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JV» 62.

Donnerstag, den 14, März 1929

Fuldaer Leitung

3, Blatt.

Druck der Fuldaer Acktendruckerei, Fulda.

Bilder vom Tage

katholische Welt

bleibt er

Reise und Wanderung.

dem ver­folgte die

Die ih- all-

Parteiinteresse vorzuziehen beginne. Das trifft je­doch, wie der brodelnde Streit im sozialdemokra­tischen Lager ganz deutlich gemacht hat, nur für die Parteileitung selbst und den rechten Partei­flügel zu. Der linke Flügel dagegen, der beide Augen auf den kommunistischen Nachbarn gerichtet hat, hält bis jetzt wenigstens an seiner Intransin- genz, an seiner Unbelehrbarkeit fest. Wenn die Parteileitung gehofft hat, mit der Zeit würde sich der scharfe Gegensatz mildern, dann hat sie eine Enttäuschung erlebt Wir glauben nicht, daß wohl- gemeinteReden prominenter Sozialdemokraten den radikalen Parteiflügel wesentlich beeinflussen wer­den. Auch die Artikel, in denen jetzt der Partei­veteran Eduard Bernstein, etwas altväterlich-um­ständlich, aber sonst mit guten Argumenten das Gerede vom heutigen „bourgois--kapitalistischen" und „imperialistischen" Staat zu zerpflücken ver­sucht, werden ihrem Ziele kaum wesentlich näher­kommen.

Der sozialdemokratische Parteivorstand ist, .wie gesagt, in schwieriger Lage. Er sieht auf der einen Seite, daß, wie Löbe sich in Breslau ausdrückte, Beziehungen bestehen zwischen dem Reichswehrpro­blem und den Koalitionsmöglichkeiten, und erkennt auf der anderen Seite, daß das Wehrproblem sich zu einer Frage ausgewachsen hat, die unter Um­ständen die Einheit der Partei berührt. Er steht auch jetzt nicht günstiger da, als damals, als er sich zur Verschiebung des Parteitages entschloß. Ob er ferne Position in den Wochen, die uns vom neuen Termin des sozialdemokratischen Parteita­ges trennen, wesentlich wird verbessern können, scheint zweifelhaft. Jedenfalls wäre zu wünschen, daß daraus kein Anlaß zu neuer Verschiebung er­wächst. Das Wehrproblem ist so wichtig, daß je­dermann ein Interesse daran hat, endlich zu er­fahren, wie die größte deutsche Partei offiziell und endgültig darüber denkt.

* was das Naklonaldenkmal einbringk und kostet. Der Haushaltsplan des Reichsinnenministeriums enthält

sammelten Domkapitel statt. Am Dienstag kirchliche Feier. ___________________

von den Hochschulen.

— Die Frankfurter Akademie der Arbeit

unter den Einnahmen zum ersten Male einen Betrag von 14.600 Mark aus der Verwaltung des National­denkmals auf dem Niederwald. Die Einnahmen er­wachsen aus dem Vertrag mit dem Denkmalswächter für die Erlaubnis zum Verkauf von Postkarten und aus dem Vertrag mit zwei Photographen für die Erlaubnis zum Photographieren am Denkmal. Die Einnahmen wur­den bisher nicht besonders aufgeführt. Soweit sie nicht zur Deckung der Kosten zur Instandsetzung des Denk­mals gebraucht wurden, sind sie bei den vermischten Ein­nahmen verrechnet worden. Den Einnahmen stehen in diesem Jahre 9 600 Mark an Ausgaben gegenüber.

