Anzeiger für die Stadt Fulda und den Landkreis Fulda. Amtliches Kreisblatt.
Ur 53.
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Sonntag, 3. Mürz 1929.
56.Zahrg
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Tie Verantwortung der JeuWen Bolkspartei.
Kein Rücktritt der Reichsreyierung.
Bei den interfraktionellen Besprechungen, die am Donnerstag mittag im Reichstage über die Regierungsfrage stattgefunden haben, stellte der Führer der Deutschen Volkspartei eine Reihe von neuen Bedingungen auf, die erfüllt sein müßten, ehe seine Fraktion ihre Geneigtheit bekunden könne, sich an irgend eine Koalition fest ,zu binden. Diese Bedingungen kannte man bisher teilweise schon in Form einiger Anträge der Deutschen Volkspartei, welche die Etatsbehandlung und Etatsgestaltung betrafen. Jetzt sind diese Anträge Zu Voraussetzungen einer koalitionsmäßigen Bindung der Deutschen Volkspartei emporgestiegen, Anträge, von denen sie natürlich sehr genau weiß, daß sie niemals eine Mehrheit im Parlament firtben können. Die Deutsche Volkspartei sucht also im Reichstag ihre Parteidiktatur zu errichten. Genau so wie sie in der Vergangenheit bereits die Koalitionsform (gewöhnlich nach einem harten Konkurrenzkampf mit der Meinung der Zentrumsfraktion) bestimmt hat. Die Zentrumsfraktion ist sowohl bei der Bildung des ersten Rechtskabinetts Dr. Luther wie des Zweiten Rechtskabinetts unter Marx solange hingehalten worden, — im ersteren Falle wünschte das Zentrum ein Kabinett der Mitte in Anlehnung an die Sozialdemokratie, im letzteren Falle die Große Koalition — bis jedesmal die Gefahr einer Reichstagskrise entstand, mit anderen Worten: der sogenannte „parlamentarische Notzustand", in dem alsdann die Zentrumsfraktion nachgab und damit die Wünsche der Deutschen Volkspartei erfüllte.
Dis Rechtskoalition ist bei den gegenwärtigen Stärkeverhältnissen der Fraktionen im Reichstage zahlenmäßig nicht möglich, auch hat die Politik chugenberg diese Kombination vorläufig außerhalb der Diskussion gestellt. Die Deutsche Volkspartei ist infolgedessen gezwungen, mit der Sozialdemokratie zu verhandeln, um überhaupt die Regierungsgeschäfte beeinflussen zu können. Aber so wenig sie in der Vergangenheit das geringste Interesse daran bekundet hat, daß eine arbeitsfähige Regierung schnell zustande kam, so wenig zeigt sie dieses Interesse im neuen Reichstag. Es ist ihr offenbar vollkommen gleichgültig, was aus dem parlamentarischen System wird, wenn sie in der Reichsregierung nicht das ausschlaggebende Wort sprechen kann. Das gilt gewiß nicht für alle Mitglieder der Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei, es gilt aber bestimmt für den ehemaliaen königlich- preußischen Regierungsassessor Dr. Scholz, der heute, die Reichstagsfraktion der Deutschen Volkspartei führt. Er ist am Donnerstag, als er fo deutlich erkennen ließ, daß er mit dem knapp ein Zehntel der Reichstaqsabqeordneten, über die er verfügt, die kapitalistische Parteidiktatur in Deutschland errichten wolle, darauf aufmerksam, gemücht worden, daß sein Verfahren das Parlament arbeitsunfähig machen werbe. Deutlicher, als man es wohl von ihm erwarten konnte, hat er daraufhin seine politische Seele mit der Antwort enthüllt: „Dieses parlamentarische System haben wir nicht geschaffen!"
