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Nr. 138.

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt).

Sonntag, den 16. Juni 1929.

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Heimat

L .—J]

Fulda. öen 15. Juni 1929.

Der Nommunal-Landtag tagt.

Die Eröffnungsansprache des Oberprasidenten Dr. Schwandet-. — Ein Zwangsetat würde völlig un­befriedigende Zustände schaffen. — Ein vergleich ist zweckmäßig. — Die Bitte an die Abgeordneten, den Vorfchlag des Oberpräsidenten anzunehmen.

Unter großem Andrange auf den Tribünen wurde am Freitag nachmittag durch den Oberprä­sidenten der Provinz Hessen-Nassau, Dr. Schwan­der, der 59. Kommunal-Landtag mit einer länge­ren Ansprache eröffnet, in der es heißt:

Der 58. Kommunallandtag im April ds. Is. schloß leider seine Tätigkeit ohne Verabschiedung des Haushaltsplanes für das lausende Rechnungs­jahr ab. Er bedauere dies aufrichtig, weil damit der Landesverwaltung die gesetzliche Unterlage für ihre Maßnahmen zur Erfüllung der Aufgaben der Kom­munalverwaltung fehlte. Um die so entstandene Lücke zu schließen, ist der Staatsaufsichtsbehörde eine Hand­habe durch den Paragraphen 94 der Provinzialordnung gegeben. Allein bei dem Versuch, von der Ermächtigung des Gesetzes Gebrauch zu machen, habe er einsehen müssen, daß sie für den umfangreichen und komplizier­ten Aufbau eines ganzen Haushaltsplanes nicht aus­reichte. Der Oberpräsident kann die Eintragung einer Etatsposition oder die Feststellung außerordentlicher Ausgaben nur verfügen, wenn der Bezirksverband es unterläßt oder sich weigert, die ihm gesetzlich obliegen­den, von der Behörde innerhalb der Grenzen ihrer Zuständigkeit festgestellten Leistungen auf den Haus- haltsetat zu bringen oder außerordentlich zu geneh­migen.

Also nur gesetzlich obliegende Leistungen können zwangsweise verfügt und Leistungen können nur in dem Umfange festgestellt werden, der sich innerhalb des gesetzlichen Rahmens hält. Wohin sollte es aber führen, wenn z. B. die Beiträge zu land­wirtschaftlichen Meliorationen, deren Um­fang durch den freien Willen des Kommunalverbandes bestimmt wird, ganz ausfallen und damit auch die staat­lich zugesagten Beihilfen für 1929 hinfällig werden? Wozu soll es führen, wenn die Beiträge des Bezirks­verbandes für landwirtschaftliche oder gewerbliche Fach­schulen, für Institute, die der Kunst und der Wissen­schaft dienen, oder für eine große Anzahl von Zwei­gen der Wohlfahrtspflege ausfallen, Beiträge, bei de­ren Ausbleiben die meisten Anstalten dieser Art wo­möglich ihre Pforten schließen müßten? Wie sollen endlich die Unternehmungen und Anstalten des Bezirks­verbandes, wie sollen die Landstraßen förderlich unterhalten werden, wenn nur die gesetzlich obliegenden, aber nicht die darüber hinaus gehenden freiwilligen und doch sachlich unentbehrlichen Leistungen in den Zwangs­etat ausgenommen würden? Damit würde der Zwangsetat wenn er nach großem Zeit- und Kräfteaufwand wirklich zustande gekommen wäre, doch nur völlig unbefriedigende Zustände schaf­fen und die Verwaltung in Unordnung brin­gen.

Deshalb habe er den Versuch unternommen, den im April von dem Landesausschusse vorgelegten Entwurf des Haushaltsplanes, durch Erhöhung einzelner Ein­nahmeposten und Herabsetzung einzelner Ausgabepo­sten und unter Beachtung der Beschlüsse des Haupt­ausschusses und unter Nachprüfung der darüber hin- ausgehenden Anträge der Hessischen Arbeitsgemeinschaft so umzugestalten, daß er annehmbar erscheint. Freilich kann dabei, wie es sich bei dieser Nachprüfung für mich mit unumstößlicher Gewißheit ergab, die Grundforderung leider nicht erfüllt werden, daß die Bezirks- Umlage auf demselben Satze bleiben soll, wie in den Vorjahren. Das zu erreichen ist un­möglich, weil schon in den früheren Jahren die Be­zirksumlage auf das äußerste knapp bemessen wurde, und weil die Jahresleistungen für Anleihen zu stark ge­stiegen sind.

