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Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr 92.

schein! sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen „Die Well im Bild" und „Buchenbiälter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl. 1,80 einschl. Bost geb. (30 bezw 48 Pf.» ohne SufteUa.

Samstag, 20. April 1929.

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Sö.Zahrg.

Sie RkMtl»WersWlWMksmnz auf Mag «tagt.

Die Meinungen über den Ausgang -er ttrise sind geteilt. — 3ft -re Uonferenz gescheitert o-er kommt noch ein amerikanischer Vermittlungsversuch. — Schwankende Haltung der Börse.

totb. Paris, 19. April. (Eig. Meldg.) Die auf ; heute vormittag 11 Uhr einberufene Vollsitzung der Reparationssachverständigen-Konferenz, in der über die gestrigen Beratungen des Revelstoke-Aus- schusses Bericht erstattet werden sollte, ist auf Montag vertagt worden.

Man hätte erwarten müssen, daß in der Voll­sitzung am Freitag die Konferenz ausein ander- gegangen wäre. Zahlreiche deutsche Zeitungen verkündeten schon in aller Form das Scheitern der Konferenz. Für Deutschland ist die Lage klar: Lieber ein ehrliches Nein als ein fal­sches Ja, die Devise des Prälaten Kaas muß Allgemeingut in Deutschland in der Frage der Reparationen werden, lieber die deutsche Leistungs­fähigkeit können wir nicht hinaus gehen. Wie es zur jetzigen kritischen Situation in Paris kam, ergibt sich aus folgendem:

lieber den Verlauf der im Unterausschuß Re- velstoke geführten Verhandlungen ist zu berichten, daß Owen D. ?)oung den Vorsitz führte. Wie be­kannt, hat die deutsche Delegation zwei Vor­schläge (A und B), die zu dem gleichen Gesamt, ergebnis (37 Jahreszahlungen von je 1650 Millio­nen Mark) führten, eingereicht. Der Vorschlag A, der einen Teil der zu zahlenden Summe außerhalb des Transferschutzes lassen sollte und dessen An­nahme gewisse Voraussetzungen hinsichtlich der Möglichkeit einer Ausdehnun g des Ex­ports und der Erhöhung der deutschen Zechlungs- Wigkeit enthielt, wurde überhaupt nicht diskutiert, andern nur der Vorschlag B, der die deutsche Zah­lungen etwa unter den gleichen Schutz stellen sollte, wie er im Dawesabkommen vorgesehen ist. Es ist von vornherein ersichtlich gewesen, daß man nur bereit war weiter zu verhandeln, wenn die deutsche Delegation eine Erhöhung der Gesamt- annuität zubilligen würde. Die deutsche Delegation hat erklärt, daß sie bei den gegenwär­tigen wirtschaftlichen Verhältnissen in Deutschland ; nichtin der Lage sei, eine höhere Annuität zu be= ! fürworten. Sie hat hinzugefügt, daß, wenn aus der Mitte des Ausschusses noch irgend eine An­regung gegeben werden könne, die erwarten ließe, daß sich daraus eine Verstärkung verbeut- schen Leistungsfähigkeit erzielen lasse, sie bann bereit wäre, auch über eine höhere Annuität zu diskutieren. Es ist aber keinerlei derartige Anregung mehr gegeben worden, wie überhaupt festzustellen ist, daß auf dieser Konferenz, von kle»- nen Detailsfragen abgesehen, nahezu sämlliche An­regungen von deutscher Seite gekommen sind. Daraufhin hat die Gegenseite festgestellt, daß eine Annäherung der beiderseitigen Standpunkte nicht zu erzielen sei, und in diesem Sinne wird der Vollsitzung berichtet werden.

