Fuldaer Zeitung
Zeitberichte 4.
Lin neuer Automat.
Do x startete zu seinem ersten Flug
Ein Automat für warme Würstchen
wurde soeben als neuste Erfindung der Fleischwarenbranche patentiert. Der Apparat liefert zu feder Zeit nach Geldeinwurf heiße Würstchen, die tat Innern des Apparats gesiedet werden, mit Senf und Brot.
Das Riesenboot nach dem glücklich beendeten Flug.
Das Do x-Riefenflugboot der Dornier-Werke hat seinen ersten Flug zu voller Zufriedenheit der Piloten und Techniker bestanden. Es wurde aus der Halle auf den Bodensee gebracht, wo es feine hervorragende Wendigkeit auf dem Wasser und seine leichte Startfähigkeit erweisen konnte.
Xfi 162.
Dienstag, ven 16. Juli 1929.
Wie wird das Wetter?
Durch den Zustrom der kälteren und daher schwere, ren Luft von Nordwesten her, hat sich das Hochdruckge- biet von Westen her wieder befestigt und wird für die nächste Zeit das Wetter Mitteleuropas beherrschen.
Vorhersage bis Dienstag abend: noch keine wefent- 1 liche Veränderung.
von den Hochschulen.
= Die Heidelberger Studentenschaft für den neuen Zusammenschluß. Der Allgemeine Studentenausschuß (Asta) in Heidelberg befaßte sich in einer Sitzung am 13. Juni mit der Zerrissenheit innerhalb der Studentenschaft und erreichte die Annahme einer Entschließung, in der bestimmte Richtlinien für einen neuen Zusammenschluß aufgestellt wurden. Die „Großdeutsche Studentenschaft" (der Zusammenschluß des Waffenrings und der völkischen Finkenschaft), erhob gegen zwei Punkte dieser Entschließung aus formellen Gründen Einspruch. Nunmehr hatte sich eine neuerliche Asta-Sitzung mit dieser Angelegenheit zu befassen. Um möglichst eine Einigung zu erzielen, hatte die Freistudentische Gruppe versucht, eine gemeinsame, für alle Gruppen annehmbare Basis zu finden. Sie hatte zu den umstrittenen Punkten der ersten Resolution Zusätze beantragt und zwar: Punkt 3: „Jede parteipolitische, rassenpolitische und religiöse Betätigung ist abzulehnen", erhält folgenden Zusatz: „Es bleibt den einzelnen Gruppen innerhalb der zu erstrebenden allgemeinen deutschen Studentenschaft überlassen, ihre Stellungnahme zu rassenpolitischen Fra
3. Blatt.
Druck der Fuldaer Acllendruckerei. Fulda.
Landwirtschaftliches.
=? Tagung der Reichsdresch-Gilde 6. D. Kurz vor der neuen Ernte traten die in der Reichsdresch-Gilüc e. V. vereinigten Dreschmaschinenbesitzer aus Hessen und Hessen-Nassau noch einmal inGiehen zusammen, um über berufsständische und technische Fragen zu beraten. Obwohl die Reichsdresch-Gilde zu den wichtigsten Berufsständen der an der volkswirtschaftlichen Ausnutzung der Ernte beteiligten Faktoren gehört, fchlt es ihr noch an der zielbewuhten und straffen Organisation. Aus dem bei der Gießener Tagung erstatteten Bericht über die Lage ist zu ersehen, daß der Anfang zur Bildung einer Interessengemeinschaft gemacht ist, die sowohl die Belange der Dreschmaschinenbesitzer, wie die im Rahmen der notleidenden Landwirtschaft zu vertreten hat.