Aber es wäre-möglich gewesen, mit einer mäßigen Erhöhung des Umlagesatzes auszukommen, wenn nicht die preußische Staatsgesetzgebung der neuesten Zeit eine Aenderung der Anteile an der Kraftsahr zeug st euer zu Ungunsten der Provinzen und zu Gunsten der Kreise gebracht hätte.

Das Gesetz vom 27. Mai 1929 setzte den Anteil der Provinzen an der Kraftfahrzeugsteuer von 7 5 auf

70 Proz. herunter und verfügte Vorzugsüberwei­sungen an die schwer leidenden Provinzen Ostpreußen und Grenzmark Posen-Westpreußen. Der ganz erheb­liche Verlust, der dadurch in den veranschlagten Ein­nahmen für den Bezirksverband eintritt, kann nur wettgemacht werden, wenn die Kreise, deren Wohl und Wehe mit dem des Bezirksverbandes aufs Engste ver­knüpft ist, zu einem Opfer bereit sind.

Er gebe sich aber der Hoffnung hin, daß in der ern- sten Notlage, in die der Bezirksverband im Jahre 1929 geraten ist, das einträchtige Zusammenwirken aller beteiligten Gemeindeverbände die Schwierigkeiten über­winden wird. Der Oberpräsident schloß mit der Bitte, denHaushaltsplan, der nochmals mit einigen Aenderun- gen vorgelegt werde, eingehend zu prüfen und ihm zu­zustimmen und erklärte den 59. Kommunallandtag des Bezirksverbandes für den Regierungsbezirk Kastel für eröffnet.

Abg Präsident Dr. Dr. Schröder-Kassel übernahm den Vorsitz als Alterspräsident und lei­tete die Masst des Präsidiums. Zum Präsidenten des Kommunallandtages wurde Landrat a. D. Rittergutsbesitzer von Keudell-Wolfsbrunn bei Efchwege und zum Vizepräsidenten Landrat Dr. Wiechens-Gersfeld gewählt, da Oberbürgermeister Dr. Antoni-Fulda infolge seines Kuraufenthaltes in Süddeutschland dem Kommunallandtage nicht anwohnen konnte. Präsident von Keudell erklärte, daß sich alle Mitglieder des Kommunallandtages der ernsten Entscheidungen wohl bewußt seien, die sie heute und morgen zu treffen hätten; er hoffe, daß diese Entscheidungen zum Wohle des Bezirks­verbandes ausgehen möchten.

Dann wurde anstelle des infolge Erkrankung freiwillig ausgeschiedenen Abg. Rektor Seibert- Niederzwehren bei Kassel Frau Stadtrat Vogt- Kassel CD. Dem. P.) neu in den Kommunallandtag eingeführt, worauf mitgeteilt wurde, daß der Ael- testenrat beschlossen habe, daß die nächste öffentliche Sitzung des Kommunallandtages am Samstag vor­mittag 10.30 Uhr abgehalten werden solle, wäh­rend die Ausschüsse und die Fraktionen noch in der Zwischenzeit ihre Beratungen pflegen werden.

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Der Kommunallandtag, der heute um 10.30 Uhr eröffnet werden sollte, wurde auf 12 Uhr vertagt, well die Verhandlungen des Häupt- ausschusses über die neuen Einigungs-Dorschläge des Haushalts-Hauptvoranschlages noch nicht zum Abschluß gekommen sind. Wie wir indessen von sehr gut unterrichteter Seite hören, dürfte eine Einigung auf der Grundlage der Erhöhung der Bezirkssteuer um 2,18 Prozent gegenüber dem Vorjahre auf 18,07 Proz. erfolgen, nachdem Mehreinnahmen in Höhe von 141691 Mk. geschaffen worden sind.

Personennachrichten.

