Fuldaer Zeitung
3cp
Rund um die Woche
3. Blatt
Druck -er Auldaer Actiendruckerei, Fulda
Ehi. , 10
208.
mittag, »en S. September 1929.
in das 10. oder 11. Jahrhundert zurück, ist aber seitdem zu einem der beliebtesten Muttergottesfeste geworden. Also verhältnismäßig spät und dazu noch unbekannt, an welchem Ort zuerst und unter welchen Umständen dieses Fest eingeführt wurde. Außerdem können wir keinen Grund angeben, warum gerade der 8. September als der Erinnerungstag dieses Festes eingesührt wurde. Die L e - g e n d e übernahm es dann bald, das Geschichtliche zu übermalen und Neues zu erfinden. Sie berichtet uns, wie ein frommer Eremit und eifriger Marienverehrer am 8. September immer frohe Gesänge der Engel gehört habe. Gott habe ihm dann auf seine Bitten hin offenbart, daß das von der Festfeier herrühre, die die himmlischen Chöre an diesem Tage zu Ehren der Geburt Mariens abhielten. Auf sein Ersuchen an den Papst sei dann dieses Fest eingeführt worden.
Es gab eine Zeit, und sie liegt noch nicht lange zurück, wo man beim Hinweis auf eine solche Legende sofort mit Schlagwörtern zur Hand war, wie bewußter Betrug, Betörung unwissender Gläubigen, Lüge. Man ist langsam von diesem Gedanken abgekommen. Die Legende ist Dogmenerklärung und -Beschreibung, aber nie Dogma. Sie gleicht dem Efeu, das den Turm umrankt und ihn mit Lebendigkeit und Farbenfülle umgibt. Zu
einer gesunden, organischen Berbindung mit der Wahrheit des Glaubens ist sie von einer großen Kraft für die Bolksreligion, weil sie die abstrakten Wahrheiten plastisch vor Augen führt, weil sie in einem leseunkundigen Zeitalter als farbig ausgeschmückte Erzählungen sich leicht dem Gedächtnis einprägten. So verdeutlicht die Legende über die Einführung des Festes Mariä Geburt den Gedanken, daß es Gott gefallen müsse, gerade dieses Ereignis, das doch den großen Tag der Erlösung in greifbare Nähe rücke, zu feiern. Der Zeit des Harrens machte ja dieses Ereignis ein Ende, indem es die Erfüllung brachte, die Finsternis behob es, indem es das Licht schenkte, den Tod vernichtete es, indem es die hervorbrachte, die der Welt das Leben gegeben.'Dieser Gedanke beherrscht ja auch heut noch das ganze Festoffizium: „Deine Geburt verkündete der ganzen Welt Freude." Die Geburt Mariens ist das Borspiel zur Geburt der einzig wahren Freude der Welt, des Messias, der gekommen ist, um die Sünde, die Quelle alles Nebels zu vernichten. Hierin liegt auch der tiefste Grund, warum gerade das Fest Mariä Geburt so volkstümlich werden konnte, der echt religiöse Schatz, den inniger Glaube an den • Menschensohn Jesus erschlossen hat, ist in ihm sichtbar geworden.
Sonne und blauer Himmel über einer Landschaft, die wie ein „süßes Lächeln der Natur" zu Füßen des Schwarzwaldes liegt, durchströmt vom immer noch jungen Rhein, prangend in Blumen, beladen mit den reichen Früchten des Herbstes, das ist für eine religiöse Tagung schon eine besondere Gnade. . . . Man geht hier in Freiburg durch Straßen, an denen ganze Häuserreihen nur dazu da zu sein scheinen, die endlosen Guirlanden der Geranien zu tragen, die ihr feuriges Rot, Herzblut der Freude, in die Glut des Spätsommers verspritzen. Oder hat man diese giebelreichen verschnörkelten Häuser gebaut, daß man an ihnen die Schnüre befestigte, an denen eine Unzahl von Fähnlein, Schmetterlingen gleich, Zitronenfaltern vor allem, wie in lustiger Freiheit flattern. Ernst überhaucht sie in breiten Streifen das wunderbar kleidsame Schwarz-rot-gold, in seiner fast mystischen ernsten Feierlichkeit das Geheimnis des Reiches hütend, das da im herrlichen Münsterbau alten Zeiten gedenkt, die sich in diesen Tagen erneuern. Die Schwarzwaldtanne ragt empor als das Symbol des int Boden verwurzelten Volkstums, wie es in den Hütten verschwiegener Täler noch lebt; der Münsterturm aber will ihm im hochaufstrebenden Sursum corda die Weihe vom ewigen Himmel holen. Hier ist Natur im Bunde heiliger Bermäh- htng mit der Kultur. Hier ist in lebendiger Gegenwart der Strom der Geschichte. Hier ist die Verbundenheit non Volk und Staat, von Welt und Kirche. Hier ist das Reich, das alte und junge, unser Deutschland, für das wir leben und sterben. Hier kann man fingen und sagen von des Lebens Urzelle, von dem Organismus der heimischen, der europäischen, der internationalen Kultur. Hier wurzelt der Baum, in deutscher Erde, der seine Aeste und Zweige wölbt über alle Länder und Kontinente. Ja, hier ist has Reich!
