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Anzeiger für die Stadt Julda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.

Nr 87.

^Nchemt sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr 9 Monatl. 1,80 einschl. Postgeb. (30 bezw 48 Pf.) ohne Zustella

Sonntag, 14. April 1929.

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äö.Zahrg.

Iie AbröstNgs-Porlroliserenz und Jeutschlaiid

Deutsch-spanische Beziehungen

Aus Genf wird gemeldet: Als erste Delega­tion für die am Montag beginnende neue Tagung des Vorbereitungsausschusses für die Abrüstungs­konferenz sind die s o w j e t r u s s i s ch e und die chinesische Delegation in Genf eingetroffen.

*

Die Bemerkungen des deuffchen Delegierten Grafen Bernstorff zu der am nächsten Montag beginnenden 6. Tagung des Vorberei­tungsausschusses für die Abrüstungskonferenz find vom V ö l k e r b un d s se k r e t a r i a t ver­öffentlicht worden. Sie- bezwecken, wie Graf Bernstorff in seinem Begleitbrief unterm 8. d. M. an den Präsidenten Loudon hervorhebt, die be­vorstehenden Arbeiten des Vorbereitungsausschus- ses zu fördern und fruchtbarer zu gestalten und sollen eine Erörterungsgrundlage für die weiteren Beratungen bilden, wobei die in den seitherigen Arbeiten verfolgten Ideen weiter entwickelt werden. Die Anregungen des Grafen Bernstorff wollen we­der das Abrüstungsthema erschöpfend behandeln noch irgendwelche andere Anregungen ausschlie­ßen. Es besteht der Eindruck, daß der Vorberei­tungsausschuß eine sehr nützliche Vorarbeit für eine Abrüstungskonferenz leisten könnte, wenn er den Anregungen des Grafen Bernftorff folgen würde.

Die Denkschrift zerfällt in eine grundsätz­liche Einleitung und drei Kapitel. In der Einleitung wird betont, daß in einer interna­tionalen Abrüstungskonferenz alle Rüstungsfak­toren erfaßt werden müssen, wenn sie nicht eine Scheinlösung sein soll. In dem ersten Kapitel- be­titelt „Personeller Faktor", wird vor allem die deutsche Auffassung über die Einbeziehung der aus­gebildeten Reserven in die Abrüstungskonvention dargelegt. Unter der Ueberschrift: „Materieller Faktor" wird im zweiten Kapitel die Berücksichti­gung der reichen Materialausstattung der Armeen mit modernsten Kampfmitteln behandelt, wobei auch der sehr interessante Vorschlag eines allgemeinen Verbotes des Abwurfes von Kampfstoffen aus der Luft und die allgemeine Beschränkung der Luft­waffe gemacht wird. In einem kurzen dritten Kapitel wird schließlich die Frage der Regelung von Streitigkeiten u. die Ueberwachung der Durch­führung der Abrüstungskonvention untersucht. Der wichtigste Teil der Bemerkungen Graf Bernstorffs bezieht sich auf die Frage der ausgebildeten Re­serven, hinsichtlich deren erhebliche Meinungsver­schiedenheiten bestehen, da ein Teil der Staaten, nämlich diejenigen, die wie Frankreich, Italien und andere Länder die allgemeine Wehrpflicht haben, die Erfassung der ausgebildeten Reserven durch die Abrüstungskonvention ablehnt, während eine an­dere Gruppe, zu der auch Deutschland gehört, die Einbeziehung der ausgebildeten Reserven in ein künftiges System der allgemeinen Abrüstung für unerläßlich ansieht. Die Denkschrift des Grafen Bernstorfs macht auf der Grundlage der von der

Thema „Deutsche Wissenschaft und Weltkultur" übernommen. Der Redner entwickelte folgende Grundgedanken:

Rach dem Weltkrieg ist über die europäische und außereuropäische Menschheit eine riesenstarke Sehn­sucht nach Klammern, Wölbungen und Synthesen aufgetreten. Man wollte die Ueberwindung der Zersplitterung, der Zerfleischung, der fortgesetzten Kette von Feindseligkeiten; man wünscht wieder eine Erhebung ins Seelische und ins Kulturelle; man hatte es gefühlt, daß die Kultur an Isolie­rungen sich schwächt und erkrankt; man schuf aus diesem Willen zu einer Wiedergeburt der Mensch­heit neue internationale Assoziationen, wie den Völkerbund, den Internationalen Iuristentag, die Kongresse für überstaatliche Hygiene und Medizin. In dieser großen Entwicklungslinie einer neuen und umfassenden Verknüpfung der Menschheit steht auch die pfncboloaische Sendung und Mission der deutschen Wissenschaft. Sie spiegelt vielleicht am reinsten die Eiaenart deutschen Wesens, sie erhebt den Blick des Deutschen ins Weltweite und ins Weltverbundene; sie ist der Ausdruck für die kultur- geographische und geopolitische Lage des deutschen Volkes, das das große Transitland der europäischen Kulturen bezeichne^. Durch Deutschland führen die Straßen nach Skandinavien zum Mittelmeer; an­dererseits ist es das natürliche Verbindungsglied zwischen den Romanen des Westens und Süd­westens und den Slaven des Oftens wie den Völ­kern des Donautals. Die deutsche Wissenschaft hat im Weltkrieg und in der Nachkriegszeit unendlich schwer gelitten, auch unter Bonkott und unter Aus- fcksiuß vom geistiaen Weltmarkt. Trotz aller un­günstigen Zeitumstände und der schwierigen Fi­nanzlage ist der Wille zur Weltwissenschaft und ins Weltweite in Deutschland nur noch stärker gewor­den, wie das auch für den Fernerstehenden die Me­teorexpedition im Atlantischen Ozean und die Pa- mirexpedition ins Asiatische Hochgebirge anzeigen.

Vor allem fft das Interesse für den unendlichen Reichtum der spanischen Kultur gewachsen. Die Deutschen kommen nach Spanien, um zu lernen. Es fesselt sich die unendliche. Vielseitigkeit, des sva- nifchen Wesens; ebenso wohl die scharf ausgeprägte nationale Eigenart des Spaniers, wie auch die all- qemein-menschliche Art, die über den Bildern von Murille und Velasguez und über den literarischen Schöpfungen Cervantes' und Calderons. aber auch die tief innerliche Glut, die über der Mystik und der ganzen Lebenskultur dieses Landes liegt. Vor allem bietet Spanien heute dem europäischen Geiste,

Aus Madrid wird uns von besonderer Seite geschrieben:

Die kulturellen Beziehungen zwischen Deutsch­land und Spanien haben in der Nachkriegszeit sich außerordentlich gefestigt. Im besonderen ist die Fühlungnahme zwischen der deutschen Wissen­schaft recht lebendig geworden. Es soll Spanien unvergessen bleiben,' daß 110 spanische Gelehrte | gegen den Ausschluß der deutschen Wissenschaftler von den internationalen Forschungsorganisationen sInternational Research Council und Union Acade- mique international) vor aller Welt Einspruch er- oben. Der spanische Staat schickt jetzt Jahr für Jahr Stipendiaten nach Deutschland, deren Ent­sendung durch die Junta para Amplication de Estudios gefördert wird. Anderseits richtete die Handelskammer in Hamburg 1924 einen Stipen­dienfonds für deutsche Philologen ein, die Reisen in das spanische Sprachgebiet unternehmen. Man hat gerade in Hamburg richtig herausgefühlt, wie verflochten Kultur und Wirtschaft, Sprache und Technik sind. Natürlich treten alle diese Bestrebun­gen, die angesichts der schwierigen deutschen Fi­nanzlage nur einen bescheidenen Umfang annehmen können, zurück vor der glänzenden kulturpolitischen Entfaltung Frankreichs. In der zur Zeit in Ma­drid im Bau befindlichen spanischen Universitäts­stadt fft Frankreich mit der Easa Delasquez mit einem künstlerisch-wissenschaftlichen Institut, das mit einem Kostenaufwand von 20 Mill. Francs hergestellt wird, ganz hervorragend vertreten, wäh- rend Deutschland in dieser einzigartigen ciudad uni- versttaria noch abseits steht.

