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Nr. 98.

Fuldaer Seitima (Amtliches KreistMO.

Samstag. 27. klprll 1929

r

Heimat

Fulva. den 26. April 1929.

Personenuachrichler^

Beim Landesfinanzamt Kassel sind in den Mo­naten März und April eine große Reihe von Per­sonaloeränderungen entstanden. Ernannt sind u a • 3« Bezirkskommissoren die Zollinspektoren Ried'.

Otto, m Fulda und Lüpkes in Gelnhau- {•••• Verseht wurden u. a. der R^gierungsrat Dr. Bernecker von Gelnl)au?en nach Hamburg, der Re- merungsrat Harder von Hamburg nach" Gelnhau­sen, der Steueramtmann Racke von Wiesbaden noch Witzenhausen, der Steuerinspektor Scherer von Ha­chenburg nach Limburg. In den dauernden Ruhe­stand wurden versetzt u. a. der Steuerinspektor Hofsmann in Hanau und der Steuerinspektor Mar­dorf tn Melsungen.

Rentenzahlung bei der Post.

Die Zahlung derMilitär-Dersorgungs- Gebuhrnlsse für den Monat Mai findet am 29. April, die der I n v a l i d e n - u n d U n f a l l - rente am 1. und 2. Mai statt. Die Zahlstellen sind von 15—18 Uhr geöffnet. Um restlose Ab­holung der Rente wird gebeten.

Diamantene Hochzeit.

Am Samstag, den 27. April feiern Kantor und Lehrer i R. Heinrich Richardt und Frau Ge­mahlin Katherine geb. Lutz, hier wohnhaft, das Fest der diamantenen Hochzeit. Das Jubelpaar wurde vor 60 Jahren in der Evangelischen Kirche zu Gersfeld (Rhön) getraut. Der Jubilar wirkte früher viele Jahre lang in Hettenhausen (Rhön). Oeffentliche Impfung.

Am Montag, den 29. April 1929, beginnen im toten Saal des Stadlsaales die öffentlichen Imp­fungen. Es werden geimpft: 1. Am Montag, den 29. April, nachmittags von 2 Uhr ab die Kinder, die in den Monaten Januar bis einschließlich Juni 1928 geboren sind. 2. Am Dienstag, den 30. April 1929, nachmittags von 2 Uhr ab die Kinder, die in den Monaten Juli bis einschließlich Dezentber 1929 und in den vorhergehenden Jahren geboren und noch nicht mit Erfolg geimpft sind. 3. Die Wiederimpfung der zwölfjährigen Kinder erfolgt am Dienstag, den 30. Avril 1929, von vormittags 8 Uhr ab. Die Eltern der Erstimpflinge werden gebeten, die ihnen zugegangenen Aufforderungen im Jmpflokal dem Listenführer vorzulegen. Auf die in den Aufforderungen angeführten gesetzlichen Bestimmungen hinsichtlich der Befteiung oder Zu­rückstellung von der Impfung wird noch besonders hingewiesen. Eltern, die diesen Bestimmungen nicht nachkommen, haben ihre Bestrafung auf Grund des Reichsimpfgesetzes zu gewärtigen.

Städte unter sich.

Bekanntlich ist es Made geworden, daß eine Stadt der anderen wichtige Betriebs, namentlich olche, die großen Verkehr mit sich bringen oder olche, die größere Steuerquoten übernehmen müs- en, abzufagen sucht. Vielfach werden auf Grund dieser zwischen den Städten bestehenden Rivalität auf steuerlichem oder sonstigem Gebiet ganz wesent­liche Zugeständnisse gemacht. Auch in unserer engeren Heimat sind solche Dinge nicht ganz un­bekannt. Oeffentlich besprochen wird jetzt ein ?rl- cher Fall, an dem Frankfurt a. M. und der Frei­staat Hcsien interessiert sind. Frankfurt a. M. hat sich iehr stark bemüht, die jetzt in Rüsselsheim be- sindliche Verwaltung der Opelwerke nach Frankfurt zu bekommen. Die Presse im Frei, staat Hessen, in Darmstadt und in Mainz, macht deshalb den Frankfurter leitenden Kreisen schwere Vorwürfe. Die „Darmstädter Zeitung" schreibt

War e£&ikla&si$e Fabrikate

Franz Wenzel, Mitteistraße a.

