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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

irr. 170

Erscheint sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen: „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernrufe: Schrift- :: leitung 1152, Fuldaer Actiendruckerei 1150 und 1151. ::

Donnerstag, 25. Zuli 1929.

Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw. 48 Pf.) ohne Zustella. Anzeigen-Preise: Kleinzeile (Col.) lokal 0,15 jO , auswärts 0,20 JO.. Reklamezeile: lokal 0,60 '/Ut, auswärts 0,80 HJt. Bei Wiederholungen Rabatt. Postscheckk. Franks, a. M. 4051.

56.Zahrg.

Zer Kamps um die Tatsache« in Frankreich.

Poincare hat mit Hilfe seines Außenministers Briand in der Kammer durchgesetzt, daß die Schul­denabkommen mit England und Amerika rechtzei­tig ratifiziert werden. Aber die Mehrheit betrug nur 8 Stimmen, nämlich 300 gegen 292. Die Ra- tifizierungsgefetze liegen jetzt dem Senat vor. Man nimmt an, daß sie hier ohne besondere Schwierig­keiten zur Annahme gelangen.

Der Kampf um die Ratifizierung hat sich zu einer heißen Schlacht entwickelt und Poincare und Briand haben ihre ganze Kraft aufbieten müssen, um ihren Willen durchzusetzen. Bei dieser Debatte ist sozusagen die ganze Geschichte des Reparations­und Schuldenproblems aufgerollt worden, es ent­wickelte sich so etwas wie eine große Generalab­rechnung mit allen Instanzen und Phasen, die in der Reparationsgefchichte von Bedeutung gewesen sind. Wenn der Kampf für Poincare so außer­ordentlich schwer war, so hat das seinen Grund auch darin gehabt, daß er sich v o r z w e i I.a h - ren mit allen Kräften gegen eine Ratifizierung gewehrt hatte. Das war ihm nicht vergessen wor­den. Es waren aber auch die Gründe noch nicht weggefallen, mit denen Poincare damals den Ge­danken der Ratifizierung bekämpft hatte. Frank­reich betrachtet sich als den S i e g e r im Weltkrieg und die Psyche des französischen Volkes ist in den 10 Nachkriegsjahren nicht soweit zum Tatsachein­sinn erzogen worden, daß der Gedanke irgendwie verständlich wäre, als Sieger auch noch an der E r- stattung der Kriegskosten beteiligt zu sein. Wofür sollte man den Krieg gewonnen ha­ben, wenn nicht der Verlierende alle Unkosten würde zahlen müssen. Der Gedanke, daß Deutsch­land und seine Verbündeten die volle Ersatzpflicht haben würden, ist wohl auch heute noch in Frank­reich viel stärker als der Zweifel daran, ob Deutsch­land, das durch den Krieg geschwächte und dieWirt- schaftsmaßnahmen der Siegeroölker in seiner Wirt- fchaftsentfaltung gehemmte Volk, überhaupt in der Lage sein würde, für die gesamten Kriegsschäden aufzukommen. Die Pause, die der Versailler Ver­trag vorgesehen hat bis zu dem Tage, da die End­summe der deutschen Reparationsverpflichtungen genau bestimmt werden solle, hatte keine andere. Bedeutung als die, daß man eine gewisse Regene­ration des durch den Krieg geschwächten Deutsch­land abwarten wollte, um es "dann mit der vollen Wucht der gesamten Kriegskosten zu belassen. Die Parole: „Deutschland zahlt alles" hat sich in der französischen Psyche festgesetzt, sie ist auch heute noch nicht vollends aus ihr vertrieben.

