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Ulpianus ging, auf Frau Jacobe« wartend, vor fei- gestern davon. "Ich meinte, es fei nichts Arges rt t A rt'tf ** ta AMAaa* Lall. - . «r • — - "

Eintrittspreise Nachmittags 50 Piz.

nem Gasthause auf und ab. Der Morgen hatte ge­halten, was die Nacht versprochen hatte. War ein schö- ner, frischer Wintertag getrwben, ein kalter zwar, aber

In ihren großen, braunen Augen glänzte es feucht: „Ich, ich fürchte, es macht nimmer lange."

Ulpianus erschrak. „Ich verstehe Euch nicht. Ich sprach doch soeben den Beutler selbst. Er erwähnte das Kind mit keiner Silbe."

wie wird das Wetter?

Mitteleuropa liegt zur Zeit im Einflußbereich eines Hochdruckgebiets. Neue Tiefdruckstörungen, die von Nord­westen her vordringen, werden jedoch langsam wieder eine Verschlechterung herbeiführen.

Witterungsaussichten für S o n n t a g: Warm, später aufkommende Gewitterneigung.

Rund nm die Woche.

Ter Z-Pt, der hängt ihm hinten. - Verschiedene Zöpfe. - Kommunismus. - Muttertag.

etne Zirkusvorstellung. Ich verstehe, daß man weidlich auf die Kommunisten flucht und möglichst grauenhaft sich das Bild der Legären mit den lan­gen Messern ausmalt. Aber von dieser Melodie habe ich nun genug. Es geht mir anders durch ben Kopf. Erstens kann ich es in einem Staate, der die Gotteslästerungen gegen die Kirche frei­gibt und Gott im Himmel einen guten Mann sein läßt, dem sogenannten Pöbel gar nicht übel neh­men, wenn er darüber den Respekt von den Göt­tern dieser Erde verliert, und wenn er auf den Gedanken kommt, sich schon in diesem Leben, wenn man schon das andere den Narren und den Spaßen überlassen soll, ein wenig energisch an die bessere 1 Tische des Daseins zu bemühen. Im besonderen stelle ich mir dann die Gegenden vom Wedding und von Neukölln usw. etwas in der Phantasie vor. Wenn man da kein Kommunist wird, so muß es schon nicht mehr mit rechten Dmgen zugehen. Ich kenne sogar Städte mit überwiegend christlicher Bevölkerung, die ein Arbeiterviertel haben, nun, daß Gott erbarm. Du findest es immer, wenn du in der Richtung gehst, in der das Pflaster schlechter wird, meist nach Norden zu, wo es kalt weht . . . Geh' einmal von Haus zu Haus, von Hof zu Hof, und dann sinne über das Problem des Kommunis­mus nach! Oder wenn das noch nicht ein­leuchtend genug ist, so bemübe dich in eine der Baracken, wo man die Familien der Aermsten zu­sammengepfercht hat. Gcltern und Kinder, Küche und Bett — wenn es so etwas gibt —, alles in einem Raum, dazu noch das Getier, was so dazu gehört. . . Ja, geh' einmal hin. Und dann laß dir von einem Barackenmensch erzählen, was der Pastor am Sonntag auf der Kanzel gesagt hat. Wir sind alle Brüder in Christus. Das müssen die doch wissen, die in den vornehmen christlichen Vierteln wohnen., Sie müssen doch wissen, daß da in den Baracken, in jeder einzelnen, in dem Sumpf und in dem Geschmack und in der frierenden Armut und in dem klappernden Hunger Menschen woh- nen, die Brüder sind in Christus, Brüder und Schwestern., Da lassen sie Christus in einer Ba­racke und wiegen sich in molligen Federbetten . . . Ob, wird dir der Mann eine Predigt halten! Ver­stehst du, was Kommunismus ist? ... In Ber- lin gibt es 14 000 Schulkinder, die ohne Frühstück zur Schule muffen. Was sie an Kleidern am Leibe tragen, wollen wir dabei ganz überleben. Stelle dir eine Stadt vor, in der nichts wohnt, als diese 47 000 Schulkinder, die morgens nach Brot schreien und keines bekommen, und nicht weit davon eine gleich große Stadt, wo die guten Frühstücke ver- schmaust werden. Stelle dir das vor ... und fei ganj still. Ich sage nichts mehr. Entweder man hört Gottes Weisheit und richtet sich darnach, oder man kümmert sich nicht darum, und dann hat man den Irrsinn auf Erden. Entweder man ist ein Christ von der Art des lieben heiligen Franziskus, oder aber man schlägt sich zu Lenin. Dazwischen gibt es nur noch vielleicht Herrn Sollmann, der an ienem Schreckenstage durchs Radio verkündete: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Die Arbeiter müssen die Kapitalisten enteignen und die Macht an sich nehmen . . . Bekanntlich ist Herr Soilmann kein Kommunist, imb das Christentum redet ebenfalls anders. Also, er steht zwischen bet­ten. Und er wäscht feine Hande in Unfchuld, wie der ganze Sozialismus. Er gibt ja auch nur die P a rote. Pfui der Kommunismus, der sie in feine Weise ausführt . . .

