Nr. 160,
Heimat
Futva, den 12. Jul, 1929
Hilfe für Land und ttieinstadt.
Wichtige Landtags-Beschlüsse für die Gemeinde- Finanzen.
Aus der Zentrumsftaktion des Preußischen LMdtags wird uns geschrieben:
In seiner letzten Sitzung vor den großen Ferren hat der Preußische Landtag noch eine Aen- demng des Volksschullehrerbesoldungs- Sefetzes beschlossen, nach der, rückwirkend vom 1. Aprrl d. Js. ab, nicht wie bisher 15 v. Htz, sondern 20 v. H. des Gesamtbetrags des staat- lHen Beschulungsgeldes zu Ergänzungszu- schussen für persönliche und sachliche Volksschulzwecke zu verwenden sind. Dieser Ergänzungszu- fchußfonds, der im Haushaltsplan für 1929 mit 41,5 Millionen erscheint, wird durch den neuen Beschluß um weitere 14 Millionen Mark verstärkt. Auf diese Weife wird es im Sinne eines von der preußischen Zentrumssraktion schon im vorigen Jahre gestellten Antrages möglich sein, den leistungsschwachen Schulunterhaltungsträgern, namentlich denen des flachen Landes, verstärkte Ergänzungszuschüsse noch in diesem Jahre zukommen zu lassen.
Mit der Annahme dieses Antrages hat die preußische Zentrumsfraktion erfolgreich ihre Bemühungen um eine Besserung der finanziellen Lage unserer bedrängten Gemeinden und Städte fortgesetzt. Nachdem erst in den letzten Wochen auf chre Anträge hin den Kreisen und Gemeinden bei der Verteilung des Aufkommens aus der Kraft- fahrzeu gsteuer 5 Prz. mehr als bisher gesetzlich zugebilligt worden sind und nachdem durch Annahme des vom Zentrum geforderten neuen Polizeilastenausgleichs gesetzlich festgelegt ist, daß vom 1. April kommenden Jahres ab auch den Städten und Gemeinden mit kommunaler Polizei Staatszuschüsse in steigendem Umfange zuteil werden, ist dank dieser Initiative der Zentrumsftaktion, unseren finanziell so sehr bedrängten Gemeinden und Kreisen eine wirksame finanzielle Entlastung bezw. Verbesserung zuteil geworden, denn Schul-, Wege- und Polizeilasten belasten in Verbindung mit den Wohlfahrtsausgaben in der Hauptsache die Kommunaletats. Es ist zu hosten, daß auch bezüglich der letzteren bald eine Entlastung eintreten kann, da nach einem vom Landtag in seiner Schlußsitzung ebenfalls angenommenen Enstchließungsantrags des Zentrums das Staatsministerium ersucht wird, zur weiteren Durchführung eines gerechten zwischengemeindlichen Lastenausgleich baldigst auch die gesetzliche Regelung des Wohlfahrtslastenausgleichs in die Wege zu leiten ist.
Personennachrichien.
In Hofgeismar, wo er seinen Lebensabend verbrachte, ist nach langem, schweren Leiden der frühere Direktor des Landeskrankenhauses in Kassel, Geh. Sanitätsrat Dr. Hadlich im 81.Lebensjahre gestorben. — Regierungspräsident Dr. Friedensburg trat am 11. Juli einen mehrwöchigen Erholungsurlaub an.
von der Finanzverwallung.
Zum Obersteuer-Jnfpektor wurde ernannt Steuerinspektor H a s e in Hünfeld. Versetzt wurde Steuersekretär Raab von Schlüchtern nach Fran- kenberg; Steuerpraktikant Centner von Gelnhausen nach Borken i. W.; der Steuerafsistent Bürgel von Eschwege nach Hadamar. Einberufen der
Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt)
Samstag, den 13. 3ult 1929
greifende neue
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ungen für
Steuerwachtmeister Busch in Schlüchtern als Zollanwärter nach Hanau; die Zollwachtmeister Meyer in Fulda als Zollanwärter nach Hanau. Bersor- gungsanwärter Pfaff als Steueranwärter nach Schlüchtern.
