Nr. 58
Fuldaer Zeitung (Amtliches Nreisblatl)
Samstag, 9. März 1929
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Heimat
L. -----
Fuiöa, den 8. März 1929 Perfonennachrichten.
Der Bundespräsident des auch die StadtFulda zu ihren Mitgliedern zählenden Reichsstädtebundes, Oberbürgermeister Dr. B e l i a n, feiert am 10. März d. Js. sein 25 jähriges Dienstjubiläum als Leiter der Eilenburger Stadtverwaltung. Er hat sich als Mitgründer des im Jahre 1910 geschaffenen Reichsverbandes deutscher Städte, dessen Dorstand er bald als stellvertretender Vorsitzender angehörte und seit dem Jahre 1918 als Vorsitzender bezw. Bundespräsident des Reichsstädtebundes durch umsichtige Leitung und unermüdliche Arbeit für den Bund außerordentliche Verdienste um die mittleren und kleinen Städte erworben, die ihm sein energisches Eintreten für ihre Interessen zu danken wissen. Dr. Belian gehört seit 1920 dem Reichswirtschaftsrat an, bekleidet außerdem aber noch eine große Reihe bedeutsamer Ehrenämter.
Don der Oberrealschule.
Die Staatsregierung hat die durch den Magistrat der Stadt Fulda vollzogene Wahl der Studienassessoren Fiedler und Dr. S t ö h r zu Studienräten b e st ä t i g t.
Stadtpfarrkirche.
Heute abend 8 Uhr ist in der Stadtpfarrkirche Fastcnpredigt und Andacht.
Eine Festakademie zu Ehren des hl. Thomas von Aquin.
des Patrons der katholischen Philosophen- und Theologenschulen, wurde gestern im hiesigen Priesterseminar gehalten. Mit dem Hochw. Herrn Bischof hatten sich das Domkapitel, die Professoren und zahlreiche Gäste vom Kloster Frauenberg eingefunden. Herr Subregens Dr. Flügel las den Vortrag des Herrn Professor Dr. Scheller, der ihn wegen Erkrankung selbst nicht halten konnte.
Die Abhandlung hatte zum Gegenstand „die kirchenrechtliche Stellung des Kuratu s". Dieser Name (eine mittelalterliche Wortbildung für den mit der Seelsorge Betrauten, die auch als eure in das Französische und als curate in das Englische übergegangen ist), bezeichnet den Seelsorger, der, ähnlich wie ein Pfarrer, einen abgegrenzten Bezirk mit eigener Kirche selbständig pastoriert, ohne daß aber dieser Bezirk als Pfarrei kanonisch errichtet ist.
Kuratien können entstehen durch Abzweigung selbstständiger Seelsorgebezirke von einer Pfarrei, durch Selbständigmachung einer Kaplanstelle an einer Pfarrei oder auch durch Bildung eines Sprengels aus Bestandteilen verschiedener Pfarreien. In den genannten Fällen bleibt der Bezirk im Verbände der alten Pfarrei und erhält nur einen selbständigen Seelsorger. Es kann aber auch eine Kuratie gebildet werden in Bezirken die bisher noch zu keiner Pfarrei gehörten.
Auf die Frage nach den Rechten und Pflichten des Kuratus gibt das neue Kirchliche Gesetzbuch keine Antwort. Das mag damit .Zusammenhängen, daß in anderen Gebieten der katholischen Kirche diese Einrichtung sich nicht oder nicht in solchem Umfange findet, wie bei uns in Deutschland. Zur Beantwortung jener Frage dienen die bezüglichen Diözefanver- ordnungen und Gewohnheiten sowie die sinngemäße Anwenduna der allgemeinen Gesetze, die sich mit einer ähnlichen Materie befallen, für die einzelnen Kuratien auch etwa noch besondere Regelungen. Im allgemeinen eignen dem Kuratus als selbständigem Seelsorger die Rechte und Pflichten eines Pfarrers inbezug auf die ihm anvertrauten Sachen und auf die ihm zugewie- fene Kirche in der Regel auch die Vermögensverwaltung, die Führung der Kirchenbücher, die Ausstellung von Urkunden, der Gebrauch eines Amtssiegels. Ausnahmen werden besonders festgelegt.
