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M 125.

Gamstag, ven 1. Juni 1929.

Dom sozialdemokratischen Parteitag.

Mit der Erledigung der Wehrfrage ist der wich­tigste Teil des sozialdemokratischen Parteitages zum Abschluß gebracht worden, wenn auch vielleicht die Probleme, die nachher behandelt werden, für sich an politischer Bedeutung nicht hinter der so­zialdemokratischen Wehrsrage zuriickstehen. Aber wie selten an einem Problem vorher, haben sich an der Wehrfrage in der sozialdemokratischen Par­tei die Geister geschieden und das Endresultat, die Abstimmung über den Antrag des Wehrausschusses, bei der 244 gegen 147 Stimmen standen, läßt deutlich erkennen, wie hart der Meinungsgegensatz gewesen ist. In den noch ausstehenden übrigen Aufgaben des Parteitages ist eine größere Ein­heitlichkeit der Meinungen ohne weiteres zu er­warten. Das gilt vor allem für die Frage der Ar­beitslosenversicherung.

In der Wehrfrage ist dem verbesserten Aus- schußprogramm der Sieg ^gefallen. Das bedeutet, daß die Sozialdemokratie in ffner der wichtigsten Fragen demokratischer Regierungsführung poli­tischer denken gelernt hat, d. h. daß in einer Frage, wo sich die Denkweise von den Staatsnot- wendigkeiien her von der radikalen parteiideolo­gischen Denkweise wesentlich unterscheidet, das staatspolitische Denken den Vorrang behalten hat. Nicht zuletzt ist das den durchschlagenden Aus­führungen des Reichsinnenministers S e v e r i n g zu danken gewesen.

Die ganze Frage hat sich bekanntlich am Pan- zerkreuzerstreit entzündet. Das Panzerkreuzerpro­blem gab Anlaß zur Einberufung des Wehraus­schusses durch den sozialdemokratischen Parteivor­stand, damit er eine prinzipielle Entscheidung für die sozialdemokratische Reichstagsfraktion treffe. Was dieser Wehrausschuß zu Beginn dieses Jahres als feine Meinung zutage förderte, war ein Kom­promiß aus gegensätzlichen Auffassungen und es war in sich sehr'widerspruchsvoll. Man hatte noch nicht recht könnt, daß eine sozialistische Bewegung, die von dem Ziele einer idealen oder vermeintlich idealen zukünftigen Gesellschaftsstruktur bestimmt wird, etwas anderes ist als eine sozialdemokratische Partei, die in einem demokratischen Staat, der auf einem vielgestaltigen Parteisnstem ruht, verant­wortliche Führung übernehmen muß. Die­ser Gegensatz ist bisher nur sehr verschwommen und vage geführt worden, indem man anerkannte, daß eine sozialdemokratische Partei, die sich an der Re­gierungsführung beteiligt, sich mit Kompromissen abfinden müsse. Niemals ist aber recht deutlich ge­worden, daß ein aktuelles politisches Programm einer sozialdemokratischen Partei in einem demokra­tischen Staat etwas ganz anderes fein müsse, als das Programm einer sozialistischen Jdeenbewegung. Die sozialistische Bewegung geht von einer Idee, einer bestimmten Gesellschaftskritik und einer ent­sprechenden Ideologie aus. diese Ideologie bestimmt für den praktizierenden' sozialdemokratischen Par- teipolitiker aber nur die innere Haltung eines Tuns, den allgemeinen Gesichtswinkel, unter dem er : Vorgänge des Tages beurteilt, sie bestimmt . ilttbi feine nächste SBeraMtenaidfiÄtMt Dips» mtrh sWielm-hr von den gegebenen Staatsnotwendigkel­ten wie auch von den machtpolitischen Interessen bev sozialdemokratischen Partei wesentlich beein­flußt. Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen ideologischem Wollen und der von einer Idee getragenen praktischen Politik in der Demo­kratie.