Genug. Nock, ein Gruß den Müttern. Jeder der in Berlin Gefallenen hat eine Mutter gehabt. Könnte man sich heute alle neben diesen unglück­lichen Opfern sehen! Die Mütter sind immer die

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«oriirtaft, den 12. Mai 1929.

Ja, es ist wahr. Jetzt weiß ich es bestimmt, xhina erwacht. Die Nankingregierung hat em Dekret erlassen, nach dem sämtliche Zöpfe im Lande abgeschnitten werden müssen. Welch eine Tat! Wo gibt es eine Regierung in Europa, die den Mut hätte, mit einem Federstrich sämtliche Zöpfe ab- zuschneiden? Nicht die Zöpfe der Frauen sind ja gemeint. Das sind ja allerliebste Dinger, die schon mut vielen Dichtern besungen worden sind. Nein, e? geht vor allem um die Zöpfe der Herren, um Ite- Zöpfe der Verwaltungen, um die Zöpfe der Schreibstuben, um die Zöpfe, die nicht selten unter Schlafmützen versteckt werden, um die Zöpfe im Staat und um die Zöpfe >n der K'rche.

Was ist eigentlich ein Zopf? Nun, ein Zopf ist, wenn man . . . nehmen wir gleich ein prak­tisches Beispiel. So hat der Rektor der Kölner Universität dieses Jahr bei der Jmmatrikitlation ter Studenten eine Rede gehalten wider die 93er- zopstmg des Bierstudententums, gegen die „Zer­splitterung in kleine Gruppen" und „gegen die heute weniger als berechtigte kastenrnäßiM Ab- fchließung der Studentenschaft von der übrigen Bürgerschaft". Aber der Mandarin ist in Deutsch­land noch nicht geboten, der diese Zöpfe abschnnt Manchmal denkt-man, die Damen hätten nur dar- um den Bubikopf eingeführt, damit die Männer die Zöpfe um so länger wachsen lassen. Kommt man nicht an jedem Stammtisch, in Dutzenden von Kegelbahnen, in Parteiversammlimgen und bei Ministerempfängen immer wieder in die Der- iuchung, das hübsche Gedicht von Chamisso zu zitie­ren: Der Zopf, der hängt ihm hinten?

