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Samstag, den 12. Ottobev 1929.

Fuldaer Zeitung

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3. Blatt.

Druck der Fuldaer Acliendructsrei, Fulda.

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Konkordat und Schule.

Von Joseph Glanz, Bonn.

Wenn die deutschen Katholiken erwartet hat« ;en, daß mit dem Abschluß des Konkordates ;mi- chen dem preußischen Staate und dem römischen Stuhle und der Bekanntgabe seiner Bestimmungen Die leidenschaftlichen Kämpfe gegen Kircye und Kon­kordat ein Ende finden würden, so sollten sie sich in dieser Hoffnung bald getäuscht sehen. Es hatte sie peinlich berührt, daß die christliche Rechte im Landtag, die doch zuerst mitberufen war, den Ein­fluß der christlichen Weltanschauung aus das deutsche Volks- und Geistesleben zu verstärken, den Vertrag Preußens mit der katholischen Kirche ab­lehnte und dieser nur durch die Toleranz der im Höchstfälle „religiös-neutralen" Linken, die sicher­lich mehr der Unentbehrlichkeit des Zentrums in al­len politischen Fragen als dem freudigen Bejahen der Kräfte katholischer Weltanschauung Rechnung trug, zustande kommen konnte. Trotzdem dürften die Katholiken sich freuen, daß doch endlich nach langjährigen schwierigen Verhandlungen das Kon­kordat zum Abschluß kam. Sie teilten ja die Ueberzeugung des hochverdienten Apostolischen Nuntius Pacelli, daß dieser Vertrag, der zwar nicht alle ihre Wünsche erfüllte, doch durch seine Siche­rung der religiösen Freiheit zum Besten der katho- lischen Kirche Deutschlands und des ganzen deut­schen Volkes und zu einem friedlichen und freund­schaftlichen Verhältnis zwischen Kirche und Staat führen würde.

Um so bedauerlicher ist es, daß einmal der Evangelische Bund, der jahrelang gegen das Zu­standekommen eines Konkordates durch seins Un- terschriftensammlung gearbeitet hatte, nach dem Abschluß des Vertrages es als seine Aufgabe be­zeichnete, mit aller Sorgfalt und Achtsamkeit seine Ausführung und Auswirkungen von deutsch-evan­gelischer Warte aus zu überwachen. Er mag bei dieser Erklärung vergessen haben, daß das Konkor­dat nur Angelegenheiten und Aufgaben der katho­lischen Kirche regelt und nicht Kampf der Konfes- sionen, sondern der Friede unter ihnen fein Ziel ist. Für das christliche Deutschland wäre es doch wahrhaftig sicher besser, wenn der evangelische Bund mit den katholischen Kräften einträchtig dem Einbruch liberaler und religiös-feindlicher Mächte in die christliche Kulturfront entgegenwirkte. Wei­ter dauert auch der Kampf der liberalen deutschen Lehrervereine gegen das Konkordat fort. In einer Unmenge von Entschließungen, die an die gesetz­gebenden Körperschaften des Reiches und Preu­ßens gerichtet waren, hatten sie erklärt, ihre Zu­stimmung jedem Konkordat verweigern zu müssen, das durch Behandlung von Schulfragen die staat­liche Schulhoheit preisgäbe. Obwohl das zustande- gekommene Konkordat keine Schulbestimmungen enthält — eine parlamentarische Mehrheit wäre für ein auch die Schule regelndes Konkordat nicht zu erreichen gewesen, schreibt der preußische Mini- sterpräsident in seiner Antwort auf den Brief des Apostol. Nuntius Pacelli (vgl. Germania 13, 9. 29, Nr. 426) — wandte sich der Allgemeine Deutsche Lehrerverein und der Preußische Lehrerverein doch gegen den abgeschlossenen Vertrag.

„Die unterzeichneten Verbände stellen fest, daß In dem jetzt vorliegenden Vertrag zwar Bestim­mungen über die Schule nicht ausdrücklich enthal­ten sind, daß aber trotzdem die Schule durch zahl­reiche Bestimmungen unmittelbar und mittelbar st a r k getroffen ist.

