Nr. 1C5
Fulda. Sen 4. M<u 1929
Von ter Ilrafifalirzsutz-Zteuer.
Wie uns ein Berliner Privattelvgramm meldet, ergeb«! b:e endgültigen Abrechnungen des Kraftfchrzcugstcuerausrsmmens für das am 31. Mürz 1829 ablau-ende Steuer fahr ein Ist- Ausiommen von 130 378 3 H Mk. gegenüber dem Voranschlag von 160000000 Mk. Zu dieser an sich sehr erfreulich«! Steigerung des Aufkommens erfahren wir aus den Kreisen der Verwaltung des Bezirksverbandes für Hessen-Nassau, daß sich für den Regierungsbezirk Kassel leider keine Mehreinnahmen aus diesen starken Erhöhungen ergeben werden, weil die Verwaltung des Bezirksverbandes schon ohnehin mit einem erheblich gesteigerten Auskommen gerechnet und dieses als Mehreinnahme für 1928 eingestellt hat. Das Ist-Auskommen wird bis Ende April 1929 mit 2 419469 Mk. gegen den Voranschlag von 2 285 000 Mk .angegeben, so daß zwar gegenüber dem Voranschlag 200 000 Mk. mehr eingegangen sind. Nun ist aber für die Bezirksverwaltung in Kassel der Beschluß des preußischen Landtages sehr ungünstig, der vor einigen Tagen beschlossen hat, den Landkreisen eine um 5 Prz. erhöhte Einnahme aus der Kraftfahrzeugsteuer auf Kosten der Provinzial- brzw. Bezirksverbände zu gewähren. (Das Mehreinkommen ist den Landkreisen sehr zu gönnen. Die Schristl.) Die für die Bezirksverwaltung des Regierungsbezirks Kassel damit geschmälerten Einnahmen dürften 120000 Mk. betragen, so daß also das Ist-Aufkommen um diesen'Betrag herabgesetzt werden muß.
Kirchenkollekte.
Am Sonntag, dem 5. Mai, wird in unserer Diözese laut Bischöflicher Verordnung der Schulsonntag abgehalten. Die Kirchenkollekte an diesem Tage ist für die Katholische Schulorganisation Deutschlands bestimmt.
Personennachrichten.
Oberpolizeiwachtmeister Er öl le aus Hannover ist die Polizeidienststelle in Gersfeld ab 1. Mai übertragen worden.
Der preußische JuftiMlnister
Dr. Hermann Schmidt traf mit seiner Begleitung gestern abend programmgemäß hier ein und besichtigte heute vormittag das Amtsgericht, woran sich Besuche schlossen. Gelegentlich feines Besuches bei Oberbürgermeister Dr. Antoni äußerte sich Minister Dr. Schmidt sehr befriedigt über den guten Eindruck, den unsere Stadt auf ihn gemacht habe. Nach einer dienstlichen Besichtigung des Amtsge- richls Weyhers morgen vormittag wird der Justizminister seine Reise am Sonntagnachmittag nach Kassel und Göttingen fortsetzen.
Vom Provinzialschuttollegium.
Am 1. Mai trat in das Kasseler Provinzial- schulkollegium als juristisch vorgebildetes Mitglied Regierungsrat Otto Gock ein, bisher beim Prv- vinzialschulkollegium in Berlm-Lichterfeld«. Er ersetzt den Oberregierungsrat von Bamberg,der mit dem 1. April als Verwaltungsdirekior der Charite aus der Behörde ausgeschieden ist. Herr 'n. Bamberg war in Fulda bekannt. Er hat hier u. a. bei der Errichtung der Aufbauschule eine wichtige Rolle als Vertreter der Regierung bei den JortragSverhandlungen mit der Stadt Fulda gespielt.
Berufung.
Rechtsanwalt Dr. £). Hausmann in Hanau, früher Amtsrichter in Einfeld, tritt setzt wieder in den Staatsdienst über. Er ist zum 1. Juli dieses Jahres als Amtsgerichtsrat nach Brandenburg a. d. H. berufen worden.
Don de» Fuldaer Volksschulen.
