Anzeiger für die Stabt Fulda und den Landkreis Fulda
Sonnlag, 28. Juli 1929
Nr. 173
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Hugo Sünnes freigesprochen
Deutsch-polnische Spannungen
Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild' und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift» :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::
* Neuer Spionagefall in der Tschechoslowakei, Die tschechische Presse weiß von einem neuer Spionagefall zu berichten. Bei Olmütz wurde eir gewisser Brotinger verhaftet, der angeblich Spiv nage getrieben haben soll. Seine Tätigkeit fok mit der der Tirolerin Grete S p a n d l zusammenhängen, die wegen Spionageverdacht in Olmütz gefangengehalten wird und vor einigen Tagen einen Selbstmordversuch unternommen hat. Bro- tinger verweigert jede Aussage.
Anspruches auf Beschützung der Minderhelten; 4. England muß im Kriegsfälle, d. h. wenn Aegypten angegriffen wird, Aegypten Hilfe leisten und umgekehrt; 5. Ueberführung der britischen Truppen in die Suez-Kanal-Zone.
* Kongreß der demokratischen Parteien Europas in Stockholm. In Stockholm wurde die Konferenz der demokratischen Parteien Europas eröffnet, an der 90 Vertreter aus Deutschland, Dänemark, Finn- land, Holland, Norwegen und Schweden teilnehmen. Der demokratische Reichstagsabgeordnete Ministerpräsident a. D. Tantzen hielt das Referat über die Landwirtschaftsfrage.
land zu arbeiten, aber die Angriffe müssen dort aufhören. Zweifelsohne wind man dort starke Forderungen des Nationalismus aufstellen, aber man muß die einzelnen HanAungen nicht für Handlungen der Nation nehmen. Es gibt eben Aufhetzereien, die das eine Mal von dem einen Land, das andere Mal von dem anderen Lande kommen und die es verhindern, daß der Frieden zwischen den Völkern geschaffen wird. Man muß sich verständigen für eine loyale Zusammenarbeit. Natürlich darf man gewisse Vorsichtsmaßregeln nicht aufgeben. Nach Locarno hat der -deutsche Reichskanzler im Reichstag feierlich erklärt, daß er freiwillig die durch den Vertrag geschaffene Lage anerkenne und darauf verzichte, die Augen nach dem Elsaß zu wenden. Unter dem Einfluß dieser Entspannung konnte ein deutsch-französischer Handelsvertrag abgeschlossen werden. Gewiß besteht noch die Frage der polnischen Grenzen. Deutschland und Polen haben einen Nichtangriffspakt unterzeichnet. Dann kam der Kelloggpakt. Das ist gewiß nur eine moralische Garantie, aber immerhin etwas. In den Konflikt zwischen Rußland und China habe ich eingegriffen. Ich habe die Beteiligten daran erinnert, daß sie den Kelloggpakt unterzeichnet haben. Diese beiden Völker schlagen sich nicht. Auch eine wirtschaftliche Annäherung ist notwendig, damit das Element des Gleichgewichtes erhalten bleibt. Wenn ich hierfür arbeite, arbeite ich im nationalen Interesse. Ich werde mich also auf der kommenden Regierungskonferenz bemühen, die Wünsche, die im Senat zum Ausdruck gebracht wurden, zu erfüllen, damit ich es dahin bringe, daß Frankreich nicht mehr Geld zu zahlen haben wird, als es durch den Poung-Plan erhalten wird. Man muß sich jetzt damit beschäftigen, die definitive Organisation des Friedens in Europa durchzuführen.
Eine amerikanifche Hofe in Paris ein.«etrofien.
wtb. Paris, 27. Juli. (Eia. Meld.) Im fran- zösffcken Außenministerium ist gestern eine Note der Vereinigten Staaten eingegangen, die sich mit dem Zolltarif und den Kontrollmaßnahmen befaßt, die in Amerika gegenüber französischen Er- vortartikeln zur Anwendung gelangen. Die Note soll in freundschaftlichem Ton abgefaßt sein und den Vorschlag enthalten, daß die Kontrollmaßnahmen, wenn sie den amerikanischen Gesetzen entsprechen, als zweckmäßig und erlaubt angesehen werden und auf eine Art ausgeübt werden sollen, die die französischen Kaufleute in keiner Weise schädigt. Die Kontrolle soll mit Hilfe der französischen Organisationen durchgeführt werden.
Young-Debatte im Unterhaus.