Es scheint so, als habe der Magdeburger Partei­tag in einem gewissen Maße zur Klärung dieser Frage beigetragen, wenigstens hat Severing in die-

Fuldaer

ser Beziehung sehr deutliche und auch eindrucks­volle Worte gesprochen. Ist eine solche Klärung tatsächlich erfolgt, so wäre das ein außerordent­licher Gewinn für unsere Demokratie, denn die po­litische Willensbildung in unserer jungen Republik — man denke an die mannigfachen Regierungs- schwierigkeiten „aus grundsätzlichen Erwägungen heraus" — hat in der Vergangenheit meistens da­ran gelitten, daß die Prinzipien die Verantwor­tungsübernahme verhinderten.

Die sozialdemokratische Partei selbst hat den Auseinandersetzungen über die Wehrfrage mst starken Befürchtungen entgegengesehen. Man er­innert sich wohl noch der ausgedehnten und mit­unter sehr leidenschaftlichen Debatten, die die Ver­öffentlichung des ersten Entwurfs des Wehrpro-

Uatholifcher Gottesdienst.

Sonntag, den 2. Juni. Die Kollekte ist für den Bonifattus-Vereiv. Fulda. vom. 1. Beicht­gelegenheiten sind: Samstag morgens von 1/s6 Uhr ab; nachmittags von 2—3 für Kinder; von ViS—7 Uhr und von ‘AS Uhr ab für Erwachsene; Sonntag morgens von Vsß Uhr ab. 2. Sonntagsgottesdienste: */i6, 6, */i7 und 7 Uhr hl. Messen mit Gelegenheit zum Empfang der hl. Kommunion. 1 Uhr Pfarramt, Komm, des Männer» apostolates und des 8. Schuljahres. Vi9 Bischöfl. Hoch­amt mit Predrgt. V.12 letzte HI. Messe mit Predigt. '/12 Uhr Andacht zum HI. Herzen Jesu. 2 Christen!, der Jungfrauen. 4 Uhr nachm. Predigt und Andacht. Um 7 Uhr abends ist sakram. Andacht mit Segen. 3. Werktagsgottesdienste: Jeden Morgen von V,6—7 Uhr halbstündlich hl. Messen mit Kommunion-Austeilung. V-8 Pfarraottesdienst mit hl. Kommunion. Um 9 Uhr letzte HI. Messe mit Austeilung der heiligen Kommunion. Jeden Abend */i8 Uhr sakr. Andacht bezw. Bonifatius. Andacht mit Segen und Reliq aien-Verehrung. Donnerstag */a5 Beichte wegen des Herz-Jesu-Festes und Freitag von st,6. st,8 abds. Andacht, zum hl. Herz-Jesu, Segen. — Stadtpfarrkirche. Beichtgelegenheiten: Samstag nachm. v. 3—7, 7'/-—8'/,. Sonntag früh 6—7. Sonntagsgottes, dien sie: 6 dl. Messe. 6'/« hl. Messe und Kommun, des Männerapostolates. 8 feiert. Prozession zum Grab des hl. Bonifatius. 8st, hl. Messe. 11 hl. Messe und Pred. Ist, Christen!, der Jungfrauen. 2st, Bruderschaft vom hl. Rosenkranz. 8 Uhr abends sakram. Andacht, womit die Jubiläumsandacht zum h!. Bonifatius verbunden wird. Die heilige Kommunion wird von 6—7st, Uhr jede halbe Stunde gespendet, außerdem um 8st« Uhr. Werktagsgottesdienste: Um 6, 6st,, 7st« und um 8 Uhr. Jeden abend bis Donnerstag 8 Uhr Andacht zur Per- ehrung des dlst. Sakramentes. Donnerstag nachm. von 5—7 Beichte. Freitag abd. 8 Herz-Jesu-Andacht. — Pfarrkirche jum hl Geist. 7 Uhr Frühmesse mit Ansprache. 8 Uhr Hochamt und Predigt. ’/«U Kindergottesdienst mit Ansprache, st-12 Uhr Christenl. st-3 Mütterver. 8 Andacht. Monats-Kommunion des 8. Schuljahres. — St Sturmius-Pfarrkirche. 7st« Komm.-Austlg. 71/, Uhr Frühmesse mit Predigt. 9st- Uhr Hochamt mit Predigt. Darauf Christenlehre. Um st,2 Uhr Segensandacht. — klbteikirche der Benediktinerinnen. Sonntag st«6 Konvent- messe, st,9 Konventamt, um 3 Uhr nachm. Vesper. — herz-Zesu-heim. Sonntags um 6 Uhr hl. Messe. 8 Uhr Predigt und Amt. 2 Uhr Andacht und Segen. Werktags 6 hl. Messe. Mittwoch abend 8st« Andacht und Segen. — Friedhosrkapelle am Franzoseuwäldchrn. Sonntag: 6st« tl. IV’v'vffv «♦« •* sHvtfv*. V. «nb - 44 x*8 ioil g,

