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M 12).

eonntoj, een 26. Mal 1929.

Fuldaer Zeitung

Rund um die s.

öoche

Pest gegen Damaschke. - Klare Begriffe. — Was ist Grundrente? — Tugend und Politik. — Die

3. Blatt.

Druck der Fuldaer Ackieudruckerei, Fulda.

Wie kaum ein Buch, so hat mich Ludwig Peil über »Kirche und Bodenreform" gefesselt. (Käbitscb, UnioerfitatsbuchhaMung Würzburg.) Es ist doch sehr notwendig, daß wir uns über diese Fragen ganz klare Begriffe bilden. Ludwig Pesl, der eine Autorität auf seinem Gebiet? ist, geht furchtbar mit Damaschke ins Gericht und nur fr ihm geradezu Sozialismus vor. Ich wüßte nicht, wie ficb der Angegriffene wehren könnte. Was besonders pein­lich wirkl, ist die Feststellung, daß viele Boden, reformer nach Damaschkes Art ihren Sozialismus bewußt hinter harmlosen Aeußerungen verstecken. Dabei darf man sich nicht vorstellen, es lehne Pest die Bodenreform ab, im Gegenteil, er ist eifrigster Reformer, aber von den Voraussetzungen des Christentums aus. Das Buch ist deshalb so interes­sant, weil es in gemeinverständlicher Weise dieses ganze Gebiet untersucht und weil es dabei zeigt, wie schwer es ist, hier Forderungen zu stellen, die nicht Utopien, sondern wahre Abhilfe bringen. Mit Schrecken gewahrt man, wie hier bereits ein schwe­rer Einbruch sozialistischen Denkens in weite Kreise der christlichen Bevölkerung stattqefunden hat Man versteht das in etwa. Die Macht der Plutokratie ist so groß, daß inanche rein aus Verzweiflung auf Lösungen verfallen, die im ersten Augenblick be­stechen, obwohl sie auf die Dauer versagen. Hier die rechte Mitte halten, ist sehr schwer. Wir haben alles abzuwehren, was das Eigentumsrecht zerstört, und wir haben andererseits einen scharfen Kampf gegen jene zu führen, die das Eigentumsrecht miß­brauchen. Auf beiden Seiten besteht die große Ge­fahr rücksichtsloser Verhetzung, und fo ist eine ruhige Auseinandersetzung fast unmöglich. Aber wir müs­sen uns daran gewöhnen, diese Fragen auch von der Idee aus zu betrachten, wenn es im Einzelfalle auch einmal politisch und taktisch unbequem ist. „Klare Begriffe" sind da besonders vonnöten, wie Tb. Mönnichs in feinem soeben in zweiter Auflage erschienenen Nachschlagewerk (Verlag Dümmler) sie fordert und darlegt In einer Zeit, wo alle Ge­bildeten nock Latein und Griechisch konnten, war ein solches Buch nicht notwendig. Heute aber, wo jeder am Rundfunk Dutzende von Fremdwörtern hört, die er nur halb versteht, ist es ein dringendes Kulturbedürfnis, einen Schleifstein zu haben, der alles spitzt und schärft.

Erne Bitte übrigens an den verdienstvollen Ver­fasser. Er muß unbedingt das Wort Grundrente aufnehmen, und zwar in der dopvelten Bedeutung, die es heute hat. Der Engländer Rirardo, der erste, der diesen Begriff wissenschaftlich festlegte, versteht darunter ..den Teil des Erzeugnisses der Erde oder die Vergütung, die dem Grundherrn für die Be­nutzung der ursprünglichen und unerschöpflichen Kräfte des Bodens bezahlt wird". Pest führt das an und stellt daneben die Grundrente, wie sie im all­gemeinen Sprachgebrauch verwendet wird. Da faßt die Grundrente alles zusammen, das auf dem na­türlichen Nutzwert des Bodens beruhende und das aus dem gesamten Produktionsaufwand zu Arbeit und Kapital hervorgehende Einkommen. Es führt nun Pest ein Wort an, das Damaschke 1920 auf bem Bodenreformertrag in Hamburg gesagt hat und das ganz offen von einer „Sozialisierung der Grundrente" spricht. Wird die Grundrente, wie sie der Sprachgebrauch heute versteht, weggesteu­ert, so würde dadurch tatsächlich jeqlicber Haus- und Grundbesitz verstaatlicht. Das aber ist reinster So­zialismus, wie er in seinen Folgen nicht nur zur

moralische Idee.

