Einzelbild herunterladen
 

Nr. 64.

FirIVa, den 15 März 1929

Heilige Weihen.

Der Hochwürdigste Herr Bischof wird am Sams- lag, den 16. März, 8 Uhr, in der Seminarkapelle -ie heilige Subdiakonatsweihe erteilen: an die Mumnen des Priesterseminars Burkard, Richard, aus Hilders, Müller, Josef, aus Nie- derkalbach, Nüdling, Gregor, aus Poppenhau- sin, Schrimpf, Josef, aus Ulmbach, Trvche, Aarl, aus Fulda (Diözese Fulda), Littfin, Leo, aus Förstenau, Scherer, Johannes, aus Lichten- Wen (Apostol. Administratur Schneidemühl) so- wie an den Theologiestudierenden Andreas Saka- bikara (Apostol. Präfektur Sapporo, Japan) vom Kloster Frauenberg.

Don der Abkei der Benediktinerinnen.

Am Dienstag, den 19. März, findet um 8.30 Uhr in der Abteikirche der Benediktinerinnen die Einkleidungsfeier von 3 Chorpostulantin­nen statt.

Dr. Schopoht Letter des preußischen Medizinal, ivefens.

Als Nachfolge des vor einigen Wochen verstor­benen Geheimrat K r o n e ist der Medizinalrat im Volkswohlfahrtsministerium, Dr. Heinrich Scho- oohl, zum Ministerialdirektor und Chef des preußischen Medizinalwesens ernannt worden. Schopohl, Westfale von Geburt, ist 51 Jahre alt. Er studierte in Freiburg, Erlangen, Kiel und Ber­lin, erhielt seine klinische Ausbildung im Lichter­felder Kreiskrankenhaus und seine bakteriologische am Staatlichen Medizinaluntersuchungsamt in Breslau. Längere Zeit wirkte er als Kreisarzt in Malmedy und in Fulda.

Schul-Personennachrlchken.

(Ernennt wurde zum Konrektor: der Lehrer Fischer in Somborn, Kr. Gelnhausen. Endgültig angestellt wurden: der Lehrer Schmidt in Kloster­höfe, Kr. Schlüchtern; die Lehrerinnen: vom Hof in Gemünden, Kr. Frankenberg, Caspritz in Ziegen­hain, Post in Amöneburg, Kr. Kirchhain; die Schul- amtsbewerber: Kropf in Gertenbach, Kr. Witzen- htusen und Schmitt in Höf und Haid, Kr. Fulda- Land. Einstweilig angestellt wurden die Schul­amtsbewerber Albers in Mernes, Kr. Gelnhausen, Pflüger in Langenschwarz, Kr. Hünfeld, Hansche in Silges, Kr. Hünfeld. Entlassen auf Antrag würbe die Lehrerin Pendzialek in Rasdorf, Kr. Hünfeld. Mchkig für Sozialrentner.

Am Montag, den 18. März, vorm. 9—12 Uhr, wird an der Städt. Wohlfahrtskasse die Unter­stützung für März an die hilfsbedürftigen Sozial­rentner ausgezahit. Die Unterstützungen sind an dem Tage restlos abzuholen. Rote Ausweisnum­merkarten mitbringen.

Todesfall.

In Hanau verstarb der Drogeriebesitzer An- dreas Otto Grün, ein Mann, der durch feine aktive Mitarbeit in der katholischen Diaspora- Gemeinde unserer Nachbarstaüt auch in unserem Leserkreis vielfach bekannt war. Herr Grün hat im Eememdeleben stets seinen Mann gestan-den, namentlich auch auf karitativem und politischem Gebiet. In den Zeiten, wo in Hanau für einen Geschäftsmann bei der herrschenden Uebermacht und Unduldsamkeit der national-liberalen Kreise hn öffentlichen Leben großer Opfermut dazu ge­hörte, für das katholische Erkenntnis und seine po- Utische Vertretung, die deutsche Zentrumspartei of­fen einzutreten, hat Herr Grün nach besten Kräf­ten mitgcwirkt. Nach dem Kriege berief ihn das Vertrauen seiner katholischen Mitbürger für läin-

Sulöaer Zeitung (Amtliches KrdsbTaft).

Samstag, 16. Marz 1929.

gere Zeit in den Magistrat der Stadt Hanau, wo er manches zur Förderung der katholischen Inte­ressen in Hanau beigetragen hat. R. >. p.

