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Sonntag, ven 21. April 1929.

Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

+$+■ Druck der Fuldaer Acttendruckerei, Fulde.

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bis zur Schranke Les Gerichtes. Da sitzt nun dein armer Kollege . . . Dein Beruf ist em Wandeln an Abgründen. In deinen Nervensträngen zappeln Menschenleben. Dos Glück im Zuge, das Glück im Auto, dir ist es anvertraut. Du hast Verantwor­tung. Du, einer der letzten und ärmsten Beamien im Staat, du trägst eine Verantwortung, wie sie ein Minister nicht trägt. Du bekommst für deinen Fehltritt keine Pension, du kommst ins Zuchthaus . . . Fünf Särge, mein Gott. . . Es war zuviel .... Nun legt ihn in den sechsten Sarg, ein Opfer der Derufstreue und der Verantwortung . . . Vie! Bahnwärter stehen an dem unheimlichen blitzenden Schienenweg. Kein Reisender denkt an sie. Sie haben aber ein Herz, das in heiliger Verantwor­tung schlägt, bis es den letzten Schlag tut. R. I. P.

Der Mann im Monde.

schon tot, sie bringt andere um ihr Vermögen, sie endet aber wahrscheinlich in Deutschland schon bald mit einer Reaktion, die dann fürs erste gesundere Verhältnisse schafft. Und der Kultur fortschritt? Er endet ganz bestimmt in einen Gaskrieg. Schul­dig und Unschuldig, Reich und Arm wird in einem verheerenden Kriege ins Elend gebracht werden. Oder, weim es feinen Krieg gibt, dann werden wir 30 oder 50 Jahre wie Sklaven für die Re­parationen arbeiten . . Ach, miet raurig ist un­sere Lage! Wie sagte doch Kierkegaard: Hänge ich mich auf, ich werde es bereuen. Hänge ich mich nicht auf, ich werde es auch bereuen. Entweder ich hänge mich auf oder ich hänge mich nicht auf, ich werde beiden bereuen... Also machen wir vor läufig weiter im Kulturfortschritt. . .

Was ist sonst vom Kulturfortschritt zu berichten? Cs gibt fast in lallen Provinzen schon wieder Lohnkämpfe. Dazu der drohende Eisenbahner­streik. Und wenn man es so liest, die Ziffern hier, die Ziffern dort, wer hat recht? Cs geht wirklich wie in jenem Gericht vor dem König von Preußen. Der Ankläger spricht, und der Alte Fritz sagt: Du hast recht. Der Verteidiger spricht, und der Alte Fritz sagt: Du hast auch recht. Und als sie ihn ver­blüfft anstarren, da sagt er seelenruhig: Ihr habt eben beide recht ... Ich weiß es nicht, aber mir graut bei dem Ganzen immer vor der unheimlichen Maschipe, in die unser Kulturfortschritt die Welt verwandelt hat. Auch wenn man nur das kleinste Häuslein bauen will, muß man einen ungeheuren Apparat in Bewegung setzen. Und steht gar einmal ein Schwungrad still, wie das der Eisenbahn, ja, das ist etwas anderes, als wenn früher einem Po­stillon das Pferd krepierte. Da wurde halt ein an­deres angespannt, und man kam doch hin. Heute kommt man schneller hin, aber manchmal eben auch gar nicht hin. Möge jeder für sein Recht kämpfen, aber nicht vergessen, daß ungeheure Verantwortung den trifft, der die Kulturmaschine zrrm Stillstand bringt.

