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M 108.

Donnerstag, ven 9. Mat 1929.

Fuldaer Leitung

3. Blatt.

+♦4* Druck der Fuldaer Actieudruckerel. Fulda.

Icfl-tionswahn.

Massenpsychosen beruhen gewöhnlich auf mensch­licher Unwissenheit oder Derrannthe.t. Mitunter au beiden. Handelt es sich um Vorgänge die bor- kenmäkig auswertbar sind, so gesellen sich in der Mebr-iahl der Fälle auch spekulative Triebkräfte h- sg£i dem Eeraune über eine neue Inflation wirkten, wer möchte es heute bezweifeln, alle diese Akomente mit.

Jetzt, da die Stimmung wieder unsicher ge­worden ist, ist es an der Zeit, über die Hinter­gründe der Erregung zu reden. Es gilt: Klar- beir über das Geschehene zu gewinnen. Zugleich auch: einer Wiederkehr der Massenangst vorzubeu­gen Die Gerüchte über eine neue Inflation flat­terten auf, als schlechte Nachrichten aus Paris ka­men (obschon der Ausgang der Konferenz, fei ec wie er wolle, mit der deutschen Währungslage nichts zu schaffen hat). Sie erhielten neue Nah­rung durch — nicht immer richtig verstandene — Meldungen über die schwierige Kasfinlage des Reichs (obschon bei der Trennung von Reichsfinan­zen und Reichsbank die Kassenlage des Reichs keinerlei Einfluß auf den Stand der Reichs­mark hat). Und die Gerüchte verdichteten sich zum Massenwahn, als Devisen- imt> Goldabflüsse der Reichsbank, zum großen Teil für Reparations­zwecke, und die Erhöhung des Reichsbankdiskonts der Oeffentlichkeit bekannt wurden. Alle diese Tat­sachen als solche sind unbezweifelbar und an sich unerfreulich. Aber mit einer möglichen Inflations­gefahr haben sie schlechterdings nichts zu tun.

Nur mit Dernunftgründen läßt sich der Wie­derkehr einer Panikstimmung vorbeugen. Be­stehen überhaupt die Voraussetzun- geneinerneuen Inflation — ähnlich wie sie in der Zeit bis Oktober 1923 gegeben waren? Diese wirkliche Inflation, durch deren Fegefeuer wir geschritten sind, hatte darin ihren wesentlichen Grund: das Reich, in schwierigster Lage, von au­ßen bedrängt, nach innen seiner Einnahmequellen zum Teil beraubt, mußte sich mit seinem Geld- und Kreditbedarf an die Reichsbank wenden, die, da­mals in gewisser Abhänqlichkeit von der Regierung, auf Grund der Hergabe von Reichsschatzwechsern Papiergeld in immer steigender Menge ‘ ausaab. Die Notenpresse arbeitete unablässig. Künstlich, nicht in organischem Zusammenhang mit den Be­dürfnissen der Volkswirtscbaft wurde der Noten­umlauf aufgebläht. Der Wert der Mark fiel, eine natürlich« Folgeerscheinung, ins Bodenlose. Diese Inflation, die in Wahrheit den Namen verdiente, war also nur möglich, solange die Regierung das Recht und die Möglichkeit hatte, eine beliebige Er­höhung des Geldumlaufs ohne gleichzeitig erfol­gende Erhöhung der Golddeckung und ganz unab­hängig vom Geldbedarf der Wirtschaft vorzuneh­men oder vornehmen zu lassen.

Seitdem haben sich die Dinge entscheidend ge­ändert. Der Dawesvlan trat in Kraft, mit ihm das neue Dankgefeß. Die Reichsbank besitzt seither volle Autonomie: sie ist unabhängig von der Regierung. Sie gibt zwar weiter Banknoten aus, f-:er unabhängig von den Bedürfnissen und Wün- schen des Reichs, nach den strengen Richtlinien des Bankgesetzes. Für den Notenumlauf ist eine G o ld d e ck u n g von mindestens 40 Prozent gefetz- lid) vorgeschrieben — ein Deckungsverhältnis, das Hüber ist als in den meisten andern vergleichbaren Ländern. Se'bft die Vereinigten Staaten haben keine höhere Deckung ihres Geldumlaufs gesetzlich