Der frühere englische Ministerpräsident und liberale Führer Lloyd George eröffnete im englischen Unterhaus eine Debatte über den Poung- bericht, den er als unglaublich bezeichnete. Er sagte: „Ich bin erstaunt, daß dieser Bericht dem britischen Schatzamt als eine gerechte Berücksichtigung der britischen Ansprüche unterbreitet worden ist. Ich glaube, Snowden wird seinen Einfluß benutzen, um sehr beträchtliche Llbünde- rungen an dem Plan durchzusetzen. Meine Bedenken richten sich nicht dagegen, daß die deutschen Zahlungen herabgesetzt werden. Jede Revision hat bisher zu einer Herabsetzung geführt, und ich glaube nicht, daß diese die letzte sein wird. Aber ich erhebe Widerspruch dagegen, daß die Gesamtheit der Opfer in der Hauptsache von Großbritannien getragen werden soll. Wenn es eine Herabsetzung geben mußte, dann hätte sie gerecht auf alle Gläubigerländer verteilt werden müssen. Ich vermag keinen Grund für eine Abänderung des Reparationsverteilungsplanes von 1920 zu entdecken. Zum ersten Male sollen außerdem die deutschen Zahlungen in einen bedingten und einen unbedingten Teil zerfallen. Von dem unbedingten Teil erhält Großbritannien so gut wie gar nichts, obwohl es seine 34 Millionen Pfund an Amerika bezahlen muß. Die an Frankreich zahlbare halbe Milliarde Goldmark hat die beste Sicherheit der Welt; wir aber haben keine. Unser Anteil an den Zahlungen wird unsicher fein und schließlich ganz ausbören, denn Deuffch- land ist nur imstande gewesen zu zählen durch umfangreiche Anleihen und durch Niedrig- f; alten der Löhne. Das kann nicht unbegrenzte Zeit so fortgehen. Die Regierung darf ihre Unterschrift nicht unter einen Bericht setzen, der nicht nur ein Rückschritt, sondern eine D e - mütigung für uns ist."
Lloyd George kritisierte dann abfällig die Bestimmungen der Sachlieferungen und den Umstand, daß zwar zum ersten Mal die interalliierten Schulden und die Reparationen mit einander in Verbindung gebracht worden seien, daß aber unterlassen worden sei, die britischen Zahlungen an die Vereinigten Staaten vom Eingang der deutschen Reparationen abhängig zu machen. Diese einseitige Transaktion sei in jeder Einzelheit nachteilig für England. Er forderte zum Schluß Snowden auf, reifliche Erwägungen anzustellen, bevor er die Unterschrift des Landes unter em so verhängnisvolles Dokument setze. ■
Hierauf ergriff Schatzkanzler Snowden das Wort. Er erklärte, es bestehe kein Wunsch, die an Deutschland gestellten Ansprüche zu erhöhen.
Snowden sagte in seiner Rede weiter, die britische Regierung werde das Annmtätenschema ak
den der Vorsitzende ausführlich schildert, gewisse Lücken aufweist und daß die Arbeit des Gerichtes trotz aller Sorgfalt nur Stückwerk fern könne. Bei der Darstellung bedauert er, daß weder der Angeklagte Eugen Hirsch noch Nothmann und StinneS in Paris den Weg zum deutschen Sonderkonsulat gefunden hätten, denn sie würden sonst die Auskunft erhalten haben, daß der angebliche Staatsvertrag, der es Ausländern gestatten sollte, Anleihen auch dann als Allbesitz anzumelden, wenn sie vor dem 1. Juli 1920 zwar in Besitz gewesen, inzwischen aber verkauft und dann wieder angeschafft worden feien, überhaupt nicht b e st a n d. Sie würden dann auch zweifellos durchschaut haben, daß es sich n i ch t u m e i n r e e l l e s Geschäft, sondern um Betrug handele. Auch der Angeklagte v. Waldow habe diesen Weg zu den deutschen Behörden nicht angetreten und ebenso habe es Stinnes unterlassen, von Waldow zu fragen, ob er sich an maßgebender Stelle nach dem Staatsvertrag erkundigt habe. Der Angeklagte von Waldow hätte zum mindesten beim Empfang der Amsterdamer sog. Urkunden merken müssen, daß nicht alles in Ordnung sein konnte. Auch späterhin sei dem Angeklagten von Waldow in unzweideutiger Weise vorgehalten 'r- den, daß es sich hier um unrichtige Urkunden handele.
