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Nr. 112.

Lnwaer Zeitung (Amtliches Kre?sb*aft).

Mittwoch, 15. Ma 1929.

Heimat

fSiitoa. öen 14. Mai 1929

Der neue Lommerfahrplan.

Ain morgigen Mittivoch, den 15. Mai, tritt der Soirnnerfahrplan in Kraft. Einzelne Züge ver- kch"n schon in der Nacht vom 14. zum 15. Mat nach dem neuen Fahrplan. Wer eine weitere Reis«: an diesem Tage unternimmt, tut deshalb gut, sich vorher auf dem Bahnhof zu informieren.

Anläßlich des an Pfingsten zu erwartenden starken Verkehrs sind von der Reichsbahn Vor­kehrungen getroffen, um alten Anforderungen, die an diesem Tage an die Bahn gestellt werden, ge­recht werden zu können. In den Bahnhöfen find Plakate ausgehängt, aus denen das Verkehren her besonders eingelegten Züge ersahen werden kann. Außerdem erteilen die amtlichen Auskunfts­stellen gerne jede gewünschte Auskunft.

Unsere Leser erhalten heute den Plakat- f a h r p l a n, dem in den nächsten Tagen der namentlich zur schönen Sommerzeit fo gerne be­nutzte Taschenfahrplan folgen wird.

Personennachrichten.

Katasterobersekretär Hillenbrand beim Katasteramt Hünfeld ist an das Katasteramt in Arolsen versetzt worden.

Bestandene Prüfung.

Referendar Ludwig Thiel, Sohn des verstor­benen Henn Louis Thiel aus Fulda, bestand vor dem Juristischen Landesprüfungsamt m Berlin d« große juristische Staatsprüfung mit dein Prädikat „voll beftiedigend" und wurde zum Gerichtsassessor ernannt.

Die Pfingstferien.

Gemäß Anordnung des Oberpräsidenten der Provinz Hessen-Nassau beginnen die diesjShriqen Pfingstferien am Freitag, den 17. Mai, nach der dntten Unterrichtsstunde; sie dauern insgesamt 10 Tage. Der Wiederbeginn des Unterrichts ist Dienstag, den 28. Mai.

Kampf um den Verwaltungssitz. Wird Marburg Kassel die Hessen-Nassauische land- wirtschaftkche Berufsgenofsenschast abnehmen? — Marburgs gwßzügiges Angebot. — Man will den perwaltungssitz nicht mehr im äußersten Norden Ier Provinz haben. — Der Prooinzialansschuß wird tagen. — Wahrsthemlich Zwischenlösung. -

Das Ziel bleibt allgemeine Derwaltungsreform.

Unser Kasseler §§-Mitarbeiter schreibt uns:

Die Hessen-Nassauische landwirtschaftliche Be- Mfs-Genossenschaft, die mit der ihr an geschlosse­nen landwirtschaftlichen Haftpflichtverstcherung für Hessen-Nassau dem Provinzial-Landtage untersteht und daher ein wichtiger Zweig der Provinzial­verwaltung überhaupt rst, muß die bisher von ihr in den Räumen der Landes-Versicherungs- Anstalt für Hessen-Nassau (einer ReichSbehürde» in der Hohenzoklernstraße in Kassel innegehabten Räume im Laufe dieses Sommer« räumen, weil die Landes-Dersicherungs-Anstatt ihrm Aufgaben­kreis wesentlich erweitert hat. Eine Genosseu- Pchaftsversammlung der Hessen-Nassauischen land­wirtschaftlichen Berufsgenossenschaft hatte mit Rück­sicht auf die ungünstigen Geld- und Kreditver- hältnisse zunächst davon abgesehen, für ihren Beamtenstab von 56 Beamten mit 5 Oberbeam­ten ein eigenes Derwältung-gebäude zu errichten, sondern vorerst geeignete Räume in dem soeben fertiggestellten Neubau der Heffisch-Thüringischen Bezirks-Knappschaft für rund 30000 Mk. gemie­tet. Nun hat die Stadt Marburg der Hefseni- Nassauischen landwirtschaftlichen Berufs-Genossen­schaft das Angebot gemacht, ihr in Marburg (Lahn; in praftisch belegener Gegend ein eigenes Verwaltungsgebäude zu erbauen, wenn sich die GenosienschaftSversannnlung der Berufsge- nosfenschaft und der ihr angegliederten gemein- «ützigen Haftpflichtversicherung in Hessen-Nassau entschließen würde, die gesamte Verwaltung nach Marburg (Lahn; zu verlegen. ES wird darauf hingewiesen, daß es längst em Wunsch der nassau­ischen und oberhessischen Mitglieder beider öffent- kich-rechtlichen Körperschaften fei, die Verwaltung der Berufsgenossenschaft und auch der gemein­

