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JVs 86.

een 13. April 1929.

Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda.

Rus Irlands Geschichte.

Das man mik der öffentlichen Meinung alles er­reichen kann. — Opfer der Unduldsamkeit. — Eine schöne Frau als Kämpferin und Retterin. — Die Gründer der irischen christlichen Brüder. — Ein Revolutionär und Atheist für die „Laiholic Asso­ciation". — Männer aller Konfessionen für die

Gewissensfreiheit.

Von Dr. Edith R a y b o u l d.

Das irische Volk feiert mit besonderem Jubel die hundertjährige Wiederkehr jenes 14. April 1829, an dem das Freiheitsgesetz erlassen wurde.

Das Gesetz wurde einer stock-konservativen, an- tipapistischen Regierung abgerungen und von ei­nem König unterzeichnet, der den verschraubten Anglikanismus seines Vaters geerbt hatte. Es wurde ohne Aufruhr, ohne Blutvergießen, auf dem Wege gesetzmäßiger, politischer Agitation erzwun­gen von einem Volke, bas fast keine politischen Rechte besaß, durch die ungeheure Tatkraft eines Mannes, der als Katholik das Parlament nicht ein­mal betreten durfte. Als bloßer Privatmann hat der irische Volkstribun O'C o n n e l l in giganti­schem, moralischem Kampfe die britische Regierung in die Knie gezwungen. Er hat die Formel der politischen Agitation entdeckt, die allein seinem ge­knechteten Volke aufhelfen konnte und die nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern das ganze 19. Jahr­hundert hindurch die Formel irischer Freiheitsbe­strebungen geblieben ist. O'Connell hat als erster den mächtigen Hebel der öffentlichen Meinung in Bewegung gesetzt und damit die ganze englische Staatstradition aus den Angeln gehoben.

Heinrich der VIH. hatte sich 1531 zum Ober­haupt der englischen Kirchs ernannt und verlangte, wie aus dem Fall von Sir Thomas More be­kannt ist, den Suprematseid von seinen Beamten. Unter Elisabeth wurden 1559 die Supremats- und Uniformitätsakte feierlich vom Parlamente erneu­ert. Theoretisch blieben sie bis zum Jahre 1829 in Kraft. Nach dem ersten Gesetze mußten alle, die ein Amt bekleideten, den Suprematseid lei­sten. Wer immer durch Wort oder Schrift eine fremde Oberhoheit in religiösen Dingen anerkannte sollte als Hochverräter erhängt und bei lebendigem Leibe ausgeweidst und gevierteilt werden. Nach dem zweiten Gesetz war der Ge­brauch irgend einer Liturgie außer derjenigen der Staatskirche, ob öffentlich oder privat, unter lebenslänglicher Gefängnis strafe verboten und alle, die sich vom staatlichen Gotres- dienste fernhielten, sollten zwei Drittel ihrer Gü­ter einbüßen, oder, wenn sie nicht begütert waren, Gefängnisstrafe erleiden.

Diese Gesetze, die jedem Katholiken die Existenz­möglichkeit raubten, waren die Ursache von Ir­lands tragischem Geschicke. Wohl trafen sie auch die englischen Katholiken fchwer, unter denen hun­derte ihre Glaubenstreue mit dem Leben bezahl­ten, doch handelte es sich in England um eine kleine Minderheit. Dazu waren es meist große, einflußreiche Adelsfamilien, bei denen die Regie­rung frühzeitig in eine stillschweigende Guthei­ßung gesetzlich verbotener Dinge einwilligte.

Ganz anders war die Sache in Irland. Hier weigerte sich das gesamte Volk, die englische Kirchenreform anzunehmen. Zeiten grausamster Verfolgungen unter Elisabeth und Cromwell wech­selten mit anderen, in denen unter den Stuarts Ablässe erteilt und die Gesetze stillschweigend um­gangen wurden. Das Problem war unlösbar. Die Iren wollten von ihrem Glauben nicht lassen, die Engländer nicht von ihrer kirchlichen Gesetzgebung.