vorgesehen. Trotz der starken Gold- und Devisen­abgänge in der letzten Zeit ist diese unterste Grenze der Golddeckung noch lange nicht erreicht. Tat­sächlich betrug der Gold- und Devisenvorrat der Reichsbank am 23. 4. 1929 rund 2'Ä Milliarden; das bedeutet eine Deckung des Reichsbanknotenum- laufs von 56,6 Prozent, des gesamten Umlaufs an Zahlungsmitteln (einfchl. Rentenbankscheinen) um 50,9 Prozent. Wir sehen: auf die Reichsmark tref­fen alle Voraussetzungen einer Goldwährung zu; sie ist, genau wie die besten Valuten der We't, „goldsicher". Geringe Schwankungen des Kurses um Dezimalstellen oder Bruchteile davon beruhen auf internationalen börsenmäßigen Vorgängen, de- nen auch andere Standardvaluten unterliegen so­gar der Dollar. Trotzdem wird es niemand ein­fallen, in die Sicherheit der Dollarwährung Zwei­fel zu setzen.

Aber die Reparationen, wird man fra­gen .... Jene Ansprüche der Eläubigermächte, die unser Gold aus den Tresors der Reichsbank ab­saugen? .... Emer Gefährdung der Reichsmark von dieser Seite schiebt der Dawesplan selbst einen Riegel vor. Unzweideutig erklärt er, daß die Ue- bertragung von Markzahlungen Deutschlands in ausländische Währung nur solange vorgenommen werden darf, als damit keine Gefährdung der Reichsmark verbunden ist — das einzige große Akti- vum'des Dawesplans fiir Deutschland. Damit ist, so­lange der Transfer schütz besteht, die Mark auch international gesickert. (Db und inwieweit der Ausgang der Pariser Verhandlungen diestn inter­nationalen Sck;utz der Mark berühren wird, läßt sich noch mcht absehen. Daß Deutschland diesen Schutz ohne auderweitiae Garantien jemals preis- geben wird, ist ausgeschlossen.)

Und schließlich die Diskonterhöhung! Merkwürdig genug, daß selbst aus dieser Siche­rungsmaßnahme, die einen ausgesprochen defla­torischen Charakter trägt, die Baissestimmung Nahrung ziehen konnte. Diese Erhöhung des Reichsbankdiskonts hak ja in erster Linie den Zweck, den deutschen Gold- und Devisenbestand zu schüt­zen, Abflüsse dieser Währungselemente ins Aus­land zu verhindern und, darüber hinaus, wieder Auslandsgelder heranzuziehen. Diese Maßnahme läuft in ihrer beabsichttgten Wirkung auf Verknap­pung, Verteuerung .des Geldes hinaus — also das gerade Gegenteil von Inflation, die ja ihrerseits auf Aufblähung des Geldumlaufs und Verminderung des Geldwertes beruht.

Die Sinnlosigkeit des Geredes über eine dro­hende Inflation hat sich, wie die inzwischen einge­tretene Beruhigung zeigt, jedem Denk fähig en erwie­sen. Deutsckland hat keinerlei Veranlassung, in seine Goldwährung weniger Vertrauen zu setzen als das Ausland, das beträchtliche Kredite an un- sere Wirtschaft gegeben hat, und das seine Anlagen im Vertrauen auf unsere Wirtschaftskraft und un­sere Währung bei uns beläßt. Hoffen wir, daß die Deweiskrast der hier kurz aufgezeigten wirt- sckaftlichen Tatsachen uns vor einer Wiederkehr des Jnflationswahns bewahrt.

* Der neue Führer der Bayerischen Volkspartei. Wie bereits gemeldet wurde, hat die Landesvor­standsschaft der Bayerischen Dolkspartei am Sams­tag ihren neuen Führer gewählt. Die Wahl fiel auf .. Oberregierungsrat, Landtagsabgeordneten Schäfer. In Vorschlag war auch Oberstudienrat Landtagsabgeordneter Stang gebracht worden, der nahezu die gleiche Stimmenzahl bei der Abstim­

