M 87.
Sonntag, ven 14. Aprkl 1929.
Fuldaer Leitung
s. Blatt.
Druck der Fuldaer Acttendruckerel, Fulda.
Rund um die Woche.
Wahlreform. — Europäische Blindgänger. — Kriegsspiele. - Bölkerbundssitzung auf dem Südpol. - Max Hölz. — Vatikanische Münzen.
Die Wahlreform? Mir scheint, es ist das wichtigste Stück davon die Reform der Wähler. Noch einmal:. Soviel erreichen wir durch die Wahl, reform, als sie begleitet wird durch die Reform der Wähler. Sagen wir besser, damit die Sache nichr einseitig wird: Reform an Haupt und Gliedern. Da las ich vor kurzem in einem Wiener Blatt ein heiteres Äerslein von Beda:
Die Politik ist ein Gefchät Genau wie jedes andere! Wer nicht die Kundschaft richtig bbifrf, Der packe ein und wandre! . . .
Podium;
Publikum
Ringsherum---
"Ich bin der jüngste unter den Jüngsten! Ich bin der Linkste unter den Linken! Cm Fatzke ist für mich der Staat, Ich leb für's Proletariat!" . . .
Doch hinterher, doch hinterher, Da dreht sich sehr Der Charakter — Da gibt es so Stellen, Da gibt es so Posten--
Man hat ferne Spesen, Man hat seine Kosten--
Auch das Leben ist eine Kunst, Und wer plagt sich heut umsunst?!
Und so schaut man nach links und so schaut man , snach rechts.
Was den, einen so freut, auch der andere möcht's! Und sie wackeln und Hackeln und packeln herum, Aber endlich, da wird es dem Wähler zu dumm Und er schreitet entrüstet zur Urne---
Und dann . . . beginnt das Theater von vurne!
Cs muß eben das Theater aushören. An seine Stelle m'ch das ernste Sorgen um das Schicksal unseres Volkes treten. Nicht das i ch soll groß geschrieben werden, sondern das Wir, die Gemeinschaft. Und da führt kein Weg beiher. Diese Opfergesinnung erneuert man nur in einem lebendigen Christentum. Beginnt nicht hier die Reform, so kann man getrost jede andere mit einem Spruch von Göß von Berlichingen erledigen.
Dringen wir von hier aus in dis tieferen Schich. ten der Seele der Zeit, so muß man gestehen, daß sich da noch wenig, geändert hat feit den Tagen des Krieges. Dor einiger Zeit wurde von jenen Knaben berichtet, die mit einem Geistlichen den Kriegsschauplatz von Verdun besichtigen. Plötzlich ging da ein Blindgänger los, der nur eben unter der Erdoberfläche verborgen lag. Diesem Schlachtfeld gleicht eigentlich heute das ganze Europa. Unter der Oberfläche ist es ganz voll von Blindgängern, die aber noch die ganze Sorengtadung in sich haben. Geht irgendwo ein Feuerchen kos, muß man befürchten, daß es foforf einen Dachstuhlbrand gebe. Daher auch das Mißtrauen bei jedem Schritt eines europäischen Diplomaten. Kaum ist die Nachricht da, es denke Herr Chamberlain Herrn Mussolini zu befucbert, wie stecken gleich alle die Köpfe zusammen. Bei jeder ungewöhnlichen Begegnung, die irgendein Verantwortlicher macht, denkt man gleich, er griffe bestimmt zum Revolver.
Unter diesen Umständen hat es mich geradezu erschreckt, als ich die Ausführungen aus der Mo-
natsschrist der deutschen Aerztinnen über den ® ? 5 r i e g der Zukunft las. Das sind ja jchone Aussichten. Es wird nicht einmal ein Mft- tel geben, um sich vor den grauenhaften Verhee- ningen dieser inzwischen neu entdeckten giftigen Gase zu schützen. Ich sehe immer die Aussätzigen umherirren, die ein wenig von dem schauderhaften Senfgas geschluckt haben, das solche Krankheiten verursacht. Wir wissen alle darum. Die Presse bringt große Berichte. Dazu erscheint ein Kriegsroman nach dem anderen, verschieden im Wert, aber doch einheitlich in der Auffassung, daß ein Krieg eine über alle Begriffe schreckliche Katastrophe fei. Das sehen wir alle, das wissen die Regierungen, das wittert die ganze Menschheit, und doch gibt es kein Mittel dagegen. Man muß den Menschen ändern, man muß das Tier in ihm Niederhalten, sonst werden wir eine Hölle auf Erden haben.