Und dir noch einen schlichten Nachruf, treuer Bahnwärter, den ein so hartes Schicksal getroffen hat. Wie es ihm wohl schwer gewesen fein mag, einen Posten an der Stelle anzunehmen, wo eben das fürchterliche Automobilunalück geschehen war. Er sah sie wohl die ganze Nacht im Fieber fahren und fahren, bis sie an die schreckliche Stelle kom­men. Da muß er stehen. Keinen Augenblick zu spät kommen. Wie hat seine Hand gezittert, so ost er das Drehrad angefaßt. Und da kommt der Trauerzug. Gestern im Automobil, heute im Sarg. Eine ganze Familie auf einmal. Bahnwärter, gib Acht! Es ist nicht weit von dieser Schranke weg

besonders fein schmeckt m/3ömaten-5uppe

Roman von Marten K o r ch. (Schluß).

er hob den Kopf und fühlte die frische Brise um die Wan­gen, er hörte das fröhliche Klacksen des Wassers unter dem Kiel, das in den Ohren eines Seemanns eine liebliche Musik ist. — Thomas war der letzte der weißen Junker, aber trotzdem war er ein Seemann, er schwang die See- mannsmütze zum Gruße für die am Ufer stehenden bei­den, Helga und Jörgen.

Dann wendete er sich Eva zu, die mit strahlendem Gesicht vor ihm saß. Ach, wie glücklich war er, es wurde ihm ganz schwindelig vor Freude, und während er das leise Wiegen des Htrmelins fühlte, und Eva un­verwandt anfchaute, schlief er ein.

*

Eine halbe Stunde später kehrten Helga uni) Jürgen .ins Hotel zurück. Sie traten noch einen Augenblick auf den Altan, der die Aussicht aus Tivoli hatte. Der An­blick des in bunter Farbenpracht erleuchteten Parks mit seiner wogenden Menschenmenge brachte Jürgens Blut in raschere Bewegung. „Ich werde mir das Glück er­kämpfen," dachte er; und er fühlte, er hatte die Kraft, alle Hindernisse zu überwinden. Noch nie hatte er sich so stark gefühlt wie in diesem Augebnlick, wo er so, Helga dicht neben sich, auf dem Altan stand.

,Ia, der alte Junker Jörgen hat recht," dachte er „die Liebe ist es, die meinem Blut eiserne Kräfte verliehen bat. Jetzt soll die alte Junkerfirma in neuem Glanze er- stehen und florieren wie noch nie."

Eine Sternschnuppe schoß in einem hellen Streifen über den nächtlichen Himmel und erlosch im Osten.

• „Gi sieh!!" rief Helga, und beider Augen folgten der Sternschnuppe.

„Was hast du gedacht, Helga?" fragte Jörgen.

„Ich — ich dachte an Helga von Norwegen."

„So, und ich dachte an den alten Junker Jörgen," er­widerte Jörgen lachend.

„Weißt du was, Jörgen, ich glaube, du bist ein Zau­berer."

Helga schmiegte sich inniger an ihn. „Ach weil ich weiß, daß ich ein ganz anderer Mensch als früher ge­worden bin; ich möchte so vieles ausrichten, ich will ar­beiten, Jörgen; jetzt soll Ordnung äuf dem Junkerhofe geschafft werden!" Helga trat einen Schritt zurück und schlug mit den geballten Händen keck wie ein kleiner Sol­dat durch die Luft.

„Ja, du wirst sicher gewaltig tüchtig," lachte Jörgen.

„Und gut will ich sein, Jörgen! Jetzt soll es vorbei sein mit dem Auffahren und dem Zorn. Du lachst, aber es ist mir Ernst, die beste Frau in der ganzen Stadt will ich werden."

„Das ist nicht wenig," versetzte Jörgen lachend.

„Aber ich will es," sagte Helga nachdrücklich. „Und dann werde ich es machen wie Helga von Norwegen; für jeden glücklichen Tag will ich einen Stein sammeln und alle aufheben zur Erinnerung an unsere Liebe."

„Du hast ja keine Steine, Helga."

„O doch, ich habe welche, Junker Jörgen, und ich hab schon angefangen zu sammeln, aber außer mir kann sie

eben niemand sehen, denn ich habe sie hier drin." Da­mit deutete Helga auf ihre Brust.

„Aber ich darf sie doch wohl sehen," flüsterte Jörgen, Helga an sich ziehend.

„Ja, wenn du lieb bist, werde ich sie dir zeigen, denn du bist ja mein einzig lieber Jörgen."

„Hoffentlich wird es ein recht großer Haufen," ver­setzte Jörgen.

