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M 73.

Mittwoch, den 27. März 1929.

Bilder vom Tage.

Dr. Menzel,

dec Polizeipräsident von Magdeburg, wurde unter Ernennung zum Ministerialdirektor mit der Lei­tung der Abteilung I (Politik, Verfassung, Ver­waltung und Beamtentum) im Reichsministerium des Innern betraut. Der neue Mitarbeiter Seve- rings war in Schlesien Landrat, bevor er vor wenigen Jahren an die Spitze des Magdeburger Polizeipräsidiums gestellt wurde. Er ist Sozial­demokrat.

General Sarrail,

einer der meistgenannten französischen Heerführer, ist 73 jährig gestorben. Er war 1914 komman­dierender General des 6. Korps, übernahm bei der Mobilmachung den Oberbefehl der 3. Armee und hat eine besondere Bedeutung gewonnen, als er 1917 in Saloniki das Kommando der verbün­deten Streitkräfte auf dem Balkan erhielt. Er wurde noch vor dem Zusammenbruch der Bulgaren nach Paris zurückberufen und in den Ruhestand versetzt. Sechs Jahre später ist er reaktiviert und als Oberbefehlshaber auf einige Monate nach Syrien geschickt worden.

Der Poststempel für die Luftpost des „Graf Zeppelin".

Der Poststempel, mit dem die durch den „Graf Zeppelin" beförderten Briefe versehen werden, wird einmal ein begehrtes Stück für Sammler darstellen.

Die roten und weiften Um.

Roman von Marten Korch.

36] ---------

Plötzlich drang Helgas Stimme an des Konsuls Ohr. Da schüttelte er alle seine Sorgen ab und hüllte sich in seine gewohnte künstliche Ruhe. Er rief Helga her­ein, und sie begann sogleich laut und vergnügt mit ihm zu plaudern.

„Hast du gesehen, daß vierzig Wagen und zwölf Autos im Hofe stehen, Thommy? Offenbar ist es dem Etatsrat wirklich gelungen, die Gutsbesitzer zusammen- zutrommeln, das gibt viele Stimmen für dich!" rief sie.

„Allerdings, aber wir haben sie wohl auch nötig, Helga."

„Natürlich, denn die Hauptsache ist, daß eine recht große Mehrzahl für dich herauskommt, damit die in der Bachstraße eine recht gründliche Abfuhr erleben."

„Wir dürfen nicht allzu sicher sein, Helga, Onkel Rasmus hat viele, die für ihn stimmen."

„Unsinn, Thommy, das darfst du nicht einmal sagen. Selbstverständlich gewinnst du, du mußt gewinnen." Helga blieb dicht vor dem Bruder stehen und sah ihn aufmerksam an.

„Würdest du denn nicht wütend werden, wenn du verlörst, Thommy?"

„Aergerlich wäre ich allerdings, das weißt du ja, absr wütend, nein, das darf man nicht werden, Helga."

„Ach, ich werde es trotzdem, Thommy. Aber es kann ja nicht schlecht gehen, es ist unmöglich!" Helga trat einen Schritt zurück und schüttelte ihren schönen Kopf, und der Konsul mußte bei ihrem Anblick unwill­kürlich an ein sich aufbäumendes Nordlandpferdchen denken.

„Wie es nun heute auch gehen mag, so darf das den Zwist nicht noch erbitterter machen, als er schon ist, Helga." Dies sagte Thomas mit jener einfachen Ruhe, die Helga zu verstehen gab, daß es eine Sache war, die ihm sehr am Herzen lag.

Fuldaer Zeitung

3. Blatt.

+$+ Druck der Fuldaer AcNendruckerei, Fulda.

Vas Konhoröat in Italien.

Bon unserem eigenen römischen Mitarbeiter:

Das italienische Konkordat auch nur kurz skiz-. zieren zu wollen, heißt, es seinem ganzen Umfange nach wiederzugeben. Das ist nicht möglich.

Bekanntlich sichern Artikel 1 und 2 die freie Ausübung der geistlichen Gewalt, Artikel 3 bis - 15 regeln die Stellung der Priester und der Kirche dem Staate gegenüber, eingehend wird von den Militärgeistlichen gesprochen, weiter werden die Diözesen den Landesgrenzen und möglichst auch den Provinzialgrenzen angepaßt, der Staatseid der Bischöfe wird festgelegt, die Voraussetzungen für die Uebernahme kirchlicher Benefizien werden präzisiert, das Ernennungsrecht, die Vermögens­frage der Kirchen, die kirchliche Gesetzgebung, be­sonders die kirchliche Trauung und die Fragen von Unterricht und Erziehung werden in Details be­stimmt.

