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Br. 238.

Sonntag, den 13. Oktober 1929.

Fuldaer AeMmg

3. Statt.

Druck der Auldaer AcNendruckerei. Fulda.

Rund um die Woche.

Set ewige Baumeister. — Vagabundentum. — Der Friedhof von Verdun. — Zemina. Europa ms der Vaage. — Der rasende Ajax. — Eine kleine Bombe.

Bin ich auch nicht ein blinder Parteigänger Dr. Strefemanns gewesen, so traf mich doch die Nach- richt von seinem Tode in tiefster Seele. Ist es nicht wirklich so, daß der Tod kommt, wie ein Dieb in der Nacht? Gerade bei solchen Ereig­nissen erinnert man sich auch daran, daß da über den Baumeistern der Weltgeschichte noch ein ewi­ger Baumeister ist, der denen da unten genau die Zeit bestimmt, in der sie wirken sollen. Ich las einmal ein Stück von dem polnischen Dichter Krasinfki, das benannt ist die „Ungöttlicke Ko­mödie". In diesem Stück werden uns die Großen der Erde vorgestellt, die Genies, die Kaiser und Gewalthaber. Jedesmal, wenn sie ins Dunkel der Zukunft hineintasten und wenn sie glauben, nun hätten sie es endlich gefunden und nun könne ihr Lebenswerk recht beginnen, da werden sie hinweg­genommen von dieser Erde. Im übrigen hat der Tod für mich niemals etwas Schreckliches gehabt. Im Gegenteil, ich warte auf ihn wie auf die Tür, die sich einmal aufschließen muß, wenn man in seine eigentliche Heimat kommt. Ich warte auf ihn vor den wechselnden Vorhängen dieser Welt wie auf jenen Vorhang, hinter dem fich endlich die Wirklichkeit offenbart, wie sie ist. Ich warte auf ihn wie auf das große Fest des Lebens, und es kommt mir gewissermaßen lustig vor, daß ich — wenn der gute Gott gnädig ist — einst mein Alleluja singen werde, wenn sie hier auf Erden noch am Miserere hinter meiner Leiche sind. Lache mich nicht aus, denn ich glaube das alles wnck- lich so, und es hilft mir diese Aussicht, das schwere Leben zu tragen. Man klettert und klettert, und man wird müde und vielleicht auch verdrießlich. Weiß man aber um den Gipfel, weiß man um das wunderbare Panorama, das sich von da öff­net, weiß man um die Heimat, so kommt ‘eg schon nicht mehr daraus an, ob man hier als Vagabund seine Straße zog oder als Industrie­herzog im Benzwagen oder als Aussichtsrat ver­einigter Banken oder als Außenminister, das ist vollkommen gleichgültig, unterwegs sind wir halt alle, und darum ist der Vagabund und Zigeuner der menschlichste von allen Ständen, betont jer doch sozusagen standesgemäß, daß das Leben eine Wanderfahrt ist und daß die Menschheit einmal nach Hause will.

Diese Gedanken schaden gar nichts in einer Zeit, die uns allenthalben ein Bild heftigster In­teressenkämpfe zeigen, draußen in der großen Welt und drinnen in der kleinsten Kommune. Die­ser Tage erzählte mir ein Pfarrer von den Ein­drücken, die er auf den Kriegerfriedhöfen in Frankreich gehabt hat. Er kam soeben zurück und war noch ganz ergriffen von allem. Man hat die Toten auf einige Friedhöfe zusammen­gelegt, und so sprach er von einem, auf dem 40 0Ö0 schlummern, ein Wald, ein unübersehbarer, von Kreuzen. Man sorgt für diese Friedhöfe, und es haben einzelne Städte bei uns die Paten­schaft für diesen und jenen übernommen, ffiie schön, daß man das tut! Es erfüllen diese Fried­höfe mehr als alle andern Bemühungen die Mis­sion des Friedens. Man wird innerlich ganz still bei dem Schweigen so vieler Toten. Und eben

diese Stille, tn der die Leidenschaften sich klären, erhebt einen über die Hitze der täglichen Gefechte. Wenn man dann im Banne eines Totenmales für die Gefallenen eine überschneidige Stimme, ein mißverstandenes Schillerwort von der nichtswür­digen Nation deklarieren hört, so entrüstet man sich nicht mehr, sondern lächelt wehmütig. Wenn ich bei uns die Umzüge kriegerischer Leute sehe, ich denke jetzt immer an den Riesenfriedhos von Verdun.