Als sie in ihr Zinuner traten, sahen sie die Rosen. Helga wußte sofort, daß sie von Thomas kamen, denn andere wußten ja nicht, daß heute der Hock)zeitstag war. Da» Brautpaar hatte ausdrücklich verlangt, daß es nie­mand weiter mitgeteilt wurde.

Helga erfreute sich an dem Duft der Rosen, zugleich aber ergriff sie eine gewisse Reue. Nun hatte sie mehrere köstliche Stunden mit ihrem Junker Jörgen verbracht und alles andere über ihrem Glück vergessen, selbst an Tho- mas hatte sie nicht mehr gedacht.

„Sieh doch die Rosen von Thommy, Jörgen! Wie schön sie sind!"

«Ja, sie sind sehr schön," erwiderte Jörgen.

„Manchmal überkommt mich eine sonderbare Angst um Thommy, das ist der einzige Schatten in meinem Glück. Jetzt reift er von uns fort, und er ist i !"r letzten Zeit so merkwürdig gewesen; er will es zwar nicht zuge- ben, aber ich glaube, er ist krank. Wir wollen sehr gut zu ihm fein, nicht wahr, Jörgen?"

„Darum brauchst du mich nicht erst zu bitten, Helga, ich habe Thomas schon sehr lieb gewonnen." Jörgen sagte das sehr ernst, es war ihn wie eine seltsame Ahnung überkommen, die er nicht mehr los werden konnte.

„Niemand auf der Welt hat so einen Bruder gehabt wie ich," sagte Helga.

„Das ist wahr, und wir wollen ihm beide recht danken dafür, Helga. Wir wollen ihm Glück auf feine Reise wünschen."

„Ja, ja, eine recht glückliche Reise!"

„Und wenn ihm etwas geschehen sollte, so wollen wir es so tragen, wie er es gewünscht und verdient hat. Tho­mas hat nie den geringsten Schatten auf dein Glück wer­fen wollen, Helga, am allerwenigsten an deinem Hoch zeitstag."

Trotzdem war ein Schatten auf das glückliche Braut­paar gefallen, vielleicht ein Schatten, der dazu gehört, um dem Glück Perspektive zu verleihen. Helga waren Trä­nen in die Augen gcterten, ganz still betrachtete sie die Rosen; aber ganz allmählich glitt ihr Blick über die ver­goldete Tapete nach dem großen Spiegel hin, der ihre eigene schöne Gestalt widerstrahlte. Sie war ja Braut eine überglückliche Braut, und vor ihr stand Junker Jör­gen, den sie liebte, bei ihm war sie sicher, wenn sie bei ihm roar, konnte ihr nichts auf der Welt etwas zuleide tun.

Mit ihrer gewohnten blitzschnellen Bewegung wendete sie sich ihm zu, ihre beiden Arme um feinen Hals schlin- gcnb, küßte sie ihn, und das Glück und der Sonnen­schein gewannen vollständig den Sieg in ihrem Herzen.

Ich Esel! Verzeihung . . . aber ich habe nicht gesagt: Du Esel, sondern etwas, was durchaus mit der christlichen Nächstenliebe vereinbar ist: Ich Esel . . . Und auch das sage ich nicht ohne Grund. Denn ich Esel war so dumm zu glauben, es könne ein B a n k i n ft 11 u t als solches Wohltätigkeit üben. Ich Esel wandte mich in einer wirklich ern­sten Notlage an solch eine Bank, und ich hätte doch wissen müssen, daß, selbst wenn auch die Direk­toren Franziskusherzen haben, sie doch dieses Herz im Betrieb so hart und steinern erhalten müssen, wie es der Mammon eben ist. Ich Esel, ich hatte bitten müssen für ein staatliches Institut, für einen Wohltätigkeitsbazar oder für etwas Aehnliches, was nach etwas ausfieht, was schön angestrichen in der Oessentlichkeit steht, was in vornehmer Syn­these Liebe und Geschäft verbindet, was man sozu- fäsen auf Zms und Zinseszins hin gleich hätte verrechnen können, also ich Esel habe für einen Au­genblick eine Bank mit Karitas verwechselt. Das ist unverzeihlich. Ich Esel hätte mich an eine arme Angestellte wenden sollen, eine von denen, die für einen Kirchenbau die Halste ihres Wochenlohns geben. — Ich Esel . . .