Vorerst soll das Gewerbe der Drescher in bestimmte Bahnen gelenkt werden, da es einerseits von der Indus , andererseits von der Landwirtschaft abhängig ist, mit es ja untrennbar verwoben ist. Die Drescher sind aoe weder Handwerker noch Gewerbetreibende. Richtig 1 . daß die Drescher als eine Teilorganisation der Landwirtschaft anzusprechen sind. Das Dreschgewerbe mutz ich herauskristallisieren, um eine Berustgenossenschas zu bilden, oder sich der landwirtschaftlichen Genossenschaft angliedern. Der Zusammenschluß hat zum Z die Vertretung der verschiedensten Belange der Dre- cher, die in Hessen allein 3 000 Maschinen nut durch- chnittlich Mk. 15000 pro Maschine investierten Kap - tals aufweisen. Es sind Maßnahmen notwendig, um das investierte Kapital nutzbringend zu verwenden. Noch setzt haben die Drescher Löhne von 1927 und 1928 aus- stehen. Durch die gute Obsternte und die mittelmäßige übrige Ernte hofft man in diesem Jahre elmgermatzen die Außenstände hereinzubekommen. Nach Erledigung weiterer Fachangelegenheiten wurden zum Ausbau der Organisation Kreis-Gilden geblldet, die mit der Regierung und den Behörden Zusammenarbeiten sollen. Zur Erhebung der Dreschlöhne für 1929 wurde vorgeschlagen Mk. 9.60 als Richtpreis zu fordern.
Theater und Musiki.
— Das glückliche Heidelberger Theater. 5« einer Pressebesprechung konnte Intendant Hahn vorn Heidel- beraer Stadttheater seststellen, daß in der Spielzeit 1928-29 etwa 143 000.— Mark mehr als m der letzten Spielperiode eingespart werden konnten. Allein d» Einnahmen erbrachten in der letztjährigen Saison 44001 Mark mehr als in der vorhergehenden Spielzeit unc 20 000 Mark mehr als veranschlagt war.
Frankfurter Nadio-programm.
geworden ist. In der Abwehr der ungarischen Re- , Visionsansprüche wird die Tschechoslowakei von Ru- I mänien und Jugoslawien, der sogenannten Kleinen I Entente, unterstützt, die natürlich em Lebens- mteresse daran hat, daß die Pariser Vertrage un- I antastbar bleiben. Die Nervosität in Prag und in Budapest ist kürzlich durch einen neuen Zwischenfall gesteigert worden. Auf der ungarisch-tschechischen Grenzstation Hidasnemeti, auf der Strecke Kaschau- Budapest, wurde ein tschechischer Eisenbahnbeamter auf ungarischem Gebteie verhaftet, als er angeblich Spionage zu treiben versuchte. Darauf kam es zu einer tschechischen Eisenbahnsperre gegenüber Ungarn und zu einer Note an die Budapester Regierung, in der diese aufgefordert wurde, den verhafteten Eisenbahner augenblicklich freizulassen und die Gewähr dafür zu geben, daß sich ähnliche Fälle in Zukunft nicht mehr wiederholen. Auch sollte die Budapester Regierung ihr Bedauern ausdrücken. Die Note hat in Ungarn Helle Empörung geweckt. Man stellt die tschechische Forderung als ungeheuerlich hin und verlangt ihre schnelle Ablehnung.