Ja, hier ist ein ernstes Kapitel. Mancherlei deutet darauf hin, daß unsere wirtschaftliche Lage vor Krisen steht. Da bildet sich denn leicht eine Stimmung, die zu gewaltsamen Aendeningen der Verhältnisse drängt. In irgendeiner Stadt sah ich neulich, wie da in kurzen Zeiträumen hinter­einander mit Musik und Trommeln Hakenkreuzler, Kommunisten und andere vorbeizogen. Eine Gruppe war dabei, der Polizei vorausritt und Polizei folgte, weil es sonst unfehlbar zu Schlä- gereien gekommen wäre. Es war mehr Polizei dabei, als Mannschaft im Zuge selbst. Wozu das alles? Wohin führt es? Glaubt man, mit Ge­walttätigkeit irgendetwas ausrichten zu können? Hat man noch nicht genug von dem Grauen, das kein Ende nehmen will? In China, so erzählte mir kürzlich ein Missionar, gibt es Gegenden, in denen man kein Kind aus dem Waisenhaus auf die Straße lassen darf, sonst wird es sofort ver­speist von den Menschen, die in der Hungersnot zu Kannibalen geworden sind. Das hat der end­lose Krieg in China angerichtet. Schenkte uns doch die Vorsehung eine starke Regierung, die mit unerbittlicher Strenge das durchifichrte, was ,|u unferm Heile dient!

Man sollte es wirklich nicht dulden, daß jetzt Gelder hinausgeworfen werden für reine, ganz unproduktive Luxusbauten. Wie kann man es verantworten, nunmehr in Berlin, um nur das zu erwähnen, den Tanzpalast der Zweitausend zu bauen! Man spricht von märchenhaften Teppi­chen, fabelhaften Küchenanlagen, Rohrpostanlagen, Aufzügen mit Klubsesseln darin. Man rechnet, daß 700 000 Berliner dort im Jahre eine Stätte für ihr Iazzbein finden sollten. „Femina" nennt sich das Haus, das mit den zweifelhaftesten Schi­kanen versehen werden soll. Wozu das alles? Und in dieser Zeit? Hier muß wirklich eine starke Hand eingreifen, sonst gehen wir zu Grunde.

Bei solcher Lage der Dinge freut man sich be­sonders, wenn man auch einmal etwas Gutes von unferem JBolfe hört und lieft. Da hat Colin Roß ein Buch geschrieben, das den Titel fuhrt: Europa auf der Waage. Es soll hier über dieses Buch nichts Weiteres gesagt werben, müßte man doch viel gegen seine philosophischen und morali­schen Grundbegriffe einwenden. Aber dieser Mann, der zwei Jahrzehnte lang die Welt bereift hat, erzählt, wie sehr der Deutsche da draußen wieder geachtet wird, namentlich bei den Farbi­gen. Er sagt: „Wer als Deutscher viel in den Gebieten farbiger Rassen gereift ist, weiß die Vor­teile wohl zu würdigen, die ihm aus feiner Na­tionalität erwachsen. Ich habe verschiedene schwie­rige Reisen gemacht, die ein Engländer, Franzose

oder selbst Amerikaner nicht Io ungefährdet hätte durchführen können. Selbst in den Ländern, in denen eine fremde Flagge weht, wie in Indien, spürt man doch immer wieder, wie die unterge­ordneten einheimischen Organe alles tun, um sich hilfsbereit zu zeigen und ihre Sympathie zu er­weisen. Unsere Kaufleute und Exporteure ver­stehen auch — ohne ein großes Geschrei darum zu machen —, diese Vorteile sehr wohl in klin­gende Münze umzusetzen. Den erstauimch raschen Aufstieg, den der deutsche Handel in Ostasien nach dem Kriege wieder genommen hat, verdankt er nicht zum'mindesten dieser einzigartigen Stellung des Deut! i Reiches." (Daß es nämlich seiner Kolonien beraubt worden ist.)