Ein paar Herren sammeln sich dort, grüßen sich herzlich. Große, leichtgebogene, schmale Figur, Kopf geneigt, langer weißer Bart, Patriarchenbart, weiß auch das Haar, das an die Ränder des plat- | ten Daseins zurückdrängte — Mensch, höre auf.
Tausende, mehr als Zehntausend, vielleicht Zwan zigtausend. Staunend starrend auf Stadtwappen Reichsadler, Komitee, Sänger und den Redner, bei auf einsamem Podium steht, über der Menge unk doch in ihr versinkend. Dieser Lautsprecher ist doch gut. Er nimmt sogar von der Dynamik und dem Rhythmus der Redner etwas auf. Darin aber schwingt die Magie der Persönlichkeit. Die Technik scheint bezwungen und dient. Und doch. Ein Redner, für das Auge in dem Riesenraum klein wie eine Marionettenfigur, und eine Stimme dazu, stark wie die Trompete eines Elefanten, es ist doch wie ein Riesenkopf auf einem kleinen Leid, komisch, drollig, jedenfalls nicht natürlich. Lieber kleinere Säle, aber Natur. Auch die Technik hat ihre Grenze. Lautsprecher? Er vergrößert von außen. Ich wünsche mir den Redner, der mit einfachem, konkretem Wort die Seele unmittelbar packt. Sie bringen durch. Abstraktionen? Redner, hüte dich! Hüte dich vor Manuskript, vor Vorlesung, vor Papier, vor organisiertem Geist! Es lebe die Wissenschaft und ihr Professor, es lebe auch der Volksredner, der die Orgel einer Riesenversammlung meistert, alle Töne vom Dämonischen bis zur vox angelica hinauf weckend, mit dem Blasbalg des Sturms, mit den Pedalbäfsen der ungeheueren Brandung. Zu fromm kann die Christenheit nicht sein, zu gescheit auch nicht — aber weiß Gott: Wer das Pulver erfunden hat, der war bestimmt kein braver Lehrer und keine brave Klasse. Kann man wirklich auch einmal zu brav fein? Und doch: grandios ist dieses Volk, wie es da sitzt, hingegeben der Weihe der Stunde, Reihe auf Reihe, endlos.... Volksversammlungen wie diese gibt es nur noch auf unseren Katholikentagen. Sprich nicht von „repräsentativ", von „Betrieb", von „Demonstrationen" — denn etwas, was den Scharen bei der Bergpredigt ähnelt, was den Taufenden gleicht, die in der Wüste gespeist wurden, ist hier! Großartig, phantastisch, so wie die Decke des Zeltes, phantafievoll wie ein orientalisches Märchen aus Tausend und einer Nacht.
Studenten in Wichs, Banner, Blumen, ein Saal, der einige Hundert faßt — eben da wir kommen, spricht ein Freund aus Wien. Aus Pol- nisch-Oberschlefien, aus der Tschechoslowakei, aus Danzig, aus Südtirol, aus dem Elsaß, aus Ungarn, ja aus China sogar sind Deutsche gekommen, die sich eins wissen im Volkstum und Religion. Kann es stärkere Bande geben? Der Familiengedanke wächst hier sichtbar auf zum Volksgedanken, zum wahrhaftigen Sinnbild der Volksgemeinschaft. Das Minderheitenproblem taucht auf. Genf, der Völkerbund. All das ist herrlich und groß, aber es darf nicht Papier bleiben, sondern es muß darin der Blutumlauf lebendiger Familiengemeinschaft strömen. Die Völker der Erde als eine Familie! Das Wunder wirkt nur die Religion. In der Tat, gerade hier zeigte sich die roelterneuernbe Kraft der Ideen dieses Katholikentages. Bald mehr. Gruft DerMann imMonde.