Zwar hat man jetzt einlchen gelernt, daß die Zahlungsfähigkeit Deutschlands ihre Grenzen hat, aber der Gedanke bleibt noch nach wie vor für alle Franzosen eine Unmöglichkeit, daß die Opfer, die so für das eigene Land noch aus eigenen Kräf­ten aufgebracht werden müssen, noch gesteigert wer­den könnten durch Zahlungen an die Kriegsver­bündeten. Das Schuldenabkommen mit Amerika, das über 62 Jahre laufen soll, widersprach darum aufs strikteste der französischen Siegesmentalität. Glaubte Frankreich doch auch, daß das Kriegsbünd­nis mit Amerika auch ein Bündnis der Ueber- nahme der Nachkriegsschulden sein müsse und daß man ihm nicht zumuten könne, von diesen Lasten länger und schwerer behelligt zu sein als irgend­eine der alliierten und offerierten Nationen. Die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten von Amerika den Versailler Friedens­vertrag nicht anerkannt haben, ist vom fran­zösischen Polke in ihrer finanzpolitischen Tragweite niemals recht begriffen worden, und die franzö­sischen Staatsmänner haben ihrerseits auch kaum etwas getan, um dem Lande diese Bedeutung klar-

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zulegen. Wäre es anders, so hätte der Sozialist Franklin-Bouillon mit seiner berühmten Kammer­rede niemals den Einfluß auf die französischen De­putierten erringen können, den er vor 14 Tagen zum Entsetzen des Kabinetts Poincare wirklich ge­wonnen hatte. Die Vorbehalte, die die franzö­sische Kammer mit der Ratifizierungsgenehmigung verbunden hat, sind jetzt in einem besonderen Ge­setz zusammengefaßt. Sie wollen zum Ausdruck bringen, daß Frankreich nur soweit sich Amerika gegenüber für zahlungspflichtig hält, als es von Deutschland dafür entschädigt wird. Diese Vorbehalte werden den Amerikanern nicht gezeigt werden, doch werden sie auf der bevorstehenden Voungkonferenz für dieHaltung der französischenDe- legierten gegenüber Deutschland eine wichtige Rolle spielen. Vielleicht werden sich die französischen De­legierten alsdann eine neue Enttäuschung holen müssen.

Wenn Deutschland Kriegsschulden bezahlt, so tut es das gewiß unter dem Druck der Sieger­mächte, es tut dies aber im eigentlichen Sinne, um sich des Pflichtanteils zu entledigen, den es zum Wiederaufbau des durch den Weltkrieg zerstörten Europa auf sich nehmen mußte. In der deutschen Reparationspolitik steckt ein gut Teil europäi­sches Denken, und es ist kein anderer als Walter Rathenau gewesen, der in feiner ersten Reichstags­rede im Kabinett Wirth diesen moralischen Sinn der deutschen Reparationsverpflichtungen umschrie­ben hat. Dieses europäische Denken ist für die Besiegten sicher leichter als für die Sieger. Wir möchten hoffen, daß die mannigfachen Enttäuschun­gen in der Reparationsfrage, die dem von fal­schen Illusionen genährten französischen Volke be- schieden worden sind, das europäische Gewissen der Franzosen erhellen möchten und Frankreich sehr bald die Staatsmänner findet, die vorwärts zu blicken vermögen, ja, erheblich hellsichtiger sind als Briand, obwohl fein Paneuropagedanke bereits erkennen läßt, daß er eine Verpflichtung für ein neues Zeitalter in sich fühlt.

F)HfIofe Diplomatie.

Die englische presse zu den MeinunKsserschieden- herlcn über i?ic Reparationskonferenz.

Der diplomatische Korrespondent des englischen Arbeiterblattes „Dailn Herold" schreibt, in der Frage der Reparationskonferenz herrsche noch volle Ungewißheit. Da die Zeit verstreicht, ohne daß eine Vereinbarung über den Tagungs­ort in greifare Nähe rückt, wird wiederum an­geregt, die Konferenz bis zum Oktober, d. h. bis nach der Völkerbund?aufzuschieben und inzwischen den Dawes-Avnarat in Gang zu hal­ten.

„Daily Telegraph" führt aus: Die Reparations­konferenz ist wiederum durch Meinungsverschie­denheiten zwischen verschiedenen Mächten aufge­halten. Es ist jetzt schon so gut wie sicher, daß sie nicht zu bim vereinbarten Datum, dem 5. oder 6. August, zusammentreten kann. Infolgedessen kann auch an dem ursprünglich für das Inkraft­treten des Poung-Planes vereinbarten Datum, dem 1. September, nicht mehr festgehalten wer­den. In einem Leitartikel erinnert „Daily Tele­graph" daran, daß der Poung-Plan bereits am 7. Juni in die Hände der beteiligten Regierungen gelangte mit der Anempfehlung, keine unnötige Verzögerung in der Durchführung des Planes ein­treten zu lassen. Das Blatt meint, ein Zusammen­kunftsort der Konferenz in Holland könne von der belgischen Regierung nicht erwogen wer­den angesichts der Erbitterung, die zwischen den

KomMnistische GreuchropagMa gegen China.