Den Gipfel der Ironie errsicht es allerdings, wenn sich in solcher Zeit England und Amerika um die Souveränität auf dem Südpol streiten, den eigentlich Amundsen zuerst entdeckt hat, also ein Norweger. Vielleicht kommt diese Humoreske noch vor den Völkerbund, und da würde ich Vorschlägen, man verlege diese Sitzung weder nach Genf noch nach Madrid, sondern genau auf den Südpol. Mögen sich die Herren ins Polareis setzen und von den Eisbären gefressen werden. Die übrig bleibenden Bestien — ich meine die Eisbären — werden daun ins einsame Polarmeer hinausbrüllen, was es um den Sinn einer solchen Souveränität gewesen ist.
Sehr nachdenklich hat mich gemacht das Buch „Vom weießn Kreuz zur Roten Fahne", dessen Verfasser der berüchtigte M a x H ö l z ist. Er zeigt, wie auch der Klassenkampf nur unter der Oberfläche schlummert. Nur den ersten Teil habe ich bisher gelesen, der mit der Verurteilung zu lebenslänglichem Zuchthaus schließt. Mag sein, daß Max Hölz ein außergewöhnlicher Mensch ist, mag sein, daß er sogar im Tiefsten ein Menschenfreund ist, mag auch sein, daß die Ereignisse, die er schildert, wirklich so stattgefunden haben, in Wirklichkeit ist fen Buch außerordentlich gefährlich. Er läßt die Kommunisten insgesamt als edle Menschen erscheinen und wälzt alle Greuel auf die Bürgerlichen ab. Nun wissen wir aber doch, was seiner Zeit beim Wasserturm in Essen geschehen ist, mir kennen allerlei aus der Räteherrschaft in München, was doch nicht nur die eine Seite belastet. Hier erscheint aber der Kommunismus in idealem Licht, und da eine Reihe von wirklich trüben Geschichten aus dem modernen Gerichtsverfahren da aufgetifcht werden, so verstärkt sich noch der ganze Eindruck. Ich meine, es müßten diese Geschichten wirklich auf ihren Wahrweitswert untersucht werden, denn so etwas darf die deutsche Justiz nicht auf sich sitzen lassen, wenn sie nicht allgemeiner Mißachtung mit Recht anbeim- fallen n-ill. Man sieht auch hier, wie die Revolution eigentlich noch gar nicht angefangen hat. im Gegenteil, wie unterirdisch die Feuer heute glühen.
Nach solcher Lektüre war es mir eine reizende Erquickung, als mir eine alte Notiz in die Hände fiel, die von anderen Zeiten spricht. Sie beweist, daß man auch in früheren Tagen d i e Gefahr
des Mammon, aus der alle anderen Gefahren kommen, geknnt hat. Sie beweist aber auch, wie man sich dagegen schützte. Die Notiz betrifft die päpstlichen Münzen, wie sie im alten Kirchenstaat gebraucht wurden. Die Münzen Innozenz XII. trugen zum Beispiel den Wahlspmch: „Ut betur", das ist: damit es weggegeben werde. Unter dem Namen des Papstes lieft man unter den Münzen Benedikts XII.; „Solatium mrferis", Trost für die Armen. Klemens IX. fragt auf der einen Seite der Münze: „Ouis pauper eft?" Wer ist arm? Und antwortet auf der Rückseite: „Avarus." Der Geizige. Sinnreich ist eine Aufschrift auf der Münze desselben Papstes: „Nolite Thesaurizare!" Sammelt euch keine Schätze! Der wohltätige fromme Innozenz XI. prägte auf feine Münzen das Schriftwort auf: „Ouod habeo, tibi do", Was ich habe, gebe ich dir. Auch Klemens XIII. wählte ein Wort der Heiligen Schrift: „Ne obliviscaris paupernm." Vergiß der Amren nicht! Möge der neue vatikanische Staat, so klein er ist, von dem Geist, der sich hier zeigt, in alle Welt ausstrahlen. Das ist die Reform, die mir nötig haben.