Ein dritter Brandherd ist das Gebiet an der südslawisch-ung arisch en Grenze. Auch hier ist die Grenze sehr willkürlich gezogen und durchschneidet eine ganze Reihe von Dörfern und Gutsbezirken. Dieser Mißstand erleichtert die gegenseitigen Grenzüberfälle, die dort seit Jahren geradezu an der Tagesordnung sind. Seit der Grenzziehung auf Grund des Vertrages von Neu- illy sind 130 Bulgaren von den südslawischen Grenzposten erschossen worden. Auf der anderen Seite fehlt es auch nicht an Attentaten mazedonischer Bandenführer auf prominente serbische Politiker und Militärs. Die ungelöste mazedonische Frage hat auf die wegen der törichten Grenzziehung ohnehin angestachelten nationalen Leidenschaften der Serben und Bulgaren erheblich verfchürfend eingewirkt. Wegen der mazedonischen Frage haben England und Frankreich bereits eine gemeinsame Intervention versucht, die aber erfolglos geblieben ist. Di« mazedonische Unabhängigkeitsbewegung ist sehr stark und besitzt Freunde bis in die höchsten bulgarischen Regierungskreife hinein. Wegen einer Reform der Grenzziehung haben die bulgarische und serbische Regierung im März eine Grenzkonferenz in Pirot anberaumt, die die Einsetzung einer Schlichtungskommission beschloß. Doch hat sich bisher die südslawische Regierung trotz des Drängens von England und Frankreich geweigert, die Protokolle von Pirot zu ratifizieren. Daß Belgrad ein schlechtes Gewissen hat, dürfte auch daraus hervorgehen, daß es dieser Tage den Vertreter des „Berliner Tageblatts" Theodor Berkes, der in einem Artikel feines Blattes über die neuesten Uebergriffe serbischer Grenzbeamter sehr fachlich berichtet hatte, aus Jugoslawien auswies. Da wegen der Weigerung Belgrads, das Piroter Erenzabkommen zu ratifizieren, die leidigen Verhältnisse fortbestehen, beabsichtigt die bulgarische Regierung, beim Völkerbund die Einsetzung einer internationalen Untersuchungskommission zu beantragen, die den blutigen Grenzzwischenfällen ein Ende machen soll.
gen zu vertreten. „Punkt 5: „Der großdeufiche Aufbau ift zu erstreben, voran aber steht Die staatliche ^nerkm- nung und der reichsdeutsche Zusammenschluß Jod Job qenden Zusatz erhalten: „Neben dem reichsdeutschen Zusammenschluß fordern wir gleichzeitig eine enge Zu- stimmenarbeit mit sämtlichen deutschen Studentenvertre- hingen an den außerdeutschen ^°chschulen ^ - D e Aussprache war außerordentlich lebhaft und führte schließlich zu dem Ergebnis, daß der sreistudentische Antrag mit 21 gegen 12 Stimmen angenommen wurde.
Der friedlose Balkan.
Balkanstaaten sind zwar in ein ausgedchn- . non Friedens- und Schiedsgerichtsverträ- W® .inaelcklosssn, aber dieses hat bis heute noch n-rbindern können, daß es ein Herd fortge- Nr Friedlosigkeit geblieben ist. Teils liegt es ^ n-r Natur der Bewohner, teils an der Unvo SLrntmbeü der Friedensoerträae, teils an d ^eresiengegensätzen der europäischen Großmächte, L die Bmkanvölker nicht zur Ruhe kommen lassen. «^Rumänien scheinen die Faschisten einen «hrffÄ vorbereitet zu haben, um die Bauernregie-
Manius zu stürzen. Die Verschwörung ist -^tzeitig entdeckt worden. Es scheint so, als ob im Ausland lebende Prinz Carol nicht unbe« uBtat sei. Auch gehen die Verbindungsfäden nach -hauen, wo der dem Faschismus sehr zugeneigte Kronprinz Carol große Sympatien besitzt. Es 5=h »twa drei Dutzend Verdächtige festgenommen mnrben, davon sind die Mehrzahl Offiziere. Der ISfttae Leiter der Verschwörung war General Noira, der Kommandant eines Bukarester Artil- uXre«iments. Nach bewährtem Rezept scheint vorher mit Lockspitzeln die Kommunisten zu
Aufstande gereizt zu haben. Sie sollten den «rtWiiften den Weg bereiten. Daß eine Regie- Naskrise bestehe, wird offiziell abgestritten.
1 sßgn mehr als nur nationaler Bedeutung sind Mißhelligkeiten, die zwischen Ungarn und Tschechoslowakei ausgebrochen sind.