Verarmung der Hausbesitzer führt, sondern zum Ruin des Volkes überhaupt. Das Buch von Post gehört zu den aktuellsten, die es heute gibt, zumal darin die ganze Frage des Eigentumsrechts behan­delt wird und auch das, was einzelne Gelehrte wie Nell-Breuning u. a. gesagt haben.

Mehr als früher ist es notwendig, in allen den schweren wirtschaftlichen und politischen Fragen die wirklichen Autoritäten wieder mehr zu hören. Das ist durchaus nicht gegen die Souveränität des Vol­kes. Diese Souveränität kann doch nicht unmittel­bar ausgeübt werden. Wer von uns ist überhaupt imstande, etwa die geldlichen Abmachungen, wie sie jetzt in Paris schweben, auch nur nach ihrer tech­nischen Seite hin zu verstehen? Die Souveränität des Volkes kann da nur eingreifen, indem dieses Volk sich Männer seines Vertrauens wählt, auf die es sich dann verlassen muß. Man ersieht daraus, wie, sehr die Vertrauensfrage im Mittelpunkt der Politik steht, vor allem in einem demokratisch ein­gerichteten Staatswesen. Man begreift auch, warum die Alten die Politik und die Tugend im­mer zusammen genannt haben. Vertrauen nämlich kann nur erworben werden durch unbedingte Un­bestechlichkeit der Vertreter des Volkes. Wenn Fach- kenntnis und Unbescholtenheit regieren, dann bringt das Volk auch in schwerer Zeit heroische Opfer. Aber wenn unerträgliche Steuerlasten auferlegt wenden und kein Vertrauen da ist, dann ist es schlimm. Man darf ruhig behaupten, daß das Vertrauen in die führende Politik bei uns in wei­ten Kreisen des Volkes nicht mehr besteht. Es mußte ja auch schwinden, wenn man nun jahrelang zusah, wie z. B. die Schäden der Arbeitslosenver­sicherung sich immer mehr auswirkten. Obwohl es die Spatzen von ben Dächern pfiffen, daß da et­was geändert werden müsse, und zwar gerade im Interesse des arbeitenden Standes, wurde und wurde nichts geändert, bis man jetzt endlich dazu gezwungen wird. Aehnlich verhält es sich mit der Hauszinssteuer, die nicht so sehr den Hausbes'tz kchädigt, sondern den gesamten gesunden Kreislauf der Wirtschaft. Soweit sind die Dinge gediehen, daß man schon von einer Krise der Demokratie ge­sprochen hat, und zwar gerade darum, weil es in diesem Staatswesen keine Instanz zu geben schien, die gerechten Forderungen Nachdruck verleiht und die unabhängig ist von geheimen Mächten.

Neben den persönlichen Vorzügen der Sach­kenntnis und der Unbestechlichkeit ist vor allem auch wichtig die Anerkennung der ober­sten und unverrückbaren Ideen. Und wenn die ganze Welt gegen mich in die Schranken tritt, ich werde nicht aushören zu behaupten, daß man, um Kriegsschulden zu bezahlen, nicht den armen Leu­ten ihre letzten Renten wegnehmen darf. Es ist auch unmoralisch, die Steuerschraube so weit an- zuziehen, daß es praktisch zu einer völligen Ent­wertung alles Einkommens führt. Steht man hier fest bei feiner Idee, so ist das auch bei internatio­nalen Abmachungen eine gewaltige Stütze. Mit unserm Jammern erreichen wir nichts. Man lach: sich nur eins, wenn wir klagen. Aber mit dem Appell an die moralische Instanz erreicht man im­mer noch etwas. Jedenfalls ist da die Stelle, wo man steht oder fällt, feiner Fahne treu. Was aber bleibt im andern Falle, als das widerliche Schau­spiel von Völkern, die zum Schacherobjekt der in­ternationalen Finanz werden....