Herren-u. Knabenmützen

u. a.: „Die von Frankfurt wiederholt laut be­tonte Verbundenheit mit dem Rhein-Maingebiet und die öffentlich oft beteuerte Rücksicht auf dessen bodenständige Wirtschaft und Kultur scheint also die geheimen großstädtischen Zentralisations­tendenzen nicht überwinden zu können. Die Wirkun­gen, die damit im Land um Frankfurt ausgelöst werden, können die Bemühungen um den Zu­sammenschluß im Rhein-Maingebiet nicht gerade förderlich ifein. Leider .... aber Frankfurter Lippenbekenntnisse allein tun es nicht." — Die Stadt Fulda hat sich gegenüber den zahlreichen Versuchungen, durch Preisgabe von steuerlichen und sonstigen Rechten Betriebe heranzuziehen, bis­her immer sehr zurückhaltend gezeigt. Es m"'tz e möglich sein, daß alle Städte auf solche Anlockun­gen verzichteten. Manchs Enttäuschung würde ver­mieden und manche llngerechtigkeit und daraus erwachsende Mißstimmung käme in Wegfall.

Die Waudererfürforgeslelle Fulda

suchten im letzten Jahre 9 500 Wanderer auf, die Verpflegung erhielten. Beherbergt wurden im Asyl 4 770 und im Hl. Geifthosvital 1 422 Wanderer. Dorn Stadtarzt behandelt wurden 486 Wanderer, davon mußten 293 in das Landeskrankenhaus zur Behandlung eingewiesen werden.

Ab 15. Mai Schülermonakskarken für Eilzüge.

Mit dem Inkrafttreten des Sommerfahr- plans wird die Deutsche Reichsbahn eine Neurc- gelung der Schülermonatskarten durchführen. Es werden von diesem Tage ab besondere Schü­lermonatskarten für Eilzüge ausgegeben werden, weil die bisher erforderliche besondere Ge­nehmigung zur Benutzung solcher Züge mit Schü­lerkarten zu Schwierigkeiten gebührt hat. Die Preise der neuen Karte entsprechen den Preisen der Schülermonatskarten vor der Tarifänderung am 7. Oktober 1928. Es ist also mit dieser Neu­regelung keine Verteuerung des Fahr­preises verbunden. Einige Beispiele zeigen das deutlich. Es kostete für 5 Km. eine Schülermonchs- karte vor dem 7. 10. 28 in der 2. Klasse 4,70 Mark, in der 3. Klasse 3,20 Mark. Dom 15. Mai ab kostet die Karte in der 2. Klasse für Eilzüge 4,70, für Personenzüge 3,50 Mark, in der 3. Klasse für Eilzüge 3,20 Mark, für Personenzüge 2,10 Mark. Die ausschließlich für Personenzüge geltenden Schülermonatskarten werden weiterhin zum bisher üblichen Preise ausgegsben. Während diese Kar­ten in Zukunst auch nickt mit Lösung eines Zu­schlages für Eil- und Schnellzüge gelten, können mit den neuen Schülermonatskarten für Eilzüge in besonderen Fällen — bei ungünstigen Zugner- bindungen — auch Schnellzüge ohne Z u - i ch l a g benutzt werden.

Kann die Polizei Ausbesserung des Hausputzes ver­langen?

