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Nr 105.

Sö.Zahrg

Sonntag, 5. Mai 1929

Anzeigen. Preise Klemzerie i(£olonel) Iota. u,lö JL* auswärts 0,20 JMt Reklamezeile: lokal 0,60 JUl auswärts 0,80 JMl. Bei Weeder bolunqen Rabatt Vostfcheckkonto ^ranfnirt a. M Rr 4051

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Paris hofft immer notz.

Am Grabe noch pflanzt er die Hoffnung auf, dies Wort wird man mit Recht auf die meisten Po­litiker anwenden können, die Gelegenheit haben, an Ort und Stelle die Verhandlungen der Repara- tionssachverständigen zu verfolgen. So kritisch sich auch die Lage in Paris gestalten mochte, immer erreichten uns doch wieder'Nachrichten, die von ei­ner unmittelbar bevorstehenden Einigung wis­sen wollten. Mel Honig sogen die Optimisten dann, als schon alles verloren schien, aus der Tatsache, daß die Sachverständigen beieinanderblieben, um den Schlußbericht fertiazustellen, da auf diese Weise Gelegenheit zu neuen Verhandlungen gegeben war. Auch an jede Berliner Reise des Reichsbankpräsi­denten Schacht wurden in Paris immer wieder neue Hoffnungen geknüpft und immer wieder konnte man in französilchsn Blättern lesen, daß Herr Dr. Schaft mit neuen Borschläoen nach Paris zurückkehren würde. Einige Pariser Leitungen leg­ten diesmal dem deutschen ftauptdeleaierten sogar nahe, sein Angebot auf 2 Milliarden jährlich zu er­höben, da dadurch die Konferenz gerettet werden könnte. Run ist inzwischen von amtlicher deutscher Stelle erklärt worden, daß Dr. Schacht keine neuen Vorschläge nach Varis mitgebracht habe, aber auch das hat den Optimismus gewisser Pariser Kreise nickt zerstört, man holst auch heute noch cuf eine Verständigung, da nunmehr der schon beinahe sa­genhafte P<an des Kanfersnzvorsik«-nden Owen Poungs wieder im Mittelpunkt der Erörterungen stehen soll.

Es ist nickt aanz leicht zu sagen, wie dieser Ber- mittlungsvorschchg Owen Voungs eiaentlich ans« suht. Man kann auch wohl obne weiteres anneh­men, daß Ow»n Poung zunächst überhaupt nur einige Anregungen gegeben hat, und daß sich erst aus den weiteren Vs'chandlungen ein endgültiger P'an herauskristallisieren soll. Sonreft man bis­her erfahren hat geht der Vorschlag Ow»n Pounas zunächst von geringeren Ziffern aus als sie im alli­ierten Memorandum genannt wurden. Aber auch bei Owen Poung steigen nach wenigen Jahren die Annuitäten ziemlich schnell an und man spricht davon, daß nach 12 oder 13 Jahren die berüch­tigte 2 Milliarden-Grenze erreicht würde. Weiter verlautet auch, daß der amerikanische Vor­schlag nur um ein geringes hinter der von den alli- ierten Sachverständigen präsentierten Rechnung zu­rückbleibt. so daß sich doch insgesamt eine Dn.rch- fchnittsannuität van etwas über 2 Milliarden er­gibt. Für die lebten 21 Jahre sollen in iraend einer Form die Gewinne der Reparation»bank herangezooen werden. Dabei muß aber ausdrücklich betont werd-rn, daß die deutsche Delegation bisher eine Ausdehnung der Zahlungsverpflichtungen über 37 Jahre hinaus stets a b g e l e b n t hat. Man darf auch weiter nicht aus dem Auge ver­lieren, daß von fast allen fichrenden deutschen Wirtschaftlern das Schgchtsche Angebot bereits als eine außerordentl'che Leistung und als ein Wagnis bezeichnet wurde Ob unter solchen 'Umständen die deutsche Delegation sich dazu entschließen kann, ei­ner Ziffer zuzustimmen, die das deutsche Ang-bot doch noch recht wesentlich überschreitet, erscheint recht zweifelhaft.