Man sollte meinen, daß sich nun jetzt doch die Kräfte Zusammenfügen könnten, die das parlamentarische System in Deutschland wirklich geschaffen Haven, um Herrn Dr. Scholz und seinem Anhang einmal wieder nachdrücklichst zu Gemüte Zu fiih- daß es ihm nicht möglich sein wird, in Deutsch- larw überhaupt nur mitzuregieren, solange er sich nicht den Voraussetzungen demokratischer Regie- Aber wird das nun jetzt auch wirklich geschehen? Der Reichskanzler Her- mann Muller scheint nicht der Mann zu kein, der die Kräfte m Parlament nach der politisch-psycho- og, chen Seite hm richtig einzuschätzen vermag, sonst hatte er längst die Führung übernommen und ste Nicht an die Manner wie Dr. Scholz teilweise abgegeben die ohne Bedenken die parlamentarische Arbeit lahmlegen.
Herr Dr. Scholz tat sich im übrigen sehr wich- tig mit den Abstrichen, die er am Etat vornehmen will. Als wenn nicht jede Fraktion bereit wäre den Ausgabeetat des Reichshaushalts zu verringern. Aber es kommt letzten Endes weniger darauf an, was diese oder jene Partei an Abstrichen auf der Ausgcrbenseite wünscht, sondern darauf kommt es an, daß sie diesen Wunsch zu einem Mehrheitswillen zu machen versteht. D h Kompromisse sind nötig. Die Deutsche Volkspartei würde wohl kaum bereit sein, all die Beträge zu streichen, die heute unter der Firma Kredite und Garantien in unserem Haushalt figurieren und zum großen Teil sehr langfristiger Natur sind. Außerdem hat gerade die Deutsche Dolkspartei bis in die jüngste' Zeit hinein Anträge gestellt, die den Etat erheblich belasten würden. Es steckt also sehr viel Parteiheuchelei in dem Auftreten des Herrn Dr. Scholz, der um des Parlamentarismus willen einmal eine recht derbe Lektion erleben sollte. Aber er spekuliert offenbar auf die starken Mißstimmungen, die Zwischen dem Zentrum und der Sozialdemokratie seit längerer Zeit bestehen, sich personell zugesvitzt haben und auch noch durch den Gegensatz Zwischen den freien und christlichen Gewerkschaften genährt werden. Die Verhältnisse liegen sehr traurig und die Anzeichen für die Schließung der Front an irgend einer Stelle sind recht spärlich.
Die gemeinsame Besprechung des Reichskanzlers Mit den Vertretern der hinter der Regierung stehenden Parteien und des Zentrums, die am Freitgg nachmittag stattfand, war nach verhältnismäßig kurzer Dauer bereits beendet. Vom Reichskanzler Müller wurde den Parteivertretern der nachfolgende formulierte Vorschlag unterbreitet, der da- bm gebt, haft die Parteien, die die Regierung
unterstützen wollen, eine koalitionsmäßige Bindung eingehen und das dann eine Verständigung über die schwebenden Etat- und Steuerftagen gesucht werden soll. Dieser Vorschlag wurde jedoch von dem Vertreter der Deutschen Volkspartei, dem Abgeordneten Dr. Scholz, entschieden abgelehnt, der erneut die Forderung der Deutschen Volkspartei erhob, daß vor einer koalitionsmäßigen Bindung eine Verständigung über die Finanzfragen erfolgen müsse. Damit war die Besprechung ergebnislos beendet. Die Steuerfragen selbst wurden in der Besprechung nicht berührt. Der Reichskanzler mußte am Schluß der Aussprache seststellen, daß der Versuch zur Schaffung der großen Koalition im Reiche zurzeit als geschei'tert anzusehen fei und er weitere Schritte nach dieser Richtung nicht mehr unternehmen werde. Die Reichsregierung werde wie bisher gegenüber Anttägen der Parteien, die sie nicht verantworten könne, ihre ablehnende Haltung auf alle Konsequenzen hin klar zum Ausdrucke bringen. Der Reichskanzler wird dem Reichs- Präsidenten über den Ausgang der Verhandlungen Bericht erstatten.