* Redeblüten aus dem Preußischen Landtag. Abg. Wachhorst de Wente (Dem.): „Meine Herren, beden­ken Sie das eine: die nächsten Wahlen sind noch nicht gewesen." — Frau Abg. Hielscher-Panten (D. Nat.) bei einer Erörterung der Schankstättenfrage: „Meine Herren fürchten Sie nicht, daß ich Sie jetzt trocken legen will!"

hen, was den Zauber dieser Weltstädte und ihrer Jahr Hunderte alten Tradition ausmacht. Die Reise naö

kardinal Dr. Adolf Bertram. Fürstbischof von Breslau.

feiert am 14. März seinen 70. Geburtstag. De Kardinal ist der Vorsitzende der Fuldaer Bischofs konferenz und weilt alljährlich als hochwillkomme ner Gast in der Bonifatiusstadt Fulda. Wir ken nen ihn als weitblickenden Führer, als geistvolle! Redner und als vorbildlichen Priester und Bischos Ad multos annos! ibÄuoj

Prof. Samoilowisch (rechts) und der Flieger Tfchuchnowsky (links), die berühmten Retter der Nobile-Expedition, fist in Berlin eingetroffen. Prof. Samojlowitsch uni der Flieger Tschuchnowsky, der durch seine Erkun dungsflüge die Bewohner des „roten Zelts" ent deckte, werden in der Reichshauptstadt Vorträg über den Verlauf der Rettungsexpedition Halter^

=' Studienfahrken nach Paris und London.

Schiller-Akademie veranstaltet im Verfolg rer kulturellen Bestrebungen auch in diesem Jahre gemein zugängliche Studienfahrten nach Paris, und nach London mit jeweils achttägigem Aufenthalt, die eine Besichtigung der bedeutendsten Kunstschätze und Sehens­würdigkeiten, des Straßenlebens und all desien vorse-

— Bischof Dr. Bares' Einzug in Hildesheim. Am Montag traf der neue Bischof von Hildesheim Dr. Niko­laus Bares in seiner Bischofsstadt ein. Vom Bahnhof fuhr der Bischof zur Bernward-Kirche, wo ihm die Ver­treter der katholischen Vereine den Willkommensgruß darboten. Gerührt durch die Empfangsworte, sprach Bischof Dr. Bares von der Gemeinsamkeit und Zuge­hörigkeit des Bischofs zu seinen Diözesanen. Nach An­legung der bischöflichen Gewänder fuhr der Bischof durch die beflaggten Straßen der altehrwürdigen Bischofsstadt, überall begrüßt von großen Menschenmengen, zum Dom, der nun schon 1000 Jahre hindurch das Schicksal des Bis­tums miterlebt hat. Im Dome erteilte er der zahlreich anwesenden Gemeinde zum erstenmale seinen Segen. Anschließend begleiteten die Domgeistlichkeit und die Ver­treter der Vereine den Bischof über den menschengefüll­ten Domplatz hin zur bischöflichen Kurie. Danach machte der Bischof dem Vertreter der Staatsregierung, Regie­rungsvizepräsident. Dr. L e h m a n n, Hannover, der zur Zeit in Hildesheim weilt, feinen Besuch, um die staat- liche Anerkennung seiner Person in Empfang zu nehmen. Dann fand im Sitzungssaal des Domkapitels die lieber* reichung der Ernennungsbulle und die Uebernahme der Leitung der Diözese durch den Bischof vor "

Sozialdemokratische Wehrdebatte.

Das Dilemna der Parteileitung.

