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Fuldaer Zeitung

Gonntag, ven 7. Juli 1929.

Rund um die Welt im „Graf Zeppelin"!

chen kann, wenn man sagt, daß er uns lehrt, den schlichten deutschen Herd zu lieben . . . Mitleid mit dem Leiden des deutschen Volkes, das ist es, was uns dieses Stück lehrt, und was wir noch nicht ken­nen. Zwei kleine Geschehnisse kommen in diesen vier Akten vor, die ich einfach erschütternd finde: Beim Waffenstillstand sieht die Frau in einem Schaufenster etwas Unglaubliches: Eine Apfelsine, eine wirkliche Apfelsine! Und Richard bringt Anna als Liebesbeweis ein kostbares Geschenk: eine Ta­fel Schokolade!" Doch, das lebt auch in der Mensch­heit, und wenn wir nur alle an diesen edlen Ge­fühlen arbeiten, so werden bald die Boxer in der Minderheit sein.

Da stoße ich auf die tiefere Schicht in den Men­schen, die heute wie immer, ihr Eigenleben führt. Cs sind die jüngsten Prozesse, die wieder manch furchtbare Tragik enthüllen. Einmal ist es dieses, wie so oft die Härte des Gesetzes, die letz­ten Endes doch nur eine Aeußerung der Liebe ist, sich bricht an den armen Menschen. Und wie da doch so oft mit ungleichem Maße gemessen wird. Das arme Mädchen muß für lange Jahre ins Zuchthaus wandern, und der leichtsinnige Bursche, der die Hauptschuld trögt, kommt mit ein paar Monaten davon. Ja, man versteht die Klage der Frau, die aus ihrer Menschheitstragödie heraus aufseufzt, daß es doch gewisse Gesetze gebe, die nur von Männern gemacht sein können. Ich bin nicht für die Aufhebung bestimmter Paragraphen und will darüber an dieser Stelle nichts sagen, aber ich bin dafür, daß man jenen Pharisäismus in der menschlichen Gesellschaft bekämpfe, der hohn­lächelnd sein Opfer ins Zuchthaus begleitet, anstatt sich in aller Demut zu sagen, wer denn eigentlich da hineingehört . . .

Dann hat mich eine Erscheinung ergriffen, die auch seit Jahren schon die Liter a t u r beschäftigt hat. Die Erde hat Tag und Nacht, und manches Menschendasein hat auch seine zwei Seiten, die lichte und die dunkle. Man trifft da einen Ange­klagten mit den besten Zeugnissen, unb er hat sicher im Reiche der Ordnung gestanden, solange

Me trnrö £as Wetter ?

Der von Südeuropa vorgedrungene Druckanstieg hatte eine weiter im Norden gelegene Zugstraße der Tiefdruckstörungen zur Folge. Das Tiefdruckgebiet, das über England lag, wird aber nunmehr durch Kaltluft, die an seiner Rückseite vordringt, ostwärts in Bewegung ge­setzt und wird sich dabei ausfüllen. Bei seinem Durch­zug nördlich von uns ist zunächst.noch einmal Zunahme der Bewölkung und Gewitterneigung zu erwarten. Spä­ter kann aber damit gerechnet werden, daß die Wetter­lage beständiger wird.'

Vorhersage bis Sonntag abend: bewölkt, aber nur schwache Gewitterneigung, nordwestliche Winde.

3. Blatt.

Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda.

Die Nellreise-Route des „Graf Zeppelin".

Mitte August wird „Graf Zeppelin" von Friedrichshafen zu einer Weltreife starten. Der Flug führt über Rußland und Sibirien nach dem fernsten Pukt Tokio und । Wt dort über den Stillen Ozean und die U. S. A. nach Lakehurst, schließlich über die Bermudainseln und ' _______ Azoren zurück nach Friedrichshafen.

man ihn sehen konnte. Aber wenn die Nacht ihren Mantel um ihn schlug, dann war er verloren, dann nahm ein anderer in ihm die Herrschaft. Solche Menschen klagen oft, es lebten in ihnen geradezu zwei Menschen, ein Heiliger und ein Wüstling. Merkwürdiges Rätsel: Ein unb bas gleiche Herz schlägt in hoher Liebe unb in nicberer Leiden­schaft. Ein und das gleiche Blut wallt auf bei frommen Gesängen und bei liederlichen Gassenhau­ern. Und doch bleibt da ein Trost: Diese beiden Menschen wohnen doch in dem gleichen Hause eines und desselben Körpers. Sie sind doch nicht so fern von einander, daß der Heilige nicht auf den Wüst­ling wirken könnte. Und in der Richtung muß ein solcher Mensch, der sich fluchbeladen dünkt, voll Vertrauen arbeiten. Er muß die Kräfte des Lich­tes nähren Er muß solche Freunde suchen, die ihm da helfen. Er muß die Aufgabe des Lebens • darin sehen, den dunklen Menschen in den lichten ganz zu verwandeln, und wenn es auch lange dau­ert, sieh, es kommt dann doch die Stunde, wo die schwarze Wolke am Horizont sich von innen her er­hellt, wo ihre Ränder aufleuchten, und wo das ganze ein wundersames Schauspiel ist. Das sagen diese Prozesse: Auch Sensation ist heute nicht al­les. Immer noch geht es um mehr als Schmeling und Paolino, es geht um Licht und Finsternis, und endlos meinen Menschen im grauenhaften Schicksal zu den Stemen . . . Der Mann im Monde.