Herr Lehrer (Jemens Burchard wurde von der Regierung zum Konrektor ernannt, nachdem durch die Densionierung des Herrn Konrektors und Kantors Scherer eine Konrektorstelle an der Städtpfarrlichen Schule erledigt war. Für die durch
Der qoldrne Mantel.
Roman von fleinz Welten.
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Rur daß man ihn für reich, für sehr reich hielt, hatte er unschwer feststellen können. In ollen Fragen, die man an ihn richtete, in allen Antworten, die man ihm gab, lag die Ehrfurcht vor seinem märchenhaften Reichtum. Weithin leuchtete der goldene Mantel von seinen Schultern und hüllte ihn so völlig ein, daß niemand eine Blöße zu entdecken vermocht hätte. Er lebte in einem Zustande reinen Glückes, in dem alle Wünsche unter- gingen. Richt einmal den Wunsch, sich erkennen zu ge- den und sich an der Ueberraschung zu weiden, hatte er mehr. Vielleicht wäre die Hochachtung, die alle Welt ihm entgegenbrachte, dann um etwas gemindert worden. Reine wie es war, war es just recht und bis an fern Lebensende sollte es so bleiben.
Rur im Hause von Melchior Deutschlin wurde ihm nicht gehuldigt um seines Goldes willen. Der Holländer war reich genug, um andere ihres Besitzes wegen nicht beneiden oder bewundern zu müssen. Auch rechnete er als Kaufmann nicht mit Schätzen, die ein altes Weib gesehen haben wollte, sondern mit Summen, die er sechst auf dem Tisch nachgezählt hatte. Er war vielleicht der einzige Mensch in Rothenburg, dem der goldene Mantel nicht die Augen blendete. Aber ?r sprach n.cht darüber.
Auch die blonde äacobea bezeigte dem goldenen Mantel keine Reverenz. Doktor Ulpianus fühlte bald, daß die Reden von den goldenen Geschmeiden, die Fürsten und Bischöfe seiner ärztlichen Kunst als Honorar gezollt hatten, in ihren Ohren keinen Widerhall fanden. Er halle, sobald er von Würzburg zurückgekehrt war, den versäumten Besuch nachgeholt, war zum Veipcttrcmk und zum Nachtmahl geladen worden, und diesmal halle er nicht abgeiagt.
Und dann war er wieder und immer wieder gekommen, in überraschend kurzer Zeit war dos Derhältni? zwilchen ihm und dem Deusch'.inschen Hauie ein freundschaftliches, fast ein herzliches geworden und bald ver- ging kein Tag. an dem er nicht vormittags oder nachmittags den Garten des Holländers ausiuchte.
Frau Jacobea saß gern mit einer Radelarbelt tn der Laude und ließ sich von ihm erzählen, wie es in der Welt zuqing. Durch g-Ichicktes Zwisch-niraqen wußte sie das Gespräch üets dahin zu lenken, wo sie es haben wollte und hielt es dort fest, wenn er obroeicben. von
Sor.irag, s lNa' 1929.
Zu'tacr Seitimi (Kmwcheg Kwsb’ali).
die Pensionienmg des Herrn Konrektor Sokst an der Erangestfchen Schule freigewordene Stelle wählte der Magistrat der Stadt Fu da Herrn Lehrer Jung als Konrektor. Für die durch trfe Berufung von Frön!ein Grippentrog als Rektorin nach Kastel freigewordene Stelle an der Crange- j fchen Schule wurde vorn Magistrat Frl. B e i n » r o th aus Dber’au'ungen, die zurzeit austrags- woife hier tätig ist, gewählt.
Meisterprüfung.
Albert Fritz aus Fulda, Techniker der Zimmerabteilung her Industriebau Aktiengesellschaft Held u Franke in Berlin, hat vor der dortigen Hand- werkskammer die Prüfung als Zimmermeister mit gut bestanden.
Reichsrichllinlen für bas Dohnnngsnolrcchk.