Nun, ich bin dann ganz nachdenklich geworden. Die Direktoren sind nämlich wirklich gute Menschen dort. Das wußte ich. Ich habe ihnen bestimmt Kummer gemacht. Sie haben am Ende auch über das Entsetzliche einer Lage nachgedacht, die Tau­sende unter uns zwingt, hart zu fein. Und da fiel mir etwas ein von Georg Kaiser. Der schildert einmal in einem seiner technisch vollende­ten Dramen das Elend der Milliardäre. Ein armer Teufel bestiehlt eine Kasse, um einmal das Leben zu genießen. Parfüm, Champagner, brillante Lo­kale, Symphoniekonzert, einmal, einmal nur will er genießen. Ueberhaupt einmal glücklich fein, wie die Milliardäre. Und siehe da, es entpuppt sich diese ganze Welt als ein ausgerechneter Schwindel. Er wird mit feinem Geld noch hundertmal un­glücklicher, als er es ohne Geld war. Und dar­über nimmt er sich das Leben. Ich aber danke Gott, daß ich arm bin wie eine Kirchenmaus. Mich wird die Revolution in Ruhe lassen. Steht auch nachts meine Haustür auf, ich habe keine Diebe zu fürchten. Welcher Milliardär kann fick das leisten?

Ah, so die Revolution! In diesen Tagen war es interessant, die Ziffern die der „Vorwärts" über die Betriebsratswahlen angab, mit denen der „Roten Fahne" zu vergleichen. Der eine nennt den andern einen Schwindler, was aber doch nichts an der Tatsache ändert, daß der Kommunismus nn Wachsen ist. Und da dachte ich auf einmal, wie mir denn manchmal so komische Gedanken kom­men: Was ist nun besser. Revolution oder „Kul­kst rfort schritt ?" Was tut die Revolu- 11 p n ? Sie schlägt bestimmt .ine Masse von Men-

Rhab. Diegelmann Ww,

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diesem Abend fürchtete er sich gar nicht vor dem Zubett­gehen.

Das Bett war sehr gut, herrlich weich und breit, ge­rade so, wie er es siebte. Eine Weile noch dachte er an die Stadt daheim und an seine Untergebenen. Jorgen würde sich ihrer annehmen, das hatte er versprochen, und Thomas glaubte, niemand vergessen zu haben.

Dann dachte er an Helga, den kleinen Wiking mit dem wallenden Blute. Ach, wie lieb hatte er sie doch im­mer gehabt, schon als sie noch ein ganz Heines Mädel war! Jeyt brauchte sie ihn nicht mehr, der rote Junker Jörgen würde sie sicherlich lieben und beschützen.

Schließlich dachte er noch an Eva und den Tiergarten. Wie merkwürdig mar es doch, daß er ein solches Glück erleben durfte, eigentlich war es viel zuviel, und er konnte gar nichts tun, um es sich zu verdienen!

Ob er beten durste ? Dies war noch die einzige offene Frage. Nein, das wagte er am Ende doch nicht, er hatte wohl fein Konto beim lieben Gott, er konnte doch nicht einen Wechsel auf eine Bank ziehen, wo er kein Geld stehen hatte, er wollte ein ehrlicher Kaufmann fein. Aber hatte er vielleicht nicht doch etwas auf seinem Konto? Eva betete ja für ihn, und seine Mutter hatte gewiß auch für ihn gebetet, als er noch ein kleiner Junge war. Jetzt wollte er trotz allem Gott bitten, Eva zu segnen — Gott sollte ihm der Begriff von allem, was heilig und teuer war, fein. Was nun auch geschehen würde, eines wußte er ganz sicher. Eva hatte er fein Glück gebracht, er war zu einem kostbaren Gut für sie geworden, er hatte einen Sonnenstrahl in ihr Herz gesenkt, der nie verblassen würde.