In der Sonntagsnummer der „Roten Fahne" erschien in großer Aufmachung ein Bild „Ermor­det und geschändet", das geköpfte Menschen dar- fteilte, und darunter die Zeilen: „So wütet D^i- angkailchek, der Alliierte des „Vorwärts", gegen revolutionäre Bauern und Arbeiter in China". In Wirklichkeit ist das Bild, so weist der „Abend" nach, ehr alt und einem im Jahre 1901 er- d) i e ne n e n dickleibigen Wälzer von Josef Kirschner über China entnommen. Das sozialisti- che Blatt gibt, um jedem Ableugnungsversuch vor- zubeugen, auf dem Titelblatt dieses Bild im Faksi­mile wieder. Das Bild trägt in dem Buch die Unterschrift: „Enthauptete chinesische Räuber, welche die Grenze eines Goldgräberbezirks über­schritten hatten.

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Aus Paris wird gemeldet:

Der chinesische Gesandte in Paris sprach, wie Havas mitteilt im Laufe eines längeren Besuches Außenminister Briand für seine Bemühungen zur friedlichen Regelung des chinesisch-russischen Kon­fliktes feinen Dank aus. Er gab Briand die Ver­sicherung, daß China die internationalen Verpflich­tungen, insbesondere gegenüber dem Völkerbund und aus der Unterzeichnung des Kellogg-Paktes, achten werde. Er betonte schließlich, daß China den Streitfall auf friedlichem Wege regeln wolle.

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Nach Ablehnung einer französischen Vermitt­lung seitens der Sowjetunion, di abe nach ande- rerLesart gar keine Vermittlung war, beurteilt der „Matin" die Lage im russisch-chinesifchen Kon­flikt wie folgt: Ein Krieg ist unwahr- fch e i n l i ch, aber man darf sich jetzt nicht etwa darüber streiten, welches die beste Methode ist, ihn ru «--«-hindern. Das aemetnbrm» Vorgehen von

Paris und Washington hat glückliche Wirkungen gehabt. Es scheint, daß die französische Vermitt­lung China zusagt, während die Sowjetregierung die amerikanische Vermittlung für vorteilhafter ansehe. Auch Japan und England wollen nicht beiseite stehen. Die Hauptsache ist aber doch, den Frieden aufrecht zu erhalten; keine der Mächte kann ihre Prestige oder ihr Interesse in die Wag­schale werfen. Es wäre sogar besser, so fährt das Blatt fort, wenn die Russen und die Chinesen durch die Fachleute des Völkerbunds und des Haa­ger Schiedsgerichts unterstützt ihre Angelegenhei­ten ordnen würden. Wenn die Politik hineinspielt, ist man hinsichtlich der Zukunst nicht sicher .

Chinesische Erklärung.

wtd. Ranking, 24. Juli. (Eia. Meld.) Von zuständiger Stelle wird die der chinesischen Regie­rung zugeschriebene Absicht, russische Weiß­gardisten zum Einfall in das Gebiet der Sow­jetunion zu benutzen, als vollständig unbegründet bezeichnet. China beabsichtige nicht, mit Rußland Krieg zu führen und werde keinen Plan unterstüt­zen, dessen Zweck es ist, den Weißgardisten zu helfen.

Der amerikanische Staatssekretär Stimson ver­ständigte den deutschen Botschafter in Washington von den im Interesse der Verhütung eines Krie­ges unternommenen Schritten und erbat Deutsch­lands Unterstützung hierbei.