In den kürzlich vom Wohnunge-ausfchuß des Reichstags nach längerer Aussprache beschlossenen Richtlinien für das Wchnungsno-trecht heißt es nach Mitteilung der Deutschen Dearntenöund-Kerref on- donz: Tor allgemeine Fehlbedarf an Wohnungen macht erforderlich, das Reichsmietengesetz, das Mieterschutzgesetz und das Wohnungsmangelgesetz noch ou'rechtzusrhalttn. Ein erheblicher Unterschied zwischen Altbau- und Neubaumieten ist auf die Dauer wirtschaftlich nicht ertrag- l i ch. Eine Annäherung beider Mieten ist in erster Linie durch eine Senkung der Neubaukosten anzustreben Eine Lockerung der Zwangswirtschaft wird nur dann in Frage kommen, wenn in einzelnen Gemeinden oder für besondere Arien von Räumen ein ausreichendes Angebot vorhanden ist, fo daß die Entscheidung in erster Linie den Ländern überlassen bleiben muß. Auch bei einer Lockerung ist jedoch die Beibehaltung eines ausreichenden' Sckmtzes der Mieter notoenäig. Ferner wird zu prüfen fein, in welcher Weise im allgemeinen bürgerlichen Mietrecht die berechtigten Ansprüche des Mieters zu sichern find. Für die Sicherung d-r Baukostenzuschüsse und Mietvorauszahlungen, die Mieter vielfach leisten müssen, sind die erforderlichen Schutzmaßnahmen zu treffen. — Unumgänglich wird es auch sein, daß den immer wieder bekannt werdenden Fällen entgeg-ngewirkt wird, in denen selbst nwt Neubauwohnungen von Wohnungsinhabern bei Aufgabe der Wohnung hohe Abstandssummen aus der Tasche der bedauernswerten Wohnungssnchmden herausgeboU werden sollten. Auch ans Fulda sind uns solche Versuche bekannt. Ferner können nicht auf die Dauer die Augen geschlossen werden vor der Tatsache, daß bei wachsendem Wvhnungsmangel unheimlich viel leerstehende möblierte Zimmer angeboten werden, was auf eine völlig unrationelle Belegung der Wohnungen schließen laßt.
Ausstellung von Vierfarbendrucken.
In den nächsten Tagen werden im Schaufenster der Fuldaer Actierdruckerei eine Reihe von Vierfarbendrucken zur Ausstellung fomnien. Die Ausstellung wird euch das (eclyrischr Werden eines Werfarbendruckbildes vom Original bis zur fertigen Bildwiedergabe zum Ausdruck bringen. Ohne Zweifel wird diese Ausstellung nicht nur in den Kreisen der Buch- um) Kunstfreunde, sondern auch in weitesten Schichten der Berölker- ung, besonders auch bei der kunstbeflissencn Schuljugend viele Freunde finden.
Hnma'ttche ü irlschafisfragen.
In der Sitzung des Verbandes der Hessen-Nassauischen Industrie- und Handelskammern unter Vorsitz des Präsidenten Otto Hauck in Frankfurt a. M., hielt einleitend Geheimrat Professor Ötzen einen Vortrag über die Arbeiten und Ziele der „Hafiaba". Er behandelte ausführlich das Problem des Baues besonderer Autostraßen und beton e, daß trotz aller z. Zt. bestehenden Schwierigkeiten der Bau von Autostraßen eine große Bedeutung für den, Verkehr gewinnen werde. Die Pläne für die Linienführung der Autostraße Hamburg-Frankfurt a. M.- Bafel lägen bereits fest. Ter Bau einzelner Teilstrecken in Südwestdeutschland werde hoffentlich bald in Angriff genommen werden.
In der anschließenden Sitzung befaßte sich der Verband u. a. mit der Frage der B e w i l l i a u n g von Zuckersteuerlägern im Rhem-Maini- scken Wirtschaftsbezirk. Das Landcsfinanzamt Kassel hatte bekanntlich die in seinem Bezirk bestehen- feinen Triumphen und den Schätzen reden wollte, die er gesammelt hatte. Wie nichtig war doch das Ansam- mein von Gold und Silber! Das wenige, besten der Mensch zum Leben bedarf, schafft er mit seiner Hände Arbeit. Wofür sammelt und scharrt er mehr zusammen?
