FuldaerZertung
Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
7lr. 155
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Sonntag, 7. Zuli 1929.
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Jer neue englische Antzenminister unb Zentschlanb.
tzenderson für alsbaldige Rheinlandräumung.
Die von dem Nachfolger Chamberlains als Staatssekretär des Auswärtigen Henderson im Unterhaus gemachten Ausführungen zur Frage der Rheinlandräumung lauten wie folgt:
„Ich glaube, wir alle find von dem Wunsche erfüllt, die Räumung durchgeführt zu sehen; ich glaube, es ist wichtig, daß fie durchgeführt wird. Soweit ich es bis jetzt zu übersehen vermochte, ist von der deutschen Republik die Gesamtheit der ihr durch die Alliierten auferlegten Bedingungen zur Durchführung gebracht worden, und da das der Fall ist, so sollte die Räumung so beschleunigt wie möglich durchgeführt werden. Ich habe sehr gründlich nachprüfen müssen, was zwischen den verschiedenen ehemals alliierten Mächten und den verschiedenen interessierten Parteien vorgegangen ist. Ich habe u. a. die Besprechungen nachprüfen müssen, die zwischen Sir Austen Cham- berlain als dem Vertreter Großbritanniens und den anderen Mächten in Lugano stattgefunden Habben. Ich habe die Besprechungen über dieses Thema in Genf nachprüfen müssen — sehr wichtige Besprechungen — und die sehr scharf umrisse- nen Schlußfolgerungen, zu denen man dabei gekommen ist. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß wir in diesem Augenblick, wo es von alle«- größttt Wichtigkeit ist, es unmißverständlich klarlegen sollten, daß wir von dem Wunsch erfüllt sind, daß die Räumung im denkbar frühesten Augenblick eintreten sollte. Ich habe von Chamberlain die Ueberzeugung, daß es nicht im Interesse des europäischen Friedens ist, wenn das etwa gradweise oder in Etappen geschieht. Ich denke, wir sollten versuchen, sowohl die französische wie die belgische Regierung dazu zu veranlassen, daß sie diesen Schritt mit uns zusammen tun. Ich möchte folgendes ausdrücken: Ich glaube kaum, daß Deutschland selbst den Wunsch hat, eine Räumung zu erleben, die ich als brockenweise Räumung bezeichnen müßte. Ich glaube, daß man in Deutschland enttäuscht sein würde, wenn die Räumung aufgeschoben würde und, wie ich glaube, würde man in Deutschland genau so unangenehm berührt sein, wenn die Räumung den Charakter einer brockenweisen Räumung tragen würde. An Hand des gesamten Meinungsaustausches, der in den drei oder vier Wochen stattgefunden hat, glaube ich keine Veranlassung zu haben, annehmen zu müssen, daß der völligen Räumung von Seiten der französischen oder der belgischen Regierung irgendwelche unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden. Die Mitglieder dieses Hauses können versichert sein, daß der gesamte moralische Einfluß, den wir insbesondere bei der bevorstehenden Konferenz über den Bericht der Reparationssachverständigen in die Wagschale werfen können, in die Wagschale ge
worfen werden wird, um einen schleunigen und einhelligen Entschluß zugunsten der Räumung zustande zu bringen."
Die französischen Rationalisten in Verzweiflung.
Zu den Erklärungen des englischen Staatssekretärs Henderson im Unterhaus sagt „Echo de Pari 5", der französischen Regierung bleibe nichts anderes übrig, als die Ersetzung der englischen Truppen in Wiesbaden dunh französische Truppen vorzubereiten. Das nationalistische Pariser Blatt leistet sich in der Frage der Kontrolle, die nach der Räumung im Rheinland eingeführt werden soll, den Vorschlag, auf dem linken Rheinufer und in einer Breite von 50 Klm. östlich des Stromes ein scharfes Kontrollsystem einzuführen.
Die Saarfrage.
Keine Ausschaltung der Saarfrage!