300 Jahre lang haben sie in ihrem anglikanischen Eifer daran festgehalten, ein ganzes Volk aller menschlichen Rechte zu berauben. Da es unmöglich war, sämtliche Einwohner von Irland niederzu­metzeln (Cromwell verfolgte wohl zeitweise diesen Plan), so erließ die englische Regierung unter Wil­liam und Mary an Stelle der alten Blutstrafen neue, sogenannte Penalgesetze, die darauf ausgin­gen, dem Katholiken in allen Einzeldingen das Le­ben unmöglich zu machen. Kein Katholik durfte erben oder Güter kaufen, irgendeinen Beruf aus- üben, als Handwerker mehr als zwei Gesellen halten, das Wahlrecht oder irgendwelche politische Tätigkeit ausüben, Waffen oder ein wertvolleres Pferd besitzen, Vormund eines Kindes fein. Schule halten ober selbst in Privathäusern unter­richten. (Gesetze 7 W II—2 Anne, c. 6 1619—1714).

Man stelle sich die strenge Durchführung dieser Gesetze vor in einem Lande, in dem fünf Sechstel der Einwohner katholisch waren! Der große pro­testantische Staatsmann Burke sagte von diesem religiösen Strafgesetz: „Es war ein Mechanismus von kluger und forgfältig ausgearbeiteter Erfin­dung; ein Werkzeug wie kaum ein anderes, von verkehrtem Scharfsinn, ausgeklügeltes, geeignet für die Unterdrückung, Aussaugung und Ernied­rigung eines Volkes, sowie für die Entwürdigung der menschlichen Natur selbst in diesem Volke." Solange diese Gesetze gültig blieben, war für Ir­land keine Rettung möglich. 100 Jahre lang lag das irische Volk geknechtet, in physischem und mora­lischem Elend darnieder.

Erst um die Mitte des 18. Jahrhunderts brach langsam eine bessere Zeit herein. Der neue Geist der Toleranz gewann auch unter den sonst so bi­gotten anglo-irifchen Protestanten, welche die Ver­waltung in Händen hatten, einigen Anhang. Die grausamen Gesetze wurden nickst mehr in ihrer vol­len Schärfe angewendet. Diese Atempause wurde sofort von einigen tapferen und genialen Irländern ausgenützt. Eine Frau ist es, die in ihrer leuch­tenden Güte allen voran geht. Nano Nagle, die junge Schönheit, die am Hofe von St. Germain glänzte, ging freiwillig nach Irland in die Armut zurück, um sich den vernachlässigten halbwilden Kindern ihres Volkes zu weihen. Cs gelang ihr, trotz schier unüberwindlicher Schwierigkeiten, eine Organisation ins Leben zu rufen, die heute als iri­scher Presentationsorden in allen Weltteilen ver­breitet ist, und der die Mehrzahl der irischen Mäd­chen aus dem Volke noch heute ihre Erziehung verdanken.

Was Nano Nagle für die Frau erstrebte, die Hebung des Volkes durch die Erziehung der Ju­gend, das unternahm ungefähr zu gleicher Zeit Edmund Rice, der Gründer der irischen christlichen Brüder, für die mämiliche Jugend. Man war so weit, daß die Regierung die Katholiken, solange sie fick still und verborgen hielten, gewähren ließ. Von sozialen oder politischen Rechten war noch keine Frage. Ein irischer Kanzler konnte in Dub­lin noch erklären, daß in den Augen des Gesetzes so etwas wie ein'irischer Katholik überhaupt nicht existiere. Da taten sich energische Männer zusam­men: Charles O'Com-or, John Curry, Thomas Wyse. Sie gründeten die erste kleine „Catholic Association", bildeten langsam eine öffentliche Mei. nung heran und erzwangen sich von der Regierung zum mindesten die Anerkennung als existierende Körperschaft.

Unter den Protestanten selbst traten jetzt Vor­kämpfer der bedrückten Irländer hervor. Der eben erwähnte Burke nahm sich als erster öffentlich der Befreiung der Katholiken an. Der große irische Parlamentarier und Idealist Henry Grattan wid­mete fein Leben der Sache des geknechteten Vol­kes. Mehr noch als beide tat für Irland der Re­

volutionär und Atheist Wolfe Tone. Aus Frei­heitsliebe verband er sich mit John Keogh, dem Haupte der „Catholic Afsociation". Man nützte die Gelegenheit klug aus, als England, durch den Abfall der amerikanischen Kolonien geschwächt, von der französifchen Revolution erschreckt und den Aufstieg Napoleons befürchtend, jeden Angriff im Rücken zu vermeiden suchte. So wurden die wich­tigen Linderungsakte ertrotzt, die den Katholiken wenigstens das Wahlrecht sicherstellten. (Relief Act. 1793).