nützigen Haftpflichtversicherung (Rückversicherung der gegen Unfall versicherten Landwirte und ihrer Familienmitglleder sowie Angestellten) nicht im äußersten Norden der Provinz zu haben.

Im Falle der Ueberfieblung nach Marburg würde die Stadtverwaltung für sämtliche Ober­beamte und Beamten der beiden Körperschaften ge­eignete Wohnungen beschaffen bzw zur Verfügung stellen. Dieses tn jeder Richtung großzügige An­gebot der Stadt Marburg hat nun auch die Stadtverwaltung v o n K a f f e l auf den Plan gerufen, die nun erwägt, ob sie nicht für rund 500 000 Mark den Südsiügel des Rathauses nach der Karlstraße zu erweitern und alle in den ver­schiedenen Stadtteilen zur Miete wohnenden städti­schen Behörden (Stadtsteueramt, städtisches Woh­nungsamt, städtisches Jugendfürsorgeamt, städtische Schulverwaltung mit Nebenämtern und die Haupt- sparkassenoerwaltung) wieder in das in der Zwi­schenzeit bereits wieder viel zu klem gewordene Rathaus zurückzunehmen, so daß bann in eines der von diesen städtischen Verwaltungen jetzt bewohn­ten Gebäude die Hessen-Nassauische landwirtschaft­liche Berufs-Genossenschaft mit der chr angeglieder­ten gemeinnützigen Haftpflichtversicherung in Hes­sen-Nassau untergebracht werden könnte. Dieser Haftpflichtversicherung sind mehr als 45 000 Mit­glieder in der Provinz Hessen-Nassau angeschlossen, die mehr als 300 000 Mark Jahresbeiträge gezahlt haben, während für entschädigungspflichtige Haft- pflichtschäden in 1928 rund 180—200 000 Mark ge­leistet worden sind. Wie wir hören, wird sich dem­nächst der Provinzial-Aus'chuß unter- Vorsitz des Oberbürgermeisters Dr. Antoni- Fulda mit der hier kurz behandelten Angelegen­heit beschäftigen und wahrscheinlich doch dafür ein­treten, daß einstweilen die Verwaltung dieser öf­fentlich-rechtlichen Körperschaften der Provinzial­verwaltung in Kastel bleibt.

*

Daß wir in Fulda und im weiteren Fuldaer Land kein Interesse daran haben, die fragliche Be­hörde, von dem für uns schwer erreichbaren Kasse! nach dem noch viel schwerer zu erreichenden Mar­burg verlegt zu sehen, bedarf keiner weiteren Dar­legung. Im übrigen sei hier noch an die Ausfüh­rungen erinnert, die wir für die Dezentralisa­tion der Landwirtschaftlichen Berufsgenostenschast kürzlich hier brachten. Die ganze Angelegenheit sollte im Zusammenhang mit der notwendigen allgemeinen Verwaltungsreform in unserem Heimatbezirk, die nicht mehr lange auf sich warten lassen kann, erledigt werden.

Die Finanzlage des Dezirksverbands Kassel.