Gegen üblen klatsch.

In den letzten Tagen hörte man auch hier viel reden von Prophezeiungen, die Therese Neumann zu Konnersreuth über eine noch kommende furcht­bare Käste ausgesprochen habe. Cs solle auch im Sommer eine Pest kommnen, die so schrecklich wüten werde, daß unzählige Menschen sterben würden. Die- sen unsinnigen Gerüchten gegenüber wird aus Kon­nersreuth mstgeteill, „daß alle kurisierenden Gerüchte über Katastrophen erlogen und erfunden sind, daß auch nicht das geringste an ihnen den Tat­sachen entspreche". Ob nicht von gegnerischer Seite solche Gerüchte verbreitet werden, um die Stig­matisierte zu Konnersreuth in den Augen der Welt verächtlich zu machen? — Cs ist ein bedenkliches Zei­chen unserer Zeit, daß nichts zu dumm ist, um nicht als willkommener Gegenstand für Klatsche­reien zu dienen. Man glaube ja nicht, daß diese Sucht zu niedrigem Klatsch nur in Kreisen, die fei­nen Anteil an Bildungsmöglichkeiten haben, zu finden wäre. Wir könnten an klassischen Beispielen zeigen, wie weit die Lust an Klatsch reicht, aller- dings auch darlegen, wie gefährlich hemmungslose und leichtfertige Verbreitung von Gerüchten sich für die soziale Gemeinschaft und ihre einzelnen Mit­glieder auswirken kann. Habt acht!

Ausbau der Angeftelltenverflcherung.

Das Gesetz vom 7. März 1929 bringt zwei wich­tige Verbesserungen in der Angestelltenversicherung. Die Wartezeit dauert allgemein nur noch 60 Bei­tragsmonate. Sind weniger als 30 Beitraasmo­nate auf Grund der Dersicherungspflicht zurückge­legt ,so beträgt sie 90 Veitragsmonate. Die War­tezeit für das Ruhegeld männlicher Versicherter betrug bisher in der Regel 120 Beitragsmonate. Ferner wird Ruhegeld beim Vorliegen der sonsti­gen Voraussetzungen auch solchen Versicherten ge­währt, die das 60. Lebensjahr vollendet haben und seit mindestens einem Jahr ununterbrochen ar­beitslos sind. Es wird für die weitere Dauer der Arbeitslosigkeit gezahlt. Besteht ein Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung lversicherunc-smäßige Ar­beitslosenunterstützung, Krisenunterstützung oder Sonderunterstützung bei benifsizblicher Arbeitslosig­keit), so beginnt das Ruhegeld frühestens mit dem Wegfall dieses Anspruchs. Das Gesetz ist am 1. März 1929 in Kraft getreten. Ist ein Antrag auf Leistungen vor dem 1. März 1929 rechtskräftig abgewiesen worden, so ist auf Antrag zu prüfen, ob die Vorschriften des neuen Gesetzes für den Be­rechtigten günstiger sind. Der Antrag kann bis zum Schlüsse des Jahres 1930 gestellt werden.

Gesellenprüfung.

Die Anmeldungen zur Gesellenprüfung für das Elektro-Handwerk sind bis spätestens den 22. März 1929 bei Elektromeister Aloys Hohmann, Kanalstraße 39 einzureichen.

Verordnung gegen die Ankündigung von Gehelin- milteln.

Der Oberpräsident in Kassel hat für die Pro­vinz Hessen-Nassau am 5. März 1929 eine Polizeiverordnung über das Verbot der Ankündi­gung von Geheimmitteln zur Verhütung und Hei­lung von Tierkrankheiten erlassen, die in den Amtsblättern veröffentlicht wird. Die Verordnung tritt mit dem auf ihre Veröffentlichung folgenden Tage und mit dem i. April 1929 auch in den bis­her Waldeckischen Kreisen In Kraft.

Dom Bildtelegraphenverfchr.