Wenn die Kuratie noch zu einem Pfarrbezirk gehört, besitzt der Kuratus inbezug auf die Pfarrechte eine mit der des Pfarrers konkurrierende Gewalt. Sie wird ihm vom Bischof übertragen, der sie aber dem zuständi- oen Pfarrer nicht nehmen kann. Letzterer, nicht der Kuratus, hat andererseits die Pflicht, an Sonn- und Festtagen das hl. Opfer für die Gläubigen auch des Ku-
ratiebezirks darzubringen. Anders ist es bei den Kuratien, die nicht aus Bestandteilen einer Pfarrei gebildet sind. Hier hat der Kuratus die sogenannte Applikationspflicht. Ihm eignet auch eine größere Selbständigkeit, weil kein Pfarrer mit konkurrierenden Rechten da ist. Unbestritten ist er auch amtlicher Zeuge bei schriftlichen Eheversprechen, während dieses bei Kuratien in einem Pfarrbezirk nicht oder doch nicht sicher der Fall ist.
Zum Schlüsse wies der Vortrag darauf hin, daß die rechtliche Entwicklung des Instituts der Kuraten, das sich erst seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts vorwiegend in Deutschland nicht gegen das allgemeine Recht, sondern neben diesem her gebildet habe, noch nicht zum Abschlüsse gekommen sei. Es beweise, daß neue Zeiten und Verhältnisse auch neue Aufgaben schaffen, und daß die Rechtsbildung in dem lebendigen Organismus der Kirche auch von unten, nicht allein von zentralen Gesetzgeber, ihren Ausgang nehmen könne.
Musikalische und gesangliche Darbietungen gaben dem Festvortrag, der einen interessanten Gegenstand mit vorbildlicher Klarheit behandelte, einen würdigen Rahmen.
Die Staat!. Kreis- u. Forstkasse Fulda hat ihre Geschäftsräume im früheren Landratsamt (Schloßstraße 4).
3n der letzten Rächt
sank die Quecksilbersäule wieder auf — 1 Grad Celsius. Die Wettcrsachvcrftändigen kündigen für Rorddcutschland Regen- und Schnee-Schauer, für Süddeutschland weiteres Tauwetter an.
Sammlung alter hessischer Volkslieder.
Der bekannte Heimatdichter und Komponist Johann Gemalter ist behördlicherseits mit der Sammlung alter, noch tmvelöffentlichter Dolks- liedcr beauftragt, um dieses wertvolle Volksgut vor der Vergessenheit zu bewahren. Die Schriftstellerin Frau Annes Gewecke-Berg in Wetzlos konnte jetzt 25 noch unveröffentlichte alte Volkslieder der Sammlung einreihen lassen. Auch mehrere ihrer eigenen Gedichte wurden von Lewaltei; im Volksliederton komponiert.
Sechs weitere erstklassige Hausfrauen.
Auch gestern waren zu dem W e t t k o ch e n am Gasherd im Stadtsaal zahlreiche Interessenten erschienen. Das Programm glich demjenigen des ersten Tages. Die Spitzenleistung des ersten Tages wurde in bezug auf sparsame Verwendung des Gases noch überboten. Frau Handwerk, die den 1. Preis erhielt, kochte die , ge- samteSpeisenfolge mit 389 Liter Gas in 51 Minuten. Den zweiten Platz belegte Frau Kramm, den dritten Frau Grünhage, den vierten Frau Sopp, den fünften Frau Hartmann und den sechsten Frau Bischof. Der Gesamteindruck war an beiden Tagen, daß sich die Fuldaer Hausfrauen und Haustöchter auch an modernem Gaskochherd sehen lassen können.
„Toleranz in Jena“.