Gleichwohl steigt die Schätzung der deutschen Forschung in Spanien zusehends. Einen Mark­stein m dieser Entwicklung bedeutet die Errichtung ^s.CornitS hisp»nö a le man, die am 4. ^fNl 1929 in, Madi ’i erfolgte. Diese spanisch­deutsche Vereinigung ,k zunächst von Madrid aus die wissenschaftlichen und kulturellen Beziehungen beider Länder vertiefen. Die Begründung und die feierliche Eröffnungssitzung vollzog sich in Gegen­wart des spanischen Kultusministers und führender kultureller Kreise in Madrid. Das Präsidium übernahm der Herzog von I n f a n t a d o. Die Eröffnungssitzung, die im Colegio Aleman statt­fand, wurde emgeleüet durch einen Vortrag des Botschafters Grafen von Welczek, der in sehr in­teressanten Darlegungen die Geschichte der deutsch- spanischen Kulturbeziehungen im neunzehnten Jahr­hundert behandelte. Die Festrede hatte llniver- fitätsprofessor Dr. Schreiber -Münster mit dem

militärischen Unterkommission geleisteten Vorar­beiten einen positiven Vorschlag für die Abrüstung der ausgebildeten Reserven. Außerdem wird eine bestimmte Methode angegeben, wie Heere mit aus­gebildeten Reserven, wie sie vor allen in Staaten mit allgemeiner Wehvpslicht bestehen, und Berufs­heere, die über ausgebildete Reserven nicht verfü­gen, unter Berücksichtigung der Verschiedenheiten der Wehrsysteme vergleichsweise gewer­tet werden können.

Der Brief der Gläubiger.

wtb. Paris, 13. April. (Eig. Meldg.). Havas berichtet über den Inhalt des Memorandums, das im Laufe der heute vormittag stattfindenden Voll­sitzung der Reparationskonferenz überreicht wer­den wird, daß dieses Schriftstück in Wirklichkeit ni ch t ein Vorschlag der reparationsberech­tigten Länder an die deutsche Delegation sei, son­dern eine schriftliche Mitteilung dieser Reparationen an die Reparationskoffserenz, um sie über das Ergebnis ihrer Arbeiten und über ihre Schlußfolgerungen in Kenntnis zu setzen, lieber den Inhalt des verhältnismäßig kurzen Schrift­stückes sei bekannt, daß es ziffernmäßige Angaben über den Betrag und die Anzahl der Annuitäten enthalten werde, die die Sachverständigen der hauptsächlichsten reparationsberechtigten Länder mit der Zahlungsfähigkeit Deutschlands vereinbar er­achten. Dem Memorandum fei eine Aufstellung von Normal-Annuitäten beigefügt, deren Annahme geeignet märe, die Mindestforderungen der reparationsberechtigten Mächte zu befriedigen. Es sei sehr wahrscheinlich, daß die Sachverständi­gen die allgemeine Diskussion über das Dokument erst am Montag beginnen würden, damit die deutsche und die japanische Delegation in Muße das Memorandum prüfen könnten.

„Matin" will über die beigefügte Annuitäten­liste selbst berichten können, daß die darin vorge- schlagenen Anfangsannuitäten 1800 Millionen Rm. betragen und nach und noch auf 2400 Millionen steigen würden, um nach 37 Jahren für 21 Jahre auf 1700 Millionen Mark zurückgehen.

„Journal" sagt bereits voraus, daß die end­gültigen Ziffern unter diesen eben genannten Zif­fern liegen würden, aber nicht mehr viel darunter denn die vier Delegationen feien entschlossen, ihre Position zu verteidigen.

„New Bork Herald" glaubt, daß das Memoran­dum der Gläubigerdelegationen zwar nicht eine Herabsetzung der amerikanischen Reparasionsforde- rung vorsehe, daß aber, da die künftigen Annuitä­ten unter der Normalannuität des Daw-splanes liegen würden, bei Annahme des vorliegenden oder eines ähnlichen Vorschlages die Vereinigten Staa­ten möglicherweise jährlich eine geringere Summe erhalten würden, als sie nach dem Dawes- plan erhalten hätten.

Graf Goto gestorben.

rotb. Tokio, 13. April. (Eig. Meldg.)). Der ja­panische Staatsmann Graf Schimpei Goto, der mehrfach Innenminister war, fft im Alter von 73 Jahren gestorben.__

Mexiko.