Von der Reichspost.
Eine Postsekretärstelle wurde dem Postassistenten H a r t m a n n in Fulda und M a u l in Flieden übertragen.
Vom Kloster Frauenberg.
Am Sonntag, den 14. Juli, ist das Titula r- fest des Franziskaner-Missionsoereins. Nachmittags %3 Uhr Predigt. Die Kollekten morgens und mittags sind für die Heidenmission bestimmt.
Zufahrentenempfönger.
Die Auszahlung der Zusatzrente an sieche erwerbsunfähige Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene findet am Montag, den 15. Juli vorm. von 9—12 Uhr statt. Beim Abholen der Rente ist die gelbe Ausweisummerkarte vorzulegen. Die Renten, die von den Empfangsberechtigten an diesem Tage nicht abgeholt sind, werden denselben auf ihre Kosten durch die Post übersandt.
Lin Recht zur fristlosen Entlassung eines Arbeitnehmers kann der Arbeitgeber im allgemeinen nicht aus solchen Handlungen des Arbeitnehmers ableiten, dis in Gegenwart eines Vertreters des Arbeitgebers vorgekommen und von diesem nicht unverAiglich beanstandet worden sind. Die Prüfung für Fleischbeschauer und Trichinenschauer,
die gestern unter dem Vorsitz des Oberregierungs- rates O e l l e r i ch aus Kastel am hiesigen Schlachthofe stattfand, bestanden aus dem Kreise Fulda: Joseph Appel-Blankenau und Sebastian Franz Sch ä fer- Ve itstein b a ch, aus dem Kreise Gersfeld: Leopold Klüber-Wüsten- sachsen. In den Prüfungsbedingungen wird außer dem amtlichen F ü h r u n g s - schein und dem ärztlichen Gesundheitsattest der Nachweis verlangt, daß der Bewerber mindestens 5 Wochen lang eine praktische uns) theoretische Ausbildung auf einem dazu bestimmten Schlachthof genossen hat, und ferner seitens des zuständigen Landratsamtes für einen bestimmten Schau bezirk vorgesehen ist. Von der letzteren Bedingung kann neuerdings nach dem Ministerialerlaß vom 8. März dieses Jahres bei Versorgungsanwärtern abgegangen werden.
Die Opfer des rauhen Winters 1928-29.
Folgenden Urantrag haben die Mitglieder der Fraktion der Zentrumspartei im Preußischen Landtag eingebracht: Der letzte harte Winter hat unter den Obstbaumbeständen in fast allen Teilen Deutschlands ganz enormen Schaden angerichtet, ganz besonders in den östlichen Provinzen. In Ober- und Niederschlesien sowie in der Grenzmark sind 90 Prozent aller Obstbäume erfroren und schon jetzt vollständig verdorrt. Die restlichen 10 Prozent sind krank, und es ist zu befürchten, daß diese im nächsten Frühjahre zugrunde gehen. Eine fast vollständige Erneuerung der Anlagen wird vorgenommen werden müssen. Da aber auch die jungen Bestände der Baumschulen fast vollständig vernichtet sind, besteht die Gefahr, daß durch unkontrollierte Einfuhr nicht klimatisierter Sorten weitere Schäden entstehen und jede Garantie für Sortenechtheit verloren geht. Weiterhin würde ein wilder Handel mit jungen Bäumen auf die Preisgestaltung einwirken. Die Eroberung des heimischen Obstmarktes scheiterte bisher in der Hauptsache daran, daß die heimische Produktion sich in zuviel Sorten zersplitterte. Bei der bevorstehenden Neu- anpflanzung wird daher planmäßig darauf hinge