Es wird angenommen, daß die Reparationskonfe­renz nunmehr beschließen wird, die Diskussion zu beenden und einen Bericht zu erstatten über all das, was während der elswöckiqen Verhandlungen vor sich gegangen ist. An der Abfassung dieses Berichts wird sich die deutsch e Delegation selbstverständ. lich beteiligen. Voraussagen über das, was etwa noch beschlossen w-rden könnte, können natür-

Die sowjetrussischc Abordnung im Vorberei­tungsausschuß für die Abrüstungskonferenz hat entsprechend der vom Präsidenten an sie gerich­teten Aufforderung eine endgültige Formulie- rung der drei Abrüstungsgrundsätze eingereicht, über die sie im Ausschuß eine A,b - stimmung herbeiführen will. Die neue Fassung, die in Form eines Entschließungsentwurfes gehal­ten ist, besagt: „Mit dem Ziele, die ihm obliegende Aufgabe zu präzisieren, die in der Vorbereitung einer möglichst raschen und wirksamen Lösung der Abrüstung besteht, beschließt der Vorbe^i'ungsaus- schuß der Abrüstungskon'ercnz: 1) dm Abk.mmens- entwurf auf der Grundlage einer tatsächlichen Herabsetzung der gegenwärtig b r - stehenden bewaffneten Streitkräfte auszuarbeiten; 2) in den Abkommensentwurf e ne Methode zur Herabsetzung der Rüstungen aufzuneh­men, die auf dem Grundsatz der Proportionautä' fußt oder auf jedem anderen Kriterium, das einen ähnlich objektiven Charakter hat und eben alls auf alle Staaten unter Zulassung gewister Abwei­chungen zugunsten der kleinen und unzureichend ge­schützten Länder anwendbar ist; 3) in den Ab­kommensentwurf zahlenmäßige Koeffiz'enten für die Herabsetzung der Rüstungen aufzunehmen.

Nach allgemeiner Auffassung ist vom Stand­punkt des Ausschusses und der Förderung, der Abrüstungsarbeiten natürlich die wesentliche Frage die unter Punkt 1 aufgeworfene, ob der Ausschuß sich auf den Standvunkt stellt, daß eine fühlbare Herabsetzung der gegenwärtig vorhandenen Rüstungen erstrebt werden muß.

* Aus dem Preußischen Landtag. Der Preu­ßische Landtag erledigte die Aussprache über den Abschnitt „Höheres Schu'wesen" und begann die Aussprache zum Kapitel „Universitäten" beim Kul- tusetat.

* Der Aufwand für die staatlichen Theater. Die Zentrumsfraktion legte dem Preußischen Landtag

lich nicht gemacht werden. Es ist ausdrücklich zu betonen, daß die deutsche Delegation ihren Vor- Sen niemals einen ultimativen Charakter

en hat. Sie hat sich vielmehr, wie wiederholt betont wurde, ausdrücklich zu einer weiteren De­batte bereit erklärt, wenn irgendwelche Vorschläge gemacht werden könnten, die das Risiko, das die deutsche Delegation durch Uebernahme einer der­artigen Verpflichtung eingehen würde, besser be­gründen würden.

Die französische Presse.

wtb. Paris, 19. April. (Gig. Meld.). Die Pariser Morgenpresse teilt einmütig den Stand­punkt, der gestern abend von Havas verbreitet wurde. Sie spricht von politischen Kon­zessionen, die Dr. Schacht gefordert habe, was Iben Tatsachen nicht entspricht. Sie verwechselt absichtlich die Forderungen auf Ausdehnung her wirtschaftlichen Expansionsfähigkeit (Kolonien)) mit politischen Forderungen. Außerdem wird die Er­klärung der deutschen Delegation, daß sie keine höheren Zahlen nennen könne, wenn nicht als Gegenleistung gewisse Bedingungen wirtschaftlicher Art erfüllt werden, als Ultimatum der deutschen Delegation hingestellt, während festzustellen ist. daß der deutsche Vorschlag keinen ultimati­ven Charakter trägt.