So liegt im Augenblick kaum ein Anlaß vor, die Dinge in Baris besonders optimistisch zu be­trachten. Die Meinungen geben nach wie vor r»Ar weit auseinander und aus diesem Grunde drückt sich auch wohl Havas sehr vorsichtig aus und syricht lediglich davon, daß es voraussichtlich am Montag möglich sein werde, zu übersehen, ob sich die Dele­gierten auf einen einstimmigen Bericht einigen kön­nen oder nickt. Ebmio zurückhaltend schreibt Du- les Snnerwein im „Matin": „Bisher besieht weder der Arttang noch etwa die Wahrscheinlichkeit einer Verständigung, aber es isi doch immerhin der Em- brno einer Einigung vorhanden, so zart, daß man ängstlich alles vermeidet, was Alarm oder vor­zeitig» Hoffnungen Hervorrufen könnte. Gewisse Delegationen sind sehr pessimistisch, aber andere be­ginnen die Möglichkeit eines Er'olaes wahrzuneh­men. Auf jeden Fall zeigen die Verhandluna-n, die gegenwärtig stattfinden und zweifellos am Montag nachmittag beendet sein werden, den Einigungs- willen der Hauptgläubiger."

Man siebt, daß man auch im französischen La­ger sich nicht einem rosenroten Optimismus bin- gibt, sondern sich durchaus über die Schwierigkeiten klar ist, die noch zu überwinden sind. Allerdings kann man dabei auch schon wieder verschiedentlich in den fronzösisch»n Blättern die ftoffnung lesen, daß die Politiker später di» Verantwortung dallir übernehmen würden, was jetzt die Sachver­ständigen nicht glaubten ohne weiteres zugestehen zu können. Wenn das bedeut»n soll, daß bie* deutsche Regierung in der später ja folgenden diplo­matischen Konferenz wesentlich über das Angebot der deutschen ^achnerstär-dlgen bivausgeht. so wird man gut tun, demgegenüber auch heute wieder auf das Wort des Zentrumsführers K a a s zu verwei­sen. daß ein offenes und ehrliches N »' n besser ift als ein trügerisches 3a. Mit anderen Worten: es wird sich keine Regierung finden, die Verpflichtungen anerkennt, die über die deutsche Leistungsfähigkeit hinausgehen. Das, ist mit aller Deutlichkeit wied-rbolt vom Außenmini­ster gese.gt worden und es nt sehr nachdrücklich ver­schiedentlich vom Prälaten Kaas unterstrichm wor­den.

* Das Reichskabstiett und die Arbei slosrnver- sicherung. Das Reichskabinett trat Freitag nach­mittag zu einer Sitzung zusammen, in der die Frage der Arbeitslosenversicherung erörtert wurde. Weiter bildete die Kassenlage des Reiches Gegen­stand der Beratungen.

19 Tote, 36 Schwerverletzte in Berlin.

Die Opfer der kommunistischen Mai-Nrawalle.

wtb. Berlin, 4. Mai. (Eig. Meld.). Die ©e; samtzahl der Token vom 1., 2. und 3. beträgt jü’ sammen 18, dazu kommt noch der von einem po- lizeikraftwagen während eines Zusammenstoßes überfahrene Mann, sodaß die Gesamtzahl der bei den Unruhen umgekommenen Personen 19 be­trägt Die Zahl der Schwerverletzte« beträgt 36, die Zahl der Leichtverletzten wird aus über 200 ge­schäht. Die Angabe einer genauen Zahl ist nicht möglich, weil viele der Verlettzcn von ihren Genos­sen in Sicherheit gebracht wurden.