Das Vorgehen einiger studentischer Korporationen 'n 3ena bei der letzten Reichsgründungsseier gegen die katholische Stüdentenverbindung „Su- gambria" hatte, wie man sich erinnern wird, auch in der „Fuldaer Zeitung" ein Echo gefunden. Kurz darauf erschien in dem „Fuldaer Anzeiger" eine Zuschrift, die sich auf einen Gewährsmann in Jena berief und es so darstellte, als ob die in der „Fuldaer Zeitung" gebrachte Mitteilung unberechtigt gewesen sei. Der Rettungsversuch des Anzeigers ist jetzt 'n aller Form gescheitert. In der „Thüringischen Allgemeinen Zeitung" (Erstirt) wird Mitteiluna von der offiziellen Erledigung der Angelegenheit gemacht. Der Vorsitzende der „Studentischen Der- treterschoft", der selbst einer der beiden Korporationen, die die „Sugambria" tätlich angriffen, angehört, wurde durch den Senatsbeschluß auf zwei Seme st er relegiert, während die übrigen festgestellten Ruhestörer des Consilium abeundi erhielten. — Dazu bemerkt das Erfurter Blatt, das keineswegs uns Katholiken nahefteht, folgendes: „Im Interesse des Jenaer Universitätslebens, dem solche bedauerlichen Entgleisungen nicht gerade zuträglich sind, ist zu wünschen, daß eine Wiederholung solcher Vorfälle an der Einsicht aller akademischer Kreise scheitert." — Weiteres brauchen wir
zu dem Fall wohl nicht zu sagen.
Um die Postgebühren.
Im Verwaltungsrat der Reichspost erklärte am Donnerstag Reichspostminister Dr. Schätze! auf eine kommunistische Anfrage, die Frage der Senkung der Rundfunkgebühren fei noch nicht abschließend geprüft, weil das Finanzergebnis der Rundfunkgesellschaften noch fehle. Die Verbesserung der Organisation des Rundfunkes fei im Gange; es feien auch Sicherungen gegen lieber« fälle getroffen. Eine Senkung der F e r n f p r ech- gebuhren fei nur möglich, wenn man die Ausgaben drossele. Der Minister erklärte weiter, daß die Lohnverhandlungen mit dem Personal noch schwebten. Die Mittel für die Lohnerhöhungen seien vorhanden. In der Finanzlage der Reichspost sei im Januar
der gewöhnliche saisonmäßige Rückgang eingetreten, es zeige sich aber gegenüber dem Januar 1929 eine erfreuliche Steigerung.
Reichsgericht und Wohnungszwangswirtschast.
Das Reichsgericht hat ein Urteil des Kammer- genchts bestätigt, daß die Anwendung der Aus- nahmebestimmung des Paragraph 3 Absatz 2 preu- ßische Lockerungsverorimung auf solche Wohnräume a b l e h n t, die an eine G. m. b. H. zusammen mit Geschäftsräumen vermietet worden sind, aber nicht den Inhabern der G. m. b. H„ sondern den Filialleitern als Wohnung dienen. Grundsätzlich soll der Mieterschutz nur für den Mie- ter persönlich wirken, während Wohnräume, die mit Geschäftsräumen an Angestellte überlasten werden, genau so freigestellt sind, wie Geschäftsräume.
Bon der Gewerbesteuer.
Don Stadtverordneten Eduard Schmitt.
In den Städtischen Körperschaften beginnt jetzt die Beratung des städtischen Haushalts für 1929. Die Hauptrolle spielt in diesen Beratungen immer die Frage, wie hoch der Finanzbedarf ist, der durch Steuern gedeckt werden muß. In Frage kommen bekanntlich für die Deckung des städtischen Bedarfs die Grundvermögenssteuer und die Gewerbesteuer. Diesen Bedarf zu errechnen, soweit es überhaupt im voraus möglich ist, und die Steuern auf die einzelnen Steuerarten zu verteilen, gehört zu den verantwortungsvollsten und auch schwersten Aufgaben der Stadtverordneten-Dersammlung. Die Festsetzung der Prozentsätze auf das ermittelte Steuersoll erregt stets die Gemüter der Versammlung und das Interesse der gesamten Wirtschaftskreise.
