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Der goldene Mantel.
Roman von Heinz Welten.
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Alle Bürger hatten sich gefreut, als es so kam und nur der Böheim zog nach wie vor ein schiefes Maul. Er war ein Nörgler und ihm war nicht wohl, wenn er sich nicht an jemandem reiben konnte. Seine Gundel hatte mit ihm oft eine schweren Stand. Auch als sie wieder gesundet war, schlich sie manchmal auf die Wiese hinunter zur schwarzen Trud, die ihr ein Tränklein zu brauen versprach wider das hitzige Gemüt ihres Eheherrn. Morgendlich sollte sie es ihm in die Suppe rühren, insgeheim natürlich, damit es helfen konnte. Doch wiewohl der Böheim die solcherart verbesserte Morgensuppe sich zweimal einverleibte, war eine sichtliche Wirkung nicht zu verspüren. Es sei denn, daß man den Wutanfall als solche nehmen wollte, den er danach bekommen hatte. Fluchend hatte er seine Mütze vom Nagel gerissen und war hinüber in den Bären gegangen, um dort seinen Frühtrunk zu nehmen in Gemeinschaft mit dem fremden Arzt, der daselbst logierte, und der ihm beim Frühstück von den Ländern erzählte, in denen er gelebt hatte. Dann machte der Böheim Vergleiche zwischen dem Dort, wo alles vortrefflich, und dem Hier, wo alles elendiglich war, und seine auf Schelsucht eingestellte Seele sand ihre innere Harmonie wieder.
Auch am Abend saß er oft mit dem Fremden in der Trinkstube, lauschte seinen Schilderungen und freute sich der großen Tafelrunde, die sich allmählich hinzufand und Maul und Ohren aufsperrte. Bald kannte jeder Zünftler und Kleinhändler den Doktor Ulpianus, der so vieles von der Welt gesehen hatte und so gut zu erzählen wußte. Jeder wollte neben ihm sitzen, jeder grüßte ihn auf der Gasse und freute sich, wenn er ihn mit einem Anspruch ehrte.
Aber Doktor Ulpianus war des bescheidenen Erfolges nicht froh. Anders hatte er sich seine Rückkehr nach Rothenburg gedacht.
Bürgermeister, Ratsherren und ehrbare Bürger sollten ihm Gefreundete werden; alle Türen sollten sich
weit öffnen vor dem Heimgekehrten, der als armer Ziegenhirt, als ein Aermerer noch, einst aus Rothenburg geflohen war und es durch eigene Kraft zu Reichtum und Ansehen gebracht hatte. Jetzt durfte er nicht einmal der Vergangenheit gedenken. Er mußte der Fremde bleiben, den sie schätzten, mußte das Geheimnis seiner Herkunft wahren, da sonst kein Mensch neben ihm auf der Bank gesessen und der Bärenwirt ihm das Quartier gekündigt hätte. Nur ein goldener Mantel hätte das Mal gedeckt, das sie ihm einst gebrannt hatten, nur ein Fortunatussäckel hätte es getilgt, aus dem er unaufhörlich Goldstücke holen konnte, um in dem Strahlenkranz, in den das Gold seinen Besitzer hüllt, den Schatten zu löschen.
Vier Wochen gingen ins Land, in denen fein Verhältnis zur Stadt sich festigte und bestimmte Formen annahm. Er galt als fahrender Arzt, der es in der Fremde zu Vermögen gebracht hatte und in Rothenburg bleiben wollte, solange es ihm gefallen würde. Er hatte nicht Not gehabt, viele Worte zu machen, um seine Anwesenheit zu erklären. Niemand kümmerte sich sonderlich um ihn. Die Männer hatten mit politischen Dingen und mit Tagesfragen den Kopf voll und der Frauen Neugier war bald eingeschlasen, als sie nichts erfuhren, was des Interesses wert war. Nur die Bärenwirtin saß vergrämt und verbittert im Schmollwinkel und konnte nicht verwinden, daß sie, sonst Hansdampf in allen Gassen, das Geheimnis nicht zu lösen vermochte. Denn ein Geheimnis war um den Fremden, der Rothenburg kannte wie ein Einheimischer und doch niemals hier gewesen war. Einen körperlichen Eid hätte sie darauf ablegen mögen. Sie wußte auch, daß sie das Geheimnis noch ergründen würde, so wahr und gewiß sie Wirtin des Schwarzen Bären war, in dem schon Kaiser und Könige logiert hatten.