Werktags: 7 hl. Messe mit Kommunion-Austeilung. — Severikirche. 7 hl. Messe. 8 Oberrealschulgottesdienst. — Frauenberg. Hl. Messen von 5—7 Uhr. 8 Uhr Sing- messe mit Predigt und liturg. Gebeten. 9 Uhr Predigt und Levitenamt mit Aussetzung. Um st-3 Uhr Predigt und Andacht für die Terzraren. Abends um st-8 Uhr iss die übliche Herz-Jesu-Andacht mit kurzer Predigt, (Während des Monats Juni findet jeden Abend, an den Werktagen um 8 Uhr, an den Sonn und Feiertagen um st.8 Uhr eine öffentliche Andacht zum göttl. Herzen Jesu vor dem ausgesetzten Allerheiligsten statt, am ersten

Zeitung

gramms gezeitigt haben. Man erinnert sich wohl auch noch daran, daß der anfänglich für den 15. März angesetzte Parteitag auf das neue Datum des 25. Mai verschoben worden ist. Das geschah angeblich wegen der drohenden Hochwassergefahr in Magdeburg, in Wirklichkeit aber, weil man es nicht wagte, das Wehrprogramm schon jetzt zur Debatte zu stellen. Als der neue Termin angesetzt wurde, hatte man sich der Hoffnung hingegeben, daß in­zwischen der Reichsetat erledigt sein würde, daß also die sozialdemokratische Partei hinsichtlich der strittigen Wehrangelegenheit vor eine vollendete Tatsache gestellt sein würde, was unter Umständen die Beschlußfassung hätte erleichtern können. Jetzt wird man natürlich froh sein, daß die Annahme des Wehrprogramms in der Form der verbesserten

und letzten Juni, sowie an den Sonn- und Feiertagen mit einer kurzen Predigt. Die Nachmittagsandachten an den Dienstagen und Freitagen fallen in diesem Monat aus.'

Neuenberg. Prozession zum Dom. — Lehnerz. Prozession nach Fulda. — Dieterrha». Prozession nach Fulda.

Donnerstag, 6. Juni. Frauenberg. Nachm. st,5 Uhr feierliche Vesper mit sakram. Segen.

Freitag, 7. Jum. Herz-Jesu-Fest. grauenbetg. Ablaßtag und Generalabsolution für die Terziaren. Aussetzung des Allerhlst. von 5 Uhr morgens bis zum Schluß des Hochamtes. 8 Uhr Levitenamt. Abends st,8 Uhr Herz-Jesu-Andacht mit kurzer Predigt und Weihe an das göttliche Herz.

Samstag, 8. Juni. Frauenberg. Festfeier des hl. Bonifatius, des Apostels der Deutschen und Patrons der Fuldaer Diözese. Gegen st,7 Uhr Levilenamt.

Evangelischer Gottesdienst.

Sonntag, den 2. Juni. Fulda. 8 Uhr Kreis- Pfarrer Weber. 9st- Uhr Pfarrer Waldschmidt aus Zell unter Mitwirkung von Posaunenchören und ge- mischten Chören. 11 Uhr Kindergottesdienst. 8 Uhr abends Bibelstunde im Schwesternhaus durch Pfarrer Schmidt für Jungmädchen und Frauen. 8 Uhr abds Juagmänner-Zusammenkunft im Bibliothekzimmer des Gemeindehauses. — vad §alzs»lirf. 10 Uhr Super- intendent Ruhl. — Schloß vieberstein. 9st« Uhr vorm. Kandidat Rübesam. — Großenlüder. Ist« Uhr nachm. Kandidat Rübesam. Amtswoche: Kreispfarrer Weber.