Der Mann im Monde.

Der letzte Krieg in China?

Von Wilhelm S t a h n.

Innerhalb der großen Zahl der Persönlich­keiten und Parteien, die am Ende des zweiten Jahrzehnts der chinesischen Revolutton an die Macht zu kommen suchen, haben Krieg und Krank­heit, aber auch Bomben, Dolch, Gift und der Henkerstrick so gewaltig aufgeräumt, daß nur noch wenige starke'Führerpersönlichkeiten einander gegen­über stehen. Tschian Hai schek, der Präsident des Staatsrates der Nanking-Regierung, beklagt in diesem Augenblick neuer kriegerischer Wirren den plötzlichen und verdächtigen Verlust des Oberst Bauer besonders eindringlich. Seine strategische Schulung gestaltete ja die Kriegsunternehmungen der Nationalregierung im letzten Jahre so glück­lich, daß Tschian kai scheks Uebergewicht nicht mehr in Frage steht. Der Tod des deutschen Offiziers hat die Hoffnungen der Gegner der Nankinger Kuomintang-Regierung, die von allen maßgeblichen Staaten der Erde als die wirkliche Regierung Chinas anerkannt worden ist, noch einmal krästtg belebt. Die Lage hat sich so zugespitzt, daß der Krieg zwischen Tschian kai schek und dem „christ­lichen" General Feng yü siang eigentlich schon als ausgebrochen betrachtet werden kann. Tschiang kai schek hat durch Eindämmung des Einflusses der Kuomintang-Partei, durch Auflösung zahlreicher Räte russischen Vorbildes und ihren Ersatz durch verantwortliche Beamte in den ihn stützenden Ver­trauenskreis die Kuangsi-Partei einzubeziehen ver­sucht. Der Erfolg hat sich aber nicht eingestellt. Der Weg zur Wiedervereinigung der chinesischen Gebietsteile unter eine Hauptregierung wird durch jenen General Feng verlegt, der zwei reiche chine- fifche Provinzen mit all ihren Lebensquellen aus­nutzt, um ein Heer von 250 000 Mann zu ernäh­

ren. Bei der neuen Frontenbildung in China kann er auf wesentliche Teile der Kuangst-Truppen rechnen. Der Präsident des Nankinger Staatsrats ist gewillt, seine gesamte Gegnerschaft fortan als Landfriedensbrecher, Rebellen und nach den sich daraus ergebenden gewaltrechtlichen Möglichkeiten zu behandeln. Tschian kai schek gebietet allein über vier Provinzen des Riefenreichs und ist bei allen Unternehmungen gegen Feng des Gouver­neurs Pen schi fern mit den Provinzen Chili und Schansi und des Marschalls Tschang su liang mit der Mandschurei sicher.

Der größte Erfolg der Nationalregierung, die Bestimmung der Japaner zur Preisgabe der Schan- tunghalbinsel, ist gleichzeittg der Ausgangspunkt der neuen kriegerischen Reibungen mit den Feinden der anerkannten chinesischen Regierung geworden. Die Außen- und Innenpolitik des japanischen Mi­nisterpräsidenten Tanaka hat sich von dem schweren Chock des Tsinanvertrages, der Japan einen schlechthin bedingungslosen Rückzug seiner Truppen aus China auferlegte, noch lange nicht wieder er­holt. Der Abzug der Japaner erfolgt unter Ermor­dung zahlreicher Offiziere und Soldaten durch ver­hetzte Chinesen, also unter Begleiterscheinungen, die Japan sonst zweifellos zur Begründung von Repressalien und Truppenverstärkungen ausgewertet haben würde. Jetzt erblickt das japanische Kabinett sogar eine gewisse Gefahr in der Tatsache, daß die Nanking-Regierung um Verzögerung des Ab­marsches mahnt. Denn diese ist nicht in der Lage, mit zuverlässigen Truppen die von den Ja­panern schon preisgegebenen strategischen Punkte an der Schantungbahn zu besetzen und muß damit rechnen, daß General Feng ernsthafte Versuche machen wird, Schantung in seine Einflußsphäre einzugliedern. Die Japaner, die ihre militärische Machtstellung auf der Schantunghalbinsel zunächst gegen die Nankingregierung und zugunsten Tschang-

Ein für Manöverzwecke gebautes Zieldorf zerschossen.