Der Betrieb auf der ostchinesischen Eisenbahn.

rotb. rNnkden, 24. Juli. (Eig. Meld.) Der Betrieb auf der ostchinesischen Eisenbahn vollzieht sich auf chinesischem Gebiet in normaler Weise. Zwischen Mandschurei und Suifenho ist der Ver­kehr unterbrochen, da die in östlicher Richtung ver­kehrenden Züge an der sibirischen Grenze Halt machen und nicht nach China weiter fahren.

beiden Staaten wegen des „Schelde"-Streites ent» standen sei, und führt weiter aus: London ist von Anfang an die Stadt gewesen, die durch alle Um­stände als geeignetester Ort erschien; das war zu­mindest die Ansicht, die alle Beteiligten, mit Aus­nahme der französischen Regierung, vertreten ha-^ den. Angesichts der im Noung-Plan von Eng­land verlangten finanziellen Opfer ist von der bri­tischen Regierung.nicht zu erwarten, daß sie an den kommenden Reparationserörterungen mit Begei­sterung teilnehmen könnte. Der Charakter des Poung-Planes und die Gesinnung, die sich wäh­rend der langen Bemühungen der Konferenzvor­bereitungen gezeigt hat, könnten die britische Re­gierung vielleicht zu derUeberzeugung bringen, daß die Zeit noch nicht reif für d i e Revi­sion des Dawes-Planes gewesen sei.

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Der rumänische Außenminister hat in Paris Briand ausgesucht und sich beklagt, daß Rumäniens Anteil an den Reparationen durch den Aoung- Plan nicht erhöht sind.

Als französische Mitglieder des Organisations­ausschusses für die internationale Zahlungsbank sind, wie verlautet, der Gouverneur der Bank von Frankreich, Moreau, und der Leiter des Archivs der Bank von Frankreich, der bereits an den Sachverständigenarbeiten teilnahm, Q u e s - nay, vorgesehen.

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Von -der Reichsbahn-Hauptverwal­tung wird mitgeteilt:

„Die Hauptverwaltung der Deutschen Reichs- bahngesellschaft hat sich bereits am 25. Februar die­ses Jahres genötigt gesehen, Nachrichten, die der politisch-gewerkschaftliche Zeitungsdienst verbreitet hat, als Verleumdung zu bezeichnen. Es han­delte sich damals um die Behauptungen, daß die Reichsbahn über das Ausland versuche, die Auf­sichtsbefugnisse der Reichsregierung zu lockern.

Der Politisch-gewerkschaftliche Zeitungsdienst gibt mieden^': in seiner Nummer 167 vom 22. Juli eine Darstellung dieser Vorgänge, die sich im Zu­sammenhang mit der Vcratuiw über den Poung- Plan abgespielt haben sollen. Er verbreitet dies­mal eine Darstellung, daß die Hauptverwaltung der Reichsbahn „hinter den Kulissen mit Hilfe der Ausländer arbeite, um die Unabhängigkeit der Reichsbahn von der Reichsregierung durchzu- seßen".

Weiter behauptet der Politisch-gewerkschaftliche Zeitungsdienst, daß die Hauptverwaltung sich ge­gen die Veröffentlichung des vom Reichsbankprä­sidenten Dr. Schacht an Poung gerichteten Brie­fes gewandt habe.

Wenn auch die hierin liegende Verleumdung so deutlich ist, daß für Sachkenner die Haltlosigkeit ohne weiteres zu Tage tritt, so kann doch nicht energisch genug dagegen Verwahrung ringelet werden, daß der Politisch-gewerkschaftliche Zei- tunsdienst dauernd weite Kreise des deutschen Vol­kes durch die Verbreitung solch unwahrer Nach­richten beunruhigt".

Die französischen Kriegs=Dcfcumente.