Prominente charakterisiert man nicht — aber Augen — wie heißt es doch: einfältig wie die Tauben und klug wie — nun wie ein westfälischer Bauer. Paladine sind das, auch jener, der die immer noch stramme Figur, zu präsidieren gewöhnt, auf den Stab stützt, den ihm der Diener reicht. Dann ein Prälat aus dem Bayernland, wohl nach Frankenart zugleich, das katholischste Gesicht, das mir je begegnet ist, mit der Klugheit von einem Jahrtausend beerbt, schlicht, bescheiden wie ein Genie, Nase zu feinster Witterung abwärts verlängert, Augen halb zugedrückt, unter Lächeln, von nachsinnender Ruhe durchbrochen, intensivste Gedankentätigkeit bergend und alles übergoldend durch volkstümlichen Humor — er wird es schaffen. Und das, irgendetwas a. D., etwas Hohes einst, und die rheinische Gemütlichkeit noch heute — halt, und da noch ein Prälat, schaut über dich weg mit dem Adlerblick des Kapitäns, der immer auf See war, in Sturm und Wetter — schäm dich, kleiner Mensch, daß du überhaupt da bist — der hat mehr erlebt als du, und immer noch schaut das herzigste Auge der Welt auf dich oder über dich hin, über dich hin auf Meer und Sturm und empörte See —. Genug, das find die Paladine. Laßt nur eure polternde Unzulänglichkeit und euren hysterischen Sektengeist zu Hause! Was ihr Probleme nennt, ist denen selbst für ein Tischgespräch zu dumm! Und wenn schon das Abendland untergeht, sie werden ruhig Prosit sagen, denn sie wissen genau, daß gerade dann, wenn die ganze Welt brennt, der Politiker ruhig sein muß und kübl. Und fromm ist es doch, anstatt wie eine Hornisse irrsinnig herumzuschießen, glaubend, daß man dadurch etwas rette, seelenruhig die Gottesgabe zu schlürfen und zu denken: Der liebe Gott ist auch noch da. . . Ehret mir di- Meister! . . .
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Wer spricht da nun, der Redner oder der Lautsprecher? Riesengroß dehnt sich das Zelt. Von der Höhe herab fallen Gewebe, bunt und feidig — 17 Kilometer Tuch. So war es wohl im Zelte Kara Mustaphas, das vom Polenkönig Sobieski einst vor Wien erbeutet wurde. Und da sitzen die
Wie wird das Wetter?
Infolge der starken Vertiefung des über Finnlang liegenden Wirbels hat die Zufuhr etwas kuhlerer nördlicher Luftmassen zugenommen. Die lebhafte Zyklonentätigkeit fpieltjid) aber noch zu weit im Norden ab, als daß unsere Witterung schon vollkommen unter ihren Einfluß käme. Ein Zwischenhoch, das sich über England entwickelt hat, wird bei uns noch vorläufig meist heitere Witterung bewirken.
Witterungsaussichten für Sonntag: Wieder leichte Wärmezunahme.
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Schriftleiter: Dr. phil. Johannes Kram-
Mariä Geburt.
Von G o e r g e.
crn feiner Abschiedsrede an die Jünger sagte Heiland: „Ich hätte euch noch vieles zu sagen, Xr ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen, es muß
der Geist der Wahrheit kommen." Aus sich heraus betrachtet, sind dieses Worte des Trostes an hL leibgebcugten Jünger, auf denen noch das "'ne Wort lastet: „Einer von Euch wird mich verdaten"' „Petrus, du wirst mich verleugnen." Christi' Worte sind zugleich aber auch gesprochen für die Ewigkeit, sind Richtlinien, gegeben für die 'nan3e künftige Kirche, Leitpunkte für die voraus- ^efebene Entwicklung. Der Geist wird das ange- fanqene Werk vollenden.