Meistens wird es für den Hausbesitzer eine unerfreuliche Aufforderung fein, wenn die Polizei auf Grund einer von ihr erlassenen Ver­ordnung eine Ausbesserung des Hauptverputzes ver­langt. Begreiflich ist es auch, wenn der Betref­fende, besonders wenn die Erträgnisse des Hauses geringe sind und es ihm daher schwer fällt, hohe Ausgaben zu bestreiten, die Rechtsmäßigkeit einer solchen Verordnung anzweifelt und gerichtliche Ent­scheidung darüber beantragt. In einem solchen Falle hat nun das Oberverwaltungsgericht am 16. Febr. 1928 (IV B, 32 26) zugunsten der Polizei entschieden, indem es begründend ausführte: Der Kläger irrt, wenn er meint, die Polizeiverordnung vom 30. April 1923 habe nur zum Schutze vor Gefahren ergehen können und bewege sich auf einem der Polizei verschlossenen Gebiete. Das Wohnungsgesetz (Art. 4 § 1 und Art. 9 § 2), auf welches die Polizeiverordnung auch besonders Be­zug nimmt, gestattet, ausdrücklich den Erlaß bau­polizeilicher Vorschriften, welche über den sonst durch 10 Tst. 17. Teil II des Allgemeinen Land-

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Rechtes der Polizei gezogenen Rahmen hinausgeht. Wenn das Gesetz Bestimmungen über die einheit­liche Gestaltung des Straßenbildes und den Ver» putz sowie den Anstrich der Wohngebäude und der anderen öffentlichen Derkehrsf ächen sichtbaren Bau. ten zulätzt und als Einschränkungen und Begren­zung nur die Wahrung der Interessen des Denk­mals- und Heimatschutzes vorschreibt, so unterliegt es nach dem Wortlaut und dem Gesamtinhalt die­ser Bestimmung keinem Zweifel, daß das Gesetz hiermit nicht nur eine Abwehr von Gefahren, son­dern auch eine lediglich im Schönheitsin­teresse erfragendes polizelliches Einschreiten im Auge hat (vergl. Preuß. Verw. Bl. 48 S. 76). Hier­aus ergibt sich dann ohne weiteres, daß die Poli­zeiverordnung vorn 30. April 1923 in rechtgiiltiHer Weise für die genannten Baulichkesten allgemein, also auch für die Erhaltung des Putzes in gutem Zustande, vorzuschreiben vermochte. Demgemäß be­stehen auch keine Bedenken gegen die Rechtswirk- samkeit der Verfügung vom 25. Juni 1925, welche den Kläger aufforderte, den Putz am Hause „aus- heftern zu lassen", von dem unbestritten Putz abge­fallen mar.

Die Zeit der Waldbräude.

Kaum sind die ersten Frühlingstage ins Land gezogen, so berichten die Zeitungen bereits über zahlreiche Waldbräude. Die Gefahr ist besonders groß, da die abgestorbenen und verdorrten Reste von Gräsern, Kräutern und Famen bei Unacht­samkeit des Spaziergängers und Ausflüglers im Umgänge mit Feuer eine Quelle ständiger Brand­gefahr bilden. Arn meisten gefährdet ist die Um­gebung viel begangener Waldwege, an die Gras- flächen stoßen. Sie sind immer die Ausgangspunkte der Waldbrände, und ein unachtsames Fortwerfen von brennenden Zigarren- und Zigarettenreften und Streichhölzern genügt, um die vertrocknete Bodendecke irnAugenblickinBrand zu setzen. Schützt darum den deutschen Wald, so weit es geht, und beobachtet auch die Kinder bei ihrem Tun! Bei allgemeiner Aufmerksamkeit muß es gelingen, Waldbrände, die am deutschen Balks- vermögen zehren, zu verhüten.

Die Wegelasten des flachen Landes.

Don Dr. Graß, M. d L.