Seminaroberlehrer Ernst Hendus, der über zwei Jahrzehnte als Lehrer auf dem ehemaligen Fuldaer Lehrerseminar wirkte und nach dessen Auflösung im Jahre 1924 an der hiesigen Auf­bauschule und dem Staatlichen Gymnasium tätig war, ist als Re ktor an die Münzenbergschule in Frankfurt-Preungesheim versetzt wor­den. Seminaroberlehrer Hendus war in Fulda wegen seiner aufrechten, geraden Art sehr geschätzt. Die Zentrumspartei verliert in ihm eine eifrige Ar­beitskraft. Auch die katholischen Lehrer Fuldas werden den neuen Rektor, der als treues Mit- glied des katholischen Lehrervereins, vorbildlich in der Arbeitsgemeinschaft der Lehrer und Jung­lehrer tätig war, ungern scheiden sehen.

Meisterprüfung.

Vor der hiesigen Meisterprüfungskommission be­standen ihre Meisterprüfung die Schuhmacher: Eduard Hau von Fulda, Paul Weiß von Fulda und Hermann Heil von Flieden.

Prüfung an der hiesigen heeresfachfchule.

Unter dem Vorsitz des Oberfachschulrates Pro­fessor Dr. Schneider aus Stuttgart (Wehrkreis­unterrichtsleiter der 5. Division) fand am 14. Juni die Abschlußprüfung 1 an der Heeresfach- schule für Verwaltung und Wirtschaft bet der er­sten Abteilung des 5. Artillerie-Regimentes in Fulda statt. Cs bestanden sämtliche Prüflinge, und

guldar Bedeutung als Industriestadt

zwar: Heinrich Blum, Untern). 2/A.-R. 5 aus Hausen (Krs. Witzenhausen; Wilhelm B o e i s, Stabsgfr. 3./A.-R. 5 aus Kirchheim (Krs. Hers­feld) ; Karl Hinkelthein, Unterm. l./A.-R. 5, Uftrungen (Krs. Sangerhausen); Martin Klaus, Wachtm. 3./A.-R. 5 aus Zeckritz (Krs. Torgau; August Koch, Stabsgfr. 1./A.-R. 5 aus Mainz; Friedrich Kratz, Untern). l./A.-R. 5 aus Haus- breitenbach (Krs. Eisenach); Hermann Nachti­gall, Wachtm. 2./A.-R. 5, Drengsurt, Ostpr.; Erich Rautenberg, Stabsgfr. 3./A.-R 5 aus Gleiwitz. Reinhold Scharf, Wachtm. 2./A.-R. 5 aus Marianowo i. Pofen; Adolf Schaumburg, Unteroff. l./A.-R. 5 aus Babenhausen (Krs. Bü­dingen); Wilhelm Weyrich, Wachtm. 3./A.-R. 5 aus Frankfurt a. M.

Auf eine 25 jährige Tätigkett

ber Maurermeister Heinrich Rommel, Fulda, kann heute der Schreiner Wilhelm Börner aus Fulda zurückblicken. Aus diesem Anlaß wurden dem Jubilar von feiten der Firma und der Handwerks­kammer besondere Ehrungen zuteil.

Eine Warnung vor dem Schneidergewerbe.

Der Deutsche Bekleidungsarbeiterverband erläßt eine Warnung, da er glaubt feststellen zu können, daß in diesem Gewerbe rund 50000 Lehrlinge heute zu viel vorhanden sind, die keine Möglich­keit haben, nach Beendigung ihrer Lehrzeit ange­stellt zu werden. Nach der letzten Berufs- und Betriebszählung sind im ganzen mehr als 77 500 Lehrlinge gezählt worden, die aber zum größten Teil aus die sogenannten Kleinbetriebe entfallen, bei denen gewöhnlich die Zahl der Lehrlinge rela­tiv größer als die der Angestellten ist. Nach dem allgemeinverbindlichen Reichstarif sind aber nur 35 500 männliche und ungefähr 17200 weibliche

Don Willy

Ein Abiturient der Windfriedschule in Fulda stellt uns einen Auszug seiner Jahresarbeit zur Verfügung:

Ist Fulda als Stätte alter Kultur, als Sitz einer ehemals berühmten und allbekannten Klosterschule, endlich auch wegen seiner reizvollen und schönen landschaftlichen Umgebung der Anziehungspunkt und das Ziel tausender von Touristen, so wird es in wirtschaftlicher Beziehung doch manchmal zu mel unterschätzt. Bei vielen Fremden ist die Meinung vorherrschend, daß Fulda sich von der Landwftt- schaft oder vom Fremdenverkehr ernähre. Diese Meinung ist falsch! Gewiß, wenn man in der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch Fulda zog, mutzte man die Feststellung machen, daß der größte Teil der damaligen Bevölkerung mit der Landwirt­schaft in engster Fühlung stand, daß jeder Fuldaer neben seinem Handwerk noch Landwirtschaft be­trieb. Diese Tatsache ist auch ganz erklärlich, denn die Kleinstadtwirtschaft der damaligen Zeit ver­hinderte ja jede größere gewerbliche Betätigung. Richtig ist aber, daß sich heute die Bevölkerung Fuldas durch die Industrie ernährt, daß Fulda nicht nur mehr das ehrwürdige, durch Altertümer und Baudenkmäler berühmte Kulturzentrum, son­dern auch ein Wirtschaftszentrum ist, und zwar ein solches, das im Rahmen unserer deutschen Indu­strie keine geringe Rolle spielt.

Grundlegend für die Entwicklung der Fuldaer Industrie waren neben den Erfindungen und Ent­deckungen des 19. Jahrhunderts, die sich gruppie- ren um die Verwertung des Dampfes bei der Schiffahrt, im Gewerbe und bei der Eisenbahn — letztere wurde 1866 in Fulda eingerichtet — auch günstige lokale Verhältnisse in verkehrswirtschaft­licher Beziehung. Hier sind einmal die Eisenbahn­linien zu nennen, durch die Fulda mrt ganzDeutsch- land in Verbindung steht, bann aber auch die wich­tigen Autostraßen: Frankfurt—Leipzig; Frankfurt —Gießen. Beide, Eisenbahnlinien und Autostraßen erschließen der Fuldaer Industrie ganz Deutschland, find insofern grundlegende Faktoren, die dazu bei­trugen, daß Fulda Industriestadt wurde, daß es

R ü b s a m.

heute seine Produktion in alle Welt absetzt, daß sein industrielles Kapital nicht nur im Inland, sondern auch im Auslande arbeitet.

Das wichtigste Betätigungsfeld des Mdaer Un­ternehmers war früher und ist auch l^tnochde Tertilindustrie, trotzdem rhr die W a ch s - in du st r ie start -u! d-n F-rstn ist Dl- T-rd- inbuftrie gebt in Fulda letzten Endes auf die scharf wirtschaftspolitisch eingesteltten Fürstabte des absolutistischen Regime zuruck. Don diesen Fürst übten eingeleitet, hat sich dieser Industriezweig heute zur größten Blute entfaltet. Dfe Fulü Textilindustrie steht, was die Zahl der Betriebe und der Arbeiter anbelangt, allen Industrie- und Wirt­schaftszweigen Fuldas voran. Trotz, des die deutsche Wirtschaft so zerstörenden Weltkriegs, .trotz der schweren oft lange andauernden Wirtschaftskrisen, die auch die Fuldaer Textilindustrie empfindlich trafen hat sich letztgenannter Industriezweig in der Kriegs-und Nachkriegszeit gut entwickelt denn die selben 12 Betriebe, die tm Sabre 1914. 14oC Mr beiter beschäftigten, unterhielten im Sabre 1928. 2407 Arbeiter bzw. Arbeiterinnen. Trotz mancher Schwankungen auf dem Rohstofsniark e die auch bei der Fuldaer Textilindustrie Entlassungen zur Folge hatten, boten sich im allgemeinen »n Sabre 1928 für die Fuldaer Betriebe günstige Absatz- möqlichkeiten. Der größte Konkurrent derh-chgen Textilindustrie ist neben der günstiger arbeitenden Tertlindustrie des Auslandes leider die deutsche M dmn unsere deutschen Tertilfabrikanten fleischen sich im bittersten Konkurrenzkampf. Was die Bezugsländer für die Rohstoffe der Fuldaer Textilindustrie angeht, so kom'nen m der Haupt­sache folgende Länder in Betracht: . Deutschland, Australien, Argentinien, Afrika, Ostindien, Ruß- land, der Balkan, die Tschechoslowakei, Frankes und Belgien. Soweit Pflanzenfasern m Betracht kommen, auch Aegypten und China.