Unter dieser Ueberschrift befaßt sich die „Deutsche Allgemeine Zeitung" mit einer Forderung des „Petit Parisien", die Saarfrage aus dem Programm der politischen Reparationskonferenz auszuschalten, und sagt u. a.:
Das Versailler Diktat hat das heutige Saarregime in erster Linie geschaffen, um Frankreich einen Ersatz für die nordfranzösischen Kohlengruben zu verschaffen. Hieraus ergibt sich, daß die Saarfrage durchaus in einem engen inneren Zusammenhang mit der Tribuffrago steht. Das Saargebiet ist sozusagen jetzt eine „Reparationsprovinz". Wenn einer der wesentlichen Grundgedanken des Young-Planes verwirklicht werden soll, daß Deutschland von allen politischen und sonstigen Kontrollen zu befreien ist, so muß auch diese <- Reparationsprovinz aufhören zu existieren. Darüber hinaus ist aber politisch zu sagen, daß von einer „Gesamtliquidation", wenn überhaupt, auf keinen Fall dann die Rede sein kann, wenn die Saarfrage jetzt von der Diskussion ausgeschlossen wird.
Das genannte Blatt bezeichnet es als eine Verhöhnung des Saargebietes wenn behauptet wi"d. daß das Interesse der Bevölkerung eine weitere Aufrechterhaltung des gegenwärtigen Regimes erfordere. Auch in Frankreich weiß jedermann, daß die Saarbevölkerung ohne Ausnahme nichts sehnlicher wünscht, als die endgültige Wiedervereinigung mit Deutschland. Das Blatt erklärt dann noch:
Bei der von Deutschland gewünschten Regelung des Problems auf der bevorstehenden Regierungskonferenz, einer Regelung, die ja keineswegs gleich alle Einzelfragen endgültig zu lösen brauchte, wird auch der Völkerbundsrat keineswegs ausgeschaltet zu werden brauchen.
Konkordat in 2. Lesung angenommen.
Gegen den grundlegenden Artikel 1 stimmen nur die Kommunisten und die Deutsche Volkspartei. — Für das unbefristete Inkrafttreten stimmten außer dem Zentrum, den Sozialdemokraten und den Demokraten auch die Wirtschaftspartei. — Am Dienstag findet die 3. Lesung statt.
In fast neunstündiger Sitzung erledigte der Preußische Landtag am Freitag die zweite Beratung des Vertrages mit dem Heiligen Stuhle. Die Debatte verlief außerordentlich ruhig.
Sozialdemokraten, Demokraten und Zentrum erklärten, daß sie zustimmen; auch die Wirtschaftspartei will ja sagen, nachdem nochmals Ministerpräsident Braun ausdrücklich im Namen der Staatsregierung jenen demokratischen Entschließungsantrag in allen seinen Teilen gebilligt hot, der jetzt als Antrag des Hauptausschusses dem Landtag vorliegt, und welcher unverzügliche Verhandlungen mit den evangelischen Kirch e n im Sinne paritätischer Verträge fordert. Die allgemeine Hoffnung geht dahin, daß schon im Herbst bei Wiederzusammentritt des Landtags die evangelischen Verträge fertig sein mögen. Nach einer höchst belanglosen Rede eines Nationalsozialisten nahm der deutschnationale Abg. S ch w e ch t das Wort. Schwecht ist eines der wenigen k a t h o l. Mitglieder der Deutschnationalen Fraktion. Er spielt auch eine Rolle in dem berühmten Katholikenausschuß der Deutschnational en Partei, der bis jetzt merkwürdig still geblieben ist. Jetzt aber ist der'Katholikenausschuß des Landesverbandes Potsdam II mit einer Verlautbarung auf den Plan getreten, die sehr bezeichnend ist für , den Geist, der in diesem Ausschuß herrscht. Die Verlautbarung erklärt nämlich, in dem Abschluß eines Konkordats ohne gleichzeitige und gleichwertige Vereinbarungen mit der evangelischen Kirche, liege eine schwere Gefährdung des konfessionellen Friedens in Deutschland. Das sagt eine Vereinigung, die sich aus Katholiken zusammensetztl Schärfer bat die Unrichtigkeit, die in diesen Sätzen liegt, auch Herr Stendel nicht formuliert. Als 1924 die Verträge mit der evangeelischen Kirche abgeschlossen wurden, hat man nichts von den deutschnationalen Katholiken gehört. Heute erklären sie übereinstimmend mit den liberalen Kulturkämpfern, daß das Konkorddat den konfessionellen Frieden gefährde und rufen nach Parität für die evangelische Kirche.