Die Irländer durften sich des errungenen Vor­teiles nicht lange erfreuen. Ein paar Jahre später erfolgte die grausame Union. Die Katholiken stimmten dieser politischen Vergewaltigung bet, weil ihnen dafür vom Minister Pitt die Religions­freiheit versprochen wurde. Der Staatsmann aber hielt, wie fo mancher englischer Staatsmann Ir­land gegenüber, nicht Wort. Das Volk sah sich verraten und verlor wieder allen Mut. Aber einer mar da, der als die Glocken zur schändlichen Union läuteten, wie ein Verrückter durch die Straßen von Dublin raste und, Wut in seinem jungen Her­zen, schwor, die Sache seines Volkes siegreich zu Ende zu führen.

Daniel O'Connell wartete und arbeitete lange Jahre hindurch. Dann, als er sich genügend vor­bereitet hatte, trat er vor fein Volk. Durch die Macht feiner Persönlichkeit und durch die geniale Vielseitigkeit, mit der er, proteusartig, allen Nach­stellungen entschlüpfte, flößte er den Armen und Unterdrückten Mut ein. Welchen Mut, das bewies die berühmte Wahl in Clare, wo auf fein Wort

hin taufende von Kleinbauern ihr Hab und Gut gefährdeten, indem sie öffentlich gegen den engli­schen Minister, ihren Grundherren, und für O Con- nell, den Rechtlosen, stimmten. Diese gewaltige Kundgebung öffentlicher Meinung wirkte in ganz England und Irland wie em Feuerstgnal.^ Die Stimmung wurde so geretzt,daß die Regieung ernstlich einen Bürgerkrieg befürchtete Vor dieser Alternative gaben selbst Wellington und PeA nach

Der Sieg O'Connells war keine bloße Episode im politischen Ringen Irlands, auch keine blope innerkonsessionelle Angelegenheit. Es war ein Sieg der Gerechtigkcheit, ein moralisches Ereignis, das für die Geschichte des menschlichen Geistes von unermeßlicher Bedeutung bleibt.

maltiaen Kampf, dessen Abschluß das Gesetz von 1829 bildete, haben sich Männer aller Konfessionen, Geistliche und Laien, Arme und Reiche zusammen, getan, um der guten Sache willen. Sie wußten, daß es der Gerechtigkeit, der Toleranz, der bei- seren Zukunft galt. Alle, die für den Sieg des Geistes über die Materie kämpfen, muffen m Dank, barfett ihrer gedenken.

Zu vieweutsche in der Zremdenl g' on Deutschland stellte früher ein Drittel, heute die hälfte aller Iremdenlegionäre. - Alle Gefellschaftssch.chten vertreten. — Fast sämtliche Unteroffiziere sind Deutsche.

Der geharnischte Protest einiger Schweizer Blätter gegen die Einrichtung ron Werbebureaus in der Schweiz und die glatte Absage der französischen Werbe- zentrale in Paris lenkt wieder einmal (zum wievielten

Rußland schützt seine Zivilbevölkerung vor Gasangriffen.

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Rußland ist bisher das einzige Land, das einen großzügigen Plan für den Schutz der Bevölkerung gegen den chemischen Zukunftskrieg in Wirklichkeit umfetzt. Alle Bewohner der großen Städte werden mit besonders modernen Gasmas­ken versehen, die acht Rubel pro Stück kosten und mit der Steuer zusammenbezahlt werden. Außer­dem werden unterirdische Zufluchtsorte gebaut, die einen zuverlässigen Schutz gegen Gasangriffe

gewähren sollen. Unser Bild zeigt eine Frauen- obteilung bei einer der regelmäßig stattfindenden Gasschutzübungen.

Das Bild zeigt, zu welchen „Höhen des kul­turellen Fortschritts die Menschheit schon gelangt ist. Sie läuft in der „zivilisierten" Gewandung herum, die die russischen Frauen auf obigem Bilde zeigen, um sich vor dem Wahnsinn des Gaskrieges zu ‘ schützen.

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Helga hatte sich erhoben; die beiden standen einan­der nun gerade gegenüber, und aller Augen waren auf sie gerichtet; minutenlang herrschte atemlose Stille in dem großen Saal. Jörgen sah Helga an, angstvolles Flehen lag in seinem Blick, bebende Angst, die deutlich zeigte, daß er sich seines gewagten Vorgehens wohl be­wußt war, aber auch, daß es sich um sein ganzes Glück handelte. Deshalb bat und flehte er; aber es lag auch noch etwas anderes in seinem Blick, etwas Starkes, das verlangte, ein strahlender Glanz, der Glück verhieß.