Der erste Artikel, in dem der Staat der Frei­heit der Ausübung der katholischen Religion den gesetzlichen Schutz gewährleistet, bietet der katho­lischen Kirche rechtlich die Möglichkeit, unter Be­rufung auf das kanonische Recht auch die Schule, und zwar sowohl nach ihrem Geiste wie in ihrer äußeren Einrichtung, und die Lehrerbildung zu be­einflussen. Artikel 9 und 10 machen es möglich, daß zukünftigen Geistlichen, die ihre Ausbildung auf rein kirchlichen Anstalten ober auf außerdeut­schen Hochschulen erhalten, eine Einführung in das deutsche Kulturgut vorenthalten wird. Es bedeu­tet für das deutsche Bildungswesen eine schwere Gefahr, wenn so vorgebildete Geistliche als Reli­gionslehrer oder als geborene Mitglieder der Schulvorstände tätig sind und in dieser doppelten Eigenschaft einen überaus starken Einfluß geltend machen können.

Die Bestimmungen über die katholischen Fakul- fäten bedeuten den Anfang einer Klerikalisierung

der Hochschule, die auch auf alle übrigen Schulen verhängnisvoll wirken muß.

Der Deutsche Lehrerverein und der Preußische Lehrerverein müssen deshalb von ihrem Stand­punkt aus auch den vorliegenden Vertrag ableh­nen." („Kölnische Zeitung", 8. 7. 28, Nr. 367).

Im einzelnen auf diese Angriffe einzugehen, erübrigt sich. Wir haben nach der bisherigen Stel­lung der liberalen Lehrervereine von ihnen nichts anderes zu erwarten. Daß die Schulfrage in Art. 1 des Konkordates nicht behandelt ist, ergibt sich einmal aus der Erklärung der preußischen Regie­rung, zum weiteren aus dem Brief des Nuntius Pacelli an den preußischen Ministerpräsidenten Braun, in dem der Heilige Stuhl ausdrücklich be­dauert, daß in dem Vertrag keine Regelung der Schulfrage enthalten ist.

„Seine Heiligkeit bedauert jedoch, daß der der preußischen Volksvertretung vorgelegte Vertrag im Gegensatz zu den wiederholt und nachdrücklich gel­tend gemachten Forderungen des Heiligen Stuhles, die dieser aus grundsätzlichen Erwägungen zu er­heben sich veranlaßt sah, keine Regelung der Schulfrage enthält .... Wenn trotzdem der Hei­lige Stuhl sich entschlossen hat, daraufhin die Konkordatsverhandlungen nicht abzubrechen, so tat er dies lediglich mit Rücksicht auf die von feiten der preußischen Regierung im Laufe der Verhand­lungen erfolgte Zurückstellung erheblicher Forde­rungen. Vor allem aus dem ernsten Wunsche, den Katholiken Preußens die übrigen aus dem Konkor­dat sich ergebenden Rechtswirkungen und Siche­rungen ihrer religiösen Freiheit, sowie dessen gün­stige Auswirkungen auf ein geordnetes Verhält­nis zwischen Kirche und Staat nicht zu gefährden. Er vermag indes nicht davon abzusehen, daß diese feine. Stellungnahme niemals als Verzicht auf die Grundsätze gedeutet werden darf, die ihn zu der Forderung veranlaßt hatten, daß nämlich, wie in den anderen Konkordaten der neuesten Zeit, so auch in der feierlichen Uebereinkunft mit Preußen die Schulfrage mit einbegriffen werde." (Acta apo- stolicae Sedrs XXL (1929) Rum. 11. S. 536 ff.).