Wie die Menschen in fremden Ländern leben, wie sie denken, wie sie ihre Kinder pflegen, das zu wissen, war ihr wichtiger. Sie halle bald herausgehabt, daß der kleine Doktor Liebe und Verständnis für Kinder besaß und vornehmlich um der Kinder willen hatte sie ihn oft eingeladen, bis er auch ungeladen kommen konnte, ohne befürchten zu müssen, unwillkommen zu sein. Manchen klugen Rat gab er ihn, wen ner sie ins Brechhaus zu ihren kleinen kranken Lieblingen begleitete, um die sich auch der Stadtarzt nur wenig kümmerte. Denn der Stadtarzt Simon war ein Kraftmensch, der nur das starke im Leben gelten ließ und meinte, daß es für die kleinen schwachen Häslein das Beste fei, wenn sie bald wieder eingingen, bevor das Leben sie packte und zerrieb.
llnb noch ein anderes war, das ihr die Gesellschaft des Doktors Ulpianus erwünscht machte. Es bewahrte sie — auf Stunden wenigstens — vor dem Alleinsein mll dem Manne, in dessen (Ehebett des Baiers Wille sie ge- zwungen hatte. Vom ersten Tage ihrer Ehe an hatte sie ein Grauen vor Deuschlin empftmden und die dreijährige Gemeinschaft hatte es nicht gemildert. Wie sollte sie einen Mann achten, der keine anderen Lebensaufgaben kannte als die, welche sein allezeit hungriger Magen, seine alle Zeit durstige Kehle ihm stellten.
Und doch tat sie ihm mit dieser Geringschätzung bitter Unrecht. Auch Melchior Deuschlin wäre an andere grö- ßere Aufgaben herangetreten, wenn man sie ihm verstat- tet hülle. Richt nur um ihrer Schönheit willen hatte er Jaeobea. die Pirkheimerin, gefreit. Senator wollte er werden, ein Ratsamt wollte er haben, und er war gewiß gewesen, daß man dem Eidam des Bürgermeisters beides nicht weigern würde. Doch die Ratsherren waren anderer Meinung, ihnen blieb er trotz feines Reichtums der Fremde, und die Verwandtschaft mit dem Pirkheimer war ihnen kein ausreichender Grund, um mit den Statuten zu brechen.
Jacoben Halle von den ehrgeizigen Plänen ihres Eheherrn nie etwas erfahren eie wußte von chnen fo wenig I als von den Schuldscheinen in seiner Lade, die die Unter- jchrift ihres Katers trugen. Denn der Holländer sprach nicht von seinen Geschäften nicht von denen, die er vorbereiten. und nach weniger von denen, die 'hm - mißglückt waren. Als die Senatsdeputation bei ibm vor-
den Lager gekündigt. Auf Antrag des Verbandes hat das Reichssinanzmiiiifterium verfügt, daß die Lager einstweilen fortbestehra sollen, bis allgemeine Richtlinien über deren Zulassung erlösten find.
Ferner beschäftigte sich die Versammlung erneut mit der Frage der Einheit sw er Nest- fetzung für 1928. Durch die Reuse,tietzung ist der Wert des zwangsbewirtschasteten Grundvermögens in Deutschland, ohne daß praktisch eine Einfprnchsmöglichkeit besteht, um viele Milliarden hinansgesetzt, und die auf dem Einheitswrrt beruhenden Steuern sind infolgedessen um einen be- deutenden Prozentsatz erhöht worden; dabei be« wegen sich die neusestgefetzten Werte vielfach erheblich über dem Wert, der in Falle einer Veräußerung zu erzielen wäre. Der Steuerausschutz des Reichstags hat die Regierung ersucht, durch eine allgemeine Verfügung in Fällen be,onberer Härte, eine Korrektur der Übermäßigen Wertfest, setznng zu ermöglichen. Die Versammlung b:- schloß, den in Aussicht stehenden Erlaß des Reichs- finanzministeriums abzuwartcn, stellte^ aber den Kammern, in deren Bezirk die Verhältnisse besonders ungünstig liegen, weitgehende Schritte frei.
Zn der Frage der Zulässigkeit der Re« Harne durch Preisausschreiben nahm der Verband dahingehend Stellung, daß grundiätzlich im Einzelhandel eine Reklame durch Preisans- schreiben oder Preisrätsel unerwünscht sei,ohne daß aber allgemein diese Art der Kundenwerbung
als gegen die guten Sitten verstoßend angeschen werden könnte. _ „ ,
Zu der Frage der Aufspritung von Dessertweinen beschloß der Verband, die Anträge der süddeutschen Weinhandelsverbände zu unterstützen.
