ich habe gerabe breißig Pfennig in ber Dafdje, die Frau gab mir das Fahrgeld, meinen Lohr kriege ich erst in vierzehn Tagen."
(Fortsetzung folgt)