Einzelbild herunterladen
 

Anzeiger für die Stadk Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblakl.

Hr 55.

Lrlcheml sechsmal wöchentlich. Wochenbeilagen^ „Die Welt im Bild" und „Buchenblätter". Rotationsdruck und Verlag der Fuldaer Actiendruckerei in Fulda. Fernsprecher Nr. 9. Monatl.1,80 einschl. Postgeb. (30 be^to. 48 Pf.s ohne Zustellg'

Mittwoch, 6. März 1929.

Anzeigen-Preise Kleinzeile (Colonel» lokal 0,15 JUt auswärts 0,20 JUt Reilamezeite: lokal 0,60 JUt, auswärts 0,80 JUl. Bei Wiederholungen Raba 1 h

Postscheckkonto Frankiurt a. 91t. Nr 4051 >•

56.Zahrg.

Der Präsidentenwechsel in

Washington.

Am Montag nachmittag hat in Washington b?r feierliche Akt stattgefunden, in welchem der bishe­rige Präsident Coolidge seine Amtsbefugnifse an den neugemählten Präsidenten Hoover abtrat. Auf den Stufen des Capitols leistete Hoover den Eid auf die Verfassung ab, dem 100 000 Menschen aus allen Teilen der Union beiwohnten. Der Prä- fidentenwechsel darf wohl ein Anlaß sein, auf die mutmaßliche Haltung des neuen Präsidenten Hoo­ver in den großen Fragen seines Amtes knapp zu skizzieren.

Calvin Coolidge ist über fünfeinhalb Jahre im Amt gewesen, das er antrat, als am 3. August 1923 der republikansche Präsident Harding von einem plößlichen Tod überrascht wurde. Er war bei den Novemberwahlen im Jahre 1920 dem neu­gewühlten Präsidenten Harding als Vizepräsident beigegeben worden, nicht weil er als Politiker einen befonders großen Ruf genossen hätte, sondern nur, weil man annahm, daß seine Person den republi­kanischen Anhang unter den Wählern wegen sei­nes unzweifelhaft lauteren Charakters vermeh­ren könnte. Niemand hat wohl daran gedacht, daß er einmal das Amt des Präsidenten überneh­men würde. Das Schickfal hat es anders ge­wollt. Aber auch als Präsident hat Coolidge seine Popularität nicht zu vertiefen vermocht. Er galt als der „große Schweiger", was einige Leute für Klugheit hielten, andere aber nur insofern, als er mit feinem Schweigen verbarg, daß es ihm an Gedanken fehle. Aber Coolidge hat sich als das erwiesen, was die öffentliche Meinung von seinem Puritanertum und feinem soliden Charakter er­wartete. Während der Amtszeit Hardings nxuen große Skandalaffären ruchbar geworden, unter ihnen an erster Stelle der Petroleumfkandal. Die Verantwortlichen und moralisch Belasteten waren in den höchsten Regierungskreisen zu suchen. Coo­lidge ist diesen Affären mit großer Hartnäckigkeit zuleibe gegangen und nicht davor zurückgeschreckt, die Untersuchungen auch bis in die Kreise seiner eigenen Parteiangehörigen auszudchnen.

Am meisten interessiert uns natürlich seine Politik gegenüber Europa. Hier hielt er sich in den Gleisen Hardings. Die Abneigung der Amerikaner, wieder in die europäischen Hän- del eingeflochten zu werden, stellte er. Er hat es aber versucht, die Union zum Mitglied des Stän­digen Internationalen Gerichtshofs im Haag zu machen, ein Versuch, der leider nicht gelungen ist. Unter Coolidge sind aber wohl die verschiedenen Schuldenabkommen der europäischen Staa­ten mit Amerika zustande gekommen, von denen nur ein sehr wichtiges, nämlich das französisch- amerikanische, noch nicht ratifiziert ist. Weniger Gluck hatte der amerikanische Präsident, als er nach seiner Neuwahl im Herbst 1924 — sie war haupt­sächlich dadurch zu einem Siege für ihn geworden, weil ihm die wirtschaftliche Prosperität des Landes zugute kam und die demokratische Partei durch in­nere Uneinigkeit benachteiligt war, obendrein aber noch durch die Erbschaft Wilsons belasteter schien den Versuch unternahm, das internationale Ab- rustungsprogramm weiter durchzuführen. Eine mut England und Frankreich unter Assistenz von Italien und Japan in Genf veranstaltete Ab­rüstungskonferenz verlief völlig ergebnislos. Im übrigen war die Amtszeit Coolidges politisch mehr durch die Persönlichkeit des Schaßsekretärs Mellon und des Staatssekretärs Kellogg repräsentiert. Je­nem gelang die Verminderung der amerikanischen Staatsschuld, dieser ist durch den Pariser Antikriegs- pokt in den Vordergrund getreten. Mellon ge­hört auch dem neuen Kabinett Hoover an.