Es ist geradezu grotesk, wenn in der Kundgebung der Potsdamer deutschnationalen Katholiken in das katholische Zentrum" appelliert
wird. Jeder Appell an die eigene Partei, den Katholiken nun endlich zu geben, was ihr Recht ist, unterbleibt. Enffprecheud dieser Eesolution war auch die Rede, die ihr geistiger Vater int Landtag hielt.
Abg. Schwecht erklärte die einmütige Zustimmung seiner Fraktion zu dem § 1 des Gesetzentwurfes. Das klang beinahe so, als ob die Deutschnationalen unter Führung des Katholiken Schwecht sich bekehrt hätten. Aber gleich die nächsten Sätze brachten die Erklärung: _ Die endgültige Zustimmung zu dem Vertragswert müsse die Fraktion aber von der Annahme ihres Abänderungsantraes zum § 2 abhängig machen, wonach das Gesetz erst in Kraft treten solle, wenn gleichzeitig mit den evangelischen Kirchen ein gleichwertiger Vertragsabschluß erfolge. Werde dieser Antrag, wie vorauszusehen sei, von den Regierungsparteien abgelehnt, so werde in der Schlußabstimmung das Gesetz von den Deuffchnationalen ein-, heitlich abgelehnt werden.
Die Deutfchnationalen sind allo einmü- mütig gegen das Konkordat. Aber es verdient doch festgehalten zu werden, daß sie diese Tatsache ausgerechnet von einem katholischen Mitglied begründen ließen und daß es wirklich einen Katholiken gab, der Schwecht erhielt durch den susö-b chckjssssistßq s i ch d a z u mißbrauchen ließ. Es ist sicherlich für uns Katholiken immer das Schmerzlichste, wenn wir einen Glaubensgenossen vor uns sehen, der sich in der Rolle des Herrn Schwecht wohlfühlt. Leider gibt es nicht nur da einen „S ch w e t. Herr Schwecht erhielt durch den
Abg. Dr. Lauscher (Z.)
eine glänzende Zurechtweisung.
Der Zentrumsredner nannte es erstaunllch, mit welch peinlicher Gewissenhaftigkeit der Abg. Schwecht jede Zurücksetzung des evangelischen Volksteils vermerkt habe. Eine wirkliche Zurücksetzung dieses Volksteils lehne auch das Zentrum entschieden ab. (Zwischenrufe rechts.) Sie (nach rechts) haben den Mut, die Aufrichtigkeit und Richtigkeit meiner Behauptung anzuzweifeln? Wo haben Sie auch nur den geringsten historischen Beweis dafür, daß das Zentrum nicht gewillt sei, dem evangelischen Dolksteil Gerechtigkeit widerfahren zu lassen? (Lärmende Zwischemufe rechts.) Sie (nach rechts) besitzen gar nicht die moralische Legitimation zu der Stellung, die Sie heute gegenüber dem Konkordat einnehmen. Fünf Jahre lang haben Sie kei
nen Finger gerührt, um den Nachteil, den die kacholische Kirche hatte, aufzuwiegen. Ich habe einmal gesagt, daß die katholischen Mitglieder der Deutschnationalen Volkspartei
ausgesprochen gutmütige Menschen sein müßten. Das heutige Auftreten des Abg. Schwecht war wieder ein überzeugender Beweis dafür. Es ist wiederholt in den letzten Jahren ausgesprochen worden, daß sich die katholische Kirche im Nachteil uefand. Der im Landtag angenommene Entschliehungsantrag über die Dotationen für die katholische Kirche wurde nicht durchgeführt. Es ist uns nicht bekannt, daß sich die deutschnationalen Katholiken jemals politisch nach dieser Richtung irgendwie betätigt hätten. Sie haben entweder in ihrer Fraktionssitzung keine Veranlassung genommen, an diese Verpflichtung zu erinnern, oder sie hatten nicht den genügenden Einfluß (Zustimmung im Zentrum.)
