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Nr. 94.

Fuldaer Zeitung (Amtliches Kreisblatt).

Dienstag, 23. Npril 1929

Heimat

Fuwa. den 22. April 1929.

Aprilwetter

war uns am gestrigen Sonntag beschieden. In der Sonne war es ganz schön. Sonst überlief einem zuweilen ein Frösteln und in den Abend­stunden bedeckte sich der Himmel mit Wol­len .aus denen zeitweilig leichtes Schnee-Geriesel herabkam. Hoffentlich waren es Abschiedsgrüße des zähm Winters 1929.

Zur Frage der Gemeinde-Finanzen.

Die Interessengemeinschaft preußischer Städte zur Amderung der relativen Garantie, die am 16. April zur Herbeiführung einer Amderung des preußischen Finanzausgleiches gebildet worden ist, hat dem Preußischen Landtag eine umfangreiche Dmkschrrft überreicht. In dieser Eingabe bittet die Interessengemeinschaft, der Landtag möge mit Wir­kung vom 1. April 1929 ab den Einheitssatz der relativen Garantie von 22 auf 25 Rpf. festsetzen und dementsprechend den Ent- wurf des Gesetzes zur Amderung des preußischen Ausführungsgesetzes zum Finanzausgleichsgcseß ab- ändern.

Die Frühjahrsgesellenprüfungen .

ber in der Industrie ausgebildeten Lehrlinge des Schlosser-, Dreher-, Modellschreiner-, Former-, Elektromonteure-, Elektromechaniker- u. Schmiede- Handwerks findet Ende Mai 1929 statt. Anmel­dungen hierzu sind mit nachstehend angeführten Unterlagen: 1. einem eigenhändig geschriebenen Lebenslaufe, 2. dem Zeugnisse des Lehrmeisters, 3. anderen Zeugnissen (z. B. aus der Volksschule, Fortbildungsschule, Fachschule usw.), 4. dem Lehr­vertrage oder dem Nachweise über die Eintragung in die Lehrlingsrolle der Kammer bezw. der In­nung, zu richten bei Schlossern an Fabrikant Wil­helm Klein, bei Drehern an Fabrikant Albert Schwarz, bei Formern und Modellschreinern an Fabrikant Magnus Keil, bei Schmieden, Elektro­monteuren u. Elektromechanikern an Fabrikant Th. Möller in Fulda. Schlußtermin der Anmel­dungen: 30. April 1929.

Dom Stein- und Dildhauerhandwerk.

Die Anmeldungen zur Gesellenprüfung tm Stein- und Bildhauerhandwerk für die Kreise Fulda, Gersfeld, Hersfeld, Hünfeld find mit den nötigen Papieren bis spätestens 15. Mai an Val. Schreiner, Steinmetzmeister, Fulda, Adalbert- straße 8 zu richten.

(Eine ernste Mahnung.

Nach den Satzungen der Hess. Brandver- Kerungsanstalt können in Gemeinden, in n nach dem Ergebnis der letzten 5 Jahre die Schäden einen außergewöhnlichen Umfang ange­nommen haben und zugleich anzunehmen ist, daß Äiese Erscheinung auf Brandstiftung oder schlechter Löschhilse oder Vernachlässigung der Löschanstalten beruht, durch Beschluß des Landesausschusses die ordentlichen Brandstsuern für diese Gemeinden vor­übergehend um 10 bis 50 Prozent erhöht werden. Diese Bestimmung hat der Landesausschuß in fei­ner Sitzung vom 15. 3. 1929 aus Anlaß der be- denklichen Zunahme von verdächtigen Bränden verbunden mit unhaltbaren Zuständen in der Orts- feuerroehr für die Gemeinde G. im Kreise H. anzu­

wenden für erforderlich erachtet, nachdem eine Ver­warnung durch die Hess. Brandversicherungsanstatt im Jahre 1927 und der Hinweis auf die Möglichkeit der Erhöhung der Brandstsuern fruchtlos geblieben waren. Die Brandsteuern find nunmehr für die betreffende Gemeinde für 2 Jahre um 50 Prozent heraufgesetzt worden. Es steht zu hoffen, daß diese ernste Maßnahme ihren Zweck nicht verfehlen wird, sowohl hinsichllich eines Aufhörens der Brandstif­tungen als auch hinsichtlich einer Verbesserung des Feuerlöschwesens, dessen Träger die ©emeinhe ist und für das sie die Verantwortung trägt. Der Be­schluß wird aber auch für die Gemeinden eine War­nung sein, bei denen mit ähnlichen Verhältnissen zu rechnen ist.