Der Winter hat der sozialdemokratischen Partei Deutschlands nicht den Gefallen igetan, den die sozialdemokratische Ortgsgruppe Magdeburg von ihm verlangt hat. Es taut zwar ein wenig, aber Magdeburg ist weder vom Eise blockiert, noch hat man etwas davon gehört, daß Hochwassersluten und Schlammfontänen die Straßen der Stadt an der Elbe ungangbarer gemacht hätten, als etwa die Straßen Berlins. Deswegen hätte also der so­zialdemokratische Parteitag am 10. März in Mag­deburg ruhig beginnen können. In den Wogen der (Elbe wäre kein Delegierter ertrunken, wohl aber möglicherweise die ganze große Partei in den Wogen der Wehrdebatte'! Die sozialdemokratische Parteileitung hat diese Möglichkeit anscheinend be­fürchtet, sie hat den Parteitag verschoben. Zur Motivierung dieses auffallenden Schrittes hat sie allerdings nicht mehr die Magdeburger Hochwas- ferforgen angeführt, über die ganz Deutschland sich mit vollem Recht amüsiert hat, sondern poil- tische Gründe, von denen wir auch nur sagen kön­nen, daß sie nicht überzeugender sind, als die ängstlichen Bedenken der Magdeburger Ortsgruppe. Die nichtsozialistische Messe hat die wehrpolitischen Differenzen innerhalb der Sozialdemokratie, über die in der offiziellen Begründung nichts zu lesen war, als den Hauptgrund der Verschiebung be­zeichnet. Sicher mit Recht. Denn unzweifelhaft ist die Auseinandersetzung über die Wehrfrage in der sozialdemokratischen Presse und in den Partei­organisationen in wachsender Schärfe weiterge­führt worden. Der Standpunkt ist so geteilt, wie nur möglich. Der Gegenstand dieser Diskutionen ist fast nirgends mehr das konkrete Programm, das der sozialdemokratische Wehrausschuß vorge­legt hat, sondern die grundsätzliche Frage, ob em richtiger Sozialist einem Staate, der nicht — oder noch nicht — nach rein marxistischen Rezepten re­giert wird, die Mittel zur Führung eines Krieges, auch eines Verteidigungskrieges geben dürfe oder nicht. Der eine Teil der Streitenden vertritt den traditionellen Standpunkt, den Marx, Bebel, En­gels und auch der Parteivorstand im Jahre 1914 eingenommen haben, den nämlich, daß auch dem „bürgerlichen" Staate die Möglichkeit und djas Recht der Selbstverteidigung gewährt werden müß­ten, während dsr andere Teil an der Meinung sest- hält, der wahre Sozialismus müsse dem „bürger­lichen" Staat eine Wehrmacht nicht nur nicht zu­billigen, sondern „nehmen". Der Meinungskampf zwischen diesen beiden Gruppen ist manchmal so chestich als ob es sich nicht um Angehörige ein und derselben Partei, sondern um erbitterte politische Gegner handelte. Die Debatte, die der Reichstags­präsident Lobe vor einigen Wochen in Breslau mit em dortigen Parteihäuptling Dr. Eckstein ge­führt hat, war typisch für diesen Gegensatz.

Die «sozialdemokratische Parteileitung befindet sich demgegenüber in einer schwierigen und pein­lichen Lage. Sie hat, in der richtigen Erkenntnis, daß eine so große Partei wie die Sozialdemokratie sich unbedingt zu einem der wichtigsten Probleme des staatlichen Lebens äußern müsse, seinerzeit den Wehrausschuß berufen und ihn mit der Abfassung programmitischer Leiffätze zur Wehrstage beauf­tragt. DasProgramm, das dieser Ausschuß her- ausgab, trug zwar Kompromißcharakter, bedeutete aber im Ganzen doch einen positiven Ausdruck des Willens, eine, natürlich nur für defensive Zwecke bestimmte Wehrmacht aufrecht zu erhalten. Das Programm ist von den Parteien der Mitte — dar­unter auch von der Zentrumspartei — als ein Zeichen dafür gewertet worden, daß die Sozialde­mokratie wenigstens in dieser Frage die Erfüllung staatspolitsicher Notwendigkeiten dem Dienst am

halten. Bei der Beratung des Abschnitts „Universitäten und Technische Hochschulen" im Hauvtausschuß des Preußischen Landtages kam Kultusminister Becker auch auf die Akademie der Arbeit in Frankfurt a. M. zu sprechen, deren Leistungen hoch anzuerkennen seien. Die Akademie werbe gehalten werden, weil sie durchaus ent­wickelungsfähig fei.

=' Gründung einer Republikanischen Sfubenfen- grnppe. In der Landesuniversität Gießen haben sich die republikanisch gesinnten Studenten zu einer Repu­blikanischen Studentengruppe zusammengeschlossen. Vom engeren Vorstaiüi der Universität ist jetzt auch die Aner­kennung der Gruppe ausgesprochen worden. Bereits im kommenden Semester werden von der Gruppe zur Aus­breitung der demokratischen, sozialistischen und pazifisti­schen Ideen Arbeiterkreise über bestimmte, diesem Aeen- kreis entnommene Themata stattfinden. Außerdem sind eine Reihe von öffentlichen Vorträgen in Aussicht ge­nommen, bei denen u. a. Prof. Anna Siemens-Jena, Prof. Paul Tillich-Dresden, Prof. Oppenheimer-Frank­furt a. M., Heinrich Ströbel M. d. R. u. a. sprechen werden.