mung erhielt, woraus erhellt, daß die beiden Per­sönlichkeiten als politische Führer fick ziemlich die Wage halten. Auch für untere Bruderpartei in Bayern galt fiir den Wahlakt der bekannte Wahl­spruch unseres Zentrumsführers Professors Kaas: „Der Fahnenträger ist nichts, die Fahne ist alles!" Die parteipolitischen Verhältnisse in Bayern sind in verschiedenen Punkten denen des Reichszentrums gleichgeartet. Auch der neue Füh­rer der Bayerischen Volkspartei steht vor schweren Aufgaben. Wir wollen hoffen und wünschen, daß er sie so zu meistern versteht, daß parteipolitisch und staatspolitisch nur Gutes für Bayern aus fei­ner Arbeit erfprießt. Dann haben wir vom Zen­trum noch einen besonderen Wunsch. Dabei den­ken wir zurück an den Kölner Parteitag, wo der Vorsitzende der Reichstagsfraktion der Bayerischen Volkspartei, Prälat Dr. Leicht, jene eindrucksvollen Worte sprach: „Hoffentlich ist das der letzte Par­teitag, an dem ich als East teilnehmen muß." Die Wege zur Vereinigung des Zentrums mit der Bayerischen Volkspartei sind ja schon seit Jahren planiert und große Hindernisse stehen kaum mehr im Wege. Und so hoffen wir, daß cs dem neuen Führer der bayerischen Bruderpartei in Bälde ge­lingt, den restlosen Zusammenschluß beider Par­teien zu verwirklichen. Es ist unbedingt notwendig, daß wir in diesem Punkte zur schnellsten Klärung kommen. Man braucht ja nur an die Beftreb'in- gen unserer Gegner zu erinnern, um die große Be­deutung des parteipolitischen Zusammenschlusses der Katholiken zu erkennen. .Wenn auf beiden Seiten, sowohl beim Zentrum spie bei der Bayeri­schen Dolkspartei, das Wollen und Streben ernst­lich ist, christlich die Gesinnung, dann ist die Tat rasch vollzogen.

Ersatzverdienst und Anrechnung

Von cand. tur. Paul Schaefer, Fulda.

Die moderne Gesetzgebung hat insbesondere dem werktätigen Arbeiter bezüglich seines Vev tragsanspruches aus dem Dienst- und Arbeitsver trag eine gewisse Ausnahmestellung gewährt. Da bei ist der Gesetzgeber von dem Grundgedanke! ausgegangen, daß die werktätige Klasse einerseits in höchstem Maße auf den regelmäßigen Bezuf der Lohnvergütung angewiesen ist und andererseiti in der außergerichtlichen Geltendn""'"'n^ i me> Vertragsanspruches der weitaus schwächer« Teil der Kontrahenten in dem Arbeitsvertrag ist. Der dienstvertraglich verpflicht tete Lohnarbeiter ist in seiner ganzen wirtschaft lichen — und was damit eng zusammenhängt, m w r a lisch en — Existenz abhängig von der ord> nungsmäßigen und unausgesetzt regelmäßiger Entrichtung der Vertragsvergütung durch den Ar­beitgeber. In der richtigen Erkenntnis dieser Tat­sache hat es der Gesetzgeber für unumgänglich erachtet, eine Reihe von Maßnahmen zu ergreifen, die dem Arbeitnehmer den Bezug des Lohnes sichern und ihn von der Entsetzung des Lohn- anfpruchs bewahren sollen.

Derartige von dem Gesetzgeber erlassenen Vor­schriften heißen in Theorie und Praxis Schutzvor­schriften. Der § 615 B. G. B. statuiert wohl die wichtigste der Schutzbestimmungen des Bürger­lichen Gesetzbuches überhaupt. Hiernach muß der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer immer die verein­barte Vergütung für die geleisteten Dienste zahlen, d. h. auch dann, wenn der Dien st ver­pflichtete während der Dauer des Dien st Verhältnisses nicht beschäftigt war. Diese Bestimmung findet grundsätzlich auch

Das größte Schaltwerk Deutschlands in Betrieb.

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Das riesige Schaltwerk-Hochhaus der Siem»ns-Schuckert-Werke ist soeben in Betrieb genommen worden. In dem zehnstöckigen Gebäude sind die größten Oelumschalter Deutschlands aufoestcllt. Das Gebäude, das in dem gradlinig-sachlichen Jndustriestil erbaut ist, der ganz Siemsnsstadt fein Gepräge gibt, ist 45 Meter hoch und 176 Meter lang. Es dürfte somit der größte Industriebau Deutschlands sein.

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Der goldene Mantel.

Roman von Heinz Welten.

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Er wünschte, er wäre zu Hause geblieben. Auch Se- baldus Pirkheimer zupfte verstohlen den Vater am Aer- mel, um ihn zum Aufbruch zu mahnen. Mit dem Beut- ler Böheim, der als Krakeeler bekannt war, legte man sich nicht an, zumindest nicht an der Wirtstafel. Cs gab andere Mittel, einen unbotmäßigen Gesellen zu zwingen

Doch schon fuhr der Asiessor in die Höhe. „Wahrt Cure Worte, Meister Böheim. Rat's Euch im Guten. Man kennt Euch. Ein Querulant seid Ihr, ein Leutaufwiegler. Habt Ihr ein Beschwert«, dann tragt es ordnungsgemäß am rechten Ort vor. Ihr kennt den Weg."