Für eine sachliche Prüfung und Erörterung dieser Frage ist die Kenntnis aller einschlägigen Fragen wünschenswert. Es wurde daher seitens der Stadtverwaltung bei der Beratung des vorjährigen Haushalts statistisches Material zur Frage der Gewerbesteuer in der Stadt Fulda vorgelegt, das damals große Beachtung gefunden hat. Die Zahlen eines Jahres sind aber oft von Zufällen abhängig und können allein für die Beurteilung der Frage nicht maßgebend fein. Es fei daher im Nachfolgenden das Ergebnis der beiden letzten Jahre nach den amtlichen Feststellungen rnitge- teilt. Die Zahlen für das Rechnungsjahr 1927 (vom 1. April 1927 bis 31. März 1928) wurden im Februar 1928 ermittelt. Die Vergleichszahlen vom jetzt zu Ende gehenden Rechnungsjahr 1928
(vom 1. April 1928 bis 31. März 1929) stammen vom Februar 1929.
Die Zahl der Gewerbebetriebe in der Stadt Fulda betrug:
im Jahre 1928 - 1487; 1927 . 1392
Von diesen Betrieben waren 1928 1927
Steuerpflichtig 1036 863
Steuer frei 451 529
1487 1392
Von der Gewerbesteuer sind bekanntlich diejenigen Betriebe befreit, deren Jahresertrag unter Mk. 1500 liegt. Die steuerpflichtigen und steuerfreien Betriebe verteilten sich wie folgt:
1. Steuerpflichtig waren 1928 1927
a) Handwerksbetriebe 472 409
b) Handelsbetriebe 528 4-8
c) Industriebetriebe 36 26
10 6 863
2. Steuerfrei waren 1928 1927
a) Handwerksbetr iebe 149 239
b) Handelsbetriebe 291 261
c) Industriebetriebe 11 29
451 c29
In dieser Uebersicht ist besonders in die Augen fallend die Verschiebung bei den Industriebetrieben. Es dürfte dies in Folgendem feinen Grund haben. Die Veranlagung erfolgt nach dem Ergebnis des verflossenen Jahres. Der Veran- gung für die Gewerbesteuer 1927 lag also das Kriesenjahr 1926 zu Grunde. Für die Veranlagung zur Gewerbesteuer 1928 war das Geschäfts-
Autofahrer, nehmt mehr Rücksicht auf die Fußgänger!
WM j; T'
(Originalzeichnung von Oehlschlögel).
Schmnhige Straßen erfordern vorsichliges Fahren.
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Ar rsieii iniii miW FMer.
Roman von Marten K o r ch.
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„Sie sollten nur einmal auf unserem Fluß fahren, Fräuleinchen! Sie wissen ja, wir haben einen Privatfluß, der uns ganz allein gehört!" sagte er.
„Ja, ich bin schon oft da stehen geblieben und habe hineingesehen, das können Sie mir glauben," versetzte Fräulein Lund mit einem raschen Seitenblick auf Jörgen.
„Wenn Sie an einem Abend einmal Lust haben, will ich Sie gern Herumrudern und Ihnen alle Herrlichkeiten zeigen. — Aber mit einem so alten Knaben wie ich ist es natürlich kein Vergnügen zu fahren. Und ich habe ja auch kein Boot. Das ganze gehört Herrn Jörgen Junker." Cornelius lachte.
Jetzt konnte Jörgen nicht mehr anders, er mußte sich anbieten, Fräulein Lund den abgesperrten Fluß und den Garten zu zeigen, und sie nahm das Anerbieten noch auf denselben Tag an. Es wurde auf neun Uhr festgesetzt.
Fräulein Lund war augenscheinlich hoch befriedigt von dem Erfolg ihrer Bemühungen und so hüpfte sie vergnügt von bannen.
„Da hast du mir einen schönen Streich gespielt, mein lieber Cornelius", sagte Jörgen; aber Cornelius lachte nur.
„Wir werden schon bald einen jungen Ehemann aus dir machen," sagte er. „Die kleinen Mädels laufen ja herbei wie die Fliegen, aber die vorhin ist die schönste und hat am meisten Geld. Die mußt du nehmen."