Er dachte auch an den Junkerhof und fein Geschlecht. ®ie gut, daß der alte Streit nun vorbei war! Helga und Jörgen, in beiden war das Beste ,was das Geschlecht sein eigen~ nannte, vereinigt — diese beiden würden es neu aufblühen lassen. Er selbst war der letzte der weißen Junker, aber er hatte nicht die Kraft gehabt, im Leben zu Üegen. Konnte er aber vielleicht jetzt über den Tod siegen, konnte er so sterben, daß er dem Geschlecht zur Ehre gereichte. Doch daran wollte er jetzt nicht den- ken an das Wort des alten Stammvaters, denn diese Worte waren Wahrheit. Trotz allem, was die modernen Menschen auch herausklügelten, der alte Junker Jörgen hatte recht — die Liebe war das Größte auf der Welt.

Es war ganz dunkel im Zimmer, aber Evas Gestalt war bei ihm, ganz deutlich sah er sie; sie schaute ihn mit ihren dunklen, tiefen Augen an, und ein warmes Lä­cheln spielte um ihren Mund. Jetzt aber stand er auf dem Hermelin, die Sonne schien, das Wasier war tief, blau und die weißen Segel leuchteten. Und welches Glück! Eva begleitete ihn auf der Reife, das wurde sicherlich eine wundervolle Fahrt! Eva hatte gesagt, sie würde bei ihm fein, wenn er in Not sei, das war so schön gesagt, es war ihm eine große Beruhigung, und jetzt, wo er glücklich war, wollte sie auch bei ihm sein.

So, jetzt stießen sie vom Lande, und der Hermelin glitt durch die Wogen dahin. Thomas hielt das Steuer,

„Gott beschütze dich!" flüsterte sie ihm zu. Thomas sah, daß ihre Augen voll Tränen standen, und als sie wieder verschwunden war, füllten sich auch seine Augen mit Tränen.

2ln der Ecke, wo der Weg abbog, sah er sich um. Eva ftanb noch an der Pforte. Ihre Gestalt zeichnete sich gar hell von den dunklen Büschen ab; jetzt winkte sie mit ihrem Taschentuche, und er schwang seinen Hut.

Er warf auch noch einen Blick auf den Tiergarten. ötiU und schweigend lag er da, ein Paradies, ein Sonn­tag- 2a, es war ein Paradies, und er mußte cs ver­kästen, — nein, er wollte cs mitnehmen, es festhallen und nie wieder loslasten; gerade so sollte es fein. Er wußte wohl, ein höchst unvollkommenes Maß, das die Menschen sich gebildet hatten. Nicht die Zeit, sondern das Leben war das Entscheidende. Er hatte wenig Zeit er­hallen, aber er durfte durch das herrlichste Tor des Le­bens in das Märchenland eintreten; ja er hatte das reichste Leben erhalten, und deshalb durfte er nicht Hagen, denn Leben war mehr wert als Zeit.

Aber was war doch das, jetzt wurde ihm abermals schwindlig! Rasch rief er eine Autodroschke an und ließ sich ins Hotel zurückfahren.

Als er auf fein Zimmer kam, war er ruhiger gewor­den, ja, er fühlte si chfogar so ruhig, wie seit lange nicht, es war, als habe er gar kein Herz mehr. Und die Angst, die ihn sonst immer quälte, wenn er allein war, war ganz verschwunden; das reiche Glück, das ihm jetzt gehörte, hatte sie verjagt. Er wollte jetzt nur an sein Glück den­ken — an Eva und an alle, die er lieb hatte.