Matin schreibt: Letzten Endes wird der Ab­bruch vor allen Dingen Deutschland scha­den, sowohl was seinen Kredit als auch was feine politische Position betrifft. Indessen haben die Sachverständigen selbst noch nicht ihr letz­tes Wort gesprochen und über ihnen stehen die Regierungen, die auch ihre Verantwortlich­keit werden übernehmen müssen.

Echo de Paris erklärt: Richt nur die finanzielle Regelung, sondern auch die Politik von Lo­carno ist getroffen. Die Deutschen haben nur Empfinden für die physische Kraft. Die Besetzung des Rheinlandes hält fie in Respekt. Sobald sie sich frei bewegen können, werden sie sich gegen die Verträge auflehnen, um die Zurückberufung der alliierten Truppen durchzufetzen. Was die Ame­rikaner betrifft, fo ist von ihnen nichts zu er­warten.

Petit Parisien schreibt: In Konferenzkreisen stellt man die Möglichkeit nicht in Abrede, daß das Studium des Problems später auf der Grund­lage des Berichtes, den die Konferenz herausge- bcn wird, wieder aufgenommen werden kann. Es wird ober vielleicht eine lange Zeit vergehen, ehe die dunklen Wolken, die sich über den Beziehungen der Alliierten zu Deutschland angesammelt haben, vertrieben sind. ,

Journal sagt: Man muß den Deutschen selbst die Sorge überlassen sich aus der Patsche zu ziehen, in die sie sich hineinaearbeitet haben.

Petit Journal erklärt, daß weniger ein Bruch als eine Vertagung eingetreten sei. Die Deutschen seien für den Augenblick Gefangene ihrer Politik und würden zu einer gerechteren Auffassung des gestellten Problems zurückkebren.

Ercelsior führt aus: Dr. Schacht hat nur die Deckung der interallierten Schulden gegenüber

einen Gesetzentwurf über die Tagung des Aufwan­des für die staatlichen Theaters Preußens in Berlin, Wiesbaden und Kassel vor. Ar­tikel 1 bestimmt, daß die mit dem Betrieb der Staatstheater verbundenen persönlichen und sach­lichen AuAsgaben einschließlich des Aufwandes für Personen und Unterstützung an die Angehörigen der Staatstheater und deren Hinterbliebene vom Landtag geprüft und bewilligt werden. Rach Ar­tikel 2 haben die Stadtgemeinden Berlin, Wies­baden unb Kassel zu dem Gesamtwand mit Wir­kung vom 1. April 1930 ab einen jährlichen Beitrag zu leisten, der 30. v. H. des bei dem jährlichen Rechnungsabschluß sich ergebenden Defi­zits beträgt.

* keine Vervachttmg der staatlichen Porzellan- manufaftur. Ein Berliner Svätabendblatt ver­breitete am Mittwoch, den 17. April, die Nachricht .sicherem Vernehmen nach lasse der preußische Handelsminister in Bayern mit dem Hutschen- reuter-Konzern verhandeln, um die staatliche Por­zellanmanufaktur einstweilen zu verpachten". Wie der Amtliche Preußische Pressedienst mitteilt, ent­behrt diese Nachricht jeglicher Grundlage.

ttoröafri&a.

Bombenaffenfat auf das italienische Generalkonsulat in Tunis,

wtb. Rom. 19. April. (Eig. Meld.) Wie die Blätter berichten, wurde auf das italienische Ge­neralkonsulat in Tunis ein Bombenattentat verübt, dem keine Menschenleben zum Opfer fielen. Die Explosion war sehr stark. Sämtliche Fenster des Konsulats und der umliegenden Häuser gingen in Trümmer. Der Fußboden des Konsulats wurde , aufgerissen und Splitter und Mauerstücke wurden in einiger Entfernung vom Konsulat aufgefunden. Don den Tätern fehlt bisher jede Spur.

Amerika mit dem Zinsendienst für die Dawes-An­leihe und die der restlichen Beträge der Besatzungs- kosten der amerikanischen Truppen anerkannt. Alles für Amerika, nichts für die Kriegsopfer!