Nun noch etwas Komisches zum Schluß, was man auch weglassen kann, wie ich gleich bemerke. Es handelt sich nämlich um Ludendorffs Werk über das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende. Mathilde Ludendorff hat mitgearbeitet, und so ist ein edler Wettkampf um die größere Leistung der Phantasie entstanden. Vorn schwar­zen Papst ist da die Rede, nämlich dem General der Jesuiten, den seine Untertanen anzubeten ha­ben. (Ob hier verdrängte Komplexe eines deut­schen Generals im Spiele sind?) Einen so grau­samen Unsinn, wie er hier zusammengetragen ist von einer überhitzten Phantasie, wird man nicht leicht wieder beisammen finden. Man sagt, daß nach dem Trojanischen Krieg einer der besten Hel­den den Verstand verloren habe, daher der „ra­sende Ajax". So mag es auch im Weltkrieg der einen oder andern Exzellenz gegangen sein, die dann weiter als der rasende Ajax in der Geschichte

figuriert. Uebrigens >eid vorsichtig, ihr Ledcrk- tionen, im Abdruck dieser Notiz. Dem „Layri­schen Kurier" ist dem Vernehmen nach, als dort Ludendorff zurschtgewiesen wurde, ein Briesiein zugegangen folgenden Inhalts: „Sie hetzen gegen unfern großen preußischen Führer, Exzellenz Lu- dendorff. Das wird ihnen noch in diesem Iayr mit einer kleinen Bombe heimgezahlt. Der dazu Auserwählte. Mögen alle ultramontanen bagrt« scheu Schweine verrecken Das walte Gott. Hoch Deutschland, hoch Preußen! Hoch die Monarchie!

. . . Hoch der rasende Ajax! ... Ich warne. Für Schadenersatzansprüche komme ich nicht auf.

Der Mann im Monde.

Wie wird das Wetter?

Ein schwacher Ausläufer der tief über Skandinavien liegenden Zyklone verursachte am Freitag in Mittel­europa noch überwiegend trüben Himmel und vielfach Niederschläge bei milden Temperaturen. Nunmehr bringt aber kalte Luft vom Polarmeer her, wo bereits Tempe­raturen von 10 Grad Kälte auftreten, energifch südwärts vor. Dieser Kaltlufteinbruch, der Freitagabend an der deutschen Küste bereits kräftige, teilweise mit Gewittern auftretende Schauern brachte, wird am Samstag auch unser Gebiet erreichen. Auch bei uns können in dem da­bei entstehenden Hochdruckkeil bei klarem Himmel vor­übexgehend Frosttemperaturen eintreten, doch ist die Ge> samt-Wetterlage noch unverändert und später neue Trü bung, Niederschläge und Erwärmung wahrscheinlich.

Witterungsaussichten für Sonntag: Nach kalter Nacht wieder wärmer, zunehmende Trübung und später Regenneigung.

Eine Skresemann-Skratze in Berlin.

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Die Königgrätzer Straße üi Berlin

toirb laut Magistratsbeschluß von nun ab den Namen des verstorbenen Reichsaußenministers tragen.

Ein slurmbewegkes Leben.

Nach dem Tagebuche eines Jugendfreundes erzählt von Peter Selig.

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Der Steuermann versprach, alles genau nach dem Willen seines Vorgesetzten zu besorgen, drückte dem Kranken noch einmal die Hand und eilte hinauf, wo er sah, daß seine Anwesenheit hier dringend nötig war. Schnell verständigte er die junge Frau von dem Wunsch ihres Mannes, sie bei sich zu sehen und gab dann un­verzüglich die Befehle zu den Vorbereitungen, die bei dem Herannahen eines Sturmes zu treffen sind. Als die Gattin des Kapitäns die Kajütentreppe hinabstieg, fing der Steuermann noch einen Blick des in der Nähe stehenden Spaniers auf, der mit funkelnden Augen der jugendlichen Gestalt nachfchaute, aber betroffen zusam- menfuhr, als er sich von seinem Vorgesetzten beobachtet sah. In diesem kochte die Wut und es zuckte ihm in den Gliedern, den Elenden seine Fäuste fühlen zu lassen, aber dafür war jetzt nicht die Zeit. Am westlichen Himmel ballten sich schwarzgelbe Wolken zusammen, die Vorboten des unheilvollen Taifuns. Schnell wurden die wenigen, noch stehenden Segel gerefft und alles lose Hängende oder Stehende festgebunden. Kaum war man damit fertig, da wälzte sich auch das Ungeheuer schon heran. Im Nu türmten sich riesige Schaumwellen auf und stürzten über das Schiff, das in allen Fugen krachte. Pfeifend und heulend brauste der Sturm durch die Ma­sten und Rauen, von denen zerrissene Seilfetzen herab­flatterten und zersplitterte Holzstücke auf das Deck her­untersausten. Dunkel und jchweselgelb jagten gespenstige Wolkengebilde tief über dcks Schiff hin. Dieses zitterte und bebte wie ein lebendes Wesen in den Klauen eines gräßlichen Untieres; sich aufbäumend stürzte es von hohen Wellenbergen hinab in grausige Abgründe der aufgewühlten See, die es jeden Augenblick zu verschlin­gen drohte. Aber immer wieder rang es sich empor, so daß es den an die Masten und Reeling klammernden Matrosen möglich war, wieder Atem zu schöpfen, der ihnen in dem unaebeuren Sturm und Wasserschwall