Grotzfeuer in Hageiu

Zwei Mädchen in den Flammen umgekommen.

wtb. Hagen, 13. März. (Eig. Meld.) In dem Doppelwohnhaus Marienstraße 17 entstand heute nacht ein Feuer, das erst so spät bemerkt wurde, daß die Bewohner vom 1. und 2. Stockwerk das Haus nicht mehr über die Treppen verlassen konn­ten. Die Feuerwehr rettete sechs Perso­nen mit dem Sprungtuch. Besonders schwierig gestaltete sich die Rettung eines etwa 20 Jahre ölten völlig gelähmten Mädchens. Der Brand hat zwei Todesopfer gefordert. Die 2 4 und 26 Jahre alten Töchter des Bäk- kermeisters Beruh öfter wurden heute früh völlig verkohlt auf der Brandstätte auf« gefunden. Das Wohnhaus ist von oben bis unten vollkommen ausgebrannt.

Lloyddampser gestrandet.

wtb. Schanghai, 13. März. (Eig. Meldg.). Der nach Schanghai, Hankau, Tientsin und japanischen Häfen bestimmte 7000 Tonnen Frachtdampfer „Gieß e n" des Norddeutschen Lloyd ist 25 See­meilen südlich des Fairway-Luftfchiff.es vor der Jangtse-Mündung in der Nähe der Saddle-Jnseln bei dem Felsen-Eiland Futton Rock gestrandet. Der britische Dampfer „Khyber" hat den größten Teil der Besatzung und die drei an Bord befindlichen Passagiere geborgen und wird mit ihnen voraus­sichtlich heute abend in Schanghai eintreffen. Der Rest der Besatzung hat sich auf Futten Rock ge­flüchtet. Das Schiff ist auseinandergebrochen und dürste vollständig verloren sein. .,. _

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Sie rolen mi> weiften Mer.

1 f Roman von Matten Korch. iWMa.

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„Ja, er kam in die Heimat zurück mit seinem kleinen Sohne, mit den roten Steinen und allen seinen merk­würdigen Sachen. Er erwarb dieses alte Haus hier und wurde Kaufmann, war auch selber ein angesehener Mann, obgleich er mancherlei Unglück gehabt hat. Aber der Garten hier war seine ganze Freude, hier barg er alle seine Erinnerungen, und hier saß er und arbeitete. Er hat auch ein Bild von Helga von Norwegen geschnitzt, gewiß ein Kunstwerk, an dem er jahrelang gearbeitet hat. Aber es ist aus dem Garten, fortgebracht worden mit noch verschiedenen anderen Dingen, die alle zusam­men mit der Dampfmühle verbrannten."

„Ja, ich weiß wohl, das Beste und Schönste ist fort­gekommen," sagte Jörgen. — „Aber sagen Sie mir, man hat wohl Sie nach jener Helga von Norwegen genannt?" fragte er kurz darauf.

„Allerdings", entgegnete Helga. Sie hätte auch noch hinzusetzen Kinnen, daß ihr Geburtstag der zwanzigste Juli sei; aber sie wollte es ihn nicht wissen lassen.

„In meinem Zimmer befindet sich ein altes Bild, das eine Dame vorstellt. Es ist sehr verdorben, aber man kann doch sehen, daß sie schön war. Der Rahmen ist aus Holz geschnitzt und ziemlich gut erhalten. Mein Vater sagt, es ist das Bild jener Helga, von der wir eben sprechen."

„Ach, wenn ich es doch sehen dürfte! Darf ich nicht?" In ihrem Eifer legte Helga ihre Hand auf Jürgens Arm; aber diese Berührung brachte sie plötzlich wieder zum Bewußtsein ihres gegenseitigen Verhältnisses, und sie trat einen Schritt von ihm' zurück.