Der Mann im Monde.
* Kommunisten krawalle in Berlin. — Drei Polizeibeamle verletzt. Trotz des Verbotes von Umzügen, das das Berliner Polizeipräsidium vor einiger Zeit erlassen hatte, versuchten die Kommunisten am Donnerstag die Polizei durch Veranstaltung von Umzügen zu überrumpeln. Gegen 19% Uhr hatte sich aus. einzelnen kleineren Trupps am Moritzplatz plötzlich ein großer Zug von etwa 400 Personen gebildet, die mit Fahnen und Abzeichen der K. P. D. nach dem Kottbuser Damm zu ziehen versuchten. Als Polizeibeamte versuchten, deir Demonstrationszug aufzulösen, kam es zu einem Handgemenge, in dessen Verlauf einer der Polizeibeamten am Kopfe verletzt wurde. Der Zug konnte gesprengt werden, wobei einer der lautesten Schreier sistiert wurde. Bald formierte sich ein neuer Zug. der inzwischen bis zum Kottbuser Damm gelangt war. Auch hier trat die Polizei den Demonstranten entgegen.’ Dabei wurden zwei der Teilnehmer festgenommen und einer der Beamten verletzt. Ein dritter Zug, der aus einer Nebenstraße kam, tauchte plötzlich am Hohen- staufenplatz im Zuge des Kottbuser Dammes auf und erhielt von allen Zeiten Zuzug. Als hier Polizeibeamte einschritten, wurde ein Wachtmeister von Demonstranten niedergeschlagen und ebenfalls am Kopfe verletzt. Schließlich erschien das Ueberfallkommando und brachte den ernstlich verletzten Beamten zur Neuköllner Rettungswache und bann, da sich fein Zustand als ernst erwies, nach dem Polizeikrankenhaus. Einer der Demonstranten, der von verschiedenen Zeugen als Täter bezeichnet worben war, wurde fest- genommen, außerdem noch fünf weitere Kommunisten. Insgesamt wurden neun Personen festge- nommen. ___________________
* Sozialdemokratie und Kirchsnauslrill. Wie alljährlich, so bringt uns in diesem Jahre der „Vorwärts" (133/1929) eine ausführliche Anweisung für den Kirchenaustritt: „Um allen denen, die in den Vormittagsstunden (Amtsstunden des Amtsgerichtes) nicht abkommen können, den Kirchen austritt zu ermöglichen, stellt sie an einer ganzen Reihe von angegebenen Stellen in den Abendstunden Notare zur Verfügung, die gegen eine Milldestgebühr von 2 Reichsmark die Kirchenaustrittserklärungen ent
gegennehmen. Zum Schluß ermahnt der „Vorwärts" feine Leser, „den Austritt nicht bis zum Ende des Vierteljahres zu verschieben, sondern ihn jetzt schon zu vollziehen . — Die Tatsache beweist, daß die Sozialdemokratie durchaus nicht „religiös- neutral" ist, wie sie es vielfach in katholischen genben glauben machen will.
ttalholische wett.
— Der älteffe Priester der Diözese Speyer gestorben Nach kurzem schwerem Leiden starb der älteste Bürger der Stadt St. Ingbert und zugleich der älteste Prie ster der Diözese Speyer, Geistlicher Rat Hölscher, im Alter von beinahe 92 Jahren. Aus Westfalen gebürtig wirkte er fast 20 Jahre in der Pfarrei Niederwürzbach Von 1907, wo er anläßlich seines goldenen Priesterjubiläums zum Ehrenbürger der Gemeinde ernannt wurde, bis 1927 verwaltete er die Pfarrei Habkirchen und verlebte seine letzten Tage in St. Ingbert, wo er lang« Zeit Hausgeistlicher bei den Schulschwestern war.