Der Verband sprach sich ferner gegen den Reichs- tagsantrag auf Beschränkung der Geschwindigkeit von Kraftfahrzeugen bei Eisenbahnübergängen aus 10 K.lo« Meter aus. Die Beschränkung der Eeschwmdgkett auf 30 Kilometer sei durchaus ausreichend. Durch die beantragte Bestimmung sei die Ersenbahn ir.
Kirch'iches.
Sammlung milder Gaben
Wiederholte Beschwerden, die an uns gelangt sind, veranlassen uns zu salzender Erklärung:
Zur Vornahme von Sammlungen milder Gaben innerhalb der Diözese Fulda sind Angehörige von Ordens- gesellschaften — mll Ausnahme der Mitglieder der von der Kirche als solche anerkannten Bettelorden in ihren Bezirken — nur dann berechtigt, wenn dieselben ein« schriftliche Erlaubnisbescheinigung bei bischöflichen Behörde von Fulda vorzeizen können. Bescheinigungen eines Pfarramtes ober des be- treffenden Ordensoberen berechtigen zur Vornahme von Sammlungen innerhalb der Diözese nicht.
Bischöfliches Grnrralolkarlal.
Die Gturmverheemngen im Kreise Fulda.
Bei dem Gewittersturm am 29. April sind be- i des Kreises Fulda Scheunen zerstört worden Wir kanntlich außer anderen Beschädigungen in Neu en- bringen Ausnahmen unseres photographstchen Mit- berg bei Fulda und in Zell im westlichen Teil | arbeitens von den Trummerstatien: .. -----
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Die tn Neuenberg umgewehte große Scheune,in der die Dreschmaschine untergcbracht war. Die Feuerwehr hatte schon Aufrüumungsarbei.en vorgenommen. ..
Die bei Zeil vom Sturm zerstörte Feldscheune.
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gesprochen hatte, um unter vielem Bedauern und mit aller Höflichkeit, die einem reichen Manne und dem Eidam des Stadthauptes ziemte, ihm mitzuteilen, daß fein Gesuch um Ausnahme in den Senat der Statuten mögen habe abschlägig beschicken werden müssen, hatte er die Herren mit viel Freundlichkeit empfangen und mit keiner Miene zu verstehen gegeben, daß die Ablehnung ihm nahe ginge. West eher hätte man das Gegenteil annehmen können. Denn recht eigentlich erst jetzt setzte das lustige Leben der Zechgelage und Gastereien ein, bas Jacobea in der Seele zuwider war. Es war fast, als ob er sich darüber freute, noch mit heiler Haut einem Amte entronnen zu sein, bas mit ber Würbe auch viel Sürbe gebracht hätte. Kaum eine Nacht verging im Sommer, da er nicht in seinem Garetn zahlreichen Gästen auftaselu ließ, was Küche und Keller zu bieten vermochten, und oft währte das Bechern und Schmalen bis zum frühen Morgen. Manch Ratsherr, ber am Spätabenb am Zaun Dorüberging, machte einen langen Hols und wäre gern dabei gewesen. Aber ber Hollänber lud keine Ratsver- wanbten an feine Tafel, er machte ihnen keine Besuche, und wenn sie ungeladen kamen, forderte er sie nicht zum Bleiben und nicht zum Wicberkommen auf. Nicht einmal tn bas Haus feines Schwiegervaters ging er mehr, nachbem er ben abschlägigen Bescheid erhalten hotte. Er hatte auch seine Statuten. Er besah einen Freundeskreis, der ihm bchagte, und war gern bereit, ben kleinen Doktor in biesen Kreis aufzunehmen. Doch Ulpianus enttäuschte die Hoffnungen, die er in ihn gesetzt halle. Er war kein Zechkumpan, blieb mäßig im Essen und Trinken, und seine Unterhaltung, die sich immer um die nämlichen Dinge drehte, war rechtschaffen langweilig. Gleichwohl war dem dicken Deuschlin nicht unlieb, daß Doktor Ulpianus sein Haus besuchte. Jacobea legte sich in der Gegenwart des Gastes einen gewissen Zwang auf. Sie wich ihrem Ehegatten nicht aus und mühte sich, in der Unterhaltung ihm gegenüber einen harmlosen Ton zu treffen. Seilst seine Zärtlichkeiten ließ sic wider- standslos über sich ergehen, wenn ber Doktor bei ihnen war. Denn Ulpianus war ein Frcmber unb brauchte mcht zu wisten wie es um ihre Ehe bestellt mar ff5 war schon schlimm genug, baß bie Leute aus ber Gasse sich die Mäuler darüber zerrissen.