Die Popularität des neuen amerikanischen Prä­sidenten Hoover ist erheblich größer als die des scheidenden Coolidge. Er hat sich nicht gescheut, gleich nach seiner Neuwahl die öffentliche Erklä­rung abzugeben, daß er sich an die Politik seines Vorgängers nicht gebunden sichle. Das war sehr freundlich von ihm, es ist aber auch kaum zu er­kennen, wie er sich von der Polltik Coolidges we­sentlich unterscheiden wird. Gleich nach seiner Wahl hat Hoover eine demonstrative Reise nach Süd­amerika angetreten, welche die wirtschaftliche Verbundenheit Süd- und Nordamerikas dukumen- kleren sollte. Wir Europäer werden darin nicht

nur ein positives Moment sehen, sondern auch ein negatives, nämlich das Bemühen, die euro­päische Konkurrenz in Südamerika möglichst auszuschalten. Es ist von Hoover zu erwarten, und dabei bewegt er sich durchaus in den Dahnen seines Vorgängers, daß die scharfe amerikanische Schutzzollpolitik in jeder Form beibehalten werden wird. In Europa gibt es feit langer Zeit bereits ernsthafte Bemühungen, eine gewisse wirtschaftliche Solidarität Europas Amerika gegenüber zu organisieren. Einer ihrer ersten Vorkämpfer ist bekanntlich der Franzose Loucheur. Wenn Hoover wahr macht, was er mit seiner Südamerikareise angedeutet hat, so ist es natürlich nicht ausgeschlossen, daß jene Demühun- gen Fortschritte machen. Auch m einem anderen Punkte dürfte Hoover, wenn vielleicht auch mit et­was mehr Energie und Phantasie als Coolidge, in dessen politische Bahnen weiterwandeln, nämlich in der Politik der A b r ü st u n g z u r S e e. Die Amerikaner haben im letzten Jahre außerordent­lich hohe Summen ausgegeben, um ihre Seerüstung zu verstärken, und eine der letzten Taten des Kon­gresses während der Amtszeit Coolidges ist noch die Verabschiedung eines neuen Kreuzerprogramms. Es ist ein Wettrüsten zwischen England und Amerika im Gange, das keinem der beiden Länder zum Vorteil gereichen kann. Schon hat der eng­lische Botschafter in Washington kürzlich etwas vor­eilig neue englisch-amerikanische Besprechungen über die maritime Abrüstung angekündigt. Er hat damit vielleicht einem bekannten Wunsche Hoo­vers rechtzeitig ein systematisches Echo geben wol­len. Was Hoover, der als ein großer Organisator gilt, wirklich zu leisten vermag, wird er aber mehr auf dem Gebiete der amerikanischen Innenpolitik zu beweisen vermögen. Er hat schon im Wahl- kampf angekündigt, daß er während seiner Präsi­dentschaft einen großen Plan für eine Hilfs­aktion zugunsten der Landwirtschaft ausarbeiten werde. Dieses amerikanische Problem ist so wichtig und vielseitig, daß cs die organisa­torischen Kräfte des neuen Präsidenten in erheb­lichem Maße in Anspruch nehmen wird.

Die Antrittsrede Hoovers.

Präsident Hoover hat sich nach der feierlichen Amtseinführung mit Coolidge und großem Gefolge zu der vor dem Kapitol errichteten Tribüne be­geben, wo er eine durch Rundfunk im ganzen Lande verbreitete Ansprache hielt, in der er die Ziele seiner Politik darlegte.