©uita den Frieden von Trianon hat Ungarn mehr zmei Drittel seines Landes verloren und über
«ine Million Magyaren leben unter fremder Herr- u.» Die Ungarn wollten sich mit dieser Rege- ftma ber territorialen Frage nicht abfinden und «Lrschten seit Jahren eine Revision enes Der- traaes, wobei sie von den Italienern und auch von einflußreichen politischen Kreisen in England unterstützt werden. Dieses Revisionsbedürfnis richtet sich L der Hauptsache auf die Grenzen mit der Tschechoslowakei, sodaß man in Prag sehr argwöhnisch
Dienstag, den 16 .Juli 1929.
6.30: Morgengymnastik. — 13.30: Schallplattenkonzert: Blasmuk. - 15.05-15.35: Stunde der Jugend. — 15.55—16.05: Hausfrauendienst. — 16.15—17.UJ. Nach Stuttgart: Konzert des Rundfunkorchesters. — 17__18.00: Von Bremen: Ausfahrt des Dampfers „»re*
men". — 18—18.30 Lesestunde. — 18.30—18.45: Vien telstunde der Deutschen Reichspost: „Mit der Kraftpop durch den Taunus nach dem Rhein", Vortrag. — 18.45 bis 19.05: Bon Kastel, Vortrag. — 19.05—19.25: Vor- traa _ 19.25—19.55: Zeitberichte 4. Die englische Thronrede vom 2 Juli d. Js. und die Adreßdebatte im englischen Untc j us. — 19.55—20.15: Schachstunde. — 20.15—21.30: Von Stuttgart: Volkstüml'ches Kon- zert des Rundfunkorchesters. 21.30—22.30: Von Kastel: Bläier-Kammermusik.
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Der Abenteurer.
Bon D. Whitelaw.
Aus dem Englischen von Wilhelm Entz.
All« deutschen Rechte bei ®rete von llrbanitzkv. Wien.
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Der Mann horchte auf, während ich mit Robert ein paar Worte wechselte: und da uns Marie mit einander bekannt machte, verbeugte er sich recht höflich und hörte mit leicht geneigtem Haupte zu, als sie chm die Um- stände erklärte, unter denen wir England verlassen hatten. Wir hatten verabredet, kein Wort von unserer Liebe zu sagen, sondern vor der Hand unsere Zuflucht zu einer Ausrede zu nehmen und zu erklären, daß Tante Leoer- son, begierig nach einer Nachricht von ihrem Neffen, in Mariens gefahrvolle Reise nach Frankreich eingewilligt habe, jedoch unter der Bedingung, daß der um die Sache der Königspartei so verdiente Monsieur Mannering sie begleite. Es war eine gute Geschichte und gut erzählt, obwohl ich es nicht eben für klug hielt, mich bei Raoul Perrancourt als verdientes Mitglied des Bundes einzu- stihren. Die Rücksichten, die Raoul Perrancourt auf die Familie Tabouret nahm, brauchten sich nicht notwendigerweise auch aus Maurice Mannering zu erstrecken. Von dem, was Marie auf Schloß Eombreau gesehen hatte, erwähnte sie um des Kranken willen nichts. Es war, wie gesagt, eine gute Geschichte und gut erzählt . . . von der aber Raoul Perrancourt, wie ich geschworen hätte, kein Wort glaubte. .
Als wir später die engen Beziehungen, die zwischen den Familien Tabouret und Perrancourt bestanden, be- kannt wurden, änderte sich meine Meinung über Die Gründe der Abneigung Perrancourts gegen mich, und es wurde mir dann auch klar, warum er, ein eingeschwo- rener Revolutionär, einem so hingebungsvollen Royalen tote Robert Tabouret, seinen ärzüichen Beistand «eh.