„Das ist ganz meine Sache, darum braucht ihr euch nicht zu kümmern," erwiderte Jörgen. Jede weitere Erörterung der Heiratsfrage wurde indes durch den Eintritt der beiden nächsten Nachbarn unterbrochen. Zuerst kam der lange Barbier Jahn, der zwar sein Geschäft auf dem Markt hatte, aber ein Haus in der Bach- strahe besaß, wo er auch wohnte. Gleich hinter ihm trat der Schmied Pelk ein, dessen Behausung an der Ecke gleich hinter dem Kaufhof lag. Er war auch Schiffsschmied und galt als sehr tüchtig, sonst aber war er ein sonderbarer Kauz. Beide Männer waren tägliche Gäste
in Junkers Laden und nahmen herzlichen Anteil an dem Wohl und Wehe der Firma.
Der Barbier erkundigte sich sofort nach den Fahrten aufs Land hinaus, und Cornelius wies stolz auf zwei große Eierkisten, die mit Paketen voll bepackt waren.
„Da seht einmal her. Lauter Waren für die kleinen Leute. Ja, der Kapitän und ich, wir verstehen, mit dem Landvolk da draußen umzugehen." Dabei reckte Cornelius feine Nase in die Luft und sah seine Freunde voll Selbstbewußtsein an.
„Ja, was ich sagen wollte, — wo ist Rasmus Junker?" fragte Pelk. Er war ein kleiner Mann mit einem frommen einfältigen Gesicht. Mit der Sprache konnte er zwar nicht so leicht zurechtkommen, aber meistens war der Barbier zur Hand und half ihm.
„Rasmus wird gleich kommen — seht ihr, da ist er schon!" Cornelius wandte sich nach der Hoftür, durch die Rasmus mit einem Zuckersack auf dem Rücken eben hereinkam. „Seht einmal her, das ist ein Sack von zwei Zentnern! Sollte mans wohl glauben, daß den ein 'Mann in den Sechzigern tragen kann? Kommt er nicht daher wie ein junger Bursche?"
Rasmus Junker hatte Riesenkräfte, und es war feine größte Freude, die Waren herbeizuschaffen und solche schwere Arbeit zu verrichten.
„Wollt ihr was von mir?" fragte er und stellte den Sack an seinen Platz mit einer Leichtigkeit, als wäre er eine kleine Düte.
„Ich wollte nur sagen —" begann der Schmied aufs neue.
Aber der Barbier unterbrach ihn. „Das kannst du noch lange sagen," meinte er und fuhr mit den Händen hurcb die Lust, als wäre er im Begriff, Seifenschaum zu schlagen. „Nein, der Schmied und ich wollten nur mal ein bißchen hereingucken, um zu hären, wie es mit euren Fahrten aufs Land geht. Wir wünschen ihnen ja allen Erfolg und daß sie unserer lieben alten Firma zum Se- gen werden." Der Barbier redete in einem komischen Predigttone.
„Du brauchst nichts weiter zu sagen," lachte Cornelius. „Gib mal die Portweinflasche her, Rasmus!" Cornelius bekam die Flasche und schenkte ein.
Der Barbier und der Schmied waren gewohnt, ein Gläschen zu trinken, wenn sie hierher zu Besuch kamen.
Cs war eine Erinnerung an die böse Zeit, wo man viel Trost brauchte. Jörgen hatte keine Freude daran, erhob aber keinen Einspruch. Es blieb aber auch immer bei dem einen Gläschen, und Flasche und Gläser verschwanden sofort wieder in dem Schränkchen neben der Hoftür. Alle hatten großen Respekt vor Jörgen.
„Prosit allerseits! Auf eine glückliche Zukunft" rief Jahn und leerte fein Glas.
„Haha, ha, wenn dein Trinken was helfen könnte, dann wäre längst alle Not zu Ende, dann wären wir fein 'raus," lachte Cornelius.
„Zum Kuckuck, wer spricht hier von Not? Not ist ein Wort, das man hier in der Bachstraße nicht mehr hären sollte." Jahn wollte noch mehr sagen, wurde aber vom Schmied unterbrochen.
„Was ich sagen wollte —" begann dieser abermals.
„Damit kannst du bis morgen warten, Schmied.
Komm nun, gehen wir heim, hier wird jetzt geschlossen!" „Nein, nein," wehrte er ab, „ich muß es sagen. Also, ich stehe hier nicht als gewöhnlicher Mann, ich stehe hier als — ja, was wollte id) sagen?"