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Der Reichskanzler unterbreitete den Vertretern der fünf 'Fraktionen nachstehenden Entwurf zu gemeinsamer Beschlußfassung:
1. Die fünf Fraktionen des Reichstags unterstützen die Regierung der großen Koalition.
2. Sie gehen dadurch koalitionsmäßig die Verpflichtung ein, der Reichsregierung mit allen Kräften zu helfen, die gegenwärtig schwebenden bedeutsamen politischen Aufgaben in gemeinsamer Arbeit zu lösen. Die koalitionsmäßige Bindung bedeutet nicht eine Festlegung der einzelnen Fraktionen ans Gesetzentwürfe in ihrer gegenwärtigen Gestalt. Vielmehr hat jede der fünf Fraktionen das Recht, ihre etwa abweichende politische Auffassung im Rahmen der gemeinsamen Koalittons- arbeit zur Geltung zu bringen mit dem Ziel, daß diese Versuche zu einer Einigung führen.
3. Um das in Ziffer 2 umschriebene Ziel zu erreichen, werden zwei Ausschüsse gctffbet: einer für die allgemein politischen Fragen und ein anderer für die zurzeit im Vordergrund stehenden Fragen des Haushalts und der Steuerpolitik.
4. Der erste Ausschuß tritt zusammen, sobald der Reichskanzler oder einer der Reichsminister oder eine der beteiligten Fraktionen es wünscht. Die fünf 'Fraktionen werden einer solchen Einladung entsprechen. Der zweite Ausschuß zur Beratung des Haushalts und der Gestaltung der Stenern tritt unter dem Vorsitz des Reichsministers der Finanzen sofort zusammen. Den fünf Fraktionen bleibt es unbenommen, sich in diesem Ausschuß neben den Fraktionsvorsitzenden durch Abgeordnete mit besonderen Fachkenntnissen auf Finanz- und wirtschaftspolitischem Gebiet vertreten zu lassen. Diesem Ausschuß liegt es ob, den Reichshaushaltsplan für das Rechnungsjahr 1929 für die Abstimmung im Reichstag entscheidungsreif zu machen. Die fünf Fraktionen sind einig in dem Bestreben, den Haushaltsplan für das Rechnungsjahr 1929 so sparsam wie möglich zu gestalten und werden zu diesem Zwecke durch Abstriche neue Steuern nach Möglichkeit zu vermeiden suchen. Den Ausschüssen werden auch die Vorschläge des Zentralvorstandes der Deutschen Volkspartei zur Prüfung überwiesen.
5. Die fünf Fraktionen sind sich darin einig, daß im Laufe des März ebenfalls der Nachttagsetat für 1928 und ein Notetat für die ersten Monate des Etatjahres 1929 vorgelegt werden müßen. Ebenso soll nach Erledigung des Reichshaushaltsplanes für 1929 durch den Reichsrat noch die erste Lesung dieses Haushaltsplanes noch int März im Reichstag stattfinden, damit den in der Ziffer 4 Ws. 2 erwähnten Ansschußberatungen die verhandlungstechnische Grundlage gegeben wird.
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In der „Germania" wird zum Scheitern der Verhandlungen ausgeführt: Die beiden der Leutchen Volkspartei zugehörenden Reichsmini' ter Sttefemann und Curtius haben offenbar in )er Formulierung des Kanzlers eine ausreichende Garantie erblickt; denn sie haben feinen Vorschlag gebilligt und waren demnach für ihren Teil der Meinung, daß auf seiner Grundlage auch für die Deutsche Volkspartei eine Beteiligung an der Koalitionsregierung möglich wäre. Im Gegensatz zu dieser Auffassung hat der Fraktionsführer Dr. Scholz auf der Forderung bestanden, daß vor der Bildung der Koalition eine völlige Klärung der Etat- und Steuerfragen erfolgen müsse. Wenn die Deutsche Volksparatei wirklich eine arbeitsfähige s ettmre9ierun9 schaffen wollte, dann gab es nur den Weg, den auch der Vorschlag des Kanzlers ge- "fen wollte: Erst Koalition und Interfraktioneller Ausschuß und bann Ausgleich ber finanzpolitischen Meinungen. Herr Scholz hat dies abgelehnt, und zwar unter solchen Umständen, die kaum noch einen Zweifel daran lassen, daß der Deutschen Volkspar- tti gegenwärtig ber ernste Wille fehlt, bie rrr$5re§t"cUnfl 3U sachlicher Arbeit und starker politischer Führung zu befähigen.