An jenem ersten Abend unserer Bekanntschaft jedoch versuchten wir beide, unsere Empfindungen zu verbergen, und ließen, wie es bei Leuten, die einander verabscheuen und mißtrauen, zu sein pflegt, unseren Ab
scheu und unser Mißtrauen nur in unserer übertriebenen Höflichkeit erkennen. Marie war nicht zu bewegen, von der Seite ihres Bruders zu weichen, sie faß halb wach, halb schlafend, hielt seine brennende Hand in der ihren und raffte sich nur von Zeit zu Zeit auf, um ihm die Fieberperlen von der Stirn zu wischen oder den irdenen Krug an seine Lippen zu heben. Für den Augenblick er- schöpfte sich für sie die Welt in der Sorge um den Bruder.
Perrancourt und ich, nun einer auf des anderen Gesellschaft angewiesen, faßen zu beiden Seiten des Glutbeckens und unterhielt uns mit leiser Stimme, während uns der alte Heinrich das Abendbrot zurichtete und reichte. Der Doktor war ein angenehmer Erzähler, obgleich, wenn ich zurückdenke, es mir scheinen will, daß fein Gespräch hauptsächlich aus geschickt verschleierten Fragen bestand. Als wir endlich unsere Lagerstätten aufsuchten, halle er wohl eine recht gute Vorstellung von den Beziehungen zwischen Marie Tabouret und Maurice Mannering.
Obwohl der Morgen nicht mehr fern gewesen sein kann als ich einschlief, war ich doch schon um acht Uhr wach und an der Tür der Hütte und atmete in tiefen Zügen die reine Luft, die vom Meer hereinwehte. Jetzt konnte ich auch den azurnen Ozean selbst sehen, über den sich ein reiner, nur leicht durchwölkter Himmel spannte. Aus der Türe heraustretend, wollte ich um die Ecke der Hülle biegen, als eine Schildwache warnend die Hand erhob. Es war der Mann aus Saint Ballet, der uns am Abend zuvor durch den Sumpf geführt halle.
„Monsieur dürfen nicht weiter."
Ich blieb ofort stehen.
„Aber Sie erinnern sich doch meiner? Ich bin . . .*
,Hch erinnere mich Ihrer sehr wohl, Monsieur, aber niemand darf hier weiter, weil man vom Land aus gesehen werden kann. Auf der Seeseite dürfen Sie gehen so viel Sie wollen, dort ist keine Gefahr."
Er deutete mit feiner mächtigen Hand nach dem ununterbrochenen Horizont des Meeres. Ich dankte ihm und wandte mich nach der bezeichneten Richtung: und jetzt bemerkte ich, daß noch einige Hütten in der Nähe lagen.
Zwischen ihnen durch und im Schutze der Binsen, die hier bis zur Schulterhöhe wuchsen, durfte ich einen Blick
landeinwärts tun. Der Sumpf erstreckte sich in dieser Richtung nicht allzu weit, eine öde Fläche, stellenweise von Torfhügeln unterbrochen. Ein paar niedrig fliegende, kreischende Vögel erhöhten die Traurigkeit des Ortes. Jenseits des Sumpfes erhob sich das Gelände ziemlich stell zu einem Hügelland mit primitiv angebauten Feldern, die in bewaldete Berge übergingen. Zu meiner Rechten fliegen leichte Rauchspiralen in die Morgenluft, und ich sagte mir, daß dort eines jener Dörfer am Rande des Sumpfes liegen mußte, von denen der alte Heinrich gesprochen hatte . . .
„Ein schöner Morgen, Monsieur Mannering."
Ich drehe mich um und sah Raoul Perrancourt neben mir stehen. Obwohl er wie ich auf rauhem Lager geschlafen hatte, deutete nichts in feinem Aussehen daraus hin. Seine Halsbinde war korrekt, sein Anzug wohlgebürstet, die Schleife, die fein Haar zusammenhielt, mit peinlicher Sorgfalt gebunden. Sogar die Möglichkeit sich zu rasieren hatte er gefunden.