Doktor Ulpianus haderte mit sich und seinem Geschick. Was wollte er hier? Warum blieb er noch immer? Er hatte den Pfaden nachgehen wollen, die in fein Jugendland'führten; aber die Zeit war über diese Pfade hinweggegangen und hatte ihre Spuren verwischt. Er war in dem Wahne befangen gewesen, daß er alles antreffen würde, wie er es vor vierzig Jahren verlassen hatte. Aber auch in Rothenburg war die Zeit nicht still gestanden. Die meisten Menschen,
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1 K I I H fl BJ| Druck der Fuldaer Actiendruckerei, Fulda.
prcxhen hat. Warum erhebt sich ft>ld) einem Schul- I kaudal gegenüber nicht die gesamte christliche Oes- | 'endlichkett? Wo bleibt hier das gesittete Bürgertum? Es hat sich offenbar jenen Esel zum Borbild genommen, der am päpstlichen Hof von Avignon gewesen sein soll. Dieses Tier hatte nämlich die löbliche Eigenschaft, wenn es einen Tritt bekam, sieben Jahre warten zu können. Erst dann gab es den Tritt zurück. Aber nein, diesem Esel gleicht ein gewisses Bürgertum nur dadurch, daß es nicht sieben, sondern siebenmal sieben Jahre wartet, und dann gibt es den Tritt noch lange nicht zurück....
Der Mann im Monde.
* Das Ende einer Londoner Sensakionsaffäre. Frau Cillian Arkellsmith, die, wie sich vor einiger Zeit zum allgemeinen Erstaunen heraus
stellte, jahrelang sich als Offizier ausgegeben, den Namen Oberst Barker angenommen und nationalistische Reden gehalten hatte,, wurde am Donnerstag vom Londoner Gericht zu neun Mona, ten Gefängnis verurteilt. Die Anklage lautete auf intellektuelle Urkundenfälschung, die im Heiratsregister dadurch begangen war, daß sie m Brighton mit einer Frau «ine Ehe eingegangen war.
* Sturm aus die chinesische Handelskammer in Shanghai. (Gig. Meld.) Nach einer Times-Mel- düng aus Shanghai sind am Mittwoch Teilnehmer an einer großen Kundgebung für den Boykott japanischer Waren in das Gebäude der chinesischen Handelskammer eingedrungen. Dabei wurden m den Räumen der Kammer Verwüstungen.angench- tet und sind auch eine Anzahl Beamter mißhandelt worden.
Fuldaer
M yy.
Sonntag, ven 28. April 1929.
• allmonatlich in unserer MiM Zeitung veröffentlicht.
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Rund um die Woche.
DerZtgarettentrust.—Nationale Wirtschaft.—Hände weg die Untüchtigen. "Augustinus und die Demokratie. — Ein Schulskandal. — Ein interessanter Esel.
Es verlautet, daß sich die Firma Neuerburg stnü die Firma Reemtsma verständigt hätten. Also auf dem Wege zum Kartell. Es wird wieder der Tod vieler Kleiner sein. Und so fressen die Großen die Kleinen auf bis ans Ende der Welt. Ein paar Herren werden in Zukunft bestimmen, was wir rauchen dürfen, Qualität und alles andere. Würden die Zigaretten dadurch besser und billiger, man könnte zufrieden sein. Ob das aber eintritt? Wir zahlen heute, wenn wir eine Fünfpfennigzigarette rauchen, allein zwei Pfennig an den Staat, was wird also für den Tabak, die Hauptsache, noch übrig bleiben? Wie steht doch die Welt wirklich auf dem Kopf. Vielleickst wäre «s möglich, wo die Konkurrenz nun nicht mehr so zu fürchten ist, die Verpackung billiger zu machen und den Tabak mehr zu Ehren kommen zu lassen, ist doch an manchen Schachteln wirklich mehr Blech und Papier, als Rauchstoff.