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Bombardement eines Zieldorfes durch französische Flieger.

Das Hauptstück des großen Flugfestes in Vincennes bei Paris war die Bombardierung eines zu diesemZwecke aufgebauten Dorfes durch französische Fluggeschwader. 500 000 Zuschauer konnten so die Schrecken des kommenden Krieges von sicherm Platze aus betrachten. Die Festleitung hätte, wenn es nach uns gegangen wäre, im „Zieldorfe" selbst Platz nehmen müssen.

Bifllir. Jubelfeier fci®| l. Mnii „!■" H il

1., 2. und 3. Juni 1929 1904 1929 Sportpark „Job smnisau“

Sportprceramm: FeMMt / Sttifellcufe / Kunstturnen / Radrennen / Muhren*

Zum zahlreichen Besuch ladet ein Der Festausschuss*

Der goldene Mantel.

Roman von Heinz Welten.

27] ---------

Ulpianus läßt das Blatt, das er noch in der Hand hält, auf den Tisch fallen. „Ach so. Ein Schelmen- stücklein also! Und das Sigillum vom Rat und Bür­gerschaft? Das ist kein Handel für mich."

Der Nürnberger ist aufgesprungen. „Hölle und Teufel! Wahrt Eure Worte! Schelme sitzen nicht im Nürnberger Rat. Wir treiben es auf ehrliche Weis'. Hölle und Teufel."

Ulpianus hat das Raten aufgegeben; er fitzt still und betrachtet den Zettel. Der Nürnberger beruhigt sich schnell.

„Ist schwer, daß einer drauf kommt. Es sei denn, daß er ein Nürnberger wäre. Ich will Euch das Ge­heimnis lösen. Freilich zahlen wir das Geld zurück und mit Gewinn. Aber wir zahlen nicht zurück in einem Jahre, sondern in zehq, in hundert Jahren. Zehn­tausend Lose sollen ausgegeben werden, ein jegliches zu hundert Gulden und nur fünfzig werden alljährlich ausgelost, also das die letzten Lose erst in zweihundert Jahren gezahlt werden müssen. Darin liegt der Ver­dienst. Ist ein gar erklecklicher Nutzen. Denn wer hundert Gulden auf Zins legt, erhält das doppelte Ka­pital schon nach zwanzig Jahren. Begreift Ihr es jetzt''' Ist ein gutes Geschäft und ein honoriges dazu. Stadt und Bürgerschaft garanteln es."

Ulpianus hat verstanden. „Ja, Ihr habt recht. So ist es doch ein ehrlicher Handel, jeglichem zu Nutz und Vorteil. Doch was soll ich dabei? Soll ich ein Los kaufen?"

Der Nürnberger lacht: „Potz Blitz, nein. Ich sagt rs schon, Ihr sollt mehr tun. Ihr sollt die Lose ver­laufen helfen. Der Nürnberger Magistrat sucht in jeg­licher Stadt einen ehrlichen Makler, der die Lose ver­treibt; mit respektablem Nutzen, versteht sich. Sechs aufs Hundert zahlt er Euch an Interessen. Das ist ein guter Handel. Ich soll in Rotenburg, in Ansbach, in Feuchtwangen und in Würzburg ehrliche Makler su­chen, denen ich den Handel übergeben kann. In Würz­burg gab ich ihn dem Lazarus Spengler, den Ihr ge­wißlich kennt*

Er hat das rote Haus am Graben mit dem Hahn über der Einfahrt. Er riet mir, in Rothenburg zum Herrn Deuschlin zu gehen. Aber der Ohm, dem ich davon sprach, sagt, ich möchte es zuvor mit Euch be­reden."