Figaro schreibt: Dr. Schacht scheine ständig von einer nationalistischen Politik inspiriert zu sein, ohne Rücksicht auf den sozialistischen Reichskanzler Müller und auf den Außenminister Dr. Strese- mann, und habe die Verhandlungen dazu benutzt, den Dawesplan, den Friedensvertrag und die Po­litik von Locarno zu bekämpfen.

Iournee industrielle sagt: Dr. Schacht hat seine Gegner weder überzeugen noch trennen können.

Oeuvre sagt: Die Regierungen werden das Werk der allgemeinen Liquidierung des Krieges, wenn nicht auf anderer Grundlage, so doch im we­sentlichen mit anderen Männern wieder aufneh- men müssen. Die jetzige Konferenz ist von Owen D. Poung sehr r-Hed)t geleitet worden.

Quoditien erklärt, an einen Bruch vorläufig nicht glauben zu können.

Die Londoner Stimmen.

Times spricht in einem Bericht ihres Pariser Korrespondenten über die „Ernste Krise". Der Korrespondent schreibt: Wenn die Unterhändler nicht in elfter Stunde ein Kompromiß finden, muß der Zusammenbruch der Konferenz als sicher ange­nommen werden. Eine gut unterrichtete Persön­lichkeit erklärte, es würde nach der Abreise der amerikanischen Delegierten unmöglich sein, eine neue Gelegenheit zu finden, um zu einer end­gültigen Regelung des Problems der deutschen Reparationen zu gelangen. Dr. Schacht habe zwar von der Drohung des raschen Zusammenbruchs der deutschen Finanzen gesprochen, der die Fortfüh­rung des Transfers der Reparationszahlungen in ausländischen Währungen unmöglich machen werde. Von alliierter Seite wurde jedoch bemerkt, daß Deutschland in diesem Falle der Hauptleidtra­gende sein würde, da der deutsche Kredit nicht wie­der gut zu machenden Schaden erleiden könnte.

Der Leitartikel der Daily Mail ist überschrie­ben „Ein Angebot, das wir nicht annehmen kön­nen." Das Blatt bemerkt, es würde krasse Unge­rechtigkeit fein, Groß-Britannien neue Lasten auf- zubürden, damit die deutschen Steuern herabgesetzt werden können; denn darauf läuft der deutsche Plan in Wirklichkeit hinaus. Das Blatt behaup­tet, Deutschland habe in den Jahren 1925 bis 1927 1300 Millionen Pfund Sterling gespart und in derselben Zeit an Reparationen nur 299 Millio­nen Pfund Sterling gezahlt. (!)

Die Auffassung in Berlin.

Das Scheitern der Verhandlungen in dem Un­terausschuß Revelstoke wird von den Berliner Blät­tern als untrügliches Vorzeichen für den Abbruch der Pariser Sachverständigen-Konferenz über die endgültige Regelung der Reparationsfrage ange­sehen.

Der Vorwärts, der erklärt, daß die Sachoer- ständigen-Konferenz als gescheiteert gelten kann, beschäftigt sich besonders mit dem irreführenden Havascommunique, das er den Schlußpunkt eines lystematifchen Feldzuges nennt, mit dem die fran­zösische Regierung seit dem ersten Tage der Kon­ferenz die öffentliche Meinung des eigenen Lan­des und der ganzen Welt zu beeinflussen versucht hat. Der Zweck dieser Stimmungsmache fei ge­wesen, die deutschen Vertreter nervös'und mürbe zu machen und sie zu zwingen, nur solche ziffern­mäßigen Angebote zu unterbreiten, die den absicht­lich hoch geschraubten französischen Forderungen einigermaßen entsprochen hätten. Das Ergebnis dieses Feldzuges fei gewesen, daß die Atmosphäre — zwar vielleicht nicht in der Konferenz selbst — aber um die Konferenz herum, so getrübt, Ja ver­giftet worden fei, daß eine Einigung immer schwe­rer wurde. Hätten die Sachverständigen wirklich in völliger Unabhängigkeit und frei von diesem Druck beraten können, fo hätten sie sich wahrschein­lich längst geeinigt.