Was die Deuffche Dolkspartei hier gesagt hat, sv schloß der Redner, war Fleisch vom Fleische und Bein vom Beine der Kulturkämpfer. Es gibt innerliche Ueberzeugungen, die Achtung verdienen. Es gibt aber auch gewalttätige Ueberzeugungen, gegen die man sich zur Wehr setzen muß. (Beifall bei der Mehrheit; Zischen rechts.!
Nach dieser wohlverdienten Zurechtweisung polterte noch eine Stunde ein Kommunist gegen das Konkordat, und dann meldeten sich die vom Abgeordneten Lauscher Gestäupten zu Wort, um sich gegen die Anklagen zu verteidigen. Herr von Campe tat das für die Deuffche Volkspartei, Abgeordneter v. Winterfeld für die Deutsch- nationalen. Der letzte Redner fand oie Ausführungen des Abgeordneten Lauscher „sehr unfreundlich und ungewöhnlich schaff". Aber eine andere Antwort konnten die Deuffchnationalen auf die Ausführungen ihres Herrn Schwecht wahrlich nicht erwarten. Was im übrigen die beiden Redner zu sagen hatten, war nicht danach angetan, den Feststellungen des Zentrumsredners etwas von ihrer Wucht zu nehmen. Nach einem kleinen Geplänkel zwischen den Abgeordneten Bölitz und Bohner war die Debatte nach neunstündiger Dauer endlich abgeschlossen.
Die Abstimmung.
In einfacher Abstimmung wurde zunächst über den Artikel 1 des Gesetzentwurfes entschieden. Er wurde angenommen gegen die Stimmen der Kommunisten und der Deutschen Volkspartei. Für diesen Artikel hatten auch entsprechend ihrer Ankündigung die Deutschnationalen gestimmt. Da aber, wie vorauszusehen war, sämtliche Abänderungsanträge, auch der, der die gleichzeitige Inkraftsetzung beider Verträge voffchreiben wollte, abgelehnt wurden, stimmten die Deutschnationalen, in Verbindung mit Volkspartei und Kommunisten, aber gegen den Artikel 2, der indes mit den Stimmen der Regierungsparteien und der Wirtschaftspartei angenommen wurde. Damit ist das Konkordat auch in zweiter Lesung von einer Mehrheit des Landtages genehmigt Lworden.
Ueber die demokratische Entschließung, die die Zusage an die evangelische Landeskirche enthält, wird efft in der dritten Lesung abgestimmt werden. Die dritte Beratung der Vorlage soll am Dienstag stattfinden.
Am Samstag hat der Landtag eine ganze Reihe' kleiner Vorlagen erledigt.
Zur Reparationskonferenz.
wtb. New Hoff, 6. Juli. (Eig. Meldg.). Aus Washingtoner Kongreßkreisen erfährt die Tribüne, daß Hoover nicht beabsichtige, irgendwelche inoffizielle Vertreter zu einer der künftigen Reparationskonferenzen der europäischen Regitzrungen zu entsenden. In Kongreßkreisen wird diese Zurückhaltung deshalb gebilligt, weil man die nächste französische Maßnahme, die die Ratifizierung der Schuldenabkommen betrifft, abwarten will.
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Die Debatte über die Frage der Ratifizierung der Schuldenabkommen in b er französischen Kammer wird nicht vor dem 14. Juli stattfinden. Vorher aber werden die Sozialisten eine Debatte über die Außenpolitik der französischen Regierung herbeiführen. Es wird eine Erklärung Poincares zu der Frage der Rheinlandräumung erwartet.