„Komm!" sagte er laut und streckte die Hand aus. Nur dies eine Worte sagte er, aber er sagte es so, daß es Helga eine lange Geschichte von einer starken, echten Liebe berichtete, die sich trotz gewaltiger Hinderniste einen Weg in einem trotzigen Herzen erkämpft hatte. Ja, dieser Blick erzählte von glühender Sehnsucht, aber auch von quälender Sorge. Zweifel und Hoffnung la­gen in diesem Blick; die Hoffnung aber war am stärk­sten, die Hoffnung wollte siegen.

„Du sollst deine Hand dem Mann schenken, den du lieb hast", das war der Ausspruch des Bruders, der noch in Helgas Ohren klang; da fiel ihr ein, daß heute der zwanzigste Juli war, und sie lächelte. Nicht eine Se­kunde zögerte sie mehr; ruhig und vertrauensvoll legte sie ihre Hand in die Jörgens.

Jörgen legte seinen Arm fest um sie, und Helga lehnte sich an ihn.

„Rasen Sie, Mensch!" rief Bulder. Er packte Jör­gen beim Arme, und Fräulein Harder hielt Helgas Hand fest . Die Gäste drängten sich um sie zusammen, aber trotzdem schritten die beiden weiter der Tür nach dem Garten zu.

Ein geheimnisvolles Etwas lag über ihnen, fo daß die andern sie nicht aufzuhalten vermochten. Aber dicht vor der Gartentür stand Thomas als letztes Hindernis; es sah aus, als wolle er sie mit Gewalt zurückhalten

Jörgen sah Thomas trotzig an; er war bereit, jeden Widerstand auch, von Thomas' Seite zu brechen. Tho­

mas sah indes durchaus nicht feindselig aus; er war nur sehr bleich und starrte seine Schwester erschrocken und fragend an.

Helga legte ihm den Arm um den Hals und flüsterte ihm etwas zu; dann sah er ihr tief in die Augen und entsetzte sich in dem Gedanken an das Unglück, das fo leicht hätte geschehen können. Jetzt erst sah er das Feuer, wovon der alte Junker Jörgen in seinem Buche sprach, er war.ja blind gewesen, und jetzt begriff er auch, was sein geliebtes Schwesterlein gelitten hatte.

„Sagen Sie doch etwas, Thomas!" rief Fräulein Harder; aber Thomas hörte nicht auf sie, er drückte nur Helgas Hand fest in seinen beiden.

„Woher kommst du, Jörgen? Bist du daheim ge­wesen?" fragte er Jörgen in merkwürdig ruhigem Tone.

„Nein, ich bin nicht daheim gewesen, aber jetzt fahre ich im Boot hinüber und nehme Helga mit," erwiderte Jörgen etwas herausfordernd.

„Ja, fahrt nur beide hinüber; aber kommt wieder hierher zurück! Nicht wahr, Jörgen, das tust du?"

„Ja, ich werde schon kommen," antwortete Jörgen, und dann machte Thomas selbst die Tür auf, und die beiden Glücklichen gingen die Stufen hinunter und durch den Garten dahin.

Die Gäste drängten sich an den Fenstern, allgemei­nes Gemurmel erhob sich, während man den beiden eif­rig auf ihrem Weg nach dem Landungssteg und ihrer Fahrt über den Fluß nachfah. Man sah bald Bulder an, der laut rufend im Saal stand, bald Thomas, der sich immer noch vor der Tür hielt und den Ausweg versperrte. Das war doch endlich einmal ein Ereignis, wovon man reden konnte, und die ganze Gesellschaft ge­riet in richtige Abenteuerstimmung.

Drüben an der Insel stiegen Jörgen und Helga an Land; fest umschlungen, vom hellen Mondlicht umflos­sen, wanderten sie in einer von silbernen Lichtstrahlen erhellten Welt, wo nur sie ganz allein sich befanden.

Jörgen geleitete Helga in das Gartenhaus, da erst zog er sie an sich und küßte sie.

„Ach Gott fei Dank, daß du kamst, Jörgen!" flüsterte Helga. „Aber daß du es wagtest! Wußtest du denn, daß ich mit dir gehen würde?"

„Nein, ich war dessen nicht ganz sicher, aber ich hoffte es. In der letzten Zeit war ich gar nicht mehr im richtigen Gleichgewicht gewesen, ich war mir nicht klar darüber, was ich tun sollte, aber bann —"

„Was dann, Jörgen?"