Am 15. März wird ein Dildtelegravhenverkehr zwischen Berlin und Frankfurt (Main) eröff­net. An dem Verkehr können alle deutschen sowie alle österreichischen und dänischen Post- und Tele­graphenanstalten teilnehmen. Die Bilder müssen rechteckig sein. Die Gebühren werden nach Quadrat­

zentimeter berechnet. Ein Quadratzentimeter kostet 4 Rpfg., die Mindestgebühr beträgt für eine Bild­fläche von 100 Quadratzentimeier 4RM., einBild- telegramm in der höchst zulässigen Größe von 18:25 Zentimeter gleich 450 Quadratzentimeter kostet also 18 RM. Die Gebühren sind so niedrig bemessen, daß eine besondere Ermäßigung in der verkehrsschwachen Zeit des Fernsprechdienstes nicht gewährt werden kann. Die übrigen Bedingungen sind dicxMchen wie im sonstigen Bildtelegraphen­verkehr; nähere Auskunft wird an den Tele­graphenschaltern erteilt.

Aus dem Kath. Iungmannerverband.

Vielfach begegnet man noch der Meinung, die katholischen Jungmännervereine erschöpften sich in den Zielen der alten Iungmännerkongvegatio- nen der letzten 3 Jahrhunderte. Gewiß gibt es noch viele Jungmännervereine, die in ihrem Ur*- fprung auf die Jungmännerkongregation des 18. und 17. Jahrhunderts zurückreichen und mit diesen wesensverwandt sind. Wer aber die Entwicklung der letzten Jahrzehnte mit offenem Blick verfolgte, ' der sah, wie der Jungmännerverband immer mehr ein starkes soziales Gepräge bekam. Im Ver­bandsgrundgesetz heißt es: „Das Ziel des Jung- männerverbandes ist, ganze katholische Menschen zu schaffen, die sich in echter Jugendgemeinschaft mit ihren geistlichen Führern zu ihren Mannes- pflichien in Familie, Beruf und Volk heranbilden und in apostolischer Hingabe am Reiche Christi Mit­wirken wollen." Bemerkenswert nach dieser Rich­tung hin waren die begeisterten Worte, die Wohl- fahrtsminister Hirtsiefer an den Derbandstag in Essen (1926) richtete: „Ich war in meiner Jugend Mitglied des katholischen Jungmännervereins „Maria-Himmelfahrt" in Essen. Diese Jung-

männeroerein« hatten schon in der damaligen Zeit ihre besondere Bedeutung, als sie uns in unfern jungen Jahren in unserer Religion und in der Liebe zur hl. Kirche festhielien. Darüber hinaus aber Haden sie uns mit den sozialen Problemen vertraut gemacht, Es ist kein Zufall, daß fast alle örtlichen Führer der christlichen Ar­beiterbewegung in Essen durch d-e Schule unserer katholischen Jung- männeroereine gegangen s i n d."

Daher kommt es auch, daß heute Männer wic der Arbeiterführer Reichstagsabg. Joos, Landtags« abgeordneter Letterhaus, Reichstagsabgeordneter Dr. Krone, der Vorsitzende des Windthorstbundes u. a. m. in der Jungmännerbewegung aktiv tätig sind, vor allem durch ihre Mitarbeit auf der Ver- bandshochschule des Jungmännerverbandes in Altenberg. Befinden sich doch auch nach der letzten Berbandsstatistik unter den 376 000 Mitgliedern 32 Prozent gelernte und ungelernte Arbeiter (126 227) und 34,4 Prozent Handwerker (131 593). Aufgabe des Jungmännervereins wird es für die Zukunft im verstärkten Maße sein müssen, einmal in den Mitgliedern selber ein starkes soziales Wol­len lebendig werden zu lassen, die innere und äu­ßere Verwirrung des gesamten sozialen und wirt­schaftlichen Lebens zu erkennen und hieraus d'e Kraft zu finden, die sozialen und beruflichen Ver­pflichtungen gut und treu zu erfüllen und mehr und mehr als Männer zur Neuordnung der Dinge beizutragen. In ihrer sozialen Bildungsarbeit müssen die Jungmännervereine ihre Ausgabe se­hen, Berufsgeist und Berufstüchtigkeit zu vermit-

A hilft b. Rheuma, Ischias, Hexenschuß,

Nerven- und Erkältungsschmerzen. — S a'Wa Karmelitergeist Amol ist in allen 2lovrhe°en und Drogerien erhältlich.

IMWHWIiai I ■ ■!!■! III III

Der MMelmeerflug des „Gras Zeppelin".