Der Dauverem für den kreis Fulda e. G. m. H. hielt am Samstag nachmittag im Stadtverordneten- Sitzunqssaal seine diesjährige gut besuchte ordent­liche Esnrralveriammltmg ab. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates, Oberbürgermeister Dr. Antoni, hieß die Anwesenden willkommen und widmete dem vor einigen Tagen verstorbenen Aufsichtsrats- mitgliods Jos. Kapp, das von 1907 bis zu seinem Tode dem Auftichtsrat des Bauvereins angehörte, einen ehrenden Nachruf. Sodann erstattete Rech­nungsdirektor i. R. Wohlgemut!) den Geschäftsbe­richt. Aus ihm ging hervor, daß die in 1927 aufge­führten vier Wohngebäude „Am Zickegarten" 11, 13, 15, 17 in 1928 mit Außenputz versehen wur­den. Für 1928 war zur Behebung der Wohnungs­not die Erstellung trort 21 Dreizimmer- Wohnungen „Am Zickegarten" vorgesehen. Da jedoch dem Bauverein vom Magistrat nur eine Hauszinssteuerhypothek von 40 000 Mark zur Ver­fügung gestellt werden konnte, so ließen sich nur 11 Drestirnmer-Wohnungen mit Bad errichten. Größere Jnstandsetzungsarbeiten und Renovierungen wurden in Häusern der Georgstraße ausgeführt, außerdem wurden für Reparaturen und Erneue­rungen aus laufenden Mitteln 5704 Mark aufge­bracht. Als weiteres Baugelände wurde das frü­here Odenwald sehe Gelände mit den bereits beste­henden Wohn- und Nebengebäuden zu insgesamt 35 000 Mark angekauft. Der Vorstand beabsichtigt, das Wohnhaus auszubauen und 3 Vier- und 3 Dreizimmerwohnungen mit Bäd usw. einzurichten. Geplant ist auf dem Grundstück die Errichtung von 5 6 Zwei- und Dreizimmerwohnungen. 37 Mitglieder sind der Genossenschaft in 1928 neu beigetreten. Die Mitgliederzahl beträgt jetzt zu­sammen 454 mit 575 Geschäftsanteilen. Die Geschäftsguthaben betrugen Ende 1928 42 337.80 Mark. Die Bilanz für 1928 schließt ab in Aktiva und Passiva mit 673 792.44 Mark, die Gewinn- und Verlustrechnung mit 50 901.62 Mark. Der Ge­winn von 1928 beträgt 8527.01 Mark. Aus ihm wurden 4 Prozent Dividende genehmigt und 10 Prozent dem Reservefonds überwiesen. Ferner sind 6377.01 Mark dem Eebäude-ErneuerUjNgs- und Reparaturfonds zu überweisen. Im Besitze des Bauvereins sind z. Zt. 69 Wohngebäude mit 16 5 Wohnungen. Dem Vorstände er­teilte die Versammlung Entlastung. Die satzungs- gemäß ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder Dr. Antoni und Konrad R i tz wurden w i e d e r ge­wählt und für den verstorbenen Jos. Kapp Ztm- mermeister Otto Schneemann neu gewählt.