Neben der außerordntlichon Belastung auf k-m Gebiete der Volksschule und der Wohlsahrtslast n spielt bei der angespannten Lage der Etats der Landgemeinden die für den Wegebau aus- zugebende Summe eine gewaltige Rolle. Hinzu kommt noch, daß auf dem Wege der Kreisumlage für die Unterhaltung der Kreisstraßen eine weitere Belastung entsteht. Die Belastung der Straßen geschieht in der Haupsache durch die K r a f t s a h r- zeuge, insbesondere durch die Sa ft traft* w ag e n. Bekanntlich wird die Kraftfahrzeug- steuer, die für 1929 auf 205 Millionen geschätzt ist, verwandt, um den Wegebau zu fördern. Auf Preußen entfallen hiervon 115 Millionen. Davon erhielten bisher die Provinzen für den Ausbau und die Unterhaltung der großen Durchgangsstraßen 86,3 Millionen, die Stadt- und Landkreise 28,7 Millionen. Die von beiden zu unterhaltenden Straßenlängen stehen nicht in demselben Verhält­nis wie die Zuwendungen. Die Provinzen unter­halten nur 34 090 Km., die ßanb*’- i car am 80 000 Km. Wenn auch hervorgehoben werden muß» daß unter den 34 000 Km., die von den Pro­vinzen unterhalten werden, eine stärkere Ab­nutzung Platz greift, so bedeuten doch die 80 000 Km. von den Landkreisen zu unterhaltenden Stra­ßenstrecken eine Belastung, die mit 28,7 Millionen in keiner Weise abgegolten ist. Bei der jetzt im Hauptausschuß des Preuß. Landtags vorgenom­menen Neuberatung des innerpreußischen Finanz­ausgleichs wurde vom Zentrum ein Antrag Dr. Graß u. Gen. eingebracht, der forderte, daß die Zuwendung aus der Kraftfahrzeug- ft euer für das flache Land um 10 Prozent der Gefamtausfchüttung erhöht werden soll. Wäh- rend bisher das flache Land nur 25 Prozent er­hielt, soll es nach biefem Antrag 35 Prozent er­halten. Das bedeutet eine Erhöhung gegenüber der bisherigen Summe um etwa 40 Prozent Die­ser Antrag wurde von der Mehrheit des Houpt- ausschusfes angenommen. Dadurch wird es

üutosahicrl Auch -er Radfahrer hat ein Recht aus die Straße.

Ongmalzerchnung von Oehlschlagel.

Dorsichtig überholen! Wert ausbiegen!

Fühle dich nicht gleich als „König der Landstraße", sobald du im Auto sitzt. Nimm Rücksicht auf Radfahrer und Fußgänger. Biege weit aus beim Ueberholen. Halte dich nicht für einen unfehlbaren Fahrkünstler, der feine Vorsicht braucht!

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Roman von Heinz Welten.

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Und sein Vermögen wuchs und wuchs. Denn er scharrte Geld zusammen, wo immer er es auf seinem Wege fand Er kaufte Edelsteine und verkaufte sie, lieh Geld aus Pfänder zu hohen Zinsen, machte Tauschge­schäfte und ließ keine Gelegenheit ungenützt, die ihm eine Zechine eintragen konnte.

Als er genug zu haben glaubte, verkaufte er seine Instrumente, seine Gläser nebst dem bescheidenen Haus­rat an seinen Gesellen und machte sich aus den Heimweg nach Rothenburg. Denn nach Rothenburg mußte er noch einmal kommemn, um sich an den hochmütigen Patri­ziern und Ratsherren, vornehmlich aber am Bürgermei­ster Pirkheimer zu rächen, der ihm zum Freimeisterbuben gemacht hatte.

Er hatte niemals darüber nachgedacht, worin diese Rache bestehen sollte. Daran zu denken war Zeit, wenn er Geld hatte. Geld zusammenraffen blieb die Haupt- fache, Geld ist die Wasse des Schwachen, dessen Arm das Schwert nicht führen kann. Schon der Besitz des Geldes würde ihn an den Rothenburgern rächen. Wie würden sie ihn beneiden, wenn er ihnen zeigte, was aus ihm ge­worden war!

Während der ganzen Reise von Venedig nach Rothen­burg hatte er sich das Wiedersehen ausgemalt. Doch kurz vor dem Ziele, wenige Chauffeemeilen von Würz­burg entfernt, als er schon die gotischen Türme der Frauenkirche erkennen konnte, hatte ihn sein Geschick er­eilt. Strauchritter hatten ihn niedergeschlagen, ihm alles geraubt und ihn für tot am Wege liegen lassen. Sein zerrisienes Gewand, aus dem sie olle eingenähten Edel­steine und Goldstücke herausgeholt, hatten sie wieder über ihn geworfen. Nur ein mit Rubinen und Brillanten be­setzter Ring, der sich im Aermelsutter verloren hatte, war ihnen entgangen.