Was ist ein Zopf? Nun. noch einmal: Ein Zopf, wenn zum Beispiel ein Oberbürgermeister, einer von denen, die bei uns die Nachfolge Kaiser Wilhelms angetreten haben, eine Versammlung begrüßt: Ich begrüße, ... ich begrüße. . . Eine ganze Litanei, wenn auch nicht von lauter Heiligen. Ich begrüße . . . Immer noch nicht fertig? .' . . Ich begrüße . . . Entsetzlich, und doch wie kurz­weilig, denn: Der Zovf, der hängt ihm hinten . . . Oder wenn da eine Vorsitzende gewählt wird. Na­türlich muß es die Frau Präsident oder die Frau Kommerzienrat fein, und wenn sie dann gewählt ist und wenn sie präsidiert — Juno ist eine Gans dagegen — schau, das ist ein Schauspiel für ®öt- ter . . . Der Zopf, der hängt ihm hinten . . . Und die Kompetenz-Kompetenz ein wunderbares deut­sches Wort, ganz im Zopfstil gebaut, zwischen Preu­ßen und dem Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Provinz und Kreis . . . Das füllte Akten- chränke . . . Immer ergebend oder nichtergebenst weitergereicht, möglichst noch über ein paar Grenz- Sä'.me unserer so beliebten Kleinstaaten hinweg . . . Immer wir weitergereicht . . Kompetenz-Kompe­tenz. Man berechnet einmal die Gehälter der Leute, die nichts anderes zu tun haben, als Zettel Jit unterschreiben: Weitergereicht . . . Endlich zu- rückgereicht. Wird schon wieder ankommen. In dicfen Bezirken fährt zwar noch die alte Postkutsche von Thurn und Taris. Aber der Amtsschimmel kommt immer noch früh genug. Und ter tapfere Reiter steigt ab. Der Zopf, der hängt ihm bin- ten . . . Und über wie viele Zöpfe könnte man sich noch lustig machen. „Schweig stille mein Herze!" Es gibt so viele Zeitgenossen, tue sind gleich „gx. kränkt". Und wenn sie in ihrem Ehrgeiz gekränkt sind, dann lesen sie nicht etwa die guten Rat­schläge, die für solche Fälle Thomas von Aguin in der Nachfolge Christi gibt, sondern ziehen mit ihrem Schmerz klagend von einem zum andern und . . . der Zopf hängt ihnen hinter . . .

Sn Wirklichkeit ist mir übrigens gar nicht wohl zumute. Die Sache in Berlin war doch mehr als

3. Blatt.

Druck 6et Fuldaer Ackieudruckerel, Fulda.

tagswahlen haben", und einer seiner Dresdner Parteifreunde hinzugefügt: „Wir können im Land­tag die besten Anträge au^klügeln. durch einen ein­zigen Schlag, den uns die Reichspolitik zusi'.gt, kann die Arbeit vieler Jahre vernichtet fein." Mit anderen Worten heißt das, dadurch, daß die sozial­demokratische Reichspartei staatspolitischen Notwen­digkeiten gehorcht, entwertet sie das radikale-Blend­werk, das die sozialdemokratische Landespaitei Sachsen vor ihrer Wählerschaft ausgebreitet hat. Die sozialdemokratische Parteileitung Sachsens fürdytet daher einen Abmarsch ihrer Wählerschaft nach links.

In Sachsen fft aber nicht nur die Haltung de: Sozialisten bemerkenswert. Auch bei den Deutsch- nationalen dort machen sich Strömungen und Stirn- mutigen bemerkbar, die politisch sehr interessant sind. Bisher hat der Landesverband Sachsen bei Deutschnationalen Volkspartei als eine unbedingt sichere Domäne des jetzigen Parteiführers Hilgen­berg gegolten. Sein besonderer Freund, der hpper- radikale Oberfinanzrat Dr. Bang vertritt den säch­sischen Wahlkreis in der deutschnationalen Reichs- tagsfraktion. Nun hat ter allgemeine Streit un­ten Charakter der Partei, de wachsende Wider- roilte gegen die diktatorischen Allüren des Herrn Hugenberg auch auf den Deutschnationalen Santes- verband Sachsens tibergegriffen Das zeigte sich gelegentlich einer Kontroverse, die zwischen ter deutschnationalen Pressestelle und dem Beutlchna- tionalen Handsungsgehilfenverband ftattgefurher hat. Der DHV. Sachsen hatte in einem Rund­schreiben sämtliche Mitglieder, die sich politisch zm Deickschnationalen Dvckspartei rechnen, aufgefor- tert, die Mitarbeit an ten arbeiterfeindlichen Listen der Deutschnationalen Partei abzulehnen und die­ser Partei ihre Stimme zu versagen Den Hinweis der deutschnationalen Pressestelle auf einige Arteit- nehmerkcrnd'daturen in Sachsen hat das Organ des D. H. B,. den „Politisch gewerkschaftlichen Zei­tungsdienst" zu der Feststellung veranlaßt: „daß angesichts der Gefamtbastung des Landesverbandes Sackfen der Deutschnationalen' Volks^ortei ein leb­hafter Unwille in ten Kreisen der Arbeitnehmer- Mitglieder der Deutschnationalen 9$o'fspartet ent­standen ist", daß „insbesondere ter scharfe Kamps des Landesverbandes Sachsen gegen die Sozialpoli­tik zu einer außerordentlich scharfen Kritik geführt" habe.