Dienstag, 4. Juni. Fulda. Um 8 Uhr abends Bibelkreis der Schüler höherer Lehranstalten (SB. K.) im Pfarrhause.

Mittwoch, 5. Juni. Fulda. Um 8 Uhr abends Bibelstunde im im Saale des Kindergartens.

Donnerstag, 6. Juni Fulda. 8 Uhr abends Mütterverein im Schwesternhaus.

Lvangel. landerkirchl. Gemeinschaft, Fulda, vuttlarftr. 17.

Sonntag, den 2. Juni. Hessisches Sänger» und Posaunenfest in Fulda. 8—9st, Uebung der Gesang» chöre im evang. Gemeindehaus. 9st, Festgottesdienst, Herr Pfarrer Waldschmidt. 11—1 Probe der Gesang» in h»n ffifabtfälen 3st» Uhr Versammlung in den Stadtsälen. Programms zu 60 Psg. sind am Eingang zu haben. Dieselben berechtigen zum Eintritt. Dienstag abend um 8st- Uhr Bibel- und Gebetstunde.

Israelitischer Gottesdienst.

Samstag, den 1. Juni. Omer 9.30. — Vor- abends 7.30, morgens 7.30, nachmittags 5.00, Sabbat- ausgang 9 25.

Donnerstag, 6. Juni, Fasttag. Gottesdienst 12.20.

Wochentags: Morgens 6 20, nachm. 9.05.

3. Blatt.

Drutf bet Fuldaer Mctienbraderei, Fulda.

Ausschußrichtlinien der Reichstagsftaktion alle er­wünschte Freiheit gewährleistet hat. .

Die bisherigen Auseinandersetzungen auf dem Magdeburger Parteitag lassen übrigens deutlich er­kennen, daß der machtpolitische Wille, d. h. die Br. reitschaft zur Verantwortungsübernahme in Dee Sozialdemokratie erheblich erstarkt ist. Da» hat wohl seinen Grund vor allem darin, daß die Opposition der Kommunisten und des von ihn be­einflußten linken Flügels der Sozialdemokraten bisher wirkliche Erfolge nicht gefunden hat. Die Betriebsrätewahlen in Berlin find keineswegs gültig für ganz Deutschland geworden und Der Ausfall der sächsischen LanDtagswahlen der mch. nur einen zahlenmäßigen Erfolg für Die SoziÄ- demokratie gebracht hat, ist als sozialdemokratischer Parteigewinn deshalb höher zu bewerten, weil die Kommuni st en dabei erheblich v e r l o r e v haben. „

Technik und Verkehr.

= Die Amerika-Dost des L- «cki^s Graf Zeope (in.“ Die für die abgebrochene Amerikafahrt des Luft­schiffes „Graf Zeppelin" aufgelieferten Sendungen la- gern bis zum Wiederantritt der Fahrt in Friedrichs­hafen (Bodenfee). Weitere Sendungen für die Amerika- fahrt können unter den bisherigen Bedingungen aufge- iiefert werden.

Frankfurter Radio-Programm.

Samstag, den 1. Juni 1929.

13.15: Schallplattenkonzert: Volkstümliches Konzert 16.35—18: Nach Stuttgart: Konzert des Rundfunkorche sters. 18—18.40: Von Groß-Gerau: Festakt im Sitzungs­saal des historischen Rathauses anläßlich seiner Wieder­herstellung und der Einweihung des Heimat-Museums des Gerauer Landes in Anwesenheit des Staatspräsi­denten Dr. Adelung und anderer Behördenoertreter, 19 05—19.25: Esperanto-Unterricht, erteilt von W. Wischhoff. 20.15: „Dsarnileh". Anschließend: „Die Rie­senwelle", Rundfunk-Cabaret. Darauf bis 0.30: Xair musik. •

wie wird das Wetter?