Cin weiterer Unfall ereignete sich gestern mittag um 12.30 Uhr an der H i n t e r b u r g. Ein« hiesige R a d f a h re r i n, die die abschüssige Straß« vom Gasthaus zur Hinterburg abwärts befuhr, stieß mit einem von Horas kommenden Personenkraftwagen zusammen. Trotzdem der Führer des Kraftwagens rechtzeitig Signal gegeben, der Kraftwagen auch rechtzeittg von der Radfahrerin bemerkt wurde, konnte diese ihr Rad nicht mehr zum Stehen bringen. Sie fuhr auf den hinteren Kotflügel des Wagens auf. schlug beim
den Fuldaer Verkehr gelegt wird. Aus unserem Leserkreis wird uns geschrieben:
Das Unglück an der Stadtpfarrkirche hat mich auf folgenden Gedanken gebracht. An der Stadtpfarrkirche stoßen zwei Verkehrsrichtungen auseinander resp. sie kreuzen sich. Das ist immer gefährlich. Das liehe sich ändern, wenn die Marktstrahe an der Stadtpfarrkirche geöffnet würde, dagegen am Buttermarkt für die Einfahrt geschlossen würde. Die Zugrichtung des Verkehrs: Friedrichstraße, Borgiasstraße, Steinweg, Marktstraße wäre dann dieselbe. Die gefährliche Kreuzung fiele dann fort. Der Steinweg würde auch entlastet. Der Verkehr durch die Mittelstraße müßte dann auch in umgekehrter Weise geleitet werden. Einfahrt am Postamt geschlossen, dagegen an der Windmühle geöffnet. Dadurch würde auch die gefährliche Ecke an der Windmühle entlastet. Der Verkehrsschutzmann hätte den Rücken frei. Außerdem müßten die Autos ein langsames Tempo einschlagen, weil es bergauf geht.
Dieser Vorschlag scheint uns sehr beachtenswert. Eine weitere Zuschrift lautet:
Der Vorfall an der Pfarrkirche lenkt die Betrachtung abermals hin auf die Tatsache, daß der Verkehr an der Stadtpfarrkirche einer Reform bedürftig ist. Wie Augenzeugen berichten, hat sich der Unfall in der Hauptsache deshalb ereignet, weil der von der Post herkommende Personenkraftwagen der Post nicht, wie die Vorschrift ist, dem von rechts aus der Marktstraße kommenden Kraftradfahrer die Vorhand gelassen hat, sondern, da die Straße ansteigt, in lebhaftem Tempo in Richtung Borgiasstraße fuhr. Wohl ist zu Gunsten des
Personenautos festzustellen, daß das Hereinsehen Marktstraße für Autos, die aus Richtung Mittelftraß kommen, überaus schwierig ist; der gleiche Gesicht» punkt gilt natürlich auch für den Kraftradfahrer, der erst tm letzten Augenblick das Herannahen eines Motorfahrzeuges aus dieser Richtung erblicken kann. Beid< Fahrzeuge haben demzufolge die Gefahr erst im letzter Augenblick erkannt. Der Kraftwagenführer, der auf der rechten Seite in Richtung Borgiasstraße fuhr, suchte nach links auszuweichen. Der Kraftradsahrer, der in die Friedrichsstraße herein wollte, versuchte einen Zu iammenstoß durch Einbieaen in den Friedrichsmark. ebenfalls in Richtung Borgiasstraße zu vermeiden. Jedenfalls gelang ihm dies infolge des spitzen Winkels, den Friedrichsmarkt und Marktstrahe bilden, nicht. So wurde er durch den Kotflügel des Personenwagens ersaht und am Bein schwer verletzt. Diejenigen Nicht sichrer, die etwa geneigt sein sollten, dem angeblich zr scharfen Fahren des Motorradfahrers die Schuld an dem Unglücksiall zu geben, seien darauf verwiesen, daß au ft ein ganz langsam fahrendes Motorfahrzeug, welches von der Marktstrahe nach der Borgiasstrahe will, infolge . des spitzen Winkels der Straßenecke unter allen Umständen von der rechten