Die amerikanische Nation sei aus der Nach- kriegsperiode kräftiger denn je hervorgegangen. Sie erfreue sich eines großen Wohlstandes im In­land und großer Achtung im Ausland. Sie dürfe jedoch nicht außer Acht lassen, daß die Gleichgül­tigkeit gegenüber Gesetzen und besonders die Ver­brechen im Zusammenhang mit der Prohibition er­heblich zugenommen haben. Hierin liege eine große Gefahr für die Nation. Er, Hoover, werde die Einsetzung einer Kommission Vorschlägen zum Stu­dium der Pläne für eine Reform der Bundesver­waltung und der Strafprozeßordnung zwecks st r engerer Durchführung der P r o h i b i • tionsbestimmungen und schnellerer und strengerer Bestrafung der Schuldigen. Entsprechend dem Wunsche der Wähler trete er für die private Initiative und für möglichste Ausschaltung behörd­lichen Besitzes oder behördlicher Verwaltung von geschäftlichen Unternehmungen ein. Ferner werde er eine besondere Kongreßtagung einberufen zur Durchführung der versprochenen Hilfe für die Far­mer sowie zur Aenderung des Zolltarifs, die jedoch nur in beschränktem Umfange durchzuführen sei.

Als außenpolitische Richtlinien bezeich­nete Hoover den Wunsch nach Frieden mit anderen Nationen und zwischen ihnen sowie dem Ausbau des Kelloggpaktes durch weitgehende An­wendung des Schieds- und Vergleichswesens durch Eintritt in den Weltgerichtshof und durch Be­schränkung der Rüstungen. Er lehnt dagegen den Eintritt in den Völkerbund ab, durch dessen Satzungen die Mitglieder in fremde Streitigkeiten verwickelt werden könnten. Hoover proklamierte die Freundschaft der Bereinigten

1

■

Das „Weiße Haus" in wafhingkon und das neue Präfidenlenpaar.

eine bet geistigsten Erscheinungen in der ameri- kmischen Frauenwelt. Sie ist mit Herbert Hoover dessen Studiengenossln sie war, seit 1899 verhei­ratet.

Herbert Hoover, der neue Präsident der Der- mgten Staaten, ist in der langen Reihe der Prä- ?Ie !e't 1789 an der Spitze der Vereinig- »ss floaten standen, der Einunddreißigste. Seine «rau Lou, die neue Herrin im Weißen Hause, ist

Staaten mit den lateinamerikanischen Republiken und sprach den Wunsch aus, daß ihre Unabhängig­keit erhalten bleibe und ihre Stabilität und ihx Wohlstand gefördert würden. Amerika hoffe, daß auf der ganzen Welt dauernder Friede herrschen werde.

*

Zu der gleichen Zeit, als die feierliche Amts­übernahme durch den neuen Präsidenten Hoover erfolgte, schloß der 70. Kongreß in aller Stille seine Arbeiten. Um 10 Uhr vormittags versammel­ten sich die Mitglieder des Repräsentantenhauses in dem fast leeren Sitzungssaal, und um 11 Uhr führte Dawes zum letzten Mal den Vorsitz im Senat. Darauf begaben sich die Mitglieder des Repräsen­tantenhauses in den Sitzungssaal des Senats, um

der Uebergabe des Amtes seitens Dawes an den neuen Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten Curtius beizuwohnen, der damit gleichzeitig Prä­sident des Senats wird. Hoover und Coo­lidge sowie das Diplomatische Korps und die hohe Beamtenschaft der verschiedenen Ressorts warm bei der Amtsübernahme zugegen. Rach der Ver­eidigung des Vizepräsidenten Curtius wurden ver­schiedene Ernennungen, darunter die der Mitglie­der des neuen Kabinetts Hoover, in einer Son­dersitzung bestätigt. Eine halbe Stunde später war Hoover Präsident und Coolidge nach 30 jähriger Tätigkeit in Regierungsdiensten wieder ein­facher Bürger geworden. Coolidge und Gattin begaben sich zum Bahnhof und reisten nach ihrem Besitztum in Rorthampton (Massachusetts ab.

—■■■ «T-rm

Blutige Kämpfe in Mexiko.

wtb. Neuyork, 5. März. (Eig. Meldg.) Wie aus El Paso gemeldet wird, kam es gestern nach­mittag zwischen 5000 Mann mexikanischer Bun­deskuppen unter dem Befehl des Generals Urbcr- lege Und einer starken Streitmacht Aufständischer zu einem erbitterten Kampfe.

Sieg der mexikanischen Aufständischen.

wtb. Neuyork, 5. März. (Eig. Meldg.) Aus Nogales (Arizona) wird berichtet: Nach einer Mel­dung des Oberbefehlshabers der aufständischen mexikanischen Skeitkräfte, General Eseober, haben die Aufständischen die Hauptstadt von Nueva Leon, Monterey, die ein Hauptstapelplatz für das Kriegs­gerät der Bundestruppen war, eingenommen. Der Kampf, der sich um den Besitz dieser Stadt ent­spann »endete mit einer Niederlage der Bundes- Kuppen. Die Aufständischen haben 81 Offiziere, unter ihnen drei Generäle und 560 Mann der Bun­destruppen gefangen. Sie erbeuteten 12 Maschinen­gewehre und 1000 Gewehre.