Der Vorstoß der Kaltluftmassen auf das Festland Hai hier wieder zur Ausbildung eines Hochdruckrückens ge- führt, in dessen Bereich sich auch bei uns sehr schnell die heitere und trockene Witterung eingestellt hat. Neuer- licher starker Druckfall über Südskandinavien läßt er-

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neut wieder einen Kaltluftvorstoß erwarten, der in Nord­deutschland stärkere, bei uns aber nur ganz vorüber­gehende Störungen bei heiterer Witterung Hervorrufen wird.

Witterungsausfichten für Samstag: Wolkig bis heiter, örtliche gewitterartige Störungen, vorübergehend leichte Abkühlung, Winde aus überwiegend nördlichen Richtungen.

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Der goldene Mantel.

Roman von Heinz Welten.

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Verwundert blicken die Leute ihm nach. Tränen rin­nen dem alten Doktor über die Wangen, Tränen wie einem kleinen Kinde. Und wenn Menschen ihn anspre- r Aen, schaut er sie groß an und schreitet weiter. Sein ge- fälteter Halskragen sitzt schief und ist zerknittert, sein Hut hängt im Nacken, sein wollenes Wams ist halb geöffnet. W das der Doktor Ulpianus, der immer so peinlich sau- Der ausschaut, an dem niemals ein Stäubchen ist? Er recht gut gespeist, noch besser getrunken haben, der Doktor Ulpianus.

Er kommt über den Marktplatz. Quer über den Platz ’ft Dom Tanzhaus zum Rathaus ein Seil gespannt, an D-m ein blechernes Schild hängt. Eine Truppe englischer Komödianten ist auf dem Anger eingetroffen und kündet öem vorehelichen Rat und der hochlöblichen Bürgerschaft Qn' baß sie demnächst mit einem sauberen Spektakel auf­warten würde. Ulpianus bleibt stehen, liest zweimal, drei­mal und geht weiter, ohne zu wissen, was er gelesen hat. . “r ein Gedanke hat in seinem Hirn Raum: Er soll whche Lose vertreiben. Soll Lug und Trug auf sich laden, «unde auf Sünde hänfen ohne Unterlaß, bis er unter der Sündenlast zusammenbricht.

Eine Schuld nur! Nimmer wird er die alten Sünden ugen können, doch immer neue, größere wird er aus sich häufen. Gutes haben ihm die Menschen erwiesen, haben 'hm ihr Hap und Gut gebracht in gutem Glauben, auf aB er es mehre. Und er! Wie lohnt er sie? Wie will kr dereinst bestehen vor dem höchsten Richter? Ms er

Gasthaus sieht, hebt er den Kopf und müht sich um * Haltung. Doch wie gelähmt fallen ihm die Arme ■ und an den Füßen hängen Bleigewichte. Lang- I m, sich am Geländer haltend, kriecht er die Stiege hin- und als er in feine Kammer tritt, fällt er kraftlos ou «oben.

*7 Deuschlin ist, als ihn sein Gast verlassen hat, aus- erfdv- »n Unt> ans Fester getreten. Auch er fühlt sich nirfu s '£lie Unterredung hat ihn angestrengt. Er hat Vmi (, acf,t' haß der Doktor sich solange gegen feinen Erhör ® roeI,ren wird. Der Henker mag aus diesem

wen klug werden. Herr Deuschlin ist dessen gewiß.

daß Doktor Ulpianus ärgere Schuld auf feinem Gewissen haben muß als die ist, die er ihm insinuiert. Er weiß nichts Genaueres über ihn; aber er weiß, daß fein Vor­leben kein sauberes gewesen sein kann. Denn wessen kann man sich nicht alles von einem Schelmen versehen, der, wiewohl er eine arme Haut ist, auf Borg ein Praffer- (eben führt? Herr Deuschlin ist ein reicher Mann und kennt nur zwei Verbrechen, die Armut und eines, das noch größer ist als die Armut: reich scheinen, wenn man arm ist. Das ist das allerschlimmste. Und dieser alte Pracher, der solches tut, den er eintürmen lassen kann, wenn es ihn gelüftet, sträubt sich gegen feine Forderung, schlägt ein Lamento an, als ob es zum Sterben ginge! Will gar die Gründe wissen, warum er es tun soll!