„Kenne den Weg und geh' ihn nimmer," grinste der Beutler. „Er führt in den Sand. Jeder Karren bleibt drin stecken. Ist kein gangbarer Weg."

„Wenn Ihr den Weg kennt, dann gebt hier Fried'! Krämern und Pfahlbürgern ziemt es schlecht, Ratsherren über das Maul zu fahren. Möchten es uns verbitten einmal für allemal." Der Assessor wandte sich, fest ent­schlossen ,feine Antwort mehr zu geben, was auch der Beutler ihm erwidern würde.

Doch schon war es zu spät. Der Beutler war auf­gesprungen, so schnell, daß der Stuhl hinter ihm um- schlug und mit Gepolter zu Boden fiel.

„Bigott und Sakrament! Krämer und Pfahlbürger, das Wort sollt Ihr fressen. Wollt mir das Maul ver­bieten? Wollt mir am Zechtifch Anhörung weigern? Gibt kein Vorrecht für Ratsherren hier. Bleibt da­heim, wenn Eure Ohren zu fein sind! Der Böheim sagt, was er denkt. Eine Felonie ist es um die Vet­ternwirtschaft im Rat. Der Böheim sagt es und jetzt ist es letz."

Der Asiessor, krebsrot im Gesicht, sprang ihm ent­gegen mit geballten Fäusten. „Sein ungewaschen Maul soll der Böheim--—"

Er schrie es nicht zu Ende. Laut kreischte die Türe fn den Angeln. Der alte Rektor Jckelsheimer und fein Adlatus, der Magister Textor, traten über die Schwelle. Als Dritter hinter Urnen schob sich Deuschlin ins Zim- j

mer. Die beiden Lehrer schauten verdutzt auf die er­regten Gruppen und hielten ihre brennenden Laternen unschlüssig an den Ringen. Was ging hier vor, Mord und Totschlag? Und ein Ratsherr war dazwischen? Ob es nicht besser wäre, gleich wieder zu verschwinden? Doch schon nahm ihnen Deuschlin die Laternen aus den Händen, blies sie aus und hing sie an die Wand­haken an der Türe.

Lachend und sich die Hände reibend, trat er näher. „(Buten Abend alle mitjamen! Hier ists lustig. Hier bleiben wir, wenn es oergunnt ist. Ist eine flotte Disputatio, wie ich sie liebe. Und der Doktor ist dabei und der Bader auch. Alsdann kann es nicht fehlen. Hadis Krieg miteinander, Herrschaften? Brav ists. Der Deuschlin schafft mit."

Der Bardier Hottinger sprang eilfertig hinzu, half tbm und den beiden Lehrern aus den Mänteln. „Sieht arger aus, als es ist, Herr Deuschlin. Der Bader be­kommt keine Arbeit. Wenn Ihr uns die Ehr antun amftt.^ Er wies an das untere Tischende. „Sind just drei Stühle noch da." Der Böheim hatte sich wieder gesetzt und zählte eifrig die Augen an den Knöcheln, die der Ochs geworfen hatte. Er saß mit dem Rücken zur Iure und drehte sich nicht um.

Der Atlbürgermeister, der den Eidam an der ttiinme erkannt hatte, wandte fragend den Kops. „Deuschlin! Du bist hier und so spät noch? Setz dich zu uns! Was macht die Jacobea? Woher des We­ges?

Deuschlin reichte ihm die Hand und begrüßte auch die anderen.

- ich°n, Schwieger! Von der Rose komm ich. Der Wirt hat ein Fäßlein Muskateller bekommen. Das half ich versuchen. Auf dem Heimweg traf ich die bei» Gelahrten und nahm sie mit, da ich hier noch Licht sah. too kommt man just in die beste Unter­haltung. War ein herrlicher Anblick. Der Ratsherr gibt Rat und der Beutler will beuteln."

Der Assessor wies auf den teeren Stuhl neben sich. „Setzt Euch, Herr Deuschlin und laßt Euch berichtigen. War nicht so arg und das End findet sich noch."

Er rückte einladend den Stuhl zurecht. Doch Deusch­lin schob in gespieltem Entsetzen die Hände vor. „Rein,

nein. Vielen Dank für die Ehr. Aber da droben sitze ich nicht. Da sitzen nur Ratsverwandte und illuftre Gäste. Der gemeine Bürger gehört ans untere End."