— Esperanto und katholische Kirche. Papst Pius X. äußerte sich folgendermaßen über Esperanto: .Ich er- kenne an, daß Esperanto nützlich ist für die Einheit der Katholiken in der ganzen Welt. Esperanto hat eine groß, Zukunft vor sich "
von den Hochschulen.
= An der Handels-Hochschule Mannheim beginnt ba« Sommer-Semester am 2. Mai. Das Vorlesungs-Verzeichnis kann vom Sekretariat der Handels-Hochschule (Mannheim C 2, 1) gegen Voreinsendung von 30 Pf bezogen werden. Der Vorlesungsplan enthält eine Reihe neuer Vorlesungen: Sprachkurse find vorgesehen für Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und Russisch, ferner Kurse zur Pflege der deutschen Sprache. Betreffs der Einzelheiten sei auf das Vorlesungs-Verzeichnis selbst verwiesen.
Tagungen.
— Tagung der Deutschen Gesellschaft für innere Me- dizin. Die Tagung der Deutschen Gesellschaft für innen Medizin in Mainz begann mit Referaten über Schutzimpfung und Heilserumbehandlung bei Masern, Scharlach und Dyphterie. F. Neufeld-Berlin gab als Theo- retiker einen Ueberblick über die experimentellen Grundlagen. v. Pfaundler-München referierte über Masern. Schottmüller-Hamburg sprach über Scharlach. Das zweite große Thema des Kongresses betraf die Diagnostik der Klappenfehler des Herzens (Referent Straup-Göt- tingen) und die Diskompensation der Herzklappenfehler unb ihre Behandlung. (Referent v. Domberg-München.»
wie wird das Wetter?
Unter dem Einfluß von Warmluft, die in der Höhe die Alpen im Osten umströmt hat, hat sich das Tiefdruck- gebiet über Frankreich und Süddeutschland noch etwas verstärkt. Da eine Verlagerung des Tiefs zunächst noch nicht zu erkennen ist, werden wir wohl noch in dem Einflußbereich der übereinander greifenden Luft bleiben.
Vorhersage bis Sonntag abend: Fortdauer der veränderlichen Witterung.
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501 —----
21.
In der Wohnstube in der Bachftraße war die Stimmung allmählich ganz düster geworden. Rasmus und Cornelius waren beide nach allen Richtungen unterwegs gewesen, hatten aber durchaus nichts über Jörgen erfahren können Jetzt waren sie wieder daheim, und ihre und Karens Angst nahm von Stunde zu Stunde zu.
Karen trug das Esten auf und stellte es vor die Männer hin: aber keiner von ihnen mochte etwas zu sich nehmen.
„Wo in der weiten, großen Sandwüste Sahara mag der Junge nur fein?" sagte Cornelius.
Rasmus schüttelte den Kopf, ohne Antwort zu geben, dann stand er auf und wanderte unruhig im Zimmer hin und her.
„Ach, komm jetzt her und setz' dich, Rasmus, und laß uns loten, wo wir eigentlich sind", sagte Cornelius, „Und Sie müssen sich auch setzen, Stegmann: trocknen Sie sich nun einen Augenblick die Augen, das Geflenne nützt ja ganz und gar nichts."
Rasmus setzte sich mit einem Seufzer, und auch Karen ließ sich am Tische nieder, aber sie weinte doch immer noch ein wenig.
„Wir sollten uns lieber ganz klaren Wein einschen- ken, Rasmus, wir sind ja beide Seeleute und pflegen einer Sache gerade in die Augen zu sehen. Also, da ist zuerst ein Unglück."
„Liebster Himmel!" rief Karen mit einem neuen Tränenerguß.