•

Wie Associated Preß aus Nogales meldet, haben sich die Staaten Zacatecas und Nayarit der Revo­lution angeschlossen. Somit haben sich nach An­

gabm der Führer der Aufständischen insgesamt neun Staaten gegen die mexikanische Regie rung erhoben.

*

Wie Associated Preß aus Nogales im Staate Sonora meldet, hat Gouverneur Fausto To­pete angekündigt, daß General Gonzalo Esco- b ar aus dem Staate Coahnila zum Oberkomman­dierenden der revolutionären Bewegung ernannt worden sei.

*

. Der amerikanische Botschafter Morrow ist mit seiner Familie und dem Flieger Lindbergh von Cuernavaca, wo er das Wochenende verbrachte, in zwei Automobilen ohne Bewachung i n M e x i'k o eingekoffen.

Ruhe in der Stadt Mexiko.

wtb. London, 5. März (Eig. Meldg.) Reuter meldet aus Neuyork, die Nachricht nach der der mexikanische Präsiden! Gil und die Mitglieder sei­ner Regierung gefangen genommen worden wären, entbehren jeder Grundlage. In der mexi­kanischen Hauptstadt herrsche Ruhe.

gggaaHHEBaraaaWHHKBKOHBBBV

Sie Minderheitenfrage im Völkerbundsrat.

Das Minderheitenproblem, dessen Wichtigkeit gerade von uns Deutschen garnicht überschätzt wer­den kann, bildet den Hauptgegenstand der Beratun­gen, die der Völkerbundsrat auf seiner jetzigen Tagung zu pflegen hat. Der Völkerbund ist auf Grund seiner Satzungen für die Behandlung von Minderheitenangelegenheiten zuständig, d. h. er war es bislang nur insoweit, als er die Garantie für Minderheitenschutzverträge übernommen hat. Von den 54 Völkerbundsmitgliedern sind nur 13 an solche Verträge gebunden, während sich die übrigen 41 Staaten die Entscheidung in Minder­heitenangelegenheiten selbst vorbehalten haben.

Die Märztagung des Rates wird sich auf deut­schen und kanadischen Antrag grundsätzlich mit der Garantie des Völkerbundes für die Bestimmungen zum Schutze der Minderheiten zu befassen haben. Ein derartiges Ereignis mußte naturgemäß stärkste Beachtung namentlich bei den am Minderheiten­problem interessierten Staaten finden.

Die Anschneidung dieser Frage hat in man­chen Ländern auch ein begreifliches Unbehagen hervorgerufen, so 'auch in Frankreich, dem Land, das außerhalb feiner Grenzen die Rechte anderer Minderheiten zwar gut verteidigen kann, in sei­ner starren zentralistischen Staatsauffasiung aber weit davon entfernt ist. seinen eigenen Minderhei­ten irgendwelche Zugeständnisse zu machen Den Elsaß-Lothringern haben die verschiedenen Regie­rungen feit dem Waffenstillstand beispielsweise im­mer wieder entgegen gehalten, daß ihre Autono­miewünsche gegen die französische Einheit gerichtet seien. Der französische Ministerpräsident verstieg sich sogar gelegentlich der Elsaß-Lothringen-De- batte in der Kammer (24. Januar bis 8. Februar) zu der unmöglichen Behauptung: „Nein, das Elsaß ist keine nationale Minderheit! In Frankreich gibt es eine solche Minderheit nicht!"

Sehen wir nun kurz, wie die französische „Ein­heit" in Wirklichkeit aussieht. Zuvor ein geschicht- kicher Rückblick: Zur Zeit Ludwigs 14. gehörten zehn Provinzen des heutigen Frankreichs noch nicht zu ihm; das Elsaß, der Artois, Roussillon, das Nivernais, Flandern, die Freigraffchast, Lothrin­gen, Korsika, Savoyen und die Grafschaft Nizza. Von den 40 Millionen Bewohnern Frankreichs sprechen mehr als 15 Millionen — d. i. falt 40 v. H. — gewohnhe!isgernäß nicht französisch, sondern eine andere Sprache: deutsch, italienisch, bretonisch, flämisch, baskisch. Die Ueberlieferunqcn und Bräuche, die geistigen Gewohnheiten, die Art zu empfinden, sind nicht minder mannigfaltig, als die Sprachen. Frankreich ist demnach, wie die bre­tonischen Autonomisten in ihrer Erklärung non Kastellin sehr treffend oesagt haben, nicht eine Na­tion, sondern ein Staat, der Nationalitäten umfaßt, die sich ethnisch u. kulturell fremd sind. Das Land stellt in ethnischer Hinsicht überhaupt eine erstaun­liche Vielfältigkeit dar. Lateinisch im Süden, gal­lisch in den bergischen Regionen des Zentrums, keltisch im Westen, germanisch im Norden und ysten, bietet es dem Beobachter die verschiedensten örtlichen Sitten und die unterschiedlichsten physi­schen Typen.