Bekannüich ist für den Bezirksverband Kassel ein Beschluß über Haushaltsplan und Bezirks­steuern nicht zu Stande gekommen. Es können infolge dessen zurzeit nur die in vorjährigem Etat festgelegten zwangsweisen Ausgaben getätigt werden. Alle freiwilligen Aufwendungen müssen unterbleiben, wenn nicht aus Verletzungen des EtatSrechts später erhebliche Konftikte erwachsen sollen, lieber die Ordnung der Angelegenheit ver lautet noch nichts. Wie wir erfahren, teilt die Geschäftsstelle der bereinigten preußischen Pro­vinzen mit, daß dem BezirkSverbcmd Kassel die Ueberweisungen aus der Kraftverkehrssteuer nach dem neuesten Stande für das EtatSjcchr 1929-30 um 360 000 Mark gekürzt werden. Desgleichen wird die Dotationsüberweisung um 40 000 Mark geringer sein. Diese insgesamt 400000 Mark Min­dereinnahme würde weitere 2)4 Prz. Erhöhung unserer Bezirkssteuern bedeuten! ES wird da­durch nicht leichter werden, eine Mehrheit für die Genehmigung des Haushalls zu finden.

Die Landesbsbliochek

ist in der Woche nach Pfingsten geschtefien. Wir verweisen auf die Bekanntmachung im Anzeigen­teil.

Die Pflichten des Schließfach-Inhabers.

Vom Postamt Fulda wird uns geschrieben:

Es liegt Veranlassung vor, die Aufmerksamkeit der In­haber verschließbarer Abholungsfächer auf folg. Punkte der von ihnen vor Uebergabe des Schließfachs als rechtsverbindlich anerkannten Grundsätze für die Ueberlastung solcher Fächer und der Anweisung zu ifjrer Leerung zu lenken. Der Abholer hat die dem Fach ent- nommenen Sachen sogleich durchzusehen und etwa unrichtig eingelegte Sendungen ohne Verzug dem Be­amten am Driefaurgabescholter zurückzugeben. Die Dost ist zur Ueberlastung eines Schließfachs nicht verpflichtet, sie ist berechtigt es jederzeit zu entziehen, wenn der Fach- Inhaber für ihn nicht bestimmte Sendungen^ die infolge unrichtiger Verteilung in seine Hande gelangt sind, nicht sogleich zurückgegeben oder sonst gegen die er­lassenen Ordnungsvorschriften wiederholt verstoßen hat

und die Ankündigung der Entziehung ohne Erfolg ge- r blieben ist. Unrichtig in Schließfächern Vorgefundene Sendungen, nicht Zeitungen, können auch sogleich in den für diesen Zweck links neben der Schließfach­anlage mit entsprechender Bezeichnung angebrachten be­sonderen Briefkasten eingelegt werden. Das Oestnen eines im Schließfach Vorgefundenen fehlsortierten Brie­fes sollte aber unbedingt vermieden werden und wird es auch, wenn der Fachinhaber die entnommenen Sendun­gen den bezüglichen Vereinbarungen entsprechend sofort oder bei Benutzung eines Ersatzkastens gleich nach der Oeffnung des Kastens ordnungsmäßig zuerst durchsieht. Hier sind jetzt über 300 Schließfächer in Be- Nutzung. Bei der großen Menge der für Schließfach­inhaber eingehenden Briefsendungen und der Eile, mit welcher namentlich nachts und in den frühen Morgen­stunden die Verteilung vor sich gehen muß, lassen sich trotz aller Sorgfalt und Vorsicht Irrtümer nicht immer vermeiden, obwohl mit der Verteilung der Sendungen für Schließfachabholer ausschließlich gilt eingearbeitetes Personal betraut wird. Ein Durchprüfen der Fächer auf die Richtigkeit ihres Inhalts ist mefftens nicht mög­lich. Solchen Umstanden tragen die angeführten Bestim­mungen der Grundsätze für die Ueberlastung verschließ- barer Abholungsfächer (§ 9) und die Anweisung zur Leerung desselben zur größtmöglichen Sicherung der In­haber gegen Fehloerteilungen Rechnung. Leider wird ihnen aber erfahrungsgemäß nicht immer die erforder­liche Beachtung zugewendet.