100 Jahre Glaserei.

Am 24. April dieses Jahres befindet sich die Glaserei Traut - Fulda, Kronhosstraße 43, 100 Jahre ununterbrochen in dem Besitz der Fa­milie Traut. Der Großvater des jetzigen Inhabers, Glasermeister Bonifazius Traut, erwarb das Hans am 24. April 1829 unt> errichtete hier eine Glaserei»

Dem Geschäftsgründer wurde vom Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Hessen-Kassel am 13. No­vember 1852 das Prädikat „Hof-Glafermeister" ver­liehen. Ihm folgte sein Sohn Andreas Bonifazius Traut, der als Meister der alten Glaser-Zunft am 6. November 1909 starb. Der jetzige Inhaber, Herr August Traut, führt das Geschäft schon 20 Jahre. Wir wünschen der Familie Traut, daß das Glafer- gewerbe noch recht lange von dem jetzigen Inhaber des Geschäftes und feinen Nachkommen ausgeübt werde.

Denkstein für die Gefallenen des Fuldaer Fleischer- Gewerbes.

Bekanntlich beabsichtigt die Fleischer- Innung Fulda den im Weltkrieg gefallenen Angehörigen der Fleischerinnung Fulda und des Fuldaer Fleischergewerbes ein Ehrenmal zu er­richten. Eine Aufforderung zur Anmeldung der in Betracht kommenden Opfer des Krieges, durch die alle Namen ermittelt werden soll, erscheint in der heutigen Nummer der Fuldaer Zeitung.

Gesellentag und papftfeier.

Wir sind Kolpingssöhne, ^tvlz in Kolpings Geist, 3ttr in hehrer Schöne Uns des Weges weist. Laßt die Fabnen kühn Durch die Lande ziehn, Flattern als Signal: Kolping überall!

Der vergangene Sonntag stand in Fulda im Zeichen Kolpings. Die katholischen Gesellenvereine unserer Diö­zese traten hier zu einem Gesellentag zusammen und be­gingen gemeinschaftlich eine Papftfeier. Nach allem, was man sah und hörte, machte es den Eindruck: Der Gesellenverein in der Diözese Fulda ist gewachsen, nach innen und nach außen; er ist ein Faktor geworden, ml dem man rechnen wird und muß. 15 Gesellenvereine wurden im vergangenen Jahre in unserer engeren .Hei­mat neu gegründet; ihre Zahl ist damit auf über 40 in der Diözese Fulda gestiegen. Ueberall erkennt man die Notwendigkeit des Zusammenschlusses der jungen Män­ner unter dem Banner Kolpings. Der Gesellenverein paßt mehr wie je in unsere Zeit. Allenthalben rocht ein

Georg Friedrich Sändel: „Der Messias".

Aufführung durch den Oratorien- u.Konrertverein„6äcllia"im Gtadffaal

Händel, das vielseitigste musikalische Genie al­ler Zeiten hat sich in -diesem seinem Oratorium ein Denkmal gesetzt, das glänzender ist als das ihm in Vauxhall schon ^während seines Lebens er­richtete Mamorstandoild, dauernder als die stolzen Hallen, unter welchen er inmitten der Großen der englischen Ration seine letzte Ruhestätte gesunden hat. Mag auch die Moderne einige seine Arien zerzausen, deren Koloraturen uns heute zopfig er­scheinen, fo ist doch mit Ausnahme einiger Strien nichts in der Musik des „Messias" veraltet. Auch das moderne in bezug auf Klangwirkungen ver­wöhnte Ohr hängt mit wonnigem Entzücken an der majestätischen Tonpracht der Chöre, an dem ge­waltige Brausen der Fugen.

Die Begeisterung, weiche den Klassiker der pro­testantischen Kirchenmusik bei der Niederschrift fei* nes höchster musikalischer Gestaltungskraft und in­nigster Glaubensfreudigkeit entsprossenen Werkes durchglühte, erfüllte am ^omrtag abend im voll­besetzten Stadtsaal auch die Aussiihrenden: den durch den evangelischen KirchenckM, sowie durch Sänger des Hofmannschen Männerchors und des Gymnasialschülerchors liebenswürdig unterstützter Oratorienverein „Cäcilia". Der über hundert Sän­ger zählende Chor tat sich unter der energischen zielbewußten Führung des staatlichen Musikdirek­tors Gottfried Leber durch Frische der Stim­men, Präzision in den Einsätzen und durch Rein­heit der Intonation besonders hervor. Frisch und freu­dig griff er überall zu. „Ehre sei Gott in der Höhe", Sieh, das ist Gottes Lamm", „Wahrlich, er trug unsre Qual", namentlich aber der wuchtige Chor: „Hock) tut euch auf" waren von ergreifend schöner Wirkung. Mit hinreißendem Feuer kam der breit ausladende Halleluja-Chor zum Vortrag. In „Groß war die Menge der Boten" drohten die Koloraturen zu verschwimmen.