Als Absatzgebiet der Fuldaer Textilvr^ukte sind vorwiegend das Inland, dann aber auch di Schweiz, Norwegen, Skandinavien, - der Balkan und Holland, zu nennen. Als überseeische Landei

Arbeitskräfte vorhanden, sodaß sich aus dieser Gegenüberstellung ein Plus von rund o0 000 Lehr - lingen ergibt, deren Aufstiegmöglichkelten äußerst fraglich erscheinen.

Die Gemeindezuschüsse für Posthilssstellen.

Der Verband der Preußischen Landgemeinden hat eine Eingabe an den ReichspostmlNister ge­richtet, in der daraus aufmerksam gemacht wird, dich von den Oberpostdirektionen die Errichtung bezw. Beibehaltung von Posthilfsstellen in Heu neu Landgemeinden abhängig gemacht _ wird vor ber Zahlung eines Zuschusses zu der seitens bei Reichspostverwaltung gewährten Entschädigung fui den Posthilfsstelleninhaber. Da dieser teibveift nicht unerhebliche Zuschuß besonders in i bei Beutv gen Zeit des Darniederliegens der Landwirtschaft von den betroffenen Landgemeinden, und ihren Steuernzahlern als ungerechtfertigte Belastung emp­funden wird, bittet der Verband der preußischer Landgemeinden des Reichspostminlsterlum, es mag« eine Nachprüfung dieser Angelegenheit vomeh- men und die Posthilfsstellen in den Landgemeinder finanziell so stellen, daß die Heranziehung der Gemeinden zu weiteren Zuschüssen sich erübrigt.

Dorsicht beftn Versand von Päckchen.

Die Post klagt darüber, daß jetzt häufig Päck­chen mit Gegenständen aufgeliesert werden, di« unter dem Einfluß ber Wärme leicht »er- derben oder Flüssigkeiten absetzen, wodurchander« Sendungen beschmutzt werden. Für die en bet können daraus leicht Weiterungen und Ersatzver­bindlichkeiten entstehen. Es empfiehlt sich daher, Gegenstände, wie Früchte, Beeren, Butter und andere leicht schmelzende Fette, in ber heißen Jahreszeit in Päckchen nicht zu versenden.

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itaröi

Sonntag den 16. Juni, nachmittags 5.30 Uhr Bezirksmeister 28/29

Sportklub 03 Kassel!

Erster Sportverein „Borussia.** Fulda.

Der Abenteurer.

Don D. W h i t e l a w.

Aus dem Englischen von Wilhelm Entz.

Alle deutschen Rechte bei Grete von Urbanitzkv. Wien.

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In diesem Augenblick wurde der gesprächige alte Herr abgerufen, um die Wünsche eines neu eintretenden Ga­stes, der die Regentropfen von seinem breitkämpigen Hute schüttelte und ungeduldig nach eine Erfrischung.rief, entgegenzunehmen. Um die Wahrheit zu sagen, es tat mir gar nicht leid, daß ich den Alten und fein Geschwätz los war und mich bei meinem Rotwein, der trotz der Schäbigkeit des Lokals vorzüglich schmeckte, meinen Ge­danken bingeben konnte. Stoff zum Nachdenken hatte ich wahrhaftig genug.

Das Schicksal selbst schien mit mir im Bunde und spielte mir meine Trümpse in die Hand. Es war ein unvorhergesehener Glücksfall für mich, daß der alte Notar, der Armand Veroier als Knaben gekannt haben mußte, nicht mehr unter den Lebenden weilte. Der Sohn dieses Mannes, mit dem ich es zu tun haben würde, war nur um weniges älter als ich, und ich traute mir zu, es an Schlauheit mit ihm und jedem anderen, wäre er auch doppelt so alt, aufzunehmen. Ich fürchtete mich nicht, einem Menschen gegenüberzutreten, der, wenn er mich überhaupt je gesehen, nur eine flüchtige Erinnerung an mich haben konnte. Nein, ich hatte keine Furcht vor dem Morgen. Die Schuhe des Mannes, dessen Identität ich usurpiert hatte, paßten mir ganz ausgezeichnet.