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Seit dem Reichsparteitag haben in den Instanzen der Leittrng ber Deutschen Zentrumspartei unausgesetzt Verhandlungen über die Wa hl- rechtsfrage und über Vorschläge zur Wahlrechtsreform stattgefunden. Inzwischen sind drei Vorschläge ausgearbeitet worden. Der geschäftsführende Vorstand hat sich mit den Vorschlägen des Generalsekretariats dieser Tage
beschäftigt und eine Kommission mit der weiteren Behandlung dieser wichtigen Angelegenheit beauftragt. Man erwartet, daß in etwa 14 Tagen diese Kommission dem geschäftsführenden Vorstand berichten kann, worauf dieser weitere Entschließungen fassen wird.
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Das Pensionskürzungsgesetz, das von der Wirtschaftspartei beantragt und von allen Reichstagsparteien außer den Deutschnationalen und Volksparteilern begrüßt worden ist, wird nach einer von dem zuständigen Ministerium erfolgten Mitteilung vorgelegt, sobald feste Regierungsver- hältnisse geschaffen sein werden.
Der Kanzler beim Reichspräsidenten.
totb. Berlin, 2. Februar. (Big. Meld.) Der Herr Reichskanzler berichtete heute vormittag dem Herrn Reichspräsidenten über seine Bemühungen, eine Regierung auf breiter Grundlage zu schaffen; nach den Verhandlungen mit den beteiligten Fraktionen habe er feststellen müssen, daß zur Zeit eine solche Umbildung der Reichsregierung nicht möglich ist. Der Reichskanzler schlug daher dem Herrn ReichspräsidenteiKvor, daß die Reichsregierung ohne Veränderung ihrer gegenwärtigen Zusammensetzung im Amt bleibe. Der Herr Reichspräsident stimmte diesem Vorschlag zu.
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Reichsministcr a. D. Külz hat, laut B. T., einen offenen Brief an den Reichskanzler gerichtet, in dem er ihn aufforbert, ein Ministerium eoentl. unter Heranziehung von Nicht parlamen- t a r i e r n zu bilden und mit ihm vor den Reichstag zu treten.
5lus den Parlamenten.
Reichstag.
Die Aussprache über Verfassungsreform, bie in der Reichstagssitzung am Freitag durch Ueberwei- sung des volksparteilichen Antrages an den Rechts- ausschuß ihren Abschluß fand, war merklich beeinflußt durch das mit ihr zusammenfallende Scheitern ber Verhanblungen über bie Bildung ber Großen Koalition. Die Redner ber Deutschnationalen, der Nationalsozialisten, Kommunisten und der Christlich-Nationalen Pauernpartei wollten _ von den Anträgen der Deutschen Volkspartei wenig wissen ,weil sie von der Weimarer Verfassung überhaupt nichts wissen wollen. Auch die übrigen Parteien hatten nicht viel übrig für den volksparteilichen Antrag. Sie meinten, er wäre ein ungeeignetes Mittel zur Abstellung der jetzigen Uebelftänbe. Bei dieser Debatte wurden auch allerlei Angriffe gegen bie Dolkspartei gerichtet. Im Rechtsausschuß wird die Aussprache fortgesetzt werden. In der Freitag-Sitzung wurde auch ein Gesetzentwurf angenommen, ber bie Stellung ber ä l t e r e n Ange st e l l t e n in ber Angestelltenversicherung verbessert. Die nächste Sitzung wirb erst am 13. März ftattfinben: Nachtragsetat für 1928 und Haushalt für 1929.
