ft. 213.
Samstag, den 14 September 1929.
Fuldaer Zeitung
M christliche Arbeiterbewegung als Trager desAorkschrillsunb des allgemeinenWohles
Eine Studie über das wesen der
Don einem, feit Jahrzehnten in der christlichen
Am kommenden Sonntag beginnt in Frankfurt am Main der 12. Kongreß der christlichen Gewerkschaften Deutschlands, dessen Beratungen vom 15. bis zum 18. September 1929 dauern. Er erhält schon um derentwillen eine besondere Note, als in diesem Jahre die christlichen Gewerkschaften ihr 30jähriges Bestehen feiern. Reichsminister a. D. Johannes Gies- berts, der in der Bewegung von Anfang an aktiv mittätig war, wird aus diesem Anlasse einleitend über: „Die christlichen Gewerkschaften und das deutsche Volk" sprechen.
Die Sozialdemokratie wittert Morgenlust! Sie glaubt die Zeit gekommen zu einer vermehrten Werbung unter der katholischenArbeiter- schäft, aus der sich die Kräfte lösen zu einer Neu- sormung von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat. Der innerparteiliche Gegensatz, der sich eine zeitlang innerhalb des Zentrums zeigte, sollten Mittel und Zweck für die Sozialdemokratie sein, die katholische Arbeiterschaft ins sozialistische Lager hin- überzuführen. War der, übrigens jetzt vollkommen überwundene Anlaß wichtig genug, um eine Abwanderung katholischer Arbeiter zu rechtfertigen, und ist die Sozialdemokratie wirklich die Partei, die fähig und geeignet ist, dem christlichen Volke überhaupt eine politische Heimstatt bieten zu können? Wer die politische Entwicklung des letztvergangenen Jahrhundert, und das Entstehen und Wirken der Sozialdemokratie kennt, wird dies verneinen.
Unabhängig von der parteipolitischen Entwicklung erstand aus der Wirtschafts- und Gewissensnot christlicher Arbeiter die christliche Gewerkschaftsbewegung. Sie war nie nach irgendeiner Partei hin einseitig festgelegt, und ebenso, wie sich ihre Mitglieder interkonfessionell aus Bekenner» der christlichen Konfessionen zusammensetzten, ebenso waren sie auch in den nichtsozialistischen Parteien vom Zentrum bis zu den Konservativen hin vertreten. Im Gegensatz zu den sogenannten „freien" Gewerkschaften, die parteipolitisch voll und ganz auf dem Boden des politischen Sozialismus, der Sozialdemokratie standen, und sich als deren Rekrutenschulen und Kampftruppen bezeichneten. Man lese nur die Kongreßberichte der „freien" Gewerkschaften in den letztvergangenen vier Jahrzehnten durch, und man wird finden, wie auf all diesen Tagungen immer und immer wieder die Verbundenheit zwischen „freien" Gewerkschaften und Sozialdemokratie in die Erscheinung tritt, so stark, daß es auf dem Kölner Gewerkkongreß im Jahre 1905 zu dem offenen Bekenntnis des Kongreßvorsitzenden, Reichstagsabgeordneten Börnrnel- burg-Dortmund kommt: Partei und Gewerkschaften sind eins.
Wo ist demgegenüber ein solches Bekenntnis christlicher Gewerkschaftsführer nach einer bestimmten Parteirichtung hin zu finden, das jemals auf einem gewerkschaftlichen Kongreß gefallen märe? Das war und ist einfach unmöglich! Es entspricht ganz der alten Taktik der Sozialdemokratie, die christlichen Gewerkschaften als Zentrumsgewerkschaften zu bezeichnen. Immer wieder sucht sie aus parteilichen Differenzen, die zwischen christlichen Gewerkschaftlern, die politisch sich zum Zentrum zählen, und ihrer Partei bestanden haben oder bestehen, vermehrte Werbekraft für ihre eigene Sache herzuleiten. Der Streit auf der Kölner Parteitagung berührte im Grunde genommen die christlichen Gewerkschaften als Wirtschaftsorganisationen nicht! Es war eine parteipolitische Angelegenheit, die nur die Zentrumspartei anging, und die die christlichen Gewerkschaften lediglich dann in stäir- kerem Maße in Anspruch hätte nehmen können, wenn eine direkte politische Aktion sich als notwendig erwiesen hätte. Wobei fernerhin zu berücksichtigen ist, daß die Mitglieder der christlichen Gewerkschaften bei den Deutschnationalen sowohl als auch bei der Deutschen Volkspartei zu finden, und durch Abgeordnete gleichfalls vertreten sind. Die gewerkschaftlich-organisierte Arbeitnehmerschaft int Zentrum weiß sich selbst zu helfen, und bedarf der „Hilfsstellung" seitens der Sozialdemokratie nicht: sie ist sich indessen bewußt, daß ihre christliche Ueberzeugung innerhalb der Sozialdemokratie so
Arbeiterbewegung in Deutschland.