Herr Deuschlin tritt zum Tisch und greift wieder zur Kanne. Der alte Gauch! Will Bedingungen stellen, wo ihm nichts bleibt, als sich gehorsam zu bescheiden und zu tun, was von ihm verlangt wird. Aber dumm ist er nicht, der alte kleine Doktor.

„Des Geldes wegen tut Ihr es nicht."

Herr Deuschlin reibt sich vergnügt die Hände. Nein, wahrlich, des Geldes wegen tut er es nicht, wiewohl ein guter Gewinn bleibt und er keine Gefahr läuft. Denn er wird immer alle Lose gleich zum Doktor bringen und die Platte und die Papiere wohlweislich verstecken, so daß man niemals etwas bei ihm finden kann. Vielleicht wird er auch gleich alle Abzüge machen und die Platte ver­nichten, so daß er gar nicht gefährdet ist. Und ansonst ist alles ohne Schriftliches und ohne Zeugen vor sich ge­gangen. Nein, Gefahr ist nicht dabei. Und dennoch würde er des Geldes wegen es niemals tun. So gierig ist er nicht. Aber feine Rache wird er haben, feine Rache an den Bürgermeistern, an den Ehrbaren, an den verräte­rischen Gemeinen, die alle ihr Vermögen für wertlose bunte Zettel hingeben werden. Elende Bettler sollen sie werden alle miteinander. Denn das ist das ärgste, was einem Menschen begegnen kann in den Augen des Herrn Deuschlin. Und vielleicht ist ihm das Glück günstig, so daß seine Rache noch weiter reicht. Vielleicht werden die Ratsherren den Ratssäckel öffnen und aus ihm Lose ein- handeln für die Stadt, so daß man ihnen später einen Halsprozeß dafür machen kann.

Herr Deuschlin rechnet. Noch zehn, zwölf Jahre viel­leicht wird der Doktor leben. Dann wird feine Stunde kommen. Er wird einige gefälschte Lose in Zeugenge­genwart vom Doktor kaufen und wird sie nach dem Tode

des Doktors nach Nürnberg schicken, um sie prüfen zu las­sen. Dann wird er ein Geschrei erheben, daß ein Schelm ihn geprellt hat. Und dann. . .

I Er schnalzt die Zunge, auf der er einen köstlichen Bis­sen verspürt, den er langsam zerdrückt. Auch die Rache ist ein gutes Gericht. Langsam muß es gekocht werden, damit es recht gerät, und langsam, ganz langsam muß man es genießen.

Er greift zur Klingelschnur; eine kleine Tapetentüre, die vordem nicht sichtbar war, öffnet sich lautlos.

„Bring mir meinen Hut, Stab und Mantel, Martin! Ich will auf den Marktplatz und sehen, ob die Komödi­anten schon angekommen sind. Den Wein magst austrin­ken."

Verwundert geht der alte Martin hinaus, um das Verlangte zu holen. So leutselig ist der Herr schon lange nicht gewesen. Ihm muß etwas Gutes, etwas sehr Gutes widerfahren fein.

Das heilige Pfingstfest ist ins Land gezogen und der Lenz hält alt und jung in feinem heiligen Bann, lieber Nacht schier ist der Frühling gekommen. Mit den war­men Südwinden ist er gereift, die vom Welschland her- gezogen sind und den Kampf mit Schnee und Eis sieg­reich durchgeführt haben. Geschwinder als manche eitle Hausfrau, die altmodisch aufgeputzt mit hochaufgetürmter Frisur daherschreitet, hat die Erde ihr Winterkleid abge­worfen und ein neues, schöneres übergeftreift.