Noch weniger Furcht hatte ich, als ich am nächsten Morgen in der schäbigen Amtsstube des Notars saß und von meinem Leben in Kanada und meiner Reise auf dem guten Schiss Diktator erzählte. Was ich dem No­tar da auftischte, hatte ich in mancher schlaflosen Nacht aus den spärlichen Angaben der grünen Brieftasche und den Zutaten meiner eigenen Einbildungskraft geschickt genug zusammengebraut, und ich schmeichelte mir, daß ich meine Geschichte gut erzählte, denn ich las in den wässerigen Augen Gautiers, der in seinem abgeschabten Lehnstuhl mir gegenüber saß und zuhörte, nichts als ver- ttauensvolle Aufnahme.

Wie immer die berufliche und gesellschaftliche Lage des verewigten David Gautier gewesen sein mochte, aller Glanz, wenn Glanz überhaupt je da war, schien seit lan­gem aus der Rue du Dome Numero zweiundsiebzig entschwunden. Die Einrichtung der Amtsstube war dürf­tig, abgenützt und ungepflegt, die Schriftstücke auf dem gewöhnlichen Holztisch gering an Zahl, verstaubt und — wie ich mich während der Zeit meines Wartens verge­wisserte — von untergeordneter Bedeutung. Kleidung und Wäsche des würdigen David selber machten nicht den besten Eindruck. Es war mir wohl bekannt, daß Notare mitunter eine gewisse Nachlässigkeit in der Klei­dung affektieren, dies hier aber konnte keine gekünstelte Nachlässigkeit sein. Mit einem Wort, der Mann war un­sauber und vernachlässigt. Auch gab mir ein Blick in sein Gesicht hinreichende Erklärung. Ich hatte in den wenigen Jahren meines Weltlebens gerade genug von Luderei und Verkommenheit gesehen, um die Merkmale der Aus­schweifung zu erkennen, wenn sie so deutlich im Ange­sicht eines Menschen geschrieben standen. Ich sagte mir, daß ich von feiten des Monsieur David Gautier keinen Widerstand zu befürchten haben werde, oder wenn, so würde er sich leicht beseitigen lassen.

Das ganze Verfahren war von lächerlicher Einfach­heit, und immer wieder dankte ich dem Glücke, daß ich es mit diesem stumpfsinnigen Trinker zu tun hatte und nicht mit einem scharfsinnigen Rechtsanwalt. Gesetzliche Schwierigkeiten waren, so viel ich mich erinnere, keine Zu überwinden, oder wenn welche vorhanden waren, fo fiel es David Gautier nicht ein, sie geltend zu machen. Ich hatte den Mann sofort durchschaut. Sein Interesse lief ohne Zweifel mit dem meinen auf einer Linie, und die Aussicht auf Gewinn stachelte feinen Eifer an, die Sache mit möglichster Beschleunigung zu Ende zu brin­gen. Sollten sich irgendwelche Hindernisse ergeben, so war ich sicher, in David Gautier den Mann gefunden zu haben, der sie ebnen würde. Seit dem Tode seines Vaters waren die Geschäfte des Notariats offenbar da­hingeschwunden, und die Klienten hatten sich verlaufen, so daß zur Zeit meines Besuches in der Rue du Dome nicht mehr viel übrig war. Es hätte mich nicht gewun­dert, zu hören, daß die Erbschaftsangelegenheit des Hau­ses Lanchon das Um und Aus der Geschäfte David Gau­tiers war.

Es war deutlich sichtbar, daß sich der Mann durch die Verbindung mit mir künftige bessere Tage erhoffte. Vielleicht sah er im Geiste bereits die Fensterladen im Schlosse abgenommen und die Gartenwege von Unkraut gesäubert; • vielleicht träumte er von fetten Honoraren und künftigen großen Transaktionen in meinem Auf­trage. Doch was immer feine Träume fein mochten, er verlor darüber keine Zeit, und eine Stunde genügte, um die vorbereitenden Schritte einzuleiten. Ich glaube so­gar, daß ich schon an jenem Morgen meinen (Ein. tg in Lanchon hätte halten können, wenn ich nur gewollt hätte, aber durch unangebrachte Eile war nichts zu gewinnen, und tatsächlich verzögerte ich das Verfahren, wie ich mir einbilde, sehr zum Verdruß David Gautiers.