Straßenseite dis rmnoestens in die Mitte der Straßenseite gerät. Der Einsender dieser Zeilen kennt eine ganze Reihe Kraftfahrzeugführer, die es aus diesem Grunde schon bei mäßigem Fußgängerverkehr vorziehen, durch die Friedrichstraße bis zur Schlohstraße durchzufahren, um über die Schloßstraße den Weg nach dem Bahnhof zu suchen. — Angesichts dieser Schwierigkeiten sei erneut auf meine früheren Darlegungen über „die Verkehrsnot in Fulda" hingewiesen. Ich habe da den Vorschlag gemacht, daß die Marktstrahe in Richtung Friedrichsmarkt gesperrt wird und in umgekehrter Richtung befahren wird. Man gewinnt hierdurch den Vorteil, dah bei Beachtung aller selbstverständlichen Verkehrsregeln, also bei verständiger Fahrgeschwindigkeit und Vermeidung des Schneidens der Fahrbahn, ein den Verhältnissen entsprechender guter Ueberblick geschaffen wird, der die Gefahren des Zusammenstoßens von Fahrzeugen auf ein Minimum verringert. Uebrigens sei angesichts des neuen Verkehrsunfalles Ecke Brauhausstraße und Ohmstrahe auch abermals darauf hingewiesen, daß an der Windmühle eine Verkehrsneuregelung stattfinden muß. Auch hier- über enthält mein Vorschlag nähere Anregungen.
Dr. W. Ens grab er.
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Heute vormittag ^8 Uhr rannte an der Ecke Peterstor-Petersgaffe ein Auto mit einem Radfahrer zusammen. Der Radfahrer flog von seinem Rade, erlitt aber zum Glück keine Verletzung, während das Fahrrad arg beschädigt wurde. Der Autolenker erklärte sich bereit, die Reparaturkosten zu tragen.
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Ohne die gut sichtbar angebrachten Sperrtafeln zu beachten, fuhr gestern vormittag ein Personenkraftwagen aus Hünfeld vom Buttermarkt kommend durch den Steinweg in Richtung Kaiserplatz. In der engen Einbahnstraße st r e i f t e er mit seinem Wagen das Pferd eines aus der entgegengesetzten Richtung kommenden Speditionsfuhrwerks. Das Pferd scheute, ging durch und raste mit dem hochbeladenen Wagen den Steinweg abwärts über den Buttermarkt nach dem Schweinemarkt. Zum Glück konnte es dort — ehe ein Zusammenstoß oder ein anderes Unglück geschehen war — von dem Lenker des Fahrzeuges zum Stehen gebracht werden. Gegen den Führer des Kraftwagens ist Anzeige erstattet.
arbeitet werden müssen, daß an Stelle der ausländischen die heimische n Obstarten den Markt in Zukunft beherrschen. Wir beantragen daher: Der Landtag wolle beschließen: Das Staatsministerium wird ersucht, 1) unverzüglich Erhebungen über den Umfang, der Frostschäden anzufleffen; 2) durch Sachverständige in den verschiedenen Gegenden, je nach klimatischer und geologischer Beschaffenheit, einheitlichen Sortenbau vorzubereiten; 3) durch die Landwirtschaftskammern und pomologischen Institute schon jetzt Aufklärung durch Vorträge und Presse anzuordnen; 4) geeignete Maßnahmen zu treffen, um den Handel mit jungen Bäumen der Spekulation zu entziehen; 5) die für die Durchführung dieser Maßnahmen notwendigen Mittel vom Staat bereitzustellen; 6) denjenigen Besitzern, bei welchen ein wesentlicher Teil ihres Einkommens aus den Erttägnissen des Obstbaues herrührt, Steuererleichterung zu gewähren.
Fulda-Rhön-Siinger-Gau.