Internierung eines mexikanischen Generals in den vereinigten Staaten.

wtb. Nogales (Arrizona), 13. April. (Eig. Meldg.). Der Rebellengeneral Francisco. Manzo hat heute nacht mit feinem gesamten Stabe von 15 Offizieren die amerikanische Grenze überschrit­ten, wo ihn die Einwanderungsbeamten festnah- WM. . ---——------

Das erweiterte Kabinett.

wtb. Berlin, 13. April. (6ig. Meldg.). Der Herr Reichspräsident hat heute auf Vorschlag des Herrn Reichskanzlers den Reichsminister Soch- Deser auf seinen Antrag aus dem Amte des Reichs- Ministers der Justiz entlassen und den Reichsmini­ster a. D. v o n G u e r a r d, 211. d. R., zum Reichs­minister der Justiz ernannt. Ferner hat der Herr Reichspräsident auf Vorschlag des Reichskanzlers den Ministerpräsidenten a. D. Dr. S t e g e r w a l d, M. d. R., zum Reichsverkehrsminister und den Reichskanzler a. D. Dr. Wirth, 211. d. R., zum Minister für die besetzten Gebiete ernannt.

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Die Berliner deutschnationalen Blätter Hu- genberg 'scher Abstammung begleiten die Be­endigung der Krise mit unverhohlenem Mißbe­hagen. Nun mit einem Male schwimmen ihnen die Felle weg. Zerstoben ist der Diktatur-Spuk, die Deutschnationalen sehen sich in einer hoffnungslosen Isolierung.

Das schlimmste ist es, daß sie noch nicht ein­mal begreifen, warum es so kommen mußte. Mit einer Partei, die sich von einem Manne führen läßt, der das Ausland gegen die eigene Heimat itnb die eigene Wirtschaft aufzuputschen sucht, mit einer Partei, die von diesem selben „Führer" Reichsreformvorschläge sich machen läßt, die das Verworrenste darstellen, was je auf diesem Gebiete geleistet wurde, mit einer Partei, die sich in einem geistigen Zustand befindet, der vernünftigen Erwä­gungen kaum zugänglich ist, mit einer solchen Partei läßt sich praktische Politik nicht machen.

Man sehe sich nur einmal an, in welche bemit­leidenswerte Lage gerade die bäuerlichen Kreise gekommen sind, die doch früher in der Konserva­tiven uni) bann Deutschnationalen Partei mit ihre hauptsächlichste Verttetung gesehen haben. Durch den Hugenberg'schen Einfluß sind diese Kreise zur völligen Ohnmacht und Einflußlosigkeit verurteilt. Praktische Hilfe ist ihnen, seitdem Hu- genberg an der Spitze steht, überhaupt noch nicht durch die Deutschnationale Partei geworden, und diese Erkenntnis hat nicht zuletzt das Zentrum, das seine Aufgabe darin sieht, alle Schichten des Volkes mit seiner Fürsorge zu betreuen, dazu veranlaßt, wieder innerhalb der Regierung zu wirken und dort seinen Einfluß zu Gunsten auch gerade dieser so besonders bedürftigen Kreise gel­tend zu machen, die von anderer Seite geradezu verlassen worden sind.

Es mutet deshalb jetzt eigenartig an, wenn gerade von den Hugenberg'schen Blattern auf eine neue Krise spekuliert wird. Sie suchen die Deutsche Volkspartei aufzuputschen. Der Umstand, daß bei der Abstimmung in der deutsch-volks­parteilichen Fraktion sieben Gegner sich befanden und daß innerhalb der Deuffchen Volkspartei sich eine Gegnerschaft gegen die Ernennung Wirth 's geltend gemacht hat, wird zum Anlaß genommen, um wieder einmal Krisenfeuerchen anzuzünden.

Was diesen letzteren Punkt angeht, so müssen wir uns jedenfalls auf das Entschiedendste ver- ditten, daß von anderer Seite uns Vorschriften über diejenigen Persönlichkeiten gemacht würden, die wir als die Verttetung unserer Auffassung in das Kabmett delegieren. Richtig ist allerdings, daß der volksparteiliche Abgeordnete und Staatssekretär Schmidt die Absicht seines Rücktritts haben soll. Er soll erklärt haben, mit Dr. Wirth nicht zu­sammenarbeiten zu können. Schließlich muß Schmidt das ja selber wissen. Seine Entschließungen kön­nen uns und den neuen Minister für die besetzten Gebiete vollkommen unberührt lassen.