Gewerkschaftsbewegung stehenden Mitarbeiter: geschützt würde, daß bald nichts mehr davon vorhanden wäre . . .
Was ist aus der deutschen Arbeiterbewegung überhaupt geworden durch die Sozialdemokratie? Sie hat die deutschen Arbeiter, die ihr anhinoen, durch Jahrzehnte hindurch zu wirklichkeitsfremden Menschen erzogen. Die ersten deutschen Facharbeiterorganisationen waren etwas ganz anderes, als es einige Jahrzehnte später die freien" Gewerkschaften waren. Sie standen stark unter dem Einfluß Lassallescher Ideen, wären von fortschrittlichen und demokratischen Gedanke^ getragen, und wollten durchaus nicht im Gegensatz zum Staat und zur Gesellschaft stehen, sondern sich ihre Geltung darin erkämpfen. Lassalle wollte den Aufstieg der arbeitenden Klasse herbeiführen durch die Assoziation von Kapital und Arbeit auf dem Wege des genossenschaftlichen Systems. Ihm schwebten nicht nur Verbrauchergenossenschaften vor, er wollte auch die Produktiv-, Bezugs- und Absatzgenossenschaften und dazu die Verbrauchsgenossenschaften, das waren wirtschaftliche Ziele, die er im Interesse der Arbeiterschaft verfolgte. Staatspolitisch forderte er die Gleichberechtigung des arbeitenden Volkes, durch Erlangung des allgemeinen gleichen und geheimen direkten Wahlrechts zu den gesetzgebenden Körperschaften. Im Gegensatz dazu vertreten Karl Marx und Friedrich Engels, die Väter des bereits im Jahre 1850 erschienenen kommunistischen Manifestes, das bis heute noch eine der Grundlagen der sozialistischen Bewegungen ist, den brutalen Klassenkampf. Marx wollte nicht das Hineinwachsen des arbeitenden Volkes in Gesellschaft und Staat; die arbeitenden Massen sollten außerhalb derselben, im Gegensatz zu ihnen stehen. Er forderte die Expropriation, die Enteignung des gesamten Besitzes, expropriiert die Expropriateure, enteignet die Enteigner, war die Parole, die er den arbeitenden Massen gab, und er entwarf in seiner für die Sozialdemokratie grundlegenden Lehre ein Programm, das nur auf dem nacktesten Materialismus beruhte, da es aus der mammoni- stisch-kapitalistischen Entwicklung geboren war. Aus feiner ganzen inneren, feiner geistigen philosophischen und wirtschafts-sozialen Entwicklung heraus allem Uebernatürlichen und Göttlichen ablehnend gegenüberstehend, atmet seine Lehre denselben Geist, und wirkte so entchristlichend auf Millionen und Abermillionen Menschen durch ganze Generationen hindurch.
Ferdinand Lasalle stand mit seine Auffassung vom Wesen der wirtschaftspolitischen Entwicklung und des Aufbaues der Arbeiterbewegung in schroffem Gegensatz zu Karl Marx und Friedrich Engels. Marx war bei aller Genialität seines Denkens in feinem Wesen starrer Doktrinär, ein von seinem Werk und seinen Ideen Besessener, der an feine Sendung glaubte un.d dafür Armut, Exil und Entbehrungen ertrug, im Gegensatz zu Lassalle, dessen äußeres Leben in Wohlstand, ohne materiellen Sorgen verfloß. Letzterer war der Mann der Praxis, der Organisator und Staatspolitiker, der selbst mit einem Bismarck als Gleichgestellter verhandelte, ja, diesem die Unterstützung der Arbeiterschaft zusagte in der Zeit der Konfliktsjahre, im Austausch gegen die Gewährung staatspolitischer Rechte für das arbeitende Volk. Lassalles zu früher Tod — er fiel wegen einer Liebesgeschichte mit Helena v. Dönniges im Duell mit dem rumänischen Bojaren Rakowski am 30. August 1864 am Genfer See, — war der schwerste <^lag für die Entwicklung der jungen Arbeiterbewegung in Deutschland, die nun gänzlich in das Fahrwasser des klassenkämpferischen Marxismus geriet, und damit die Lassalleschen Bahnen verließ. Die Wirtschaftstheorien Lassalles gerieten in Vergangenheit. Sie waren im Grunde genommen christliche Gedanken gewesen, soweit sie die genossenschaftliche Selbsthilfe betrafen. Ja, über diese Forderungen gingen Emmanuel v. Kettler, der große Mainzer Bischof, und die katholischen Sozialpolitiker und Sozialreformer weit hinaus insofern, als sie eine radikale Beseitigung der kapitalistischen Auswüchse verlangten. Die Sozialdemokratisierung, die Durchsetzung der deutschen Arbeiterbewegung mit dem materialistischen, alles Göttliche und die nationale volkliche Verbundenheit verneinenden Geist, mußte