Die Staatsanwaltschaft hat gegen das Urteil in vollem Umfang Berufung eingelegt. #
Noch bevor das Urteil im Berliner Stinnes- Prozeß gefvrochen wurde, hat sich eine der Sinnes’« schen Hamburger Unternehmungen, die bisherige Aktiengesellschaft Hugo Stinnes für Seefahrt und Ueberseehandel, e t - neu anderen Namen gegeben. Laut Bekanntmachung im amtlichen Anzeiger ist in der kürzlich veranstalteten Generalversammlung dem Unternehmen eine neue Firmenbezeichnung gegeben worden, auf der der Name Hugo Stinnes gestrichen worden ist.
zeptieren . Was die Verteilung der Annuitäten betreffe, so sei es sehr schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber er müsse sich wohl dadurch aus der Schwierigkeit ziehen, daß er erkläre, er stimme mit allem von Lloyd George Gesagtem überein. In der Frage der Unterscheidung zwischen der bedingten und der unbedingten Annuität werde die britische Regierung etwas zu sagen haben, und zwar ebenfalls entsprechend dem von Lloyd George vertretenen Standpunkt. Nachdem der Liberale Bürgin der tiefen Befriedigung seiner Parrei über Snowdens Erklärungen Ausdruck gegeben hatte, vertagte sich das Haus bis zum 29. Oktober.
England und klegqpten.
Der Enkwurf eines englisch-ägypkischen Vertrages.
Die Zeitung „Mokclltam" in Kairo will aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß der Entwurf eines englisch-ägyptischen Vertrages fertiggestellt sei. Er bestimme u. a.: 1. Der britische Kommissar wird Botschafter; 2. Abschaffung der Kapitulationen und Uebergang der Macht von den Konsulargerichten an gemischte Gerichte; 3. Aufgabe des britischen
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Im Hinblick auf den Enffchluß der belgischen Regierung, keine Einwendungen gegen eine Einberufung der Regierungskonferenz nach dem Haag zu erheben, hat das Amsterdamer „Allgemeen Han- delsblad" auf eine entsprechende Anfrage aus dem Außenministerium erfahren, daß die niederländische Regierung bisher zu dieser Frage noch nicht Stellung genommen habe, daß es jedoch für wahrscheinlich gehalten werde, daß sie die Regierungen der in Frage kommenden Mächte offiziell e'inlaben werde, die „Konferenz zur Liquidation des Krieges" im Haag abzuhalten.
Die Rheinlandraumung.
In der Rebe, die Briand im französischen Senat hielt, sagte er u. a. zur Rheinlandräumung: Es handelt sich um komplizierte Angelegenheiten, die nicht zwischen zwei Nationen, sondern zwischen sechs Sinterten geregelt werden müssen. Welches Land könnte unter diesen Umständen sich isolieren? Die Rheinlandfrage ist unbestreitbar eine interallierte Frage. Ich weigere mich, allein zu verhandeln. In Genf habe -ch dafür gesorgt, daß die sechs interessierten Länder anwesend sein werden. Die Rheinlandfrage steht auf der Tagesordnung von Genf, weil Artikel 431 des Friedensvertrages die Möglichkeit der vorzeitigen Räumung vorfieht. Deutschland hat gefordert, daß die Rheinlandfrage auf die Tagesordnung gefetzt werde. Das konnten die Alliierten nicht verweigern. Was die Reparationsfrage so verwickelt macht, ist, daß der Friedensvertrag es Deutschland gestattet, zu fordern, daß man seine wirtschaftliche Lage prüft, um die Zahlungen abzuändern, die ihm auferlegt wurden. Bis jetzt konnte der Zahlungsplan immer in Frage gestellt werden. Wenn es uns gelingt, den Äoung-Plan zum Leben zu erwecken, dann können wir die französischen Schulden kommerzialisieren. Wir werden einkassieren, was man uns schuldet, und unsere Handlungsfreiheit wiederverlangen. Sie können sicher sein, daß die Abkommen über die Schulden unserem Lande keine neuen Lasten auferlegen und daß Deutslcband erfüllen wird. Dieses System wird ergänzt werden durch eine Aus gleichs - und Kontroll- t o m m t f fi o n. Wir sind bereit, loyal mit Deutsch
wtb. Berlin, 27. Juli. (Gig. Meld.) Im Stirn nesprozeß wegen des bekannten Betrugsversuchs mit Kriegsanleihestücken — im Ausland aufgekaufter Neubesitz wurde als Allbesitz angemeldet — verkündete unter lebhaftem Andrang des Publikums Landgerichtsdirektor Arndt heute früh folgendes Urteil:
Die Angeklagten Stinnes, Nothmann, Leo Hirsch und S ch n e i d t werden f r e i g e • sprachen.