Die Germania, die mft dem Abbruch der Pari­ser Reparationsverhandlung als gegebene Tat­sache rechnet, erklärt: Diese Tatsache man bebauen sich fein, aber der Abbruch der Verhandlungen ist jedenfalls besser, als die Uebernahme von Be­dingungen, die auf die Dauer für DenUckland un - tragbar gewesen wären. Die politische Unver­nunft hät noch einmal den Sieg davongetragen Trotzdem konstatieren wir diesen bedauerlicken Mißerfolg mit dem sickeren Gefühl und der festen Ueberzeugung, daß die Zeit in der Reparations- frage Deutschlands bester Bundesgenosse sein wird, wenn das deutsche Volk inRuheundVefon nenheit maiterbin den W a des eige­nen wirtschaftlichen, politischen und geistig en Wiederaufbaues wandeln wird.

In der Recktspresse wird das deutscke Ange­bot als ungewöhnlich weitgehend bezeichnet und in der Deutschen Tageszeitung wird an die deutsche Delegation die Frage gerichtet, wie sie ein der­artiges Angebot mit ihrer Verantwortung für die deutsche Wirtschaft in Einklang bringen will Wenn die Sachverständigen der deutschen Gläubi­ger ein solches Angebot ablehnen, fo zeigen fie damit, nach dem Lokalanzeiger, daß sie nicht un­abhängige Sachverständige, sondern Beauftragte der Regierungen sind, die Deutschland zur Skla-

Die russischen Forderungen in her MiWlOsrage.

oenarbeit auf Generationen hinaus zwingen wol­len.

„Gin böser Rückfall".

Die Wiener Neue Freie Presse sagt: Das soge­nannte Memorandum der europäischen Hauptgläu- biger machte den schlechtesten Eindruck. Dem­gegenüber überreichten die deutschen Vertreter einen Gegenvorschlag, der in einer Welt der Vorurteils­losigkeit und der nüchternen Betrachtungsweise starken E i n d ru ck machen mußte. Das Me­morandum der Gläubigermächte war ein Rückfall in böse Tage und dieser Rückfall hat der Konferenz das Leben gekostet.

Die Wiener Arbeiterzeitung erklärt, man er­innere sich, daß die größte Kriegsentschädigung vor 1914 die Kriegsentschädigung war, die Bismarck 1871 Frankreich auferlegt — und diese betrug nur 5 Milliarden Franken — um richtig abzuschätzen, wie groß jetzt das deutsche Angebot war.

Jin Neuen Wiener Tageblatt heißt es: Die frü­heren Kriegsgegner Deutschlands haben ihre An­sprüche ohne Rücksicht auf die Wirt­schaftskraft Deutschlands angemeldet. Von diesem Augenblick an hatte die Pariser Kon­ferenz ihr fachliches Antlitz verloren. Die Sachverständigkeit war von da ab auf Seiten der Alliierten nur eine Maske, hinter wel­cher die Siegerpolitik des Versailler Vertrages sich versteckte.

Foch un- -er „Marsch nach Berlin"

Der Schriftsteller Raymond Recouly veröffent­licht in einem Buch, das den Titel trägt „L e Memorial d e F o ch" eine Anzahl Unterredun­gen des verstorbenen Heerführers. Ein geschicht­liches Interesse für Deutschland hat ein Bericht über die Demarche, die 1922 kurz vor der Ruhr­besetzung ein nicht genannter französischer Poli» tiker, der den Marschall besuchte, unternahm. Die­ser Politiker habe erklärt: „Wir denken daran, die militärischen Operationen wieder aufzunehmen, unsere Truppen vorrücken zu lassen und nötigen­falls bis nach der Hauptstadt Berlin vorzugehen. Wenn wir erst einmal dort fein werden, dann werden wir schon das Mittel finden, Deutschland zu zwingen, uns das zu ge­ben, was es uns versprochen hat und was es hart­näckig zu geben, verweigert. Wie denken Sie darüber?"