Im Reichstag legte aus Anlaß der Beratung des von ber Volkspartei eingebrachten Verfassungsänderungsantrags namens des Zentrums der Abgeordnete Dr. Bell den Standpunkt ber Reichstagsfraktion des Zentrums dar. Das Zentrum erklärte sich damit einverstanden, daß die Vorlage im Ausschuß beraten wird und es wird bei forgfamer Durchprüfung aller aufgeworfenen Probleme mitwirken und es auch seinerseits nicht an Verbesserungsvorschlägen fehlen lassen, bie zur wirklichen Gesundung ber parlamentarischen Verhältnisse führen. Vor allem hat Dr. B e l l namens des Zentnims sich gegen bie aus Popularitätshascherei immer wieder eingebrachten Anträge gewandt, an denen sich das Zentrum n i e beteiligt hat . Das Zentrum muß aber auch eine parlamentarische Arbeitsteilung ablehnen, bie letzten Endes dahingeht, baß andere unbekümmert um die Verantwortung solche Anträge stellen und man es dem Zentrum überläßt, für D e ck u n g zu sorgen.
Wir stellen ausdrücklich fest, daß während der Ausführungen des Abgeordneten Dr. Bell auch
nicht ein einziger Abgeordneter der Deutschen Volkspartei im Saale war. So „ernst" nimmt es also die Dolkspartei selber mit ihren parlamentarischen Aufgaben und insbesondere mit ihrem eigenen Antrag!
Landtag.
Der Preußische Landtag überwies in seiner Freitag-Sitzung zunächst das bei Ottmachau zu errichtende Staubecken nach kurzer Beratung dem Hauptausschuß. Er stimmte auch dem Antrag des Staatsministeriums auf Schaffung einer Holdinggesellschaft für bie staatlichen Elektrizität- und Bergwerksgesellschaften zu. Darauf wirb ber deutfchnationale Mißtrauensantrag gegen d en Innenminister Grzesinski beraten, wobei es zu stürmischen Tumulten kam. Dabei zogen sich die N a ti on a l s o z i al i st e n und Kommuni st en eine Anzahl Drbnungsrufe zu. Grzesinski antwortete auf bie Begrünbung bes Mißtrauensantrages in einer längeren Rebe, in der er bie Anständigen jeder Parteirichtung ermahnte, politifche Auseinandersetzungen nur mit g e i st i g e n Waffen auszutragen. Seine Rede wurde dauernd durch lärmende Zurufe ber extremen Oppositionsparteien unterbrochen. In ber Debatte ergab sich, daß außer ben Deutschnationalen auch bie Nationalsozialisten, bie Deutsche Fraktion, die Wirtschaftspartei und die Deutschs Volkspartei für den Mißtrauensantrag stimmen werden, der am nächsten Dienstag zur Entscheidung kommt. Die Kommunisten wollen sich der Stimme enthalten, weil ihnen die Begründung nicht zusagt. Das Haus beschloß noch die Aushebung der Immunität zweier nationalsozialistischen Abgeordneten und vertagte sich dann auf Samstag: zweite Lesung des Wohlfahrtsetats und Iustizhaushalt.
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Im preußischen Landtag nahm gelegentlich der Abstimmung über den von ben Kommunisten ein- gebrachten M'.ßtrauensantrag gegen den preußischen Innenminister der Zentrumsabgeordnete Dr. Schwering das Wott, um die Stellungnahme des Zentrums zu dem gesamten Bündewesen darzulegen. Den Mißtrauensantrag lehnt bas Zentrum äib Das Zentrum bedauert den politischen Mord. Es fei, so führte Steg. Schwering weiter aus, eine erschreckend große Reihe von Menschenleben, die dem politischen Kampfe in Deutschlandr-E er in den Kamofverbänden gepflegt werde, zum Opfer gefallen sei.
Die Zentrumsfraktion bringe erneut den Gedanken zum Ausdruck, daß sie das gesamte Bündewesen verwerfe, weil sie es für eine Gefahr für den L an de s frieden halte. Es habe die politischen Sitten ganz erheblich geschädigt und drohe immer wieder neue Menschenleben zu fordern. Besonders beklagenswert sei es, daß in diesem Falle ein Jugendlicher das Opfer der politischen Leidenschaft geworden fei. Wohin soll es noch führen, wenn selbst in die Jugend die Vergiftung politischer Sitten vorbringe. Steer was wir noch alles zu gewärtigen hätten, könne niemand sagen. Iedenfalles gebe die Haß- botfchaft des Stahlhelms trübe Aspekte. Es sei ihm interessant, daß der Herr Minister des In- nem festgestellt habe, die politischen Todesopfer entstammten fast alle ausgesprochenen Links- und Rechtsorganisationen. Man müsse in der Tat feststellen, daß das Reichsbanner viel weniger in diese unglückliche Atmosphäre hineingezogen wäre. Seine Partei halte das Reichsbanner für notwendig, solange bie Kamvforgani- sationen rechts und links sich nicht auflösten.