Auch hier sind, nsie man sieht, Resultate des sächsischen Wah-kampfes möglich, deren richtung­weisende Bedeutung bei der Beurteilung der innen* politischen Lage Deutschlands unverkennbar ist. Von dem Sondervrodukt des sächsischen Partei­lebens, von den „Altsozialisten" braucht hier nicht weiter die Rede zu fein. Es ist niete anzunehmen, daß sie ihre jetzige Stellung behaupten. Die Na­tionalsozialisten dagegen könnten von den ziemlich verworrenen Verhältnissen profitieren.

, Das Zentrum hat im lebten sächsischen Landtag keine 93ertretung gehabt. Das hat unsere Partei­freunde nicht abgehalten, den Kampf um ihre po­litischen Ideale beharrlich festzusetzen. Mit vollem Recht. Denn die zunehmende Rationalisierung aus den Flügeln muß ja auf der anderen Seite zu einer Zurückbesinnung der Gemäßigten und Sach lichen auf die mittlere Linie führen Dabei kann imd wird auch vorn Zentrum manches wieder ge­wonnen werden, das sich aus irgend welchen Grün- den eine Zeitlang rechts oder links von uns auf» gehalten hat.

Um Jacobeas Mund legte sich ein schmerzlicher Zug. „Der Beutler! Was weiß der von seinem Kinde? Den hat die Politika an der Kandare, wie alle Mannsbil- der. Alle raunen und tauscheln und konspirieren. Der Deuschlin ist auch darunter. Aber das Kätherle liegt krank und hat fiebrige Augen und das heiße Blut schüt- test es, daß es nicht stilliegen kann."

Langsam waren sie einige Schritte gegangen. Ul­pianus blieb plötzlich stehen. „Wir wollen zu der Klei- nen gehen, wenn es Euch recht ist, Frau Iacobea. Viel­leicht kann ich helfen."

Dankbar schaute sie ihn an. „Ich wagte nicht, Euch darum zu bitten. Ich weiß, Ihr tut es nicht gern."

Er wehrte ab. „Gewiß tue ich es gern. Ist doch mein Erwerb. Nur um Geld tue ich es nicht. Hab dessen nicht not. Aber wenn mich eines braucht und gar ein Kind. Wartet einen Augenblick, ich bitt Euch. Ich bin gleich wieder bei Euch."

Schnell ging er in seinen Gasthof zurück, eilte die Stiege hinauf und holte aus seinem Felleisen eine kleine Ledertasche, in der er Lanzetten, kleine Messer und anderes chirurgisches Werkzeug verwahrte. In weniger als einer Minute war er wieder unten auf der Straße, auf der Iacobea langsam in der Richtung auf das Sö- heimsche Haus vorangegangen war.

Droben in der Mansarde wälzte sich das Kätherle m seinem Bettchen mit tiefroten Backen und fiebrigen Augen und suchte der vielen Decken ledig zu werden, die die Mutter immer wieder vom Estrich aufhob und über das kranke Kind breitete.

„Wasier, Mutterle, Wasser! Soviel Durst hab ich, soviel Durst!"

Die Döheirnin legte dem Kind bekümmert die Hand auf die heiße Stirn.

„Bald, mein Herzkäferle, bald. Die Hitz ist dir gut, die vertragt er nicht. Jetzt darf noch kein Wasser da­gegen an, gelt Trud?"

(Eine in rote Tücher gehüllte alte Frau, in deren } »«runjjeftem quittgelben Gesicht zwei schwarze Augen I wie glühende Kohlen brannten, hob sich vom Bettrand, j

PROGRAMM:

Samstag, den 11. Mal, 20.30 Uhr Kommers mit Darbietungen der Traditions- batterie (1. Batterie 5. Artl. Reg.) im Saale des Bürgervereins.