Das Gaubanner trifft Samstag kurz vor 7 Uhr am Bahnhof Fulda ein und wird unter Begleitung der Sänger von Fulda und näherer Umgebung nach dem Festorte Neuenberg geleitet. Der Zug passiert folgende Straßen bezw. Plätze: Bahnhofs Rhabanusstr!.-Schweinemartt-Buttermarkt - Karlftr.- Löherstr.-Johannisstr. Bekanntlich findet in der Festhalle Neuenberg die feierliche Uebergabe des Banners vom M.-Ges.-V. Cacilia an M.-G.-V. Neuenberg statt. Freunde des Männer-Gesangs seien an das Kritiksingen der Vereine erinnert, das am Sonntag 10 Uhr vormittags in der Festhalle beginnt. Einige 20 Vereine werden dort zu Gehör kommen. _____________
Fuldaer Verkehrsproblem.
Wenn man die engen Straßen und Gäßchen vor Augen hat, die selbst in süddeutsch. Großstädten einen oft ganz gewaltigen Verkehr aufnehmen müssen, dann wundert man sich, daß in Fulda, das durchweg breite Straßen hat und dessen Hauptverkehrsader, die Friedrichstraße, sogar ungewöhnlich breit ist, so viele Verkehrsunfälle vorkommen. In den letzten Tagen haben wir fast jeden Tag einen mehr oder weniger schweren Verkehrsunfall gehabt. Es ist zu verstehen, daß sich weitere Kreise mit dem Verkehrsproblem befassen, wie ja auch, soviel wir wissen, zurzeit die letzte Hand an tief»
Zu zahlreichem Besuch ladet ein
Der Nhönturnfrst-Ausschuß
Sonderzug ab Fulda 5.16 Uhr.
Kath. Gokkesdienst 7.30 Uhr auf der Wasserkuppe.
einem Schlachtfelde mit all seinem grauenvollen Schweigen und seiner grotesken Ruhe. Dort, am Hoftor, welch entsetzlicher Kampf muß dort getobt haben, ein Kampf mit gleichen Ehren auf beiden Seiten, denn die Zahl der toten Revolutionssoldaten schien ebenso groß zu sein, wie die der Bretonen mit weiten Hosen und gestickten Joppen. Sie lagen zusammen auf einem Haufen, tote Streiter in famoser Umarmung, ihrer Feindschaft entrückt. Ich stand einen Augenblick und betrachtete den Schauplatz; dann wandte ich mich an meinen Begleiter.
„Und Mademoiselle Maries Vater?"
Als Antwort deutete mir der Alte, daß ich ihm folgen solle, und er führte mich nach den Wirtschaftsgebäuden des Schlosses. Der Mond warf sein Silberlicht auf den trostlosen Schauplatz, die zerbrochenen Fenster, den zertrampelten Garten. Seine kalte Helle lag auf den Gesichtern der Toten, auf den Terrassen und Höfen. Ueber das Pflaster eines dieser Höfe führte mich der alte Mann nach einer Scheune, aus deren Torspalt ein Streifen gelben Lichtes glänzte.
„Ich habe dem Fräulein eine Lüge gesagt, die mir die heilige Jungfrau verzeihen möge." Er bekreuzte sich. „Ich sagte ihr, daß der Kampf vor einer Woche stattgefunden habe und daß ich ihn begrub ... es war besser, ihr nicht zu sagen ..."
Bei diesen Worten stieß er das Scheunentor auf: drinnen lag auf dem Stroh der Schloßherr von Corn- breau. Als ich damals mit den Papieren des Marquis de Parvais nach Combreau kam, war der alte Herr Aristides Tabouret nicht anwesend; jetzt erkannte ich in den wächsernen Zügen des Toten die Aehnlichkeit sowohl mit Robett, als auch mit Roberts Schwester. Heinrich hatte zu Häupten und zu Füßen seines Herrn js eine Hornlaterne gestellt, deren qualmendes Licht seltsam auf dem toten Antlitz des alten Edelmannes spielte. Quer über die Wange hätte er eine klaffende Wunde, an deren Rändern sich das gestockte Blut in dunklen Krusten festgesetzt hatte. Ich dankte Heinrich in meinem Herzen dafür, daß er meiner Geliebten diesen Anblick erspart hatte. Marie sollte das Bild ihres Vaters in sich tragen, so wie sie ihn im Leben gekannt hatte ....