Es ist aber weiter interessant, daß in deutsch- nationalen Blättern jetzt zugegeben wird, daß seiner­zeit auf ausdrückliches Verlangen des Außenmini­sters Stresemann eine Ministerkandidatur von Wirth, insbesondere die Uebernahme des V>ze- kanzlerpostens durch Wirth, verhindert worden sei. Wir stellen das für heute lediglich fest.

Die deutschnationalen Blätter klammem sich jetzt noch daran fest, daß die Deutsche Volkspartei diese Regierung nur als eine Uebergangs- I regierung zur Regelung des Etats betrachte, im übrigen aber sich freie Hand Vorbehalte. I

Auch das können wir ja in aller Ruhe abwarten. I Jedenfalls hat diese gegenwärtige Regiemng nicht I das M erkmal einer „Sommerregierung", und wenn erst einmal die Parteien, nachdem sie sich über die j heikelsten Steuer- und Finanzfragen geeinigt ha- I den, zu weiterer praktischer Arbeit zusammen- I kommen, wird sich ja alles andere finden.

Die läppischen Bemerkungen schließlich in einem Teil der Hugenberg-Presse, daß Stegerwalds angeblich bevorstehende Niederlage bei der Füh- I rung der christlichen Gewerkschaften nun durch v., i I liebertritt in das Reichskabinett verschleiert sei, übersehen wir. Sie sind nur ein Ausfluß der ver- I ärgerten und mißmutigen Stimmung in diesen I Kreisen.

Im übrigen muß wider Willen die Hugenberg- Presse selbst zugeben, daß das Zentrum bei Lösung der Krisis „eine glänzende Arbeit" geleistet hat. I

Vie politische Lage in England

Die Regenffchaskfrage und die kommenden Parlamentswahlen.

Don H. L a s k e-London.

Während König Georg V. in Bogdor seiner Ge­nesung entgegengeht, werden die ihm sonst oblie­genden Regierungsgeschäfte von einem im Winter eingesetzten Staatsrat wahrgenommen, der insbe­sondere alle offiziellen Dokumente in Vertretung des erkrankten Herrschers zu unterzeichnen hat. Die unerwartet lange Behinderung des Königs, die sich aller Voraussicht nach über die am 30. Mai statt­findenden Wahlen hinaus erftrecten wird, legt nun den Gedanken nahe, an Stelle des immerhin reckst schwerfällig arbeitenden Staatsrats eine den Be­dürfnissen des politischen Lebens besser angepaßte Einrichtung zu treffen. Vor allem inIrlandist der ohne vorherige Befragung der übrigen Rechts­teile eingesetzte Staatsrat recht unbeliebt. Man hat dort sogar erklärt, nur die von einem Mitgliede des Königlichen Hauses unterschriebenen Dokumente anerkennen zu wollen, und es ist als sicher anzu­nehmen, daß Irland auf der nächsten Reichskonfe­renz die Frage des Staatsrats zur Sprache brin­gen wird. Der Standpunkt des Freistaats findet auch in England vielfach — allerdings wohl un­gewollte — Unterstützung, und zahlreiche maßge- bende Poliffker befürworten die Einsetzung eines Regenten anstatt des Staatsrats. Als solcher käme wohl nur der Thronfolger, der Prinz von Wales, in Betracht.

Es wird mit Recht darauf hingewiefen, daß die Obliegenheiten des Königs von England nicht rein repräsentativer Natur sind, wie das Ausland noch vielfach anninnnt. Die Tätigkeit der Herrschers beschränkt sich nicht darauf, die ihm vom Kabinett vorgelegten Schriftstücke zu unterzeichnen. Sein Einfluß ist zwar mehr indirekter Natur, aber dar­um für die Politik feines Landes nicht weniger bedeutungsvoll. In Einzelfällen gewährt die Ber- faffung dem König Rechte, die sich in Maßnahmen von einschneidender Bedeutung auswirken können. Es fft Brauch, daß der König dem Führer der aus ben Wahlen siegreich hervorgegangenen Partei die Bildung des Kabinetts überträgt. Bei irgend wel­chen Verwicklungen der politischen Lage genießt er jedoch die weitestgehende Freiheit in der Wahl fei­ner Minister. Es ist beinahe mit Bestimmtheit an- zunehmen, daß nach den Wahlen vom 30. Mai der König oder seine Verttetung von diesem Vorrecht wird Gebrauch machen müssen. In diesem Falls ist ein Regent einem sechsköpfigen Gremium, wie es der Staatsrat bildet, vorzuziehen.