Die einzelnen Gegenstände werden noch oft und gründlich zur Verhandlung stehen, betreffen sie doch die ganze Praxis des kirchlichen Lebens in Italien. Hier sei auf einige Punkte von aktuellem Interesse eingegangen. Da stoßen wir auf den Ar­tikel 22:

„Mit Benefizien können nicht bekleidet werden (also eigentliche Pfarrer können nicht werden, D. Red.) solche Geistlichen, die keine italienischen Bür­ger sind.

Die Inhaber der Diözesen und der Parochien müssen außerdem die italienische Sprache sprechen. Wenn nötig, müssen ihnen Koadjutoren beigege- ven werden, die, außer daß sie des Italienischen mächtig sind, auch die lokalgebräuchliche Sprache verstehen und sprechen, damit sie religiöse Assistenz leisten können in der Sprache der Gläubigen nach den Regeln der Kirche."

Wir wollen hoffen, daß es hier keine Schwie­rigkeiten gibt. Der Begriff der Muttersprache ist nicht ganz eindeutig festgelegt. Außerdem besteht ja die Gefahr, daß die deutsche Seelsorge-Sprache mehr und mehr zurücktritt, wenn es dem Staat ge­lingt, das Deutsch aus der Oeffentlichkeit zurück­zudrängen, wie es aus der Schule schon heraus ist. Aber auf alle Fälle liegt hier nun eine große Ver­antwortung der Bevölkerung selber, das Deutsche nicht verdrängen zu lassen; denn nur dadurch kann die deutsche Seelsorge gerettet werden.

Sehr wertvoll aber ist es, daß hier ausdrücklich festgelegt ist, daß es nach den Regeln der Kirche zugehen soll. Man denke an die großartige Arbeit der Propaganda Fide in aller Welt, die doch unter allen Völkern so sehr die Muttersprache schützt und pflegt, so wird man dessen gewiß sein, daß die Kirche nicht den Kulturvölkern versagt, was sie den Naturvölkern als selbstverständlich gewährt.

Es erhebt sich die Frage, wie nach Artikel 36, der für alle Schulgattungen den Religionsunter­richt obligatorisch macht, der private kirchliche Re­ligionsunterricht gestaltet wird, der kürzlich in Südtirol eingeführt wurde. Wir haben Grund anzunehmen, daß es nicht zufällig war, daß die­ser Unterricht mit Billigung des Papstes in jenen Wochen verordnet wurde, als bereits der Abschluß des Konkordats bevorstand. Der Staat als sol­cher hat jenen Unterricht bislang auch nicht ange­tastet. Er fällt fraglos unter die im Konkordat aus­drücklich gewährleistete religiöse Assistenz. Wieder muß man sagen, daß es jetzt doppelt auf den Eifer und die Beharrlichkeit unserer deutschen Brüder in Südtirol ankommt, damit die Gerechtsame, die hier gewährt wurden, voll ausgenutzt und für dauernd gesichert werden.

Die Diözesen sollen (Artikel 16 und 17) nicht nur den Landesgrenzen, sondern möglichst auch den Provinzgrenzen angepaßt werden. Die Min­derung der Zahl der Diözesen soll nach und nach, wie diese vakant werden, erfolgen. Hier gibt es also nicht sehr rasch tiefgreifende Umwälzungen. Auch da haben wir ja unsere besonderen Interes­sen in Südtirol, doch sei das der Zukunft vorbehal­ten.

Aufmerksam wird man in Deutschland auch den Artikel 21 lesen. Danach muß der Bischof den Na­men jedes neuangestellten Pfarrers (Pfründenin­habers) der italienischen Regierung mitteilen, die ein Einspruchsrecht von dreißig Tagen hat. Vielleicht erinnert man sich an den Kulturkampf, als es um ähnliches ging. Allerdings kann als letzte Instanz ein Schiedsgericht angerufen werden, das aus je Mei Vertretern des Staates und der Kirche besteht. Das mildert immerhin diese Bestimmung.

Nach Artikel 2 d müssen die bischöflichen Be­kanntmachungen entweder auf lateinisch oder auf

italienisch verfaßt sein. Neben dem italienischen Text dürfen die Behörden eine Uebersetzung in an­deren Sprachen veröffentlichen. Daraus geht also hervor, daß im Falle einer solchen Uebersetzung Italienisch als Grundsprache gewählt werden muß.