Der erste Band der offiziellen französischen Dokumentensammlung zur Vorgeschichte des Krie­ges ist heute erschienen. Der mit der Veröffent­lichung betraute Ausschuß erläutert in einem Vor­wort die Grundsätze, nach denen im französischen Außenministerium die amtlichen Dokumente be­handelt werden. Es heißt darin: Sämtliche im Ministerium des Auswärtigen einlaufenden Schriftstücke werden bei Eingang registriert. Do­kumente, die in dem Register verzeichnet waren, in den Archiven jedoch fehlten, werden ausdrück­lich namhaft gemacht. Die Auswahl der Doku­mente wurde einzig und allein von Erwägungen wirtschaftlicher Art bestimmt. Der erste Band um­faßt die Periode vom 4. November 1911 — dem Abschluß des deutsch-französischen Marokkovertra­ges — bis 7. Februar 1912 — dem Tage der Abreise Lord Haldanes, des englischen Kriegsmi­nisters, nach Berlin, wo er den Versuch machte, zwischen England und Deutschland ein Abkommen über die Beschränkung der Seerüstungen zu er­zielen. — Der erste Band beschäftigt sich also in der Hauptsache mit der Frage der Ratifizierung des deufich-französischen Marokkoabkommens und sei­ner Aufnahme bei den europäischen Mächten; au­ßerdem mit dem italienisch-türkischen Kriege und mit dem russisch-persischen Konflikt. Die Publika­tion umfaßt 641 Seiten.

Diese erste Dokumentensammlung enthält wert­volles Material gegen die Behauptung von der deutschen Alleinschuld am Kriege. Biele Doku­mente liefern den Beweis, daß Bestrebungen un­ternommen worden waren, Deutschland von den befreundeten Mächten zu trennen. Die Versuche begannen in Konstantinopel, wo der Einfluß Mar­schalls beseitigt werden sollte. Sie verschärfen sich in Italien, das man bereits als sicheren Klienten der Entente ansieht. Die Bestrebungen, Italien zu gewinnen, werden jedoch von Erwägungen vo- litischer Art in gewissen Grenzen gehalten. Der französische Botschafter in Konstantinopel, Bom- pard, warnt davor, allzu weit zu gehen, weil die formale Einbeziehung Italiens in die Entente das europäische Gleichgewicht stören und England ver­anlassen könnte, sich von der Entente zurückzuzie­hen. Von besonderem Interesse sind die Berichte des französischen Botschafters in Wien, Crozier, über die Bestrebungen des Grafen Aehrenthal, sich von Berlin unabhängig zu machen. Ueber diese Be­strebungen war man bereits unterrichtet. Cro­zier baut auf diesen wirklichen oder vermeintlichen Unabhängigkeitsbestrebungen auf, von Oesterreich gegen Gewährung eines Darlehens von einer Mil­liarde einen Neutralitätsvertrag zu erhalten. In dieser Hinsicht ist bas Dokument 168 der Akten­

sammlung mit seinen Anhängen ganz befc;.' rs interessant. Den Bestrebungen Croziers setzt die russische Regierung ein Veto entgegen. In der Sammlung sind auch die Berichte über die Ge­fahr eines Bruches zwischen England und Ruß­land wegen der persischen Frage von Wert.

Die Sammlung wird demnächst in deutscher Sprache herausgegeben von Dr. Arthur Rosenberg im Verlag Reimar Hobbing, Berlin.

Rußland und England.

Aus Moskau wird gemeldet:

Dem norwegischen Geschäftsträger in Moskau Danielfen wurde eine von Karachan unterzeichn nete Not als Antwort auf die Note Danielfens vom 17. Juli, welche die Bereitschaft der briti­schen Regierung zum Ausdruck brachte, die diplo­matischen Beziehungen zwischen Großbritannien und der Sowjetunion wiederaufzunehmen, über­reicht. Die Sowjetunion nimmt den Wunsch der britischen Regierung, die diplomatischen Beziehun­gen zwischen Großbritannien und der Sowjetunion welche „nicht durch die Schuld u. nach dem Wun­sche der Sowjetregierung abgebrochen wurden" wiederaufzunehmen, zur Kenntnis und führt dann aus:

Die Sowjetregierung begrüßt dies im Interesse der beiden Länder und im Interesse des Friedens und hält es für notwendig, ein dauerndes Ein­verständnis in allen fraglich. Punkten in möglichst kurzer Frist zu erreichen, wobei sie von dem Stand­punkt ausgeht, ein dauerndes Einverständnis könne nur bei voller beiderseitiger Gleichberechti­gung und gegenseitiger Lichtung erreicht werden. Die Sowjetregierung nimmt Rechte und Pflichten der in diplomatischen Beziehungen zueinander ste­henden Staaten auf sich, insofern die englische Re­gierung diese Rechte und Pflichten auf sich nimmt. Da die englische Note nur einen vorläufigen Mei­nungsaustausch ausschließlich über die Prozedur einer nachträglichen Besprechung strittiger Fragen vorschlägt, nicht aber deren gründliche Erledigung, und in Anbetracht dessen, daß diese Verhandlun­gen über die Prozedur innerhalb kürzester Frist beendet werden können, gab die Sowjetregierung ihrem Botschafter in Frankreich Dowgalewskk Weisung, sich zu diesem Zweck nach London zu begeben.