Wir besiegelten unsere erste Zusammenkunft bei einer Flasche Burgunder im Purpurnen Weinstock. Ich hätte den Notar zum Mittagessen gebeten, war aber begierig, allein zu fein, um mir die Einzelheiten unseres Gesprä- ches zusammenzustückeln und das Neue, das ich in der schäbigen kleinen Amtsstube in der Rue du Dome erfah­ren hatte, in eine Art Ordnung zu bringen. Gautier be­gleitete mich bis zum Marktplatz. Dort, an der Ecke bei der alten, grauen Mauer der Kirche Samte Chapelle, hielt er mir feine zitternde und nicht sehr saubere Hand hin, räusperte sich nervös und nahm eine reichliche Prise Tabak.

„Monsieur müssen verzeihen, daß ich es erwähne . . ." begann er. Die Zeichen richtig deutend, griff ich in die Tasche. Ein Licht glänzte in feinen trüben Augen auf, und er fuhr fort:

„Es werden mancherlei Sachen zu besorgen fein, ge­wisse Papiere, die wir am besten gleich bei der Hand haben. Bloße Formalitäten, natürlich. Vielleicht werde ich auf einige Tage nach Rouen fahren müssen. Inner- halb einer Woche könnten Monsieur bann den Besitz an­treten. Ja, ganz gewiß, innerhalb einer Woche. In­dessen . . ."

„Ja?"

Der Mann zupfte nervös an seiner Unterlippe. Ich sah, wie der Kehlkopfknorpel in feinem dürren Hals wie ein Kork auf und ab ging.

„Ich wollte sagen, daß gewisse Zahlungen zu leisten fein werden. Ich habe bereits einige Auslagen gehabt „ . . nicht von Bedeutung, aber . . “

Ich zog die Hand aus der Tasche; beim Anblick der Banknoten kam Leben in die Stimme des Mannes, seine Finger zuckten nach dem Gelde.

„Sagen wir hundert Franken . . . wenn es gefällig ist, Monsieur. Es war das Inserat in der Zeitung vor Ottawa zu bezahlen und die..."

„Bitte," sagte ich, „wenn dieser Betrag genügt."

Der Mann hob die Schultern und lächelte. Sein Lä­cheln war nicht angenehm, ein bloßes Kräuseln der blut leeren Lippen, das feine ruinenhasten, braunen Zähn sichtbar werden ließ.

„Ich werde Ihnen genaueft Rechnung legen, Mon- sieur."

Ich zählte den Betrag, und David Gautier stopfte bi« Noten, ohne nachzuzählen, in ble Tasche feines faden- scheinigen, grünen Rockes. Er nahm eine frische Prise und betrachtete mich scharf. In seinem Blick lag etwas bas mir Unbehagen verursachte. Zum ersten Male, fett ich nach Louviers gekommen, beschlich mich etwas wie Furcht.

„Monsieur erinnern sich meiner nicht?"

Ich lachte, wohl etwas nervös.

„Es ist lange her, baß ich in Louviers war," fa ich vorsichtig; unb plötzlich fiel mir eine Bemerkung efc, die ber verewigte Armand auf dem Bocksitz der Dover­post gemacht hatte. „Haben wir nicht in alten Tagen miteinander im Schloßgraben gefischt? Ich habe ein schlechtes Personengedächtnis, unb zwösi Jahre ist eine lange Zeil. Sie müssen mir verzeihen."

Der Kerl verbeugte sich, unb jenes arglistige Lächeln kräuselte von neuem (eine bünnen Lippen. Ich begann allen Ernstes zu fürchten, baß ich den Notar aus ber Rue du Dome unterschätzt hatte.

.Ich hätte Sie überall als einen Veroier erkannt," sagte er. „Sie haben sich nur sehr wenig oeränber), Monsieur Armanb."

Er verbeugte sich, ben Hut lüftenb, machte kehrt unb schritt, ohne weiter ein Wort zu sagen, langsam die Rue du Dome hinab. Er ging nicht in feine Kanzlei, sonder, überquerte die Straße und trat beim Purpurnen Wein stock ein, während ich, nicht wenig betroffen, an de alten .grauen Mauer der Kirche Sa inte Chapelle ftebei blieb.

(Fortsetzung folgt.;