Die heimatliche Energiewirtschaft.

Beachtenswerte Auseinanderfetzungen über die Zu­kunft der Elektrizitätsverforgung unferes Heimat- qebietes. — Die organisierte Energiewirtschaft und die Verwattungsreform. — Kassel, Fuldaer Land, die kurhessstchen Südkreise und das Rhein-Blain- Land. — Der kommunale Einfluß muß mit allem

Nachdruck geschützt werden.

Bekanntlich schweben Verhandlungen, an denen auch das Ueberlandwerk Fulda-Hünfeld-Schlüchtern beteiligt ist, über eine neue oder wenigstens we­sentlich erweiterte organisatorische Zusammenfas­sung in der mitteldeutschen Energie-Wirtschaft. Nur Episoden aus diesen Verhandlungen dringen an die Oeffentlichkeit, obwohl diese Dinge die aller, größte Aufmerksamkeit verdienen und finden müs­sen, wenn d>e öffentlichen Interessen gegen­über etwaigem privatwirtschaftlichen Ge­winnstreben dauerhaft gesichert werden sollen. Das nur nebenbei. Die Angelegenheit hat jetzt auch eine politische Seite herausgekehrt. In der Frage der heimatlichen Verwaltungsreform ist das Problem der Organisation der heimatlichen Energie-Wirtschaft angeschnitten worden. Der neue Zusammenschluß, obwohl noch gar keine Tatsache, wird als Grund für die Erhaltung eines selbstän­digen Verwaltungsbezirks mit Kassel an der Spitze ins Treffen geführt. Der Syndikus der Kasseler Handelskammer, Dr. H a l b l e i b, hat in seinem in Druck erschienenen Vortrag vom 31. Januar die­ses Jahres für die Abgrenzung des Verwallungs- bezirks im Sinne der Kastel« örfl'dien Wünsche „auf die Tatsache verwiesen, daß dieser Bezirk Tra­ger einer organisierten Energiewirtschaft sei, auf der das gesamte Wirtschaftsleben des Krafterzeugungs- und Rerforgungsgebietes sich aufbaue. Die Kraftquellen im nördlichen' Teil der Provinz seien das Zentrum der Elektrizitätserzeugung. Die wirtschaftlichen Notwendig- ’eiten hätten Hessen-Kassel. Waldeck. Süd-Hannover. Teile des Eichsfeld und von Süd-Westfalen und schließlich Oberbeff en zur Vertretung ihrer gemeinschaftlichen wirt­schaftlichen Belange zusammengeführt im Elektrozweck- verband Mitteldeutschland mit dem Sitz in Kassel."

Im „Hanauer Anzeiger" nimmt ein Hanauer Stadtverordneter zu diesen Ausführungen in in» iereffartter Weise Stellung. Es heißt da:

Wer mit den Vorgängen vertraut ist. die zu einer Neuorganisation der Elektrizität-Wirtschaft im Bezirks­verband Kastel geführt haben und wem Aufgaben unb Ziele des Elektrozweckverbandes Mittel- 1

deutschland nicht unbekannt sind, muß enlfchi den bestreiten, daß denselben auch nur annähernd bie Be­deutung zu kommt, die ihnen hier beigemeifen werd n. Der Hanauer Oberbürgermeister Dr. Blaum nach d s- fen Vorschlägen sich im Jahre 1923 die Kommuncilve - bände des gefamten Bezirks zu einem höheren Eieltrr zitätswirtfchastsoerband zusammengefchlosten hatten trat in einer Unterredung nach feiner Meinung befragt, gleichfalls den Ausführungen Dr. Halbleibs entgegen.