Artikel 43 b lautet, nachdem die Unantastbarkeit der Katholischen Aktion in a) garantiert worden ist:

„Der Heilige Stuhl benutzt die Gelegenheit der Unterzeichnung des vorliegenden Konkordats, für alle Geistlichen und Ordensmitglieder das Verbot zu erneuern, sich in jedwede politische Parteien ein­zuschreiben und in ihnen mitzustreiten."

Es können also auch der faschistischen Partei und dem Nationalen Katholischen Zentrum keine Geistlichen angehören.

Nach diesen Einzelheiten sei, aufs Ganze ge­sehen, ausdrücklich betont, welch ein ungeheurer Fortschritt der jetzige Zustand doch gegenüber dem früheren ist, rechtlich sowohl wie religiös. Und die Kirche will, das gilt es immer wieder zu beachten, in allererster Linie eine religiöse Bewertung der Dinge, nicht eine politische. Diesen Wunsch gilt es zu ehren und zu befolgen.

Aber indem wir dies ausdrücklich auch als un­seren Maßstab anerkennen, können wir es doch nicht unterlassen, unserer Verwunderung Ausdruck zu geben, daß der neue Präfekt der Provinz B o - zen Marziali am Schluffe feiner großen Wahl­rede vor Vertretern aller Behörden ausführte:

„Feftzustellen, wie viele von den Katholiken, die gewählt haben, ein „Nein" gewählt haben, wäre überflüssig; denn kein Katholik kann dem Regime, das den Frieden mit dem Vatikan hergestellt hat, fein Votum verweigern."

Das ist eine Verquickung von Konkordat und Wahlpolitik, dazu aus sehr hohem Munde, die ab­zulehnen ist, zumal unter einer Bevölkerung, deren guter katholischer Glaube herhalten muß, um Vor­spanndienste für eine politische Wahl zu leisten, die sicher ihrem Herzen fern liegt, wie sich auch der Präfekt ausrechnen kann oder können sollte.

«acholische Welt.

— Der „Erstkommunikanten-Pilgerzug nach Rom", den das Zentral-Pilgerbüro Würzburg angekündigt hatte, ist aus verschiedenen Erwägungen abgesagt worden.

* Einbruch in das katholische Pfarramt im Lan­dau. In Landau drangen bisher noch nicht er­mittelte Diebe in das katholische Pfarramt ein. Mit Nachschlüsseln öffneten sie die Wohn- und Arbeitsräume der Geistlichen, durchwühlten alle Schubladen und Schränke und erbeuteten etwa 1000 Mark Bargeld, die in einer Kassette aufbe­wahrt wurden. Die Landauer Polizei hat die Er­mittlungen aufgenommen.

Der kranke Parlamentarismus.

Mittel zu seiner Heilung.

Soviel läßt sich von der seit Wochen und Mona­ten geführten Auseinandersetzung über die Läute­rung und Verlebendigung • unseres parlamentari­schen Lebens sagen, daß es, wenigstens theoretisch, wohl möglich erscheint, die gröbsten Schäden aus­zumerzen, ohne die Verfassung unseres Reiches m wichtigeren Teilen anzugreifen. Und das ist auch gut so. Wir haben zwar immer auf dem Stand­punkt gestanden, daß die Verfassung von Weimgr nicht der Weisheit letzter Schluß ist, daß sie, wie jefoe andere Verfassung und wie jedes andere Ge­setz nicht in den gegenwärtigen Formen erstarren dürfe, daß sie in lebendigem Konnex mit den tat­sächlichen politischen Entwicklungen gehalten wer­den müsse. Wir haben also keinen unbedingten Abscheu vor jeder Berfassungcmderung schlechthin. Aber mir treten doch dafür ein, daß man prin­zipiell jede Revision des Staatsgrundgesetzes ver­meiden muß, solange man den gewünschten und als notwendig erkannten Effekt auf eine andere Weise erreichen kann.