Bauern, die nach Würzburg zum Wochenmarkte zogen, batten ihn gesunden und zu den frommen Vätern

nach Oberzell gebracht, die schwere Arbeit hatten, bis sie den zerschlagenen und zerstochenen Körper wieder zu- snmmengeslickt hatten. Dann waren sie mit seiner Seele ins Gericht gegangen, bis sie auch diese geheilt hatten und alle Rachegelüste aus ihr verschwunden waren. Ein anderer, als er geglaubt hatte, war er nach Rochenburg zurückgekehrt.

Fast die halbe Nacht hindurch saß er in seiner Kam­mer am Fenster und schaute hinunter ins Taubertal, über das der Mond sein silbernes Licht ausgoß. Unweit der Doppelbrücke mit ihren kleinen aufeinandergestellten Bögen hob sich scharf aus dem bestirnten Himmel die Silhouette des Toplerschlößchens und die des dicken, un­förmigen Pharamundusturmes, den keine Haubitze des großen Krieges zu zerstören vermocht hatte.

Endlich stand er auf, dehnte die steif gewordenen Glie­der, legte feine Kleider ab und streckte sich auf fein Beit. Aber trotz der Müdigkett, die bleischwer auf seinen Lidern lag, wollte der Schlaf nicht kommen. Gedanken, einst geboren aus dem ohnmächtigen Haß seiner zerbrochenen Kindheit und in ihr begraben, sprangen lebfrisch aus ihren Gräbern und erfüllten seine Seele. Als er endlich einschlief, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Doch fein Schlaf war unruhig und voll wilder, quälender Träume.

Aufregende Zeitungen liefen in den nächsten Tagen durch die Stadt und gruben tiefe Falten in die Stirnen ber Ratsherren. Was ging in Frankfurt vor? Kaufleute, die von der Messe kamen, brachten die Post mit, daß die geistlichen Fürsten mit dem König von Frankreich und mit dem Schwedenkönig ein Bündnis eingegangen wä- ren, in dem sie sich ihr gegenseitiges Eigentum garan­tierten und sich zu unterstützen versprachen, wenn der Kaiser in Wien ihnen das im Kriege Erworbene streitig machen würde. Sogar die deutsche Kaiserkrone hatten sie dem französischen Ludwig versprochen: zwar war das Versprechen gut verklausuliert, an Kautelen und Bedin- gungen geknüpft, sollte erst in Kraft treten, wenn alle Söhne Ferdinands und der spanischen Maria des Todes verblichen seien. Gleichwohl stand die Möglichkeit, daß der Franzosenkönig Deutscher Kaiser werden könnte, als eine drohende schwarze Wolke am politische» Himmel

und manch einen würgte es hart an der Kehle. Denn man wußte, wie es im Lande des Sonnenkönigs aus­schaute, wo dem Edelmann alles und dem Bürger nichts oerftattet war, wo auf den Höfen Vögte saßen, die den Bauern das Fell über die Ohren zogen, wo die gemeinen Bürger von den Rittern geplündert und von des Königs Dienern scharf besteuert wurden, damit allzeit ein brei­ter Goldstrom nach Paris fließen konnte, um die Feste desJ?ofes zu bezahlen.

Sollte es im Deutschen Reiche ebenso werden? In den Trinkstuben saßen die Ehrbaren und Gemeinen, malten die Zukunft Schwarz in Schwarz und Überboten einander in trübseligen Bildern. Zwar war die Gefahr noch weit. Doch es war gut, sich bei Zeiten auf sie ein­zurichten. Unglück kommt über Nacht und wenn der Wolf im Stall ist, verlohnt sich bas Türschließer, nimmer.