„Ich will es Ihnen gern zeigen und auch den Hof. Wollen wir gleich hineingehen?" fragte Jörgen eifrig.

„Nein, danke, heute abend nicht. Ich muh heim, es ist schon spät."

„So kommen Sie an einem anderen Abend wieder; kommen Sie am Donnerstag, da bin ich wieder da­heim."

„Danke, das will ich gerne tun. Ich muß das Bild pon Helga aus Norwegen sehen, und mit dem Gatten

bin ich auch nicht fertig geworden." Helga war jetzt wieder zutraulicher.

„Aber dafür möchte ich Sie auch um einen Dienst bitten, Fräulein Helga."

„Und was soll dieser fein?" fragte sie.

„Sie müssen mir Junker Jürgens Buch leihen; beden­ken Sie, daß ich es noch nie gelesen habe, und ich trage doch seinen Namen."

Helga errötete, ohne eigentlich zu wissen, warum. Sie befanden sich beide auf dem Weg zur Anlegebrücke, und Helga gab nicht sofort eine Antwott.

„Sie leihen es mir doch, nicht wahr?" bat Jörgen noch etwas eindringlicher.

„Wenn Sie es so gern haben wollen, so sollen Sie es bekommen," versetzte Helga endlich. „Cs ist übri­gens ein sonderbares Buch, und der alte Junker Jörgen war ein eigentümlicher Mann."

„Die Leute behaupten, das seien alle Junker," ent­gegnete Jörgen.

„Das Schlimmste dabei ist, daß ich Ihnen wohl meine Abschrift leihen muß," fügte Helga bedenklich hinzu.

„Ist das so schlimm? Ich werde das Buch sehr in acht nehmen."

„Es ist nicht deswegen; aber ich habe manches unter­strichen und auch hin und wieder Anmerkungen an den Rand gefd)rieben, und zwar meisten da, wo von Helga aus Norwegen die Rede ist, Sie müssen das übersehen, Herr Jörgen."

Jörgen lächelte, hatte aber keine Zeit zu antworten, denn gleichzeitig stieß Helga einen kleinen Schrei der Bestürzung aus. „Wo ist mein Boot?" rief sie ver­wundert, „ich habe es neben dem Ihrigen festgemacht und, soviel ich weiß, die Kette um Ihre Rudertolle ge­legt. Aber nun ist es weg."

Jörgen bog die Zweige auseinander und spähte den Fluß entlang. „Das wird jetzt nach der Dampfmühle hinübertreiben. Die Strömung ist stark, da die Schleu­sen offen sind."

„Aber was fange ich jetzt an?" Helga sah ganz ent­setzt aus, und Jörgen erriet ihre Gedanken. Sie konnte nicht in seiner Begleitung über die Brücke und durch die Stadt gehen, und allein durfte sie den Weg auch nicht machen« - —

„Steigen Sie in mein Boot, ich rubere Sie dann heim," sagte er.

Das war unbedingt der beste Ausweg. Mitternacht war nun vorüber, und um diese Zeit waren keine Boote mehr auf dem Fluß. Helga setzte sich also in Jörgens Boot, und Jörgen ruderte gegen die starke Strömung des Flusses unter dem Laubdach hindurch.

Keines sprach; beide hingen ihren Gedanken nach. Helga dachte, wie sonderbar es doch sei, daß sie nun mit dem Feind ihrer Familie hier in dem Boot saß. Keinen Menschen auf der Erde haßte sie so sehr wie Rasmus Junker, und Jörgen hatte seinen Teil dieses Grolles mit- geerbt. Diese Gefühle waren mit Helga groß geworden und wurzelten tief in ihrer Seele. Aber nun stieg etwas in chr auf, das ihrem Zorn entgegenarbeitete, eine Sympathie, die gegen den Groll kämpfte und sich nicht unterdrücken lassen wollte.