Hinsichtlich der Parlamentsreform halten wir es, wie gesagt, für möglich, den Grundüoeln un­seres heutigen parlamentarischen Betriebes zu Leibe zu gehen, phne an wesentlichen Teilen unseres Staatsgebäudes Zn flicken. Nehmen wir nur das wichtigste dieser Grundübel heraus, die Tatsache nämlich, daß große und maßgebliche Fraktionen unserer Parlamente, vor allem des Reichstags, im­mer noch nicht erkannt haben, daß ihre Position im Volksstaat eine grundsätzlich andere ist, als in der pseudo-konstitutiönellen Monarchie, in der wir vor dem Kriege gelebt haben. Damals ging alle Ini­tiative von einer Regierung _ aus, die von den Parlamenten völlig unabhängig war. Die Frak­tionen, soweit sie nicht mit der Regierung durch dick und dünn gingen, waren notwendig oppositio­nell. Der Reichstag war nicht Regent, sondern bestenfalls Regulator. Heute ist das ganz anders. Heute repräsentiert der Reichstag die Staa ts- gewalt des souveränen Volkes.. Heute ist die Regierung kein der Volksvertretung gegen­über unverantwortliches Gremium, sondern ber Ausschuß eine Gruppe politischer Parteien, die sich zur Erreichung gewisser politischer Großziele zu­sammengeschlossen haben. Auch heute ist der Re­gierung die Pflicht zur politischen Initiative keines­wegs abgenommen, aber sie ist in ihrem Bestände abhängig davon, ob die Parteien, die sie stützen und tragen, die Regierungsentschlüsse billigen oder nicht. Dieser neue Sachverhalt legt aber nicht nur der Regierung, sondern in größerem Maße den Regierungsparteien neue unabweisbare Pflichten auf. Wer regiert, gleichgültig ob Kabinett oder Partei, trägt die Verantwortung vor Gott und den

Ein altes Vnnzenfchloh in Berlin wird Hotel.

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Das Palais Prinz Albrecht,

eines der schönsten Schlösser des deutschen Klassi­zismus, soll jetzt zu einem Hotel umgestaltet wer­den. Der alte Palast soll unberührt bleiben, aber einen Hochausanbau erhalten. In dem von

Schinkel umgebauten Palais hatte seinerzeit der König Aman Ullah von Afganistan bet feinem Berliner Aufenthalt als Gast des Reichspräsiden­ten gewohnt.

Helga wollte auffahren, aber in dem Ton des Bru­ders lag etwas, das sie zurückhielt.

„Denn es ist ja allerlei da, was ich jetzt sehr bereue, Helga," fügte er hinzu.

„Du! Was sollst du zu bereuen haben?" wider­sprach Helga.

,Ich denke nicht gern an meine Rede, Helga." „Unsinn, sie war ja glänzend!"

„Nein, denn ich habe Verschiedenes darin gesagt, was ich jetzt bereue; ich war zu herausfordernd und kann nicht vergessen, was Onkel Rasmus nachher über die angewendeten Mittel sagte; das hat mich seither jeden Tag gequält. Bedenke, , wenn nun vollends der Artikel herausgekommen wäre, den Bulder und der Re­dakteur verfaßt hatten."

„Der über die Stegpiann und Onkel Rasmus? Na, den habe ich zum Glück noch verhindern können. Aber die anderen sind auch wirklich nicht allzufein gegen uns oorgegangen."

„Nein, Helga, wir können uns über die Art, womit man in der Bachstraße gegen uns kämpfte, nicht beklagen. Wenn der Artikel gedruckt worden wäre, hätte ich mich sofort zurückgezogen."

„Das wußte ich wohl, und ich habe es Bulder auch gesagt."

„Bedenke, Helga, diese Stegmann hat wirklich eine tüchtige Arbeit geleistet; sie hat in Not und Elend bei Onkel Rasmus ausgehalten und es heißt allgemein, sie habe wie eine Mutter für Jörgen gesorgt."

„Das ist allerdings wahr, und wir waren da im Begriff, ein großes Unrecht zu begehen. Wie gut, daß es nicht geschehen ist! — Jörgen hat ja gar keine an­dere Mutter gekannt." Dies sagte Helga höchst nach­denklich, und sie betrachtete dabei aufmerksam eine Ro­senknospe, die sie aus einer Vase genommen hatte. — „3a, und er hat keinen großen Bruder gehabt, der ihm immer sagen konnte, was Recht und Unrecht ist," fügte sie warm hinzu, indem sie Thomas eine Hand auf den Arm legte.

Gleich darauf wollte sie zur Türe hinauseilen, doch Thomas rief sie zurück. „Warte einen Augenblick, Schwester, ich möchte dich noch etwas fraaen." laate er.

Helga drehte sich wieder um und trat ganz dicht zu dem Bruder hin. Thomas war offenbar etwas ver­legen, wie er beginnen wollte; er lächelte und sah ihr tief in die Augen.

„Hat mein Schwesterlein mir nichts Neues mitzu­teilen?" fragte er.