Rund um die Woche.

Schmeling oder Paolino? — Kultur oder Kulturersatz. — Der Völkerbund der Mütter — Zu den jüngsten Prozessen. — Doppelmoral und Doppelmenschen.

Ideale produziert, billig wie frische Semmel, son­dern die mit den Faktoren rechnet, die nun einmal augenblicklich im Interesse der Menschheit eine un­geheure Rolle spielen. Ci, wie würden die Chri­sten erwachen, wenn sie einmal alle einsähen, wie viel Gutes sie immer noch in dieser schweren Zeit tun können.

Das gilt auch von den geistigen Bewegungen, die unser besonderes Interesse verdienen, zum Bei­spiel von der Friedensbewegung. Gott sei dank sind wir da auf dem Wege zu einem gesunden Pa­zifismus, der nicht mehr sektenhaft in Utopien macht, sondern der mit großen Mitteln und mit richtigem Verständnis für die Lage unseres Volkes das Friedensideal zu verwirklichen sucht. Die Ar- Ukel, bie jüngst über Versailles erschienen finb, die Protesterklärung gegen bie Alleinschulb Deutsch­lands, baji alles hatte einen Ton, ber kräftiger war unb insofern auch ehrlicher, ber aber anberer- seits keine Abenteuerpolitik suchte, sonbern Ver- stänbigung auf dem Boden des Rechtes. In die­ser Richtung wirkte auch ber I n t e r n a t i o n a l e Frauenkongreß in Berlin, ber von über 40 Staaten beschickt war. Der Völkerbunb ber Mütter war bas, bie ba ihr ernstes Wort an bie ungezogenen Kinder des jungen Europas gerichtet haben. Gedanken wurden vorgebracht und Gefühle stiegen auf, die wirklich eine Atmosphäre des Friedens schaffen und bie vor allem echt finb. Wir freuen uns auch, wenn Pariser Zeitungen bas erste beutsche Theaterstück, bas in Frankreichs Hauptstabt nach dem Kriege zur Aufführung kam, „Karl unb Anna" von Leonharb Frank, herzlich begrüßt haben. In ber angesehenen Zeitschrift „La ©raube Revue" war zu lesen: . es ist nickt bas geringste Lob, bas man Leonharb Frank ma­

diese Aufregung! Da meinen bie Leute, 01t2r grüble über bie ernstesten Probleme nadj Manche erwecken ben Eindruck, als sei bie .'nrn!)cksbewegung ejn8 groffe Dolksangele- genheit, unb roieber anbere stellen sich vor, es hingen ber Masse gerabezu bie Zungen heraus, bie nach Kultur lechzen. Gemach, gemach! Wo un­ser Volk tft? Die ganze Nacht vom Freitag auf ben Samstag hat es atemlos am Radio gestan­den. Schmeling ober Paolino? Darum gebt es heute. Ein junger Freunb von mir, ber nicht aufbleiben konnte, hat seine Mutter gebeten, lhn ja gegen 4 Uhr zu wecken. Ein anberer hat seine Uhr gestellt. Wieber anbere haben am Stammtisch ausgeharrt. Da liegt bie Strafte schon wie ein ruhiges Tier. Die Natur ist zur Rüste ge­gangen unb sammelt Kraft für ben neuen Tag. Dichter schwärmen von ber Stille, vom Dust ber schlasenben Blumen, von Flieber, Liebe unb Monbschein. Die Menschheit aber sitzt in fiebern» ber Erregung, einzig mit dem Gebauten beschäf- tigt: Schmeling ober Paolino? Unb wie er seinen Haken weg hat, unb wie bie Sache entschieden ist, unb rote bie 40 000 Zuschauer in New York aus- brüllen, ba geht ein heimlicher Orkan burch bie Nacht, durch alle Erdteile, über alle Inseln unb Meere.

Kein Zweifel, baß uns bie mobemen Erfinbun- «en auch ganz neue Gefahren bringen. Vor al­lem ist es bie Oberflächlichkeit, bie Sen- sationslust, bie Phantasiereizung als Kulturersatz. Darum tft es notroenbig, baft sich bie echten Kräfte ber Kultur biefer Erstickungen annehmen und sie in den wahren Dienst ber Menschheit stellen. Und da sollen die Christen nicht verzweifeln. Man muß nur einmal verfolgen, welch ein ungeheures Echo die katholiscke internationale Film- und Runbfunk- tagung in München in ber gesamten nichtkatholi­schen Presse geweckt haben. Eine ganze Reihe bebeutenber Menschen lieft auf einmal durchblicken, daß sie ja auch katholisch seien, unb sogar ein be­rühmter Filmstar melbete sich mit bem katholischen Dausschein. Wir finb schon eine Macht, wenn wir einmal wirklich zugreifen. Tun mir es mit Liebe zur Sache, msi Freude an ben Dingen, mit Eistzr für bas Jbeal, mit Verstänbnis für Anbersben- kenbe, bie aud) auf solch einem Gebiet arbeiten, dann finb wir willkommen. Aber notroenbig ist es schon, baft wir Versprechungen, wie sie in Mün­chen gegeben worben snck, nicht im Winbe ver- flattern lassen. Wir brauchen eine richtige Kul­turbewegung, bie nicht im luftleeren Raume

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