Ganz naturgemäß ist es, daß das, was in Gott »ne einheitliche, fertige Größe ist, auf Erden in feiner Verwirklichung eine Entwicklung ha- hen muß, worin der eine Teil dem andern folgt, eine Entwicklung in bezug auf Ausdehnung und Verinnerlichung. Weder die Kunst, noch die Na- tur, noch Gott bringen je ihre Werke mit einem Male hervor; allmählich schreiten sie voran. Den Meisterwerken gehen Bersuchsstücke voran. Bei zer Natur gibt es Werke, bei denen man glauben möchte, daß sie ihre Hand übe, um etwas vsll- .ndeteres hervorbringen zu können. Gott selbst beobachtet dieses Verfahren, besonders bet der Menschwerdung tritt es hervor, bei dieser großen Kraftprobe seiner Macht. Vom Anfang der Zei- ien fat er nicht aufgehört, es zu beginnen. Naturgesetz, geschriebenes Gesetz, Zeremonien, Opfer, Priestertum, Prophezeiungen waren gleichsam der Entwurf zu Jesus Christus.
Zu diesem Gotteswerk gelangte es nur vermittels eines unendlichen Aufwandes von Bildern und Zeichen, die ihm als Vorbereitung dienten. Die Menschen müssen jetzt diesen Weg gleichsam rote» der umgekehrt gehen, um die ganze Fülle der Gottesgedanken nachzudenken, um das Zentraldogma der Menschwerdung auszuschöpfen. Die Urzelle, die Tatsache der Menschwerdung Gottes ist uns gegeben, aus diesem Urfeim entfaltet sich alle Lehre, entfaltet sich mit Notwendigkeit die Lehre der GottesmutterschaftMariens, und mit diesem lebendigen Lebenskeim sind dann gegeben die ganze Mariologie, die Verehrung der Muttergottes, ihre Feste.
Nicht auf einmal sind all die Marienfeste vorhanden. Die Erde bringt ja auch nicht im Frühjahr die ganze Blütenpracht auf einmal hervor. Zuerst nur zartes Grün, ganz leicht durchwirkt mit einzelnen Blütentupfen. Im Kultus liegt das gleiche Gesetz, auch hier zuerst das eine große Geheimnis: Empfangen vom hl. Geiste, geboren aus Maria der Jungfrau. Dieses mußte sich aber dann reicher entfalten in der Sonnenglut der Euchariftie- feicr, und es ist für uns darum ganz selbstverständlich, daß wir die Gebräuche und Zeremonien des heutigen Kultus nicht in die christliche Urzeit verlegen dürfen, daß der reiche Kranz der Marien- fefte gleich im Anfang im herrlichen Blütenslor gewunden war. Das Urfprungsbatum der Marien- fefte ist oft nicht mehr genau anzugeben; sie gleichen den Sternen, die des Abends am Himmel sichtbar sind, ohne daß wir wissen, wann sie auf« gingen, sie wurden geschaffen von der Liebe und Verehrung des Volkes mit ihren Priestern und dem Bischof. Das Morgenland kam oft dem Abendland zuvor, die Klöster waren oft die tatkräftigsten Verbreiter.
Das Fest Mariä Geburt wurde im 7. Jahrhundert in der römischen Kirche gefeiert. Bei Papst Gelasius ist es zu Beginn des 8. Jahrhunderts erwähnt. Die allgemeine Feier aber geht höchstens
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und das Sumpfmoor.
Roman von Alfred Manns, Bremen.
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Der Tanz brach ab, und die Musik schwieg. Detmar nahm keine Notiz davon. Wenn er sich im Zorn befand wie heute, war ihm die Umgebung gleichgültig.
„Wie kannst du dich unterstehen, hier wie ein Schuft Mit einem Kolonistenmädchen zu spielen?"
Geros Gestalt straffte sich. Die Ruhe verließ ihn noch nicht. Schützend zog er Antje an sich: „Das ist kein Spiel, Vater, denn Antje ist meine Braut!"
Die tapfere kleine Antje sah mit hingebender Zuversicht zu Gero empor. Detmar aber vergaß sich, er legte die Hand an das Mädchen und suchte es von dem Sohne loszureißen. „Nach Haus mit dir, du Bengel, dort reden wir weiter miteinander!"
Gero preßte sein Mädchen noch fester an sich: „Ich komme, Vater, aber erst muß ich meine Braut nach Hause bringen."
Da kannte sich Detmar nicht mehr. Mit einem gewaltigen Ruck riß er Antje von Gero los und schleuderte sie in den Saal hinein, daß sie stürzte.
Und nun geschah etwas Furchtbares! Der junge Gero packte beide Handgelenke des riesigen Detmar, dem er an Größe gleichkam.