Es war erst kurz nach elf Uhr, nun wollte er noch zwei Briefe schreiben, einen an Helga und Jörgen und .'inen an Eva. Zuerst schrieb er an Helga und Jörgen, ;s sollte fein Abschiedsdrief fein, nein, er fühlte sich nur gedrungen, ihnen vor feiner Abreise von feinem Glück zu erzählen, und das konnte er bester schreiben als müntu lid) berichten. Er lächelte, während er von Eva und vom Tiergarten schrieb, gewiß hatte er noch niemals einen !8ricf geschrieben, der so von Freude erfüllt roar. Dann kam der Brief an Eva; er müsse ihr noch schreiben, ehe er zu Bett gehe, erklärte er, und ihr noch einmal sagen, rote lieb er sie habe, und ihr noch einmal danken. Die Worte fügten sich in ihm rote von selbst, als er den Brief noch einmal durchlas, nickte er, selbst der alte Junker Jör­gen wäre mit diesem Liebesbrief zufrieden gewesen.

Nun wollte Thomas zur Ruhe gehen, doch zuerst trug er einen herrlichen Strauß dunkelroter Rosen, die er be- stellt hatte, in Helga und Jürgens Zimmer hinüber. Er füllte eine Base mit Wasser und stellte die Blumen hin- etn. Sie sollten ein Gruß von ihm sein. Dann ging er rasch in sein Zimmer zurück; er war sehr müde, und an

Rund um die Woche.

LH Esel. — Die unglücklichen Milliardäre. — R volution oder Kulturfortschritt Die große Maschine. — Der Bahnwärter und sein Schicksal.

Aus der Sentrumspartei.

— Geistlichkeit und Zentrum. Uns wird geschrieben: Der große ostdeutsche Parteitag des Zentrums fand eine ausgezeichnete Fortsetzung in einer Geistlichenkonferenz, die am Montag, den 15. April 1929, im Mnzenzhaus in Breslau tagte. Es waren an 450 Geistliche aus dem Fürstbistum Breslau erschienen, sowohlNiederschlcsien wie auch Oberschlesien waren vertreten. Auch der Herr Ge- ncraloikar des Ermlandes wohnte den Berhandlungcn bei und wurde von dem Borsitzenden der Versammlung, Kanonikus Dr Otte, lebhaft begrüßt. Im Mittelpunkt der mehrstündigen Konferenz ftanb ein umfassendes Re­ferat des Reichstagsabgeordneten Prälat Prof. Dr. Schreiber (Münster i. W.) über Religion und Politik. Prof. Schreiber wies überzeugend nach, daß der Klerus bei aller Wahrung des Taktes der jeweiligen örtlichen und zeitlichen Verhältnisse ein positives Verhältnis zum Politischen aufbringen muh, weil es sich um Weltanschauungssragen großen Stils handelt, um deren gesetzgeberische Verwirklichung, aber auch um deren Einbürgerung und Behauptung Im deutschen Volkstum mit Einsatz aller Kräfte gerungen werden muß. Schon die Gebiete der Kirchenpolitik, der Kulturpolitik und der Bevölkerungspolitik zeigen, daß escinenpolitischen Quietismus nicht geben darf. Aber auch die Er­haltung einer leistungsfähigen Landwirtschaft bedeutet die Rettung eines unerschöpflich großen Lolkstumsbesitzcs. Gleichzeitig spricht sich in der Sozialpolitik die Achtung vor dem Rechtsbereich der menschlichen Einzelpersönsich- keit aus. Ebenso greift das Verhältnis von Staat und Wirtschaft in weltanschauliche Sphären. Als zweiter Redner ergriff Prälat lllitzka das Wort, um zu einer Reihe wertvoller Einzelfragen Stellung zu nehmen, in­dem er besonders die schlesischen Verhältnisse und Er­fahrungen kennzeichnete. Der Redner berührte auch die östlichen Schulverhältnisse. Beide Vorträge wurden von der Versammlung mit einer Herzlichkeit ausgenommen, daß spoman der schriftlich formulierte Antrag überreicht wurde, beide Borträge in Druck zu geben, um sie, dem schlesischen Klerus zuzustellen. Die Diskussion gestaltete sich äußerst lebhaft und anregend. Sie berührte vor allem Fragen des kulturellen Grenzschutzes, der weltlichen Schule und der in dieser gebrauchten und lebhaft kritisierten Lehrbücher, die opportunistische Ein­stellung des preußischen Kultusministers, Fragen der Karitas, ferner die Vorschriften über die Minderheiten­schulen, deren loyale Einführung verlangt wird. Die Berfammlung nahm in allem einen erhebenden Verlauf. Der Vorsitzende Kanonikus Dr. Otto schloß mit einem lebhaft aufgenommenen brausenden H o ch auf die deutsche Zentrumspartei, der er für ihre Ar­beiten bewegt und herzlichst dankte.