Oberbürgermeister Dr. Blaum kam bei dieser Gele­genheit auf die Bedeutung zu sprechen, die eine erga- nifierte Elektrizitätsm-rtschaft heute zweifellos habe. Bezirksverband und Stadt Kaffel hatten aber gerade in den entscheidenden Jahren nach dem Kriege, als der Staat an den Ausbau der großen Kraftwerke ging, keinerlei 3 n t e r e f f e f ü r den organisatorisch-wirtschaftlichen 5Reu auf­bau der Elektrizitatswirtschaft des Main- Weser geb ietes gezeigt, fo daß es heute geradezu als grotesk bezeichnet werden muffe, wenn von dieser Seite jetzt die Abgrenzung nach den Wünschen der Kasseler Handelskammer nut der Einheit- ftchkett der Elektrizitätswirtschaft begründet werde. Während die Vertreter Waldecks und der südlichen Krege des Bezirks in diesen Jahren ein verständnisvolles Zu- fammenarbeiten der Erzeugerstätten und der Ueber- landnetzanlage mit den Grotzstromabnehmern Öen Städtene und Landkreisen, erstrebten um durch -Ver­handlungen mit den staatlichen Zentralinstanzen zu ei­ner Form gemeinschaftlicher El e k t r i zi tat s» wirtschaft zu kommen, wobei die Städte und xre.fe als Verteilungsorganisationen die Selbstverforgung und Preisgestaltung in ihrem eigenen Gebiet ielbftandig durchführten, hat man in Kassel der Volkswirtschaft, lieben Bedeutung dieser Pläne nicht genügend Beach- tung geschenkt. Leider fanden auch d>e Kommunaiver- bänbe,' als in den Jahren 1923 bis 1925 beim e-aat immer mehr das Bestreben sich zeigte, Kreise und »tobte als Träger unb Verteiler ber Elektrizitatswirtschaft aus- zuschalten unb biefe ben Kampf aufnahmen temerlet Unterstützung bei ber Stabt Kassel, bie sich auch bis vor wenigen Monaten im Elektrozweckverband Mitteldeutsch, tanb nie aktiv betätigt hat. Der Kamps mit dem Staat blieb ohne Erfolg. Auch bie Beteiligung an dem mit dem Staate gemeinsam betriebenen Braun- kohlenwerk Borken mußte aufgegeben werden. Als im Jahre 1926 bie Hoffnung gescheitert war mit dem Staat zu einer in technischer unb organisatorischer Hin­sicht bedeutungsvollen Zusammenarbeit zu kommen blieb für den Elektrozweckverbanb nur noch bie Aufgabe des Einkaufs elektrischer Arbeit für feine Mitglieder, 'Rege­lung des Strompreises unb ber Stromlieferungsvertrage im Großen. Als Großeinkaufsgenossenschaft hat sich der Verband burchaus bewährt. Er hat auch erhebliche Bedeutung zur Wahrung der Rechte ber Selbstverwal- tung. Darum aber liegt schon kein Grunb vor, daß ein Verwaktungsaebiet diese Aufgaben übernähme. Auf die Abgrenzungssrage kann darum auch der Verband keinen Einfluß haben. Auch nach der territorialen Neugestal­tung wird der Bezug des Stromes aus ber nad)ft- gelegenen Kraftquelle erfolgen, aber gerade bie Kreise im Süben, bie sich sehr stark für bie Aufgaben bes Elektrozweckoerbanbes eingesetzt haben, werben gar nicht baran denken, aus dieser elektrowirtfchaftlichen Zusammengehörigkeit in einer Einkaufsgenossenschaft ir­gendwelche' weiteren Folgerungen für die politis ch e Zusammengehörigkeit zu ziehen. Ganz ab- roegig ist es, die Grenzen einer mitteldeutschen Wirt­schaftsprovinz nach solchen Zusammenhängen bestimmen zu wollen. Dieser Zweckverband muß feiner Eigenart nach ein kommunaler Verband bleiben. Zweck­mäßig wäre eine Anlehnung an den rheinisch-westtäli- schen Verband oder den Verband Westfalen, die über- wiegend unter kommunalem Einfluß stehen.