Was das Gefährliche bei solchen Trustbildungen ist, liegt in ihrer Tendenz in ihrer Internationale. Man spricht davon, daß zum Beispiel in der Schattplattenindustrie eine solche Entwicklung im Gange sei. Damit entsteht nämlich die Gefahr einer vollkommenen Befreiung von jeder politischen Aufsicht. Gewiß lassen sich internationale Abmachungen treffen, die einer solchen Aussicht dienen, und es kann ja schließlich ein einzelner Staat sich für seinen Teil sichern. Aber das genügt nicht, denn das Geschäft ist klüger als die Kinder des Lichtes. Es tritt dann im Gegenteil die Gefahr auf, daß sich die internationale Wirtschaft über die Politik stellt und sie vollkommen zu beherrschen sucht. So war es doch und ist es noch bei der Petroleumindustrie. Man müßte eigentlich neben der internationalen Vertrustung in der Wirtschaft auch einen Ueberstaat haben, der auf diesen Gebieten eine wahre Souveränität besäße. Einen solchen gibt es aber nicht und wird es auch nicht so leicht geben. Der Völkerbund hat im Grunde keinerlei Souveränität und ist einstweilen nicht mehr als ein riesiger Diputier- klub. Aus diesen Gründen wird man an der Idee einer nationalen, selbständigen Industrie festhalten müssen, wobei es ja immer noch möglich bleibt, sich mit den Industrien anderer Länder zu verständigen.
Wie notwendig wäre es unter solchen Umständen gerade heute, daß da an der Spitze Minister ständen, die ihr Ressort genau kennen. Aber leider verhindert die Partei wirtschaft hier oft das unumgänglich Notwendige. Mögen die Parteien sich darüber einigen, welche Posten eine jede besetzt. Aber mögen sie sich alle zu dem Grundsatz beken
nen, daß nur Fachkenntnisse die innerliche Berechtigung für ein Amt geben können. Man prüfe einmal unter diesem Gesichtspunkt dve 2lemterbe= setzung in den Kommunen und im Reich. Wie mancher große Herr stände auf einmal in hilfloser Verlegenheit da, wollte man ihm auch nur für em paar Stünden den Privatsekretär im Souffleurkasten entziehen. Die Folge ist, daß der Souffleurkasten bald seine Macht entdeckt und auf seine Weis« Politik macht. Es sind nicht mehr die vom Volke beauftragten Minister, die regieren, sondern ine Geheimrate, die eben die Erfahrung haben und von der Sache etwas wissen. Freie Bahn dem Tüchtigen, so sagte man früher. Heute wiederholt man das nicht so gern, weil es der Wirklichkeit gegenüber allzu lächerlich wirken würde. Wollte man aber doch wenigstens die Kehrseite der Sache in ein geflügeltes Wort fassen und etwa sagen: Hände weg die Untüchtigen! Vetternwirtschaft, Protektionswesen, Schiebung, das sind samt und sonders keine Instanzen, die Reverenzen zu schreiben haben. Man muß natürlich nichts übertreiben. Ich habe gar nichts gegen dieses und jenes Ehrenpöstchen, dem man einen klingenden Titel anhängt und fei es den einer harmlosen Exzellenz. Aber wo auf dem Welttheater ein richti- der Dramaturg stehen muß, da genügt wirklich der Souffleurkasten nicht, selbst wenn ein Geheimrat darin säße.
Alle diese Dinge könnten wohl abgestellt werden, wenn wirklich unser Volk einmal anfinge, einen politischen Willen zu betätigen. Es sagt einmal der heilige Augustinus, und dieser Satz paßt heute, wie er damals richtig war: „Besitzt das Volk sittliche Selbstzucht, und ist es selbst der eifrigste Hüter des bedeutungsschweren Gemeinwohls, so daß jeder einzelne Bürgerdem öffentlichen vor dem Eigeninteresse den Vorzug gibt, so ist es nur gerecht, daß ein solches Volk gesetzlich und rechtlich ermächtigt ist, sich seine Behörden selbst zu wählen, die seine Sache — denn die ist doch der Staat — verwalten sollen .... Entartet aber dasselbe Volk, so daß es seine privaten Interessen den öffentli che n voranstellt, seine Stimmen sich abkaufen und von ehrgeizigen Menschen sich bestechen läßt und die Herr schäft über sich verbrecherischen Existenzen überträgt, dann ist es ebenfalls nicht mehr wie recht, als daß ein wackerer und einflußreicher Mann diesem Volk die Gewalt, Aemter zu vergeben, nimmt und die Herrschaft in die Hand weniger guter Männer ober auch nur eines einzigen hinein» legt." Wie viel wird von unzähligen Stammtischen bis auf den heutigen Tag über Mißbräuche im öffentlichen Leben geredet! Aber was tun alle diese Sprecher, wenn sie ihren Alkohol verschlafen haben, in Wirklichkeit, um diese Dinge zu ändern?