Helga erwiderte fein Lächeln, schüttelte aber den Kopf. „Was sollte ich dir zu erzählen haben?" ent­gegnete sie.

„Ich verstehe Bulder nicht; wenn er nun abreift, so — ja ehrlich gestanden, so kommt mir das etwas sonder­bar vor."

„Hast du wirklich Angst, ich könnte verschmäht wer- den?" sagte Helga in stolzem Ton.

„Nein, nein, ich will mich nicht einmischen, das ist ganz deine Sache, Helga. Ich meine nur, es ziehe sich bis zur Entscheidung etwas sehr lange hinaus. Bedenke, ich warte darauf und bin nun wirklich sehr gespannt. Sei nicht böse, daß ich gefragt habe!"

„Gewiß nicht," erwiderte Helga. Sie zögerte einen Augenblick und fuhr dann fort: „Bulder wollte längst alles geordnet haben, aber ich habe ihn immer zurück­gehalten. Jetzt hat er mich noch vor seiner Abreise um eine Unterredung gebeten, nun kann ich wohl auch nicht länger warten."

„Warum auch warten, Schwesterlein? Denn du hast ihn doch lieb, nicht wahr?" Thomas sah seine Schwe­ster gespannt an, und Helga merkte seiner Stimme die Sorge an. Das durfte nicht sein, sie mußte ihn be­ruhigen. Und Thomas hatte wohl auch recht; ohne Zweifel hatte sie Bulder lieb, warum also warten?

„Wenn ich zögere, so ist wohl nur der alte Junker daran schuld, Thomas. Erinnerst du dich, was er über die große Liebe schreibt?" Helga sagte dies lustig und machte eine entsprechende Bewegung mit der Hand.

„Von Liebe verstehe ich gar nichts," sagte Thomas lachend.

„Nein, leider nicht, Tommy. — Nun, Junker Jörgen schreibt, wenn die Liebe komme, öffneten sich alle Türen zu einer neuen herrlichen Welt. Alles bekomme eine neue wundervolle Farbe, wie wenn einem das Blut wie Feuer durcb die Adern rinne und man ein neuer Mensch

würde. Kannst du dich wirklich nicht mehr daran erin­nern, Thomas?"

„Und fühlst du denn nichts von all dem, Helga?"

Wieder hörte Helga die Angst hinter feinen Worten; und sie wußte wohl, welch ein Schmerz es ihm wäre, wenn sie sich nicht mit Bulder verlobte. Eigentlich hätte Helga von Herzen gern mit dem Bruder über ihre Zwei­fel und ihre Unsicherheit gesprochen; aber nun konnte sie es nicht.

„Gewiß, gewiß," erwiderte sie so ruhig und sicher, als sie vermochte. „Aber du weißt ja, ich gehöre zum Spätobst, Thommy. Ich brauche Zeit, bis ich mit etwas fertig bin. Jetzt muß ich aber schnell fort — doch ehe wir zu Bett gehen, bist du Präsident und ich — ich sage nichts weiter!"

Damit lief sie davon, und Thomas ging heim, um sich fertig zu machen.

In der Bachstraße ging jeder wie gewöhnlich feiner Arbeit nach, aber trotzdem herrschte allgemeine Span­nung in den Gemütern. Cornelius ging immer wieder in die Stadt unter dem Vorwand von allerlei Ein­käufen, um Neues zu hörn, auch kamen gute Freunde zu Besuch; aber Jörgen und der Vater blieben daheim. Rasmus Junker schleppte eine ganze Anzahl sehr schwe­rer Säcke aus dem Warenspeicher herüber; jetzt in die­sen Stunden entschied es sich ja, ob er in seiner Vater­stadt wieder ein geachteter Mann wurde. Die Span­nung in seinem Gemüt war so gewaltig, daß er durch­aus alle seine Kräfte anwenden mußte, um eine Art Entspannung herbeizuführen.

Gegen Abend kam Jörgen zu ihm ins Zimmer, und Karen, die das sah, steckte auch gleich den Kopf zur Türe herein.

„Jetzt müssen wir gehen," sagte Jörgen.

„Ja, es ist wohl Zeit," entgegnete Rasmus, indem er Jörgen unsicher ansah.

„Ach du lieber Gott," stöhnte Karen von der Türe her, und ganz kummervoll schüttelte sie den Kopf.

„Geh und wirf dich in Staat, Karen, du hast keine Zeit zu verlieren," befahl Jörgen.

(Sortjetuma. folat?