Ulpianus reicht ihm die Hand. „Dielen Dank, dem Ohm auch Dank für die gute Meinung. Ich sehe es jetzt ein. Es wäre ein fürtrefflich Geschäft, aber ich mein, es wird nicht möglich sein."

Der Nürnberger begehrt auf: „Was! was sagt Ihr? Potz Blitz! Das sagte mir feiner noch! Ist der ho­norigste Handel von der Welt, der Euch angetragen werden kann. Bedenkt, Bürgerschaft und Magistrat von Nürnberg garanteln! Und er trägt Euch einen Gewinn, der die Spangen und Fingerlinge fünfmal aufwiegt Ist nicht einer im Land, der nicht turmhoch springen möcht, wenn ich es ihm antrüg. Und Ihr schlagt aus?"

Ulpianus beißt sich auf die Sippen. „Laßt mir Zell; ich will es überdenken."

Draußen fährt ein Wagen vor. Der Kutscher klopft mit der Peitsche ans Fenster.

Der Nürnberger steht auf. „Was ist da zu Über­denken? Hab auch keine Zeit dazu. Ich werde zum Herrn Deuschlin gehen. Gehabt Euch wohl. Ich Habs Euch gut gemeint. Nichts für ungut."

Er zerbeißt sich fast feinen Schnurrbart vor Aerger. Daß ein Mensch ein Angebot des Nürnberger Magistrats ausschlagen kann! Und wenn es gar nichts trüge! Die Ehre allein macht es bezahlt.

Ulpianus hält seine Hand fest. „Verübelt es mir nicht, seid mir nicht gram und geht noch nicht zu Herrn Deuschlin. Laßt mir einen Tag Frist! Wie lange bleibt Ihr in Würzburg?"

„Acht Tage lang; sagt es Euch schon," knurrt der Nürnberger.

„Alsdann bis morgen, spätestens bis übermorgen.

Ich schick Euch Botschaft."

„Und wenn Ihr nicht wollt?"

„Dann sprech ich selbst mit Herrn Deuschlin. Bin ihm befreundet, und er hört auf mich. Ich werd ihn gewißlich bestimmen, den Vertrieb zu übernehmen. Laßt mir ein Los hier, damit ich es ihm weisen kann."

Vincenz Neander drückt ihm ein Los in die Hand. „Mag es gelten. Mein aber noch immer, daß Ihr 23er»

I stand annehmen werdet. Und jetzt gehabt Euch wohl! Sucht mich auf, wenn Euch der Weg nach Nürnberg führt! Möcht Euch die Stadt weisen. Ist die schönste im ganzen deutschen Land."

Ulpianus steht im Torweg und schaut dem Wagen nach, der ächzend und holpernd die Straße hinunterfährt. Dann holt er Stock und Hut und geht spazieren. Hin­unter ins Taubertal will er; eine Stunde und länger will er laufen und allein, ganz allein will er sein, um die Gedanken zu Ende zu hingen, die der Nürnberger in ihm angeregt hat. Wenn es möglich wäre, wenn es doch möglich wäre?

Noch ist der Boden hart und kalt vom Frost, den ein langer, strenger Winter in ihn geworfen hat. Aber die Sonne liegt warm und hell auf den Wiesen und lockt die kleinen Grasspitzen und Blütenköpfchen zum Licht und die Sperlinge, die Amseln und bas andere kleine gefieberte Gelichter, das den Winterstürmen getrotzt hat, hüpfen kreischend und zankend über die Wiesen und nutzen die kurzen Tage, in denen sie allein sind und jedes vom Herbst liegengebliebene Körnchen den starken Zugvögeln lassen müssen.