Da hat es mir gefallen, daß jüngst in Leipzig- Böhlitz die Presse mächtig protestiert hat gegen die unglaublichen Unverschämtheiten, die sich dort wirklich ereignet haben. Ehre jenen Eltern, die von ihrem Protestrecht Gebrauch gemacht haben. Bestellt man sich da einfach einen Kommunisten und läßt durch ihn 13- bis 14jährige Kinder „aufklären". Die Lehrer bestellen den Mann. Heimlich werden die Kinder verpflichtet, seinen Vortrag anzuhören. Ist das nicht unerhört? Eine öffentliche Schule zu benutzen, um Kindern dergleichen anzutun? Wer Genaueres erfahren will, der lasse sich die betreffende Nummer der „Sächsischen Volkszeitung" kommen, die hier ein deutliches Wort ge-
Strafrechtsreform und Todesstrafe.
Die Stellung des Zentrums.
Das Problem der Todesstrafe gehört nicht nur zu den umstrittensten Fragen der ganzen Strafrechtsreform, sondern es hat auch die Oeffentlich- keit und die Presse aller Parteirichtungen am lebhaftesten interessiert und erregt. Nachdem im Strafrechtsausschuß bei Abstimmung über dieStraf- ariten eine Lücke insofern entstanden war, als die Todesstrafe mit Stimmengleichheit (14 gegen 14 Stimmen) abgelehnt wurde, trat das Problem von neuem in die Erscheinung, als es sich im besonderen Teil des Strafgesetzbuches um Festsetzung der Strafe wegen Mordes handelte.
Während nach geltendem Recht für den Mord nur die Todesstrafe in Betracht kommt, wobei mildernde Umstände ausgeschlossen sind, hat der Entwurf zwar die Todesstrafe für den überlegten Mord vorgesehen, aber zugleich die tiefeinschneidende neue Vorschrift gebracht, daß auch hier mildernde Umstände zulässig sind, und daß ihre Verneinung vom
Gericht mit Zweidrittel-Mehrheit beschlossen werden muß. , ,, „
In der Sitzung des Strafrechtsausschusses r om 25 April 1929 nahmen der Reichsjustizminister ron Guerard und die Antragsteller verschiedener Parteien ausführlich zur Frage der Todesstrafe Stellung Dabei begründeten die Abg. Emmingen (Bayr. Dolkspartei) und Dr. Bell (Ztr.) den von ihnen gemeinsam eingebrachten Eventual-Antrag, wonach im Falle der Ablehnung des Entwurfs für überlegten Mord lebenslanges Zuchthaus festgesetzt werden soll und die Todesstrafe nur noch für drei der abscheulichsten und schwersten Mordtaten, nämlich Mord im Rückfall, Massenmord und Aszendentenmord eintritt Die Abstimmung, die noch aussteht, wird voraussichtlich keine Mehrheit für die Todesstrafe ergeben.
Der Zentrumsredner Dr. Bell legte im Anschluß an Die Begründung des Eventual-Antrags
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Amerika schenkt Spanien ein Soiumhuö-Denkmai.
Eine Nachbildung des Entdeckerschiffes „Santa Maria" und ein moderner spanischer Kreuzer bei der Columbus-Feier.
Die amerikanische Regierung hat Spanien em Columbus-Denkmal geschenkt, das in Palos, dem Ausgangshafen der Amerika-Entdecker, aufgestellt wurde. Das von der amerikanischen Bildhauerin Whitney geschaffene Denkmal wurde dieser Tage in Palos feierlich enthüllt.