Die Krankheit des Kanzlers.

rotb. Berkin, 24. Juli. (Eig. Meld.) Die den Reichskanzler behandelnden Aerzte geben folgendes Kommunique bekannt: Nach der heutigen Unter­suchung des Herrn Reichskanzlers kann von dem Anhalten der fortschreitenden Besserung gesprochen werden. Der Kranke nimmt bereits leichte Nah­rung zu sich.

Gez. Geheimrat Cnderlen: gez. Geheimrat v. Krehl.

Die Erkrankung Poincares.

= Paris, 24. Juli. (Eig. Meld.) Wie „Ma­tin" berichtet, handelt es sich bei der Erkrankung Poincares um eine Darmvergiftung, an der er be­reits vor zwei Jahren litt. Die Aerzte wer­den morgen bestimmen, ob und wann der Miiri» sterpräsident seine Tätigkeit wieder aufnehmen darf. Einige Blätter glauben, daß dies frühestens am Montag geschehen darf.

Die Sanierung der Reichskasse

Aus Reichstagskreisen wird dem Demokrati­schen Zeitungsdienst u. a. mitgeteilt:

Die Vorbereitungen des Haushaltsplanes für da» nächste Jahr im Schoß der Ministerien haben bereits begonnen. Die für dieses Jahr ersparten 400 Millionen Dawes-Zahlungen werden voraus­sichtlich in erster Linie dazu verwendet werden müf­felt, um die Kaffenlage des Reiches zu bessern. Weiterhin wird mit dieser Summe das voraus­sichtliche Defizit des laufenden Haushaltsplanes be­seitigt weren müssen, das von Finanzkennern auf 250 Millionen geschätzt wird. Cs bleibt alsdann zu überlegen, in welcher Weise das Defizit des vor­jährigen Haushaltsplanes, das sich auf 154 Mil­lionen beläuft, beseitigt wird. — Mehreinnahmen sind nur durch die erhöhten Zölle zu erwarten. Diese Summe ist aber sehr niedrig. Sie wird in diesem Jahre auf etwa 25 Millionen Mark ge­schätzt. Daß mit erheblichen Mindereinnahmen zu rechnen ist, zeigt die letzte veröffentlichte lieber- sich über die Reichseinnahmen im Juni 1929. Ins­gesamt zeigen diese Zahlen, daß selbst bei sparsam­ster Finanzroirtschaft mit den 400 Millionen Er­sparnissen in diesem Jahr die geplante Steuer- Senkung wohl kaum durchzuführen fein wird. Als frühester Termin einer solchen Steuersenkungs- aktion wird der 1. April 1930 genannt.

Auch in den finanzpolitischen Kreisen des Reichs­tages ist man sich darüber klar, daß eine Steuer­senkung nur dann erfolgen kann, wenn eine Summe zur Verfügung steht» die mindestens 400 bis 500 Millionen beträgt. Die Ersparnisse des Poung-Planes bringen dies? Summen aber nicht auf, da durch Reichsbahn, Jndustrieobligationen und durch das Defizit des Haushaltsplanes diese Summe so vermindert werden wird, daß neue Einnahmequell en gesucht werden müssen.

* Zentrum und Sfaatsuertraq mit den evan­gelischen Landeskirchen. Man schreibt uns: Da im August die Verhandlungen zwischen dem preußi­schen Kultusministerium und den evangelischen Landeskirchen über den Abschluß eines Staatsver­trages wieder ausgenommen werden, findet man da und dort in evangelischen Kirchenblättern wie­derholt die Auffassung vertreten, las würde das Zentrum diesen Verhandlungen nicht das nötige fordernde Interesse entgegenbringen, ober sogar bei