Doktor Ulpianus geht über dhe Wiesen und sieht nicht das junge Grün, bas sich bescheiden vorwagt, hört nicht den Vogellärm. Er geht und sinnt und grübelt. Schön wäre es, wunderbar schön, wenn — es möglich wäre. Hier würde ein Gewinn bleiben, der ihn all seiner Sor­gen entheben könnte. Schon während der Nürnberger sprach, hat er einen Überschlag gemacht. Viele hundert Lose würde er verkaufen können. Denn wo gibt es in der Welt ein Lottospiel, in dem alle Lose gewinnen? All ihre Sparpfennige werden die Rothenburger anlegen, um Lose zu kaufen. Denn wenn nicht ihnen, bann kommt doch den Kindern der Gewinnst zugute. Und wenn jenen nicht, bann ben Enkeln. Auch bie Instleute und die Grundholden werden Lose erwerben wollen, und die Ge- schlechterherren zwanzig und dreißig. Sie haben alle nichts zu verlieren bei solchem Handel und können Er­kleckliches gewinnen.

Ulpianus kennt bie Rothenburger; sie lieben den mühe­losen Gewinn und werben Lose kaufen, so viel, baß er all seine «schulden tilgen kann. Sechs aufs Hundert! Wieder beginnt er zu rechnen und feine Augen leuchten. Wieder stimmt ihm die Rechnung. Nur einige wenige Jährlein soll Gott ihm bas Leben noch lassen. Dann ist

er seiner Schulben lebig unb kann ruhig schlafen wie an­dere ehrbare Leute.

Doch bas Leuchten in ben Augen verlischt bald. Es wirb niemals geschehen. Was sollen bie Leute in Rothen­burg von ihm benten, wenn er mit Losen Hanbel treibt? Zwar hat er heute nicht mehr ben wunberlichen Ehrgeiz, für einen reichen Mann gelten zu wollen. Die Unter­redung mit dem Pater Benediktus hat ihm die Augen geöffnet. Aber kann er noch zurück? Wenn er heute mit dem Loshandel beginnt, werden sie ihm morgen feinen Reichtum nicht mehr glauben unb — ihre Forderung präsentieren. Unb bann?

Nein, es ist unmöglich. Er muh auf bas Geschäft verzichten, muß es Deuschlin lassen, ja, er muß es ihm selbst antragen, wie er versprochen hat. Seine Augen feuchten sich im Gehen. Wie schön, wie wunderschön wäre es gewesen. Plötzlich stockt er. Ein neuer Gedanke schießt ihm durchs Hirn. Wenn er mit Herrn Deuschlin Halbpart machen würbe? Wenn er ihm ben Halbscheid antrüge? Er erhält von Nürnberg bie Lose, Herr Deusch­lin vertreibt sie und den Gewinnst teilen sie als redliche Gesellen. Er schreitet schneller. Ja. So muß es gehen. Auch im Halbscheib bleibt ihm genüg, um sein Ziel zu erreichen. Er ist noch nicht alt; zehn, zwanzig Jahre wirb ihm ber Herrgott noch schenken.

Freilich, auch Herrn Deuschlin muß er einen glaub» würbigen Grund nennen dafür, daß er Handelsgeschäfte machen will, obgleich er ihm nichts schuldet. Aber kann er ihn nicht auf feine vielen Stiftungen verweisen, kann er nicht sagen, daß er bas Gelb für bas Brechhaus will, für bie neue Kapelle, für das Kinderhospital? Das ist ein Grund, den jeder anerkennen muß.

Mitten im Wege dreht er um unb geht zur Stabt zurück. Der Weg ist steil unb führt bergan. Aber er merkt es nicht. Ihm ist fo leicht, so wunberleidjt zumute. All jein Trübsetn, bas sich in eine armselige gekünstelte Gleichgültigkeit geflüchtet hat, ist von ihm abgefallen. Er schreitet schnell aus, fo gut er vermag, stützt sich auf den Stock unb summt leise vor sich hin bie Fronleich­namssequenz, bie er im Kloster immer am liebsten gehör! hat. Er hat in ben letzten Wochen bas Singen unb Be. ten verlernt. Jetzt brängen sich ihm bie Worte auf di, Lippen: „Lauda Sion Saloatorem".

(Fortsetzung folgt.)