Aus dieser Darstellung des Hanauer Oberbürgermei­sters ergibt sich, daß auch eine Betrachtung des Abgren­zungsproblems von dem engen und begrenzten Gesichts­punkt der einheitlichen Energiewirtschaft aus keineswegs eine Grenzziehung, bie bie Aufrechterhaltung bes Ver­waltungsbezirks Hessen-Kassel zur Voraussetzung hat, rechtfertigt. Die wirtschaftliche kulturelle und verkehrs­technische Verbundenheit Hanaus unb ber angrenzenden Kreise bis Fulda unb Hünfeld mit dem Rhein-Main- Gebiet kann durch solche Scheingrünbe nicht angezwei­felt werben. Von entscheidenber Bebeutung ist letzten

am 18. Mai 1929 (Pfingstsamstaq)

geschlossen bleiben

Die Fuldaer Banken und Sparkassen

Wir geben hiermit bekannt, daß unsere Kassen und Büros

Der goldene Mantel.

Roman von Heinz Welten.

18] ---------

Er faßte ihre Hanb unb küßte sie. Sie waren in der Herrengaste angelangt, in der ihre Wege sich trenn­ten. „Ich werbe kommen. Auf Wiedersehen unb wohl zu speisen/

Jacoben schritt schnell aus, um daheim zu sein, be- vor Deuschlin aus seiner Wechselstube kam. Sie fühlte sich so froh und leicht wie selten. Dem Kätherle war geholfen worden, unb auch dem Doktor hatte sie eine Freude gemacht, als sie sagte, daß sie begierig fei, bie Fortsetzung seiner Geschichte zu hören.

Als Ulpianus, bevor er sich an die Mittagstafel «etzte, noch einmal hinauf in feine Kammer schritt, um sich zu waschen unb sein Mester zurückzulegen, nachdem er es sorgfältig abgewischt unb mit einem Tropfen Del eingerieben hatte, fand er auf dem Tisch drei versiegelte Pergamentstreifen, die für ihn abgegeben worden waren, einen großen, der das Ratssiegel aufwies, einen klei­neren, ber keine Aufschrift .zeigte, unb einen dritten, auf dem als Absender ber Lammwirt von Würzburg vermerkt war. Der Rothenburger Bote, der zweimal in der Woche nach Würzburg fuhr, mochte ihn mit- gebracht haben.

Er öffnete 6$n Ratsbrief zuerst unb las, baß ber Hohe Rat unb Senat sich die Ehre gab, ihn fubmiffeft zum Neujahrresten ber Raisverwandten zu laben. Ganz langsam, mit wachsendem Erstaunen hatte er es ge­lesen. Das hatte er nicht erwartet. Nur selten war einem Bürger, niemals einem Fremden diese Ehre er­wiesen worden, unb jetzt luden sie ihn ein, ihn — den ehemaligen Freimeisterbuben! Das war mehr, als er in feinen kühnsten Träumen erhefft hatte.

D»ch der Senat wußte, was er tat unb weswegen fr, allen Satzungen zum Trotz, den Doktor Ulpiami» zum Neujahrsesten lud. Der Geist der Unbotmäßigkeit und Widersetzlichkeit, ber sich in der gemeinen Bürger­schaft immer mehr ausbreitete, war nicht unbemerkt ge­blieben. Zwar wußte keiner der Senatoren Gewisses. Denn Herr Deuschlin unb seine Gesreundeten wahrten