Auch in den Herzen der Menschen ist es Frühling ge­worden. Begraben ist der Streit zwischen dem Senat und der Bürgerschaft. Die Bürgermeister kennen die große Kunst des Regierens und geben, da sie im Großen gesiegt haben, im Kleinen nach, um sich die Stimmung geneigt zu machen. Lilles ist eitel Friede und Eintracht, und selbst der Wechsler Deuschlin wird in die große Ver­söhnung miteinbezogen, als ein Vorfall beweist, daß er nicht gar so schlecht und hinterhältig ist, als man ge­glaubt hat. Ist es nicht schon ein gutes Leumundszeichen für ihn, daß der Doktor Ulpianus mit niemandem häufi­ger zusammen ist, als just mit Herrn Deuschlin, daß man sie oft zusammen lustwandeln sieht drunten im Tau- bertal?

Denn einen besseren, braveren Mann als den Doktor Ulpianus kann man nirgendwo finden. Die gute Mei­nung, die sich um ihn gebildet hat, ist noch stetig gewach- I fen, bis sie einer Steigerung nicht mehr fähig ist. Wie | soll man einem Manne anders denn in größter Freund­

schaft begegnen, der sehr reich ist, aber von seinem Reich­tum nur soviel nimmt, um behaglich leben zu können uni alles übrige denen gibt, die es notwendiger brauchen ak er? Stiftungen und Kirchen, Armenhaus und Spital werden von ihm stetig bedacht und keiner geht leer aus der an feine Tür klopft. Mehr noch tut der Doktor Ul- pianus. Er hat eine feine Art gefunden, feine Gefreun­deten und ihre Sippen an feinem Reichtum teilhaben zu lassen, ohne daß die Beschenkten ihm sich zu Dank Den pflichtet fühlen. Er hat vom Nürnberger Rat einen Los­handel übernommen und verkauft die Lose, die hundert Gulden gelten und ihn selbst vierundneunzig Gulden ko­sten, um achtzig Gulden, also daß er bei jedem Handel vierzehn Gulden draufzahlen muß. Gleichwohl ist es ein rechtschaffener Handel, für den ihm niemand Dank sagen muß ,und eine gute Spareinlage ist es obendrein für Kinder und Kindeskinder, da alle Loszettel einmal einen namhaften Gewinn erzielen müssen.

Die beiden Bürgermeister sind mißtrauisch gewesen, als sie von dem Loshandel erfuhren, und Herr Martin Schön, der zweite Bürgermeister, hat einen reitenden Bo­ten nach Nürnberg geschickt und dort den hohen Rat sub- missest um Auskunft gebeten, was es mit den Zetteln aus sich habe. Der erste Bürgermeister, Herr Kunz von Kun- zen, hat noch mehr getan und auf die Nacht eine Rats­sitzung einberufen, auf die Herr Deuschlin entboten wurde, damit er als Fachmann Auskunft darüber gäbe, was es mit diesen Losen sei.

Gern ist Herr Deuschlin dr Aufforderung gefolgt uni die Auskunft, die er gegeben, hat alle Mißtrauischen be­ruhigt. Dann hat er den Ratsherren erzählt, daß Doktoi Ulpianus ursprünglich ihm den Handel habe überlasser wollen, aus Freundschaft für ihn und sein Haus. Dock; später habe er seinen Sinn geändert und sich entschlossen, die Lose selbst zu vertreiben. Und wiewohl es ihn, der Wechsler, baß verdrossen habe, daß ihm der gute Hande! nicht bleiben sollte, habe er erkannt, daß nicht schnöde Ge­winnsucht ihn trieb, sondern das Verlangen, den Rothen, bürgern von feinem Reichtum abzugeben und Spargelder zu schaffen für sie und ihre Kinder. Darum zürne et dem Doktor nicht, fei ihm vielmehr, wie alle Anwesenden be­zeugen könnten, nach wie vor in Freundschaft zugetan und werde ihm gefreundet bleiben, solange er lebe. Denn das Wohl der Stabt gelte auch ihm höhet als jegliche« andere.

«Fortsetzung folgt.)