fast ausgegangen war. Wohl eine halbe Stunde dauerte der furchtbare Kampf des zerbrechlichen Menschenwerks mit den rasenden Naturgewalten, da ließ auf einmal der Sturm so plötzlich, wie er gekommen war, nach, der Himmel klärte sich auf, und nur die das ganze Meer bedeckenden Wellenberge erinnerten an das überstandene Unwetter. Der Schaden, den es auf dem Schiffe an­gerichtet hatte, war wohl schwer, indem es eines der bei­den Boote losgerissen und zerschmettert hatte, aber von der Mannschaft war niemand weggeschwemmt oder ernst­lich verletzt worden.

Kaum hatte der junge Schiffsführer sich überzeugt, daß vorläufig für das Schiff keine ernstliche Gefahr mehr zu besorgen sei, da eilte er hinunter nach der Wohnung des Kapitäns, um zu sehen, wie er und die junge Frau den Sturm überstanden haben. Auf sein Anklopfen ant­wortete niemand, und als er. Schlimmes ahnend, die Tür öffnete, da prallte er zum Tode erfchrocken zurück. Vor dem Bette lag in einer Blutlache der Kapitän tot und mit weit offenen Augen und neben ihm, auch einer Toten ähnlich, feine Frau. Das auf der Brust des To­ten hastende, augenscheinlich aus dem Munde hervor­gebrochene Blut ließ auf einen Schlaganfall schließen; die daneben liegende junge Frau war wohl vor Schrecken darüber in Ohnmacht gefallen. Rasch eilte der Steuer­mann die Treppe hinauf und holte den Bootsmann, den einzigen von der Mannschaft, dem er volles Ver­trauen schenken konnte. Sie legten den toten Kapitän auf fein Bett und deckten ihn mit einem Tuch zu, um der jungen Frau bei ihrem Erwachen den grausigen An­blick zu ersparen. Dann nahmen sie aus der in der Ecke stehenden Schiffsapotheke einige anregende Mit­tel, durch deren Anwendung die Frau in kurzer Zeit wieder zum Bewußtsein kam. Als sie die Augen auf­schlug und sich umschaute, fiel ihr Blick auf die zuge­deckte Leiche ihres Mannes. Krampfhaft schluchzend wollte sie daraus zueilen, aber mit sanfter Gewalt hielt sie der Steuermann zurück mit den Worten: „Lassen Sie ihn ruhen, gnädige Frau; er hat den Frieden gesunden, der ihm im Leben versagt war. Ich werde, wie er es mir übertragen hat, das Schiss zu seinem Ziele weiter­führen und Sie ungefährdet dahin bringen, wo Sie fernerhin au bleiben roünfcben. Erholen Sie sich zunächst

in Ihrer Kabine etwas von dem ausgestandenen Schrecken. Ich werde jetzt an Deck das Nötigste anord­nen und dann zurückkehren, um Ihre Befehle entgegen­zunehmen. Sie, Bootsmann, gehen inzwischen in den Raum und sehen nach, ob dort noch alles in Ordnung ist. Das weitere können wir bann oben besprechen."