So verlebte Ulpianus viele und schöne Stunden im Hause seiner Freunde. Bei gutem Wetter ging er mit Frau Jacobea spazieren ober leistete ihr im Garten Gesellschaft, half Unkraut jäten, Raupen lesen ober Zweige aufbinben; wenn es regnete, saß er mit in ber Kemnate auf ber Ofenbank und fdwute ihr zu. wie fi» den 8M»**
"äbfjafpeite. Stets hatte sie Kinder um sich, größere, die sie lesen und schreiben lehrte, kleine, die ihr am Schürzen» bändel hingen unb überallhin folgten wie kleine Hündchen. Sie hatte gelernt, den reichen Schatz ihrer Liebe, den ihr Mann nicht zu heben verstanden, auf bie Kinber auszujchütten, unb sie wucherte mit ihrem Pfunde, baß es tausenbfältige Zinsen trug.
Um ber Kinber willen verstattete sie dem Gaste auch, von seinen Abenteuern und seinen Schätzen zu erzählen, obwohl diese Abenteuer, in denen Schelme und Roßtäuscher oft eine wichtige Rolle spielten, ihrem rechtlichen Sinn nicht eingehen wollten. Denn wenn auch der Doktor selbst in allen Abenteuern stets die beste und edelste Rolle spielle, war es doch schon traurig genug, daß es überhaupt solche Spitzbuben gab, wie er sie schilderte. Aber die Kinder sperrten Mund und Ohren auf, wenn er erzählte, und ihre Wangen brannten. Wenn sie in die glückseligen Kindergcsichter schaute, freute sie sich, und wenn sie ben Erzählenden ansah, mußte sie sich abermals freuen. War er nicht selbst wie ein altes Kinb mit seinen bellen Augen, bie so verträumt blickten, mit seiner kind- hasten Eitelkeit, bie ihn in all feinen Geschichten stets zum Mittelpunkt ber Hanblung werben ließ? Er trug bie Ge- mälbe in bicken Farben auf, unb nicht selten begegnete ihm, baß er Wahres unbGefabeltes burdjeinanbermengte, baß er eine Geschichte heute wieberholte, boch sie anben erzählte, als er sie gestern erzählt hatte, baß aus einem Patrizier ein Bischof, aus einem Bischof ein Doge würbe, unb daß insbesondere bie Kleinodien, bie golbcnen Ketten unb Dosen, bie er von gefürsteten Häuptern als Honorare erhalten hatte, weil er zu reich war, um Gelb annehmen zu bürfen, ftänbig im Wert ftiegep. Jacoben hätte bk Wibcrsprüche unb lächelte. Nur einmal hatte sie nicht ge lächelt, als sic auf einem Spaziergang ihm bas Mäicher erzählt hatte, bas bie Bärenwirtin über ihn in Umlau gesetzt hatte. Von ben fabelhaften Schätzen hatte fit .;e sprachen, bie bie Alle in seinem Felleisen gesehen hnbei wollte, Schätze, bie nicht einmal ein Fugger in Augsluw zu zahlen vermöchte. Sie hatte erwartet, baß er bie Fo bei ihrer bunten Hülle entkleiben, sie aus ihreii wahre» Kern zurücksühren würbe, unb war baß erstaunt, als e das Märchen für lautere Wahrheit nahm und behauptete, no chweit größere Schätze zu besitzen, als bie Wirtin gesehen hatte. An biescm Abend trennte sie sich von ihm an der Gartenpforte: sie nahm die Kinder mit ins flaue und lud ihn nicht ein, miteinzutreten, um ihr Nechtmahl zu teilen. Auch forderte sie ihn nicht auf, wkberMkom» men.
LFortleüunu folat.1