Steer daran lasse er, das sei die Ueberzeugnng seiner politischen Freunde, keinerlei Zweifel, daß es dem Frieden und der Volksgemeinschaft in Deutschland am meisten dienen würde, wenn die Gesamtheit der Verbände aus dem politischen Leben verschwinden würde.
Der Kampf um die Zukunft des deutschen Volkes müsse mit Ideen und nicht mit Kraft- me t c r t u m und der Faust ausgefochten werden. Und diesen Kampf der Geister scheue die Republik nicht, im Gegenteil, sie freue sich auf die geistige Auseinandersetzung, da sie sich in ihrer gesamten inneren Drganifation als ein gutes staatliches Ge-
Worum geht es in der Finanzpolitik?
Aus den Kreisen der Reichstagsfraktion des Zentrums wird uns geschrieben:
Die Zentrumspartei hat schon vor einigen Wochen die Notwendigkeit betont, Abstreichungen an den Ausgaben des Etats für 1929 vorzunehmen. Gänge Zeit darauf wurden vornehmlich von der Deutschen Volkspartei und von demokratischer Seite die gleichen Forderungen erhoben. Im Zusammenhang mit den politischen Verhandlungen ist nun der Augenblick da, wo man einmal die Finanzprobleme in ihrer Gesamtheit öffentlich zur Diskussion stellen muß. Forderungen, die von einander losgelöst erhoben werden, sind nur geeignet, in der Oeffentlichkeit falsche Auffassungen herbeizuführen. Nur wenn man alle Fragen zusammen betrachtet, kann man zu einer positiven Kritik des Haushaltsplanes und der Deckungsvorlage der Reichsregierung kommen. Es ergeben sich dabei im einzelnen folgende Gesichtspunkte:
1. Notwendigkeit von erheblichen Streichungen an ben vorgeschlagenen Ausgaben, auch beim SB e b r e t a t;
2. Ablösung von Vorschlägen und Verhütung von Maßnahmen, bie mittelbar ober unmittelbar in Ländern und Gemeinden eine Erhöhung der Real steuern zwangsläufig zur Folge haben. Eine Steigerung ber Realsteuerlasten ist für Landwirtschaft und Mittelstand in jeder Form unerträglich.
3. Finanzielle Sicherung des Wohnung s b au e s, vor allem nach der Richtung hin, daß nicht Gelder öffentlicher Institute, die nor- malerweise für erste Hypotheken zur Verfügung stehen, restlos zur Deckung von öffentlichen Ausgaben verwendet werden und fo eine große Arbeitslosigkeit für das ganze Jahr herbeigeführi wird.
4. Entlastung der Knappschaft durch Dsreitstel- lung von öffentlichen Mitteln, um so die Konkurrenzfähigkeit des deutschen Bergbaues gegenüber dem Auslande aufrechtzuerhalten.
5. Sicherung derfinanziellenLage der Arbeitslosenversicherung, die nach Schätzung in verhältnismäßig kurzer Zeit vor einem großen Defizit stehen wird.
6. Vorbereitung ber Reform und Senkung de: landwirtschaftlichen Besteuerung durch sofortige Zusammenberufung des von der Zentrumspartei im Sommer bereits beantragten Sachverständigenausschusses.
Die hier dargelegten Forderungen und Hinweise werden genügen, die ganze Schwere des Problems der öffentlichen Finanzwirtschaft klarzulegen und die Diskussion auf konkrete Vorschläge hinzuleiten, die in allernächster Zeit zu praktischen Maßnabmen führen müssen.