Es werden verurteilt: der Angeklagte v. Waldow wegen gemeinschaftlichen Betrugversuchs zu 4 Monaten Gefängnis, wovon 7 Wochen durch die erlittene Unter» sitchungshaft als verbüßt gelten; der Angeklagte Bela Grosz wegen desselben Vergehens zu 4 Monaten Gefängnis, wovon eine Woche durch die Untersuchungshaft als verbüßt gilt; der Angeklagte Eugen Hirsch wegen Beihilfe zum Betrngsoersuch zu 3.0 00 M a r k G e ld st r a se bzw einem Monat Gefängnis.
Die Kosten des Verfahrens fallen, soweit Freispruch erfolgt ist, der Staatskasse, im übrigen den verurteilten Angeklagten zur Last. Der Haftbefehl gegen Stinnes, Nothmann und Leo Hirsch werden aufgehoben.
" Von Waldow erhielt Bewährungs- frist von 3 Jahren. Der Angeklagte und das Publikum nahmen das Urteil ruhig auf.
In der
Begründung des Urteils
verweist der Vorsitzende zunächst auf die Rechtsfragen, die in diesem Prozeß zu erörtern gewesen seien und betont, daß er bei dieser Sachlage naturgemäß nur auf die wesentlichsten Teile eingehen könne. Eine Reihe von Schwierigkeiten, so heißt es weiter, hätte in diesem Prozeß der Erforschung der Wahrheit entgegengestanden. Nicht nur, daß die Angaben der Angeklagten miteinander in Widerspruch gestanden hätten, die Angeklagten hätten auch teilweise in ihren Angaben im Lause des Prozesses gewechselt. Es könne daher nicht zweifelhaft fein, daß der Sa chverhalt,
Das Kabinett $otae ist zuMgetreten.
poincare durch Krankheit zum Rücktritt gezwungen. — vor der Berufung Vriands zum Ministerpräsidenten. — Ein bedeutsamer Wechsel vor dem Zusammentritt der „Konferenz zur Liquidation des Krieges" im Haag.
Die Wirtschaftsverhandlungen.
nicht um Wahrheit und Gerechtigkeit kümmert, sondern sich nach dem Willen der jeweiligen staatlichen Machthaber richtet.
Die „Voss. Zig." erklärt: Der Richter ist in Polen versetzbar und absetzbar. So kam der Spruch zustande, der sich bemüht, die letzten Fetzen der Anklage zu sammeln, aber immerhin nicht außer Acht lassen kann, wie fadenscheinig sie geworden sind. Darum die Ehrenerklärung für Ulitz und die Bewährung.
Der „Vorwärts" bezeichnet als eine unerläßliche Vorbedingung jeder Annäherung der beiden Nachbarstaaten die Herstellung voller Rechtssicherheit und Gleichberechtigung der deutschen Minderheit — sowohl im Völkerbundsland Ost- oberschlesien wie in ganz Polen.
In der „Deutschen Tageszeitung" lieft man; Dieses Urteil bedeutet für Ulitz die beste Rechtfertigung, für den polnischen Außenminister Zalefki, der in Genf den Völkerbund gegen die deutschen Minderheiten nicht scharf genug machen konnte, eine völlige Niederlage. Von der Verschwörung gegen den polnischen Staat, von der Zaleski in Genf pathetisch sprach, hat selbst der polnische Staatsanwalt nichts mehr entdecken können.
Der „B. B. C." spricht von dem Schulbeispiel eines Zwcckurteils. Wie in so vielen politischen Prozessen bat das Gericht auch diesmal die Strafbemessung sorgfältig so ausgewogen, daß dem Verurteilten nichts mehr geschieht — während die Tatsache der Verurteilung gerettet wird, womit der politische Zweck erreicht, die Anklage allerdings gerichtet ist. Denn das Ganze ist — ein verschämter Freispruch.