Das Merkwürdige ist, schreibt die „Vossische Zeitung", daß bisher noch keinem franMsischen Politiker die geradezu groteske Doppelrolle zum Bewußtsein gekommen ist, die Frankreich in der Schulden-Frage spielt. Auf der einen Seite als Gläubiger, besten sittliche Entrüstung keine Grenzen zu kennen schien, wenn Deutschland den ins Phantastische übersteigerten Forderungen der Sieger den schon im Römischen Recht verankerten Satz entgegenstellte, daß niemand über seine tatsächliche Leistungsfähigkeit hinaus sich verpflichten könne, der kühlen Blutes und mit Argumenten, die, rein sentimental gesehen, vielleicht ein gewisses Gewicht haben mögen, politisch aber in keiner Weise stichhaltig sind, sich der Bezahlung der von ihm eigene Unterschrift anerkannten Rechnung für gewährte Darlehen und gelieferte Waren zu entziehen versucht.
Poincar« selbst hat sich bekanntlich bis zuletzt gegen die Anerkennung der französischen Auslandsschulden, wie sie in den Abkommen von London und Washington fixiert worden sind, gesträubt, und wenn er sich heute dafür einsetzt und unter Aufbietung seines ganzen Prestiges und feine persönlichen Autorität dem Parlament die Zustimmung zur Ratifikation abzuringen versucht, so geschieht das nur, weil er sich endlich zur Erkenntnis durchgerungen hat, daß Frankreich die Ratifikation das kleinere Uebel ist. Der Widefftand, auf dem er dabei stößt, ist sein eigenes Wert v.
flgtar-Dorlagcn.
Von Johannes Blum, M. d. R.
Bewegung — Spannung — Erregung haben die Agrardebatten bei den Bauern ausgelöst. Das erklärt sich aus der großen Agrarnot. Die ist heute allseitig anerkannt. Es melden sich dazu die Neutralen. Wir erinnern darunter die Geistlichen beider Konfessionen. Immer wieder laufen Briefe davon in den Parlamenten ein, in welchen sie ditz Not der Bauern schildern — Abhilfe verlangen. Namentlich aber auch darauf Hinweisen, wie die materielle Not auf die ethische und religiöse Einstellung nachteilig einwirkt. 5m Kirchengebet heißt es: Vor zu großem Reichtum und vor zu großer Armut bewahre uns, o Herr. Darin liegt auch di« nachteilige Auswirkung großer Armut auf das Seelenleben ausgedrückt.
Aber die Frage: Hat nun dis Verabschiedung der Agrarvorlagen auch Zufriedenheit aus- gelöst? Wenn man davon die vollständige Lösung der Agrarfrage erwartet hat — die Beseitigung der Agrarnot — dann muß man gewiß von der Verabschiedung der Vorlagen, von der gesetzlichen Gestaltung derselben unbefriedigt sein. Die Agrarnot wird dadurch gemindert — beseitigt wird sie nicht.
Die Agrarreform muß fortgeführt werden und zwar baldigst und in schnellerem Tempo als bisher. Wer aber als Abgeordneter an diesen Vorlagen mitgewirkt hat, die Schwierigkeit der Probleme kennt und alle die technischen und parlamentarischen Hindernisse, die sich da entgegenstellten, der ist doch über die Erfolge sowohl nach bet grundsätzlichen als auch nach der praktischen Seite hin erfreut.
Man kann nicht sagen, daß im Reichstag alt*. Sachen praktisch angefaßt und erledigt werden Manche Vorlagen werden ja unter einer Flut Dort Anträgen und Entschließungen förmlich verschüttet.