Statiftilt!

Ein Verwaltungsbeamter schreibt uns:

Berwaltungsvereinfachung! Welch' mißbrauch­tes Wort! Die Abgrenzung der Zuständigkeiten zwischen dem Reich und den Ländern ist ein Be­dürfnis. Mit der Veröffentlichung der Bezüge der Abgeordneten des Reichstages und der Landtage lasten sich weder die finanziellen, noch politischen Probleme lösen.

Es gibt ein Gebiet, wo eine großzügig- Ver­waltungsvereinfachung durchgeführt werden kann, und das ist die Statistik.

Ich behaupte nicht zu viel, wenn ich seststelle, daß ein Viertel der gesamten in den öffentlichen Verwaltungen jedweder Art beschäftigten Per- sonenkreise mit statistischen Arbeiten beschäftigt sind. Auf jedem Rathaus, bei jeder Krankenkasse, bei jedem Arbeitsamt, beim Finanzamt, Land- rotsamt, bei den Ministerien, überall spiell die Statistik eine überragende Rolle. Wenn Deuffch- land mit Statistiken regiert werden könnte, wären wir das bestregierte Land der Welt!

Die breiteste Oeffentlichkeit hat über den ge­samten statistischen Umfang und Unfug überhaum keine Ahnung. Dicke Bücher erscheinen mit Zah­lenreihen an Zahlenreihen, Seiten an Seiten voll. Sie werden in Akten- und Bücherschränke gestellt und — verstauben! Nehmen wir z. B. die Kran­kenkassenstatistik! Große, dicke Bande, — Zahlen an Zahlen gereiht — verkünden von Jahr »u Jahr und beweisen nur, wie uneinheitlich die Beiträge und Leistungen der tausende deutscher Krankenkas­sen sind. Das weiß aber jeder Kenner der ein­schlägigen Verhältnisse auch ohne Statistik.

Wer es nicht glauben will, nehme einmal \ B. die Statistik über die deutsche Krankenversicherung zur Hand und prüfe die einzelnen Fragen und deren Beantwortung nach. Zahlen, Zahlen nichts als Zahlen! Kein halbwegs vernünftiger Mensch liest je einmal ein solches statistisches Monstrum- Werk nach! Zu bedauern sind nur die armen Setzer und Korrektoren in den Druckereien, die sich mit diesem Zablenwust abplaaen müssen. Zu- vnr arbeiten aber Zehntausende Menschen am Zu­sammentragen und Zusammenstellrn dieser Zahlen!

Gewiß besteht eine begrenzte Notwendigkeit statistischer Feststellungen; aber die Statistiken wer­den immer zahlreicher, umfangreicher, detaillierter; die Arbeiten immer vielseitiger; die statistischen Aemter und Amtsstellen immer größer und viel­gestaltiger. Vernunft wird Unsinn; Wohltat Plage!

So ist's bei den Berufsgenossenschaften, den Versicherungsanstalten, Arbeitsämtern und Lan­desarbeitsämtern, bei der Gewerbeinspektion, bei den Handels-, "Handwerks-, Landwirtschastskam- mern, bei den Steuer- und Schulbehörden, bei der Justiz- und inneren Verwaltung. Statistik, Sta­tistik!

Vor mir liegt eine Riesenarbeit statistischer Art über „Die Einkünfte aus Land- und' Forst­wirtschaft nach der Einkommensteuerveranlagung des Jahres 1925". Ich frage: Hat diese Arbeit mit ihren ganz verschiedenartigen Ergebnisten über»

Seit mehr als 100 Jahren spart man in Stadt und Land bei der

Städtischen Sparkasse

gegr. 1825

früher Friedrichsmarkt — jetzt Bahnhofstraße Nr. 5

für