ihr Geheimnis. Doch in versteckten unb offenen Dro­hungen war manches zutage getreten, was zu denken gab und in der Ratssitzung heute morgen war auch von der Szene die Rede gewesen, die sich gestern zwischen dem Beutler BöheiM unb bem Senator Winterbach ab» gefpielt hatte. Allgemein war bie Ansicht, daß man nicht gegen ben Beutler einschreiten, sondern das Ganze als einen Wirtrhausstreit betrachten müsse, der den Rat nicht bekümmere. Also, daß auch ber Assessor sich be» scheiden mußte, wiewohl er sehr ärgerlich war, ins­besondere auch darüber, daß man nicht, wie er wollte, den Deutler vorlug, um ibn zu befragen, was er von einer geheimen Konspiration wisse. Doch ber Altbür- germeifter Pirkheimer hatte davor geroarnt und ge­raten, lieber einen, ber im Rat und in ber Bürger­schaft angesehen sei, als Mittelsmann zu mähten unb sich gut mit ihm zu verhalten, daß man sich feiner später bedienen könnte. Er hatte an seinen Eidam ge- dacht: doch der Senator Dickhanfer. der wenig sprach, aber alles sah, und der auch die Blicke gesehen hattet mit denen Herr Dmlchlm gestern abend die Streitwerte begrüßt batte, erklärte, daß als solcher Mittelsmann nie- manb ungeeigneter als Herr Deuschlin unb niemand ge­eigneter als Doktor Ulpianus wäre. Und da der Se­nator Dickbaufer einen großen Anhang unter den Rats­gesellen hatte, stimmten alle bei.

So war bie Einladung zustande gekommen, über die Ulpianus eine solche Freude empfand. Er ging, vergnügt schmunzelnd und sich die Hände reibend, im Zimmer auf und ab. Am Neufahrsesfen wurde er teilnehmen inmit­ten aller Senatoren und städtischen Räte unb ihrer Frauen. Und auch Frau Iacobea würde unter ben Ge- lodenen fein.

Als er zum brittenmal am Tisch vorüberkam, griff er nach bem zweiten Brief, der keine Aufschrift trug. Er war vom Bordier Hottinger und enthielt in ungefügen, steil hingemalten Worten bie Bitte, die geliehenen fünfzig Gulden noch heute zurückzuzahlen. da ber Barbier eine Schuld zahlen mußte, die er vergessen hatte. In gar bemütige, bescheidene Worte war die Bitte gekleidet unb aus ben Zeilen war herauszulesen, wie sauer dem Schrei­ber beides geworden war, das Bitten unb bas Schrei­ben. Aber Ulpianus ballte boch ärgerlich den Streifen

zusammen unb runzelte bie Stirn. Zum ersten Male mahnte ihn einer! Just ber Baber hätte es am wenig­sten gedurft. Alle Zeit war er ihm in den Ohren gele­gen, daß er an ihn denken möchte, wenn feine Kreditbriefe einmal ausblieben. Denn wenn er auch nichts Gewisses wußte, so war boch allerlei burchgesickert unb er hätte gern einmal einen Gulben ober auch mehrere verdient, ohne darum den Finger zu rühren.

Run hatte er ihm wirklich den Gefallen getan unb da mahnte ihn der Hottinger, mahnte ihn weit vor ber Zeit. Denn erst in brei Wochen hätte er bie Schult) ab» zahlen sollen.

Er überlegte. Zwei Wege lagen vor ihm, die er be­schreiten konnte. Achtzig Gulben barg fein Felleisen. Bon benen konnte er die fünfzig Gulden nehmen unb bann sofort nach Würzburg fahren, um Gelb zu holen. Der Lammwirt würbe es ihm gerne geben. Denn bas letzte Geschäft, das er mit ihm getätigt, war ein beson­ders gutes Geschäft gewesen. Einen wertvollen Schmuck, Armspangen und Ohrgehänge, hatte er fo wohlfeil ge­tauft von einem in Rot geratenen Ritter, daß der Lamm- mirt beim Verkauf etliche hundert Gulden gewinnen mußte, auch wenn er ihn billig abgab. Vom Saturn» wirt konnte er das Geld ho'en, ober es konnte es auch von einem seiner Freunde entlehnen, konnte hundert Gul­den leihen unb bem Bardier davon bie fünfzig Gulden zahlen.