Sonntag, 8 ühr Gottesdienst der Katholiken am Frauenberg und der Evangl. in der Evangel. Kirche, 10 Uhr Antreten der Vereine in der Wittichstr., 15.00 Uhr Reitqnadrille geritten von Unteroffizieren und Mannschaften der Ba terie in Friedensuniform, Jagdspringen, Geschicklichkeitsprüfangen, Ge­räteturnen, reiterliche und sportliche Vorführungen. 20.00 Uhr Konzert der Regiments-Kapelle des 5 Artl. Regt, im Stadtsaal, anschließend Tanz.

doch einer, an dem die Sonne vom blauen Himmel her­unterstrahlte und ein Spaziergang ein vergnügen fein mußte.

„Guten Morgen, Meister Böheim. Was tragt Ihr da? Ist ein Feuer darin, daß Ihr es so weit von Euch abhaltet?" t.MjchW

Böheim wurde verlegen, barg die Hände auf dem Rücken. „Feuer? Feuer? Nein, ein Feuer ist es just nicht, wiewohl sich mancher leichllich daran brennen könnte. Aber ich soll nicht davon reden. Ist eine Ro­thenburger Sach'."

Ulpianus nickte. „Ihr habt Recht. Ich bin fein Rothenburger. Will mich auch nicht in ein fremdes Geheimnis eindrängen. Ich rief Euch nur an wegen der weißen Handschuhe für Frau Iacobea. Sind sie gerichtet? Ihr wißt ja, zum Ratsessen am Neujahr werden sie benötigt."

. Beutler hatte das Schriftstück im Wams ver- Itnut. Bester, es wurde ein wenig schmutzig, als daß noch einer nach feinem Inhalt frug. „Die Handschuhe? freilich sind sie gerichtet. Hätte sie längst geschickt, aber die Lehrbuben,. 's ist ein Kreuz mit den Burschen. -Ihr kennt das nicht. Doch verzeiht und nichts für ungut, heuteprc,fiert Die Handschuhe schicke ich noch

Ulpianus ließ den Eiligen ziehen und schaute zum ^"uber. Jetzt mußte Iacobea bald körn. .Dte Turmuhr hatte bereits die zehnte Stunde geschlagen. Endlich trat sie um die Ecke. Sie trug über einem dunklen Kleid einen dunkelblauen Pelzüberrock b!2 Ä xem ?°pf e,n feingehäkeltes Wolltuch, unter tem sich die goldenen Löckchen vorstahlen. Ihre Wan- gen waren von der kalten Luft und vom schnellen Gang gerötet. Ulpianus ging ihr mit leuchtenden Augen ent­gegen und streckte beide Hönde aus. „Grüß Euch Gott, Frau Iacobea! Ich fürchtete schon, Ihr kämet nimmer."

Sie drückte seine Hand. „Verzeiht, wenn ich Euch warten ließ. Aber das Kätherle. Ich kämme eben von ihm. Es steht nicht zum Besten."

Ulpianus hielt ihre Hand fest. „Das Kätherle des Böheim? Was ist mit dem Kinde? Ihr spracht schon

5lm Vorabend der Zachsenwahlen.

Arn Sonntag wählt man in Sachsen ten Land­tag. Wenn man die nicht gerate im Kreis­staat Sachsen selbst erscheinenden deutschen Zeitungen durchblättert, gewinnt man nicht den Eindruck, als ob das Intereffe für die kommende Wahlentscheidung tes sächsischen Volkes überwälti­gend groß wäre. Es gibt ja auch jetzt so viel an­deres. Die tagelang währenden Maikrawalle in Berlin, die folgenschweren Reparationsverhandlun­gen Schachts in Paris, die Etatberatungen, die so­zialpolitischen Auseinandersetzungen im Reichstag, die Debatten über Reichsreform, barlamentskrise, Wahlrecht und ähnliche Dinge lassen wohl manchem unserer Volksgenossen die sächsischen Wahlen als eine Angelegenheit geringerer Bedeutung erschei­nen. Das ist jedoch keineswegs angebracht.