Die liberalen Lehrervereine, die liberale und sozialistische Presse haben entgegen den Bemühun­gen des Heiligen Stuhles die Ausschaltung der Schulfrage aus dem preußischen Konkordat erreicht. Die deutschen Katholiken haben aber darum noch lange nicht auf eine ihrer Gewissensüberzeugung entsprechenden Regelung der Schulfrage verzichtet und werden das nie tun. Das beweist zur Ge­nüge ein Brief des Führers des deutschen Zen- trums, des Prälaten Dr. Kaas an den Apostoli­schen Nuntius:

„Mag auch der Ausfall einer ausdrücklichen Re­gelung der Schulfrage als schmerzliche Lücke emp­funden werden — der von Ew. Exzellenz mit dem Herrn preußischen Ministerpräsidenten ausge- taufchte Notenwechsel läßt mit aller wünschens­werten Deutlichkeit in Erscheinung treten, daß das Fehlen einer folchen Regelung für den Heiligen Stuhl keinen Verzicht auf unveräußerliche Rechts­ansprüche darstellen kann. Anderseits darf ich Ew. Exzellenz die Versicherung geben, daß die in der deutschen Zentrumspartei zusammengeschlossenen Katholiken gerade auf diesem Gebiet mit verstärk­ter Energie darüber wachen werden, daß die re­ligiöse Seite der Schulfrage eine gesetzgeberische Regelung findet, die unseren kirchlichen Auffassun­gen gerecht wird. Es ist mir eine besondere Ge­nugtuung gewesen, daß es der deutschen Zentrums­partei in planvoller Arbeit gelungen ist, trotz au­ßerordentlicher Widerstände die parlamentarischen Voraussetzungen für das Zustandekommen des Konkordates zu schaffen. In demselben Geiste und mit derselben Energie werden wir auch in den schulpolitischen Kämpfen der Zukunft getreu un­serer Tradition der erzieherischen Mission der Kirche den Weg zu ebnen wissen." („Köln. Zei­tung 14. IX. 29. Nr. 503 b).

Die Ausgabe der deutschen Katholiken ist es, in den kommenden schulpolitischen Kämpfen die gefetzliche Regelung der Schulfrage herbeizuführen, die unseren Gewissensforderungen entspricht. All- reichskanzler Marx hat es in der großen Eltern­oersammlung der Kath. Schulorganisation auf dem Freiburger Katholikentag ausgesprochen, daß die Katholiken niemals die Schule nur als Veranstal­tung des Staates ansehen werden, daß es neben den berechtigten Ansprüchen des Staates auf die Schule auch Interessen der Eltern und der Kirche gibt. Gott sei Dank besteht seit dem Freiburger

Katholikentag die Hoffnung, daß sich die kultur­politische Front des deutschen Katholizismus wie­der enger zusammenschließen wird. Nur eine ge­schlossene kulturpolitische Front aller deutschen Ka­tholiken wird es fertig bringen, gegenüber der Stärke aller liberalen und sozialistischen Kreise, gegenüber allen religiös-neutralen und religiös- feindlichen Kulturorganisationen, die nur ein Recht des Staates auf die Schule anerkennen wollen, die unveräußerlichen Rechte der Eltern und der Kirche in Schulfragen zu schützen

* Zubkoff will Var-Mixer werden. Am Mitt­woch nachmittag erschien in der Paß-Abteilung der saarländischen Regierungskommission der ehemalige Gatte der Prinzessin Viktoria von Preußen — be­kanntlich die Schwester des Exkaisers Wilhelm II. — Alexander Zubkoff, und bat um eine Auf­

enthaltsgenehmigung für das Saargebiet. Als Aus­weis wies er neben seinem Pah einen luxemburgi­schen Ausweis vor. Außerdem hatte er eine Be­scheinigung in Händen, daß er i n e i n e r Saar­brücker Bar als Mixer angestellt wer­den sollte. Eine Entscheidung, ob Zubkoff der Auf­enthalt im Saargebiet gewährt werden soll, ist, nachdem er bereits aus Deutschland, Holland, Bel­gien, Frankreich und Luxemburg ausgewiesen wurde, noch nicht gefällt.

Technik und verkehr.