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lieber Neu-Kölln und den Wedding wurde der Kleine Belag erungszu st and verhängt. Es ist dort auch in der Nacht auf Samstag wieder gekämpft toorben. An den Ecken Hermannstraße und Boddinstratze ,wo sich zwei große Kinos be­finden, rotteten sich abends halbwüchsige , Bur­schen zusammen und beschimpften die Polizei. Als sie sich trotz verschiedener Aufforderungen nicht zerstreuten, wurden einige Salven abgegeben. An­scheinend haben die Kommunisten eine Anzahl von Verwundeten, vielleicht Toten zu beklagen. Die Anordnung des Polizeipräsidenten, die Fenster zu schließen und das Licht in den nach der Straße gelegenen Zimmern zu löschen, ist fast restlos be­folgt worden. In der Falkstraße an der Ecke Prinz-Handjeri-Sttaße sind abermals Barrikaden errichtet toorben. Die Polizei fuhr mit zwei Panzerautos dauernd durch die Straßen und ver­suchte, die Barrikaden zu beseitigen und die Stra­ßen so zu sichern, daß die Wiedererrichtung von Barrikaden verhindert werden kann.

Die Streik-Bewegung.

wtb. Berlin, 4 Mai. (Eig. Meld.) Die ganze Belegschaft in Stärke von 800 Mann der Bau­stelle Bahnhof Gesundbrunnen des Schnettbaues Gesundbrunnen Neukölln ist heute morgen in den Ausstand getreten. Bei der Firma Laue in der Residenzst-aße in Reinickendorf ist heute morgen die 250 Mann starke Beleg-chaft in den Ausstand getreten. Jrn Schacht der Untergrundbahn König­straße fand heute morgen eine Betriebsversamm­lung der 700 Adann starken Belegschaft statt, um zu einem eventuellen Streik einen Beschluß zu fas­sen. Das Resultat ift noch nicht bekannt. Die 400

Köpfe starke Belegschaft der Schuhfabrik Leiser ist in einen 24stündigen Proteststreik getreten.

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wtb. Berlin, 4. Mai. (Eig. Meld.) Im Laufe des Bormi ags sind Dor rr< en A bette itten Meldungen eingegangen, daß nach einer 24stünd. Arbeitsniederlegung die Tätigkeit wieder aufgenommen worden ist. Auch der Streik auf dem Neubau des Warenhauses Karstadt am Hermannsplatz ist beendet.

Politik der Fäuste!

Die Versammlung der Bezirksverordneten Friedrichshain wurde durch eine wüste Schlägerei zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten unterbrochen. Cs lag ein Dringlichkeitsantrag über die Klärung der Vor­gänge vöm 1 Mai vor, der jedoch abgelehnt wurde. Der kommunistische Redner beschimpfte die Sozialdemokraten als „Mörderpartei", worauf der sozialdemokratische Redner die kommunistische Par­tei für das vergossene Arbeiterblut verantwortlich machte. Es entstand schließlich eine wilde Schlä­gerei und die Versammlung wurde aufgehoben.

Ein Opfer seines Berufs.

wtb Berlin, 4. Mai. (Eis Meld.) Unter den Todesopfern der gestrigen >. nkämpfe in Neu­kölln befindet sich auch e i * ständischer Pressevertreter und :r der in Nlson (Neuseeland) geborene 46 Jahre alte Charles Mok­kan, der Vertreter der neuseeländischen Zeitung „Waitara Daily New". Er wurde gegen 91/, Uhr abends in der Hermannstraße von einem Passanten am Boden liegend erschossen aufgefunden. Die Polizei brachte den Toten nach dem Bukower Schauhaus, wo aus den vorgefundenen Papieren seine Personalien festgestellt werden konnten.

DoH^ommene im Rubrceb'e*.

wtb. Dortmund, 4. Mai. (Eig. Meld.) Die kommunistische Streikaktion scheint im Sand ver­laufen zu fein Auf sämtlichen Werken und Zechen im Ruhrgebiet wird voll gearbeitet. Es herrscht vollkommene Ruh». In Dortmund ist von der kommunistischen Partei für heute abend eine öffentliche Protestkundgebung gegen die Berliner Vorgänge einberufen worden.