KORSIKA

SARD1N1EI

x Maßstab 1-15000000

d CYPERN

7fr T7DEUTSCHLO.~

->

5

Der voraussichtliche Weg des Zeppelin- TNiktclmeerfluges.

Am 24. März wird das deutsche Ozeanluftschiff „Graf Zeppelin" unter Dr. Eckeners Führung zu einer viertägigen Mittelmeerreise aufsteigen. Zu­erst geht der Kurs nach Westen. Die Rhone ent­lang wird bann der stolze Lustriese bis zum Mit­telmeer, danach an der Küste Italiens entlang flie­gen und über Sizilien bis nach Afrika vorstoßen. Dann geht die Reise über Palästina, Konstantino­pel und die Dalkanhalbinsel nach Deutschland zu­rück. An dem Fluge werden 75 Personen, dar­unter der preußische Ministerpräsident, der würt-

tembergische Staatspräsident und der Reichstags­präsident teilnehmen.

Der Luftschiffbau Zeppflin in Friedrichshafen teilt mit: Infolge des vielfachen Drängens von vor­gemerkten Passagieren, die zur Mitteimeerfahrt im März nicht mehr zugelassen werden konnten, ist auf den 15. April eine Wiederholung der Mittelmeerfahrt angesetzt worden. Wenn möglich, soll diese Fahrt auch in den westlichen Teil des Mittelmeers hinein erweitert werden.

Franz Wenzel, Mitteistraße s.

giiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiR

| Kommunikanten- und | I KonHrmandcn-Anzligc |

in jeder Preislage. Z

Der echte Kieler Knaben-Anzug.

H Der unverwüstliche Strick-Anzug ..Emtea“. W ■iaraiaiaiiiataiaiiiiia;>ia>aiai>'iiaiaiai(taiiiiie>a>«Miaiaii<iia!iiaiaiaiai(iiieiii>iaiaiattie<B>(iaiaiiiitiiiieiaia

I Wilh. Hess I Am Steinweg.

iiiniiiniiiniiiinniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiniiHfiiniiiiiiiiiS

für jeden fcsttisdi

zur Konfirmation zur Kommunion liefert gut und billig

Wein - Müller |

............ K

Pfandhausstraße 5, Fernspr. No. 851 !

Lindenstraße 4, Fernsprecher No. 93 /ti

M Men nnii weißen Funker.

Roman von Marten Korch.

271 ---------

„Solche Dinge können wir nicht verstehen, die ver- stcht allein der Herr im Himmel droben. Vielleicht ist Henrys Seele noch schöner und edler geworden, damit sie ihn In einem guten Andenken behalten sollen, Frau Duus." Thomas hatte die Hand der armen Frau er­griffen und streichelte sie.

„5a, keine Frau kann ihren Mann in besserem An- denken haben als ich meinen Henry!" rief sie mit lei­denschaftlicher Heftigkeit, die sie aber sofort wieder dämpfte und sich zur Ruhe zwang: „Kommen Sie, Herr Junker, Sie sollen mit mir hinaufgehen und ihn noch einmal sehen," flüsterte sie, und gleich ging sie cor- en die Treppe hinauf. Thomas folgte ihr.

Lautlos betraten sie das Schlafzimmer. Die Dor. hänge waren zugezogen, so daß nur ein gedämpftes Licht auf die breiten Mahagonibetten fiel. In dem Bett, das dem Fenster zunächst stand, tag der Entschlafene. Sein Antlitz trug einen sanften Ausdruck, es lag wie die An­deutung eines Lächelns um feine Lippen. Er war gar nicht entstellt und doch hatte das kalle Totenantlitz für Thomas, als er näher trat, etwas Unheimlich Be- drückendes, ja Schmerzliches.

„Ist er nicht schön?" rief Frau Duus, nachdem sie eine Beile vor dem Toten gestanden hätten, und zugleich fing sie an zu erzählen. Thomas hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, er wußte, daß eine lebhafte Berichterstat- tung oft bester als alles andere den Schmerz lösen kann.

In kurzen, abgebrochenen Sätzen schilderte Frau Duus den entsetzlichen Augenblick des Erwachens; sie suchte sich alles dessen zu erinnern, was sie dann getan hatte, und dabei kam sie auch auf den Zeitpunkt zu sprechen, in dem der Tod eingetreten fein müßte.