Als er an Deck kam, ftanben bie Matrosen in einer Gruppe zusammen und schienen gar nicht erstaunt, als er ihnen den Tod des Kapitäns bekannt machte und hinzufügte, daß ihm dieser vor seinem Ende den Befehl über bas Schiff übertragen habe. Sie hatten es schon von dem Spanier erfahren, ber heimlich bem Bootsmann nach ber Kajüte bes Kapitäns gefolgt war, unb dort vor der Türe stehenb, bie Sachlage erfaßt hatte. Finster und schweigend nahmen sie die Nachricht des Steuer­manns entgegen, ber aus ihrem ganzen Gebühren schlie­ßen konnte, baß bie Stimmung gegen ihn keine günstige war. Er war schon von Anfang der Fahrt an wegen seiner strengen Disziplin bei der Mannschaft nicht be­liebt; auch während der Zeit, als er für den kranken Kapitän das Schiff befehligte, waren verschiedene Un­botmäßigkeiten vorgekommen, bei denen fast immer der Spanier beteiligt war. Nun kam noch hinzu, daß er von diesem rabiaten Menschen Besorgnisse für bie Sicherheit der Frau bes Kapitäns hegen mußte, benn das Gespräch, das diese ungewollt belauscht hatte, und von dem der Kapitän vor seinem Tode sprach, konnte sich nur auf sie bezogen haben. Er nahm sich aber vor, mit eiserner Faust durchzugreifen, und wenn es sein müßte, sein Leben daran zu setzen, um jede Gefahr von der seinem Schutz Empfohlenen abzüwenden. Scharf und klar schallten seine Kommandos über das Schiff hin, um zunächst dieses wieder in seetüchtigen Zustand zu setzen. Mit einer auffallenden Lässigkeit gingen die Leute an die Arbeit, hielten aber sofort ein und schauten nach dem Schiffsführer hinüber, als diesem der eben aus ber Luke auftauchende Bootsmann leise eine Meldung machte. Starr blickte jeder den Untergebenen an; die Worte hatten gelautet: „Das Schiff ist leck, es macht bedeutend Wasser." Dann aber richtete er sich straff auf, und wie klingender Stahl fuhr der Befehl über das Deck: „Alle Mann an bie Pumpen!" Einen Moment lang schauten die Matrosen erschreckt nach der Som-

mandobrücke hin, benn sie wußten, was ber Befehl zu bebeuten habe. Dann aber stürzten sie an bie Pum- pen unb arbeiteten wie wahnsinnig, sobaß halb starke Wasserstrahlen sich aus bem Schiff ins Meer ergossen.

Der Schiffsführer ließ nun ben Bootsmann feinen Po- ften einnehmen und eilte hinunter in den Raum, um die Gefahr selbst in Augenschein zu nehmen. Da sah er nun, daß diese größer war, als er gedacht hatte. Das Wasser stand schon hoch im Kielraum und hatte beinahe den Bo- den erreicht, auf bem bie Waren verstaut waren. Wenn bas Leck nicht gefunden und gedichtet werden konnte, war es klar, daß sich das Schiff feinen Tag mehr über Wasser halten konnte. Aber das Suchen und Finden ber schad- haften Stelle war fast unmöglich; ber weite Raum unb bas tiefe Wasser im Raum würben alle Anstrengungen zunichte machen. Auch bas unablässige Pumpen ber Mannschaft schien wirkungslos zu fein; es war nicht die geringste Abnahme des Wassers zu bemerken. Doch durften die Leute nichts davon wissen, da sonst eine Panik zu befürchten war, deren Folgen verhängnisvoll werden konnte. Die Sorge um das gefährdete eigene Leben löst naturnotwendig alle menschlichen Bande: der Mensch wird dann manchmal fast zum Tier und folgt blindlings seinen Trieben, auch wenn sie für ihn bas sichere Verderben bebeuten. Der Steuermann war sich im Augenblick barüber klar, daß er sich in einer äußerst gefährlichen Lage befanb, bie seine ganze Energie und Geistesgegenwart erforderte. Er hatte nicht nur mit dem drohenden Verhängnis des Schiffsunterganges, son- dern auch mit der Meuterei der Mannschaft zu rechnen. Was würde geschehen, wenn es den zweifelhaften Ele­menten unter ihnen gelingen sollte, auch die anderen dazu zu bringen, ihm ben Gehorsam zu versagen? Es war nicht sowohl bie Sorge um seine eigene Person, als vielmehr bas Schicksal ber Frau, beren Schutz er über- nommen und bie ihm nach ben neuen Ereignissen viel näher ftanb, als er es sich bisher gestehen wollte. Nun, da sie durch kein anderes Band mehr gefesselt war, er­schien sie ihm in einem ganz neuen Lichte. Ihre herr­liche Gestalt, ihre sanften Augen unb ihr sprechender Blick, der manchmal wie sehnend auf ihm geruht hatte, traten mit einem Male grell bet ihm in Erinnerung.

(Fortsetzung folgt)