Die Erregung im Senat und in der Bürgerschaft war so groß, daß die Ankunft eines Fremden, sonst auf Tage hinaus ein willkommenes Stadtgespräch, fast unbemerkt blieb. Nur die Frauen schauten dem Doktor Ulpianus nach, wenn er durch die Gassen schritt. Sie schätzten fach­kundig das Samttuch seines Mantels, sie prüften den fremdländischen Schnttt seines Wamses und wiesen sich das goldene Wehrgehänge, das in der Sonne funkelte. Wer war der Fremde, was wollte er, wie lange wollte er bleiben?

Niemand kannte ihn, niemand hatte ihn je gesehen und doch spazierte er durch die Stadt als ein Einheimi- icher und fand sich ungefragt Überall zurecht. Die Frauen steckten sich hinter die Bärenwirtin, bei der er logierte. Aber die dicke Barbara wußte von ihm nur Namen und Art, und daß er von Würzburg gekommen sei, daß er wenig verlangte, das Verlangte aber stets rechtmäßig bezahlte. Die Jmma, die feine Kammer in Ordnung hielt, wußte noch weniger, und an den Bärenwirt, der einiges hätte sagen können, wagten sich die Frauen nicht mit ihren Fragen.

Noch einer war, der vielleicht über den Fremden hätte berichten können, der Beutler Böheim, der die Woche am Klingentor gehabt und mtt ihm geschwätzt hatte, als er eingezogen war. Ader der Böheim war

in eigene Gedanken eingesponnen, so baß er sich nicht einmal um seine Gundel bekümmerte, die siech daheim lag und von Tag zu Tag elender wurde. Er dachte auch nicht mehr daran, daß der fremde Doktor einen Kranken­besuch versprochen und daß er das Säterle ober den Lehrbuben zu ihm schicken, chn an sein Versprechen mah­nen konnte. Die Frankfurter Verträge und das Kriegs- gefpenft, bas aus ihnen aufstieg, ließen ihn |ebe anbere Sorge vergessen. Nicht, daß er furchtsam gewesen wäre! Bigott, nein! Seinetwegen mochten die Franzosen und die Schweden ober die Kaiserlichen kommen. Er wußte mit der Muskete umzugehen, und seine Silbergeräte würde er rechtzeitig vergraben, so daß sie kein Äroat fand. Nein, bange war ihm nicht zumute. Aber die Galle stieg ihm ins Geblüt über die Ratsherren und Patrizier, |o daß er gelb im Gesicht wurde und weder schlafen noch essen kannte. Jetzt konnte man wieder ein­mal sehen, wie schlecht es um die Stabtoertretung bestellt war. Sie aßen und röteten, unb es war bes Rebens kein Ende, anstatt zu handeln. War der Feind vor den Toren, bann war es zu spät zum Paktieren. Dann wür­den bie Jllustrissimi, die Hochedlen und zehnmal Weisen hinausziehen mit Stadtschlüsseln auf den Kissen unb sich und ihre Stadt der Gnade des Siegers empfehlen. Die gemeinen Bürger aber konnten sich das Maul wischen und sehen, wie sie bie Kontribution aufbrächten. Zwar hieß es immer, bah jeder nach Maßgabe seines Vermö­gens geschätzt mürbe; aber ber Böheim wußte, wie solche Schätzung aufgemacht wurde. Wer Sand in bie Augen haben wollte, tat gut, sie ordentlich aufzureißen. Besser mar, man brückte sie zu, ober noch besser, man riß bas Maul auf. aber bei Zeiten.

Doch ber Böheim. ber so klug mar, baß er immer alles bester mußte als andere Leute, blieb im Unrecht und ber hohe Rat, der über den Ermägungen, ob er sich, wenn es zum Treffen tarne, den Schmeden anschließen solle ober den Kaiserlichen, zu keinem Entschluß gelangte behielt in seiner Unlchlüssigkeit recht. Denn die Kriegs­molke verschwand so plötzlich als sie ausgetauchl war un des war klug gewesen, sich nicht voreilig auf ein, Partei festzulegen.

(Fortsetzung folgt.)