Der sächsische Wahlkampf, der im ganzen Lande mit durchaus normaler Heftigkeit geführt wurde, hat sehr interessante Einblicke in gewisse parteipoli­tische Entwicklungen gestattet und sein (Ergebnis wird lehrreiche Schlüsse darüber zulassen, wie die Zeit, die seit den großen Maiwahlen des Jahres 1928 verflossen ist, auf die Stimmung der Wähler­schaft gewirkt hat. Das gilt in besonderem Maße für die Sozialdemokratie, die in Sachsen bekannt­lich seit jeher viel ra&itater einqeftell4 ist als der sozialistische Reichsdurchschnitt sonst. Die sächsische Sozialdemokratie bat die rund 760 000 Stimmen, üter die sie bei den Landtagswahlen des Jahres 1926 verfügte, bei den Reichstagswahlen 1928 auf etwa 1 Million vermehren können Das war ihr besonders durch die radikale Parole gelungen, die am prägnantesten durch die temagagifete und sach­lich ungerechtfertigte Gegenüberstellung „Panzer­kreuzer oder Kinderspeisung" gekennzeichnet wird.

Nach tem Wahlsieg vom 20. Mai ist die Sozial­demokratie, die in Preußen schon jahrelang die Regierungsverantwortimg trug, auch im Reiche ans Ruder gelangt. An ten Realitäten, die sie als Regierungspartei berücksichtigen imufjte, ist sehr viel von dem zerbrochen, was sie ihrer Anhänger­schaft in her Bedenklosigkett tes Wahlkampfes glaubte versprechen zu können. Für die Sinter- speisung steht im Reichsetat nichts, die Erfüllung gewisser sozialpolitischer Forderung en, von denen man eine besonders agitatorische Wirkung erhofft hatte, mußte von ten sozialdemokratischen Mini­stern selber für unmöglich erklärt und der Beschluß, den Panzerkreuzer zu bauen, von dem unter maß­geblichen sozialistischen Einfluß stehenden Reichs- tabinett gefaßt werten. Das alles ist nur der greifbare Ausdruck der Tatsache, daß verantwort­liches Regieren etwas ganz anderes ist als skrupel- loses Agitieren. Aber in Sachsen wird diese Di- vergenz wahrscheinlich für die Sozialdemokratie verhängnisvoll werten. Nicht umsonst hat der frü­here sächsische Ministerpräsident Fleißner sich neu­lich geäußert: „Wenn in der deutschen Reichspolitik auf diese Art weitergewurftelt wird, wird bas eine sehr nachteilige Wirkung auf die sächsischen Land­

Leidenden. Immer fließt ihr Blut. In Krieg und Revolution Immer gleichen sie der Mater dolo­rosa ... Ob alle diese Mütter ihre Kinder rich­tig erzogen haben? Wie, wenn des Kindes Schuld nur die Schuld der Mutter wäre? Hier spricht der ganze Ernst der Erziehungsfrage zu den 6b te-n von heute. Kommunismus ist immer ein Pro­dukt der Heimatlosigkeit. Das Heim ater ist dis Mutier. So traurig sind alle biefe Dinge, die wir erlebt haben, ich weiß nicht mehr, wohin Ja doch, in ein Kirchlein will ich gehen. Zur Maiandacht! Horch auf diese Lieder, in denen so viel Leid und so viel Sehnsucht weint. Sie muß uns ihren Sohn wieder schenken, und dann wird Friede auf Erden fein. Milde Königin, gedenke. . .

Der Mann im Monde.

„Nein. Beileid nit. Nur jetzt kein Wasser! Das verschlagt alles. Lang macht es nimmer. Hör ihn schon schnaufen und winseln. Hihihi."

Sie zog den zahnlosen Mund breit auseinander. „Hihihi. Ist zwar der Höllenfürst selbst, und an eine rechtschaffene Glut ist er gewöhnt. Aber das Feuer im Menschenleib vertragt er nit. Das treibt ihn aus."

Die Böheimin rang die Hände, während ihr die hellen Zähren über die Wangen flössen. „Mein Kä- therle, mein Herztauser, mein Schatzhauserle! Wann ich den müßt, der mir das Kind behext hat! Soviel gut wie es ist. Tut niemanden ein Args. Wer mir das Kind behext hat! Was meint Ihr, Trud?"

Die Trud schüttelte den Kopf. „Glaub nichts, weiß nichts. Klag keinen an."

„Wird es werden, Trud--ober--"

Die Zigeunerin wühlte in dem großen schwarzer Beutel, den sie vor sich liegen hatte. „Hab den Baro- metz mit, wann ihn die Hitz nicht austreibt. Gegen den Barometz kann er nicht an. Denn der Barometz ist das Lamm. Da, schaut selber her! Könnt Ihr er­kennen, daß er ein Lamm ist?"