Der Marschall habe den Politiker daraufhin vor eine Wandkarte geführt und ihn gefragt, ob er sich Rechenschaft darüber abgelegt habe, welche Ent­fernung zurückzulegen fei. Er habe ihn darauf aufmerksam gemacht, daß ohne die Mobilisierung von drei Iahresklassen diese Operation auch ge­fährlich sei wegen der Sicherung der Etappenstra» ßen und die Ernährung der Truppen nicht durch» geführt <ei. Der Marschall habe deshalb erklärt: „Selbst gesetzt den Fall, daß das Problem gelöst ist, daß die Mobilisierung durchgeführt ist und daß unsere Truppen in Berlin eingerückt sind. Was würden Sie dann tun? Welche ernstlichen konkre­ten Vorteile würde dieses Dorrücken und diese Be­setzung der Hauptstadt Deutschlands mit sich brin­gen? Es ist möglich, wenn nicht sogar wahrschein­lich ,daß die deutsche Regierung ihren Aufenthalts­ort wechselt und sich — nach dem Beispiel der Rus- ien zur Zeit des Vorrückens Napoleons nach Mos- ' kau — sich z. B. nach Königsberg zurückzieht. Wol­len Sie fie bis dorthin verfolgen^ Wieviel Men­schen würde das roieher koste-»' Für eine f)D-»ra- Hon, deren Nutzen recht ungewiß und problematisch ist, würden Sie ein großes Risiko übernehmen, uni dieses Risiko wäre leider ein wirklich unvermeid­liches. Wollen Sie die Fehler oder Torheiten Napoleons wieder begehen? Ich meinerseits be­trachte diese Operation als die unvorteilhafteste und gefährlichste; ich mißbillige fie von vornher­ein. Ich weigere mich kategorifch, meine Zustim­mung zu geben!"

Der Marschall selbst habe dieser Erzählung hin- zugefügt: „Diese Worte genügten. Man hat als­dann niemals mehr von einem Marsch nach Ber­lin gesprochen."

Die Eheschei-ungsfrage

hat bei den Besprechungen des Rechtsausschusses des Reichstags wieder eine Rolle gefpiet. Die Tages­ordnung der neuen Sitzung des Rechtsausschusfes enthielt in ihrer ursprünglichen Fassung auch wie­der die Besprechung der Ehescheidungsftage. Diese Tagesordnung war aber festgesetzt worden zu einer Zeit, als die Reichsregierung noch nicht endgültig gebildet war. Nachdem zu den Vereinbarungen un: ter den Parteien auch die gehört, daß Fragen von allgemeiner und grundsätzlicher Bedeutung nur iw Benehmen mit a I le n Beteiligten eingebracht und weiterverfolgt werden dürfen, ist eine Absetzung dieses Geaenstandes von der Tagesordnung erfolgt

Das führte zu einem Angriff der Kommunisten auf die Sozialdemokraten, denen vorgeworfen wurde, sie hätten diese Ehescheidungsreform bei Koalition zum Opfer gebracht. Der sozialdemokra- tische Abgeordnete Landsberg erklärte, daß es sich nur um eine Vertagung handle. Der Sozialdemo- <*rat Rosenfeld meinte freilich, daß die Sozialdemo­kratie durch keine Abmachungen gebunden sei, diese Frage nichi zu behandeln.

Das Zentrum wird jedenfalls an feiner grund­sätzlichen Stellungnahme in dieser Frage nicht das geringste ändern

* poffabfinbungen an Bayer« und Württem­berg. Eine Berliner Zeitung brachte eine Notiz aus dem Württembergifchen Landtag, wonach ein Abgeordneter behauptet hat, daß Postabfindungen unter der Hand an Bayern und Württemberg ge- 1 zahlt worden feien. Die Angabe ist in dieser Form