„Ich habe bereits ein Grab gegraben," begann der alte Heinrich von neuem, „dort im Unterholz, ich war auf dem Wege, den Leichnam meines Herrn zu holen.
als ich das Fräulein die Allee heraufkommen sah. O Gott, daß sie zu so einer Zeit nach Hause zurückkehren mußte! .... Wenn Monsieur mir helfen wollen, es wird nicht lange dauern."
Der alte Mann blickte bei diesen Worten auf den Leichnam seines Herrn nieder. Ich lieh ihm gern meinen Beistand. Wären wir in diesem Zeitpunkt nicht nach Combreau gekommen, so weiß ich in der Tat nicht, wie Heinrichs alte Arme im Stande gewesen wären, das Werk allein zu vollbringen, das wir beide in jener Nacht bei dem Lichte des Mondes ausführten. In einer halben Stunde war alles vorbei, und nur ein kleiner Erdhügel erzählte noch von dem Schloßherrn von Combreau. Ich ging in den Wald und holte Marie.
Und so geschah es, daß ich nach einer kleinen Weile mit meiner Geliebten an dem Grabe in dem Walde von La Chapelle stand, während der alte Heinrich im Dunkel der Bäume kniete und für das Seelenheil feines geliebten Herrn betete. Der alte Diener hatte seine Laterne auf den Boden gestellt; in ihrem Lichte schien der Rasen glänzend grün. Der Wald ringsumher erschien mir jetzt wie eine große Kathedrale . . . Eine Weile noch verbrachten wir zwischen den Stämmen und sammelten Moos und wilde Blumen und Zweige herbstlichen Laubes, aus denen wir einen Kranz form- ten. Während Marie noch am Grabe kniete und dieses Symbol des ewigen Lebens anbrachte, kam Heinrich, der nach dem Schlosse hinaufgegangen war, zu uns zurück. Er trug ein mit den Zipfeln zusammengebundenes Tuch, aus dessen Falten der Hals einer Weinflasche sah.
Der alte Mann riet uns, bald aufzubrechen, wenn wir Robert noch an demselben Tage sehen wollten.
Bei dem Aufstand der Vendee, der ein so schmerzhafter Dorn für den Konvent war, spielten die großen Salzsümpfe an den Ufern der trag dahinfließenden Loire eine große Rolle, denn sie boten mehr als einmal den Anhängern der alten Ordnung eine Zufluchtstätte oder zum mindesten zeitweisen Schutz vor dem Grimme der republikanischen Generale. In jenen Herbsttagen des Jahres dreiundneunzig deckten die weißen, sich vom Meer hereinschiebenden Nebel manches Trauerspiel zu, und der graue Schlick des Sumpfes barg so manches frühe Grab. Bis auf den heutigen Tag gibt es an jenen trostlosen Gestaden Leute, die dir sagen werden, daß sie in den Winternächten aus dem Heulen des
Der Abeniemer.
Von D. W h i t e l a w.
Aus dem Englischen von Wilhelm Entz.
Alle deutichen Rechte bei Grete von U-banibtv Wie«.
30) ---------
„Es ist nicht sicher dort, Mademoiselle. Hier in der
Nähe ist eine Köhlerhütte, und wenn Mademoiselle warten wollen, so werden Monsieur Mannering und ich nach dem Schlosse gehen, um Lebensrnitel zu holen. Es wäre unklug, Mademoiselle, wenn Sie mit uns gingen . . ., wer weiß, ob nicht noch einige von Klebers Leuten in der Nähe hermstreifen"
Marie blickte einen Augenblick so drein, als ob sie dem alten Diener das Recht verweisen wollte, auf ihre Entscheidungen Einfluß zu nehmen; dann fügte sie sich in unseren Wunsch. In der Art, wie mich de» Alte ansah, lag der Wunsch, mit mir allein zu sein. Marie ließ sich von uns nach der Köhlerhütte geleiten und als wir sie dort untergebracht hatten, brachen wir nach dem Schlosse auf.