So ist es auch dem Agrar-Problem ergangen. Ueber einige hundert Anträge mußten den zuständigen Kommissionen zugeleitet werden. Bei den Beratungen zeigte es sich, daß viele der Anträge entweder gar keinen oder doch wenig praktischen Wert hatten. Sie erinnern an Brände, wie sie leider nur zu oft bei Bauerngehöften sich ereignen. Da liest man: Feuerwehren und Spritzen waren genügend zur Stelle. Aber es fehlte das Wasser. Darum brannte alles nieder. Aehnlich war es bei manchen dieser Anträge. Sie wirkten wie wasserlose Spritzen.
Aus dem Agrarproblem müssen zunächst die Kernfragen herausgenommen und zu ihrer Lösung auch kernig angefaßt werden.
Welfübererzeugung. Das Wort kennzeichnet die Lage. Millionen Tonnen liegen in den Riesen- siles. Dabei ist die Erzeugung noch immer mehr auf größere Intensität eingestellt, sowohl nach der Fläche als auch nach der Technik und der Düngung.
Kanada hat seine Anbaufläche gegen Vorkrieg vervielfacht, desgleichen Australiern Argentinien. Und Mussolini will eine Milliarde Lire verwenden, um in Italien Sumpfgelände trocken zu legen für Anbauflächen.
Man hat gesagt, daß man zukünftige wirtschaftliche Entwicklungen schwer voraussagen könne. Daß wir aber beim Getreide eine Uebererzeugung haben werden, ist sicher. Wie würde das erft sein, wenn der Bolschewismus in Rußland nicht die Landwirtschaft ruiniert hätte.
Darum ist ein wirksamer Schutz für den deutschen Getreidebau nötig, wenn er nicht völlig zugrundegehen soll. Aber wie macht man einen wirksamen Schutz? Das ist eine Frage — aber auch eine Streitfrage.
Zoll ober Monopol — bas finb bis beiden Diskussionsprobleme. Die Sozialisten waren immer ausgesprochene Gegner von Zöllen. Sie erstreben das "Monopol nicht nur für Getreide, sondern auch auf anderen Wirtschaftsgebieten. Ein Getreidemonopol ist technisch noch nirgendwo ausprobiert. Das Monopol der Schweiz war ein Versuch, und nur ein kleiner. Er gibt keinen Maßstab für das deutsche Reich zudem ist er ja auch wieder auf- gegeben.
In dem bekannten Viermänner-Agrarprogramm ist ein Preisausgleichverfahren vorgeschlagen. Schon manchmal ist aber ein Problem mit einem falschen Schlagwort zunichte gemacht worden. So ist es auch dem genannten Vorschlag ergangen. Man nannte es Monopol, obwohl es keines war und auch nicht ein solches fein wollte. Man setzte eine technische Kommission ein zur Prüfung des Projektes, zunächst viel zu spät, um diese Frage noch in dieser Reichstagssession zu einer abschließenden Klärung zu bringen. Dazu muß mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß es die Sache der Regierung ist, solche Projekte zu prüfen und zur Vorlage zu bringen. Sie verfügt über die Materialien, hat oder sollte doch die nötigen Sachverständigen haben. Sie kann die handelspolitischen Belange prüfen. Wofür haben wir eine Regierung, wenn fie nicht leiten, regieren will. Das Monopol-Projekt hat in den Kommissionen feine Entscheidung, nur eine negative Erledigung gefunbei
Der Plan einer Preisausgleichsstelle, einer Re gelung der Einfuhr ist indessen mit dem schlagwort artigen Hinweis auf das Schicksal des Antrages Kanitz nicht abgetan. Es steckt ein beachtenswerter guter Kern darin. Es ist nur die Aufgabe, für seine technische, volkswirtschaftliche und handelspolitische Auswirkung eine ßöfung zu finden. Daß man mit Zöllen allein weder die Getreide- noch die Vieh- und Fleischfrage lösen kann, ist doch unbestritten.
Aber zur Zeit ist der Zoll das Hauptmittel der Regulierung von Ein- und Ausfuhr in allen Kul- turftaaten.
So müssen auch wir dieses Mittel, und zwar wirksam, zu gebrauchen suchen. Aber die Welt-