In diesem Zusammenhang ist es notwendig, zu erwähnen, daß bis zur Großen Revolution das Vielerlei der Herkunft sich in der Verschiedenheit der Institutionen widerspiegelte. Die meisten Vrovinzen hatten ihr eigenes Partien!, ihr Ge­

wohnheitsrecht, und erfreuten sich einer ziemlich weitgehenden Autonomie. Heute ist es anders. Obschon die 140 Jahre eines gemeinsamen Regi­mes nicht im entferntesten eine Verschmelzung (as- fimilation) dieser Nationalitäten herbeiführen konnten, verharrt die Regierung bei ihrem unita- rischen Prinzip. Das mußte — im Zeitalter des Selbstbestimmungsrechtes — notwendigerweise ein starkes Aufleben des nationalen Gedankens be­wirken. So hat sich in Elsaß-Lothringen, das zu deutscher Zeit eine weitgehende Selbstverwaltung hatte, die autonomistische Bewegung gebildet, die in ihrer Mehrheit die Wiederherstellung der politi­schen Autonomie ford-rt Gemächern ''"ti :f'ren spanisch gewordenen Brüdern kämpfen die Kata­lanen des alten Roussillon, einer Enklave auf fran­zösischem Gebiet, um die Wiedererlangung ihrer Freiheit. Im Baskenlande besteht eine wichtige kulturelle Bewegung, die man gleichermaßen in den südlichen französischen Provinzen beobachten kann, die unter dem Namen Dccitanien die Pro­vence, den Limousin, die Gascogne und auch den Roussillon umschließt. Zwei Bewegungen find im französischen Flandern zu verzeichnen: die erste rein kulturell und sprachlich, völlia weltanschaulich: die zweite politisch und wirtschaftlich intereifiert. Die Korsen, italienisch nach Resse und Sprache, haben sich noch nie als Franzof»n gefühlt. Auch hier hat sich eine autonomistische Partei gebildet, die das nationale Gefühl aufrecht erhalten soll. Die Bretonische Autonomistische Partei zählt meh­rere tausend eingeschriebene Mitglieder. Keine organisierte politische Partei der Bretagne verfügt über eine höhere Zahl von Anhängern.

Schon dieser kurze Ueberblitt dürfte genügen, um erkennen zu lassen, daß das zentralistifche Re- gierungsfnftem Frankreichs nicht der Ausdruck ei­ner natürlichen Einheit ist. Andererseits versteht man auch, warum es dem höchsten Repräsentan­ten des französischen Zentralismus so unangenehm ist, das Minderheitenproblem überhaupt berühren zu müssen. Aber alle Advokafenkünste, über die Poincare in höchstem Maße verfügt, werden die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß inner­halb der französischen Staatsgrenzen sich nationale Minderheiten befinden, die so mächtig und man­nigfaltig sind, wie kaum in einem anderen Lande Europas. Es widerspricht übrigens auch durchaus dem Derföhnungsgedanken, wenn in Frankreich das Vorhandensein nationaler Minderheiten dau­ernd abgeleugnet und durch Vorenthaltung des Selbstbestimmungsrechtes diesen Minderheiten ge­genüber eine Spannung von größtmöglichen poli­tischen Auswirkungen aufrechterhalten wird.

*

Der von der tschechoslowakischen Regierung er­wartete Schritt in bezug auf eine Abänderung de? Verfahrens zur Behandlung der Min- derheitenbefchwerden ist am Montag abend e r - folgt. Wie Südflawien hat auch die Tschecho­slowakei darauf verzichtet, in der Form Litauens einen formellen Antrag auf sofortige Zuziehung zu der Aussprache über das Minderheitenproblem zu stellen, sondern lediglich der Ueberzeugung Aus­druck gegeben, daß der Rat eine Abänderung nicht beschließen werde, ohne der Zustimmung dieser