Eilfertig wischte der Bader mit dem Rockärmel über einen leeren Sitz. Die Handwerker machten vergnügte Gesichter. Herr Deuschlin war kein Hoffärtiger; der hielt es mit ihnen. Der Ochs wollte den Knöchelbecher wegstellen, doch Deuschlin nahm ihn ihm aus der Hand. „Nichts da. Wir toppeln weiter. Der Deuschlin ist kein Spielverderber." Schnell warf er den Becher um, hob auf, und während alle die Köpfe zusammensteckten, um die Augen zu zählen, beugte er sich ein wenig zur Seite, sodaß er das Ohr des Böheim erreichen konnte, und sagte halblaut: „Kommt morgen früh auf meine Schreibstube. Es ist fertig und ich glaube, es wird Euch gefallen."

Der Beutler nickte unmerklich und rief laut, um die Aufmerksamkeit abzulenken: „Sechs Augen nur, Herr Deuschlin! Da, seht her und drei gleiche Zahlen. Ihr zahlt eine Maß."

Deuschlin klopfte auf den Tisch. „Alsdann Jmma. Flugs drei Kannen und vom Besten."

Am oberen Tischende wurde die Unterhaltung leiser und verstummte allmählich. Ulpianus hatte freudig aufgeschaut, als er den Wechsler eintreten sah. Kam er, um ihm eine Botschaft von Jacobea zu bestellen?

Doch Herr Deuschlin begrüßte ihn nur und ging an das andere Ende. Da senkte er wieder den Blick und grübelte weite?. Wenn sie ihn noch einmal vor eine solche Gelegenheit stellen würde! Dann würde er ihr zeigen, was er als Arzt konnte. Denn sein Reichtum war ihr gleichgültig. Das hatte er endlich begriffen. Der Altbürgermeister hatte den Assessor neben sich sitzen lassen und erklärte ihm leise, welchen Fehler er ge­mocht hatte, als er dem Beutler antwortete. Derlei muß man überhören können an der Wirtstafel. Und menn man es nicht kann, darf man nicht Herkommen. Natürlich muß man die leidige Sache jetzt auf sich be­ruhen lassen, nicht gar am nächsten Tag ein Protokoll aufnehmen und den Beutler auf das Rathaus zitieren. Dann kam erst alles an die große Glocke, was nicht nötig war

Verärgert faß der Assessor und gab keine Antwort. Was mußte der Senator Dickhausen von ihm denken, daß er derlei herunterschluckte! Und er hatte ihn doch expreß gebeten, ihn hierher zu begleiten. Die beiden Lehrer, die sich nebeneinander gesetzt hatten, führten ein Gespräch fort, das sie auf der Straße begonnen hatten, bevor der Wechsler sie ansprach und ihnen den Faden abschmtt. Um besser hören zu können, legte bet alte Rektor die Hand an die Ohrmuschel. Denn der Magister, der sich im Schuldienst die Stimme abge- schrien hatte, sprach nicht laut, und da er auch mit der Zunge anstieb zur großen Freude, seiner Schuljungen, hatte der Rektor Mühe, ihn zu verstehen. Als bei Magister endlich schwieg, machte ber Rektor ein ernstes Gesicht. „Nein, Herr Kollega, Ihr überzeugt mich nicht ' Es ist gegen Gottes Gebot und darum ist es eine Sünde. 2hr überzeugt mich auch durch die längste Suada nicht von Eurem Recht. Die hinbischen Früchte kümmerten Euch nichts und Siinbe war es, sie hier zu pflanzen Jetzt habt Ihr ben Schaben. Ihr habt Euch rechtschaffen geplagt und doch ist nichts worben Euer ganzer Gar- ten steht voll mit bem Kraut. Nun können es bie Schaf, unb bie Geißen fressen. Wäret Ihr beim Lauch uni bei ben Rüden geblieben, bann wäre Euch berlei nich begegnet."

Der Magister zog eine hölzerne Dose aus ber Rock lasche unb versorgte ausgiebig seine großen Nasenlöcher Dann wischte er bie Nase am Aermel ab. „Immer beim Men bleiben, Herr Rektor? Wie ist ba ein Fort­schritt möglich? Die Weltgeschichte steht nicht still- dreht sich immer weiter, das Rädlein."

„Sie haben mit Weltgeschichte nichts zu tun Eure --—. Wie heißt man sie bod)’"

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e.r. Ber Alte uickte. „Ja, ja, weiß schon. Erdäpfel. Ist nirfJe' r65 Sraut. Kommt aus bem Lande Hindia hnL s“r »netn, glichen Christenmenschen. Woher habt Ihr das Teufelszeug?"

Der Magister klappte die Dose zu. „Möcht es nicht h!rm - ,9en' „er le-" Teufelszeug unb gobeiht an- bermarts wohl. Gebeiht ja auch in meinem Garten."

^Fortsetzung folgt.)