Während er noch überlegte, öffnete er den dritten Vries, las ihn langsam durch, Wort für Wort und las ihn nochmals. Was war bas--Einige Minuten lang

saß er nachdenklich da. Dann schritt er zur Türe die Stiege hinab in die Gaststube, in ber der Wirt am Kerb­holz laß unb die Einschnitte zählte. „Ich muß sofort ,iuf Würzburg fahren. Hab dringende Post dort zu be- stellen. Kann in einer Stunde die Derline bereit fein?"

Der Wirt legte das Kerbholz hin. „In einer Stunde? Just sind die Röster von Feuchtwang zurückgekommen. Pressiert es fo?"

„Es pressiert. Muh heut auf bie Nacht noch in Würz- bürg fein."

Der Wirt überlegte. „Es wird möglich sein. Ich leih die Rosse vom Eisenhut oder von der Rose. In ^iner Stunde also. Ihr könnt zuvor noch speisen. Grad wird drinnen aufgetragen

Ulpianus war die Lust zum Esten vergangen. Doch es war nicht rötlich, solches zu zeigen. „Ihr habt recht. Speisen kann ich zuvor. Laßt mir eine Kanne Würz- roeins bringen .damit die Wärme vorhält. Werd sie brauchen können, draußen auf der Landstraße." Der Wirk nickte. „Ich laß Euch eine Flasche voll in den Wagen legen und einen rechtschaffenen Imbiß dazu. Wam wollt Ihr zurück fein?“

Ulpianus überlegte. ,„Wohl in vier, fünf Tagen, mit immer. Länger leidet es mich doch nicht."

Während bes Mahles fuhr er mehrmals mit ber Hand in ben Brustlatz, in bem er ben Brief fühlte. Gern hätte er ihn noch einmal gelesen. Ader er wagte es nicht. Wie leicht hätte einer hineinschauen und ein Wörtlein auf« fangen können.

Als er, in Decken gut ein gehüllt, in ber Kutsche saß, griff er, wöhernd bie Pferbe schon anzogen, noch schnell in bie Tasche. Das hätte er fast vergessen. „Da", er reichte bem Wirt, ber mit abgezogenem Käppchen neben dem Wagen hielt, einige Goldstücke, „gebt dies dem Hot­tinger! Aber gebt cs ihm noch heute. Er hat mich darum gebeten."

Es war gut, baß es ihm noch rechtzeitig eingefallen war Was würbe der Barbier gebacht haben, wenn er erfuhr, baß ber Doktor, nachdem er seinen Bries erhalten, auf und davon gefahren war?

Als der Wagen den Hügel hinunter war und in bie Landstraße einbog, nahm er ben Diref bes Lammwirts noch einmal vor.

„Item muß ich Euch Mitteilen, baß Ihr beim letzten Handel einem Schelmen aufgefeffen seid. Denn die Arm­spangen unb bie Ohrgehänge finb nicht echtes Golb unb ist alles Geld, was wir dafür zahlten, verloren. Bitt' Euch daher inständig, ehestens auf Würzburg zu fahren, auf daß wir cs verrechnen und ich wieder zu dem mein! gen komme. Denn mir gehet der Schnaufer aus bei fotanen Geschäften. Mein schier, daß Euch bie Ratzen auf den Hirnkasten gekommen sein müssen, daß Ihr sol­ches nicht wahrgenommen habt. Unb bürstet billig nicht begehren, daß ich zu Schaden komme. Möchte es an­sonst bereuen, mich mit Euch eingelassen zu haben. Hofs aber, bah solches nit not fein wird unb will bann auch fürderhin beflissen sein mit aller Untertänigkeit Euer un­tertäniger Veit Holzinger, Lammwirt in Würzburg