= Lieferung eines deutschen Riesenflugzeuges für Frankreich. Nach einer Mellmng der „Voss. Ztg." hat die französische Regierung den Rohrbach-Werken einen über Reparationskonto laufenden Auftrag auf ein Romar-Riesenflugzeug im Werte von einer Million Mark erteilt.

Die neue Rheinbrücke Düsseldorf-Aeutz.

Die neue, große Eisenbrücke.

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Am 12. Oktober wird die neue Rheinbrücke Düsseldorf-Reuß in Anwesenheit des Reichsver­kehrsministers Dr. Stegerwald und zahlreicher Ehrengäste eingeweiht. Die Brücke, die nach dem Entwurf des Dresdener Architekten Prof. Dr. Kreis gebaut wurde und ein Meisterstück moderner Eisentechnik ist, fchafft einen neuen wichtigen Rheinübergang, der besonders für den Autoverkehr von großer Bedeutung ist.

Abzug der Engländer ans Saarbrücken.

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Auf dem Marsch zum Bahnhof.

Das englische Kontingent des saarländischen Bahnschutzes hat Saarbrücken verlassen, gemäß dem Programm Hendersons: Am 30. Dezember kein Engländer mehr in Deutschland.

Ein slnrmbewegles Leben.

Rach dem Tagebuche eines Jugendfreundes erzählt von Peter Selig.

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IV.

Die Militärzeit unseres Freundes war nun beendet; er hatte den Seedienst praktisch gelernt. Aber seine wei­tere Ausbildung erforderte doch noch mehr Erfahrung. Er nahm deshalb Dienst als Matrose auf verschiedenen Seglern und Dampfern, und machte Fahrten nach den meisten europäischen Häfen und nach Amerika. Aber er kam dabei auch zu der Ueberzeugung, daß zu einem tüchtigen Seemann noch mehr gehört, als das, was er bis jetzt gelernt hatte. Er besuchte deshalb die Steuer­mannschule in Hamburg und nach einem Jahr legte er die erste Prüfung ab. Nun trat er als Steuermann bei einer Reederei in einer großen deutschen Seestadt ein. Die Firma hatte bedeutenden Frachtoerkehr nach Indien und Ostasien, also den Ländern, die er von seiner großen Fahrt her kannte. Das Schiff freilich, auf dem er nun seine erste verantwortungsvolle Stelle bekleidete, hätte er sich vielleicht etwas anders gewünscht. Die „Margareta" war ein schon ziemlich alter Segler, der wohl seine be­ten Zeiten hinter sich hatte; aber die Bedingungen waren iür ihn so günstig, daß andere Bedenken dagegen nicht ins Gewicht fielen. Der Kapitän war Miteigentümer des Schiffes; aber trotzdem er allem Anschein nach ein kranker Mann war, übernahm er doch die Führung selbst; doch hatte er den Steuermann im voraus daraus aufmerksam gemacht, daß er ihn wohl öfters auf der Kommandobrücke vertreten müsse. Das war nun für den jungen Mann gerade ein Grund ,die Stelle zu überneh­men ,da ihm damit Gelegenheit geboten war, seine Kennt­nisse praktisch zu verwerten und ihm angeborene Energie 3Ur Entfaltung zu bringen.

Die Ladung des Schiffes bestand aus deutschen Jn- dustrieerzeugnissen, Webwaren, Emaillegeschirr usw. und »ar in der Hauptsache nach Indien und China bestimmt. Nutzer dem Kapitän, dem Steuermann und 12 Mann Besatzung war nur ein einziger Passagier an Bord, die junge Frau des Schiffsführers, die er erst kurze Zeit vor der Abfahrt geheiratet batte.