„Dann las ich Junker Jörgens Buch, und da ging es mir eben, wie es ihm damals ging; und ich glaube auch, daß ich es deinetwegen mit der ganzen Welt auf­nehmen würde."

Helga nahm Jörgens Hand zwischen ihre beiden und sah ihn gerade an. „Mein Junker Jörgen", sagte sie lächelnd. „Ach wie gut, daß du kamst, Jörgen, ich war da drinnen am Ersticken vor Sehnsucht und Verzweif­lung; aber jetzt ist es gut, Junker Jörgen, jetzt ist alles miteinander gut." Sie schmiegte sich an ihn und küßte ihn.

„Aber jetzt komm, ich bin heute gegen Vater und die anderen daheim gar nicht gut gewesen; sie sind sicher sehr besorgt um mich."

„Ja, komm, komm, Jörgen, wir wollen gleich zu ihnen gehen, und wenn du zu deinem Vater kommst, dann hat er eine große Freude für dich in Bereitschaft!" Helga lief voraus und zog Jörgen mit sich fort.

„Halt, wir wollen die Flagge mitnehmen," sagte Jörgen und machte bei der Flaggenstange halt.

„Ei sieh, du hast die Flagge auf des alten Junker Jörgens Stange at‘ zogen; ich hatte es heute vor­mittag wohl gesehe.. and da wurde ich ganz aufgeregt, eine unbändige Seh.,sucht nach dir stieg in mir auf. Ach wie furchtbar hab ich mich nach dir gesehnt, Jör­gen!"

Jörgen hatte die Flagge heruntergenommen. „Und Gott weiß, wie lange ich mich schon nach dir gesehnt habe! Wohl schon von dem Tag an, wo du mich ge­bissen hast."

„Wo ich dich gebissen habe?"

„Ja, weißt du denn das nicht mehr? Nun, es ist jetzt auch wirklich schon lange her. Aber hier, da sind noch die Narben von deinen Ääbnsn." Jörgen zeigte Helga leine Hand.

„Hab ich dich wirklich gebissen?" Helga war ganz reuevoll, als sie die Narben von ihren Zähnen in Jür­gens Hand sah.

„Jawohl, das hast du, aber ich riß dir dein Perlen­halsband entzwei und verletzte dich am Hals; ich er­innere mich gut, daß ein paar Blutstropfen hervor- quollen; es tat mir nachträglich recht leid. Ich nahm ein paar von den Perlen, und ich habe sie bei mir, jetzt sollst du sie wiederhaben," sagte Jörgen, indem er drei rote Perlen aus seiner Tasche zog. „Nein, jetzt be­kommst du sie nicht, erst später an einem andern Tag."

„Ach Jörgen, hast du sie wirklich so lange aufgeho- den! Aber warum nur?"

„Ich glaube, weil ich dich von jenem Tag an lieb gehabt habe, meine Helga. Während der vielen Jahre, die ich in der Welt draußen war, hatte ich unsägliches Heimweh nach Dänemark und meinem Geburtsort; aber es war, als ob sich die ganze Sehnsucht um dein Gesicht vereinigte, um dein Kindergesicht mit den wilden Locken. Das hatte mir immer vorgeschwebt."

„Hast du wirklich so sehr Heimweh gehabt. Jörgen?"

„Ja, das darfst du glauben, es war wie Hunger. Ich hätte auch gut eine Dänemarks in Erz aushauen kön­nen, und sie hätte dein Gesicht bekommen, alle deine Züge, fo wie ich sie mir dachte.

„Und sie waren natürlich viel schöner als in Wirt­lichkeit," neckte Helga mit schelmischem Lächeln.

„Nein, bei weitem nicht fo schön," versicherte Jör­gen; aber gleich darauf sah er Helga ernst an. „Ach, wie glücklich und dankbar bin ich jetzt! Ich habe viel gekämpft, aber ich bin auch herrlich belohnt. Jetzt glaube ich an den alten Junker Jörgen, und jetzt weiß ich auch, was das Größte auf der Welt ist."

„Was denn?" forschte Helga.

„Jetzt hab' ich alles hier beisammen," erwiderte Jör­gen, indem er Helga fo in die große Flagge einhüllte, daß nur noch ihr Gesicht sichtbar war. „Und jetzt ergreife ich Besitz von dir, ich weiß, daß du mein eigen bist," schloß er. Rasch hob er sie in feinen Armen auf und trug sie nach dem Hause.

^Fortsetzung folgt.)