„Doktor Rielfen ist hier gewesen; er sagte, Henry müsse um ein Uhr oder später gestorben fein. Dr. Niel­se» hat feine Sage nicht verändert, damit er genau in her- fetten Stellung bleibt, bis unser Hausarzt kommt, der augenblicklich auswärts ist. Es ist so sonderbar: ich kann püch gar nicht erinnern, Henry heimkommen gehört zu

haben. Um welche Zeit mag es wohl gewesen sein? Er war ja doch bei Ihnen drunten." Frau Duus hielt in ihrem hastigen, verwirrten Bericht inne und wandte sich fragend dem Konsul zu.

„9a, ich saß noch im Kontor und arbeitete, als er zu mir kam. Wir haben ein Weilchen zusammen geplaudert, dann hab' ich ihn heimbegleitet. Ich bin bis zu Ihrer Haustür mit ihm gegangen."

„Sie sind also der letzte, der mit ihm gesprochen hat. Was sagte er? Ich will jedes Wort wissen, Herr Kon­sul." Frau Duus sprach wieder mit leidenschaftlicher Hef­tigkeit.

„Wir sprachen nur über ganz allgemeine Dinge, Frau Duus. Henry erzählte mir, sie hätten Kopfweh und seien zu Bette gegangen."

„Ja, das ist wahr, es kommt mir nur vor, als fei es schon so lange her. Ich hatte etwas Kopfweh. Wir sollten in ein Konzert im- „Prinzen" gehen, Henry hatte es mir versprochen. Aber schließlich hatte er gar keine Lust, war auch wohl etwas abgespannt; er wollte über­haupt in letzter Zett gar nicht mehr gern ausgehen, und ich tat es doch so gern. Nun, dann bekam ich Kopfweh, nicht gerade heftig, aber ich fürchte doch, Henry hat sich darüber beunruhigt." — Frau Duus macht eine Pause und sah reuig und schuldbewußt auf den Toten nieder. „Nachdem ich zu Bett gegangen war, wollte Henry noch ein bißchen frische Luft schöpfen und Sie besuchen. Erst habe ich ihm abgeredet, dann tat es mir aber leid, und ich sagte, er solle nur gehen. Ach, was bin ich jetzt so froh darüber, Herr Konsul! — Aber um wieviel Uhr kam er dann beim?"

„Es war Mitternacht, Frau Duus, auf der Kirche schlug es zwölf, als Henry auf der Treppe stand."

„Als er heimkam, schlief ich, aber ich hatte doch ein Gefühl, als stehe er an meinem Bett. Ich glaube nicht, daß er mich geküßt hat, daran wäre ich aufgewacht; aber er stand ganz bestimmt an meinem Bett und sah mich an, ganz bestimmt. — Und denken Sie sich, er ist noch in den Garten gegangen und hat diese Lilie für mich Jepflückt. Es ist eine feine Sorte, die mir selbst gepflanzt oben. Dann hat er noch ein Glas Wasser geholt und die Blume an mein Bett gestellt. Ich finde das wunder­schön und werde das nie oergesten." Frau Duus deutete

auf eine schöne, eben aufgeblühte Lilie, die auf ihrem Nachttischchen stand. Nachdem sie einige Tränen vergossen hatte, fuhr sie fort:

„Und er hat noch mehr getan, Sie sollen alles wissen, Herr Konsul, denn Sie waren doch sein bester Freund. Sie wissen ja, wie peinlich ordentlich Henry war."

,Ja, das sind wohl die meisten Juristen," meinte Thomas.

„Aber ich bin es nicht, Henry hat immer hinter mir her aufgeräumt, und dazu brummte er in seiner gutmü­tigen Weise, die Sie ja kennen. — Nun weiß ich be­stimmt, daß einige von meinen Kleidungsstücken gestern abend beim Ausziehen auf den Boden gefallen sind; einer meiner Schuhe flog beim Ausziehen bis vor den Spiegel hin. Aber heute früh standen beide Schuhe nebeneinan­der unter meinem Stuhl auf der Bettvorlage, und meine Kleider lagen schön geordnet auf dem Stuhl. Das hat Henry getan." Frau Duus sah Thomas an und fühlte in diesem Augenblick einen fast unwiderstehlichen Drang, sich selbst schlecht zu machen. Aber das litt Thomas nicht.