We ßnWlietzung öe5 MWnjMMujses.

wtb. Genf, 4. Mai. (Eig. Meldg.) Nach drei- tägiger Debatte über die Frage des direkten oder i indirekten Begrenzung, des Heeresmaterials hat; heute vormittag der Vorbereitungsausschuß für die Abrüstungskonferenz folgende von Frankreich, den Vereinigten Staaten und England gemeinsam ein­gebrachte Entschließung in namen lcher Abstimmung mit 22 gegen 2 (China und Rußland) bei S t i mm- enth altung Deutschlands angenommen:

„Nachdem der Vorbereftungsausschuß für die Abrüstungskonferenz die Systeme zur direkten Be­schränkung des im Dienst verwendeten und des lagernden Heeresmaterials ausgeschieden und fest- gestellt hat, daß das System der indirekten Be­schränkung (Beschränkung der Materialausgaben) nicht bie allgemeine Zustimmung finden konnte, beschließt er, daß die Beschränkung und Herab­setzung des Materials auf dem Wege der Publi­zität der Ausgaben gesucht werden muß, die bei der Prüfung des entsprechenden Artikels des Vor­entwurfes aus der ersten Lesung behandelt wer­den wird." , „

Nach der Abstimmung verlas Graf Bernstorff im Auftrag der Reichsregierung eine grund­

sätzliche Erklärung, mit der klar abgerückt wird von dem Programm der Mehrheit des Vvr- bereitungSausschusses und diesem „von jetzt ab die volle Verantwortung für die Vorbereitung der Mrüstungskonferenz, wie sie sich setzt abzeich­net, überlassen wird."

Die Minderheitenfrage.

wtb. London, 4. Mai. (Eig. Meldg.) Times berichtet: Die Arbeit des Unterausschusses des Völ­kerbundsrates — dessen Mitglieder Chamberlain, Adatschi und Quinones de Leon sind —■ der in London tagt, um das Völkerbundsverfahren be­züglich der europäischen Minderheiten zu prüfen und darüber Bericht zu erstatten, ist, wie verlau­tet, so gut wie beendet. Der Bericht in sei­ner endgültigen Gestalt wird zuerst dem Aus­fluß des Rats und darnach dem Ratsplenum auf sxiner Juni-Tagung erstattet werden. Erst dann wird der Inhalt des Berichtes bekannt ge­geben werden. Es wird nicht erwartet, daß irgend­welche sehr fühlbaren Veränderungen im Verfah­ren empfohlen werden.

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Das neue österreichische Kabinett.

Wahl des Kabinetts Ztreeruwitz.

wtb Dien, 4. Mai. (Eig. Meld.). Der Natio­nalrat wählte mit 89 gegen 59 Stimmen das Ka­binett Streeruwitz, das sich wie folgt zusammen­setzt: Bundeskanzler: Streeruwitz, Vizekanzler: Schumy (Landbund), Finanzen: Dr. Mittelberger, Unterricht: Dr. Czermak, Handel: Dr. Schürff (Groß-Deutsch), Justiz: Dr. Slama (Groß-Deutsch), Landwirtschaft: Födermayr, Soziale Verwaltung: Dr. Resch, Heerwesen: Daugoin. Dem neuen Ka­binett gehören sechs Christlich-Soziale, zwei Groß- Deutsche und ein Landbündler an. Der zum Vi­zekanzler gewählt Schumy war bisher Finanz- und Landwirtschaftsreferent für Kärnten, Dr. Mittel­berger war Finanzreferat für Vorarlberg, Dr. Czermak war Unterrichtsreferent für Niederöster­reich und Födermayr war Obmann des Reichs­bauernbundes.

Die nächste Sitzung des Nationalrates findet Dienstag, den 7. um 3 Uhr nachmittags statt. In dieser Sitzung wird Bundeskanzler Streeruwitz die Regierungserklärung abgeben.

Deutsch-österreichisches Volkstum.

In den Räumen der Wiener Universität fand vor einigen Tagen ein Kongreß statt, der von den österreichischen volkskundlichen Verbänden, vom Un­terrichtsministerium, von Vertretern der staatlichen ynh kirchlichen Verwaltung, sowie von Professoren

aus Gesamtösterreich beschickt war. Von deutscher Seite nahmen an bin Verhandlungen teil: Staats­minister Dr. Schmidt-Ott, Präsident der Nol- gemeinschaft der Deutschen Wissenfchaft, Professor Dr. Huebner, Berlin, Professor John Meyer, Freiburg und Prälat Professor Dr. Schreiber, M. d. R., Münster. Gleichzeitig bemerkte man die Anwesenheit des Deutschen Gesandten Grafen Ler­chenfeld.