„Ja, ja, schon recht, Schmied; das war wirklich gut gesprochen. Du stehst hier als Festredner der kleinen Meister. Wir kennen das schon." Und Jahn schlug wie- der Seifenschaum. „Uebrigens wo kommst du her, Pelk? Bist du in der Stadt gewesen?"
„Nein, aber ich bin ein Komitee." Pelk schaute sich stolz um, daß er das schwierige Wort richtig herausge- bracht hatte. „Ja, wir sind eigentlich drei, aber zwei sind also nicht hier."
„Hast du auch in deinen Taschen nachgesehen?" fragte Jahn; doch Pelk achtete nicht auf den Einwurf.
„Ich rede ja nicht viel, Rasmus Junker, aber ich denke darum doch."
„Hört einmal, Pelk denkt!" spottete Jahn.
Aber der Sck)mied Pelk ließ sich jetzt nicht mehr drausbringen, er hatte ja einen Auftrag, der ausgeführt werden mußte. Er erhob also feine Stimme, und ausschließlich Rasmus zugewendet, fuhr er fort:
„Siehst du, wir Bürger der Stadt sind dir also eine Ehrenerklärung schuldig, Rasmus Junker, schon von früheren Zeiten her. Und siehst du, heute abend waren also die Schiffergilde, der Seemannsverein und der kleine Bürgerverein im „Scharfen Eck" versammelt. Und da
ist also einstimmig beschlossen worden, dich, Rasmus, am 25. gegen den Konsul aufzustellen. Du sollst also Präsident in dem „Patriotischen" werden, Rasmus Junker."
Der Schmied trocknete sich den Schweiß von der Stirne. Es war ihm heiß geworden.
Es währte einige Zeit, bis jemand das Wort ergriff, Das war eine Neuigkeit, die allen den Atem benahm. Die patriotische Bezirksgesellschaft war eine alte Einrichtung. Sie hatte drei Präsidenten, von denen einer aus der Stadt und die beiden anderen aus dem Bezirk sein mußten. Die patriotische Gesellschaft war sehr einflußreich, sie verfügte über ein bedeutendes Vermögen, aus- gedehnten Grundbesitz, Luftwäldchen und andere städtische Grundstücke. Sie verwaltete Legate und veranstaltete Ausstellungen und Festlichkeiten. Diese Gesellschaft bildete eigentlich eine Art von höherer Einheit, in der alte die kleinen Vereine in Stadt und Land aufgingen, und ihr Vorstand hatte infolgedessen großen Einfluß. Ee konnte Zufall sein, wer in den Beirat kam; aber niemals war es Zufall, wen die Stadt zum Präsidenten wählte; das war ein sehr gesuchter Ehrenposten.
Der Färber Bang hatte diesen Posten jahrelang bekleidet, und nun handelte es sich um die Wahl seines Nachfolgers. Die Handelsgesellschaft, der Klub und mehrere andere Vereine hatten den Konsul Junker als Kandidaten aufgestellt, und man rechnete mit seiner Wahl als mit einer ausgemachten Sache.
„.Nun, ich hab' versprochen zu hören, was du dazu sagst. Rasmus," fragte, nachdem er seinen Triumph hinlänglich genossen hatte, endlich Pelk.
Rasmus Junkers Gesicht hatte sich mit tiefer Glut hebest. In feinem Herzen nagte ein bitterer Gram. Er hatte feine Vaterstadt stets geliebt und seine Mitbürger geachtet; aber in jener Zeit, als es ihm schlecht ging, hatten diese ihm den Rücken zugewandt; sogar seine Freunde, die Seeleute, wollten ihn nicht mehr im Vorstand ihres Vereins haben. Das war soviel wie ein Ausschluß aus dem Verein und hatte ihm den schwersten Kummer bereitet, der ihm stets am Herzen nagte. In diesem Augenblick nun dachte er gar nicht an die Wahl selbst; die Aufstellung als Kandidat war schon allein eine große Ehre. Seine innere Bewegung verhinderte ihn am Sprechen; aber Cornelius ergriff an seiner Stell, das Wort. (Forti, fclat.)