„Bon keinem Menschen auf der Welt lasse ich meine Braut mißhandeln! Auch nicht von dir, Detmar Visser!"
Geros Armmuskeln schienen das Zeug zersprengen zu wollen, während er mit ungeheurer Kraft Detmars Arme nach hinten drückte.
Detmar widerstand — lange, aber gegen den Difser- sproß aus eigenem Blute kam er nicht mehr auf. Er mußte in die Knie.
Totenstille herrschte im Saale.
Gero ließ sofort den Vater frei und ging zu Antje. „Komm, mein lütt Beern, ich steh bei dir! Niemand soll dir etwas zuleide tun."
Dem Detmar Visser aber war am heutigen Tage das Rückgrat gebrochen.
Antje lehnte sich auf der Rückfahrt an Gero. „Gero, wenn ich nicht just Antje Brink wäre, dann würde ich, ja, ich mühte dir vielleicht sagen: „Ich will mich nicht zwischen dich und deinen Vater drängen, ich gebe dir dein Wort zurück." Aber ich weiß ja nun, das würde nichts nützen; deshalb wäre es feige von mir. Darum sollst du wissen, daß ich dein bin und auf dich warte, und daß ich da fein werde, wenn immer du mich rufst."
Gero streichelte ihre Hände; er dachte an den grauenhaften Anblick, da er den Vater in die Knie zwang; er wäre am liebsten gleich hingegangen und hätte Detmar um Verzeihung gebeten, aber dadurch hätte er zum Ausdruck gebracht, daß irgend jemand mit Antje roh umgehen dürfe.
Das Mädchen erriet feine Gedanken: sie sagte leise: „Mußt nicht zu viel denken an mich dabei. Du und ich sind noch so jung, fast noch Kinder, wollen ja auch noch gar nicht heiraten. Sieh mal, wenn ein alter Mann wie dein Vater, mich junges Ding mal hart anpackt, das tut mir nichts und meiner Ehre erst recht nichts. Aber wenn einem Detmar Visser so etwas passiert wie heute, wenn der erfahren muß, es gibt jemanden, der stärker ist als er, dann ist es schlimm für ihn. Ganz ungeheuer leid tut er mir. Nun hat er an nichts mehr Freude, nicht einmal an seinem Kanal oder seinem Haß gegen das Moor oder --ja, vielleicht das noch am ersten."
„Was meinst du, Antje?"
„Ach, ich bin ein dummes Mädchen, ich habe an Oma Timke gedacht; habe immer geglaubt, daß dein Vater die einmal heiraten würde."
Gero fiel in tiefes Sinnen. „Ja, so etwas habe ich auch geglaubt, und gut wäre es gewesen. Vater lebte bann nicht so einsam, er hätte eine Starke, Ruhige zur Seite und ein besseres Zuhause gehabt. Oma Timke war ja allerdings einmal Magd bei uns, aber Vater sieht sie lange als gleichstehend an, so hoch achtet er sie. Und, ich glaube, er hat sie auch lieb. Warum haben sich die beiden wohl nicht zusammengefunden?"
Antje antwortete nicht gleich. Schließlich sprach sie langsam wie zu sich selbst: „Sollten die beiden sich am Ende liebhaben und wissen es nicht?"
Verwundert blickte Gero sie an: „Glaubst du, so etwas gibt es?"
Antje nickte. „Ich weiß es. Als du gestern zu uns in die Stube tratest, wurde ick jeden ausgelacht haben, der
gesagt hätte, ich liebte dich---erst, als du mich
küßtest, da merkte ich es."
„Ich glaube, das ist bei Vater und Oma Timke anders. Ich kann mir gar nicht vorstellen, daß Vater Timke küßt und daß ihr das recht wäre, nein, ganz und gar unmöglich ist es. Weißt du was, Antje: Ich glaube, die beiden find verflucht, einander vorbeizuleben."
„Das muß sehr schlimm fein, und das können nur Menschen, die ganz stark und eigensinnig sind."
„Sag, Antje, wo ist dein Vater?"
„Den kann nachher der Kleinknecht holen; er wollte nicht mit. Er hat mir vorhin gesagt, daß auch er deinem Vater getrotzt hat, und daß ich ihm nun fein Wort, sich heute keinen Rausch anzutrinken, zurückgeben müßte, so ein kleiner könnte es doch wohl werden, es fei ihm gar zu jämmerlich zumute. Vater ist keiner von den ganz Starken, aber ich habe ihn lieb, denn er ist gut."