Junker Jörgen hatte ihr viel Stoff zum Nachdenken gegeben. Sie hatte ihm mehrere Male in die Augen gesehen; aber welche Farbe hatten diese Augen denn eigentlich? Waren sie grün oder graubrau? — Helga hätte es nicht zu sagen vermocht; aber eigentümlich ieua)« ten konnten sie, das hatte sie bemerkt, während sie von Helga von Norwegen erzählte. Und dann dieser ernste, charaktervolle Mund! Konnten diese Augen und dieser Mund wohl lügen? Wenn Jörgen nun doch recht hätte? Dieser Gedanke erfüllte Helga mit Furcht. — Jedenfalls glaubte er selber fest an sein Recht, das sah Helga nun deutlich ein. — Auch hinsichtlich der Erbschaft mußte er diese Ueberzeugung haben; in diesem Punkt jedoch war das Recht jedenfalls auf ihrer — auf Thomas und ihrer Seite. In Gedanken sagte sich das Helga mit einem gewissen Nachdruck.

Der Onkel hatte ihr die Hälfte des Junkerhofes ge­schenkt und dabei gesagt, sie solle ein Paradies daraus machen, und sie hatte ihm zum Dank dafür einen Kuß gegeben.

Jörgen war auch ganz in Gedanken versunken. Bei jedem Ruderschlag hob er ein wenig den Blick und sah Helga an. — Wenn sie nur nicht fror! Sie hatte nur ein leichtes Kleid an, und es war gut, daß der Abend so mild und warm war. Als sie sich der Anlegebrücke des Konsuls nähertxn und Jörgen dis Ruder einzog, fiel ,

fein Blick auf feine linke Hand, und er lächelte, bei» Anbick der breiten roten Narbe, dem Andenken an Fräu lein Helgas kleine weiße Kinderzähne.

Mit einem leichten Stoß legte das Boot an de Brücke an, Helga sprang ans Land. „Vielen Dank!" sagt sie und war schon im Begriff, daoonzulaufen. Abe etwas in Jörgens Haltung veranlaßte sie, umzukehrei — nein, so konnte sie nicht weggehen, das würde ihi kränken. Sie trat wieder hinaus bis ans Ende ds Brücke.

„Leben Sie wohl und haben Sie herzsichen Dank fit den schönen Abend!" sagte sie freundlich.

„Nichts zu danken, Fräulein Helga," entgegnete Jör gen ernst. Er fühlte deutlich den größeren Abstand, ds trotz Helgas freundlichem Tone zwischen sie getreten war — „Sie hat mir nicht einmal die Hand gegeben," dacht er. „Natürlich will sie dem roten Junker ihre Hanl nicht reichen." Dieses Handgeben war mit einem Mab eine wichtige Sache für ihn geworden, die alles ander tn den Hintergrund drängte.

Na, im Grunde war es ihm auch ganz gleichgültig sie hatten ja gar nichts miteinander zu schaffen. Zwi schen den beiden Häusern lag eine tiefe Kluft, und wen, sie noch nicht tief genug fein sollte, dann war Jörgen dei Mann dazu, sie noch tiefer zu graben. Er griff heftu in die Ruder und war im Augenblick daheim.

Helga ging langsam zum Hause hinauf; als sie ai das Gebüsch bei dem großen Rasenplatz kam, stand fit plötzlich ihrem Bruder gegenüber.

„Bist du's, Thomas?" rief sie ettchrockeÜ. Sie hallt den Bruder in einer Gesellschaft geglaubt und nicht ge. dacht, daß er schon zurückgekehrt sein würde. Ich würde sie sicherlich von ihm ausgescholten.

Aber Thomas schalt nicht. Er erzählte, er sei ba> heim geblieben und habe gearbeitet; dann sei Rechts anwalt Duus gekommen, und sie hätten ein Weilchen zusammen geplaudert, dann habe er Duus heimbcaleitei und sei soeben zurückgekehrt. Thomas legte den Arm um seine Schwester und hörte ihr zu, wie sie ihm rasch und atemlos berichtete, was sie erlebt Halle.

(Fortsetzung folgt.)