zur Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung führen, zur Trennung der christlichen Elemente von ihr, und damit zur Schaffung christlicher Gewerkschaften, in denen auch Lassalles Gedanken ihre Auferstehung fanden. Es war ein Schicksalsschlag für die deutsche Arbeiterbewegung, daß sie einstmals ihren ursprünglichen 'Zweck und ihre ursprüngliche Richtung verließ, und gänzlich dem (Ein. floß von Marx und Engels verfiel, daß sie vollständig in den Bann des klassenkämpferischen Marxismus und des atheistischen Materialismus geriet, der die Eigenpersönlichkeit und ihre ethischen Werte zerstörte. Umgekehrt stand die christliche Gewerkschaftsbewegung seit ihrer Gründung auf dem Boden der Selbsthilfe und der organischen Eingliederung der Arbeiterschaft In Staat und Wirtschaft, die sie beide durch ihre praktische Arbeit um- und neugestalten will.
Die Sozialdemokratie macht nicht die Arbeiter frei, so wie sie es in marktschreierischer Weise immer betont; im Gegenteil, sie entseelt den arbeitenden Menschen, sie macht ihn zum wesenlosen Glied ter großen Masse, zum Herdentier. Wenn jemals Bismarck in feinen Auseinandersetzungen mit seinen Gegnern das Rechte traf, bann damals, als er im Reichstag zu den Sozialdemokraten gewandt sagte: „Im Zukunftsstaat werden nicht die besten Köpfe, sondern die besten Redner die Führer sein!"
Noch sind die sozialdemokratischen Gewerkschaften, die sozialdemokratischen Organisationen insgesamt, die stärksten in Deutschland; der Zahl nach! Ihrem Ideengehalt nach sind sie verkalkt, sie sind zu großen bürokratischen Verwaltungskörpern geworden, denen die wirklich werbende Kraft ermangelt, die nur noch von der Urteilslosigkeit der breiten Masse und deren Empfänglichkeit fürSchlag- roorte demagogischster Art leben. Ihre Wesensverbundenheit mit dem mammonistischen Großkapital hat sich insbesondere in der letzten Zeit des öfteren ergeben, nicht nur bei der Wahl der Arbeitsamtsleiter in Westdeutschland, wo es zum offenbaren Kuhhandel zwischen den sozialdemokratischen Gewerkschaften und der Schwerindustrie kam. Schwerindustrielle Vertreter als Leiter der großen Arbeitsämter, Sozialdemokraten als deren Stellvertreter! So sieht, nur an diesem Beispiel gemessen, das Solidaritätsgefühl der sozialdemokratischen Bewegung gegenüber der christlichen Arbeiterbewegung aus. Großkapital und Sozialdemokratie sind sich einig darin, daß die kraftbewußte christliche Arbeiterbewegung eine lästige Konkurrenzorganisation ist, die ausgeschaltet werden soll.
Die christliche Arbeiterbewegung vertritt allgemein den Standpunkt, daß die Eigentumsverhältnisse int sozialen Sinne geändert 'werden müssen. Wir müssen mehr Kleineigentum haben, sei es in siedlungstechnischer Hinsicht, sei es nach der produktionstechnischen Seite hin und dann in der Richtung einer sozialen Vetriebsgliederung, der Vereinigung von Kapital und Arbeit, also der Anteilnahme der Arbeiterschaft an dem Werk, in dem sie schafft. Daß diese Forderungen in direktem Gegensatz zu dem Pauperifierungsprozeß stehen, wie er von dem mammonistischen Großkapital betrieben wird, liegt auf der Hand, und ebenso, daß diesem die Veredelungstheorie des marxistischen Sozialismus besser gefällt, die ihm nicht wehe tut, da sie ihm vorläufig nicht zunahetritt. Im direkten Gegensatz zu der praktischen, das allgemeine Volkswohl fördernden Arbeit der christlichen Bewegung steht der klassenkämpferifche marxistische und politische Sozialismus, der nur dann, Erfolgsmöglichkeiten sieht, wenn auf der anderen Seite eine völlig verelendete protetarifierte Arbeiterschaft steht.