Der Wagen fuhr auf dem Moorhof ein.
„Du gehst nun einen schweren Weg, mein Gero," sagte das Mädchen und küßte den Geliebten. „Denke an mich und an meine Bitte: Um aller Barmherzigkeit willen, vergreife dich nie wieder meinetwegen an deinem Vater, auch nicht, wenn er mich schlägt! Detmar Visser in den Knien, den Anblic. werde ich im Leben nicht vergessen! Da war kein Zorn in seinem Gesicht, den hätte man verstanden, der wäre natürlich gewesen; wie gestorben sah er aus. Gero, mein Gero, du darfst deinen Vater nicht morden!"
Gero besann sich und sah Antje an: „Er wird es ja nicht wieder tun. Schlägt er mich, dann nehme ich es hin, aber dir soll er nichts tun, das darf kein Mensch, auch er nicht."
Mit diesen Worten bestieg der Warphoferbe den Wagen, grüßte noch einmal zurück und fuhr davon.
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Detmar war von einem eigentümlichen Instinkt zum Schützenfest getrieben worden. Im Norden unseres Vaterlandes findet man es häufiger als anderswo, daß Menschen gezwungen werden, ihr Schicksal aufzusuchen, und sei es noch so grausam.
Aufrecht ging er, als er das Zelt verließ, das feine Niederlage erlebt hatte, aber er sah niemanden, er blickte ins Leere. Ms er draußen war, blieb er unwillkürlich bei dem Kräftemefser stehen. Wiard hatte gerade den
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Holzhammer in den Händen und schlug. Der Glocken- schlag oben klang noch recht kräftig.
Als der Schäfer sich umwandte, bemerkte er Detmar. Er hatte keine Ahnung von den Vorfällen im Tanzzelt. „Detmar," redete er den Bauern an, „jeder Mensch hal feinen Kraftmesser; dieses hier ist meiner. Wenn es einmal nicht mehr klingelt, bann trete ich zurück und bin nicht mehr dein Schäfer. Für jeden Menschen kommt einmal die Zeit, daß er die Klingel nicht mehr erreicht; dann gibt ihm bas Schicksal einen Wink: Tritt ab, sagt es, unb wenn einer bas nicht hört, kommt ihm bas Schicksal grob, sehr grob. Aber so weit kommst bu ja wohl nie."
Der Warphofbauer antwortete nichts; kalt ging es ihm durchs Gebein bei des Schäfers Worten. Er winkte dem Kleinknecht, der gleich darauf mit dem Einspänner oorfuhr. —
Als Detmar zu Hause angelangt war, setzle er sich an seinen Arbeitstisch unb stützte den Kopf zwilchen die Hände. Die Demütigung traf fein Lebensmark, und sein erster Gedanke war: wie würde Oma Timke bas aufnehmen? Wenn sie jetzt nur nicht hereinkäme! Täte sie es, würbe er ihr erzählen müssen, baß er sich in der Wut an einem kleinen Mädchen vergriffen hatte und vom eigenen Sohne bann zum Gespött ber Menschen gemacht würbe. Detmar wußte, Timke würbe seine Tat milde beurteilen, unb bann würde aus ihren großen, klaren Augen das Mitleid für ihn sprechen, und bas ertrug er nicht! Kein Mensch sollte ihn, Detmar Visser, bernitlei- ben, am allerwenigsten Oma Timke. Eher sollte man ihn verhöhnen, nur Timke nicht. Aber bas würbe sie auch nie tun, unb wenn er bie niederschmetternde Demütigung noch weit, weit mehr verdient hätte.
Der Riese Detmar starrte vor sich hin. Er dachte eigentlich an nichts, auch nicht an Gero und dessen Tat. Er überließ sich gedankenlos seinem Gefühl. Von nun an war er, Detmar, nicht mehr ber Stärkste im Gebiet ber Tortum unb ber Somme. Nur als ber allen anberen Ueberlegene hatte er sich stark gefühlt, so stark, baß er dem Sumpfmoor den Kampf ansagte. Ein Schwächling, für den er feinen Sohn im Grunde bis heute gehalten, hatte ihm, dem Asega-Sproß, die Quellen feinet Macht, fein Selbstbewußtsein, abgeschnitten!
(gortjeßung folgt)