Die Verhandlungen bewiesen eine einmütige starke Geschlossenheit, die Volkstumsforschung in Oesterreich in großem Stile zu erweitern und zu vertiefen. Man beabsichtigt einen engeren Anschluß an ;bie von der Notgemeinschaft der Deutschen Wif- senschaft aufgenommenen großen Volkstumsarbei- ten. Man will sich beteiligen an der Herausgabe eines deutschen volkskundlichen Atlasses, der das ge­samte deutsche Sprachgebiet in Europa umfaßt. Eine in dieser Hinsicht angenommene Entschließung fordert die gesamte österreichische Bevölkerung zu umfassender Mitarbeit auf. Die Ausführungen der deutschen Redner fanden begeisterte Zustimmung Mit der Schaffung eines Österreichischen Kuratori­ums für die Volkstumsforschung unter Führung der Präsidenten der Akademie der Wisienschaften in Wien, der Universitätsprofessoren Dr Oswald Red­lich und Hofrat Dr. Richard Wettstein ist ein gro­ßes Kulturwerk eingeleitet, das für die gesamten deutsch-österreichischen Beziehungen sich außeror­dentlich bedeutsam anläßt.

Der Schlüssel zum Weltsriesen.

Die Bilanz der amerikanischen Abrüslungs- initiative. — „Frankreich hält den Schlüssel". —

Bedenkliche Fehlschlüsse.

Die vielfachen entmuügeuden Mißerfolge dsr bisherigen Abruftungsbefprechungen haben bewükt, daß auch zunächst die amerikanische Abrüstungs- initiatioe, die >n den beiden bedeutsamen Erklä­rungen des amerikanischen Vertreters bet der vorbe­reitenden Abrüstungskonferenz, Gibion, zum Aus­druck kam, als eine leere und wertlose Geste skep­tisch beurteilt wurde. Inzwischen hat sich das all­gemeine Urteil darüber gewandelt und man ist heute in allen Kreisen, die ernsthaft an dem Pro­blem de: Abrüstung interessiert sind, davon über­zeugt, daß feit der ersten wirklichen Aktion für die Abrüstungschee, der Washingtoner Konferenz von 1921-22, kein bedeutsamerer Beitrag zum Problem der Abrüstung zu verzeichnen gerne [en ist, als die Erklärungen, ine auf des neuen Präsidenten Hoover Initiative durch Gibson in Gens formuliert wurden.

Eben diese ihre Bedeutung ist denn wohl auch der Grund dafür, daß man sie nicht, wie sonstige pathetische aber nichtssagende Versicherungen wohl­wollend zur Kenntnis nimmt, sondern sie jeweils in möglichst opportunistischem Sinne zu interpretieren sich' bestrebt. Es ist ohne weiteres begreiflich, daß Frankreich Gibfons Erklärungen an ihrer jchwäch- ften Stelle angreift, um sie für feine Zwecke zurecht zu manchen. Die amerikanische Konzession bezüg­lich der Ausschließung der S)eeresre fernen aus der Rüstungsbeschränkung kommt ja bei der gegenwärtigen europäischen Lage in erster Linie Frankreich zugute, und so glaubt denn der „Temv-ll die Zurückziehung der amerikanischen Bedenken gegen die Ausnahmestellung des ausgebildeten Heeresreferven als die Einsicht deuten zu dürfen, die Sicherheit der „Nationen, die guten Willens sind" unter allen Umständen gewährleisten zu müssen. Selbstverständlich ist in Europa nach Auf­fassung der „Temps" lediglich Frankreich als eine Nation guten Willens anzusehen. So wird also das Verlangen nach Abrüstung als Gefährdung des Friedens insamiert, denn es be­steht nirgendwo sonst mehr ein Zweifel daran, daß die immerhin ja bedenkliche Stellungnahme der Amerikaner zur Frage der ausgevildeten Heeres­reserven lediglich dem dringenden Wunsch zuzu- schreiben ist, die Abrüstungsdiskufsion überhaupt wieder erst einmal m Fluß zu bringen.