Es war ein schönes, lebensfrohes Weib, das dem viel älteren und offensichtlich morschen Mann wohl nur des­halb in die Ehe gefolgt war, um eine gute, sichere Lebens­versorgung zu haben. Sie hatte eine gute Erziehung genossen, aber innerhalb eines Jahres beide Eltern ver­loren. Der Vater war auch Schiffskapitän gewesen, hatte durch eine unglückliche Spekulation fein ganzes Vermögen eingebüßt und sich aus Gram darüber erschossen. Die Muller verfiel in Irrsinn und starb kurze Zeit darauf, nachdem sich ihr Gatte den Tod gegeben hatte. Um nun seine junge Frau nicht allein schutzlos in der großen Stadt zurücklassen zu müssen, nahm sie der Kapitän auf der großen Reise mit. Sie wußte ja, daß sie auf der langen Fahrt keine besonderen Annehmlichkeiten haben werde, aber sie folgte ihm doch gern auf das Schiff, weil sie sah ,wie ihr Mann ihr mit aufrichtiger Liebe anhing und ihr jeden Wunsch erfüllte, den er ihr an den Augen anfehen konnte. Sie vergalt feine zarte Sorgfalt auch durch freundliches Wesen und dankbare Hingebung; aber der Abstand zwischen den beiden Naturen war doch zu groß, als daß sich ein wirklich inniges Eheverhältnis hätte herausbilden können.

Und so lag sie bei ruhigem Wetter meist träumend, oder in einem Buch lesend, unter dem Sonnenfegei, zu­weilen wie müde und mit verschleierten Blicken die große Wasserfläche überschauend. Wenn sie aber den schmucken Steuermann die Treppe heraufkommen ober über das Deck dahinschreiten sah, da leuchtete es wohl verstohlen in ihren Augen auf; fein trauter, aber doch ehrerbietiger Gruß zauberte Hellen Sonnenschein in ihr Gesicht, und das verräterische Rot, das dann jäh in ihre Wangen stieg, verriet herzliche Sympathie für den jugenbträftigen Seemann. Der aber, obwohl heißes Leben in feinen Adern pulsierte, vermied es ängstlich, durch Wort und Blick mehr Entgegenkommen zu zeigen, als es ihm das Gebot der Höflichkeit gegen die Frau feines Vorgesetzten erlaubte. Er war eine zu ehrliche, charakterfeste Natur, als daß er es hätte über sich brin­gen können, das Vertrauen feines Kapitäns, der ihn sehr hochschätzte, zu täuschen und ein unerlaubtes Ver­hältnis mit feiner Frau zu beginnen. Aber das wurde ihm im Verlaufe der langen Fahrt reichlich schwer. Der Gesundheitszustand des Kapitäns verschlechterte sich immer mehr, fodaß er fast gar nicht mehr auf der Kom­mandobrücke erscheinen konnte und dem Steuermann

fast allein die Führung des Schiffes überlassen mußte. Das Fieber wich schließlich trotz aller angewandten Ge­genmittel nicht mehr von ihm, und seine Kräfte nahmen sichtlich ab. Der Kranke schien sich selbst auch über den Ernst der Lage klar zu fein, verbarg es aber sorgfältig seiner Frau gegenüber, um sie nicht zu beunruhigen. Diese erkannte aber ebenfalls, daß er schlimmer krank fei, als er zeigen wollte und vergalt ihm feine scho­nende Sorgfalt mit doppelter Liebe und Hingebung. Sie vermied es auch, feit die Krankheit ihres Mannes die Wendung zum Schlimmeren zu nehmen schien, mit dem jungen Steuermann allein zusammenzutrcffen und ver­ließ meist sofort die Kabine, wenn er tarn, um mit dem Kapitän dienstliche Angelegenheiten zu besprechen. Sie wollte jeden Anlaß vermeiden, ihrem Gatten seine trau­rige Lage noch mehr fühlbar zu machen, und das wäre geschehen, wenn er aus ihrem Verhalten dem jungen Manne gegenüber hätte schließen können, daß er ihr nicht gleichgültig sei.

So mar das Schiff bis in die Nähe von Hinterindien gekommen, in einen Meeresteil, der als gefährlicheSturm- zone allen Schiffern bekannt ist. Es ist das Gebiet der berüchtigten „Taifuns", die schon vielen Tausenden von Fahrzeugen und Menschen ein nasses Grad bereitet haben.