Nur widerwillig und notgedrungen trieb die Sozialdemokratie Sozialpolitik; soweit letztere schä. denausgleichend wirken soll ganz im Gegensatz zur christlichen Arbeiterbewegung, wie jeder christlichen Sozialpolitik, die von der Ansicht ausgeht, daß nur durch die praktische Gegenwartsarbeit eine bessere Zukunft heraufgeführt werden kann. So war es in den Anfängen der sozialen Gesetzgebung in den 80erJahren, so war es bis in die jüngste Zeit hinsichtlich der Wohnungspolitik, so ist es in allerletzter Zeit bezüglich der Lohn- und Tarifpolitik wie nicht minder der Steuerpolitik. Oder wollen die Führer der sozialdemokratischen Bewegung etwa leugnen, daß ihre gesamte Politik, die sie getrieben haben und treiben, eine für unser Volk unglückliche und innerlich unwahre gewesen ist? Dann sind sie sich ihrer inneren Unwahrhaftigkeit selbst nicht bewußt, die lediglich durch die Täuschung der breiten Masse möglich ist.
Was hätte die katholische, die christliche Arbeiterschaft insgesamt von der Sozialdemokratie zu
3. Blatt.
Druck der Fuldaer Aclieudruckerei, Fulda.
erwarten? Verständnis für ihr Seelenleben und ihr christliches Empfinden auf keinen Fall. Daran Ändern auch die spekulativen Gründungen, dte taktischen Erwägungen entspringen, wie das sogenannte „Rote Blatt" für katholische Sozialisten nichts. Diejenigen, die aus dem katholischen Lager kommend, sich für diese Dinge als Anreißer benutzen lassen, werden bald gewahr werden, wie wenig sie in Wirklichkeit gewertet sind. Sie sind bald beifeite geschoben, wenn die Hoffnungen nicht in Erfüllung gehen, die man auf sie gesetzt. Im Übrigen gibt es wohl kaum ein Übleres Gewächs, als wenn Sozialisten zu Kapitalisten werden; dann sind sie bürgerlicher, als der geborene Bourgeois.
Die katholische und die christliche Arbeiterschaft geht ihren Weg, den sie für richtig hält. Sie arbeitet an der Um- und Neugestaltung von Gesellschaft und Staat im sozialen Sinne, und wirkt infolge- dessen in den Parteien, denen sie weltanschaulich nahesteht, nach dieser Richtung hin. Eine politisch« Neuorientierung nach der Seite der Sozialdemokratie würde für sie keine Besserung bedeutejn, sondern sie nur vom Regen in die Traufe bringen. Und zu einer solchen Prozedur hat sie weder Beruf nach Neigung.
Silber vom Tage.
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Ernst von Borfig,
der Leiter der Borsigwerke in Berlin, wird am 13. September 60 Jahre alt. Die von ihm gemeinsam mit seinem Bruder, Konrad von Bo^ig, geleiteten Unternehmungen in Tegel und Borsigwerke O. S. beschäftigen 15 000 Personen. Die Maschinenfabrik in Tegel erzeugt hauptsächlich. Lokomotiven, Dampfkessel, Dampfturbinen, Dampfmaschinen, Kompresforen, Kältemaschinen und Pumpen. Di« Gruben- und Hüttenwerke Borsigwerke A.-G. in Borsigwerk O. S. liefern Kohlen, Koks, Roheisen, Bleche und Walzwerkprodukte. Die BedeuMng Ernst von Borsig's für die deutscke Industrie liegt vielleicht noch mehr auf dem sozialpolitfchen als auf dem rein wirtschaftlichen Gebiet. Er ist u. a. Vorsitzender der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbünde und des Gesamtverbandes Deutscher Metallindustrieller, sowie des Verbandes Berliner Metallindustrieller, Mitglied des Präsidiums und des Vorstandes des Reichsverbandes der Deutschen Industrie und Mitglied des Reichswirtschaftsrats. In dieser Tätigkeit bekannte er sich von jeher zu dem Gedanken der Arbeitsge»^ m e i n f ch a f t zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. So gehörte er zu den Arbeitgebern, Sie das bekannte Abkommen vom 15. 11. 1918 über die Zentralarbeitsgemeinschaft unterzeichneten, und die Ueberzeugung, daß auf dem Gebiete der Wirtschafts- und Sozialpolitik nur ein verständnisvolles Zusammenarbeiten aller Bevölkerungsschichten zum Ziele führen kann, drückt auch heute noch seiner Arbeit auf diesen Gebieten den Stempel auf.
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