Sie hielt in der Hand eine selten geformte vertrock­nete Pflanze, an deren zufammengeschrumpfter Wurzel lange Fäden herabhingen. Die Böheimin trat neu­gierig näher und griff nach dem Zaubermittel. Doch die Trud barg es schnell im Brusttuch.

.Hütet Euch! Wer den Spruch nicht kennt, den brennt er. Ihr kennt den Barometz nicht. Ist eir Lamm, das aus der Erde wächst, gerat» als eine Pflanze Hat einen langen Nabelstrang, der am Lamm bleibt und als eine Wurzel am anderen Ende in der Erde steckt. So bekommt es Kraft von der Erde. Es kam nur soweit laufen, als die Nabelschnur reicht. Hat e-' dort ab gegraft, muß es sterben."

Die Böheimin starrte verwundert. „Ich meinte e> bekäm fein Atzung aus der Erde."

„Gewißlich, gewißlich, aber es reicht nicht. Ist doch em Tier, will auch fressen. Da schaut her! Die vier Seine!

©ie roies auf die vierfach gespaltene Wurzel. Die Böheimin blickte mit weit aufgerissenen Augen. Ein Lamm und doch eine Pflanze.

tFortlettung folgt.)

Sonntag-, den 12. Mai 1929 findet die

Gedenkstein-Einweihung des Großherzoglich Hessischen Artilleriekorps

m der Artillerie-Kaserne in Fulda statt. Hierzu werden die Vereine sowie die verehr!. Einwohner­schaft von Fulda ergebenst eingeladen.

_______ Der Feafaneadhaß.

Der goldene Mantel.

Roman von Heinz Welten.

16J -----—.

»Die Bürgerschaft wird es Euch danken, Herr Deusch. Itm Ich will mich fressen lassen, wenn Ihr übers Jahr nicht Bürgermeister seid. '

Der Wechsler wehrte ab „Nicht doch! Nicht doch! Darum ist es nur nicht. Ich will meinen Mitbürgern nützen. Ist mir Lohnes genug."

Doch der Beutler beharrte. „Fressen laß ich mich da gleich auf der Stell'."

Deuschlin schob ihn lachend zu Türe hinaus. Dann geht beim. Vergeßt mir die Unterschriften nicht und haltet fein das Maul! Nur die Vertrauten sollen fürerst davon wissen, die die Unterschriften leisten, sonst nie- mand. Heute Abend erwarte ich Euch in meiner' Woh. nung."

Er legte die Hände auf den Rücken und stellte sich on das Fenster, um dem Beutler nachzuschauen. Alles ging vortrefflich und so, wie er sich gedacht hatte. In zwei Wochen würde das Schriftstück in Wien fein. Dann mochte der Rat von Rothenburg sich freuen. Einen schönen Kloß hatte er ihm in die Suppe geworfen. Nun konnten die Herren sehen, wie sie ihn würgten. Die Zünfte hatte er gegen den Rat aufgeroiegelt und gegen die Zünfte konnte auf die Dauer kein Rat regieren.

Er trat vom Fenster zurück, schritt langsam im Zim­mer auf und ab und pfiff vergnügt vor sich hin. Dies­mal mußten sie ihm kommen. Er war der Freund der Zünftler und der Eidam des Altbürgermeisters. Einen besseren Mittelsmann konnten sie nicht finden. Und wenn sie ihm kämen, würde er ihnen seine Bedingungen stellen. Dann sollten sie ihn kennenlernen. Oberlanbfteurer mußte ft werden: das war noch das mindeste.

Der Beutler Böheim stampfte gewichtig mit seinem Schriftstück durch die Gassen. (Er hatte es säuberlich zusammengerollt, das Geschriebene nach innen, und hielt die Rolle wett von sich ab, damit sie keinen Flecken be­käme. Er war durchdrungen von der weltgeschicht­lichen Bedeutung seiner Sendung und so vertieft im Ausmalen dessen, was nun geschehen würde, daß er j flanj erschreckt auffuhr, als ein „Guten morgen, Meister Böheim!" an sein Ohr schlug.