„Sie wissen wohl, Frau Duus, Ihr Mann hat Sie gerade so, wie Sie sind, innig lieb ghabt und Sie sicher gar nicht anders haben wollen," sagte er mit Ueberzeu- gung und Nachdruck, weil er wußte, daß es die Wahrheit war. Thomas hatte sich oft darüber gewundert, aber es war Tatsache, „Henry hat alles, was Sie erwähnt haben, in Ordnung gebracht, weil er Sie herzlich lieb hatte; Ihnen das Leben angenehm zu machen und für Sie zu sorgen, war ihm doch das Liebste auf der Welt. Er hat noch an Ihrer Seite gestanden und hat Sie angesehen und Ihnen die Blume ans Bett gestellt als einen Gute- Nacht-Gruß. So sind Sie doch der letzte Mensch gewesen, mtt dem Henry gesprochen hat."--

Thomas hatte in einem warmen Ton geredet, und Frau Duus schaute ihn dankbar an.

„Ach ja, so ist es gewesen! Als Henry heimkam und mich schlafend fand, hat er noch die Blume für mich ge­holt. Das sohle nicht „Lebewohl" bedeuten, sondern nur ,,©ute Nacht!"

„Gewiß, nur Gute Nacht," bestätigte Thomas.

„So will ich es auch am liebsten glauben. Und dann ist er zu Bett gegangen und fröhlich eingeschlafen und

Kofferhaus meid

FULDA

Friedrichstrasse Nr. 8 — Telephon Nr. 325

bringt in Schulranzen, Sdiulmwn und Rudisädien die größte Auswahl zu billigsten Preisen. Fachmännische Bedienung!

hat gar nicht gemerkt, daß er in den Tod hinüberschlief." Frau Duus sprach das Wort „Tod" im Flüstertons. „Aber wie erklären Sie es sich, daß an Henrys Bett die Lampe noch brannte, als ich heute morgen aufgewacht bin?" Diese Lampe war augenscheinlich ein Gegenstand der Sorge für Frau Duus.

„Henry hat eben vergessen, sie auszudrehen," sagte Thomas.

„Das wäre ja möglich, aber das wäre auch das erste Mal gewesen. Doch wenn Henry aufgewacht und etwas geahnt hätte, dann würde er mich doch gewiß gerufen ha­ben. Das glauben Sie doch auch, Herr Konsul?"

Ja, so hättest du es gemacht, kleine Frau, du hast am Ende nicht einmal Gemütstiefe genug, um einen Mann wie den deinen zu verstehen, dachte Thomas.

„Ach, wie froh bin ich, zu wissen, daß sein Tod leicht gewesen ist, Herr Konsul, alle Schmerzes und Leiden sind mir verhaßt. Wenn ich nun an alles Geschehene denke, so sammelt es sich mir im Bilde der blauen Lilie."

„So hatte Henry es gewiß haben wollen." Thomas wollte noch etwas hinzufügen, allein die Glocke ertönte, und Frau Duus eilte hinaus, da sie den Arzt erwartete.

Sobald Thomas sich allein sah, trat er an das Bett, hob die Decke empor und betrachtete die Stellung des Körpers. Sein entschlafener Freund tag ziemlich hoch. „Er ist also wach gewesen," dachte Thomas, „er hat sich im Bett aufgerichtet und Licht gemacht. Ach nein, es wird gewiß nicht vielen vergönnt, nur hinüberzuschlum- mern, die meisten müssen dem Tod ins Auge sehen." — Aber gelitten hat er wohl kaum, sein Antlitz war ruhig und friedvoll. Professor Ruben hatte sich auch dahin ge­äußert, daß man nicht leiden müsse, das schlimmste sei nur der Gedanke, daß der Augenblick jetzt gekommen fei. — Ja, Henry war wach gewesen, davon war Thomas nun übe zeugt; er hatte jenen quälenden Druck im Halse empfunden und sich aufgerichtet Vielleicht hatte es eine Minute gebauert, vielleicht nicht einmal so lang, aber trotzdem wat es gewiß wie eine endlose Zeit erschienen, 'm ron Gedanken und Bildern konnte in einem Augenblick durch das Herz ziehen, während es einem flimmernd schwarz vor den Augen wurde. Thomas kannte ein wenig dieses Dunkel, in dem einem Funken vor den Augen tanzten, nur daß diese Funken tiesschwarz waren’.

lFortjetzung folgte