„Ein gutes Versteck, Monsieur, nicht wahr?"
Ich nickte und nahm nach einem kaum merkbaren Zögern, das aber dem Doktor nicht entgangen war, eine Prise aus der Schildkrottdose, die er mir hinhielt. Dann bediente er sich selbst, klappte die Dose zu und schob sie in die Tasche feines Pantalons zurück. Die bei dieser Prozedur auf feinen Rock gefallenen Tabakstäubchen fächelte er sorgsam mit einem Batisttaschentuch ab.
„Niemand, der nicht die Pfade genau kennt, würde sich hierher wagen," fuhr er fort, indem er mit dem Daumen über die Schulter nach dem Lande wies. „Wir kommen und gehen nur bet Nacht."
„Es ist weit von Nantes bis hier heraus für einen Krankenbesuch, Herr Doktor."
Er zuckte die Achseln und sah mich scharf an, wäh- renb sich seine dünnen Lippen zu einer Art Lächeln verzogen . Einen Augenblick blieb er stumm; dann sagte er scharf: „Ich bin Ihnen unsympathisch, Monsieur Mannering?"
Meine Antwort war ein stammelnde Verneinung. Der Kerl hatte mich überrascht. Er fuhr fort, mich scharf anzusehen, wartend wie ich seiner Attacke begegnen würde.
„Nur heraus mit der Sprache, Monsieur, ich las Ihnen Ihre Abneigung gegen mich vom Gesicht ab ge
stern abend, als wir drinnen in der Hütte beim Abendbrot saßen."
Das hieß den Krieg geradeswegs in das Lager be< Feindes tragen. Inzwischen hatte ich mich einigermaßen gefaßt. Wenn der Doktor offenes Spiel spielen wollte, so war für mich wenig Anlaß zur Verstellung. Ich nahm die Herausforderung an.
,Lch habe nicht gewußt, Monsieur, daß mir mein/ Gesinnung so offen im Gesicht geschrieben steht. Si haben richtig gelesen, Herr Doktor. Sie sind mir in de Tat unsympathisch. Aber Sie werden mir wenigsten gestatten, festzustellen, daß auch auf Ihrer Seite da gleiche der Fall ist."
Der Doktor verbeugte sich.
„Es liegt nicht in unserer Macht, jeden sympathisa zu finden, dem wir in der Welt begegnen. Jedenfalls ist es gut zu wissen, woran man ist . . Haden Sie bei Kranken heute schon gesehen?"
Ich schüttelte den Kopf.
„Noch nicht. Ich dachte, daß . . ."
„Ja?"
„Ich lag lange wach diese Nacht und dachte barübc nach, wieso es kommt, daß der Herr Doktor Raoul Per rancourt, der feurige Republikaner und Feind der Bour bonen, so werktätigen Anteil an der Bergung eines Gc ächteten, eines Royalisten, nimmt? Für die Regierung der Sie dienen, ist Robert Tabouret ein Rebell, auf des fen Kopf ein Preis steht. Das Unglück, das die Armee der Königlichen getroffen hat, kann Ihnen nicht unbekannt fein. Klebers Sieg muß einem so ergebenen Die ner des Konvents zu Ohren gekommen fein."
Der Mann verbeugte sich wieder.
„Ich habe selbst schon mehr als zwanzig der Flüch tigen von Cholet der Gerechtigkeit überliefert."
„Und trotzdem . . ." Ich warf einen Blick nach bei Hütte, in ber Robert Tabouret lag, und zuckte bit Ach fein. „Sie werden zum mindesten zugeben daß e, nicht recht verständlich ist."
Der Doktor drehte sich um und begann auf den. schmalen Rasenband auf und ab zu gehen, und ich, fetnei Einladung folgend, schritt ihm zur Seite. Beim Sprechen schweiften seine Augen unstet über bl» weite Fläche bes Sumpfes.
» (Fortsetzung folgt)