Eine warme Belebung erfuhr die empfängliche Stimmung der Zuhörer durch die ausgezeichneten Darbietungen des Solistenquartetts. Die Soprani­stin, Frau Lulu R ö 11 e r, Frankfurt a. M., von früheren Oratorien-Aufführungen hier wohlbekannt, hat auch diesmal allen Erwartungen entsprochen. Ihr leuchtkräftige Stimme und ihre warmherzige, lebhafte Deklamation brachte sie zur besten Gel­tung. In den beiden Arien: „Er wendet seine Heerde" und dem ewig schönen „Ich weiß, daß

mein Erlöser lebet", standen ihr der Ausdruck tiefer Frömmigkeit und gläubiger Zuversicht in gleichem Maße zu Gebote wie das jauchzende Frohlocken in „Erwach, erwach zu Liedern der Wonne". Unsere geschätzte heimische Solistin, Frau Else Bauer, hatte die wegen ihrer ungünstigen Stimmlage wenig dankbare Altpartie übernommen und führte sie mit Weihe und Inbrunst, unterstützt durch ihr klang­schönes, trefflich ausgebildetes Organ durch. Die Arie: „Er ward verschmäht" und bet C-moll-Satz , Er gab den Schlügen seinen Rücken" erfreuten sich einer eindrucksvollen Wiedergabe. — Der Tenorist August Jordan. Frankfurt a. M., stellte auch gestern wieder voll feinen Mann. Vorbildlich stil­echt ging er den Rezitativen nach. Die Stellen: ,.Er sah umher, ob's jemand jammerte" in „Die Schmach bricht ihm das Herz", das Arioso „Sckmu hin und sieh" und das würdevoll aufgefaßte „Trö­stet Zion" feien besonders hervorgrhoben. Einen wohlgepflegten Baß besitzt Hans Kändler, Leip, zig. Mutter Natur hat ihn auch Fülle und Kraft in die Kehle gesenkt. Die Koloraturen brachte er sehr gut, frei von Unbeholfenheit. Die Töne bringt er mühelos heraus. Seine Kehlfertigkeit konnte man in der Arie: „Warum entbrennen die HeÄen", die er triumphierend und mit heiligem Feuer fang, bewundern.

Auch das Orchester, die ansehnlich verstärkte Kapelle des 5. Artillerie-Regiments, hatte einen sehr wesentlichen Anteil an dem Gelingen der Auf- sührung. Es musizierte mit feinem Klange und folgte seinem Leiter mit warmer Hingabe. Die Weihnachrsmusik der Sinfonie pastorale, ein Sicili­ano der Schalmeien blasenden Pifferari, wurde süß und zart, mit verklärtem Ausdruck finniger Schön- beit gebracht.

Die Orgel darf bei einem Händel-Oratorium nicht fehlen. Da wir eine Stadtsaal-Orgel nicht be­sitzen mußte ein Harmonium aushelfen, das akad. Musiklehrer Blume, Fulda, geschmackvoll und sicher bediente. Er war dem Werk, ein den Mög­lichkeiten des Instruments sich geschickt fugender Interpret. Die Soli begleitete er feinfühlig.

Das Haus spendete dem „Messias" und feiner wütdigen Aufführung herzlichsten Beifall. Musik­direktor Leber konnte als besonderes Zeichen der Dankbarkeit einen Lorbeerkranz in Cmpfana neh­men. I

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