Man braucht sich zur Stützung dieser Auffassung nicht auf den eigenen Standpunkt, den Standpunkt Deutschlands zu verlassen, sondern findet dafür die klarste Unterstützung auch in der amerikanischen Presse. So schreibt z. B. die New-Vorker „Evening- Post" unter dem Titel „Frankreich hält den Schlussel", nämlich den Schlüssel zur Abrüstung und damit zum Weltfrieden. „Ne Abrüstung be­rührt kein Amerika direkt berührendes Problem. Ungeachtet dessen, was Europa tut, werden wir wahrscheinlich keine Aenderung hinsichtlich unserer kleinen stehenden Armee vornehmen. Infolge­dessen ist unsere Konzession gegenüber Frankreich hinsichtlich der Ausschließung der ausgebildeten Reserven vom Programm der Beschränkung der Landrüstung einen Schritt, der nur als einen Ver­such ausgelegt werden kann, die Stockung zu be­enden, welche die Weiterentwicklung der Abrüstung solange aufhielt. Bon jedem Gesichtspunkte ge­sehen. außer dem der Zweckdienlichkeit in dieser Hinsicht, ist untere Konzession unglücklich. Solange die Reserven nicht eingerechnet werden, kann jede Formel für die Abrüstung hinsichtlich des Aus­maßes nur stark beschränkte Wirkung haben. Die militärische Hegemonie Frankreichs besteht weiter."

Diese Interpretation dürfte in icb^r Hinsicht den Kern des Problems treffen. Die Hegemonie Frankreichs besteht und ist angesichts der gegenwärtigen Kräftegruppierungen unantastbar. Insofern hält Frankreich in der Tat den Schlüssel mindestens des europäischen Friedens in der Hand. Es wird die Verantwortung dafür tragen, wenn feine Militärs diesen Schlüssel zerbrechen oder un­brauchbar machen, sodaß das Tor zum Frieden nicht geöffnet werden kann. Die nächstiegenide Schlußfolgerung daraus ist nun allerdings die, daß Amerika also Europa sich telbft zu überlasten ge­neigt fei und sich darauf beschränken wolle, die in Washington allein interessierende Seite des Abrüstungsproblems, nämlich die Flottenab­rüstung, mit England gesondert anzugreifen In vollem Maße dürfte diese Befürchtung nicht zu- treffen denn schließlich hängen Rüftungsfraaen und interalliierte Schuldfragen zu eng zufamni-n, gls daß sie fakttsch unabhängisch voneinander be­handelt werden könnten. So wstd in dm Ber­einigten Staaten die Avneimmg gegen jeglichen Schuldennachlaß solange »achten, als Frankreich unverhältnismäßige Summen in seine Landrustung steckt Auf Kosten der Verständigung mit England allerdings werden die Vereinigten Staaten so leicht keine Aktion zugunsten des europäischen Frie­dens unternehmen. Insofern bleibt Europa in der Tat sich selbst überlassen, und es drängt sich aufs Neue bte Idee her Notwendigkeit eines straff- organisierten und in sich wenigstens ideell ge­schlossenen Pan-Europa in den Vordergrund, das künftig allein ein ausreidi»nbes Gegengewicht gegen Amerika bilden kann. Welche Rolle England da­bei spielen wird, wird von der Lösung des Pro­blems der englisch-amerikanischen Rivalität ab­hängen.

Daß auf amerikanischer wie auf englischer Seite die jüngsten Kundgebungen zur Flottenab­rüstungsfrage dem ernstesten Willen zur Verstän­digung entsprungen sind, kann nicht bezweifelt wer­den. Erst jüngst hat eine umfangreiche Enquete über die Frage des nächsten Krieges in dem libe­ralen „Daili) News" die englische Oeffenttichkeit beschäftigt und ihr gezeigt, wie s»hr die Gefahr eines englisch-amerikanischen Zusammenstoßes im Vordergrund aller diesbezüglichen Erörterungen