Im übrigen werfen die Wahlen bereits ihre Schatten voratts. Die vorletzte Märzwoche brachte eine Art Generalprobe; es fanden nicht weniger als fünf Nachwahlen statt. Wenn man aus ihrem Ergebnis einen Schluß auf den Ausfall der Hauptwahl ziehen kann, so sieht es für die z. Zt. am Ruder befindlichen Konservativen trübe aus. Alle fünf Wahlkreise waren vorher im Besitz dieser Partei, aber nur zwei hat sie behaupten können und auch diese mit einer starken Stimmeneinbuße. Ihr Verlust beträgt in sämtlichen Wahlkreisen durchschnittlich 30 bis 40 Prozent.

Es läßt sich nicht leugnen, daß die Tories ihre ungünstige Lage ausschließlich sich selbst zuzuschrei­ben haben. Mit der Außenpolitik Chamberlains sind große Teile des englischen Volkes immer weni­ger einverstanden. Dazu treten Fehler und Unge­schicklichkeiten im Innern, wie die immer noch herr­schende, berüchtigte „Dora". Uebefflüssig zu sagen, daß die schlechte wirtschaftliche Lage, vor allem die ausgedehnte Arbeitslosigkeit, die Wähler schoren- weffe ins Lager der Opposition treibt. Das alles scheint jedoch die konservativen Parteiführer wenig zu kümmern, die mit erstaunlicher Gemütsruhe die Dinge an sich heran kommen lassen, so daß selbst konservative Blätter ihre Unruhe nicht verbergen können. Während Liberale und Labour Party in klar ausgesprochenen Programmen ihren Standpunkt entwickelt und erklärt haben, welche Polittk sie gegebenenfalls durchzuführen den­ken, hat Baldwin sich bislang in allen Tonarten ausgeschwiegen. Lloyd George's großer Plan zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit — an dessen Ver­wirklichung der liberale Führer selbst wohl kaum glaubt — hat bei den Konservativen zwar Spott und Hohn gefunden, etwas Besseres wußten sie je­doch nicht an seine Stelle zu setzen. Es bleibt ab- zuwarten, was Baldwin in feiner angekündigten großen Rede in Leicester zu sagen haben wird. Der Premier muß schon sehr überzeugende Töne fin­den, wenn er die Massenflucht feiner Wähler auf­halten und einigermaßen ehrenvoll aus dem be­vorstehenden Wahlkampf hervorgehen will.

Was die Wahlaussichten der beiden anderen Parteien betrifft, so gibt sich die Labour Party, wenigstens in den Reden ihrer Führer und in ihrer Presse, den größten Hoffnungen hin, die sich aber schwerlich in vollem Umfange erfüllen dürften. Der Stimmengewinn der Arbeiterkandidaten bei den letzten Nachwahlen war weit weniger bedeutend, als selbst wohlwollende außenstehende Beurteiler angenommen hatten. Immerhin dürste sie als stärkste Partei ins Unterhaus eittziehen. Gut ha­ben im allgemeinen die Liberalen abgeschnitten, denen Throgmorton Streit — die „Wahlaktien" der einzelnen Parteien werden an der Börse nach Art der Prämiengeschäfte gehandelt — heute schon ge­gen 90 Sitze zuerkennt. Sie werden im kommen­den Unterhaus das ausschlaggebende Zünglein an der Wage bilden

der ins Oekonomffche, in das nur Technische und nur Wirtschaftliche abzugleiten droht, einen un- endlrchen reichen Besitz an irrationalen Werten. Spanien ist zudem ein Riesenspiegel, der in seinem Brennpunkt die südamerikanifche Kultur auffängt.