Dachdeckerarbeiteil
deren Gedenken er solange bewahrt hatte, waren gestorben, und die, die noch lebten, waren andere geworden. Der alte Freimeister Vulpius war tot und auch der Gemeindehirte Mezenthin lebte nicht mehr. Und der Bürgermeister Pirkheimer war Altbürgermeister und hatte nichts mehr zu sagen. Er war erblindet, ging am Stock und erschien nur selten im Rat, in dem jetzt Sebaldus saß, doch nur als unbesoldeter Senator. Die Bürger und Bürgersöhne aber, mit denen er zuweilen mittags und an der gemeinsamen Tafel zusammentraf und von denen etliche auch abends in der Trinkstube auf Heil und Gedeihen mit ihm einen Becher leerten, waren ihm fremd und gleichgültig. Er hatte der Menschen zu viele kennengelernt in seinem wechselvollen Leben, als daß er auf neue Bekanntschaften Wert gelegt hätte. Gleichwohl liebte er die Abende in der Zechstube, wenn er an dem mächtigen Tisch von Eichenholz im weichen Lehnstuhl saß, den die Jmma für ihn hinstellte, wenn er den besten Wein aus des Bärenwirts Keller in silberner Kanne vor sich stehen hatte und von seinen Reisen erzählen konnte und von den Reichtümern, die er gesammelt. Mitunter kamen an solchen Abenden auch der Altbürgermeister Pirk- Heimer und sein Sebaldus; dann war ihm ein Labsal, zu sehen, wie bescheiden der alte Patrizier unter den Gemeinen saß, er, der einst kaum Rotsherren und Ehrbare als seinesgleichen ästimiert hatte. Aber der alte blinde Pirkheimer war ein anderer als der strenge allmächtige Bürgermeister gewesen war, den er einst gefürchtet atte. Der Schuß eines plündernden Kroaten, der ihm das Augenlicht genommen hatte, war ihm zu einer gar bitteren Arznei geworden, die alles Böse und Schlechte, alles Harte und Stolze aus seiner Seele getilgt hatte. Geduldig und friedlich saß er unter Kärrnern und Jnstleuten, hörte ihre Klagen und gab ihnen Ratschläge; und da er, wenn auch kein führendes Amt mehr, so doch eine beratende Stimme im Senat behalten hatte, war er oft in der Lage, auch tötend ein- zugreifen, wo sein Rat nichts vermochte.
Ein Haß, den man erst aufstacheln muh dadurch, daß man sich die Schandtaten des Gehaßten vergegenwärtigt, ist kein Haß mehr. Ulpianus brachte die bitteren Gefühle gegen den Altbürgermeister nicht mehr auf, die er ihm solange bewahrt hatte. Ader er ward nicht
Rhab. Diegelmann Ww.
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froh darüber. Mit Genugtuung stellte er fest, daß wenigstens der Sebaldus sich nicht gewandelt hatte. Der war noch dummstolz und ausgeblasen, wie er einst gewesen war. In verbissenem Grimm saß er neben dem Vater auf der Bierbank und machte kein Hehl daraus, daß es ihm unlieb war, hier sitzen zu müssen zwischen Zünftlern und Pfessersäcken, zwischen Scharwerkern und hergelaufenen Fremden, die Politika trieben auf ihre Weise. Ein Ratsherr gehörte nicht in diese Kumpanei. Aber der Sebaldus mußte dem Vater gehorchen, und der alte Pirkheimer war, seitdem er das oberste Ratsamt abgegeben hatte, gern unter den Grundholden und Hintersassen und hörte ihnen zu.
An solchen Abenden saß auch Ulpianus, bis das schnarrende Horn des Wächters Feierabend bot; er schaute auf den Sebaldus und lauschte den Reden und spitzen Gegenreden, die durch die Luft flogen. Denn stets war unter den Zechern der Böheim. der jede Gelegenheit wahrnahm, um die Gemeinen darüber, zu belehren, was sie von den Ratsherren und Gesippten zu halten hatten. Er nützte die Redefreiheit am Zechtisch bis an ihre Grenzen und oft noch ein Stücklein darüber. Wenn der Böheim redete, wurde Sebaldus Pirkheimer abwechselnd blaß und rot im Gesicht, zerbiß sich den starken buschigen, fuchsroten Schnurrbart und ballte die Faust im Sack, weil er dem Vorlauten nicht über das Maul durfte. Aber der Altbürgermeister hatte seine Freude daran, wenn die Gemeinen frei daher redeten; und die Zünftler freuten sich über den Beutler, der ehrbare Patrizier durch die Zähne zog und von ihnen redete als von seinesgleichen.
Diese Abendstunden waren die einzigen frohen Stunden des Doktor Ulpianus. Auf alles andere, auf das er einstmals gehofft, mußte er für immer verzichten. Darüber war er sich heute wieder einmal klar, ganz klar geworden. Er war im Kirchdorf Dettwang gewesen, brunten im Taubergrund. Er liebte die kleine atte Kirche von Dettwang und besuchte oft ihre Messe. Nun ging er heim nach Rothenburg, langsam und gemächlich, wie Menschen gehen, die kein Ziel haben, die niemand erwartet.
(Fortsetzung folgt.)