„So hören Sie doch auf zu heulen, Stegmännchen, und geben Sie Achtung! Also zuerst ein Unglück Aber seht ihr, Jörgen ging von hier fort, wohlgemerkt, er ging zu Fuß weg, welches Unglück sollte ihm da wohl zustoßen? Jörgen gehört wahrhaftig nicht zu den Leuten, denen fo leicht ein Unglück zustößt. In der Stadt und in der ganzen Umgegend kennt ihn ja jedermann, i wenn also fo etwas passiert wäre, wüßten wir es schon I
längst, das können wir uns also ganz aus dem Kopf schlagen."
„Ach, Gott fei Dank!" seufzte Karen.
„Das andere aber wäre, daß er vielleicht aufs Meer hinausgefahren ist: aber der Kahn liegt ja draußen, und es ist ganz einerlei, in was für einem Fahrzeug er hinausfährt, und wenn es ein altes Holzscheit wäre, so passiert ihm nichts"
„Aber du vergißt das Schlimmste, Cornelius," warf der Kapitän ein.
„Ich weiß wohl, was du denkst. Du meinst, er könne fortgereift fein, fo ganz im geheimen auf und davon gegangen," versetzte Cornelius.
„3a," fagte Rasmus Iunke. „Er war in der letzt- ten Zeit gar nicht wie sonst, sondern grübelte über etwas nach, was es auch immer sein mochte. Der arme Ker! hat sich mit allzuviel herumschlagen müssen. — Aber, wenn er jetzt fort ist!" Der Kapitän ließ verzweifelt den Kops auf feine Hände niedersinken.
Aber da legte ihm Karen ihre Hand aus den Arm. „Nein, Rasmus, das darfst du nicht von Jörgen glauben ', fagte sie. „Nicht daß ich behaupten wollte, ich fei geradezu eine Mutter für ihn gewesen, denn dazu habe ich gar nicht den Verstand, das weiß ich wohl: ober ich beb ihn vielleicht ebenso lieb gehabt, wie wenn er mein eigener Sohn wäre, und ein wenig kenn' ich ihn doch, und das weiß ich, daß Jörgen niemals von feinem alten ^ater fortgehen würde, ohne ihm ein Wort davon zu sagen, und von uns anderen übrigens auch nicht."
„3d) danke dir für dies Wort, Karen, es kam zur rechter Zeit: ja wir wissen wohl, daß du Jörgen lieb hast, und ich glaube auch, daß du recht hast, Jörgen schleicht sich md)t so davon." Der Kapitän hob den Kops, Karens Worte hatten seine Hauptangst in die Flucht geschlagen.
„Jetzt will ich euch sagen, was ich glaube," nahm Cornelius wieder das Wort. „Seht, Jörgen hat auf einmal große Lust bekommen, fo recht hinauszuschlagen: er ist vielleicht heute nacht auch nicht daheim geroefen’ er hat ein Auto genommen und ist in den Wald gefahren, und ihr könnt euch darauf verlassen, er bummett."
„So etwas tut Jörgen nicht," sagte Karen.
„Ach, einmal muß er es doch so mit Mädel und Alkohol; das ist etwas, das wir von unseren jungen Ta-
. gen her kennen, nicht wahr, Rasmus? Gott Vater im 1 Himmel droben, ich würde mich diebisch freuen, wenn er nun spät in der Nacht total betrunken heimgewankt käme."
„So werden wir Jörgen nie sehen," widersprach Karen.
„Er kann auch ganz leicht in die nächstliegenden Dörfer geraten sein, so in betrunkenem Zustand, meine ich, und die Polizei kann ihn aufgegriffen haben. Vielleicht liegt er jetzt total betrunken hn Arrest."
„Gott bewahre uns davor!" rief Karen.
„Ich aber wünsche bei Gott, daß er dort läge, selbst wenn er fo betrunken wäre, daß er weder hören noch sehen könnte, und er alles wieder von sich geben müßte. Na, sehen Sie nicht so entsetzt drein, Stegmännchen, so etwas kennen Rasmus und ich ganz gut, und wir wissen auch, daß es vorüber geht."