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Aus Berlin wird gemeldet:
Polen hat am 19. Juli vorgeschlagen, am Juli in Verhandlungen über den deutsch polnischen Handlesvertrag einzutreten. Diese Friß ist, wie in der ..Kreuz-Zeitung" erklärt wird, von
FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadl Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Am Freitagabend hieß es überraschend in Paris, daß Poincare, der erheblich krank ist und sich in Kürze einer Operation an der Prostata unterziehen muß, zurücktreten werde. Das Kabinett werde mit ihm zurücktreten. Briand werde mit der Neubildung des Kabinetts beauftragt werden. Inzwischen hat die Regierung in dem Senat die Zustimmung zum Schuldenabkommen erzielt. Nur 30 Senatoren haben gegen die Ratifizierung gestimmt. Es wurde einfttmmig folgen bei Entschluß angenommen:
Der Senat stellt fest: 1. daß die internationalen Vereinbarungen Deutschland zu Zahlungen verpflichten, die gleichzeittg einen Teil der Rückstände der Reparationsschuld decken und den Dienst der in den Abkommen von London und Washington vorgesehenen Annuitäten sichern; 2. daß die französische Regierung, falls Deutschland seine Zahlungen einstellen oder beträchtlich verringern sollte, das Recht hätte, den ganzen oder teilweisen Aufschub der französischen Zahlungen auf drei Jahre aufgrund der Abkommen von Washington und London im Zusammenhang mit dem Briefwechsel Caillaux-Churchill vom 12. Juli 1927 zu fordern. Der Senat rechnet bei den dann zu eröffnenden Verhandlungen auf die Freundschaft und Loyalität der Vereinigten Staaten und Englands. Die Kriegsschulden find aufgenommen worden, um den Sieg der Alliierten zu sichern. Ihre Regelung darf für Frankreich keine Schwierigkeiten im Falle eines Versagens Deuffchlands schaffen.
Noch ehe die Verhandlung im Senat zu Ende war, hat die Regierung in der Kammer das Vertagungsdekret verlesen lassen, was stürmische Kundgebungen der Opposition gegen Die Regierung herbeiführte.
Der Regierungswechsel.
wtb. Paris, 27. Juli. (6ig. Meld.) Auf Grund des Beschlusses des gestrigen Kabinettsrates hatten die Minister Briand und B a r t h o u sich heute vormittag nach 9 Uhr zu Poincare begeben, um ihn zu ersuchen, seinen Rücktrktksentschluß rückgängig zu machen. Da Poincare feine Demission aufrecht erhielt, haben die Regierungsmitglieder im Laufe des heutigen Ministerrates dem Präsident Doumergue die gesamte Demission des Kabinetts überreicht.
Präsident Doumergue hat darauf hin in der Wlichin Meise sofort seine Besprechungen für die Lösung der Krise mit der Berufung der Präsidenten von Kammer und Senat ins Elysee begonnen. Er gedenkt, wie Yavas erfährt, in der Lage zu fein, im Laufe des Tages diejenige politische Persönlichkeit zu berufen, der er die llebernahme der Kabinettsbildung anbieten will. Man rechnet, wie schon gestern erklärt wurde, mit der Möglichkeit, daß der Ruf des Präsidenten an Briand ergeben wird.
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Das Urteil im Ulitzprozetz. —
Aus Kattowitz wird gemeldet:
Nachdem die Verteidigung, der es nicht schwer war, die recht schwachen, gegen Ulitz vorgebrachten Anwürfe des Staatsanwalts abzuwehren, für Freispruch des Angeklagten plädiert hatte, verkündete das Gericht nach langer Beratung das Urteil, wonach Ulitz wegen Beihilfe zur Entziehung vom Militärdienst zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten verurteilt wird. In der Begründung des Urteils führte der Vorsitzende aus, daß das Gericht zu einem „schuldig" habe kommen müssen, weil es die Unterschrift unter dem sogenannten „Bialucha-Dokument" als echt anerkannt Habs, da nach der Aussage von Ulitz selbst er kein Schriftstück ohne seinen Namenszug habe herausgehen lassen. Das Gericht erkannte jedoch an, daß er aus idealen Beweggründen und aus Liebe zu feinem Volke gehandelt habe, und deshalb habe es auch das Strafmaß niedriger bemessen. Außerdem habe das Gericht dem Angeklagten eine zweijährige Bewährungsfrist gewährt und gleichzeitig die sechswöchige Untersuchungshaft voll angerechnet. Die Verteidigung hat gegen das Urteil Berufung eingelegt.
In Kattowitz, so schreibt die „Germania", ist ein volitisches Urteil, kein Rechtssvrucb gefällt worden; denn wohl selten wurde die Schuld eines Angeklaaten unzweideutiger widerlegt als hier. Dieses Urteil richtet sich nicht allein gegen den Geschäftsführer des Deutschen Volksbundes, sondern es ist zugleich eine Kriegserklärung an die deutsche Minderheit in Oftoberfchlesien. Wir bedauern auf das tiefste einen Fehlspruch, der es Deutschland noch schwerer als bisher macht, an den polnischen Verständigungswillen zu glauben und die immer wieder zurückgewiesene Hand Polen aufs neue entgegenzustrecken.
In der „D. A. Z" heißt es: Diese Kattowitzer Richter haben Recht zu Unrecht, Wahrheit zur fiüae gemacht. Ihr Urteilsspruch ist das typische Beispiel eines politischen Urteitsfprucbes- der sich