Es war an einem schwülen Abend nach einem glü­hend heißen Tage, als der Kapitän den Steuermann rufen ließ, um ihm einige wichtige Mitteilungen zu machen. Seine Frau hatte er auf Deck geschickt, damit sie sich etwas von den Anstrengungen des Tages, an dem sie fast nicht feine Kabine verlassen hatte, erholen sollte.

„Mein lieber 58.", begann er, „ich fühle, daß es bald mit mir zu Ende geht. Ich dachte noch diese Fahrt voll­enden zu können ,aber es soll nicht fein. Ich werde Ihnen jetzt eine Vollmacht geben, die Sie als Führer des Schiffes bestätigt und Sie werden alles tun, was bisher zu meinen Obliegenheiten gehört. Ich habe zu Ihrer Ehrenhaftigkeit das Vertrauen,, daß Sie alles in meinem Sinne ausführen und insbesondere auch meiner Frau als treuer Berater und Beschützer zur Seite stehen. Das arme, liebe Ding hat noch keine Ahnung von der ernsten Zeit, die ihr bevorsteht. Ich habe ihre Zukunft

sichergestellt und ihr mein Vermögen vermacht, das in einem Drittel des Wertes von diesem Schiffe besteht. Die beiden anderen Teile gehören meinen zwei Brü­dern, die als Kaufleute in Hamburg wohnen. Sie wer­den ihr meinen Anteil streitig zu machen suchen, da sie mit meiner Heirat nicht einverstanden waren und sie mit allen Mitteln zu hintertreiben suchten. Ich habe hier in einem Testament meinen letzten Willen nieder­gelegt, das die Rechte meiner Frau sicherstem. Sie sollen es mit unterschreiben, da sonst keine Amtsperson vorhanden ist und müssen es später mit ihrem Eide be­zeugen, daß es so mein Wille gewesen ist, falls meine Brüder die Gültigkeit des Schriftstückes anfechten woll­ten. Legen Sie es bann zu den Schiffspapieren, die dort in der eisenbeschlagenen Truhe eingeschlossen sind. Den Schlüflel legen Sie mir unter mein Kopfkissen, falls mir etwa plötzlich und unverhofft etwas Menschliches zustoßen sollte. Und dann noch eins. Halten Sie genau die Mannschaft und besonders den Spanier im Auge. Meine Frau hat mir vor eine Stunde erzählt, daß sie ungewollt oben auf Deck eine Unterredung des Süd­länders mit einem anderen Matrosen belauscht hat, aus der hervorging, daß sie einen Schurkenstreich ausführen wollen. Sie sprachen von einer Entführung, die im nächsten Hafen ins Werk gesetzt werden solle. O, wenn ich wüßte, daß sie es auf das Liebste abgesehen hätten, was ich bis jetzt auf Erden hatte, ich würde die letzte Kraft daran fetzen, um die Schufte zu zermalmen. Aber so, wie jetzt die Verhältnisse liegen, tgnn man sie nicht fassen und bestrafen, weil ihnen noch nichts nachzuweifen ist. Für Sie, lieber 58., aber genügt der Fingerzeig, um zu wissen, was Sie zu tun haben. Wachen Sie über meine Frau und wenn Sie nach meinem Tode viel­leicht noch in ein engeres Verhältnis zu ihr treten könn­ten, so märe das eine Beruhigung für mich, die mir das Sterben leichter macht."

Er hatte die letzten Worte mit sichtlicher Anstrengung hervorgebracht und sank nun erschöpft zurück, mehr einem Toten als einem Lebenden ähnlich. Doch plötz- lich fuhr er empor, faßte die Hand des vor ihm Stehen­den und sagte hastig: „Nun gehen Sie nach oben und geleiten Sie meine Frau herunter. Ich fühle in mei­nen Gliedern, daß ein schwerer Sturm im Anzuge ist."

(Fortsetzung folgt.)