„Still, da kommt jemand!" unterbrach Rasmus.
Alle drei lauschten in atemloser Spannung auf die Schritte, die im Hofe erklangen.
„Das ist Jörgen!" rief der Kapitän. „Es ist Jörgen, ich kenne feinen Schritt! Jetzt seid aber ganz still, ich will es ihm selbst mitteilen." Man merkte es der Stimme wohl an, wie jubelnd froh der Alte war.
„Aber es sind ja zwei, er spricht mit jemand", sagte Cornelius.
„Welch eine Freude, wenn er nun dies hier bekommt," sagte der Kapitän lachend, indem er das auf dem Tisch liegende Testament ergriff. Er hatte gar nicht gehört, was Cornelius sagte, sondern ging nach der Tur, um sie aufzumachen, aber Cornelius hielt ihn zurück.
„Ruhig, Rasmus, nur Ruhe, mir wollen alle drei hier bleiben, denn es geht etwas vor, was es nun auch fein mag." Cornelius hielt Rasmus mit der einen Hand fest und mit der anderen Karen, und da standen alle drei mitten vor der Tür.
Sie waren darauf vorbereitet, etwas Unerwartetes zu sehen; als Jörgen aber nun mit einer von einer Danebrogsflagge halb verhüllten jungen Dame unter der Tür erschien, und sie sahen, daß es die Schwester des Konsuls war, da verloren sie dock, die Fassung.
Cornelius bewegte eifrig feinen „Signalmast", sonll aber blieben alle drei ganz ruhig stehen und starrten den beiden jungen Leuten entgegen. I
„Guten Abend," sagte Jörgen. „Hier komme ich mit meiner Braut."
Noch immer standen die drei unverrückt, als hätten sie die Sprache verloren, und das mar eigentlich gar nicht verwunderlich, denn Jörgen war beinahe unkenntlich. Seine Stimme klang so hell und froh und seine ganze Erscheinung strömte so viel Licht und Wanne aus, als seien alle die bösen Jahre samt und sonders aus seiner Seele verschwunden.
Endlich saßt sich Rasmus und trat auf die beiden zu; er war Kavalier genug, um sich zuerst an Helga zu wenden. Sie hatte er sich allerdings nicht als Schwiegertochter gedacht: aber fein ganzer Groll gegen die weißen Junker hatte schon bei dem Besuch des Konsuls einen gründlichen Stoß erhalten, und alles Milde und Gute seines Gemüts war in den Vordergrund getreten.
„Und sie soll mir willkommen fein," sagte er mit Würde, zugleich aber war er doch tief bewegt; er streckte Helga die Arme entgegen und sah sie liebevoll an.
Und Helga vergaß in einem Nu ihren Haß aus der Kinderzeit; sie machte sich von der Flagge frei, und im nächsten Augenblick schlang sie ihre Arme um den Hals des Kapitäns und küßte ihn auf die rotbärtigen Wangen. Karen wollte sich zurückziehen, aber Helga ergriff sie bei der Hand und zog sie wieder vor.
„Darf ich auch Sie begrüßen?" sagte sie. ..Jörgen hat mir schon fo viel von Ihnen erzählt. Sie sind ihm sa eine Mutter gewesen." Damit küßte Helga Karen Stegmann auf den Mund. Und sie tat es mit solcher Anmut und Zartheit, daß Jörgen mitsamt den beiden Alten ganz gerührt wurde, Karen aber zu meinen anfing.
„Das ist zu viel, viel zu viel," schluchzte sie.
„Es ist kein bißchen mehr, al sbu verdient hast. Karen," sagte Jörgen und legte von der anderen Seite her seinen Arm um sie. Die arme Karen verlor über dies alles fast die Besinnung.
Dann aber fand der Kapitän, daß er nun an die Reihe kommen müsse. „Wir haben recht Angst um dich gehabt, Jörgen, aber nun bin ich von Herzen froh da» versichere ich dir," sagte er, den Sohn an sich ziehend.
(Fortsetzung folot)