Es dauerte nicht lange, so erfuhr ich den Grund, warum der Alte mit mir allein sein wollte.
„Sie meinen also, daß noch Blaue in der Nähe sein könnten?" fragte ich.
Der Alte lachte grimmig.
„Keine anderen, als die dort oben im Schlosse tot liegen. Sonst gibt es im Umkreis einer Meile von Combreau keinen Blauen."
„Aber warum . . . ."
„Warum wir allein sind, wollen Sie fragen, Monsieur? Warum wir das junge Fräulein dort in der Hütte gelassen haben?"
Ich nickte.
„Weil Mademoiselle Marie ihren Vater nicht sehen soll. . . er ist einen schweren Tod gestorben, Monsieur."
Ich war schon einmal auf Schloß Combreau gewesen, damals, nach der Affaire mit dem Marquis de Parvais, aber obwohl es jetzt schon lange Jahre her ift, ich habe den Anblick des stattlichen, alten Herrenhauses nicht vergessen, wie an jenem Abend im Lichte i des Oktobermondes lag. Als ich, geführt von dem I Een Heinrich, aus dem Dickicht trat, fand ich mich auf j
23. Rhöntumsest X5”'
v°rm. 7-9 Uhr Beginn des Weklnrnens. Mittags von 2 Uhr an Staffelläufe, Mannschaftskämpfe und Kampfspiele. Dolksbelustigung
Windes die Schreie verlorener Seelen hören . . und das Getümmel spukhafter Soldaten in der Schlacht . .
Manche wollen in jenen traurigen Einöden eine wilde Schönheit, einen romantischen Zauber sehen. Mir schien sie stets nur hassenswert und voll des llebels. Wohl, wenn die Sonne schien und der Sumpf von La Tourbiere in tausend Farben schillerte, meinte auch ich, Schönheit in der Wildnis zu sehen — bann schob ich die Erinnerung an die Umstände meines ersten Besuches in jenen einsamen Sümpfen von mir.
Erste Eindrücke sind oft ausschlaggebend, und viel leicht tragen an meiner Abneigung die Umstände schuld unter denen ich das Versteck Robert Tabourets zum ersten Male sah, mein Gemütszustand nach dem Trauerspiel von Combrau, das unheimliche Schweigen jener Nacht und ber vom Meer landeinwärts dringende Nebel.
Unser Weg führte durch Waldland, wo es uns nicht immer leicht ward, die Laterne des Alten, die vor uns wie ein Irrlicht schwankte und manchmal unser einziger Richtpunkt war, im Auge zu behalten. Wir tarnen an der Köhlerhütte vorbei, wo wir die Pferde von den Spannstricken lösten und frei ließen. Der Sumpf von La Tourbiere war nichts für viersilbige Begleiter.
Marie hielt sich dicht neben mir auf jener nächtlichen Waldwanderung. Sie war nicht furchtsam, aber bas Düster bes Waldes bedrückte uns. Die schwankende Laterne malte groteske Figuren auf den Waldboden und zwischen das Laub, und bevölkerte die dunklen Wölbungen der Bäume mit seltsamen Gestalten und fliehen, den Schatten. Kein Laut war hörbar außer dem Seuf zen des Windes und dem Knistern ber bürren Zweig« unter unseren Füßen.
So gingen wir wohl nahe an zwei Stunben. Als wir aus bem Walbe von La Chapelle ins Freie hinaus- traten, führte unser Weg über Strecken rauhen Heide- landes unb schlecht angebaute Felber, bis wir an bas TOoor mit seinen Torfhügeln und sumpfigen Pfützen kamen. Hier wurde der Nebel, den wir schon beim Verlassen des schützenden Waldes bemerkt hatten, dichter und der Mond übte einen so unheimlichen Zauber, daß in mir die allerseltsamsten Wahngebilde lebendig wurden. Es war, als ob weißverschleierte Gestalten auf uns zueilten und in ihre feuchten Arme zögen. Von fern her vernahm ich das Dröhnen einer Brandung an der Meeresküste. (Forts, folgt.)